Markus Kupferblum: Winterreise – ein Gewaltmarsch

November 7, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schlüterwerke vereinen Schubert mit Miklós Radnóti

Bild: Markus Kupferblum

Bild: Markus Kupferblum

Die Gedichte von Wilhelm Müller, die Franz Schubert für seinen Zyklus „Winterreise“ 1827 vertont hat – in Müllers Todesjahr und einem Jahr vor seinem eigenen Tod -, zeichnen ein einsames Bild eines Menschen, der sich nach Wärme sehnt. Er ist isoliert in seiner unverstandenen Sehnsucht nach einem blühenden Leben, das unter einer dicken Eisschicht verborgen liegt. Sicherlich ist es auch die Erfahrung Müllers als Soldat im Krieg gegen Napoleon, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte, die man aus diesen Gedichten herausliest. Theatermacher Markus Kupferblum vereint Müllers Lyrik mit der grausamen Dimension eines Gewaltmarsches, die  durch die Gedichte von Miklós Radnóti erfahrbar gemachen werden. Der ungarische Dichter kam bei einem solchen 1944 durch einen Genickschuß ums Leben, da er zu schwach war, weiterzugehen. Seine Leiche wurde aus einem Massengrab exhumiert. Bei dieser Gelegenheit fand man in der Innentasche seiner Jacke seine Gedichte.

Erschreckend ist es, wie passend sich’s zusammenfügt: Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück. Die Angst über den Tod im Graben, die Erkenntnis, dass die Heimat in Rauch aufgeht – und keine Heimkehr mehr. Einsam bin ich ausgezogen … Müllers Worte, oft genug von Baritonen verknödelt, werden hier auch rezitiert. Mitunter im Dialekt. Da merkt man erst die Kraft, die in den Worten steckt. Und manchmal merkt man nicht mehr, was Müller, was Radnóti ist. Von Bombenwurf, Panzerkraft, Fliegeralarm wusste Müller noch nichts. „Geduld bringt jetzt die Rose Tod hervor“, hat Radnóti aufgeschrieben. Der Wandersmann wandert ins Jenseits.

Eine großartige Truppe interpretierte diesen Abend nun im Brick 5. Tritt nicht einer als Protagonist hervor, tragen sie Masken. Sind eine gesichtslose Masse. Man kann nur den zu Tode quälen, den man nur noch als Objekt wahrnimmt. Die Verfremdung mit den weißen Larven verleiht dem Spiel eine ungeahnte Intensität. Mit oder ohne stellen die Schauspieler fabelhaft gut Hoffen und Bangen, Verzweiflung und Lebenswillen, Wut und Trauer dar. Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah. Erzählen sie mit ihren heißen Tränen. Nein, erzählen sie nicht, denn die sechs Akteure sind Universalkünstler, agieren wie Andrea Köhler und Stephanie Schmiderer als Schauspieler. Sind wie Ulla Pilz – sie am intensivsten – und Ingala Fortagne auch Sopranistinnen, die, begleitet am Klavier von Donka Angatscheva, den Mannsgesang ein weiteres Mal verfremden. Sind wie Béla Bufe und Katharina Weinhuber Tänzer, die Eros feiern, um Thanatos noch eine kurze Weltenweile abzuringen.

Wie in des Apfels Kernhaus der braune Kern, so schwoll
bis jetzt in meinem Herzen all der geheime Groll,
ich wußte, ein Schwert-Engel geht mit in meinem Rücken,
paßt auf und schützt mich notfalls vor Widrigkeit und Tücken.
Wer eines wilden Morgens jedoch erwacht darüber,
daß alles eingestürzt ist, sich aufmacht wie ein trüber
Spuk, weg von seinem Krimskram, und ist mehr nackt als nicht,
in dessen schönem Herzen mit leichten Sohlen bricht
nachdenklich, reif und wortkarg die Demut auf, geläutert,
empört er sich und meutert, dann nicht mehr seinetwegen,
dem Fernglanz freier Zukunft eilt er nun schon entgegen.

Ich hatte nichts, und nichts mehr wird mir gehören, kein
Besitz, im reichen Leben ein Weilchen Träumer sein
genüge, hier, nicht Zorn mehr, nicht Rache fällt mir ein,
wird mein Gedicht verboten, – doch wird aus neuem Stein
die neue Welt, ihr klingt dann im Fundament mein Wort,
was hinter mir liegt, lebe ich schon inwendig fort,
ich schaue nicht mehr rückwärts, wohl wissend, mich behütet
kein Blick zurück, kein Zauber, – ein Unheilsmittel brütet
ob mir, winkt ab, Freund, kehr mir den Rücken, sieh nicht her.
Jetzt ist, wo einst Engel mit dem Schwert stand,
vielleicht gar niemand mehr.

Miklós Radnóti , 30. April 1944

Lange nachdem der Schlussapplaus verklungen war, blieben die Zuschauer noch sitzen. Es braucht Kraft, zu gehen.

Nächster Termin: 8. 11., Kloster Und bei Krems, 19.30 Uhr. Da die Schlüterwerke vollkommen ohne öffentliche Förderung arbeiten, gilt das „Schlüterprinzip“: Sie spielen nur an Orten, die kostenlos zur Verfügung stehen, die Produktionskosten werden so gering wie möglich gehalten, das Publikum zahlt so viel es sich leisten kann und das Team teilt das Geld an der Abendkasse zu gleichen Teilen unter den hervorragenden Künstlern auf.

www.schlüterwerke.at

www.kupferblum.com

Wien, 7. 11. 2014