Kammerspiele: Hand aufs Herz

Oktober 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer & Seine Lieben erleiden Schiffbruch

Georg Graf, Erwin Steinhauer, Peter Rosmanith Bild: Jan Frankl

Georg Graf, Erwin Steinhauer, Peter Rosmanith
Bild: Jan Frankl

Ja, so kann’s einem gehen. Da landete man 1969 mit der Beatband „The Rolling Bones“ und dem Hit „That is Fiction“ auf dem sensationellen 53. Platz  der Ö3-Charts. Und dann ist’s aus. Vorbei. Für den wilden Hund vom Alsergrund. Schiffbruch beruflich wie privat – und außerdem … genau. Also lässt man sich als Entertainer auf den Kreuzfahrtalbtraum SM Alcatraz engagieren – zweiterer Begriff selbsterklärend, angesichts dieser schwimmenden Gemeindebauten, wo man jeden Tag die gleichen Gfriser sieht, ersterer von manchem die Üppigkeit nicht mehr fassenden Bikini (Arsch-frisst-Hose-Syndrom) abgeleitet. Wenn das nicht Sado ist. Und Erschy Heart der Maso.

Erwin Steinhauer & Seine Lieben haben nach dem Erfolgsprogramm „Feier.Abend“ natürlich nicht ebendiesen gemacht. Die Gang, Georg Graf, Joe Pinkl und der sagenhafte Perkussionist und Ideengeber Peter Rosmanith, fanden sich stattdessen zur Uraufführung von „Hand aufs Herz“ in den Kammerspielen, sprich: auf dem Luxusliner, ein. Weil: Wir haben schon viele Lokale leergespielt. Um es gleich klar zu machen: Dieses nicht, das Publikum forderte Zugabe um Zugabe. Worauf die Lieben selbstverständlich vorbereitet waren. Kennt ja a Erfolg werdn, des Ganze. Steinhauer hatte sich die Crème de la Crème für sein neues Programm geholt: Heli Deinboeck zeichnete für Buch und gemeinsam mit Heinz R. Unger für die Liedtexte verantwortlich – und die sind vom Feinsten, wenn sich zwa mit drei Pfeilen durchbohrte Weanerherzen zur gesellschaftspolitischen Abwatschung der Zuschauer treffen. An den Conférencen schrieb Fritz Schindlecker mit; die Kompositionen stammen von Otto Lechner, Klaus Trabitsch und den Lieben.

Erschy Heart, der Kapitän der Wohlfühlzone, tangoed, swingt, bluest, jived und rumbat sich so souverän, teils angetan mit Stromgitarre, teils mit der Ukulele, durch die tragischen Momente des Lebens, dass es zum Lachen ist. Gebt dem Mann die Stadthalle, schickt ihn zum Song Contest, lasst’s ihn wenigstens die Vorgruppe vom Gabalier sein, weil, samma sich’s ehrlich, in dem Business is a jeder a Hur‘. Gegenderte Bundeshymne her, Belohnung mit TV-Show hin. Erschy hat Biss. Von seiner Mama. Die da meinte, nur die Harten kommen durch und von denen nur zehn Prozent. Erzieherischer Darwinismus, vergeudet an einen, den nichts interessiert hat. Aber das mit Inbrunst. Da sticht einer nicht in See, da sticht sich einer ins Herz. Und man schwimmt in seinem Herzblut, ein warmer Strom, dessen Ryhthmus sich auf die eigene Pumpe überträgt. Pump It Up, Erschy! Für die bundesdeutschen Bordgäste gibt’s übrigens einen Dialektworkshop, wenn’s beispielsweise um den „Schrebergarten im Meidllling“ geht: Apfel mit an Lll, gell. Aber es kann nicht alles lllustig sein. Humor ist bekanntlich ein Abfallprodukt der Intelligenz und „I hob‘ mi heut‘ deppert g’lacht“ eine Schutzbehauptung.

Also hauen Deinboeck/Unger mit der Polit-Pratzn hin. Vom maroden Bildungswesen bis zum Problem, das wir mit Flüchtlingen haben. Nicht zu verwechseln mit dem Unwort „Flüchtlingsproblematik“. Erschy singt den Intoleranzblues, ein Loblied aufs Buffett, wo gefressen wird, dass sich die Balken biegen, während man an Küsten vorbeigleitet, deren Bewohner für ein Stück Brot und einen Schluck Wasser … Er erscheint als sinistrer Glücksspielteufel: Novomatic. Wir bringen Kultur ins Spiel. So a Slogan muass an erst amoi einfallen, so an tollen hat die Schuldnerberatung ned. Und weil er immer noch hypotnisierit ist, kommen ein paar Cover von STS „Jörg-Voda“ bis Wolferl „Gezeichnet fürs Leben“-Aktie, ein bissl Celentano-Blau, also „Azzurro“, und a wengerl Glockengeläut à la Mendt.

Nach der Pause. Schiffbruch. Wird’s unterwassrig. Die Töne sind bedämpft, die Songs besinnlich. Es geht Erschy um die Liebe. Zu seinen Frauen und seiner Tochter – berührend, wie er sie vor einer Männerwelt warnt, in der nur diese „Räuber und Gendarm“ spielen. Da geht’s um die eine, zu der man immer Nein gesagt hat, weil sie der schärfste Zahn ist, die Zeit. Ein Glück. Bevor alle absaufen, kommt ein Helicopter und rettet erst einmal die Inselmänner. Die haben nämlich noch einen Auftritt. Lassen sich aber zu den Zugaben „Mercedes Benz“ – Steinhauer kann fast so schön kreischen wie Janis Joplin – und dem Schlager aus „Feier.Abend“, „Der Putin is a Witz“, überreden. Nie war der Song aktueller. Und im Saal ging die Post ab. Und die Leute summten, pfiffen, brummten ihn noch beim Hinausgehen. Die Karriere von Erschy Heart dürfte in den Kammerspielen also einen Riesensprung nach vorne (nein, nicht in Maos Sinne, Klugscheißer!) gemacht haben. Es wäre dem Jungtalent zu wünschen, dass er endlich den Durchbruch, also künstlerisch, nicht Blinddarm, schafft. Die CD folgt hoffentlich bald.

ErwinSteinhauer im Interview: www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech-2/

Erwin Steinhauer in der Josefstadt: www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-die-schuesse-von-sarajevo/

www.erwinsteinhauer.at

www.josefstadt.org

Wien, 17. 10. 2014