Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

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  1. 6. 2019

Volksoper: Das Programm der Saison 2019/20

April 24, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Cabaret“, Gespenst und eine Komische Gemüseoper

Robert Meyer und Christoph Ladstätter präsentierten heute das Programm der kommenden Saison. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Neun Premieren und sechs Wiederaufnahmen präsentierte Direktor Robert Meyer heute Vormittag als Spielplan seiner 13. Saison an der Wiener Volksoper. Ein Klassiker des Operettenrepertoires, „Der Zigeunerbaron“, trifft auf die Wiederentdeckung der Offenbach-Rarität „König Karotte“. Dem monumentalen „Boris Godunow“ stehen die Familienoper „Das Gespenst von Canterville“ und „Schoenberg in Hollywood“ im Kasino am Schwarzenberg- platz gegenüber.

Das Musical „Cabaret“ entführt in das Berlin der 1930er-Jahre, während das Musical-Märchen „Brigadoon“ in den schottischen Highlands angesiedelt ist. Und mit „La Piaf“  huldigt das Wiener Staatsballett einerseits der großen französischen Chansonnière und orientiert sich andererseits in der Uraufführung von „Appassionato – Bach und Vivaldi“ an Meisterwerken des Barock. Die Premiere von Cabaret am 14. September ist die erste der Saison. Das Musical des Autorenduos John Kander und Fred Ebb ist in der Regie von Volksoperndebütant Gil Mehmert und unter der musikalischen Leitung von Lorenz C. Aichner unglaublicherweise zum ersten Mal am Haus zu sehen. Ruth Brauer-Kvam kehrt in der Rolle des Conférencier nach längerer Abwesenheit ans Haus zurück, den Part der legendären Nachtclubsängerin Sally Bowles wird Bettina Mönch übernehmen. Als spät verliebter Herr Schultz wird Robert Meyer zu sehen sein.

Am 18. Oktober folgt als Österreichische Erstaufführung Das Gespenst von Canterville. Philipp M. Krenn inszeniert die humorvolle Gruseloper des zeitgenössischen Komponisten Marius Felix Lange. „Mit Morten Frank Larsen als gepeinigtem Geist Sir Simon und Martin Winkler als neureichem Käufer von dessen Schloss sind die Hauptrollen hochkarätig besetzt“, so Meyer. Gerrit Prießnitz wird am Pult stehen. Übersinnliches ist auch in Jacques Offenbachs König Karotte im Spiel, wenn die Mitglieder des königlichen Gemüsebeets die Macht ergreifen. Die Wiederentdeckung von Jacques Offenbachs „Komischer Zauberoper“ voller bissiger literarischer und politischer Anspielungen ist das Jubliläumshighlight zum 200. Geburtstag des Komponisten. Die Volksoper zeigt die Inszenierung von Matthias Davids als Koproduktion mit der Staatsoper Hannover unter der musikalischen Leitung von Guido Mancusi. Mirko Roschkowski verkörpert den vergnügungssüchtigen Regenten Fridolin XXIV, der einer vegetarischen Läuterung bedarf, „als Gast aus Hannover wird Sung-Keun Park den König Karotte singen“, so Meyer. Premiere ist am 23. November.

Eine Liebesgeschichte in den schottischen Highlands, die die Grenzen von Zeit und Raum überwindet, erzählt Brigadoon, 1947 der erste durchschlagende Erfolg des Musicalduos Alan J. Lerner und Frederick Loewe, und noch berühmter geworden durch die Vincente-Minelli-Verfilmung aus dem Jahr 1954 mit Gene Kelly als Tommy Albright – wiewohl Robert Meyer bekennt, das Werk bis vor Kurzem nicht gekannt zu haben. Inhalt: Die beiden Amerikaner Tommy und Jeff geraten bei einer Jagdtour in Schottland in ein kleines Dorf namens Brigadoon. Das idyllische Nest und seine Bewohner erscheinen nur alle 100 Jahre für einen Tag, dann verschwinden sie wieder. Tommy verliebt sich in die Schönheit Fiona, und das bringt natürlich Probleme mit sich. Die Volksoper präsentiert das große romantische Musical unter der Leitung von Lorenz C. Aichner halbszenisch als Österreichische Erstaufführung ab 1. Dezember. Die Ensemblemitglieder Rebecca Nelsen und Ben Connor verkörpern das Liebespaar Fiona und Tommy, Sarah Schütz die schräge Meg Brockie.

Durchaus „Sorge wegen der Verherrlichung des Krieges im Werk“ hatte Robert Meyer bezüglich Der Zigeunerbaron, da aber Regisseur Peter Lund diese „mit einer großartigen Idee“ zerstreuen konnte, hat die Operette von Johann Strauß nun am 29. Februar Premiere. Kurt Rydl gibt den gierigen Schweinezüchter Kálmán Zsupán und Eric Laporte den aus der Fremde heimkehrenden Sándor Bárinkay, der in der jungen Saffi, dargestellt von Katrin Adel, seine Liebe findet. Dirigieren wird Alfred Eschwé. Gleich zwölf Tänzerinnen verkörpern in Mauro Bigonzettis Hommage an Edith Piaf die Rolle der unvergesslichen Chansonnière, die sich als „Spatz von Paris“ in die Geschichte einschrieb. Fasziniert von ihrem einzigartigen Charisma spürt Bigonzetti in seinem Ballett La Piaf mit einer stark bildhaften und märchenhaft anmutenden Erzählweise der besonderen Aura der legendären Sängerin nach. Mit Chansons von Edith Piaf sowie Musik von Gabriel Fauré, Jules Massenet, Darius Milhaud, Francis Poulenc, Maurice Ravel und Erik Satie. Premiere ist am 28. März.

Bettina Mönch als Sally Bowles in „Cabaret”. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Volksopern-Gast Sung-Keun Park (M.) und Komparserie aus „König Karotte”. Bild: © Thomas Jauk

Morten Frank Larsen als Sir Simon in „Das Gespenst von Canterville”. Bild: © Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

„Ich habe mich mit Martin Kušej getroffen, und es war überhaupt kein Thema, dass die Volksoper auch weiterhin eine Produktion pro Saison im Kasino am Schwarzenbergplatz zeigen wird“, freut sich Robert Meyer über die Fortsetzung dieser Möglichkeit unter dem neuen Burgtheater-Direktor, die am 4. April mit der Europäischen Erstaufführung von Schoenberg in Hollywood als vierte Produktion der Serie zeitgenössischer Werke an der Spielstätte weitergehen wird. Als Arnold Schönberg 1933 in die Vereinigten Staaten emigrierte, geriet er mit Hollywood und dem Genre der Filmmusik in Kontakt. In cineastischen Rückblenden erzählt die Kammeroper des US-Komponisten Tod Machover, ausgehend vom Aufeinandertreffen des Komponisten mit dem Filmproduzenten Irving Thalberg, Episoden aus dessen Leben. Die musikalische Leitung übernimmt Gerrit Prießnitz, Helen Malkovsky zeichnet für die Regie verantwortlich, Marco Di Sapia verkörpert die Titelfigur. „In diversen Rollen, wie Schoenbergs Gefährtinnen Mathilde Zemlinsky und Gertrud Kolisch, den Komponistenkollegen von Alban Berg bis Gustav Mahler oder Nebenbuhler Richard Gerstl, sind die Neuengagements Lauren Urquhart und Jeffrey Treganza zu sehen“, so Meyer.

Sein Volksoperndebüt gibt auch Regiealtmeister Peter Konwitschny mit der 2.-Mai-Premiere von Mussorgskis Monumentaloper Boris Godunow. Der österreichische Bass Albert Pesendorfer kehrt in der Titelrolle ans Haus zurück. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Jac van Steen. Die zugleich letzte Premiere der Saison und von Manuel Legris als Direktor des Wiener Staatsballetts ist Uraufführungen von Choreographen gewidmet, die aus der Kompanie hervorgegangen sind: Appassionato – Bach und Vivaldi wird am 5. Juni uraufgeführt – und gleichsam aus drei Teilen bestehen. Während Boris Nebyla in „Il Prete Rosso“ der bewegten Biographie Antonio Vivaldis nachspürt, lotet Eno Peci mit „Monkey Mind“ die Kraft der Gedanken aus, die es ermöglicht, zu innerer Stärke zu finden. Martin Winter wiederum folgt dem Symbolgehalt der „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi, wobei er sich auf die 2012 veröffentlichte Bearbeitung des Werkes von Max Richter stützt.

Als Wiederaufnahmen kehren mit Gräfin Mariza und Die lustige Witwe zwei Werke der silbernen Operettenära in gefeierten Inszenierungen wieder. Die Opern Carmen und Rigoletto, zweitere nun in italienischer Sprache, thematisieren die Liebe in ihrer Unausweichlichkeit, während im Musical Kiss me, Kate der Rosenkrieg tobt. Mit Carmina Burana wird ein besonders effektvoller und beim Publikum beliebter Ballettabend wiederaufgenommen. Eröffnet wird die Saison am 1. September mit dem traditionellen Volksopernfest und einer Hommage an Dagmar Koller, die am 26. August ihren 80. Geburtstag feiert. In der Soiree zu ihren Ehren werden Melodien ihrer größten Erfolge vorgetragen, von „My Fair Lady“ über „Kiss me, Kate“ bis „Hello, Dolly!“. Scherzt Robert Meyer: „Ich wurde dazu verdonnert, eine Szene aus ,Der Mann von La Mancha‘ zum besten zu geben.“

Zum Schluss der Programmvorschau kam der kaufmännische Geschaftsführer Christoph Ladstätter noch auf zwei erfreuliche Zahlen zu sprechen, nämlich auf die bis dato 81 % Auslastung in der aktuellen Saison, „wir haben jetzt bereits 10.000 Karten mehr verkauft, als in der vorherigen“, und auf seine Herzensangelegenheit, die Schulprojekte, die in der Saison 2019/20 „Das Gespenst von Canterville“ und „König Karotte“ sein werden. Während Wiener Schülerinnen und Schüler diese vor Ort vom ersten Bühnenbildentwurf bis zur Premiere mitverfolgen können, werden, so Ladstätter, „neu für Schulklassen aus den Bundesländern Online Classrooms eingerichtet, um diese Informationen digital ins Klassenzimmer zu vermitteln.“

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24. 4. 2019

Volksoper im Kasino: Powder Her Face

April 23, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine speelige Oper über die Queen of Queer

Die Queen of Queer mit ihrem Gefolge: Ursula Pfitzner, David Sitka (li.) und Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist nichts Alltägliches, dass eine Inszenierung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren hat. Bei Komponist Thomas Adès‘ Erstlingswerk „Powder Her Face“ weist praktischerweise bereits der Wikipedia-Eintrag auf den Grund dafür hin, hat doch Librettist Philip Hensher in dessen vierte Szene den ersten Blowjob der Opernwelt eingeschrieben. Dass im Werk der beiden Briten viel mehr steckt, als einmal „Französisch“, beweist allerdings die fürs zeitgenössische Musiktheater beispiellose Erfolgsgeschichte seit seiner Uraufführung 1995 beim Cheltenham Festival. Die Volksoper zeigt die erotische Kammeroper nun als dritte Produktion an ihrem Spielort für Besonderes, dem Kasino am Schwarzenbergplatz, und es ist von einer gewissen Pikanterie, diese Arbeit im einstigen Palais des Habsburger-Nesthäkchens Erzherzog Ludwig Viktor zu sehen.

Machte Skandalprinz „Luzi-Wuzi“ aus seinem queeren Lebensstil ja bekanntlich kein Geheimnis. Queer, diesen ehemaligen Begriff für abnorm oder abartig, hat die LGBT-Community längst als Selbstbeschreibung für sich in Anspruch genommen, vielfach taucht das Wort auch im Henshers explizitem Text auf, ein Moment, auf das Regisseur Martin G. Berger Bezug nimmt, indem er den Solistinnen und Solisten der Aufführung eine in allen sexuellen Spielarten ausgestattete Statisterie zur Seite stellt.

Diese empfängt das Publikum leicht geschürzt schon beim Einlass, überhaupt gehen die Darsteller immer wieder auf Tuchfühlung zu ihm, wenn sie die Bühne, die eigentlich ein rund ums Orchester laufender Catwalk ist, verlassen. Bergers Zugriff auf die Oper ist very british, spleenig und skurril, was passt, wird doch der tragische Absturz der Protagonistin in eine schwarzhumorige Gesellschaftssatire gebettet, in der weder die Upper Class noch das in doppeltem Sinne gemeine Volk geschont werden, und mit der Adès und Hensher die Dekadenz und den Ennui der High Society ebenso aufs Korn neben, wie die Falschheit und Verbissenheit deren, die in diesen inneren Kreis mit allen Mitteln zu gelangen trachten. Unnötig zu sagen, dass dieses vor Sex und Zynismus geradezu dampfende Stück von den Zuschauern heftig akklamiert wird.

Rückschau im Rosé-Riesenpelz: David Sitka, Ursula Pfitzner, Bart Driessen und Morgane Heyse. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Richter ist ein Hampelmann: Bart Driessen projiziert mit Livekamera sein Gesicht auf die Puppe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende eine Karikatur ihrer selbst: Morgane Heyse als Interviewerin und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Inspiriert ist „Powder Her Face“ von der Biografie der in Großbritannien legendären Margaret Campbell, Duchess of Argyll, einer nicht nur in Liebesdingen Freigeistin mit den Markenzeichen Pudel und dreireihige Perlenkette, und ihrem aufsehenerregenden Scheidungsprozess vom Herzog im Jahr 1963, bei der ihr dieser nicht nur 88 Affären vorrechnete, sondern auch das Polaroid einer Fellatio vorlegte. Adès hat dafür eine dreiste Partitur zu Papier gebracht, ein Mix aus Zitaten der Unterhaltungsmusik der 1920- und 1930er-Jahre, Tango und Cole-Porter-Persiflage, der Margaret Campell laut ihr in „You’re the Top“ besungen haben soll, und Reverenzen an Schubert, Strawinsky und Strauss‘ „Rosenkavalier“. Dirigent Wolfram-Maria Märtig führt das kleine, mit unter anderem überdimensionalem Schlagwerk, Harfe, Akkordeon und Klingeln eigenwillig besetze Instrumentalensemble der Volksoper zur Höchstleistung, wenn es die disparaten musikalischen Versatzstücke aufs Feinste zusammensetzt. Nicht umsonst wird dieser Klangkörper beim Schlussapplaus beinah am lautesten gefeiert.

Wie Adès den Musikern bei der Klangschöpfung menschlicher Abgründe enorme Virtuosität abverlangt, so müssen auch die vier Akteure für ihre schwierigen Partien alles geben. Dies gelingt Ursula Pitzner als Duchess, Morgane Heyse als Maid, David Sitka als Electrician und Bart Driessen als Hotel Manager gesanglich wie schauspielerisch exzellent. Pitzner balanciert als Queen of Queer brillant auf dem schmalen Grat, ihre Figur der Lächerlichkeit preiszugeben und trotzdem etwas von deren Würde zu retten. Ob die acht Szenen Erinnerung oder Einbildung sind, enträtselt sich nicht, da Morgane Heyse, David Sitka und Bart Driessen nicht nur das Personal des Hotels, in dem die Herzogin ihre späten Jahre verbrachte, verkörpern, sondern auch Feinde und Wegbegleiter früherer Zeiten. Klammer der Handlung ist das Jahr 1990, von dem aus die Ereignisse von 1934 bis 1970 erzählt werden, allerdings nie die prägenden, sondern stets ein Warten darauf oder ein Reflektieren darüber.

So geht’s über Körperverschlingungen zu einem schräg-sündigen Tango, dieser gleichsam die Ouvertüre und Morgane Heyses erste Chance zum Koloratur-Orgasmus, über eine Spottepisode, in der Zimmermädchen Heyse und Elektriker Sitka die Herzogin ob ihrer Freizügigkeit demütigen, von 1990 nach 1934, in welchem die Duchess sehnsüchtig auf den zu werdenden Ehemann Nr. 2, Bart Driessen als Herzog, hofft. Auch hier kommentieren die Bediensteten die Gefühlsduselei ihrer Herrin hämisch, ihre Habsucht gegen seinen Hang, Mädchen ins Unglück zu stürzen. Zwei Jahre später, bei der Hochzeit, träumt eine Kellnerin angesichts der ausschweifenden Feierlichkeiten vom Luxus.

Exzess mit Badewanne: David Sitka, Bart Driessen, Morgane Heyse und Ursula Pfitzner in Champagner und Schoko. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Society erfreut sich am Scheidungsskandal: David Sitka, Morgane Heyse und Bart Driessen als Richter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin G. Berger erschafft auf der Bühne von Sarah-Katharina Karl und mit den Bondage-Accessoires, Strapsen und Spitzencorsagen von Kostümausstatter Alexander Djurkov Hotter sinnlich-suggestive Bilder. Zur Vergnügung jedes mit jedem werden schön klischierte Videos von zerfließendem Softeis und aufblühenden Blumen projiziert. Mit vollem Einsatz wird geposed, nehmen die Damen ein Champagner-Schokolade-Obstsalat-Bad, singt sich Pitzner bei Sitkas sehr speziellem Roomservice, Berger präsentiert Beischlaf statt Oralsex, zum Höhepunkt, tobt die Öffentlichkeit schließlich in Affenmasken über die Eskapaden der Herzogin. Die Verrücktheiten, die die allgemeine Sensationsgier von ihr nachgerade forderte, werden der Herzogin nun zum Vorwurf gemacht, werden ihr zum Verhängnis werden.

Mit Heyse und Sitka, die ihre Stimmen im Reigen der Rollen- und Partnerwechsel sicher führen, glänzt Bart Driessen, der diese Charaktere schon zum zweiten Mal gestaltet, als Herzog und als Scheidungsrichter. Ersterer hat nicht nur einen Auftritt wie der Komtur, sondern darf sich auch, als ihm seine Geliebte die Seitensprünge der Gattin offenbart, rechtschaffen männlich entrüsten und besagtes Polaroid in der Luft zerfetzen. Bei zweiterem ergänzt Driessen einen Riesenhampelmann um sein per Livekamera gefilmtes Gesicht, der Gesetzsprecher, der die Herzogin für pervers und ergo schuldig erklärt, als bigotter In-ihren-Unterrock-Wichser, den vor Geifer ein genitaler Blutsturz ereilt. Was Driessen nicht davon abhält, seine Arie vortrefflich zu Ende zu singen. Als Hotel Manager wird es, wieder 1990 angelangt, seine Aufgabe sein, unter Absingen einer Art Requiem die mittlerweile verarmte Adelige aus dem Haus zu expedieren, wogegen sie sich ein letztes Mal einem freilich interesselosen Mann anbietet.

Davor stellt Ursula Pfitzner noch einmal ihr tragikomisches Können aus, 1970, da wird die Herzogin interviewt, erscheint als Karikatur ihrer selbst mit clownesk-groteskem Makeup und überkandidelter Perücke, den Hängebusen im pinken Kostüm verstaut und mit Plüschtierpelz verhängt. Aber während sie über ihre Schönheitsgeheimnisse schwadroniert, bricht durch ihren Smalltalk die Einsamkeit, der Jammer über den Verlust von sogenannten Freunden und Liebhabern. Noch einmal Tango, doch angeekelt zieht man sich von ihr zurück, und am Ende die Erkenntnis: „Die einzigen Menschen, die je gut zu mir waren, wurden dafür bezahlt.“ „Powder Her Face“ ein weiteres sehenswertes Kleinod der Volksoper im Kasino. Morgen wird Hausherr Robert Meyer verraten, was in der Saison 2019/20 am großen Haus und in der kleinen Spielstätte geplant ist. Man darf gespannt sein.

Video: www.youtube.com/watch?v=ISNsqcL9ZWg&t=77s  www.youtube.com/watch?v=2EWQ2Yo3a-c           www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Festspielhaus St. Pölten: Die Saison 2019/2020

April 17, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights aus dem Programm

Sylvain Émard: Le Grand Continental. Bild: Robert Torres

Neben Tanzperformances verschiedenster Genres präsentiert die 23. Festspielhaus-Saison Highlights aus Orchester-, Unterhaltungs- und Kammermusik. Zeitgenössische Circus-Produktionen sind ebenso zentraler Bestandteil des Programms wie ein vielfältiges Angebot für Familien und das mehrtägige Workshop-Festival „Jugendklub“ für Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 15 bis 25 Jahren.

Martin Schläpfer, preisgekrönter Direktor und Chefchoreograf des Ballett am Rhein, bringt seine Version von Tschaikowskis „Schwanensee“ kurz vor seinem Amtsantritt als Wiener Staatsballettdirektor nach St. Pölten und präsentiert sie damit erstmals einem österreichischen Publikum. Das Tonkünstler-Orchester spielt dazu live unter der Leitung von Axel Kober. Ebenfalls im russisch-märchenhaften Klanguniversum beheimatet ist die zweite Kooperation mit dem Festspielhaus-Residenzorchester: Les Ballets de Monte-Carlo unter Jean-Christophe Maillot gastieren mit „Cinderella“ zur Musik von Sergej Prokofjew. Musikalische Leitung: Nicolas Brochot.

Compagnie Käfig: Vertikal. Bild: Laurent Philippe

Kirina. Bild: Philippe Magoni

In der Österreich-Premiere von „Vertikal“ lässt Choreograf Mourad Merzouki die Tänzerinnen und Tänzer seiner Compagnie Käfig gegen die Schwerkraft ankämpfen und zeigt ein Tanz-, Akrobatik- und Aerial-Spektakel in scheinbar gravitationslosem Raum. Nicht minder spektakulär verspricht „Circa‘s Peepshow“ des australischen Circus C!rca zu werden. Eine außergewöhnliche Performance feiert zu Saisonabschluss ihre Premiere im deutschsprachigen Raum: Kader Attou, Leiter der französischen Cie Accrorap, lässt in „Un break à Mozart 1.1“ zehn Breakdancer zu Versatzstücken aus Mozarts „Requiem“ sowie zu Motiven aus „Don Giovanni“ performen. Richard Siegal gastiert mit seiner 2016 gegründeten Compagnie Ballet of Difference in St. Pölten: Der ehemalige Festspielhaus-Artist in Residence zeigt sein brandneues „New Ocean“ als österreichische Erstaufführung.

Doris Uhlich wirkte ebenfalls bereits als Artist in Residence am Festspielhaus und bringt mit „Every Body Electric“ ihr viel getourtes inklusives Ensemblestück auf die Bühne. Drei starke, zukunftsweisende Positionen des zeitgenössischen Balletts stehen mit dem Ballet BC Vancouver auf dem Programm. Der britische Choreograf Akram Khan kehrt mit seiner Compagnie ans Festspielhaus zurück und zeigt „Outwitting the Devil“ als Österreich-Premiere. Eine poetische Erzählung über die Entstehung einer neuen Welt ist „Kirina“ des aus Burkina Faso stammenden Choreografen Serge Aimé Coulibaly. Mit Eduardo Guerrero ist der Shooting-Star einer neuen Flamenco-Generation zu Gast.

Eduardo Guerrero. Bild: Felix Vázquez

C!rca Contemporary Circus: Circa’s Peepshow. Bild: Andy Phillipson

In zwölf symphonischen Konzerten spannt das Tonkünstler-Orchester einen Bogen von der Wiener Klassik bis zur Romantik und deren Übergang zur Moderne des 20. Jahrhunderts, sowie von russischen und slawischen zu französischen Klangwelten. Musikkuratorin Constanze Eiselt bringt mit unter anderem John McLaughlin, Mayra Andrade, Yaron Herman, Eric Bibb und El Gusto internationale Top-Acts auf die Bühne.

Das Festspielhaus bietet im Rahmen einer Arbeitsresidenz auch in der Saison 2019/2020 Raum und Zeit für international angesehene Künstlerinnen und Künstler. Der australische Choreograf Lloyd Newson und das Londoner Ballet Rambert werden in einer mehrwöchigen Residenz im Februar 2020 eine Neubearbeitung von „Enter Achilles“ zur Premiere bringen, einer sozialkritischen Performance über Männlichkeit, die 1995 bei den Wiener Festwochen für Furore sorgte und zum Welterfolg wurde.

Doris Uhlich: Every Body Electric. Bild: Theresa Rauter

Cie Philippe Saire: Hocus Pocus. Bild: Philippe Pache

Nach Montréal, Mexico City, Seoul, Santiago de Chile und Wellington lässt Sylvain Émards partizipatives Open-Air-Spektakel „Le Grand Continental: alle tanzen“ auch das Herz des Kulturbezirk St. Pölten zu einer riesigen Bühne werden. Bei freiem Eintritt performen im Juni 2020 etwa 150 lokal gecastete Laientänzerinnen und -tänzer Émards charakteristische Liaison aus traditionellen Elementen des Line Dance und zeitgenössischem Tanz. Die Castings zur Teilnahme am Projekt finden im Jänner 2020 statt, ab März 2020 wird die Choreografie in regelmäßigen Proben erarbeitet.

Video: www.youtube.com/watch?v=jLGwTOPpMKk&feature=youtu.be

www.festspielhaus.at

17. 4. 2019

Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019