Volksoper: Gypsy

September 11, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

A Musicalstar is born

Tingel-Tangel-Familie: Toni Slama  als Herbie, Lisa Habermann  als Louise, Marianne Curn als June und Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Riesenjubel und -applaus endete Sonntagabend die Eröffnungspremiere der Volksoper. Direktor Robert Meyer hat einmal mehr eine Musicalrarität ans Haus geholt, „Gypsy“, und für diese Maria Happel in der Hauptrolle. Es ist das erste Mal, dass die Burgschauspielerin in einem klassischen Musical spielt, und sie singt und swingt und tanzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. A Musicalstar is born!

Wie ein Hurrican wirbelt ihre „Mama Rose“ über die Bühne, den Mops in der Tasche, ihre beiden Töchter an der Hand – und schon ist man mitten drin im Chaosleben der Vaudeville-verrückten Übermutter. „Gypsy“ erzählt die wahre Geschichte der Rose Thompson Hovick, die in den 1920er-Jahren der USA aufbrach, um ihre beiden Töchter zu Bühnenstars zu machen. Dazu tingelte die kleine Truppe, die Rose rund um die Mädchen aufgestellt hatte, quer durch die Vereinigten Staaten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das Ende des Vaudeville war bereits eingeläutet, und Karriere auf diesem Gebiet eigentlich nicht mehr machbar.

Rose, von ihrer Biografin nicht von ungefähr „Dr. Jekyll and Mrs. Hovick“ genannt, verschliss Bühnen- wie Lebenspartner, und trieb Baby June und Louise zu Höchstleistungen an. Beide Töchter wendeten sich schließlich von ihr ab: June brannte durch, mit 13!, heiratete und wurde eine erfolgreiche Schauspielerin, Louise unter dem Künstlernamen „Gypsy Rose Lee“ zum Burlesque-Star. Beide therapierten ihre schwierige Beziehung zu ihrer Mutter in Autobiografien.

Louises Aufzeichnungen nahmen Liedtexter Steven Sondheim, Autor Arthur Laurents und Komponist Jule Styne als Vorlage für ihr 1959 am Broadway uraufgeführtes Musical „Gypsy“. Diesem konnte die Kritik gar nicht genug Rosen streuen. Man schrieb von endlich einer Charakterrolle in einem Musical, nannte die Rolle der Mama Rose „die frivole Antwort auf King Lear“, und das Stück schließlich gar „die Mutter aller Musicals“. Apropos, Rosen: Einer der größten Hits in „Gypsy“ ist „Everything’s Coming up Roses“, außerdem bekannt sind „You’ll Never Get Away From Me“ und der Auftrittssong der Mädchen „Let Me Entertain You“, der sich wie ein roter Faden durch das Musical zieht.

Die  jungen Darsteller: Sophie Grohmann, Emil Kurz, Simon Gaunersdorfer, Louisa Popovic, Maria Happel, Sophie-Marie Hofmann, Lino Gaier, Lili Krainz und Toni Slama. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Die Zeitungsjungen-Nummer läuft Jahrzehnte: Lino Gaier, Louisa Popovic, Sophie-Marie Hofmann und Lorenzo Popovic. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper tauchen Regisseur Werner Sobotka und sein Ausstatterduo Stephan Prattes und Elisabeth Gressel lustvoll in die verwehte Welt des US-Unterhaltungstheaters ein, und machen den Abend zur schillernden Hommage ans eigene Metier. Sobotka inszeniert wie stets mit viel Liebe für Details, mit Witz und einem Hauch Satire. Vor allem nach der Pause, die Szenen in Minskys Burlesque-Theater, da lebt er seinen Hang zum Skurrilen aus. Die Optik wechselt zwischen showbiz-grellbunt und ärmlich-privat, hat Roses Truppe doch alles, nur kein Geld.

Happels Kostüme sind mitunter von atemberaubender „Hässlichkeit“, wenn Rose aus Schlafdecken Mäntel und Kleider näht, nur Baby June mit blondgefärbten Löckchen ist immer wie aus dem Schaufenster entwendet. Dirigent Lorenz C. Aichner macht das Volksopernorchester wieder einmal zur Big Band, schmissig schon die Ouvertüre während der alte Filmaufnahmen auf die Varieté-Atmosphäre einstimmen, und so wird den ganzen Abend mit Tempo und „Rums“ für die Bumps – dies der von Trommelwirbel begleitete Hüftkick der Tänzerinnen –  musiziert. Die Choreografien von Danny Costello sind lebhaft, very twenties und mit viel Stepptanz. „Gypsy“, das ist ein rundum sympathischer Abend.

Roses Truppe: Simon Stockinger, Peter Lesiak, Maria Happel, Georg Wacks, Oliver Liebl, Toni Slama, Maximilian Klakow und Marianne Curn. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak (mit Lisa Habermann) glänzt in einer einwandfreien Steppnummer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In dessen Mittelpunkt, wie gesagt, Maria Happel glänzt. Kaum geht der Vorhang hoch, ist man mitten drin in „Onkel Jockos Kindercontest“, bei dem Baby June das Publikum erstmals mit Piepsstimme beschwört: „Let me entertain you!“ Ein kecker Augenaufschlag, ein Spagat (tatsächlich wurde June von Pädophilen verfolgt), und eine Mutter, die es schafft sich selbst aus dem Hintergrund ihre Vorhänge abzuholen. Happel verleiht der Mama Rose herben Charme und Humor, doch nie vergisst sie die Tragik im Leben dieser Nervensäge, die ihre eigene verkorkste Existenz an ihren Töchtern gutmachen möchte.

Darstellerisch vielschichtig changiert sie zwischen liebevollem Muttertier und Mamamonster, dem der Familiensinn immer dann zu fehlen scheint, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Und wehe, sie wird böse! Ansonsten lacht und flirrt und strahlt sie – ganz perfekte Vermarkterin ihrer Mädchen. „Meine Töchter sind mein Job!“, rechtfertigt sie ihren Selbstverwirklichungstrip. In dieser ersten Szene brillieren eine Reihe von Kinderdarstellern als wären sie alte Theaterhasen, allen voran die großartigen Livia Ernst als Baby June und Katharina Kemp als Louise.

Beim Tingeln werden aus den angesagten „1,07 Meter pure Energie“ teenagerhafte 1,60 Meter, immer noch lautet der Song „Let me entertain you!“, immer noch folgt die Zeitungsjungen-Nummer, immer noch will Rose so beharrlich wie erfolglos ihre Töchter berühmt machen. Die Wienerin Marianne Curn und die Linzerin Lisa Habermann schlüpfen nun in die Rollen von June und Louise, beide debütieren in ihren Parts an der Volksoper, und überzeugen gesanglich wie darstellerisch. Während Curns June noch vor der Pause verschwindet, hat Habermann mehr Zeit einen Charakter zu gestalten – und sie nützt sie auch. Wie ihre Louise vom Entlein, der Mutter nur zweitliebste Tochter, meist in eine Bubenrolle verbannt und von der Truppe als „Kumpel“ wahrgenommen, zum strahlend schönen Schwan wird, diese Entwicklung arbeitet Habermann erstklassig heraus.

Zum hervorragenden Damentrio gesellt sich Toni Slama als Roses Lebensgefährte Herbie, ein geduldiger, gefühlvoller Mensch und Manager der Truppe, der nicht von ungefähr an Roses Seite ein Magengeschwür bekommt, und sie verlassen wird, als sie zum x-ten Mal die Hochzeit wegen eines Engagements verschiebt. Slama agiert mit viel Herz und (als ehemaliger Sängerknabe) mit einigem an Stimme, Happel und er sind jedenfalls ein hinreißendes Paar, auch wenn’s für Rose und Herbie nicht reicht. Aus den die Mädchen auf der Bühne umringenden „Jungs“ ragt Peter Lesiak als „Tulsa“ mit einer ausgezeichneten Steppnummer heraus. Wolfgang Hübsch hat einen Kurzauftritt als Roses Papa.

Im Burlesque-Theater: Christian Graf als Tessie Tura, Maren Kern, Martina Dorak, Jens Claßen, Simon Stockinger und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine letzte Aussprache, und schon hat Rose den Nerz: Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So vergehen die Jahre, in denen Rose nicht loslassen kann und immer noch zur Gute-Nacht-Geschichte antritt, ohne wahrhaben zu wollen, dass ihre Babys längst im gebärfähigen Alter sind. Die „Jungs“ hauen irgendwann ab, June ist weg, Rose fördert nun Louise – und befördert sie in Minskys Burlesque-Theater in New York. Dieser Abstieg entpuppt sich bald als Louises künstlerischer Aufstieg, die, zum ersten Auftritt von der Mutter gedrängt, Talent im Ausziehgenre zeigt.

Sobotka lässt eine illustre Truppe das Etablissement bevölkern. Neben Martina Dorak als trompeteblasender „Miss Electra“ (eine Art Xena, die Stripteaseprinzessin), gelingt Christian Graf als so abgebrühter wie abgeklärter Lehrmeisterin „Tessie Tura“ im rosa Tutu mit Schmetterlingsdildo ein Kabinettstück. Lousie legt Bekleidung wie Mutterbindung ab, und Mama Rose ist ihren Job und damit den Sinn ihres Lebens los.

Wie die Happel sich diesen Moment der Verzweiflung mit der Schlussnummer „Rose’s Turn“/Nun ist Rose dran von der Seele singt und schreit, das ist große Kunst. In der Realität folgten Streit und Gerichtsprozesse. Auf der Bühne ist bei Schluss noch nicht Schluss.

Es kommt zur Aussprache zwischen Rose und Louise – aus der, was Wunder, Rose als Siegerin hervorgeht. Sie hat es geschafft, sich auf die High-Society-Party ihrer Tochter einzuladen, und der dafür auch noch einen teuren Nerz abgeluchst. Und so können sie beide im Triumph die Bühne verlassen: Mama Rose und Maria Happel.

Maria Happel im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25867

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  1. 9. 2017

Volksoper: Maria Happel im Gespräch über „Gypsy“

September 8, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Mama Rose zieht sie alle Register

Maria Happel spielt in „Gypsy“ erstmals in einem klassischen Musical. Bild: © Johannes Ifkovits

Die Eröffnungspremiere der Volksoper gilt am 10. September dem Musical „Gypsy“. Die Hauptrolle bei dieser Erstaufführung am Haus hat Burgtheaterschauspielerin Maria Happel übernommen. „Gypsy“ wurde 1959 am Broadway uraufgeführt, die Musik von Jule Styne, die Liedtexte von Stephen Sondheim, das Buch von Arthur Laurents, und mit Lob überhäuft. Am vielsagendsten ist wohl die Bezeichnung „Mutter aller Musicals“, denn eine Power-Mutter steht im Zentrum der Handlung: Mama Rose, die ohne Rücksicht auf Verluste ihren Lebenstraum verfolgt, ihre Töchter im Rampenlicht zu sehen. Sie verliert dabei viel.

Die jüngere Tochter June entzieht sich ihr, Verehrer Herbie verlässt sie, und als sich das hässliche Entlein Louise zum Striptease-Star Gypsy mausert, steht die Mutter alleine da … Für „Gypsy“ kehrt Regisseur Werner Sobotka nach Sondheims „Die spinnen, die Römer!“ an die Volksoper zurück. Danny Costello und Stephan Prattes zeichnen erstmals für Choreographie beziehungsweise Bühnenbild verantwortlich.

Es spielen unter anderem Toni Slama (Herbie), Martina Dorak, Peter Lesiak, TAG-Schauspieler Jens Claßen – und Wolfgang Hübsch.  Und auch einige Debütantinnen verzeichnet die Besetzungsliste, darunter Tania Golden als Alternativbesetzung zu Maria Happel, Lisa Habermann als Louise und Marianne Curn als June. Am Pult des Volksopernorchesters steht Lorenz C. Aichner. Maria Happel im Gespräch:

MM: Sie spielen die Mutter in der „Mutter aller Musicals“. Wie ist die Spannung so knapp vor der Premiere?

Maria Happel: Extrem. Es ist eine andere Arbeit, als ich es vom Sprechtheater gewohnt bin, es kommen viel mehr Dinge zusammen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das anlässt. Musical erfordert eine andere Präzision. Es ist nicht so, dass man extemporieren oder improvisieren kann. Denn da gibt es etwas, das nennt sich „Key“, das heißt: ein Wort muss in einem Satz an exakt einer Stelle kommen, weil hier das Orchester einsetzt. Man hat also ein sehr viel engeres Korsett …

MM: Man ist der Sklave des Systems.

Happel: Absolut. Da denkt man erstmal, das sei ganz furchtbar. Aber, wenn man die Regeln einhält, hat man innerhalb des Systems wieder eine größere Freiheit, denn es kann einem nichts mehr entgleiten.

MM: Wie laufen nun also die Proben?

Happel: Die Proben sind wahnsinnig anstrengend, das hätte ich vorher nicht gedacht. Man kennt ja die Lieder, und denkt sich: Ach, das wird leicht, so ein bisschen Musical. Und dann ist es aber so, dass man einfach unglaublich gefordert wird, weil man gleichermaßen das Gewicht aufs Singen wie aufs Spielen wie aufs Tanzen legen muss. Da steht man dann da, und sieht diese kleinen Mäuse, die schon morgens um 10 Uhr im Spagat sind, und unglaublich motiviert sind. Und plötzlich denkt man sich: Oh Gott, das kann ich ja alles gar nicht, und schon gar nicht alles zusammen.

MM: Müssen Sie aber, Sie sind für die beiden größten Hits dieses Musicals verantwortlich: „Everything’s coming up roses“ und „You’ll never get away from me“ …

Happel: Genau. Das zweite Lied ist ein Duett, das ich mit Toni Slama singe, der den Verehrer Herbie spielt. Wir haben im Sommertheater schon „Frühere Verhältnisse“ zusammen gemacht. Vor zwanzig Jahren haben wir in Kobersdorf gemeinsam „Der Widerspenstigen Zähmung“ gespielt. Er hat auch in Reichenau gespielt, wenn ich Regie geführt habe. Aber jetzt, dass wir so richtig gemeinsam auf der Bühne stehen, das haben wir uns lange gewünscht. Was lange währt, wird endlich gut. Er ist ein wahnsinnig toller Partner, auf den man sich 180 Prozent verlassen kann.

Toni Slama als Herbie, Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maria Happel mit Lisa Habermann als Tochter Louise und Toni Slama. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

MM: Musik begleitet Ihr Leben und Ihre Karriere. Dabei hatten Sie nie Gesangsunterricht. Haben Sie sich für die Rolle nun coachen lassen?

Happel: Ich habe mit dem Korrepetitor gearbeitet, und zwar schon lange vor den Ferien. Aber zwischendurch habe ich mir gewünscht, ich hätte Gesang studiert. (Sie lacht.)

MM: Dafür können Sie Orgel spielen, das haben Sie wirklich gelernt.

Happel: Genau, und das ist auch etwas, woran mich das Musical im Großen und Ganzen erinnert, weil so viele Register gezogen werden. Ich bin wahrscheinlich ein Teilchen davon, also ein Register, in diesem Falle vielleicht vox humanae, die menschliche Stimme.

MM: „Gypsy“ ist Ihr erstes klassisches Musical, aber Sie hatten es zu Beginn Ihrer Karriere schon einmal versucht. Bitte um diese Anekdote.

Happel: Ich habe für „Cats“ vorgesungen, das muss 1984/85 gewesen sein, und ich war auf der Schauspielschule in Hamburg. Es sollte also „Cats“ aufgeführt werden, und ich habe mich angemeldet. Man bekam Nummern, ich glaube, meine war 97. Vor mir war 96, aber nur ganz kurz. Die kam nur bis „Ich bin die Christl …“ – „Danke, nächste.“ Ich glaube, ich habe den „Kleinen Gardeoffizier“ oder „Oh, mein Papa“ gesungen und mich dabei selbst am Klavier begleitet.

MM: Und wie kam das an?

Happel: Ich durfte immerhin zu Ende singen. Aber dann kam aus dem dunklen Zuschauerraum das „Danke“. Das war das Ende meiner Musicalkarriere. Wobei ich dann engagiert wurde nach Bremen für mein allererstes Stück, und das war ein Musical von Jérôme Savary: „Vom dicken Schwein, das dünn werden wollte“. Nun gibt es auch diese jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Frau Piaf, der ich an dieser Stelle sehr für dieses Stücktraining danke. Also Musical kommt immer wieder, und immer wenn es Stücke mit Musik gibt, freut mich das sehr. Robert Meyer hat „Gypsy“ in London gesehen, und rief mich prompt an und sagte: Ich habe eine Rolle für dich.

MM: „Gypsy“ ist eine sogenannte true story.

Happel: Ja, diese „Mama Rose“ gab es tatsächlich. Ihre ältere Tochter, die den Künstlernamen Gypsy Rose Lee trug, hat ein Buch über Ihre Mutter geschrieben, das mich sehr an „Meine liebe Rabenmutter“ von Christina Crawford erinnerte. Man denkt sich über diese Frau: Oh Gott!, aber das Buch ist natürlich auch aus einer Perspektive geschrieben. Was mich interessiert hat, oder was ich versuche zu verstehen, ist die Zeit, in der das alles passierte, die 1920er-Jahre, und was es für eine junge Frau bedeutete, alleinerziehend zu sein. Sie wurde mehrfach sitzengelassen, und versuchte ihre Kinder durchzubringen. Für mich, in meiner Interpretation, ist das absolut eine Parallele zur „Mutter Courage“. Ob das nicht in uns allen steckt, dass wir das, was wir in uns haben, in unseren Kindern weitertransportieren wollen? Ob wir da immer das richtige tun, ist sehr fraglich.

Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

MM: Wie ist diese Mama Rose? Sie will ihren Lebenstraum über ihre Töchter verwirklichen, oder wie würden Sie das sagen?

Happel: Ich glaube, sie ist einfach eine ungeheuer leidenschaftliche Frau, die mit all dieser Leidenschaft das Theater liebt. Aus ihrer Sicht gibt es keinen besseren, schöneren, wertvolleren Ort, und natürlich möchte sie ihre Kinder dahin bringen. Vielleicht flieht sie auch vor der Realität ins Theater. Am Theater und im Zirkus ist man ja immer bereit, Menschen aufzunehmen, die nicht woanders hinkönnen. Natürlich ist das Theater ihre Sehnsucht, und sie hat geträumt, dass ihre Kinder ihren Weg vollenden. Sie war sich sicher, dass das klappt. Sie hat es versprochen: Dass ihre Töchter Stars werden. Für sie aber war das Leben eine Hochschaubahn, und die Watschn, die sie bekommen hat, haben aus ihr das gemacht, was sie war.

MM: Watschn wegen Mangel an Engagements?

Happel: Sie stand noch für das Vaudeville, aber ringsum bröckelte schon alles, weil der Tonfilm kam. Das war für sie eigentlich nicht zu verkraften. Dazu kommt, sie ist ohne Mutter groß geworden, was ihrem eigenen Muttersein eine ganz andere Bedeutung gibt. Man kann sie nicht mit dem Wort „Eislaufmutter“ abfertigen, man muss schon fragen, warum sie so war. Sie hat alles versucht, damit die Kinder so lange wie möglich klein bleiben, damit sie ihr nicht abhandenkommen, damit sie nicht loslassen muss. Das sind die Fragen, die ich mir stelle: Wann aus einem liebenden Menschen ein fanatisches Monster wird, das geht schleichend.

MM: Und wie legen Sie’s an, so zwischen Mensch und Monster?

Happel: Genau so. (Sie lacht.) Die Figur kommt auch meiner Vorliebe für komödiantische Rollen entgegen, Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das ist das Tolle an der Figur, dass die Humor hat, und auch lebenslustig ist, und lebensbejahend und optimistisch bis zum Geht-nicht-mehr. Sie hat einen selbstkritischen Blick und kann auch über sich selber lachen. Das macht sie reizvoll zu spielen.

MM: Apropos, Kinder und Pläne und Pläne mit Kindern: Ihre ältere Tochter Paula drängt es auch zur Bühne?

Happel: Ja, schaun wir mal. Wenn sie drängt, soll es mir recht sein. Ich dränge sie nicht.

MM: Wollen wir noch übers Burgtheater reden? Die Wahnsinnsinszenierung der „Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24313) wird im September wiederaufgenommen.

Happel: Was heißt „im September“? Am 11.! Und am 10. habe ich hier Premiere. Man schont mich nicht. Ich war für diese Produktion gar nicht vorgesehen, ich bin eingesprungen, da hatten die Kolleginnen schon gearbeitet. Also ging es nicht ohne Fleißaufgaben: Wir haben uns außerhalb der Proben getroffen, um diese Textmassen chorisch zu bewältigen. Sieben einzelne Rennpferde dazu zu kriegen, dass nicht eines vorne weg galoppiert, sondern, dass alle im gleichen Rhythmus atmen, das ist wahnsinnig schwer. Aber das war unser Ehrgeiz, und das haben wir geschafft.

MM: Was kommt denn neu?

Happel: Ich weiß es noch nicht. Auf dem Spielplan sind nach wie vor „Der Talisman“, der „Sturm“, „Ein europäisches Abendmahl“ und „Hermann und Dorothea“. Außerdem wird „Spatz und Engel“ wiederaufgenommen.

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8. 9. 2017

Maria singt Bill: Ein Gespräch

August 31, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„I mecht landen“ heißt ihr Konzert im Wiener Stadtsaal

Maria Bill singt Eigenes – und im November wieder Piaf. Bild: Gabriela Brandenstein

Sie kommt in den Stadtsaal, am 5. September. Mit ihren Liedern von damals und von heute. Sie erzählt von Liebe und Verletzungen, von Sehnsucht und Verlorenheit, vom Fliehen und Durchhalten, von großen Gefühlen und kleinen Alltäglichkeiten – von dem, was das Leben ausmacht. „Musik ist für mich das stärkste Ausdrucksmittel für all diese Emotionen,“ sagt Maria Bill. Ein Gespräch.

MM: Maria singt Bill. Was dürfen wir erwarten? Worüber erzählen Sie uns in Ihren Liedern?

Maria Bill: Der „Untertitel“ des Abends heißt „I mecht landen“, weil dies das bekannteste meiner Lieder ist und weil’s stimmt, ich fliege gerne …und bin immer wieder gespannt, wo und wie ich lande. Das Programm habe ich aus Songs von damals, deren Texte für mich immer noch Gültigkeit haben, mit neueren Titeln zusammengestellt, wie „Jung und schön“ und „Sie lebt immer noch“. In diesem Lied erzähle ich die Geschichte einer alten Frau, die in Paris im Lichthof mir gegenüber wohnte und die sehr einsam zu sein schien, täglich saugte sie mehrmals ihre Wohnung, auch die Sessellehnen, das konnte ich sehen.

Ich wäre so gerne zu ihr rübergegangen, befürchtete aber, dass sie Angst haben würde, fremd wie ich ihr war und so ließ ich sie in ihrer Einsamkeit alleine. In der letzten Strophe dieses Liedes dreht sich alles um, ich bin die alte Frau, angekommen, im Zimmer unterm Dach, dem Himmel nah und sehne mich nach jemandem, der mich braucht. Dieses Lied bewegt aus der neuen, heutigen Sicht natürlich besonders stark. Einsamkeit, das ist immer wieder ein großes Thema.

MM: Apropos, neue Sicht: Die Lieder sind in Lebenssituationen entstanden, die es so heute nicht mehr gibt. Warum setzen Sie sich dem aus?

Bill: Es sind Themen, die mein Leben betreffen, meine Sicht auf die Welt, heute wie damals und „ich setze mich dem nicht aus“, ich setze mich damit auseinander, kann damit umgehen. Das Lied, „I g’hör zu wem“ welches ich meinem damaligen Lebensmenschen gewidmet hatte, ist mit im Programm und ich „sehe“ uns jedes Mal  in Venedig, – all diese Bilder, schöne wie verwirrende, sind meine Geschichte, – daran will ich mich erinnern, auch singend.

MM: Geht Ihnen „Maria singt Bill“ näher, als wenn Sie Piaf oder Brel singen? Sie schenken dem Publikum Momente großer Intimität. Was veranlasst Sie, sich auf der Bühne so zu öffnen?

Bill: Ich glaube, das tut jeder, der selber Texte schreibt. Denn das ist der Grund, warum man sich mitteilt. Ich würde diese Momente nicht „Intimität“ nennen, sondern „Wahrhaftigkeit“, ganz bei sich bleiben und dann loslegen. Ich lese gerade das Buch von James Lord über Giacometti, und es beeindruckt mich zutiefst , wie er sich geöffnet, seiner Kunst hingegeben hat, nicht durch Worte, sondern in seinen Figuren und Bildern, wie oft er unzufrieden mit sich war, ganz bei sich blieb und durch seine Zeichnungen und Skulpturen viel über sich verrät. Ein gewisses Geheimnis muss man für sich behalten, – es darf kein peinlicher Seelenstriptease werden. Aber sich mitzuteilen, ob singend, schreibend, malend oder komponierend, ohne sich zu öffnen, wäre sinnlos.

MM: Sie treten mit fünf Jazzmusikern auf. Wie habt ihr euch gefunden?

Bill: Mit Michael Hornek spiele ich schon seit 15 Jahren, ein genialer Pianist, der Klassik und Jazz studiert hat und der gefühlvoll begleiten kann. Klemens Bittmann habe ich durch die „Hiob“-Inszenierung am Volkstheater kennengelernt. Er spielt Violine und Mandola und singt in kleinen Chorpartien die höchste Stimme. Durch Kollegen habe ich unsere „Rhythmusgruppe“, am Schlagzeug Jörg Haberl und am Bass Christian Wendt, kennengelernt. Vor einem Jahr ist der Saxophonist Stephan Dickbauer dazugekommen, ein Gewinn für unsere Formation.

MM: Ein Titel, „Jung und schön“, ist Ihrem Sohn Tany gewidmet. Das ist die Geschichte einer nicht mehr ganz jungen Frau, die einem sehr jungen Mann beim Tanzen zusieht. Tany Gabriel ist auch Musiker. Haben Sie schon daran gedacht, gemeinsam aufzutreten?

Bill: Lust hätte ich schon, aber er spielt natürlich ganz andere Musik und ich glaube, es wäre ohnehin zu früh. Er muss sich selber finden und er ist auf dem Weg dahin. Wenn man in ähnliche Fußstapfen, wie die Eltern, tritt, ist man „das Kind von …“ Ich denke also, dass es wichtig ist, dass unser Sohn mit seiner eigenen Musik und seinen eigenwilligen, berührenden Texten bei sich bleibt, und nicht durch mich oder mit mir auf seiner musikalischen Bühne ankommt.

MM: Worauf darf man sich sonst noch freuen?

Bill: Auf einige der neueren Lieder wie „Immer wieder irgendwas“, auf das „Fluchtachtel“, einem Liebeslied zur „Blauen Stunde“, und auf „Eh ah a O ah“. Kennen Sie die Geschichte zu diesem Lied? Am Schwedenplatz gab es vor ein paar Jahren eine gemeinsame Haltestelle für die Straßenbahnlinien „O“, „N“ und für den „21ger“. An dieser Haltestelle waren unter vielen Menschen auch zwei Mädchen, die auf einen „N“ warteten, lange schon, das konnte man hörbar mitbekommen. Eins der Mädchen fing derart zu penzen und zu raunzen an, dass eine Frau neben ihr explodierte und meinte: „Hearts, jetzt regt di ned auf, es kummt jo eh ah a „O“ ah.“ Das fand ich so witzig, dass ich mich öfter mit dem Notizbuch an dieser Haltestelle herumtummelte und einfach „mitgeschrieben habe“. „Café de Flore” und der „Kaktus“ kommt natürlich auch vor. Beim Proben dieser Nummer haben die Musiker ihre Spiellust voll ausgetobt und herumgeblödelt, also wird auch dieser Titel ziemlich verjüngt klingen.

MM: Und die Piaf?

Bill: Dieses Programm singe ich wieder, am 24. November im Konzerthaus. Allerdings trete ich schon lange nicht mehr im Piaf-Kostüm auf, sondern stehe als Maria Bill auf der Bühne, die die Chansons von Edith Piaf singt und aus ihrem Leben erzählt. Michael Hornek begleitet mich am Flügel und Krzysztof Dobrek mit seinem Akkordeon und ganz Paris im Herzen. Das Konzert umfasst mehr als zwanzig Chansons, wir entdecken für uns immer wieder neue Titel und studieren diese ein, erneuern das Programm, damit es lebendig bleibt. Vor Kurzem habe ich eine wunderbare Biographie von Jens Rosteck über Piaf gelesen. Durch seine Recherchen wurden meine Conférencen und verbindenden Moderationen bereichert, er hat mir einen neuen Blick auf einige Lieder eröffnet, hat mich inspiriert, das Lied „L’étranger“ einzustudieren, ein Chanson, das Edith Piaf einer Kollegin „geklaut“ hatte, – eine hinreißende Geschichte. Auf diesen Abend freue ich mich schon sehr.

MM: Wie schaut’s mit dem Schauspiel aus? Keine Pläne oder Wünsche?

Bill: Im Moment habe ich, was Theater anbelangt, weder Pläne noch Träume. Ich bin glücklich mit der Musik. Konzerte mit Piaf- und Brel-Chansons sind Lichtinseln für mich. Ein Programm mit Liedern von Kurt Weill habe ich einstudiert und im Sommer 2016 als Prélude-Konzert in Grafenegg gesungen, – und einen Abend mit  Chansons von Erik Satie mit Orgelbegleitung in einer Kirche in Eggenburg vorgetragen, ein aufregendes Erlebnis. Ich würde sehr gerne neue Lieder schreiben. Ideen habe ich genug, mein Klavier ist übersät mit Zetteln voller Notizen. Jetzt, wo weder Proben noch Vorstellungen am Theater den Kopf und die Zeit besetzen, finde ich vielleicht Lust und Muße, mich mit eigenen Texten und Melodien zu beschäftigen im Hier und Heute.

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31. 8. 2017

Rolando Villazón ist neuer Intendant der Mozartwoche

Juni 26, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Startenor kommt mit Juli 2017 nach Salzburg

Johannes Honsig-Erlenburg, Präsident der Stiftung Mozarteum Salzburg und Rolando Villazón, Mozartwochen Intendant ab 2019. Bild: ISM/Wolfgang Lienbacher

Montagvormittag gab die Stiftung Mozarteum Salzburg eine Sensation bekannt: Sie präsentierte Rolando Villazón als neuen Intendanten der Mozartwoche Salzburg. Der weltweit gefeierte Opernsänger, Regisseur und Schriftsteller übernimmt zum 1. Juli 2017 die künstlerische Leitung des renommierten Festivals und verbindet damit seine internationalen Aktivitäten als Mozartbotschafter mit der Planung und Umsetzung der Mozartwoche. Dis erste komplett von Villazón konzipierte Festival wird 2019 stattfinden, sein Vertrag läuft zunächst über fünf Mozartwochen bis 2023.

Rolando Villazón beschäftigt sich seit über einem halben Jahrzehnt intensiv mit Mozarts Werk und Leben. Neben Auftritten in szenischen Produktionen in Salzburg, Wien, Mailand, London und Berlin hat er alle Konzertarien für Tenor aufgenommen und diese auf einer europaweiten Konzerttournee präsentiert. Er ist Initiator und künstlerischer Motor des von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen und mehrfach Grammy-nominierten „Mozart-Zyklus“ der Deutschen Grammophon, der die letzten sieben Opern Mozarts dirigiert von Yannick Nézet-Séguin umfasst.
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Rolando Villazón: „Wolfgang Amadé Mozart ist einer der liebsten Freunde der gesamten Menschheit. Es gibt keinen anderen Komponisten, der gleichermaßen so bewundert und geliebt wird. Ich fühle mich glücklich, geehrt und dankbar mich der enormen Verantwortung zu stellen, dem Meister als neuer Intendant der Mozartwoche, dem bedeutendsten Mozart-Festival der Welt, zu dienen. Dass dies in Salzburg passiert, Mozarts Geburtsort und eine Stadt, die solch wunderbaren Einfluss auf mein Leben und meine Karriere genommen hat, macht dieses Abenteuer noch besonderer. Viva Mozart!“
Wien, 26. 6. 2017

Volksoper: Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit

Juni 13, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Hohepriester des Glamrock

Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist schwer, etwas zu schreiben, wenn ringsum alles ständig in frenetischen Jubel ausbricht. Aber ehrlich, „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, das ist, als wäre die Wallgasse explodiert, und große Brocken davon hätten die Währinger Straße applaniert. Die Neuerfindung BaRock-Oper ist nicht einmal ein One-Hit-Wonder, einfach, weil nicht einer drin ist. Christian Kolonovits hat einen wabernden Soundteppich komponiert.

Achtziger-Jahre-Glamrock-Bombast, aus dem ab und zu ein Stückl Vivaldi hervorlugt. Die vier Jahreszeiten, meist der – Achtung, doch ein Ohrwurm – Frühling, weil der ja aus Werbung und Fahrstühlen bestens bekannt. Dazu hat Angelika Messner ein Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Libretto verfasst. Es ist ein Glück, dass es in Brocken oft edle Einschlüsse gibt, und als ein solcher entstieg Drew Sarich der musikalischen Tonnenlast und brachte die Volksoper zum Funkeln.

Die Handlung von „Vivaldi“ ist nicht nur ein Mix aus Fakt und Fiktion, sondern gleichsam die Skript gewordene Matrjoschka-Puppe: Es gibt nicht eine Klammer, sondern zwei. Eine venezianische Girl Group kommt nach Wien, wo Vivaldi 1741 gestorben ist, um die Partitur zur mysteriösen „Fünfen Jahreszeit“ zu suchen. Stattdessen findet sich ein Tagebuch von Paolina Girò, Vivaldis Haushälterin und Schwester seiner Muse und großen Liebe Annina. Die Mädchen lesen – und treffen auf einen gealterten Vivaldi, der Goldoni seine Lebensgeschichte erzählt, damit der daraus ein Theaterstück macht. Wirklich war Goldoni zwei Mal Librettist für Vivaldi – und beide Male ging’s nicht ohne Reibereien ab.

Vivaldis Lebensbericht beginnt bei seinen Jahren als Wunderknabe, Priesterweihe, Leitung des Mädchenorchesters des Ospedale della Pietà, die Girò-Schwestern, Ruhm, Hochmut, Fall – weil seine Musik im Laufe der Jahre aus der Mode kam, Rom, Demütigung, Wien in Hoffnung auf den Kaiser, der stirbt erst, dann Vivaldi. Goldoni ist dem Geschehen zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwie abhanden gekommen. Aber die Mädchen! Haben erkannt! „Die fünfte Jahreszeit“ sind … na? na? – genau! Dass sich das Ganze allem Anschein nach bierernst nimmt, macht die Sache nicht besser, eine tatsächlich witzige Szene von halbnackten römischen Kardinalen in der Sauna (in der sich „heiß“ sehr günstig auf „Schweiß“ reimt) wirkt dadurch wie ein Fremdkörper.

Rebecca Nelsen (Annina Girò), Drew Sarich (Antonio Vivaldi). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Pfeifer (Carlo Goldoni / Kaiser), Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Rebecca Nelsen (Annina Girò), Julia Koci (Toni / Paolina Girò), Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich (Antonio Vivaldi), Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der historisch belegte Umstand, dass da ein geweihter Priester jahrelang eine ménage à trois lebte, wird als Reibefläche verschenkt. Ebenso die – nicht belegten – pädophilen Neigungen von Vivaldis Mentor Kardinal Ruffo. Auch der in Rom verlangte Sangeswettstreit Koloratursopran vs Kastrat wird nicht ausgereizt. Seufz. Mehr Steilvorlagen hat der Stoff nicht. Vivaldis Leben, lucky him, ist ungefähr so konfliktbelastet wie eine gutbelegte Quattro Stagioni. Um das wenige, das da ist zu unterstreichen, stürzt sich die Regie auf greifbare Stereotype:

Drew Sarich steigt direkt aus dem Totenkopf-Tank-Top in die Soutane. Huch, welch ein Rebel! Christoph Cremers weitere Kostüme schwelgen in grellen Pink-Gelb-Kombinationen von Minirock und Krinoline, dazu schrille Falco/Amadeus-Perücken.

Wer’s tatsächlich rausreißt, sind die Darsteller. Drew Sarich ist ein sexy Priester-Punk, der sich, wenn recht gehört, bis zum Hohen H emporschraubt. Sein spitzbübischer Charme, mit dem er den Prete Rosso ausstattet, sein Bühnencharisma sind wie immer unübertroffen. Boris Pfeifer brilliert als pfiffiger Goldoni, ein Spielmacher, der über die Bühne turnt – und in Ermangelung des echten, die Persiflage eines Kaisers gibt. Rebecca Nelson und Julia Koci sind schön stimmgewaltig als Annina und Paolina, Koci rockt als Toni auch noch als Teil der Girl Group.

Der Mädchenchor der Volksoper ist musikalisch hinreißend und teenagerzickig sympathisch. Und Countertenor Thomas Lichtenecker als Paradiesvogel-Kastrat Cafarelli holt einen im Wortsinn aus dem Sitz. Schade, dass er nur einen Song hat. Morton Frank Larsen ist als Kardinal Ruffo der sinistre Bösewicht des Stücks, allerdings erscheint die Partie für ihn ein wenig zu tief.

Der vielleicht schönste Auftritt in „Vivaldi“ ist der von Annina beim Vorsingen. Da kommt sie „verkleidet“ als große Diva, bis Vivaldi ihr sagt, sie solle die Perücke runterräumen und aus dem Fummel steigen: „Du musst dich von allen Klischees befreien!“ Was soll man sagen? Annina hat’s getan …

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Wien, 13. 6. 2017