Leonardo Padura: Ketzer

August 11, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Freiheit zu wählen

00_Padura_Ketzer.inddLeonardo Padura ist ein Unbequemer, Nicht-Angepasster. Und darum beschäftigt sich der kubanische Autor auch mit Themen, die von einigen nicht goutiert werden. Denn die heile Welt gibt es für Padura nicht. Die Außenseiter bzw. die als solche gebrandmarkt werden, sind es, die ihn interessieren. Schon in seinem letzten Roman „Der Mann, der Hunde liebte“, in dem er das Leben Leo Trotzkis und seines Mörders Ramón Mercader nachzeichnet, hat der Kubaner reale historische Vorgänge zum Anlass genommen, um über große Fragen zu reflektieren: In jenem Falle über den Stalinismus und damit auch über das Scheitern des Sozialismus. Nun ist dem 1955 in Havanna Geborenen wieder ein Meisterwerk gelungen.

Mit „Ketzer“ hat er einen Roman mit drei Handlungssträngen geschrieben, der sowohl in der alten als auch in der neuen Welt spielt, und um ein zentrales Thema kreist: Der Suche nach Freiheit, der persönlichen Freiheit entscheiden zu können wie man lebt, wo man lebt und was man macht. Das verbindet ein junges Emo-Mädchen 2008 in Havanna mit der jüdischen Diaspora des 17. Jahrhunderts bis in die 30er- und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Dem Autor gelingt es sprachlich vielschichtig, auf spannende Weise vom Schicksal Unangepasster, Ausgestoßener zu erzählen, die sich von Autoritäten nicht zerstören lassen, aber dafür einen hohen Preis zu zahlen haben. Das Buch ist aber auch ein Krimi, der Historie und Gegenwart, Fakten und Fiktion, Kunst und Religion sowie Unterdrückung und Widerstand in sich vereint.

Ausgangspunkt ist eine wahre historische Begebenheit: 1939 wurde 937 jüdischen Flüchtlingen an Bord des Linienschiffes MS St. Louis die Einreise nach Kuba verweigert. Es waren überwiegend deutsche Juden, die in Berlin kubanische Visa erworben hatten. Doch im Hafen von Havanna angekommen, verlangte die Regierung Kubas auf einmal viel Geld für ihre Einreise. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, und am Ende musste das Schiff nach Europa zurückkehren, denn die Flüchtlinge wurden auch von den USA und Kanada nicht aufgenommen. Die meisten kamen schließlich während des Holocaust ums Leben.

Und so beginnt auch der erste Teil des Romans, „Das Buch Daniel“. Der achtjährige Daniel Kaminsky wartet an Land und sieht Vater, Mutter und Schwester winken. Mit einem Bild von Rembrandt, seit Generationen im Besitz der Familie, hoffen sie, sich freizukaufen. Doch statt dessen müssen sie nach Europa zurück, in den sicheren Tod. Daniel Kaminsky trifft daraufhin „in seinem Schmerz die gewichtige Entscheidung, sich aus freiem Willen und aus tiefstem Herzen von seinem Judentum loszusagen.“
Auch das Gemälde verschwindet. Start für eine geschickt konstruierte Kriminalgeschichte, die bis ins 21. Jahrhundert reicht. Denn 2007 taucht bei einer Auktion in London ein bislang unbekanntes „Christus-Porträt“ von Rembrandt auf. Herkunft und Eigentümer bleiben vorerst unbekannt. Ex-Polizeikommissar Mario Conde, Protagonist aus Paduras Krimi-Reihe „Havanna-Quartett“, mit der er international bekannt geworden ist, macht sich daraufhin in Daniels Auftrag in Havanna auf die Suche nach den Geheimnissen des Bildes und der Familie Kaminsky. Der Fall führt durch die Jahrhunderte.

Andere Zeit, anderer Ort. Zweites Buch: „Das Buch Elias“. Amsterdam, 1648. Elias Ambrosius Montalbo de Ávila, ein Junge aus einer alten sephardischen Familie, wird von Meister Rembrandt als Schüler aufgenommen. Seine Leidenschaft zu malen hält er geheim, denn dafür würde er von der jüdischen Gemeinde als Ketzer gebrandmarkt werden. Doch wie ihm schon sein aufgeschlossener Lehrer ben Israel gelehrt hat: „Die Freiheit der Wahl musste das oberste Recht des Menschen sein, da es ihm vom Schöpfer von Anbeginn der Welt verliehen wurde, zu seiner Rettung oder zu seinem Verderben, aber immer zu seinem Gebrauch.“ Elias handelt nach dieser Maxime und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Als Rembrandt ihn eines Tages ruft, um ihn zu porträtieren, weiß der Junge noch nicht, dass er für den Christus in „Die Pilger von Emmaus“ Modell stehen soll. Der mächtige Rabinerrat verstößt Elias aus der Stadt, denn mit seiner Malerleidenschaft hat er gegen die religiösen Gesetze verstoßen. Vor seiner Flucht klopft es nachts an seiner Tür: Rembrandt gibt ihm sein Porträt mit auf den Weg ins Exil. Nach vielen Stationen, dazwischen liegen unzählige Pogrome am jüdischen Volk, landet das Bild schließlich bei den Kaminskys – bis zu jenen verhängnisvollen Tagen im Jahr 1939.

Im dritten Teil, dem „Buch Judith“ tritt der in die Jahre gekommene und sich mehr recht als schlecht über Wasser haltende Conde wieder in den Mittelpunkt. Auf seinen Recherchen nach dem Verbleib des Gemäldes kommt er mit der Welt der jugendlichen Subkulturen Havannas in Kontakt, eine ihm fremde, unverständliche Welt der Rockeros, Rastas und Emos mit ihrer eigenen Sprache, Ritualen – die bis zur Selbstverletzung reichen –, und Gesetzen, die der Ex-Polizist nicht versteht. Er, ein eher melancholischer, nostalgischer Mensch, fühlt sich mit seinen alten Freunden, die sich gerne zu Trinkgelagen zusammenfinden, zunehmend wie ein Fremder in seiner Heimat. Leonardo Padura spart dabei auch nicht mit Kritik an dem kubanischen Regime. Die, die im Namen der Freiheit gegen Diktator Batista angetreten sind und ihn 1959 gestürzt haben, haben die Freiheit monopolisiert. Alle Menschen sind gleich, aber manche eben gleicher …
Eine der jungen Emos ist Judith, die sich die Freiheit genommen hat, so zu leben wie sie möchte. Das Rätsel ihres Verschwindens löst Conde ebenso wie das Geheimnis, um den Verbleib des Rembrandt-Gemäldes. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Einzige, was dir bleibt, das Einzige, was dir wirklich gehört, die Freiheit der Wahl ist: „Zu etwas zu gehören oder zu nichts zu gehören. Zu glauben oder nicht zu glauben. Sogar: zu leben oder zu sterben.“

Über den Autor:
Eigentlich hatte der 1955 in Havanna geborene Autor Leonardo Padura seine Karriere als Journalist begonnen: Nach dem Abschluss des Lateinamerikanistik-Studiums in Havanna schrieb er zunächst für die Zeitschrift El Caimán Barbudo. Drei Jahre später wurde er wegen „ideologischer Probleme“ zur Zeitung Juventud Rebelde strafversetzt. Bald gehörten seine Reportagen zu den meistgelesenen in Kuba, vielleicht auch deshalb, weil er sich nicht scheute, auch unbequeme Themen aufzugreifen. Nach 1989 folgten sechs Jahre als Chefredakteur bei der Kulturzeitschrift La Gaceta de Cuba.
Die Kriminalromane seines „Havanna-Quartetts“ sind für Leonardo Padura auch ein Vorwand, um von der kubanischen Gesellschaft zu erzählen, und das Gewissen seiner Generation einer Prüfung zu unterziehen. Vor dem Havanna-Quartett, das ihn international bekannt machte, veröffentlichte Padura einen Roman sowie mehrere Bücher mit Erzählungen und Reportagen, für die er in Kuba und auch international verschiedene Preise erhielt, darunter mehrmals den spanischen Premio Hammett sowie 2012 den kubanischen Staatspreis Premio Nacional de Literatura de Cuba. Leonardo Padura lebt in Kuba.
Zuletzt im Unionsverlag erschienen: „Der Mann, der Hunde liebte“.

Unionsverlag, Leonardo Padura: „Ketzer“,656 Seiten. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein.

www.unionsverlag.ch

Wien, 11. 8. 2014