Salon 5: Die Politik des Vergessens

Oktober 14, 2014 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Robert Schindel in der LiteraTurnhalle

Bild: © Drama Shop

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Der Salon5 widmet sich ab 24. Oktober dem (nicht nur) österreichischen Syndrom einer Politik des Vergessens. Robert Schindels Roman „Der Kalte“ holt das „unter den Teppich Gekehrte“ sprachmächtig hervor. Diskussionen mit Gästen aus Kunst, Politik und Wissenschaft finden im Salon Waldheim – Die österreichische Wende statt. Umspielt wird dieser Schlüsselroman von den musikalisch-literarischen Betrachtungen der Wiener Musikformation Des Ano mit ihrem Chefpoeten Max Gruber.

Das Programm:
Robert Schindel: DER KALTE. Eine szenisch-literarische Aufstellung. Premiere: 24. Oktober. Theater Nestroyhof Hamakom.
Packende Szenen und Monologe entwerfen ein ungeschminktes, plastisches Bild der Waldheim-Jahre. Die Fiktion von Robert Schindels Roman „Der Kalte“ erlaubt es, den geschichtsmächtigen Ereignissen hautnah auf den Leib zu rücken und sie bis in die Nerven der Beteiligten zu verfolgen. Der Kampf um den neuen Bundespräsidenten spiegelt sich im Kampf um das Antifaschismus-Denkmal und im Kampf um dasTheaterstück über das Totschweigen der Vergangenheit. Wir werden Zeugen der entscheidenden Auseinandersetzungen im Kanzleramt, in den Parteizentralen, im Burgtheater, in den Redaktionen und Hinterzimmern und der bis ins Private gehenden Erschütterung der Gesellschaft.
Mit: Anna Maria Krassnigg, Ingrid Lang, Ernst Mathon, Horst Schily, Martin Schwanda, Doina Weber
Dramaturgie & Texteinrichtung: Karl Baratta, Anna Maria Krassnigg
SALON: „Waldheim zwischen Journaille und Journalismus“ (25. Oktober), „Waldheim – Die österreichische Wende“ (4. November) Theater Nestroyhof Hamakom
Waldheim schreibt 2006: „Wenn meine Lebensgeschichte zu einem neuen Zugang zur Geschichte beigetragen hat, dann ist das positiv – bezahlt freilich mit hoher persönlicher Schädigung.“ Wie stark muss die Erfahrung einer notwendigen Veränderung im Zeitbewusstsein sein, dass der Protagonist und Hauptleidtragende zu dieser Erklärung kommen kann? Wie emblematisch ist dieser Fall für die politische Kultur unseres Landes? ZeitzeugInnen, AutorInnen und AkteurInnen von damals werden den Waldheim-Komplex in seiner aus der historischen Distanz erkennbaren kompletten Widersprüchlichkeit beleuchten und seine Bedeutung für den Geschichtsverlauf und die Gegenwart diskutieren. Gastgeber: Karl Baratta, Anna Maria Krassnigg.

Max Gruber mit Des Ano: Faul im Staate. Premiere: 28. Oktober. Theater Nestroyhof Hamakom. Mit der Definition von RAP als „Rhythmisch Ausgeführte Poesie” ist Des Ano längst ein Begriff geworden. Max Gruber, der „neue Hauspoet der schwarzen Wiener Schule” (Die Zeit) setzt mit seinem Programm „Faul im Staate” seine Landvermessung des österreichischen und dabei besonders des Wiener Biotops konsequent fort. Erstmals bekennt sich Max Gruber auch zu einer eklatant politischen und „mit Sicherheit zumindest weltverändernden” Seite seiner Texte. Bislang wurde das aus Koketterie und Verehrung für Woody Allen, der Politik als „showbusiness for ugly people” bezeichnet hat, immer bestritten. Doch die Auslotung der Grenzen des Fortkommens im heimischen Universum, das zutiefst österreichische und damit universell gültige Pendlerschicksal zwischen „vurschrifd & nochred”, tiefer Melancholie und hohen Leberwerten, Sacher Masoch und Sacher Torte stand seit jeher im Zentrum der Hervorbringungen von Des Ano. Auch knallharte, als melancholische Ballade getarnte Protestsongs wie „Kleiner Mann”, dieses Ansingen und -spielen gegen den heimischen Verzwergungswahn, sind laut Max Gruber „unentbehrliche Beiträge zum politischen Diskurs” in diesem Land. Mit „Faul im Staate” wird sich Des Ano den heimischen Verhältnissen wie gewohnt leidenschaftlich, radikal und mit „verantwortungsloser Heiterkeit” (© Karl Kraus) stellen. Mit Musik, die so beredt ist wie die Sprache musikalisch. Auftritte von Des Ano sind eine tour de force zwischen Konzert, literarischer Performance und Theaterabend oszillierend, berührend, aufwühlend, so erbarmungslos wie heiter.

Wien, 14. 10. 2014