Die 10. Spielzeit des stadtTheaters Walfischgasse

September 1, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Intendantin Anita Ammersfeld

präsentiert die  Jubiläumssaison

Der Beweis von David Auburn: Michael Schusser, Eva-Christina Binder, André Pohl, Anna Sophie Krenn Bild: Sabine Hauswirth

Der Beweis von David Auburn: Michael Schusser, Eva-Christina Binder, André Pohl, Anna Sophie Krenn
Bild: Sabine Hauswirth

Die Saison 2013/14 war in der Walfischgasse ein guter Jahrgang. Das stadtTheater konnte ordentlich zulegen: bei verkauften Karten ohne Abos immerhin plus ca. 3%, bei den Abos beachtliche 19 %. Durch die Einführung eines 10-Vorstellungen-Abos, das von zwei unterschiedlichen Personen benutzt werden kann, wurde bei der viel relevanteren Zahl der verkauften Abo-Plätze sogar eine unglaubliche Steigerung von über 30 % erreicht!

Kein, Wunder, gab’s doch einen Bühnenerfolg nach dem anderen – von denen einige auch in der Saison 2014/15 noch zu sehen sein werden, wie ab 28. September das von Rupert Henning geschriebene Auftragswerk „C(R)ASH“ mit dem unvergleichlichen Cornelius Obonya in der Hauptrolle und Claudia Kottal und Stefano Bernardin als Antagonisten. www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid/Publikumsliebling Oliver Baier ist der Star der zweiten Reprise der vergangenen Saison: „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière ist ab 4. November zu sehen. In weiteren Rollen spielen Ildiko Babos, Michael Rast, Alexander Rossi und Sinikka Schubert. Die  dritte Wiederaufnahme der letzten Saison ist Alan Ayckbourns amüsantes und überraschendes Stück „Halbe Wahrheiten“ mit Anita Ammersfeld und Hubsi Kramar als langjähriges Ehepaar und Sophie Prusa und Matthias Franz Stein als junges Paar – erstmals wieder am 21. November. www.mottingers-meinung.at/stadttheater-walfischgasse-halbe-wahrheiten/Fortgesetzt wird auch in der Jubiläums-Saison die immer beliebtere Reihe „Peter Huemer im Gespräch mit …“, zu Gast sind diesmal zwei der bekanntesten Persönlichkeiten Deutschlands, nämlich der keinem Disput ausweichende Gregor Gysi am 26. Oktober und der jederzeit unterhaltsame Harald Schmidt am 23. November.

Doch natürlich wird es auch neue Premieren geben: Mit den mehrfach ausgezeichneten Theaterstücken „Der Beweis“ von David Auburn, eine Wien-Premiere, in dem es um die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn geht und John Patrick Shanleys „Zweifel“, das im prüden katholischen Amerika der 60er-Jahre angesiedelt ist und das allgegenwärtige Misstrauen in dieser Zeit behandelt, zeigt Intendantin Anita Ammersfeld wieder Mut, das Publikum mit Themen, die unter die Haut gehen, zu konfrontieren.

Der Beweis: Premiere am 15. Oktober. Inhalt: Catherine und ihr Vater Robert, ein berühmter Mathematik-Professor haben ein sehr enges Verhältnis. Als der hochbegabte und -dekorierte Vater durch eine mysteriöse Geisteskrankheit den Verstand verliert, gibt Catherine ihr Mathematikstudium auf, um ihren Vater zu pflegen. Aber das einstige Mathematik-Genie Robert gibt seine besessene Suche nach einer weiteren bahnbrechenden mathematischen Entdeckung bis zu seinem Tod nicht auf. Als Robert stirbt, hält Cathrine im Geiste den Dialog mit ihrem Vater aufrecht und wird zunehmend verfolgt von der Furcht, an der gleichen Krankheit wie er zu leiden. Ihre Schwester Claire reist zur Beerdigung aus New York an. Sie ist sehr besorgt über Catherines Zustand, die verbittert und verwahrlost wirkt. Die beiden Schwestern haben sich über die Jahre voneinander entfremdet und Claire beginnt sehr schnell, Catherine in ihrer Angst zu bestärken, die Geisteskrankheit des Vaters geerbt zu haben. Vorsichtig fasst Catherine Vertrauen zu Hal, einem ehemaligen Studenten ihres Vaters, der dessen immens großen Nachlass sichtet. Er hofft, in den überwiegend sinnlosen Formeln, die Robert vom Schreibzwang getrieben hundertfach verfasst hat, eine mathematisch geniale Idee zu finden. Dank Catherines Hilfe entdeckt Hal in Roberts Notizen tatsächlich einen spektakulären mathematischen Beweis. Doch wer hat ihn geschrieben ? Catherine behauptet Unglaubliches oder beweist diese Behauptung lediglich ihre Unzurechnungsfähigkeit ? Weder Hal noch Claire glauben ihr und auch sie selbst verliert zunehmend die Gewissheit. Genie und Wahnsinn, Vertrauen und Liebe, undefinierbare Variable, denen mit Zahlenlogik nicht mehr beizukommen ist. „Der Beweis“ erhielt alle wichtigen US-amerikanischen Theaterpreise, darunter den Drama League Award, den Preis der New Yorker Theaterkritiker, den Tony Award 2001 für das Beste Stück, sogar den Pulitzer-Preis 2001 für Theater und ist ein noch nie in Wien gezeigtes Stück. Mit André Pohl, Eva Christina Binder, Anna Sophie Krenn und Michael Schusser; Regie Carolin Pienkos

Zweifel: Premiere am 14. Jänner. Inhalt: 1964, St. Nicholas in der Bronx, New York. Der charismatische Pater Brendan Flynn versucht die strengen Sitten einer katholischen Schule auf den Kopf zu stellen, die mit eiserner Hand von Schwester Aloysius geführt wird. Doch der Wind des politisch liberalen Wandels weht durch die Gemeinde und so nimmt die Schule ihren ersten schwarzen Schüler auf. Aber dann berichtet die naive Schwester James der autoritären Direktorin, dass Pater Flynn dem neuen Schüler zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Unverzüglich sieht sich Schwester Aloysius zum Handeln gezwungen – mit verheerenden Folgen. Das Stück ruft unweigerlich die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten. Doch es geht hier auch um ein gänzlich anderes Thema. „Zweifel“ erzählt ebenso vom äußerst schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit und von der veränderten Wahrnehmung unter den Vorzeichen eines Verdachts. Es hält die Schuldfrage bis zum Ende geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Jeder Dialog dynamisiert die Handlung, doch keiner davon lässt für den Zuschauer eine letztgültige Schlussfolgerung zu. Das Publikum kann sich durch diesen Mechanismus selbst niemals dem Zweifel entziehen, es ringt genauso vergebens wie die handelnden Personen um die Erkenntnis, was richtig und was falsch ist. Sein Stück handle davon, dass Zweifel „Wachstum und Veränderung“ ermöglicht, so John Patrick Shanley. Der Autor und Regisseur John Patrick Shanley adaptierte sein mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Broadway-Stück 2008 selbst für die Leinwand. In den Hauptrollen sind Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams sowie Viola Davis zu sehen. Der Film, das Drehbuch und alle Hauptdarsteller erhielten etliche Preise und Oscar-Nominierungen. Eine Geschichte über die Suche nach Wahrheit, die Mächte des Wandels und die verheerenden Folgen des Gerechtigkeitswahns in einer von moralischen Überzeugungen bestimmten Zeit. Mit Anita Ammersfeld, Rachelle Nkou, Johanna Withalm und Alexander Rossi; Regie Carolin Pienkos.

Anläßlich der Jubiläums-Saison wird auch ein für Intendantin Anita Ammersfeld besonders wichtiges Stück wieder ins Scheinwerferlicht gerückt: Das Eröffnungs-Stück des stadtTheaters Walfischgasse, „Freunde, das Leben ist lebenswert„, an das sich, wie auch das Gästebuch des Theaters zeigt, Besucher der ersten Stunde auch heute noch gerne erinnern. Der Schweizer Autor Charles Lewinsky, ein weiterer Freund des Hauses, schrieb für diese Wiederaufnahme eine Neufassung. Das Stück beleuchtet die grausamen Schicksale der Wiener Theater-Legenden Fritz Löhner-Beda, Fritz Grünbaum und des Komponisten Hermann Leopoldi. Premiere am 4. März 2014. Inhalt: Wien, 1934: Der Librettist Fritz Löhner-Beda trifft in launiger Party-Stimmung auf seine Freunde, den Kabarettisten Fritz Grünbaum, und den Komponisten Hermann Leopoldi. Drei jüdische Künstler, die Frack tragen, sich amüsieren und, der eine mehr, der andere weniger, ihren Erfolg genießen.  Der Schlager- und Operettentexter Löhner-Beda, ein Star der österreichischen Kulturszene vor 1938, hat einen Chauffeur, der für Adolf Hitler schwärmt und hilflose Gedichte zu dessen Lob schreibt. Nach dem Anschluss landet Löhner in Buchenwald und trifft dort seinen Fahrer als Wächter wieder an. Beda schreibt im Lager nicht nur das legendäre Buchenwald-Lied, sondern – was tut man nicht für einen Laib Brot ? – auch heimlich die Führer-Loblieder, mit denen der junge Möchtegern-Poet an einem Wettbewerb der SS teilnehmen will. Er macht seine Sache zu gut. Der ehemalige Chauffeur wird zum Finale des Wettbewerbs nach Berlin eingeladen, wo er ohne seinen Ghostwriter versagt und zur Strafe in den Osten versetzt wird. So verliert Löhner seinen Schutz im Lager und wird seinerseits nach Auschwitz deportiert.Im Stück kommentieren und kontrastieren Löhners beliebte Lieder – von „Was machst Du mit den Knien, lieber Hans“, „Benjamin, ich hab´ nichts anzuziehen“ bis „Rosa, wir fahr´n nach Lodz“ oder „Ausgerechnet Bananen“ – die Handlung. Mit Hannes Gastinger, Johannes Seilern, Sebastian Eckhardt, Mathhias Hacker, Reinhardt Winter, Patrick Lammer, Jörg Stelling und Marcus Thill; Buch und Regie: Charles Lewinsky.

www.stadttheater.org

Wien, 1. 9. 2014