Rabenhof: Grissemann, Stermann & Oliver Welter

November 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Für die Eltern was Perverses

Christoph Grissemann, Dirk Stermann, Oliver Welter Bild: (c) Udo Leitner

Christoph Grissemann, Dirk Stermann, Oliver Welter
Bild: (c) Udo Leitner

Hätten (statt Ariadne) Stermann und Grissemann dem Helden Theseus den Faden ins Labyrinth mitgegeben, er hätte den Minotauros – weil: Faden längst gerissen – nur totlachen können. Die Symbionten Ster-/Grissemann (Wirt gibt’s da keinen, außer zum Einkehren) suchen erst gar nicht nach dem roten, greifen keinen auf, das wäre doch bitte belangloses Allerwelts-Kabarett. In ihrem neuen Programm „Für die Eltern was Perverses“ bieten die ORF-Nachtler ohne Tiefgang High-End-Nonsense, also tatsächlich Un-Sinn,was insoferne Sinn macht, als man ja wahnwitzsinnig intellektuell ist. Jeder Satz einBrüllergehirndurchwühler.

Und so treten sie auf: In ihren beiden Wohnungen, meist nur in Telefonkontakt, Grissemann als weißgeschminkter Pantomime im schwarzen Ganzkörperkondom (nicht pervers genug für Mutti, aber der verehrte René Pollesch meinte einmal in einem Interview mit mir: „Erst brauch‘ ich einen fetzigen Titel, damit die Leute Karten kaufen. Was im Stück vorkommt, überlege ich mir später“), Stermann in Trachtenlederhose. Und getreu der Zeile  „Zurück! du rettest den Freund nicht mehr!“ muss „Naked Lunch“-Frontman Oliver Welter als Dritter im Bunde, als rauchender, trinkender, masturbierender, zynischer  menschlicher Plattenspieler namens „Hercules Carantanum 2000“ fungieren. Er ist mit seiner mitgebrachten Gabalier-CD „Triumph des Chillens“ das Highlight des Abends. Spielt was aufgetragen wird – interessant, wie viele im Publikum bei der ersten Silbe losjohlen, während man selbst Helene Fischers „Aaaatemlos“ erst am Refrain erkannt hat – verweigert aber volksdümmliche Musik, und intoniert „Wind of change“. Sofort Geld zurück! Klaus Meine wird jetzt mindestens bis übers Wochenende in meinem Kopf herumpfeifen.

Ja, es gibt zwei, drei Themen an denen man sich festhalten kann. Stermanns Kindheit als des Pudels Kern. Er beginnt seinen Kinderkalvarienberganstieg auch mit Blondperücke (Sias „Chandelier“ www.youtube.com/watch?v=2vjPBrBU-TM) großartig! Während Grissemann seine Lebensspenderin Jahr um Jahr auf ihre Echtheit prüfen lässt – Tests, die sie beinah umbringen. Selten waren zwei so als Antichristenmuttersöhnchen zu bestaunen, samt Alkohol- und Herzproblemen, die die Familienaufstellung erst beenden, als es um das Muttertagsgeschenk – man spielt das Programm ja noch im Mai – geht. Hamster mit Haushaltsschere im Arsch? Das wäre was Putziges und was Praktisches. Es braucht eh keiner Erwähnung, dass alle Körperausscheidungen in den Text eingebunden sind.

Vierter Hauptdarsteller des Abend ist eine Leinwand, großes Kino für zwei, denn das obligate TV-Bashing muss sein. Wunderbar Stermann als Toni Spira, der mit dem Pantomimen Grissemann „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ dreht: „Hauptsach‘ is, sie sauft. Weu Sex wü i eh kan mehr.“ Fabelhaft die geteilte Vorführfläche: David Beckham präsentiert seine Unterbuxe www.youtube.com/watch?v=FuqXjF0jQ28, daneben sexy Grissemann ebenso – mit Banane. „Danke, Wasserkraft“ darf auch nicht fehlen. Selbstironie ist was für Könner. Aber der Clou: Christoph Waltz (Grissemann) arbeitet im Hotelzimmer mit Michael Haneke (Stermann) an seiner Oscarrede: „Wannst no amoi den Namen von dem Proleten Tarantino sogst, schiaß‘ i das G’sicht weg.“ – „Aber – das – ist – doch – mein- Kapital -!“ Kann man daraus bitte einen abendfüllenden Film machen?

Am Ende ist kein Licht im Tunnel. Man hat die Magie, den Mehrwert, von metaphysischem Schaudern erfahren. Man weiß nun, dass der Mix von Wagners „Tannhäuser“ und Tschaikowskis „Nussknacker“ zu „Ich kack im Tann“ (Welter, sollte sich demnächst DER Welter nennen) führt. Man hat sich – apropos: Körpersäfte – ang’ludelt vor Lachen. Herz, was willst du mehr Hetz?

www.rabenhoftheater.com

Wien, 6. 11. 2014