Gert Voss in seiner letzten Kinorolle

November 5, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Labyrinth des Schweigens

Alexander Fehling Bild: © CWP Film/ Universal Pictures/ Heike Ulrich

Alexander Fehling
Bild: © CWP Film/ Universal Pictures/ Heike Ulrich

Ende der Woche startet ein Film über ein wichtiges Stück Zeitgeschichte: Regiedebütant Giulio Ricciarelli erzählt – basierend auf den wahren Begebenheiten – vom schwierigen Zustandekommen der Auschwitzprozesse, die erst 1963 begannen. Ricciarelli wirft einen ganz eigenen, besonderen Blick auf das Lebensgefühl der Wirtschaftswunderjahre – die Zeit von Petticoat und Rock’n Roll, in der die Menschen Vergangenes vergessen und lieber nach vorne blicken wollten. Das schamhafte Verdrängen und Verschweigen des Holocausts sind kennzeichnend für die frühen Jahre der Adenauer-Regierung. Da gibt es beispielsweise eine unglauliche Szene, die im Gebäude der Staatsanwaltschaft Frankfurt spielt. Ein Jurist behauptet, „die Leute auf der Straße“ hätten nie von Auschwitz gehört. Zufällig wählt er ein paar Aktenträger aus und – keiner weiß was. Oder will was wissen …

Deutschland 1958 – Wiederaufbau, Wirtschaftswunder. Johann Radmann (Alexander Fehling) ist seit Kurzem Staatsanwalt und muss sich wie alle Neulinge um Verkehrsdelikte kümmern. Als der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) im Gerichtsgebäude für Aufruhr sorgt, wird er hellhörig: Ein Freund Gnielkas hat einen Lehrer als ehemaligen Auschwitz-Wärter erkannt, doch niemand will seine Anzeige aufnehmen. Gegen den Willen seiner direkten Vorgesetzten beginnt Radmann sich mit dem Fall zu beschäftigen – und stößt auf ein Geflecht aus Verdrängung, Verleugnung und Verklärung. Nur Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss, diese Rolle ein Beleg mehr, wie sehr er fehlt) unterstützt seine Neugier, er selbst möchte die dort begangenen Verbrechen seit Langem an die Öffentlichkeit bringen, für eine Anklage fehlen ihm jedoch die Beweise. Als Johann Radmann und Thomas Gnielka Unterlagen finden, die zu den Tätern führen, erkennt Bauer sofort deren Brisanz – und beauftragt Radmann offiziell mit der Leitung weiterer Ermittlungen. Der stürzt sich nun vollends in seine neue Aufgabe und setzt alles daran, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Er befragt Zeugen, durchforstet Akten, sichert Beweise und lässt sich so sehr in den Fall hineinziehen, dass er für alles andere blind wird – selbst für Marlene Wondrak (Friederike Becht), in die er sich gerade erst Hals über Kopf verliebt hat. Johann Radmann überschreitet Kompetenzen, überwirft sich mit Freunden, Kollegen und Verbündeten und gerät auf seiner Suche nach der Wahrheit immer tiefer in ein Labyrinth aus Schuld und Lügen. Doch was er schließlich ans Licht bringt, wird das Land für immer verändern ..

Emotional,  packend, aufwühlend rekonstruiert der Film ein fast unbekanntes Kapitel dieser Jahre, das aber den Umgang mit der eigenen Vergangenheit grundlegend veränderte. Eine fesselnde Geschichte über Mut, Verantwortung und den Kampf um Gerechtigkeit. Übrigens: Wie der „Spiegel“ kürzlich in einer Titelgeschichte schrieb, beträgt der Anteil der SS-Angehörigen, die in Deutschland (BRD) verurteilt wurden, 0,48 %.

In weiteren Rollen sind Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow und Robert Hunger-Bühler zu sehen.

www.imlabyrinth-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=I4sYpRbeTAM&list=PL91B6CC8769B413C9?autohide=2?showinfo=0?wmode=transparent

www.imlabyrinth-film.de/literatur : „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“ und „Als Kindersoldat in Auschwitz. Die Geschichte einer Klasse von Thomas Gnielka“

Wien, 5. 11. 2014