Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

November 4, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Böse bei den Bauernhöfen

337991586_af068d910fNormalerweise lese ich Danksagungen am Ende eines Buches nicht. Diese hier sind allerdings aufschlussreich. Neil Gaiman dankt seinen Eltern, seiner Schwester und den Nachbarn, dass er sie sich fürs Schreiben „ausborgen“ durfte, auch wenn die Romanfiguren natürlich nichts mit ihnen zu tun haben. Die Landschaft aber schon. „Der Ozean am Ende der Straße“ beginnt mit einer Beerdigung und endet mit einer Selbstaufopferung. Der Ich-Erzähler, gerade noch Grabredner, kehrt zu jenem Bauernhof der Hempstocks -Großmutter, Mutter, Lettie – zurück, wo er als Siebenjähriger seine wunder- und grausamsten Erfahrungen gemacht hat. Wieder einmal reißt Gaiman das dünne Stück Tapete von der angenommenen Wirklichkeit, um zu zeigen, was auf der anderen Seite, der Seite der Mythen und Legenden, ist. Der Ich-Bub stolpert tollpatschig in eine Geschichte, so seltsam, so beängstigend, so gefährlich, dass sie seinen Verstand weit übersteigt.

Denn da sind Wesen. Ein Wurm, den er sich im Wald eintritt, der zum von Donner und Blitz begleiteten Flattermonster wird, schließlich zu Ichs sexy Kinderfrau, die den Vater anleitet, seinen Sohn beinah in der Badewanne zu ertränken. Da sind Schattenvögel, die ein großes Nichts hinterlassende Löcher in Himmel und Erde reißen. Und da ist selbstverständlich niemand, der ihm glaubt. Außer den Hempstocks. Auch sie sind nämlich aus dieser anderen Welt, jenseits des Ozeans am Ende der Straße, den alle Erwachsenen für einen Ententeich halten. Sie haben das Portal zu Zeit und Raum geöffnet, das das Böse zu den Bauernhöfen gebracht hat. Nichts ist, was es auf den ersten Blick scheint. Ist Oma Hempstock wirklich der Mond? Jedenfalls ist sie mächtig; ihr gehorcht alles und jeder. Die Geschichte geht nicht so gut aus. Lettie rettet Ich vor den Schattenvögeln und wird dabei so schwer verletzt, dass sie vielleicht Jahrhunderte im Ozean heilen muss. Da wacht der erwachsene Ich-Erzähler auf der Bank vor dem Ententeich auf. Ein Traum? Nein, denn Mutter und Großmutter Hempstock, nicht gealtert, immer gleich, bringen ihm Milch und Brot – und Grüße von Lettie aus dem Ozean …

Gaiman ist es gelungen einen Schauerroman in bester Tradition derer aus dem 19. Jahrhundert zu schreiben. Poetisch und voller Liebe schildert er seine braven Protagonisten, die bösen sind dieses überlebensgroß. Raffiniert lässt einem der Autor das Surreale als Realität erscheinen – mit dem Grauen-Grusel-Gänsehaut-Moment, dass die Bedrohung von außen in die Familiengeschichte des Buben eindringt. Fast ist man versucht, unterm eigenen Bett nachzusehen, ob sich dort sicher kein Butzemann versteckt hat. Was mehr an Verzauberung kann man sich von einem Fantasy-Roman wünschen?

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße. 238 Seiten. Übersetzt von Hannes Riffel. Eichborn Verlag.

Zum Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als zwanzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Buch- und Comicszene verliehen wird. Gaiman schrieb eine Vielzahl von Comics für mehrere Verlage. Am bekanntesten wurde seine Serie „Sandman“, deren Protagonist Morpheus der Herrscher des Traumreichs ist. Die 1988 gestartete Serie fand sofort großen Anklang und wurde nach acht erfolgreichen Jahren 1996 eingestellt, allerdings nicht wegen nachlassenden Publikuminteresses, sondern weil Gaiman seine Geschichte zu Ende erzählt hatte. Alle 75 Einzelausgaben wurden nach Abschluss der Serie als zehnbändige Sammlung veröffentlicht. 1992 zog Gaiman, Vater von drei Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts. Hier entstanden seine ersten Romane, darunter „American Gods“ mit dem sich Gaiman endgültig als Romanautor etablierte.

TIPP: Gaiman-Einsteigern sei „American Gods“ empfohlen. Zentrale These des Buches ist, dass Götter und mythische Kreaturen nur deshalb existieren, weil Menschen an sie glauben. Die Immigranten brachten also Zwerge, Elfen und unzählige andere Geister oder Götter mit nach Amerika. Mit der Zeit und mit dem schwindenden Glauben der Menschen schwand auch die Macht dieser mythischen Wesen. Andere, jüngere Götter erhoben sich aus dem Bewusstsein des Volkes: Die Medien, neue Technologien, Drogen und nicht zuletzt der Kapitalmarkt. Von der erbitterten Konkurrenz zwischen neuen und alten Göttern berichtet dieses Buch. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Shadow, einem ebenso mysteriösen wie schweigsamen Protagonisten. Er trifft auf Mr. Wednesday, der sich recht bald als Trickbetrüger outet – und: Wotanstag – natürlich Wotan ist. Schon ist Shadow in die Abenteuer der Götter verstrickt (die Königin von Saba arbeitet als Dirne und hält sich jung und schön, indem sie beim Sex die Freier in sich hineinsaugt), denn Wotan, der afrikanische Spinnengott Anansi, Thoth, Anubis und Bastet, die Nornen und Ostara und viele mehr wollen zu einem letzten Entscheidungskampf antreten. Weil: Ein Gott, den die Menschen vergessen haben, landet verstaubt in einer uralten Museumshalle. Doch Vorsicht vor Wotan: Er hat noch Loki in der Hinterhand …

www.luebbe.de/Eichborn/1/10

www.neilgaiman.com

Wien, 4. 11. 2014