Who am I – Kein System ist sicher

September 29, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rächer tragen seit jeher eine Maske

Elyas M'Barek ("Max"), Wotan Wilke Möhring ("Stephan"), Antoine Monot, Jr. ("Paul") und Tom Schilling ("Benjamin") in Sony Pictures' WHO AM I - KEIN SYSTEM IST SICHER. Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Elyas M’Barek („Max“), Wotan Wilke Möhring („Stephan“), Antoine Monot, Jr. („Paul“) und Tom Schilling („Benjamin“) in Sony Pictures‘ WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER.
Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Vergangenen Freitag lief in den heimischen Kinos „Who am I – Kein System ist sicher“ an. Der deutsche Film, im Herstellungsland bereits als erfolgreichster Thriller ever gefeiert, ist modernes, packendes Whistleblower-Kino. Mal sehen, ob sich daraus ein eigenes Genre entwickelt. Inhalt: Benjamin (Tom Schilling) ist unsichtbar, ein Niemand. Dies ändert sich schlagartig, als er plötzlich den charismatischen Max (den oberösterreichen Schauspieler Elyas M’Barek) kennenlernt. Auch wenn beide nach außen nicht unterschiedlicher sein könnten, so eint sie doch dasselbe Interesse: Hacken. Gemeinsam mit Max’ Freunden, dem impulsiven Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem paranoiden Paul (Antoine Monot, jr.), gründen sie die subversive Hackergruppe CLAY (CLOWNS LAUGHING @ YOU). CLAY provoziert mit Spaßaktionen und trifft den Nerv einer gesamten Generation. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Benjamin ein Teil von etwas. Und sogar die attraktive Marie (Hannah Herzsprung) wird auf ihn aufmerksam. Zuerst sind die CLAY-Aktionen vor allem lustig, die Gruppe hat Nazis lächerlich gemacht oder der Finanzwirtschaft den Mittelfinger gezeigt. Doch Max hat immer höhere Ziele. So entwickelt das Quartett einen Coup, der alles in den Schatten stellen soll: eine Hackattacke auf den BND. Kurz darauf gibt es den ersten Toten… Und aus Spaß wird plötzlich Ernst, als die Gruppe auf das Fahndungsraster von BKA und Europol gerät. Gejagt von der Cybercrime-Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), ist Benjamin jetzt kein Niemand mehr, sondern einer der meistgesuchten Hacker der Welt. Edward Snowden lässt grüßen …

Regisseur ist Baran bo Odar: „Die Welt der Hacker interessierte mich sofort“, sagt er, „aber ich wollte keine Nerds erzählen, die hinter ihrem Schreitisch sitzen und auf Tasten rumtippen. Ein Kinofilm soll unterhalten, da will man nicht dutzende Close Ups von Computerbildschirmen sehen und keiner versteht, was darauf eigentlich passiert. Ich besprach die Idee mit meiner Autoren-Partnerin Jantje Friese und noch am selben Abend fing es an in unseren Köpfen zu rattern. Wir fingen an zu recherchieren, unterschiedliche Ansätze zu verfolgen, bis wir endlich auf das gestoßen waren, was dem Thema Hacken für uns einen besonderen Kniff gab: Social Engineering. Die größte Kunst des Hackens. Die Manipulation von Menschen, um an Daten, Passwörter und geheime Informationen zu kommen. Endlich hatten wir eine Möglichkeit unsere Protagonisten in Aktion und fern vom Schreibtisch zu erzählen.“

Im Grunde haben sich Baran bo Odar und Jantje Friese eine Superheldenstory ausgedacht: Der schüchterne Außenseiter Benjamin, der plötzlich seine Superkraft entdeckt ist eine Art Spiderman an der Tastatur.  Tom Schilling: „Ich habe zur Vorbereitung und Einstimmung auf Benjamin ein paar Hackerbiografien gelesen. Kevin Mitnick zum Beispiel ist ein sehr berühmter Hacker aus den USA, der eine tolle Autobiografie geschrieben hat. Ich habe artverwandte Filme geguckt, aber auch ganz pragmatische Dinge wie einen Zehnfinger-Schreibkurs belegt. Ich war bis vor drei Jahren noch ohne Computer und habe bisher maximal mit zwei Fingern und sehr, sehr langsam geschrieben. Das wäre für die Rolle eher hinderlich gewesen. Hacker sind blitzschnell und schreiben mit zehn Fingern. Es wäre schwierig gewesen, wenn ich da irgendwie erst einmal das @-Zeichen hätte suchen müssen auf der Tastatur.“ Er lacht. Zum Helden gehört natürlich eine Truppe: der Scheiß‘-mich-nix-Typ Max (über seine Filmfigur sagt M’Barek: „Max ist auf jeden Fall jemand, der Leute sehr für sich vereinnahmen kann, ein charismatischer Siegertyp. Aber er ist auch nicht ganz ungefährlich, auch für Benjamin.“) und der mittelschwer durchgeknallte, extrovertierte, laute, aggressive, immer auf Krawall ausseiende Stephan. Er ist wie ein letzter Überlebender der 68er-Bewegung. Seine Botschaft ist klar: No system is safe! In Außeneinsätzen lässt er die Mitstreiter Occupy-Larven aufsetzen. Schließlich hat seit Zorro jeder Rächer seine Maske. Um die Rolle spielen zu können, hat Wotan Wilke Möhring sich vor jedem Drehtag vier Stunden Tattoos auf die Haut malen lassen: „Stephan ist eine vergleichsweise kleine Rolle, der will man natürlich einen Stempel aufdrücken. Man muss rüberbringen, dass sie eine Bedeutung hat und nicht nur einfach mitläuft. Er ist ein ausdrucksstarker Typ, der mit seinen Tattoos auffällt. Wenn ich Tattoos trage, dann will ich was zeigen, dann will ich mich nicht verstecken, sondern ich will mich veräußern. Das wollten wir betonen. Stephan ist ein Hacker-Veteran. Seine Biographie ist auf seinen Körper geschrieben. Das war die Idee der Tätowierungen.“

„Who am I – Kein System ist sicher“ kocht nicht auf Sparflamme. Während in den social medias Perversionen aller Art durch Anonymität versteckt werden können, fragt der Film nach den Menschen hinter den Bildschirmen. Das Unpersönliche wird durch großartige Charakterdarsteller persönlich und dadurch nachvollziehbar. Der Cyperkrimi punktet durch seine temporeiche Inszenierung und eine raffiniert verschachtelte Geschichte. Und er macht klar: Nicht alles, was im Netz steht, ist die Wahrheit, aber man kann die Wahrheit auch ins Netz stellen – und so Menschen in Massen informieren. Baran bo Odar hat sich an berühmten Mindfuck-Klassiker orientiert. Nun muss sein Film selber einer werden. An der Kinokasse sieht’s derweil gut aus …

www.whoami-film.de/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Us8FWjdZhWc

Wien, 29. 9. 2014