Swetlana Alexijewitsch: Zinkjungen

Juni 27, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Moskaus Vietnam

Alexijewitsch_24528_MR.inddGeschichte hat immer auch mit „Nicht vergessen“ zu tun. Und das hat Swetlana Alexijewitsch mit ihrem Buch „Zinkjungen“ eindrucksvoll getan, das nun in erweiterter, aktualisierter Neuauflage vorliegt. Der Anlass ist ein aktueller: Die russische Annexion der ukrainischen Krim. Die gesamte Welt wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Konflikt zwischen beiden Staaten schwelt weiter.
Der Krieg, den die damalige UdSSR 1979–1989 in Afghanistan führte (Vorgeschichte und Kriegsfolgen siehe unten), gilt als das „sowjetische Vietnam“. Eine Million Soldaten durchlebten das Grauen, mindestens 50.000 starben. Der Anlass zum Einmarsch war bei den Haaren herbeigezogen. Dafür sollte alles rasch erledigt sein. Doch die Machthaber in Moskau irrten. Ein jahrelanger Krieg mit schließlich leisem Rückzug der Supermacht waren das Ergebnis.
Das Regime selbst verschwieg der Öffentlichkeit die brutale Realität. So wurden die verstümmelten Leichen der gefallenen Soldaten den Angehörigen schon bald nur in zugeschweißten Zinksärgen übergeben. Aufmachen verboten! Umso schockierter reagierte die sowjetische Gesellschaft, als Anfang der 1990er Jahre das wahre Ausmaß der Tragödie bekannt wurde – nicht zuletzt durch Alexijewitschs mutiges Buch „Zinkjungen“. Darin lässt die gebürtige Weißrussin überlebende Soldaten, Krankenschwestern, Witwen und Mütter von Gefallenen zu Wort kommen und führt den Leser so das Trauma einer ganzen Gesellschaft vor Augen. Da sitzt etwa ein junge Soldat ohne Arme im Lazarett, daneben einer ohne Beine, der für ihn einen Brief an dessen Mutter schreibt oder eine Zivilbeschäftigte erzählt, dass sie nach Afghanistan gegangen ist, weil sie alles geglaubt hat, was in der Zeitung steht oder eine Mutter berichtet über ihren zurückgekehrten, traumatisierten Sohn, der eines Abends mit dem Küchenbeil einen Menschen zerstückelt.
Die Motive der Soldaten waren unterschiedlich. Viele junge Rekruten wurden einfach eingezogen und nach Afghanistan geschickt. Dass sie dort Kanonenfutter waren, begriffen einige recht schnell. Doch gegen die Einberufung und das System Widerstand zu leisten war fast unmöglich. Allerdings: Auch in der UdSSR konnte man seine Lieben „freikaufen“. Mit den nötigen Kontakten und einer dicken Geldbörse war vieles möglich. Manche gingen freiwillig. Die meisten Soldaten glaubten anfangs – wie es der Breschnew’sche Propagandaapparat postulierte – ihre internationale Pflicht erfüllen zu müssen und dem sozialistischen Nachbarvolk gegen eine vor der Tür stehenden US-Intervention zur Seite zu stehen. Haben nicht auch das Pentagon und mehrere US-Präsidenten den US-Boys in Vietnam, tausende Kilometer entfernt von ihrer Heimat, eingetrichtert, in einem kleinen ostasiatischen Staat für die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu kämpfen und ihr Land gegen die „rote Gefahr“ zu verteidigen? Doch auf den Hurra-Patriotismus folgte hier wie dort rasch die Ernüchterung. Was haben wir in Afghanisten/Vietnam zu suchen? Frieden bringen? Und zu welchem Preis?
Aber nicht nur die UdSSR hat Afghanistan den Krieg erklärt, auch Swetlana Alexijewitsch wurde nach dem Erscheinen der „Zinkjungen“ von einflussreichen Kreisen der Krieg erklärt. Die Schriftstellerin wurde beschuldigt, einige Berichte von „Afghanen“ (so wurden die Sowjetkämpfer genannt) und deren Mütter verzerrt und verfälscht zu haben. Im Jänner 1992 begann der Prozess gegen die Autorin im weißrussischen Minsk. Interessantes Detail: Die Pressemeldung über den Beginn des Prozesses war geschrieben, noch bevor die Richterin selbst eine Akte zum Fall angelegt hatte! Der Prozess dauerte mehr als ein Jahr. Den Klagen zweier Personen auf Verletzung von Ehre und Würde wurde teilweise stattgegeben, Alexijewitsch’s Antrag auf ein literarisches Sachverständigen-Gutachten vom Gericht abgelehnt. Die Autorin hat den Gerichtssaal vor Prozessende mit den Worten verlassen: „Als Mensch habe ich um Verzeihung gebeten dafür, dass ich Schmerz bereitet habe … Als Schriftstellerin kann ich nicht, habe ich nicht das Recht, für mein Buch um Verzeihung zu bitten. Für die Wahrheit!“

Über die Autorin:
Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, u.a.1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011) und dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011). 2013 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Weitere Bücher der Autorin: „Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg“, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ und „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Alle erschienen bei Hanser Berlin

Hanser Berlin, Swetlana Alexijewitsch: „Zinkjungen “, 320 Seiten. Aus dem Russischen übersetzt von Ingeborg Kolinko und Ganna-Maria Braungardt

www.hanser-literaturverlage.de

Kurze Geschichte des Afghanistan-Krieges

Am 17. Juli 1973 wird König Mohammed Sahir Schah während seines Italien-Aufenthalts abgesetzt und sein Cousin und langjähriger Ministerpräsident Mohammed Daoud Khan übernimmt die Macht. Unterstützt wird er von der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans.
Ab 1977 nehmen die Spannungen zwischen den auf Druck der sowjetischen Regierung wiedervereinten rivalisierenden Fraktionen der afghanischen Kommunisten (die Nur Muhammad Taraki und Hafizullah Amin geführten paschtunisch geprägten Chalqis und die Partschamis unter Babrak Karmal) und dem Regime Daoud , das eine auf Blockfreiheit  ausgerichtete Außenpolitik betreibt, zu.
Nach der Ermordung eines KP-Ideologen kommt es zum Putsch gegen Daoud (Saur-Revolution), der zusammen mit seiner Familie ermordet wird (28. April 1978).
Die Spannungen innerhalb der Kommunisten eskalieren erneut. Die Chalqis gewinnen den innerparteilichen Machtkampf und säubern die Partei von Angehörigen des Partscham-Flügels. Mit Hafizullah Amin an der Spitze versuchen sie mit brutalen Mitteln eine revolutionäre Transformation des Landes. Amin verliert die Unterstützung der UdSSR. Deren Versuch, Amin durch eine Koalition von Taraki und Karmal abzulösen, schlägt fehl. Amin lässt Taraki ermorden und sendet in der Folge positive Signale an die Vereinigten Staaten. Im Land herrscht Chaos. Moskau entscheidet sich schließlich für die Invasion (einigen Game-Theory-Theoretikern zufolge wurde die UdSSR in eine u.a. vom CIA gründlich vorbereitete Falle gelockt: „Jetzt haben wir sie – die Russen – dort, wo wir sie haben wollen“). Die Rote Armee marschiert im Dezember 1979 in Afghanistan ein, Amin wird im Präsidentenpalast getötet, Babrak Karmal von Moskau als neuer afghanischer Präsident eingesetzt. Die Sowjetunion erklärt, ihre Truppen nach der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung binnen weniger Monate wieder abzuziehen. Fast zehn Jahre Besatzung sollten folgen. Die Bilanz: Weite Teile des Landes wurden verwüstet, mindestens eine Million Afghanen kam ums Leben, dazu 50.000 sowjeische Soldaten, Millionen Menschen verloren ihr gesamtes Habe, viele flohen nach Pakistan und in den Iran. Schon bald nach dem Einmarsch formiert sich die Opposition – bestehend aus Royalisten, Nationalisten, regionalen Warlords und Islamisten. Den besonders von Saudi-Arabien, aber auch von den USA und anderen Staaten militär-technisch und finanziell unterstützten Mudschahidin, schließen sich immer mehr islamistische Kämpfer aus arabischen/islamischen Staaten an – einer davon: Osama bin Laden. Die Saat für die künftige Taliban-Bewegung ist gesät. Militärisch tritt Mitte der 80er Jahre eine Pattsituation ein.

Unter der neuen Führung Michail Gorbatschows arbeitet die UdSSR schrittweise auf einen Truppenabzug hin. Karmal wird durch Muhammid Nadschibullah ersetzt, der eine nationale Aussöhnung einleiten soll. Die im April 1988 von Afghanistan, Pakistan, der Sowjetunion und den USA unterzeichneten Genfer Abkommen legen schließlich einen vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen bis zum Februar 1989 fest.
Auch nach dem sowjetischen Abzug ist von Frieden keine Rede. Die Kämpfe zwischen den Aufständischen und der weiterhin durch sowjetische Lieferungen gestützten Zentralregierung halten an. Die Auflösung der UdSSR 1991 und das damit verbundene Ende der sowjetischen Hilfe, zieht rasch den Zusammenbruch der Zentralregierung in Kabul nach sich. Nadschibullah wird 1992 abgesetzt, 1996 von den neuen Machthabern, den Taliban, ermordet.
Im folgenden Bürgerkrieg erweisen sich die Taliban als stärkste Kraft. 1996 erobern sie Kabul, übernehmen die Macht im Großteil des Lande und errichteten einen auf einer extremen Auslegung der islamischen Scharia  basierenden islamischen Gottesstaat. Zunehmend gerät die Taliban-Bewegung unter den Einfluss von Osama bin Laden und der von ihm geführten Al Qaida. Der Bürgerkrieg geht weiter. Als Reaktion auf die durch Mitglieder der Al Qaida verübten Anschläge vom 11. September 2001  interveniert im Oktober eine US-geführte Koalition. Sie führt zum Sturz der Taliban-Regierung und leitet mit der Stationierung von NATO-Truppen eine neue Phase direkter ausländischer Beteiligung am afghanischen Konflikt ein.
Am 9. Oktober 2004 wird Harmid Karzai mit einer Mehrheit von mehr als 55 % der abgegebenen Stimmen zum Präsidenten gewählt und im August 2009 wiedergewählt.
Am 14. Juni 2014 findet die Stichwahl zum Präsidentenamt zwischen dem früheren Außenminister Abdullah Abdullah und dem ehemaligen Finanzminister Ashraf Ghani Ahmadzai statt. Abdullah gilt als Favorit. Erste vorläufige Wahlergebnisse werden vorrausichtlich am 2. Juli bekannt gegeben, einen Monat später wird der neue afghanische Präsident vereidigt.

Buchtipps:
„The Afghanistan Wars“, William Maley
„Afghanistan – The Soviet War“, Edward R. Girardet
„Sturz ins Chaos“, Ahmed Rashid