Volksoper: Carmen

Januar 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Brillante Debüts bei der Wiederaufnahme

Marco Di Sapia als Dancaïro, Vincent Schirrmacher als Don José, Stepanka Pucalkova als Carmen und Johanna Arrouas als Frasquita. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies ist der perfekte Abend, um sich zurückzulehnen, genießerisch die Augen zu schließen und die Musik von einem Besitz ergreifen zu lassen. Zu hören nämlich gibt es Hervorragendes, zu sehen hingegen nicht viel. An der Volksoper stand die Wiederaufnahme von „Carmen“ auf dem Programm, jene Guy-Joosten-Inszenierung, die von 1995 bis 2015 nonstop am Haus gezeigt wurde. Ein Publikumsrenner, der vor zwanzig Jahren mit seinem Verzicht auf Rüschrock-Folklore und Kastagnetten-

Geklapper ordentlich was hermachte, ein hüftschwungloser, puristischer Gegenentwurf zum opulenten Franco Zeffirelli, zum schönheitstrunkenen Francesco Rosi. Nun allerdings lässt sich nicht leugnen, dass das Eifersuchtsdrama im kargen Brandmauerambiente von Bühnenbildner Johannes Leiacker, an dem der Regisseur stets die von Bizet en détail ausgearbeitete Charakterzeichnung als seinen Bezugspunkt festmachte, da nunmehr in Abwesenheit desselben auf die Bühne gehoben, an Feuer verloren hat. Diverse Auftritt sind reinstes solistisches Rampenstehtheater, unmotiviert wirkt auch die Menge, und in dieser Stasis allüberall nimmt im Wortsinn kaum eine Rolle tatsächlich Gestalt an. Was dieser „Carmen“ szenisch fehlt, ist das Temperament für Leid und Leidenschaft. Heißes Herzblut müsste fließen, aber ach …

Ein Glück. Das schauspielerische Manko wird durch die gesangliche Ausführung ausgeglichen. Mit Anja Bihlmaier am Pult, den beiden Hausdebütanten Stepanka Pucalkova als Carmen und Luke Stoker als Escamillo und den sechs Rollendebüts von Julia Koci, Johanna Arrouas, Ghazal Kazemi, Vincent Schirrmacher, Alexandre Beuchat und Marco Di Sapia wird die in deutscher Sprache vorgetragene Produktion zu einer Besonderheit. Ein Erfolg, den zuallererst Bihlmaier für sich verbuchen kann, die gebürtige Schwäbin und designierte Chefdirigentin beim Den Haager Residentie Orkest, Jahrgang 1978, deren Karriere wohl das ist, was man beispiellos nennen muss. Und die das von ihrem kapellmeisterlichen Können vernehmbar angetane Volksopern-Orchester mit leichtfüßiger Raffinesse und federndem Rhythmus durch die Opern-Evergreens führte.

Luke Stoker als Escamillo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stepanka Pucalkova als Carmen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vincent Schirrmacher als Don José. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Verve wird derart französisches Flair mit Andalusien-Anklängen erschaffen, musiziert so akzentuiert wie apart. Nie kam Bizets Geniestreich mit – und man hat beides oft genug gehört – lautem Rums oder als L’Amour-Hatscher aus dem Orchestergraben. Was die Habanera zu einem beinah Chanson werden ließ, zum Freiheitsstatement einer starken, unabhängigen Frau statt einer aufreizenden Forcierung des Geschlechter- kampfs. Als Carmen bemüht sich Stepanka Pucalkova mal in Arbeitskittel, mal in – sorry fürs Wortspiel – Zigarettenhose um gute Figur. Die tschechische Mezzosopranistin mit Homebase Semperoper ist offensichtlich darauf bedacht, keinerlei Laszivität zu bedienen, ihre Carmen ist ganz Working-Class-Woman, und hat sich in der sie begehrenden Soldatenwelt einen Selbstschutzmantel aus arroganter Unnahbarkeit übergeworfen.

Das macht Pucalkovas Tabakblätterdreherin mehr zum draufgängerischen Schmugglerkumpel denn zum erotischen Männeralbtraum, sängerisch vor allem auch in den Höhenlagen ausgezeichnet, gelingt ihr die Darstellung der Härte dieser Frau bis in die Todesszene bestechend gut. Der australische Bass Luke Stoker ist ebenfalls erstmals im Volksopern-Einsatz, und gibt als Escamillo eine beachtenswerte stimmliche Talentprobe ab. Was seinen Torero an Statur als geborenen Gewinner ausweist, vermisst man jedoch an stolzer Attitüde. Die Messerstechereien mit Vincent Schirrmachers Don José sind allein wegen der Differenz in Größe und Gewichtsklasse der Kontrahenten unfreiwillig humoreske Szenen, an denen sich bestimmt feilen ließe.

Eine Blume für den Auserwählten: Vincent Schirrmacher und Stepanka Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schmugglerbande: Di Sapia, David Sitka, Pucalkova, Arrouas und Ghazal Kazemi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci als innig liebende Micaëla mit Schirrmacher und Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Escamillo im Schmugglerquartier: Luke Stoker mit Pucalkova, Di Sapia und Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ansonsten ist Schirrmacher wie allzeit auch hier Garant für prägnante, packende Rollenporträts, sein erstes Erscheinen gemeinsam mit einer in Schwarz gekleideten Witwe und einem Mädchen in Erstkommunionsweiß ein anrührendes Sinnbild für Josés Lebens- und Liebessituation, Schirrmachers Sergeant eher introvertierter, eigenbrötlerischer Grübler als jähzornig-hitzköpfiger Eifersüchtler – auch in dieser Figur bleibt die Aufführung bei ihrer Unterkühltheit. Dass der Zuschauerliebling die Blumenarie mit seinem warm timbrierten Tenor wohl zu nehmen weiß, bedarf eigentlich keiner extra Erwähnung. Im Schlussduett mit Pucalkovas Carmen läuft Schirrmacher zur Höchstform auf, wie er da eiskalte Verzweiflung spielt, bevor er zu ebensolcher Klinge greift.

Julia Koci macht als Micaëla von ihrer weichen, zu innigen Tönen befähigten Sopranstimme besten Gebrauch. Des Weiteren und auffallend beim Schmugglerquintett überzeugen Johanna Arrouas als Frasquita, Ghazal Kazemi als Mercédès, Marco Di Sapia als Dancaïro und Davd Sitka als Remendado, vier Solistinnen und Solisten, deren Spielfreude man das vielfältige Wirken am Haus, immer wieder auch in Operette und Musical, auf erfreuliche Weise anmerkt. Nicht minder mit Bühnenpräsenz gesegnet ist Moralès-Debütant Alexandre Beuchat; Yasushi Hirano ist ein solider Zuniga; Georg Wacks Lillas Pastia kommt, dem Mundwerk nach zu urteilen, aus Wien. Chor, sowie Kinder- und Jugendchor sind wie stets ein tosendes Bravo wert, wie der Abend generell mit großem Applaus bedankt wurde. Womit nun wenigstens im Saal die Action herrschte, nach der man sich im Spiel vergeblich gesehnt hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=obZbQX3nEd4                     www.youtube.com/watch?v=WmfJJOH3saI           www.volksoper.at

  1. 1. 2020

Odeon – Serapions Ensemble: Lamento Allegro

Januar 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Tanz um den gestohlenen Esel

Der Oasenmann ist mit Ehefrau und Esel unterwegs ins Niltal, um seine Waren zu verkaufen: Elvis Grezda und Sandra Rato da Trindade. Bild: © Odeon/S. Smidt

Ohnedies ist alles Interpretation und Assoziation. So soll’s auch mit der Szene sein, in der sich Julio Cesar Manfugás Foster an eine in schlammbraune Arbeitskittel gewandete Beamtenschar wendet. Eine nach dem anderen stolpern sie hinter ihrem Schalter hervor, immer mehr werden sie, mit gurkenglasdicken Brillen, schlampig gebundenen Krawatten, diversen Ticks – jedes Zucken ein Verneinen der Zuständigkeit, jede Gebärde eine „Mich geht das nichts an“-Geste.

Es wird Aufstellung genommen, Ähnlichkeiten mit nächstens zu sehenden Angelobungsbilder sind …, im Lärm der Bürokratie geht die Beschwerde des Bürgers, oder weist ihn die Hautfarbe antizipativ als Nichthiesigen aus?, unter. Man hört nur zwei seiner Worte: „Wasser … Essen …“ Weit hergeholt? Stimmt. „Klagen des Bauern“ oder „Der redekundige Oasenmann“ ist ein mittelägyptisches Literaturwerk. Darin wird ein Niedriggestellter auf seinem Weg ins Niltal, wo er seine Waren verkaufen will, von einem leibeigenen Pächter seiner gesamten Habe beraubt. Worauf er sich an dessen Besitzer, den Obervermögensverwalter des Pharaos, der sich wiederum an seine Räte, später an den Pharao höchstselbst wendet.

Doch Gerechtigkeit widerfährt dem Bauern nicht. In neun Klagereden fordert er diese nun für sich ein, wird dafür verprügelt und vom untertänigen Volk sogar mit dem Tode bedroht. Der göttliche Herrscher allerdings lässt die Reden heimlich schriftlich festhalten, denn er ist seit Langem auf der Suche nach einem begnadeten Geschichtenerzähler … „Lamento Allegro“ nennt das Serapions Ensemble seine unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits entstandene Inszenierung des Stoffs, deren Wiederaufnahme im Odeon Theater mit dem Jahreswechsel geschehen ist. Eine Parabel, so das Programmheft, über jene dicke Decke, die sich die Demokratie seit der attischen übergeworfen hat, um derart die Ungleichbehandlung von Staatsvolk und Zugezogenen, heißt: die wahre Macht der Archonten und Demagogen, Apparat die einen, System die anderen, zu tarnen.

In seine bewährt poetischen Bilder packt das Serapions Ensemble auch diesen kollektiven Theaterzauber. Ein Esel, mittels Fahrradgestell zum Laufen gebracht, ein Thespiskarren mit vielfältig nutzbarer Transportkiste, zwei Laufbänder und ein alter Filmprojektor – das sind jene Requisiten, um die herum die neue Kreation aus Schauspiel, Gesang, Tanz und bildnerischen Elementen komponiert ist. Julio Cesar Manfugás Foster, José Antonio Rey Garcia, Elvis Grezda, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Miriam Mercedes Vargas Iribar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Gerwich Rozmyslowski und Sandra Rato da Trindade gestalten den 90-minütigen Abend.

Thespiskarren ohne Tier: Julio Cesar Manfugás Foster mit Rey Garcia, Vargas Iribar, Rozmyslowski, Grigalashvili und Iszlay. Bild: © Odeon/S. Smidt

Wütende Menge: José Antonio Rey Garcia, Julio Cesar Manfugás Foster, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Gerwich Rozmyslowski, Ana Grigalashvili und Mario Mattiazzo. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Räte kommen zwar aus ihrer Zauberkiste, doch …: Ana Grigalashvili und Elvis Grezda. Bild: © Odeon

… sind mit der Frage überfordert: Ana Grigalashvili, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die belämmerte Beamtenschar: Grezda, Rozmyslowski,  Mattiazzo, Rey Garcia, Iszlay, Rato da Trindade, Grigalashvili, Vargas Iribar. Bild: © Odeon/S. Smidt

Die Krawatte wird als Würgehalsband gebraucht: Grezda, Rozmyslowski, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Wobei jeder mehrere Figuren verkörpert, Sandra Rato da Trindade und Elvis Grezda als Bauersleute beginnen den Reigen, sie in safrangelbem Kaftan, er in lindgrünem, und wie die Kostüme – sie noch aus den Beständen von Ulrike Kaufmann – von Spieler zu Spielerin weitergereicht werden, José Antonio Rey Garcia und Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Mercedes und Miriam Vargas Iribar, macht deutlich wer nun als Chui-ni-Anup nebst Gattin unterwegs ist. Knapp nach Weihnachten erinnern die beiden an die Legende von Marias kleinem Esel, das Schwingen dreier Seile markiert den reißenden Fluss, den es zu durchqueren gilt, dann ein Wandteppich aus Wüste, Wind, Unwetter.

Dass Julio Cesar Manfugás Foster mit seiner vazierenden Truppe den Thespiskarren nicht länger allein ziehen will, mag – siehe Subventionssituation – als selbstironisches Augenzwinkern gedeutet werden, jedenfalls wird das Grautier gestohlen. Es bleibt der Imaginationskraft jedes einzelnen überlassen, in die folgenden Choreografien einen roten Faden einzuweben, die Strahlkraft der Aufführung versteht es, Fantasiebegabte aller Ausbildungsgrade für sich einzunehmen. Mit einem Maskenmix von Commedia dell’arte bis Mad Max, mit Musik von Goran Bregović, Philipp Glass, Meredith Monk, Mohammad Reza Mortazavi bis Richard Wagner.

Gesprochen, gesungen wird in vielen Ensemblesprachen, Gerwich Rozmyslowski führt, als die Reihe an ihm ist, seine Beschwerde auf Wienerisch. „Zu wem kann ich heute reden?“, das Gebet um Gerechtigkeit, wird zur Anklage, wird kämpferisch circensisch, wird zu einem resignativen „Wozu soll ich noch reden?“. Ein per Hoverboard schwebender Trenchcoat-/Würdenträger befragt die Räte, dies einer der skurril-schönsten Momente, wenn die vielarmige, verschlafene Obrigkeit, an der Spitze Ana Grigalashvili, aus der Kiste tritt, und unterm sich selbst eingeflüsterten Motto „Sag‘ kein Wort!“ mehr und mehr ins Taumeln gerät.

Der redekundige Oasenmann wird von Pharaos Stoffsäulen eingewickelt: Elvis Grezda, Ana Grigalashvili und Mercedes Miriam Vargas Iribar. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Dramatik des Visuellen, die wunderbar berührende Grausamkeit des Ganzen, wird um Textzitate erweitert, vom „Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba“ aus dem Papyrus Berlin 3024 bis zum Gedicht „Die Freiheit ist schrecklich“ von Ali Podrimja. Freiheit, sagt das Serapions Ensemble damit, ist Verantwortung, und nur der eigenverantwortliche Mensch kann eine diesem würdige, lebenswerte Gesellschaft bilden. In der eine ethische Grundhaltung jedem einzelnen

inne ist, ohne dass ihn Gesetze dazu zwingen. Eigeninitiative ist das Credo zur Stunde. Die Darsteller tanzen nach Haka-Art. Das abschließende, überwältigende Bild: Aus sich drehenden Stoffzylindern wird ein Säulenpalast, der zusammen mit den historischen Kolonnaden der einstigen Getreidebörse ein monumentales Gesamtkunstwerk ergibt. Und während im Thronsaal des Pharaos dessen Untertanen am Schlips wie am Würgehalsband geführt werden, fallen die Stoffe und umschlingen den Bauern. Steht er da als königlich gekleideter Auserwählter oder als ein seinem Gebieter Ausgelieferter?

Die Gedankenwelt des Bauern und die allzu menschliche Universalgeschichte verschwimmen.  „Auf dem Rücken der Schildkröte / ein jedes Ding war schrecklich / auch die Freiheit“, rezitiert Grezda, nun wieder Oasenmann, Ali Podrimja. Da erkennt man erst, was das Auge bereits vorher beobachtet hat: Je mehr sich der Beraubte in seinen Klagen mit dem Diebstahl beschäftigt, desto mehr beraubt er sich der Freiheit. Das ist der Preis fürs Recht bekommen, für Privilegien und Reichtum aus der Hand der Machthaber. Sehr eindrucksvoll verschwindet zum Schluss die Frau erst durch die, dann auf der Filmleinwand, und mit ihr der Esel – mutmaßlich ins wahrhaft Freisein. Tosender Applaus für diese absolut staunenswerte Produktion.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zn4NvfvbFRs&feature=youtu.be           vimeo.com/330207813           www.odeon-theater.at

  1. 1. 2020

Volksoper: Brigadoon

Dezember 2, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schottisches Märchen von schönster Herzenswärme

Eine Sternstunde für das Wiener Staatsballett, das Orchester und Chor und Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Keine Sorge, wenn die Sache, und davon ist auszugehen, so hervorragend läuft, wie vergangene Saison die konzertante Aufführung von „Porgy and Bess“, wird das Haus sicher bis Februar weitere Vorstellungen ansetzen. Der Vorschlag wäre rund um den Valentinstag, weil: da reingehen mit der Liebsten, und die ist hin und weg und auf ewig dein … Gestern hatte an der Volksoper der erste große Musicalerfolg

des genialen Duos Frederick Loewe und Alan Jay Lerner Premiere, „Brigadoon“, auf den bald die noch gigantischeren von „My Fair Lady“ oder „Gigi“ folgen sollten, halbszenisch und dies ist kaum zu glauben – als österreichische Erstaufführung. Ein Glück also, dass Direktor Robert Meyer die in den schottischen Highlands angesiedelte Liebesgeschichte nun für sich und damit auch fürs Publikum entdeckt hat, strotzt doch das wundersame Märchen nicht nur vor wunderbaren Melodien, sondern platzt auch vor Romantik aus allen Nähten.

Mit der gemäßer Herzenswärme gehen die Mitwirkenden an die Story heran, Dirigent Lorenz C. Aichner, der die Seinen mit Schwung und Sinn für Swing durch Loewes Evergreens leitet, Regisseur Rudolf Klaban, Choreograf Florian Hurler und das Wiener Staatsballett, die mit Verve die Bezeichnung des Abends als halbszenisch ad absurdum führen. Klaban holt mit Hintergrundbildern reetgedecktes Dorfidyll, purpurfarbenes Heidekraut, Castle-Ruinen und bemooste Wälder auf die Bühne, davor das Orchester und der wie stets von Thomas Böttcher fabelhaft vorbereitete Chor, davor die Solisten und vier Tanzpaare, Lassies und Lads in Scots-Tracht samt Tartan.

Jeffrey Treganza als Jeff Douglas und Jessica Aszodi als Meg Brockie. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Oliver Liebl als sinistrer Harry Beaton beim Sword Dance. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ben Connor als Tommy Albright und Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wobei bei den schnellen, kraftvoll gesprungenen Reels und Stately Steps kein Zweifel darüber bleibt, was die Herren unterm Kilt tragen. Auf 581 Vorstellungen am Broadway, auf 685 in London West End hat es „Brigadoon“ sofort in Serie gebracht, bekannt ist die Vincente-Minnelli-Verfilmung mit Gene Kelly, der 1954 den New Yorker Touristen Tommy Albright verkörperte, der sich mit seinem Freund Jeff Douglas im schottischen Middle of Nowhere verirrt – und auf den im Wortsinn zauberhaften Ort stößt, der, weil nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erweckt, auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Der österreich-stämmige Loewe hatte sich an die alte Sage „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker erinnert, Lerner die verwunschene Siedlung Zweiter-Weltkriegs-bedingt in den Norden der britischen Inseln verlegt und sie nach den Burns-Balladen über die Brig o‘ Doon benannt. An der Volksoper singt und spielt der australische Bariton Ben Connor den Tommy, überhaupt weist der in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln und Texten von Erzähler und Barkeeper Christoph Wagner-Trenkwitz gestaltete Abend eine hohe Zahl an Native Speakers auf, so etwa die texanische Sopranistin Rebecca Nelson als jene Fiona MacLaren, in die sich Tommy selbstverständlich unsterblich verliebt, und den wie sie aus den USA stammenden Tenor Jeffrey Treganza als Jeff.

Die australische Mezzosopranistin Jessica Aszodi, die als temperamentvoll-verrückte Meg Brockie am armen Jeff ihren Hang zum Männerfang austobt, gibt mit der Rolle ebenso ihr Hausdebüt, wie der britische Tenor Peter Kirk als Charlie Dalrymple, Fionas jüngerer Schwester Jean MacLarens Verlobter. Das neue Ensemblemitglied Lauren Urquhart ist als Tommys zickige Upper-Class-Verlobte Jane Ashton zu erleben; ihr schottischer Großvater Doug Urquhart hat mit der Truppe die rrrichtige Aussprache trainiert. Und apropos, rrrichtig: Schon im Foyer erwarten die Dudelsack-Spielerinnen Irmgard Foglar und Saskia Konz und Trommlerin Julia Nusko die Zuschauer, um sie mit ihren Great Highland Bagpipes und der Scottish Snare Drum in die passende Stimmung zu bringen; später werden die drei Musikerinnen den Funeral Dance von „Maggie“ Mila Schmidt begleiten.

Lauren Urquhart als Jane Ashton, Erzähler Christoph Wagner-Trenkwitz und Ben Connor als Tommy Albright. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Rebecca Nelsen als Fiona MacLaren, Jessica Aszodi als Meg Brockie und der Jugendchor des Hauses. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Peter Kirk hat als Bräutigam Charlie Dalrymple den schönsten Love Song des ganzen Musicals zu singen. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Jessica Aszod, Vernon Jerry Rosen, Jakob Semotan, Rebecca Nelsen und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Und apropos, Dance: Auch Juliette Khalil als Jean, Jakob Semotan als Stuart Cameron oder Maximilian Klakow als Sandy Dean wirbeln mit den Profis Round-the-Room, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten, allen voran Oliver Liebl, der als sinistrer Harry Beaton durch den Sword Dance turnt, als wäre er für derart Folklore zur Welt gekommen. Punkto Performance bleibt kein Wunsch offen und kein Auge trocken, Ben Connor und Rebecca Nelsen singen gemeinsam hinreißend den Riesenhit „Almost Like Being in Love“ und „The Heather on the Hill“, Peter Kirk ganz großartig den Ohrwurm „I’ll Go Home with Bonnie Jean” und den schönsten Love Song des Musicals „Come to Me, Bend to Me”.

Jessica Aszodi macht aus „The Love of My Life“ und „My Mother’s Wedding Day“ zwei gesangliche Kabinett- stücke, ein tödlicher Unfall passiert, Tommy und Jeff kehren zurück an die Ostküste, Tommy natürlich tod- unglücklich – und die Frage ist, ob die Liebe Raum und Zeit überwinden kann, die zu beantworten das Ensemble dieser rundum gelungenen Produktion am Mittwoch wieder zusammenkommt. „Brigadoon“ an der Volksoper, das ist sehr viel Sentiment, ein wenig Schottland-Satire und lyrische Stimmungsbilder, noch mehr fantastische Songs und die überbordende Spielfreude aller Beteiligten. In einem Satz: Ein Highland-Ausflug, der sich lohnt.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=84WDhdOgjSU           www.youtube.com/watch?v=DjxKsMi4D5E           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=yum73XNvZ9E           www.volksoper.at

  1. 12. 2019

Volksoper: König Karotte

November 24, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État

Jetzt regiert das Gemüse: Sung-Keun Park als König Karotte mit seinem grimmigen Grünzeuggefolge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Dass jede Ähnlichkeit mit orangegesichtigen Politikern erwünscht und bestimmt nicht zufällig ist, klärt sich spätestens bei den von Marco Di Sapia gesungenen Couplets über Donald und Boris. Dem Casinos-Postenschacher ist selbstverständlich auch eine Strophe gewidmet, so frisch, dass Di Sapia sie von einem aus dem Souffleurkasten gereichten Blatt ablesen muss. Da sind die Lacher auf seiner Seite, ja, es stimmt, jedes Volks hat die Vertreter, die es via Wahl selbst verschuldet, und wieder erinnerlich wird,

dass es in Österreich sogar eine Partei oranger Farbe gibt, die politische Südfrucht, seit ihre Sonne vom Himmel fiel, freilich zu ein paar Früchtchen verschrumpelt. Die nationale Losung jedoch ist längst nicht so passé wie ihr Bündnis. Sie wird von immer neuen Schülern hoch und heilig und mittelmeerfarben gehalten, und honi soit …, wenn Regisseur Matthias Davids den Chor als biersüffelnde Burschenschafter auf die Bühne stellt, damit das Ganze von Anfang an Schmiss hat. Dies Ganze, ein Gesamtkunstwerk ist „König Karotte“, Opéra-bouffe-féerie aus den Federn von Jacques Offenbach und Librettist Victorien Sardou, die Koproduktion mit der Staatsoper Hannover gestern an der Volksoper zur Wiener Premiere gebracht.

Davids hat die Musiktheaterrarität zum 200. Geburtstag des Komponisten als durchgedrehtes Kaleidoskop voll aktueller Anspielungen inszeniert, erstaunlich außerdem, wie wenig Sardous bissige Kommentare zu Populismus, Opportunismus, Machtmissbrauch und dem schnellen Seitenwechsel der Masse an Brisanz verloren haben. Nicht nur die Corps-Geister erscheinen da beinah gegenwärtig, sondern auch Sätze von Di Sapias wendehälsischem Polizeichef Pipertrunck, der in jeder zweiten Szene sein „Ich bin zu euch übergelaufen“ verkündet, aber auch das Kabinett davor warnt: „Ohne uns kippt die Karotte nach links.“

Die Gartenmöhre also. Kommt aus ebendiesem des Regenten Fridolin XXIV., der Blaublüter ein verwöhnter Partyprinz, der sich mit seiner ruinösen Spaßgesellschaft vergnügt, so dass mit dem Hof kein Staat mehr zu machen ist. Fridolins Capricen haben das Reich in den Bankrott getrieben, der verarmte Adelsmann soll daher nach dem Willen seiner Berater mit der begüterten Prinzessin Kunigunde vor den Traualtar treten. Doch noch einer schmiedet Regierungspläne. Der gute Geist Robin will den verschwenderischen Herrscher als Erziehungs- maßnahme vom Thron stürzen, gerade Recht kommt ihm da der Rachedurst der bösen Hexe Kalebasse, die das Problem bei der Wurzel packt – und dieselbe aus ihrer finsteren Unterwelt ans Licht und zum König befördert.

Die Hexe holt die Wurzeln ans Licht: Christian Graf und Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Karotte inspiziert sein mittels Zauber erobertes Reich: Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Verlobte ist zum Feind übergelaufen: Julia Koci und Mirko Roschkowski. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ein Staats-Streich vom Feinsten ist das, wenn das vegetabile Gefolge mitten durch die Zuschauerreihen Richtung Palast stapft, Lauch, Rote Rübe, Radieschen und Zwiebel dabei wahrlich keine Gemüsebeetbrüder, sondern per dunkler Sonnenbrille als sinistre Geheimdienstler ausgewiesen. Mit einem Propagandazauberspruch macht Kalebasse die Einwohner von Krokodyne gefügig – et voilà: Fridolin und Freunde flüchten … Frech und frisch setzen Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi den Offenbach-Sardou’schen, schier uferlosen Ideenreigen um, der vom antiken Pompeji über einen Ameisenstaat bis zu einer Affeninsel, in ein Turmverlies, eine Magierwerkstatt und zu einem Aufstand der Ritterrüstungen führt. Mit Mancusi am Pult mäandern Sänger wie Orchester meisterlich durch den musikalischen Mix aus großen Arien und noch riesigeren Chorsequenzen, Auftrittscouplets, Lautmalerei, Schlagern, sinfonischen Momenten und Schubert-Zitaten.

Hinreißend sind die Grünzeugkostüme von Susanne Hubrich, in denen allen voran Hausdebütant Sung-Keun Park als König Karotte gesanglich wie darstellerisch alles gibt. Der koreanisch-stämmige Buffo-Tenor bewältigt die sehr hohe Partie sozusagen spielend, er lässt nicht nur die Stimme, sondern auch die Körpersprache zwischen Machtwahn und kühlem Kalkül changieren, oder krakeelt in einer Art Pflanz-Kauderwelsch, weil nicht viel im, wer einen Karotten-Kopf hat. Hängen ihm anfangs noch die Stängelblätter aus dem Hosenschlitz, und wieder ist jede Ähnlichkeit mit einem präsidialen Reißverschluss …, wird er die Rübe am Ende ohnedies einziehen müssen.

Mirko Roschkowski ist ein fabelhafter Fridolin, der als berufsjugendlicher Genusssüchtler mal am Megajoint, mal an der Hopfenkaltschale nuckelt, der seinen mal weich fließenden, mal strahlenden Spinto schön zur Geltung zu bringen weiß – und darüber hinaus ein grandioses Talent für verzweifelte Komik besitzt. Ihm in nichts nach steht Juli Koci, die die Prinzessin Kunigunde zum burschikosen It-Girl macht, das seine sexy Vorzüge zu seinem Vorteil einzusetzen weiß, bevor sie im Wortsinn von der Karotte verzaubert ist, und deren Pfahlwurzel, als wär’s ein Phallus, liebkost. Große Klasse, wie Kocis Temperament über weite Strecken die Aufführung dominiert! Besonderen Publikumszuspruchs durfte sich Amira Elmadfa erfreuen, die als guter Geist Robin in Windeseile durch den Bühnenparcours turnt, und dabei ihren Mezzo so kraft- wie gefühlvoll klingen lässt.

Partyprinz meets adeliges It-Girl: Julia Koci als Prinzessin Kunigunde und Mirko Roschkowski als Fridolin XXIV. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Hofstaat steht Kopf: Josef Luftensteiner, Marco Di Sapia, Mirko Roschkowski, Jakob Semotan und Boris Eder. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Man sucht Rat bei Zauberer Quiribibi: Christian Graf mit Marco Di Sapia, Johanna Arrouas, Mirko Roschkowski, Amira Elmadfa und Yasushi Hirano. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Karotte geht allmählich der Saft aus: Sung-Keun Park, Boris Eder, Julia Koci und Franz Suhrada als Kammerherr Psitt. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Johanna Arrouas gestaltet mit leichtem, luftigen Sopran das in Fridolin verliebte, von Kalebasse eingekerkerte Burgfräulein Rosée-du-Soir als herzgewinnende Optimistin, und eine drollige Pointe ist, wie sie ihre Koloraturarie à la Olympia vorträgt. Christian Graf glänzt einmal mehr als Drag Queen, als maliziöse Hexe Kalebasse, die ihr Busensausen mittels Zauberstab up-pusht, und als sich in seine Bestandteile zerlegender Zauberer Quiribibi – die Szenen mit Graf wie stets komödiantische Kabinettstücke, etwa, wenn er das Gemüse mit ausladender Geste aus der Erde dirigiert und die Pflanzenzombies so zu ihren ersten Schritten auf dieser einlädt.

Zu Marco Di Sapias großartigem Pipertrunck gesellen sich als Hofnarren-Quartett: Boris Eder als geckenhafter, dem Geld nachjammernder Schatzmeister Baron Koffre, Jakob Semotan als kriegsversehrter Schlachtenminister Marschall Track, Josef Luftensteiner als furchtsamer Geheimrat Graf Schopp – und Yasushi Hirano als Schwarzmagier Truck, wobei dessen Bassbariton im Gesprochenen – Achtung: Running Gag – auf Japanisch erdröht. „König Karotte“ an der Volksoper erweist sich als Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État; das Ensemble erfreut, abgesehen von der sängerischen Brillanz, mit seiner überbordenden Spielfreude.

Ein kurzweiliger, dreistündiger Abend, bei dem Politsatire und absurder Witz perfekt ineinandergreifen, der aber, quietschbunt und fröhlich, wie er ist, auch für die jüngsten Volksoperngeher gut funktionieren wird. Zum Schluss wird, als das Gelbwesten-Volk endlich aufbegehrt, der seit einiger Zeit vor sich hinwelkende Wurzelschrat zurück ins Beet verbannt – eine Utopie, wie zu wünschen wäre.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=6JEkRSYH2Q0  www.youtube.com/watch?v=JWvcbmMDHBU

Regisseur Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=tM9xNxYAZvo

Die Solistinnen und Solisten im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=N4tt2i5oq4Q               www.volksoper.at

  1. 11. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: This is what happened in the Telephone Booth

November 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert

sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich. Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion vom netzzeit-Festival 2019 Out of Control mit Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert – und zwar noch genau sechs Mal.

Video: www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           www.netzzeit.at           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

17. 11. 2019