Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

August 14, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten, die die Geschichte schreibt

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDass der Wiener Schriftsteller Robert Seethaler immer noch ein bisschen Geheimtippstatus hat, ist eine Frechheit. Gerade eben liegt nämlich sein fünfter Roman vor, „Ein ganzes Leben“ auf 160 Seiten. Und er ist so brillant und liebevoll, wie seine Vorgänger. Seethaler schreibt Geschichten, die das Leben schreibt. In diesem Fall folgendes: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Seine Mutter ist tot, seinen Vater kennt er nicht, der Großbauer Kranzstocker nimmt ihn widerwillig auf, Andreas Mutter war eine entfernte Verwandte von ihm. Schäbig wird er behandelt, zum Krüppel geschlagen. Doch er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen.

Eine einfache und tief bewegende Geschichte. Und rundum gelungenes Futter für die Seele. Und wie immer bei Seethaler akribisch recherchiert. Die Geschichte über den Bau der ersten Bergbahnen ist Fakt, das harte Leben der Bergbauern auch. Anderes ist Fiktion. Ein neuer Roman von Robert Seethaler ist immer wie ein Geschenk, das einen Staunen, Lachen und Weinen macht. Auch diesmal sollten Taschentücher griffbereit liegen.  Hochachtung spürt man, vor einem wie dem Egger Andreas, der in seinem  Leben so beständig, so ruhig, so unaufgeregt durch alle Katastrophen und Tragödien geht. Um das zu beschreiben, braucht der Autor nicht viele Worte. Was und wie er schreibt ist sehr still, leise, und hat dennoch einen großen Klang. Und großen Nachklang beim Leser. Man wünscht diesem Buch sehr viele davon.

Über den Autor:

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Sein vierter Roman „Der Trafikant“ wurde zu einem großen Publikumserfolg. „Ein ganzes Leben“ ist sein erstes Buch bei Hanser Berlin. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben. 160 Seiten. Hanser Literaturverlage.

TIPP: Der Trafikant. www.mottingers-meinung.at/robert-seethaler-der-trafikant/Robert Seethaler erzählt die Geschichte von Franz, Freud und Anezka im Wien der 30er-Jahre. Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik – einem Tabak-und Zeitungsgeschäft – sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von dessen Ausstrahlung. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern. Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt und in eine tiefe Verunsicherung stürzt, sucht er bei Professor Freud Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse. Und schon bald werden sie – und Anezka – jäh vom Strudel der Ereignisse auseinandergerissen. Der Trafikant landet als „Judenfreund“ am Morzinplatz; seine einbeinige Erster-Weltkriegsversehrten-Hose wird, von Franz nächtens am Gestapo-Fahnenmast aufgezogen, zum Fanal: Widerstand!  … Ein hinreißendes Buch. Eine Kostbarkeit.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 14. 8. 2014