Schauspielhaus Wien: Hunde Gottes

Oktober 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Bambi?

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Um die Persistẹnz österreichischer Dramatik muss man sich keine Gedanken machen. Thiemo Strutzenberger etwa, der das Schauspielhaus Wien schon mit einem Emily-Dickinson-Stück beschenkte www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-queen-recluse/, lud nun zur Uraufführung seines neuen: „Hunde Gottes“. Hollywood und sein Meisterregisseur der 1950er-Jahre, Douglas Sirk, stehen diesmal im Mittelpunkt seines Interesses. Der gebürtige Hamburger, der Rock Hudson groß und Jane Wyman noch größer machte, war DER Magier des Melodrams. Alles larger than life. Mit Taschentuchalarm. Gefühlvoll geschilderte Frauenschicksale. An der Kinokasse wie bei den Kritikern geliebt. Rock Hudson als Gärtner, der die reiche Witwe vergöttert, oder „Solange es Menschen gibt“, eine zurückhaltende Studie über Rassenvorurteile und die Unfähigkeit, Gefühle und Karriere zu vereinen, „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, das war’s, was die Leute sehen wollten.

Stutzenberger wäre aber nicht Thiemo, würden seine Figuren einfach Dick, Tom und Harry heißen. So begibt er sich namenstechnisch ins italienische Frühmittelalter und nennt die Rollen:

Dante Alighieri (Dichter und Philosoph, Verfasser der „Göttlichen Komödie“ /angestellter Architekt, der, weil er im Krieg Himmel und Hölle durchwanderte, einen Kameraden, mit dem ihn eine besondere Art Liebe verband, in Fetzen gerissen sah, die Kleider einer italienischen Witwe – eigentlich gehört die schwarze Abendgarderobe seiner Frau – trägt). Betty Alighieri (Beatrice / Schauspielstar, liebte in Abwesenheit des Gatten den Gärtner). Leonardo (da Vinci / Sohn des Hauses, der sich neben seinem Collegestudium im Rotlichtmilieu halbnackt um Stangen schlängelt. Er wird im Laufe des Stücks erfahren, dass er der Sohn des Gärtners ist.). Francesco Petrarca (Dichter und Mitbegründer des Humanismus / Architekt und Dantes Vorgesetzter. Er will Laura, sein Pygmalion-Projekt, heiraten.) Laura (verheiratete Liebe Petrarcas, Quelle seiner Inspiration, starb an der Pest / Tochter des Gärtners, Prostituierte, will bei Petrarca an Bildung abgreifen, was geht.) Mr. Deagan (Gärtner, von Dante im Wahn für seinen doch noch heimgekehrten Kameraden gehalten / der einzige historisch greifbare war ein William Francis, Army-Major und Architekt, Demokrat in New York unterm korrupten Bürgermeister „Beau“ Jimmy Walker, für den er Stadtumgestaltungen vornahm / weiterführende sachdienliche Hinweise erbeten.)  Auf diese erquickende Verqickung von „U“ und „E“ sei er gekommen, sagt Strutzenberger im Interview, weil in Florenz auf jedem Bierdeckel Dante stehe.

Womit auch schon viel von der Handlung erklärt ist. Es geht um Sodomie. Jenes christliche Konstrukt für sündiges, angeblich widernatürliches Sexualverhalten, das nicht der Fortpflanzung dient, nicht zu verwechseln mit Zoophilie, sondern einfach verbotene, weil von der Gesellschaft nicht akzeptierte Liebe, die in manchen Ländern bis in die Neuzeit mit dem Tode bestraft wurde. Es geht um die Suche nach dem Selbst und das Nicht-mehr-bei-sich-Sein, wenn man es nicht findet. Oder doch findet. Es geht um die wie Leonardo gefallene kosmische Ordnung und – haha, der vitruvianische Mensch – um die Architektur des Leibes und der Seele, wenn Eros alle Grenzen wegwischt. Es geht darum, dass die große Tragödie nicht für die Mittelklasse erfunden wurde, sondern für sie das Melodram. Mit all seiner Aufrichtigkeit und all seinem Sentiment; nur die Ernsthaftigkeit zum letzten Schritt bleibt ihm unter Geigengewimmere versagt. Am Ende und am Ende, es gibt nämlich einen Schluss und einen Filmschluss, liegt ein Ermordeter auf der Bühne. Und weil das jetzt nun mal wirklich nicht sein muss, verkleidet er sich schnell als Reh – eine Re­mi­nis­zenz an Sirks „Was der Himmel erlaubt“.

Nach Ende des Einführungsunterrichts kann nun gesagt werden: „Hunde Gottes“ ist ein Abend zum Lachen. Von einer zeitgereisten Ironie, die sich Sirk stets verbeten hat. Ganz großes Kino. Gefühlsecht. Im Bühnenbild von Johannes Weckl – ein Garten mit diesen unbequemen 50er-Jahre-Gartenstühlen, durch deren kunterbunte Schnürungen meist früher als später der Popo rutschte, mit halbem Davidshaupt, mit angedeutetem Innenraum, dessen Vorhang als Leinwand dient – inszeniert Barbara Weber temporeich, mit Sinn für Slapstick in dem Sinne, dass ihr die Situationskomik immer in den tragischsten Momenten auskommt. Wie’s einem eben so geht, wenn man die alten Schinken wiedersieht. Da leidet der Held, während man schon vom Sofa fällt, weil so heute niemand mehr … Strutzenberger legt seinen Geschöpfen Halbsätze in den Mund. Die ganze Wahrheit wäre wahrscheinlich zu schwer auszusprechen. So mäandern sie von Handrücken-an-die-Stirn-haltend zu trivial-lakonisch. Größte Peinlichkeiten werden zu Allgemeinplätzchen verkleinert. Ein großartiger Text, der aber erst durchs Spiel des wie immer hervorragenden Schauspielhaus-Ensembles seine volle Kraft entfaltet.

Katja Jung ist als Betty ganz Hollywood-Diva. Visconti will mit ihr drehen, da kann rundherum die Welt aus den Fugen geraten. Die Jung „schmiert“ und outriert, dass es eine Freude ist. Gibt einerseits die Egomanin, andererseits die mit dem größten Besen zum Unter-den-Teppich-Kehren. Nur kein Skandal, der dem Image schadet. Und doch wird sie sich später als die beste Mutter erweisen, als wär’s die Rolle ihres Lebens. An Überkandideltheit kann ihr nur Steffen Höld als Dante das Wasser reichen. Noch „normal“, als er seinen Vorgesetzten zum Dinner lädt, obwohl ihm vor dessen Architekturausführungen graut, steigert er sich in einen Furor, der seinesgleichen sucht. Und ist als vedova ernsthafte Konkurrenz für Silvana Mangano in Camerinis „Ulisse“. Gideon Maoz als missratener Sohn ist ein eiskalter Todesengel. Es gilt Leonardos Gesetz. Die Reibungskraft ist unabhängig von der Grösse der Auflage. Der Gärtner muss weg. Florian von Manteuffel spielt einen jovialen Petrarca, der nicht versteht, warum rund um ihn alle so … aber wirklich interessiert es ihn nicht, so lange er darüber philosophschwafeln kann, BevHills in ein Neo-Florenz umzugestalten; dabei ist er optisch vom Stetson über die protzige Gürtelschnalle bis zu den Stiefeln der Parade-Ami. Nicola Kirschs „Laura“ hält alles und jeden auf Distanz. Das Misstrauen in Person. Um nichts gefühlswärmer als Leonardo. Ihr Vater Deagan (Simon Zagermann) hingegen ist die gutmütige Seele, ja Ma’am, danke Ma’am, wie es sich für einen Bediensteten anno anno gehört.

Am Abend von Bettys Filmpremiere sind die Pulverfässer längst an ihren Plätzen, die Lunte gezündet. Alle sind jetzt noch künstlicher, künstlerisch wertvoller. Die Geschichte läuft noch einmal ab. In Technicolor, Großleinwandformat. Wer dachte, mehr geht nicht, weiß nun: Mehr ist mehr. Und das wollen wir auch: Mehr Schauspielhaus, mehr Strutzenberger, mehr … Drama des Exzess‘. Ach ja, der Titel. „Hunde Gottes“ führt wieder ins Florenz des 15. Jahrhunderts zurück, ist wörtlich übernommen von den Dominikanern, die die Inquisition ein- und durchführten, weil sie sicher wussten, was falsch und was richtig ist, gottgefällig, und deshalb ihren heftigsten Bußprediger, Savonarola, auf den Scheiterhaufen schickten.

www.schauspielhaus.at

Wien, 12. 10. 2014