Philipp Blom: Die zerrissenen Jahre. 1918-1938

September 26, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Frieden, und doch kein Frieden

Blom_978-3-446-24617-1_MR.indd1918: Der 1. Weltkrieg ist zu Ende. Die Welt befindet sich im Schock nach dem großen Schlachten und Blutvergießen und kommt doch nicht zur Ruhe. Alles was vor 1914 für richtig angesehen wurde, gerät ins Wanken oder wird in Frage gestellt, bürgerliche Werte werden aufgekündigt. Und so geht der Kampf weiter: zwischen Linken und Rechten, Konservativen und Modernisten, Arbeitern und Unternehmern und steuert der nächsten Katastrophe entgegen, die noch mehr Opfer fordern wird.
Philipp Blom schließt mit seinem neuen Buch „Die zerrissenen Jahre“ an seinen Bestseller „Der taumelnde Kontinent“, der Geschichte über Europas Jahre vor dem 1. Weltkrieg, an: Die war eine atemlose Zeit. Freud erforschte die dunklen Seiten der Seele. Die Physik entdeckte das Geheimnis der Atome. Frauen forderten das Wahlrecht. Und der europäische Adel verabschiedete sich von der öffentlichen Bühne. In den rund 15 Jahren zwischen der Weltausstellung von 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs durchlebte Europa einen Taumel, der Alltag, Kunst, Wissenschaft und Politik erfasste. Das moderne Europa entstand: Und niemand ahnte, dass der Erste Weltkrieg seine Errungenschaften erst einmal zunichtemachen sollte.

Der Autor führt nun bis ins Jahr 1938 und erweitert den Horizont bis in die USA. Doch „Die zerrissenen Jahre“ sind anders als der literarische Vorgänger. Blom will keinen historischen Abriss der politischen Entwicklungen und Ereignisse wiedergeben, die letztendlich in den 2. Weltkrieg geführt haben. Er widmet sich den großen gesellschaftlichen Bewegungen, die aber nicht weniger politisch waren.
Das Buch spannt den Bogen vom Überlebenskampf physisch und psychisch verwunderter Kriegsveteranen bis zum Aufstieg des Faschismus, von der Prohibition in den USA bis zum Matrosenaufstand in Kronstadt, von den französischen Surrealisten bis zu den Straßenkämpfen in Österreich, von halbverhungerten Landarbeitern in der Staubwüste des Dust Bowl bis zu ermordeten Bauern in der Ukraine, von der Entdeckung ferner Galaxien bis zum Spanischen Bürgerkrieg. Es beschreibt den Schock der Nachkriegsjahre bis zur stärker werdenden Hoffnung der 1920er Jahre, die mit der Weltwirtschaftskrise wieder zunichtegemacht wurde und sich von da an nicht mehr vom Schatten der nahenden Katastrophe befreien konnte. Der Autor begreift den Ersten Weltkrieg und die drauffolgende Zeit nicht als großen Bruch mit der Vorkriegswelt. Und so lautet auch seine zentrale These: Aus der Nachkriegszeit wurde eine Vorkriegszeit.
Für den 1970 Geborenen setzen sich die Symptome der Moderne, unterbrochen durch den 1. Weltkrieg, fort. Der Mensch und sein Körper werden als Rohstoff mechanisiert und rotieren in Produktionsabläufen. Cyborgs und Roboter bevölkern die Fantasien, in der Wissenschaft wie in der Kunst. Man entwirft elektrifizierte Städte, gräbt den Boden um, verlegt Kabel und Transportwege tief unter der Erde. Die Prohibition in den USA treibt Millionen in die Kriminalität. Wer Alkohol braucht, trinkt und feiert nun im Untergrund. Dies fördert die Spaßkultur und die Jazzclubs.

Gleichzeitig geht in vielen Ländern das Töten und Zerstören, nun in erbarmungslosen Bürgerkriegen, weiter. Der Erste Weltkrieg hat eine Brutalisierung und Destabilisierung mit sich gebracht. Fast in ganz Europa tobt der ideologische Krieg zwischen Sozialismus und Faschismus. Klassenkämpfe und ethnische Konflikte beherrschen auch die Vereinigten Staaten. Afroamerikanische Soldaten hatten im Weltkrieg gekämpft und waren ausgezeichnet worden. In der Friedenswelt aber bleiben sie nicht nur Bürger zweiter Klasse, sondern werden als Bedrohung gesehen: „Der amerikanische Neger, der aus Übersee zurückkommt, ist das wirksamste Mittel, um den Bolschewismus nach Amerika zu bringen“, verlautbarte Präsident Wilson 1919. Denn die Furcht vor dem weltumfassenden Kommunismus war groß. Doch das Selbstbewusstsein der Afroamerikaner stieg, der Jazz wurde zur Leitkultur, „Crazy Blues“ von Mamie Smith war 1920 die erste Platte einer schwarzen Sängerin, die auch in den Wohnzimmern weißer Angestellter ertönte – und zugleich erlebte der Ku-Klux-Klan eine gewaltige (und gewalttätige) Renaissance. Dazu kamen schwere soziale Unruhen, wie die Schlacht am Blair Mountain, bei der Unternehmer Maschinengewehre gegen Bergarbeiter einsetzten.

Das Besondere an Bloms Buch sind auch die lebendigen Darstellungen und die Verknüpfungen, im multiperspektivischen Blick auf eine an vielen Abgründen taumelnde Welt. Jedes der 20 Kapitel (plus Epilog 1938) ist mit einer Jahreszahl gekennzeichnet: von 1918 „Shell Shock“ bis 1937 „Der Krieg im Krieg“. Blom wählt mit dem jeweiligen Jahr verbundene Phänomene aus und widmet ihnen essayistische Ausführungen. Dabei setzt er wechselnd politisch-historische und kulturgeschichtliche Akzente. 1923 etwa steht im Zeichen „Jenseits der Milchstraße“ und der Diskussion wie Deutsch die Wissenschaft eigentlich ist, 1932 im Zeichen des Holodomors, der vom Sowjetkommunismus veranstalteten Hungersnot in der Ukraine.
Episoden wie das Leben der amerikanischen Expats um Hemingway und Gertrude Stein in Paris, die sich zur „Verlorenen Generation“ stilisierten, oder die Ausflüge in die Lust- und Laster-Gesellschaft der Zwanzigerjahre in Berlin werden Teil eines umfassenden und vielschichtigen Panoramas einer Epoche. Wer sich über die Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit informieren will –ohne die politischen Implikationen aus den Augen zu verlieren –, der sollte dieses „Lesebuch“ unbedingt zur Hand nehmen.

Über den Autor:
Philipp Blom, 1970 geboren, wuchs in Hamburg und in Detmold, Nordrhein-Westfalen auf. Nach Studien in Wien und Oxford, während denen er auch als Lehrer arbeitete, promovierte er in Geschichte. Während seiner Zeit in Oxford publizierte er den Roman „The Simmons Papers“, den er, wie die meisten seiner folgenden Bücher, auf Englisch verfasste und dann selbst ins Deutsche übersetzte. Von 1997 bis 2001 lebten Blom und seine Frau in London, wo er zuerst als Lektor in einem Verlag und dann als Autor und freier Auslandskorrespondent für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Radiosender arbeitete. 2001 verließ Philipp Blom Großbritannien und ließ sich in Paris nieder um sich ganz auf seine Bücher zu konzentrieren, seit 2006 lebt er gemeinsam mit seiner Frau in Wien. Der Schriftsteller und Historiker schreibt regelmäßig für europäische und amerikanische Zeitschriften und Zeitungen. Bloms Buch „Der taumelnde Kontinent“ wurde u.a. mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis für das beste Sachbuch des Jahres 2009 und dem Groene Waterman Prijs (Antwerpen, Belgien) ausgezeichnet.

Tipp: Im Rahmen des Literatur-Wochenendes auf der Schallaburg diskutieren Philipp Blom und Franz Schuh am 4. Oktober, 19 Uhr. www.schallaburg.at/de/veranstaltungen/14/literaturwochenende-literatur-und-wandern

Hanser, Philipp Blom: „Die zerrissenen Jahre. 1918-1938“, 576 Seiten.

www.hanser.de

Wien, 26. 9. 2014