Salzburger Festspiele: Don Juan kommt aus dem Krieg

August 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Ende im Eisblock begraben

Max Simonischek, Elisa Plüss Bild: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Max Simonischek, Elisa Plüss
Bild: © Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Andreas Kriegenburg ist die perfekte Mischung aus Theatermagier und Handwerker. Nun hat der Regisseur erstmals bei den Salzburger Festspielen inszeniert. Auf der Pernerinsel. Ödön von Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“. Es schneit unentwegt auf die leere Bühne. Von der Decke hängen abertausende Feldpostkarten ab. Neun Frauen (Sonja Beißwenger, Olivia Grigolli, Sabine Haupt, Traute Hoess, Elisa Plüss, Nele Rosetz, Janina Sachau, Natali Seelig und Michaela Steiger) versuchen diese Wortfetzen zu erheischen. Mit ihnen haben sie sich ihr Bild vom Mann gebildet. Und dann steht er da, das Mannsbild: Max Simonischek mit Helm und Gasmaske. Doch er ist nicht der, den die Frauen ihn ihm sehen. Kein Kriegsheld, kein „freier Mann“. Sondern ein Gefangener, ein Suchender nach der einen, von der die Zuschauer wissen, dass sie schon tot ist. Simonischek spielt verhalten, unterdrückt seine objektiv vorhandene Attraktivität, wird auch als Zivilist zum Getriebenen. Ein Orpheus, den die Mänaden, die noch amouröse Rechnungen mit ihm offen haben, in Stücke reißen.

Die Weiber bringen sich in Stellung. Reißen sich das Trauerschwarz vom Leib und tauchen ein in Kleidchen, die schnell gelüpft sind. Die Gesichter zu weiß, die Lippen zu rot oszillieren sie zwischen Brecht’scher Aufführungspraxis und Clownerie. Ihre „Liebe“ ist eine bizarre Angelegenheit, so hoffnungslos wie deformiert wie karikaturenhaft. Sie sorgen auch für die Musik – eine Reverenz (?) an Mozart/Da Ponte – des Abends von Schrillsopran bis Orgelalt. Die stimmliche Kammermusik steigert sich gelegentlich zum grellen Getöse. Marktschreierischem lässt Kriegenburg Momente des Stillstands und der Stille folgen.

Don Juan konstatiert, dass auch hinter der Front der Mensch verlernt hat, Mensch zu sein. Die Menschinnen lassen den vom Verführer zum Liebestöter Degradiertem ihren Hass spüren. In einer zugefrorenen Hölle. Kriegenburg setzt da noch eins drauf, die Frauen zerren  Eisblöcke auf die Bühne, um dem einstigen Idol ein eisiges Grab zu bereiten. Wiewohl man auch das zweideutig deuten kann. Der Samen, der gesät werden soll, hat’s gern kühl. Deshalb liegt er außerhalb des Körpers und drei Grad unter dessen durchschnittlicher Temperatur.

Wie auch immer: Kriegenburg gestaltete einen mutigen Abend, der mit ebenso viel Applaus belohnt, wie mit Buhs bestraft wurde.

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Wien, 19. 8. 2014