Schauspielhaus Wien: Als ich einmal tot war …

Oktober 23, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam

Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Uuuund der erste Preis für den längsten Stücktitel des Jahres geht an: Daniel Mezger. Weitere Auszeichnungen müssen folgen, denn was Steffen Höld und sein Regisseur und Live-Gitarrist Klemens Gindl im Nachbarhaus des Schauspielhaus Wien abgehen lassen, ist einfach nur geil. Ja, zugegeben, das hat auch mit ein paar Teenie-Erinnerungen zu tun, gehörten doch „People are People“ und „Master and Servant“ zu den ersten Clips, die in Österreich auf MTV zu sehen waren (den weißen Fake Fur mit den Lichtern will ich, nebenbei bemerkt, haben, liebe Anna Panzenberger, wenn ihr einmal Fundusflohmarkt machen solltet 😉 Gut, sie haben immer Music for the Masses gemacht, und in manchen Phasen ihres Schaffens war es besser to Enjoy the Silence. Aber was waren wir verliebt in den blondgelockten Engel Martin, immer ein sanftes Lächeln auf den Lippen, immer in eine erotische Mischung aus schwarzer Spitze und Leder gehüllt. Und daneben ein volltätowierter Gruftie, der sich ins Mikro basste. Aber, Dave, konnten wir ahnen, dass dich das zu Your own Personal Jesus macht? Ein Song, so gut, dass er von Johnny Cash gecovert wurde …

Da steht er nun also, Steffen Höld als Dave Gahan und hat gleich mehrere Pläne nicht. Heißt: überhaupt keinen Plan. Das kann einem schon passieren, wenn man sich 1995 die Pulsadern aufgeschnitten, 1996 einen Speedball gespritzt hat und deshalb zwei Minuten klinisch tot war und stolz !!! darauf ist – und einem 2009 ein bösartiger Blasentumor entfernt wurde. Dabei war der Plan damals, daheim in Basildon, ganz einfach: Rockstar werden und sich dann eine Kugel in den Kopf schießen. Statt dessen: ewige Diskussionen mit Martin Gore über Synthesizer vs Stromgitarre. Die Chance auf Aufnahme in den Club 27 verpasst, schöner Mist. Und dabei geht’s nicht einmal nur um Jimi, Jim und Janis. Nein, Kurt Cobain hat sich erschossen! Da kann einen mit 52 doch nur der Neid fressen. „Das war mein Ding!“, schreit Höld/Gahan ins Mikrophon. Und dann kommt dieser Scheiß-Grunger mit seinen Jesushaaren und glaubt, er kann sich alles erlauben. Sorry, aber man muss lachen. Da fehlt nur noch der Selfieschussapparat. Mezgers großartig witziger Text ist eine einzige Satire auf die Rockreichen und -schönen. Und der fabelhafte Höld trägt die Story, im berühmten Ruderleiberl oder im Sakko oder eingehüllt in einen „Pelz“mantel aus Egomanie und Allüren, hat sich Gahans große Bühnengesten nicht abgeschaut, sondern anverwandelt, geht auch einmal durch die Reihen seiner Fans, die ganze Zeit mit der Nervosität eines Rennpferds, und hat eine neue Disziplin erfunden: albquatschen.

Diesen Erguss – ein anderer kommt nämlich nicht, so sehr sie sich auch abmüht – muss Britney Spears über sich ergehen lassen. Die hat Gahan vor einem Club getroffen oder ist bei ihr oder bei sich zu Hause. Ist 1996 oder jetzt. Ist jenseits von Zeit und Raum und Wie und Warum. Leckt sich seine Wunden wie es der Zusammenhang tut, der ihm zu seinem Leben fehlt. „Wo war ich?“, ist der so bildhaft wie buchstäblich gemeinte Refrain des Stücks. Aber: Gahan hat aus der 27er-Sache eine Lehre gezogen: „Wir Großen sterben nicht.“ Umso größer ist die Leere rundherum. Könnte man sich nicht an zwei Themen abarbeiten: Martin „Mastermind“, der alles hat und alles besser kann, dieser Perversling. Höld gestaltet herrliche Zwiegespräche zwischen dem lakonischen Intellektuellen und der exaltierten Rampensau. Und den Zwei-Minuten-Tod. Aus dem einen Dr. House persönlich ins Diesseits zurückholte. Die schönste Stelle des Stücks – zumindest für unsereinen – ist ein Press Junket, an dem von Times bis taz alle teilnehmen, nur um über Nahtoderfahrungen und ähnlichen Pofel zu reden – „Hast du ein Licht gesehen?“ Dann kommt die nächste Journalistengruppe rein, erster Satz: „Dave, wie geht es dir?“ – „Also, nachdem ich ja zwei Minuten klinisch tot war …“ Bravo, genau so ist es! Alles schon selbst durchlitten. Fremdschämen statt sinnvoll-künstlerische Fragen stellen.

Während Höld/Gahan lustvoll an seinem selbstgezimmerten imaginären Kreuz hängt, erzählt Britney von ihren biederen Haus-mit-Vorgarten-Wünschen, von ihrer Sehnsucht nach einem normalen Leben. Dazu hätte er zu viele Tattoos, meint Gahan. Und geht ab. Wenn er beim nächsten Konzert wieder über den trottelig in seinen Gottespfaden herumlungernden Fletch (alias Andrew Fletcher) fällt, na, dann wird er aber … Just Can’t Get Enough (ich WEISS, das war noch von Vince „Erasure“ Clarke), aber leider gibt’s am Theater ja keine Zugaben. A Pain That I’m Used To.

Eine Anekdote noch. Sie ist wirklich wahr. Wenn „Wetten, dass …“ in Salzburg gastierte, quartierten sich die Stars gern in einem Hotel außerhalb der Stadt ein. Man war an Extras aller Art gewöhnt. Eines Tages, so erzählte der Hoteldirektor, zogen Depeche Mode ein. Dazu muss man erklären, es handelt sich um eines dieser Häuser, wo Geschäftsleute schon frühmorgens in Anzug und Krawatte Grapefruit löffeln. Depeche Mode hatten keine Sonderwünsche, wollten kein Breakfast auf den Zimmern. Sie wollten es nur bequem – und erschienen in den Hotelschlapfen, Trainingshosen und Unterleiberln im Frühstücksraum. (Fast) alle Peckerln sichtbar. Empörung! Doch der Direktor erklärte seinen illustren Gästen: „Die sind so. Die sind Rockstars.“ Und brav gingen sich die Anzügler Autogramme holen.

www.schauspielhaus.at

Wien, 23. 10. 2014