Wien Museum: Ich bin ich

November 4, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mira Lobe und Susi Weigel wärmen

nicht nur Kinderherzen

Ich_bin_ich_Pressefoto_01Die Mitzi Oma und ich, wir haben sie alle gebastelt: das kleine Ich-bin-ich, den Bimbuli. Aus Vaters stoffenen Schneuztüchln, der darob eher mäßig begeistert war. Aber: Meine Omama war keine im Apfelbaum, sondern eine mit Schere, Schneiderkreide, Zwirn und Faden – und dagegen hatte Vaters „Habt’s ihr schon wieder eines von meinen …“ keine Chance. Eine Ich-bin-ich bin ich übrigens bis heute geblieben.

Das erfolgreichste Duo der österreichischen Kinderbuchliteratur steht ab 6. November im Mittelpunkt einer Ausstellung im Wien Museum, die für Kinder wie für Erwachsene konzipiert ist. Mira Lobe (1913 – 1995) zählt zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts, insgesamt veröffentlichte sie an die 100 Bücher, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Aus Lobes kongenialer Wort-Bild-Partnerschaft mit der Illustratorin Susi Weigel (1914 – 1990), die heuer 100 Jahre alt geworden wäre, entstanden 45 Bücher und viele Fortsetzungsgeschichten. Allein die Titel lösen bei Generationen von (Vor-)Leserinnen und Lesern vielfältige Assoziationen aus: „Das kleine Ich bin ich“, „Die Omama im Apfelbaum“, „Die Geggis“. Faszinierend ist das Material aus den Nachlässen der beiden Künstlerinnen, darunter Entwurfszeichnungen und experimentelle Collagen von Susi Weigel oder ihre originale „Ich bin ich“-Figur aus Stoff und Zwirn. Die Schau erlaubt spannende Einblicke in die Arbeitsweise von Lobe und Weigel. Vor dem Hintergrund ihrer Biografien erschließen sich auch Zusammenhänge der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
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„Ich möchte wissen, wer ich bin“. So fragt das ratlose, namenlose Etwas, um sich am Ende der Geschichte als selbstbewusstes Wesen zu entdecken: „Sicherlich gibt es mich: ICH BIN ICH!“ Immer wieder geht es in Lobes und Weigels Büchern darum, Kindern Ängste zu nehmen und sie zur Eigenständigkeit zu ermutigen. Ohne pädagogischen Zeigefinger und stets auf der Seite der Kinder stehend, vermitteln die Geschichten darüber hinaus Werte wie Toleranz, Solidarität mit Ausgegrenzten und Veränderungswillen. Die Ausstellung „übersetzt“ das kreative Potenzial der Kinderbücher mit spielerischen Elementen und überraschenden Inszenierungen. Kinder dürfen in der Ausstellung
schaukeln und sind eingeladen, frei nach Susi Weigel Bilder zu reißen und an der Wand aus den Schnipseln Collagen zu gestalten. Auch eine „Buchstabenkiste“ steht bereit. Einige Bereiche sind nur für Kinder zugänglich: Hier können sie Geschichten von Mira Lobe hören, gelesen von Cornelius Obonya.
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Zu Mira Lobe:
Hilde Mirjam Rosenthal: Unter diesem Namen wurde Mira Lobe 1913 in Görlitz (Sachsen) geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen, jüdischen und sehr sozial eingestellten Familie auf. Über ihre wohlbehütete Kindheit meinte Lobe nur, sie sei „durchaus normal“ gewesen. Zur Sozialistischen Arbeiterjugend zog sie ihr Mitleid für Schwächere: „Ich neig` zu Schuldgefühlen, nicht? Und ich hatte irgendein Schuldgefühl, dass es mir so gut ging und dass ich wusste, anderen geht es weniger gut.“ Der Traum vom Studium („Architektur, Germanistik oder Kunstgeschichte“) und vom Journalistenberuf konnte sich Lobe nicht erfüllen, stattdessen besuchte sie in Berlin eine Textil- und Modeschule, ehe ihre Familie 1936 vor den Nazis nach Palästina flüchten musste. Dort heiratete sie den um 24 Jahre älteren Regisseur und Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder (Claudia, *1943, und Reinhardt, *1947) hatte. Das anfängliche „Glücksgefühl“ über die Rettung ins Exil wich jedoch bald der Ernüchterung: Zur Sprachbarriere kam die Skepsis gegenüber dem Staat Israel und dem religiösen Judentum. Ihr erstes Buch veröffentlichte Lobe 1947 allerdings auf Hebräisch – „I-Hajeladim“ (Die Kinder-Insel) wurde später in einer veränderten Fassung auf Deutsch unter dem Titel „Insu-Pu“ publiziert. Als Friedrich Lobe 1950 ein Engagement am Wiener Scala-Theater angeboten bekam, übersiedelte die Familie nach Österreich. Schon bald wurde Mira Lobe eine der erfolgreichsten Autorinnen der kommunistischen Kinderzeitung „Unsere Zeitung“, wo sie erstmals mit der dort beschäftigten Zeichnerin Susi Weigel zusammentraf. Als wesentlicher Förderer erwies sich Hans Goldschmidt, der nach dem Tod von Lobes erstem Mann ihr Lebensgefährte wurde. Goldschmidt war Leiter des KP-nahen „Schönbrunn“-Verlags, der die ersten Lobe/Weigel-Kinderbücher veröffentlichte (Der Tiergarten reißt aus!, 1953; Der Bäbu. Die Sieben vom Bärenbund, 1954; Bärli Hupf, 1957), die weiteren Titel erschienen meist im Jungbrunnen-Verlag oder bei Jugend  & Volk. Für „Titi im Urwald“ erhielt Lobe bereits 1958 den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, unzählige weitere Ehrungen und Preise folgten im Laufe ihrer Karriere, die Ende der 60er-Jahre ihren Höhepunkt erreichte: Nach Titeln wie „Bimbulli“ (1964) und „Die Omama im Apfelbaum“ (1965) folgte 1972 „Das kleine Ich bin ich“, ein „Jahrhundertwerk“, das sich bis heute eine Million Mal verkauft hat. Politisch war Lobe „links“, doch nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 trat sie aus der KPÖ aus. Für die sozialdemokratischen Reformen ab den 70er Jahren hegte sie Sympathien. Lobe publizierte bis ins hohe Alter und blieb sich dabei thematisch treu: So entstanden immer wieder Geschichten mit vermeintlichen Außenseitern und deren Integration in die Gemeinschaft.

Zur Ausstellung:
Die Ausstellung teilt sich räumlich und thematisch in vier Bereiche, die ausgewählte Aspekte von Lobe und Weigel in den Fokus stellen. Der Ausstellungsteil „Sehnsuchtsort“ thematisiert die „Utopien des Alltags“, die in Büchern wie „Bärli Hupf“ (1957), „Eli Elefant“ (1967), „Komm, sagte die Katze“ (1975) oder „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ (1981) eine Rolle spielen. Es geht um die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten von Lebensumständen,  oft im Zuge von abenteuerlichen und manchmal bloß fiktiven Reisen. Um Gerechtigkeit, Gemeinsamkeit und Solidarität mit anderen geht es im Themenbereich „Gemeindebau“. Das nicht immer einfache Zusammenleben mit Nachbarn und soziale Unterschiede bestimmen viele Lobe-Bücher, in denen gegenseitige Hilfe und Aufmerksamkeit gegenüber den anderen angesprochen wird. Der dritte Ausstellungsteil nennt sich „Freiraum“ und widmet sich dem Verhältnis von Lobe zu Susi Weigel. Der akribische, fordernde, aber von gegenseitigem Respekt geprägte Arbeitsprozess wird anhand von Entwürfen und Korrespondenz sichtbar, die Arbeitsteilung war gleichberechtigt – so wie übrigens auch das Honorar. Im „Umspannwerk“ (nach einem Begriff von Mira Lobe) geht es um die Übersetzung von brisanten Themen in Text und Bild, ohne zu pädagogisieren oder banal zu werden. Die Kunst Lobes (und ihrer MitstreiterInnen) bestand auch darin, für die unterschiedlichsten politischen Lager – von den Kommunisten bis zur katholischen Kirche – zugänglich zu sein, und das trotz der immer wiederkehrenden Verbotsüberschreitungen ihrer ProtagonistInnen.

Und dann gibt es noch einen fünften Bereich nur für Erwachsene. Der ist im Kopf. Und heißt: Augen zu, zurücklehnen und einmal noch von der Kindheit träumen.

www.wienmuseum.at

Wien, 4. 11. 2014