Stewart O’Nan: Die Chance

August 12, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Knapp verpasst

978-3-498-05042-9Es ist nicht Stewart O’Nans bestes Buch. Es wirkt wie eine Miniatur, die er zwischen zwei großen Würfen hingeworfen hat. Es kann sich in keiner Weise mit „Abschied von Chautauqua“ und dem Folgeroman „Emily, allein“ messen. Irrtümer gibt’s schon bei der Gestaltung des Buches: Der Originaltitel „The Odds. A Love Story“ bedeutet viel mehr als „Die Chance“. Von die Wettquoten und Wahrscheinlichkeiten bis zu die Reste. Phil Collins‚ berühmtes „Against all Odds“ bedeutet auch „gegen alle Schwierigkeiten“. Und gegen die gehen Marion und Art Fowler, die Protagonisten des Buches, an. Allerdings nicht, wie der Umschlag vermuten lässt, in einer billigen Absteige, sondern in der teuersten Suite eines kanadischen Hotels an den Niagarafällen. Trotz aller dieser verpassten Chancen ist O’Nans jüngster Roman durchaus lesenwert. Vor allem, wenn man Sinn für Satire hat.

Marion und Art sind also unterwegs in einen dieser Casinoalbträume. In einer Sporttasche haben sie ihr letztes Geld. Das soll sich mehren, denn die Fowlers sind Opfer der US-Wirtschaftskrise. Sie haben alles verloren, bald auch das Haus, jedenfalls schon ihre Ehe. Sein Seitensprung flog auf (ihrer nicht) und hängt nun als ewige Anklage im Raum. Man hofft auf Arts Art am Roulettetisch zu gewinnen, den Finanz-GAU abzuwenden; dann will Marion ihrer Wege gehen, Art hingegen tut alles für ein neues Aufflammen der Liebe. Viel des Geschriebenen spielt sich in den Köpfen der Figuren ab. Das Ende überlässt O’Nan den Lesern, sie dürfen im Geiste selbst fertigschreiben, wie die Story, wenn die beiden erst wieder daheim sind, weitergeht.

O’Nan bewegt sich auf seinem gewohnten Terrain: Leben und Leiden der amerikanischen Mittelklasse. Das kann er mittlerweile so gut, dass ihm Marion und Art hier zu Schablonen geraten. Jede Wendung ist kalkuliert, dennoch so aus dem Alltag gegriffen, dass es einen als Ehebündler (Latein für „errare humanum est“) Lachen macht. Wenn der Liebste noch eine Attraktion aus dem Sightseeing-Zylinder zaubert, während man selbst schon die Blase an der Ferse wachsen hört. Wenn man beim Candlelightdinner heiter Gourmetlaune vortäuscht, um den anderen nicht zu enttäuschen, während einem die Magengrippe selbigen um und um dreht. Wenn man beim Rockkonzert – hier sind’s die Wilson-Schwestern Sängerin Ann und Leadgitarristin Nancy von „Heart“ www.youtube.com/watch?v=p0OX_8YvFxA – das gemeinsame Verfallsdatum von Band und Fans feststellt. Das alles liest sich flockig, lässt aber den schalen Geschmack zurück, dass der Autor seinen Figuren mehr Leidenschaft, mehr Zorn, mehr Verzweiflung, mehr irgendwas einhauchen hätte können. Sie sind wie die Holzpuppe Pinocchio, und man wünscht doch so sehr, sie wären Menschen geworden.

O’Nan hat die Welt der Literatur vor gar nicht allzu langer Zeit mit einer Revolution überrollt, ohne sich das Prädikat Popliterat umhängen zu lassen. Mit „Die Speed Queen“, die vor ihrer Hinrichtung in der Todeszelle ihre Lebensgeschichte auf Tonband spricht; mit „Engel im Schnee“, dem verpfuschten Leben der Annie Marchand und den zerstörerischen Kräften dieser Vorstadthausfrau; mit „Halloween“, in dem die Geister dreier bei einem Autounfall verstorbenen Teenager die letzten beiden Überlebenden holen kommen – als Akt der Gnade. Auch in „Die Chance“ ist O’Nan am besten, wenn’s abwegig wird. So wie er den Wasserfälle-Zirkus beschreibt, hat er garantiert alle 108 Sehenswürdigkeiten besichtigt. Vom Dinosaur Adventure Golf bis zur Journey Behind the Falls. Eine der schönsten Stellen, wie Marion und Art in einem Imax landen – weil Blase an der Ferse – und einen ewig langen, historischen Abriss, natürlich gesprochen von Donald Sutherland, zu hören und sehen bekommen. Mit der gleichen Akribie beschreibt O’Nan die Warteschlangen vor Toiletten und den Kassen der Souvenirläden, die Wahnsinnigen vor den Glücksspielautomaten – es gibt einen eigenen Sicherheitsgurt für Rollatoren, damit die Senioren nicht davonrollen, den hysterischen Menschenstau in allen Lokalen. Wie gemütlich, wenn man gerade bestellt hat und ein Hintermann bereits aufs Freiwerden des Stuhls geiert. Das alles zu beschreiben hat O’Nan offensichtlich tierisch Spaß gemacht.

Immerhin: O’Nan ist einer, der seine Figuren niemals verrät, niemals im Stich lässt. Und so hält er auch zu Marion und Art. Die Botschaft stimmt versöhnlich, dass man die Fälle hinaufschwimmen kann, während man schon alle Felle davonschwimmen sieht. Ansonsten heißt’s warten aufs nächste Werk. Das wird bestimmt wieder ein ganz großes.

Über den Autor:

Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Literaturwissenschaft. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut.

Stewart O’Nan: Die Chance. 224 Seiten. Rowohlt Verlag. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

Wien, 12. 8. 2014

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