Art Carnuntum: Much Ado About Nothing

Juli 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe Theatre spielte sich

wieder einmal in die Herzen der Zuschauer

Bild: Bronwen Sharp

Bild: Bronwen Sharp

Sie packten natürlich gleich ihre Instrumente aus. Gitarre und Akkordeon, Melodicas, Trommeln, Tamburine und eine Posaune. Die Schauspieler des Londoner Shakespeare’s Globe Theatre können alles. Musizieren, singen, tanzen, spielen – und wie! – und: unterhalten. Dieses Jahr waren sie mit der Komödie „Much Ado About Nothing“ (Viel Lärm um nichts) in der Regie von Max Webster bei Art Carnuntum im römischen Amphitheater zu Gast. Ein freudvoller, vergnüglicher Abend, bei dem manche Dame aus dem Publikum die Pirouetten mitdrehen, nein, nicht musste, sondern durfte. Die Gentlemen sind charmant. Und immer höflich. Shakespeare at its best das machen die Briten mit nicht viel mehr als einer Pawlatschen als Bühne, einer Wäscheleine und ein paar Klappstühlen. Der britische Barde hätte wahrscheinlich sogar noch diese Requisiten auf Taferln schreiben lassen.

Die Handlung von „Much Ado About Nothing“ ist mehr als nur ein bissl verzwickt. Hier ein Versuch: Don Pedro, Prinz von Aragon (Jim Kitson) macht auf dem Rückweg von einem Krieg Station beim noblen Leonato (Robert Pickavance, der als Gastgeber erst das Publikum entzückend auf Deutsch willkommen heißt). Im Gefolge von Don Pedro sind der ewige Junggeselle Benedick (Simon Bubb), der jugendlich hitzige Claudio (Sam Phillips) und Don Pedros Bruder, der gerade erst in Gnaden wieder aufgenommene, bösartige Don John (Chris Starkie, so sinsiter in seiner Erscheinung, dass man ihn gleich beim ersten Monolog als den Schurken im Stück entlarvt). In Leonatos Haushalt leben seine Tochter Hero (Gemma Lawrence) und seine Nichte Beatrice (Emma Pallant). Es folgt, was folgen muss: Liebe und Intrige. Davon zwei gute und eine garstige. Claudio will Hero freien. Don John plant mithilfe seines Gefolgsmannes Borachio (Joy Richardson, die auch eine hinreißende Margaret und ein bestimmter Friar Francis ist), die Hochzeit zu durchkreuzen. Borachio muss an Heros Fenster eine Liebesszene vollziehen, so dass man denken muss, sie sei ein Flittchen. Die üble Tat wird aufgedeckt, Hero vom Friar als vor Gram verstorben ausgegeben, damit alle Männer, die so leicht an ihre Leichtlebigkeit glaubten, bestraft werden. In der Zwischenzeit fetzen sich Benedick und Beatrice, so dass die Edelmänner beschließen, die beiden durch hier und da hingeworfene Worte gegenseitiger Liebe zu einem Paar zu machen. All’s Well That Ends Well. Sozusagen.

Die Darsteller sind allesamt herausragende Komödianten. Brilliantly witty. An ihrer Spitze Simon Bubb, in einer Szene Berufszyniker, in einer anderen glaubhaft mit Tränen in den Augen ob Heros Schicksal. Chaplinesk die Slapsticksequenz, in der er mit dem Aufstellen eines Klappstuhls kämpft, ein schrulliges Kabinettstück, wie er sich während einer ihm zuwideren Musikeinlage beim Maskenball versucht, die Ohren zuzustopfen – und trotzdem zuhören muss, weil ja von Beatrices Hingezogenheit zu ihm berichtet wird. Diese, Emma Pallant, steht ihrem Angedachten in nichts nach. Mit spitzer, schriller Zunge trägt sie den Sprachbattle aus, bis es zum ersten Kuss kommt. Claudio und Hero als ersthaftes Gegenpaar changieren zwischen süß verliebt, was ihm das Wort kostet und ihr rote Wangen malt, zu verzweifelt in ihrem Zerwürfnis. Endlich einmal ein Claudio mit Temperament, kein blasser Jüngling, der sich in „Verrat“ suhlt. Ein Highlight auch Robert Pickavance, der (alle verkörpern ja mehrere Charaktere) als weißbärtige Kammerzofe Ursula die Lacher sicher auf seiner Seite hat. Ebenso großartig die Szene, in der der Adel (Kitson, Bubb, Pallant, Phillips …) sich in die dümmliche Nachtwache verwandeln. Der „Fürst“ ein Stotterer, die Edlen Idioten – und ein weiterer großer Auftritt von Sam Phillips, der als First Watchman in schlimmstem Slang irgendwas erzählt, das keiner versteht – außer, dass die Verbrecher dingfest gemacht sind.

Ach, man könnte so weiter und weiter schreiben. Oder einfach: Until Next Year! Cheers!

TIPP: Mastermind Piero Bordin ist  ein weiterer Coup gelungen: Erstmals ist auch polnisches Theater bei Art Carnuntum zu Gast. Das Chorea Teatr Lodz unter der Leitung von Tomasz Rodowicz beschäftigt sich seit Jahren mit der griechischen Tragödie und zeigt bei vielen Festivals seine avantgardistischen, gleichzeitig authentischen Inszenierungen der klassischen Dramen. Im Amphitheater ist am 19. Juli Euripides “Bacchantinnen” in polnischer Sprache zu sehen. Die Aufführung ist im ersten Teil tänzerisch, im zweiten eine Impression der Chorforschung über die griechische Antike – was insgesamt einen archaischen, mythisch-mystischen Abend ergibt.

www.artcarnuntum.at

Trailer “Bacchantinnen”: www.youtube.com/watch?v=b_pr8PbAa4E&list=UUp4Y75CzWyqG8iPjTm3ZeWg