Volksoper: Die Dubarry

September 4, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit

Endlich zur Mätresse des Königs aufgestiegen: Annette Dasch als Gräfin Dubarry und Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kommt man nach der Pause zurück in den Saal, sitzen auf der Bühne bereits Oliver Liebl als Hauslehrer und Annette Dasch, die von diesem vom Arbeitermädchen Jeanne Beçu zur Gräfin Dubarry erzogen werden soll – allerdings nicht für den Hof des französischen Königs Ludwig XV., sondern laut Liebls Zungenschlag eindeutig für den kaiserlichen zu Wien. Da gibt’s freilich viel zu lachen bei diesem Zwischenspiel, wenn der Berlinerin vom Wiener Kaffeeunterricht erteilt wird,

wenn die „Piefkenesin“ an der Knödelfrage „Hauptspeis‘, Zuaspeis‘, Nachspeis‘?“ scheitert, das Hand-Ablecken ist gleich den Handkuss pervers findet, und sich schief lacht über die Anrede „Eiergnaden“. Liebls „Lecker is bei uns goar nix!“ wird von jenem Teil des Publikums mit einem Jauchzer begrüßt, der auch am Schluss für Jubel und Applaus sorgte, während der andere ob des Niveaus indigniert das Leading Team mit Buhrufen bedachte.

Das war sie also die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper, „Die Dubarry“, mit einem ZuschauerInnen-Unentschieden als Endstand, wobei an dieser Stelle von einem verheißungsvollen Start die Rede sein soll. Hausdebütant Regisseur Jan Philipp Gloger turnt bei seiner theatralen Recherche über die Weibsbilder toxischer Männlichkeit eine Rolle rückwärts, vom Heute in die 1930er-Jahre zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Louis Quinze, was weniger mit der von dem betriebenen Beilegung des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes zu tun hat, als mit der Zeitlinie, die der Operette eingeschrieben ist:

Der Aufführung des selten gespielten, weil doch ziemlich angestaubten Werks im Jahr 2022, der Originalfassung des österreichischen Komponisten Carl Millöcker anno 1879, der Neufassung vom Deutschen Theo Mackeben von 1931 und der Handlung rund ums Jahr 1769. Entstanden ist so eine frisch aufgebrühte Melange mit dem melodie-verliebten Charme der goldenen Operettenära in der Donaumetropole und einer schmissig-schnoddrigen Revue-Operette à la an der Spree, sozusagen ein Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit, eine Konfetti-Explosion voll Witz und Ironie fürs Genre, dessen Dekonstruktion zweifellos – aber durchaus mit dem gebotenen Respekt.

Und in der Titelpartie eine entfesselte Annette Dasch, die mit ihrer Stimme sowieso und ihrem Spiel begeistert, eine grandiose Komödiantin, die ihren Charakter aber auch in Tiefen gleiten lassen kann, wenn es gilt die antiquiert-anzüglichen Frauenfantasien der besseren Herren zu hinterfragen – wobei trotz Feminismus und Büstenhalter-Verbrennung die bittere Essenz des Abends ist, dass Emanzipation bis zum Anschlag immer noch nicht stattgefunden hat. In allen vier Teilen bleibt die Frau mehr oder minder (Sex-)Objekt des Mannes, das alles gut getarnt im Dreivierteltakt als „Weiblicher Reize Macht“.

Los geht’s im Jetzt: Die „Putzmacherinnen“ im Atelier Madame Labille dekorieren Schaufensterpuppen, schwatzen über die neueste Emma-Ausgabe und, dass sie lieber bei Cartier als bei Kik shoppen würden, die Dasch rauscht mit Timbre und Temperament heran. Noch ist sie die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Jeanne Bécu, doch mit bester Freundin Margot, entzückend quirlig wie stets: Juliette Khalil, schmiedet sie größere Pläne. Die so rotzfrechen wie leichtlebigen Gören haben noch was vor: reiche Männer gegens eigene Elend aufreißen. Ergo raus aus dem Modesalon, rein ins Nachtleben, wo Marco Di Sapia als Graf Dubarry, Daniel Ohlenschläger, Oliver Liebl, Martin Enenkel und Wolfgang Gratschmaier ihr zynisches „Cherchez la femme“ anstimmen, Motto: Klug muss sie nicht sein, aber schön. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“

Die Putzmacherinnen und die Blaublüter anno 2022, M.: Wolfgang Gratschmaier und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Bohème-Romantik kann er sich einrahmen lassen: Annette Dasch und Lucian Krasznec als Maler René Lavallery. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In den Berliner 1930ern, gestrandet als Sängerin im Bordell: Annette Dasch und Marco Di Sapia als Graf Dubarry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im k.u.k.-Reich Seiner Majestät: Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem gefällt hier Wolfgang Gratschmaier als Marquis de Brissac, ein in die Jahre gekommener schlitzohriger Don Juan, dessen Ähnlichkeit mit einem bekannten Wiener Rechtsanwalt rein zufällig ist. Gemeinsam mit Khalil wird er in zahlreichen Bravourszenen ein akklamiertes Buffo-Paar abgeben. Margot wird nämlich die Geliebte des alten Gockels und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von ihm die Schauspielerei finanzieren zu lassen.

Zwischen kleinen Gags, kurzem Augenzwinkern und dem Schießen von Selfies darf derweil Lucian Krasznec als Kunstmaler René Lavallery seine Schellackstimme strahlen lassen. Es stand hier schon in der Rezension zum „Bettelstudent“ (www.mottingers-meinung.at/?p=19470), dass da einer ziemlich nah an den großen Adolf Dallapozza heranreicht, ein Eindruck, der sich bei seinem Schmachten um Jeanne wiederholt. In ihren Szenen sind Dasch und Krasznec musikalisch als das dramatische Liebespaar der Operette ausgewiesen, auch wenn ihn Besitzgier und häusliche Gewalt fehlleiten und die wichtigste Frage an die Geliebte ist, was sie denn vorhabe zu kochen. Bühnenbildner Christof Hetzer setzt Renés Bohème-Stube in einen blattgoldenen Bilderrahmen, in den –  einmal rausgestiegenJeanne kein Zurück mehr findet.

Denn die Dasch wirft den Würfel mit den zahlreichen Spielflächen selbst immer wieder händisch an, dreht die eigene Geschichte weiter, die Zeituhr zurück in die 1930er-Jahre, wo sie als Sängerin mit Künstlerinnennamen Manon in einem anrüchigen Etablissement auftritt. Alles atmet hier die Exzellenz der Dekadenz, als erneut Marco Di Sapia als eiskalt-eleganter, sinistrer Graf Dubarry erscheint, um der desillusionierten Jeanne, die er sofort als solche erkennt, ein unmoralisches Angebot zu machen: Um sein politisches Ränkeschmieden in Versailles voranzutreiben, will er sie als Gräfin Dubarry zur Mätresse des Königs machen. Schließlich habe sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, um in dieser monarchisierten Form der Prostitution zu reüssieren.

Und während Dasch in einer De-facto-Vergewaltigungsszene beim Roulettetisch „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“ singt, zeigt Margot, wie’s mit dem „Der Mann denkt, aber die Frau lenkt“ richtig geht: Sie trotzt dem Marquis de Brissac Luxuslabel-Sackerl um Luxuslabel-Sackerl ab, singt ihm ein fröhliches „Wenn Verliebte bummeln gehen“, während der alte Bock dasteht wie ein Packesel.

Der König der Late-Night-Shows kündigt seinen Gast an: Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry rockt Versaille: Gi­tar­re­ra Annette Dasch und Harald Schmidt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus dem Schaf wird keine Schauspielerin: Juliette Khalil als Margot. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende steht die Guillotine: Daschs Dubarry wird zum Opfer der französischen Revolution. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

In der zweiten Hälfte der Aufführung findet man sich in Millöckers k.u.k.-Wien wieder, beim „Alles Walzer!“ mit weißroten Gala- und Husaren-Uniformen à la Ungarland. Nach wie vor bewegt sich die nunmehrige Gräfin Dubarry in einer Männerwelt – und gallig klingt der Dasch mit erhobener linker Faust dargebotenes „Ob man gefällt oder nicht gefällt“, von Kai Tietje mit krassen Dissonanzen und gehetztem Rhythmus dirigiert, derweil sich die Szenerie vom neuen Resident Lichtdesigner Alex Brok ins Teuflische, Albtraumhafte verändert.

Nicht nur die Herren liefern Großteils mehrere Rollen ab, die großartige Ulrike Steinsky wechselt von Couturière Madame Labille über Bordellbesitzerin Marianne Verrières bis zur Marschallin von Luxemburg von Chefinnen-Gekeife über Raucherlungen-Tonfall zu Paula-Wessely’schem Schönbrunner Näseln. Der Steinsky gelingt jedes dieser Kabinettstücke vom Feinsten, immer toller werden die Kapriolen, die sie macht, und auffällt, wie präzise und exquisit die „Nebenfiguren“ geführt sind.

Zu guter Letzt: Auftrittsapplaus für Harald Schmidt als Ludwig XV. im Epoche-gemäßen Justaucorps, Annette Dasch mit Cul de Paris, endlich der Moment, an dem sich Kostümbildnerin Sibylle Wallum austoben durfte. Und Volksopern-Debütant Schmidt macht gar nicht den Versuch majestätisch zu sein. Die Entertainerlegende spielt sich selbst als König der Late-Night-Shows (auch der echte Ludwig XV. verstand es, sich als le Bien-Aimé zu inszenieren), er „dirigiert“ das Orchester wie Helmut Zerlett und die ARD-Showband, stellt ganz Talkmaster seinem Volk als Gast die Dubarry vor – und dieser dann dumme Fragen, die sie mit einem „Glauben Sie nicht, dass das ziemlich erniedrigend ist?“ quittiert.

Worauf der absolutistische Herrscher übers Ancien Régime der Fernsehunterhaltung sich bis über beide Ohren verliebt. Ein Gag über einen Film, den Johnny Depp als ER/Ludwig XV. gerade in Frankreich dreht, darf auch nicht fehlen. Die neue Favoritin des Königs singt als „Gstanzl“ mit Gitarre noch einmal „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“, bevor beim beliebten Schäferspiel alle in den Gassenhauer „Ja, so ist sie, die Dubarry, wer sie einst sah, vergisst sie nie“ einstimmen. „Das hisst das Regietheater die weiße Fahne, und ich spüre Originaltext in mir aufsteigen“, flachst Schmidt und schließt so den Kreis zum ersten Bild.

Satire as Satire can. Mit tausend und einer Idee lässt Jan Philipp Gloger die Operette einen g’feanzten Blick auf die eigene Beschaffenheit werfen. Charmant und sympathisch wie Lotte de Beer hat sich ihr neues Team schon mal in die Hälfte der Herzen hineingespielt. Also: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, Eiergnaden? Mitnichten, denn Gloger, der in der Aufführung immer wieder auch auf die Täterin-Opfer-Brüche der Person Dubarry hinweist, erzählt ihre Geschichte anders als Millöcker und Mackeben zu Ende. In der Volksoper wird sie dazu mitten im Trubel des Hofballs von Schergen der französischen Revolution abgeführt, wird ihr die bombastische Perücke vom Kopf gerissen – und ab unter die Guillotine.

www.volksoper.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=dH0k4fzsV8Y           Harald Schmidt über König Ludwig XV.: www.youtube.com/watch?v=ejo1alus1RU

TV-TIPP: Heute Abend ist die gestrige Volksopern-Premiere von „Die Dubarry“ um 20.15 Uhr auf ORF III zu sehen.

4. 9. 2022

Wiener Saisonstart 2022/23: Das wird eine heiße Woche

August 19, 2022 in Bühne, Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Sechs Premieren in vier Tagen, eine mit Harald Schmidt

Theater in der Josefstadt: Silvia Meisterle als Anna Karenina und Claudius von Stolzmann als Wronski. Bild: © Moritz Schell

Die neue Wiener Theatersaison steht ins Haus und zumindest auf dem Papier scheint sie eine überaus spannende zu werden. Schon die erste Woche präsentiert sich mit modernen Klassikern, Romanadaptionen, Bekanntem, neu zu Entdeckendem und Performativen. Sechs Premieren in nur vier Tagen – das ist es, was das Publikum erwartet.

Den Auftakt macht am 1. September das Theater in der Josefstadt mit „Anna Karenina“. Amélie Niermeyer und Armin Petras haben den Stoff nach Leo Tolstoi bearbeitet. „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ So beginnt dies Stück Weltliteratur: Tolstoi beschreibt in seinem Roman nicht nur das Einzelschicksal der verheirateten Titelfigur, die mit ihrem alten Leben radikal bricht; vielmehr gelingt dem Autor die präzise Darstellung patriarchaler Denkmuster:

Die Frau, die um ihrer Selbstverwirklichung Willen ihre Familie verlässt, wird nach wie vor als egoistisch und verantwortungslos angesehen. Niermeyer, die mit ihrer radikalen Inszenierung von „Der Kirschgarten an der Josefstadt erfolgreich war (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36654),

geht der Frage nach, wie es möglich ist, innerhalb der Gesellschaft alternative Lebensmodelle anzustreben. Anna Karenina wird geächtet, weil sie den Konventionen offen trotzt. Silvia Meisterle in der Titelrolle zu sehen, die zwischen Raphael von Bargen (als Karenin) und Claudius von Stolzmann (als Wronski) steht, dazu Alma Hasun (Kitty) und Alexander Absenger (Lewin).

Es folgt am 2. September „Das weite Land“ am Akademietheater. Regisseurin Barbara Frey inszeniert Schnitzlers großes Ensemblestück als Panorama einer privilegierten und atemlosen Gesellschaft, die ihren Untergang als „self-fulfilling prophecy“ lachend heraufbeschwört. Zu erleben sind neben Katharina Lorenz als Genia Hofreiter und Michael Maertens als Friedrich Hofreiter auch Bibiana Beglau, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Felix Kammerer, Branko Samarovski, Nina Siewert sowie Itay Tiran. Bühnenbild: Martin Zehetgruber.

Am 3. September gilt es zwischen drei Premieren zu wählen: Die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper ist die selten gezeigte Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Das Werk erzählt in biografischen Stationen den sozialen Aufstieg des Arbeitermädchens Jeanne Beçu zur wohlhabenden Mätresse Ludwigs XV. und wirft dabei noch immer aktuelle Fragen auf: Welche Verluste erlebt sie auf „dem Weg nach oben“ und wie weit korrumpiert sie sich? Als Jeanne vor die Wahl gestellt wird zwischen der Liebesbeziehung zu dem Künstler René und der Möglichkeit, die Geliebte des Königs zu werden, ist das nicht nur die Entscheidung für den einen oder anderen Mann, sondern auch für ein jeweils vollkommen anderes Leben.

Um Weiblichkeitszuschreibungen im Wandel der Zeit zu befragen, haben Regisseur Jan Philipp Gloger und sein künstlerisches Team für diese Neuproduktion eine theatrale Zeitreise über vier Jahrhunderte erfunden, die in großen Bildern aus unserer Gegenwart bis in das Frankreich Ludwigs XV. zurückführt. Kai Tietje dirigiert, Starsopranistin Annette Dasch kehrt als Dubarry Hans aus zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt niemand geringerer als Comedy- und Talkshow-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt.

Ebenfalls am 3. September zeigen die Kammerspiele der Josefstadt Edward Albees „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ in einer Übersetzung von Alissa und Martin Walser. Albee, der Altmeister des US-amerikanischen Theaters, hat mit seinem letzten bedeutendem, vielfach ausgezeichneten Stück einen großen Wurf gelandet: „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ ist kein Sodomie-Schocker, sondern zwanzig Jahre nach seiner Uraufführung nach wie vor ein provokanter Anschlag auf das bürgerliche Eifersuchtsdrama, sehr witzig und respektlos, aber gleichzeitig auch abgründig und tragisch.

Akademietheater: „Das weite Land“ mit Beglau, Kammerer, Maertens und Hartinger. Bild: © Andreas Pohlmann

Kammerspiele der Josefstadt: „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ mit Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Moritz Schell

Burgtheater: „Ingolstadt“ mit Jan Bülow, Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

Volksoper: „Die Dubarry“ Annette Dasch mit Harald Schmidt als König Ludwig XV. Bild: © Volksoper Wien/Screenshot

Volkstheater: NV / NIGHT VATER / VIENNA von und mit Paul McCarthy und Lilith Stangenberg. © Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Bild: © Ryan Chin

Martin, erfolgreicher Architekt, liebt eine Ziege. Allerdings nicht so, wie die meisten Menschen für gewöhnlich ihre Hunde und Katzen lieben. Diese außereheliche Beziehung belastet sein Verhältnis zu seiner Frau und seinem Sohn. Die Grenzen zwischen Komik, Tragik und Entsetzen sind fließend. Edward Albee lässt die heile Welt seiner Figuren von einer Sekunde auf die andere zerbrechen, lässt sie an ihre Toleranzgrenzen stoßen und führt so die Story ihrem vordeterminierten Ende entgegen. Regie: Elmar Goerden; mit Sandra Cervik, Joseph Lorenz, Michael Dangl und Julian Valerio Rehrl.

Last, but not least präsentiert das Volkstheater am 3. September die PerformanceNV / NIGHT VATER / VIENNA“. Seit 2017 arbeiten der US-amerikanische Künstler Paul McCarthy und sein Sohn Damon am Projekt NV / NIGHT VATER – ausgehend vom berühmt-berüchtigten, in Wien gedrehten Film „The Night Porter“ (1974) der italienischen Regisseurin Liliana Cavani. Der Film thematisiert die sadomasochistische Beziehung des ehemaligen SS-Offiziers Max mit seinem Opfer Lucia, einer KZ-Insassin. Max tauchte nach dem Krieg unter und arbeitet als Nachtportier in einem Wiener Hotel. Dort begegnen er und Lucia sich zufällig wieder – und sie sind sich immer noch verfallen, so dass ihr Verhältnis neu auflebt.

McCarthy machte daraus zuerst neuerlich einen Film, mit sich als Max, einem alternden Hollywood-Produzenten, der von Faschismus und Kontrolle besessen ist. Lilith Stangenberg spielt eine junge Schauspielerin, die nach Los Angeles kommt, um für einen Film vorzusprechen, der von Max gedreht wird. Nun wird das Wiener Publikum die seltene Gelegenheit haben, einer Performance von McCarthy in Form von öffentlichen Dreharbeiten beizuwohnen. Über vier Tage hinweg werden sowohl improvisierte, als auch im Skript fixierte Aktionen eine geschlossene Erzählung bilden, wobei jeder Tag eine andere Episode darstellt. Die Aufführungen sind für Besucherinnen und Besucher unter 18 Jahren nicht zugänglich.

Am Burgtheater schließlich wird die Saison am 4. September mit „Ingolstadt“, nach „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“, von Marieluise Fleißer eröffnet. Die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen inszeniert Ivo van Hove. Der international erfolgreiche Regisseur gibt mit dieser Arbeit, nach mehreren großen Gastspielen bei den Wiener Festwochen (2017 beispielsweise stand Hollywoodstar Jude Law in van Hoves Visconti-Adaption „Obsession“ auf der Bühne im MuseumsQuartier), sein Regiedebüt in Wien. Es sind die heißesten Tage eines langen Sommers in der drückenden Enge der katholischen Provinz, die sich ihre Ventile mit grausamer Gesetzmäßigkeit an den schwächsten Stellen sucht. Roelle ist ein Außenseiter – ein selbsternannter Auserwählter und Heiliger von eigenen Gnaden, zu dem „die Engel kommen“. Mit seinem Wissen um die ungewollte Schwangerschaft der Klosterschülerin Olga hofft er, ihre Nähe erpressen zu können.

Fabian hat sich in Berta, das Dienstmädchen seines Vaters, verliebt, die ihrerseits von dem Pionier Korl fasziniert ist, dem sie die kaltschnäuzigen Beteuerungen seiner Gleichgültigkeit nicht glauben mag. Ihre Freundin Alma versucht Unabhängigkeit zu erlangen, indem sie sich auf eigene Rechnung zu prostituieren versucht. Der Feldwebel, der Pioniere kommandiert, die in Ingolstadt sind, um eine Brücke über die Donau zu bauen, wird Opfer eines Anschlags seiner Untergebenen und ertrinkt in der Donau. Die Gewalt in Marieluise Fleißers „Ingolstadt“ trägt die Masken der Religion, der Familie, der militärischen Ordnung, der Sexualität. Ihr Medium aber ist die Sprache. Es spielen unter anderem Marie-Luise Stockinger, Jan Bülow, Rainer Galke  und Elisabeth Augustin.

www.josefstadt.org           www.burgtheater.at            www.volksoper.at           www.volkstheater.at

  1. 8. 2022

Seefestspiele Mörbisch: Der König und ich

Juli 27, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Et cetera, et cetera, et cetera …

Mehr als 100 Mitwirkende: Das Ensemble mit Leah Delos Santos, Milica Jovanovic, Finn Kossdorff, Vincent Bueno und Marides Lazo. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

„In a show with everything but Yul Brynner“ landete Murray Head 1984 in seinem von Björn Ulvaeus und Benny Andersson (apropos: INFO) geschriebenen Song „One Night in Bangkok“. Nun, bei den diesjährigen Seefestspielen Mörbisch hat man mehr als würdigen Ersatz für den berühmtesten Glatzkopf der Welt gefunden: den aus Amsterdam stammenden Musicalstar Kok-Hwa Lie, der die Rolle des Mongkut bereits mehr als hundert Mal verkörperte – unter

anderem im London Palladium, wo er Generalmusikintendant Alfons Haider prophezeite, selbst einmal den König von Siam zu spielen, was tatsächlich ab 1998 der Fall war. Zusammengefasst heißt das: „Der König und ich“ 2022 bei den Seefestspielen Mörbisch, wo zusammenkommt, was zusammengehört. Die Aufführung, die geboten wird, ist wahrlich eine der Superlative: Mehr als hundert Mitwirkende aus zwanzig Nationen, der opulent glitzernde 28-Meter-Turm von Walter Vogelweider, der den königlichen Palast krönt, bis dato das höchste Bühnenbild in Mörbisch, 200 neu geschneiderte Kostüme von Charles Quiggin und Aleš Valaṧek, darunter Anna’s mehr als zwei Meter breites Ballkleid mit vergoldeten Orchideen. Ein Monumentalmusical in Cinemaskop! Eine Symphonie in Purpur, Rot und Gold.

Und immer wieder hinreißende Wasserspiele statt des obligatorischen Feuerwerks, dass die einzigartige Seewinkel-Fauna ohnedies nur verschreckt haben kann … Ja, Simon Eichenbergers Inszenierung bleibt vom ersten bis zum letzten Takt (musikalische Leitung: Michael Schnack) auf höchstem Niveau unterhaltsam. Dass man derlei auch anders interpretieren könnte, die toxische Männlichkeit Mongkuts, die kolonialistisch-überheblichen Briten, schließlich das Schicksal des Liebespaares Tuptim und Lun Tha hat man andernorts schon zeitkritischer gesehen (letzteres von Auspeitschung Tuptims bis Hinrichtung Lun Thas selbst bei weiland König Alfons) – doch passt das offenbar nicht zur lauen pannonischen Sommernacht.

Was also? Beruhend auf einer wahren Begebenheit schickt das Werk aus der goldenen Ära des Musicals von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II die Engländerin Anna Leonowens nach Siam, um den zahlreichen Kindern des Königs sowie seinen ebenso zahlreichen Frauen die westliche Lebensart beizubringen. Freundschaft, aber auch Hürden tun sich zwischen Anna und dem König auf: Von Kok-Hwa Lie keineswegs unsympathisch, sondern in seinem Eitler-Pfau-Sein durchaus satirisch dargestellt, changiert dieser König fast kindisch rechthaberisch zwischen alter Tradition und neuen Sichtweisen. Er ringt mit sich für ein modernes Siam – Hauptsache: „wissenschaftlich“.

Milica Jovanovic zeigt Anna als resolute, romantische Britin, die sich auf die schier aussichtslose Mission begibt, zumindest die Grundwerte von Demokratie und einen Hauch von Gleichberechtigung am Königshof zu etablieren. Sich vor dem König zu Boden zu werfen, danach steht ihr nicht der Sinn, sie hat keine Angst vor dem Despoten, ist ihr doch klar, dass sich hinter seiner herrischen Art auch die Hilflosigkeit angesichts eines sich verändernden Weltbilds verbirgt.

Der stolze König von Siam: Kok-Hwa Lie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Marco Sommer

Marides Lazo und Robin Yujoong Kim, hi.: Leah Delos Santos. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Marco Sommer

Bereiten den Ball vor: Milica Jovanovic und Kok-Hwa Lie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Marco Sommer

Schnell gewinnt die verwitwete Lehrerin ihre Schüler lieb, was sie in einer deutschen Version von „Getting to Know You“ mit musicalheller Stimme besingt. Ihr Repertoire sowie ihr komödiantisches Talent kann Jovanovic ebenso zeigen, wenn sie ihrer Wut über den chauvinistischen König in „Shall I Tell You What I Think of You?“ freien Lauf lässt. Ein Temperamentsausbruch der Extraklasse. Worauf eine der schönsten Melodien des Musicals ertönt, „Something Wonderful“, interpretiert von der stimmstarken Leah Delos Santos als Hauptfrau Lady Thiang, die Anna weibliche Schläue im männlichen Absolutismus lehrt, nämlich den König zu belehren, indem aus einem Rat ein „Ich rate, was Eure Majestät planen“ wird. Emanzipierter Beschützerinneninstinkt par excellence.

Das eigentliche Liebespaar, die dem König vom Nachbarn Burma geschenkte Tuptim sowie deren Überbringer Prinz Lun Tha, besticht zwischen den Massenszenen rund um die königlichen Kinder (Rosemarie Nagl, Hana Amelie Hrdlicka, Lilya Aurora Gasoy, Liam Kiano Therrien, Ciannyn Therrien, Lennyn Therrien, Tamaki Uchida, Yukio Mori, Dina Le, Nio Le, Yimo Ding, Daniel Avutov, Maximilian Chen, David Chen und Ivan Ramon Jacques) mit schmerzhaft intimen Momenten: Marides Lazo und Robin Yujoong Kim reüssieren bei „We Kiss in a Shadow“ und „I Have Dreamed“ vom Feinsten.

Vor allem Kim, dem mit seinem fülligen Tenor wie bereits 2019 am Neusiedler See als Sou Chong deutlich anzuhören ist, dass er ansonsten in Opernhäusern von Zürich, Dresden, der Dänischen Nationaloper bis zur Carnegie Hall mit Partien von Don Ottavio, Tamino, Ruggero bis Maler in „Lulu“ zu Hause ist. Der König nimmt Annas Unterstützung im Umgang mit der britischen Diplomatie (Dominic Hees als Sir Edward Ramsey) schließlich an, will er sich doch der in den Zeitungen des United Kingdom verbreiteten Behauptung widersetzen, er sei ein Barbar.

Die könglichen Frauen und Kinder mit Vincent Bueno und Leah Delos Santos. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Erste Unterrichtsstunde: Milica Jovanovic und die königlichen Kinder. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Yuko Mitani, Gemma Nha, Ayane Ishakawa und die hinreißende Leah Delos Santos. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Kein Kopf höher als der des Königs: Milica Jovanovic und Kok-Hwa Lie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Auch an dieser Stelle bleibt der Mörbischer „Der König und ich“ weit entfernt von einer Aufarbeitung komplexer weltpolitischer Beziehungen. Ein Spiel, das mit einer auf dem Boden liegenden Anna endet, weil deren Kopf sich nicht über den des Königs erheben darf, fußt auf der Annahme einer dem Kulturen-Clash immanenten Komik. Eben alles im Geiste von original 1951. Regisseur Eichenberger setzt auf Frohsinn und leichten Humor. „Et cetera, et cetera, et cetera …“ wiederholt der König das erste neugelernte Wort bei jeder Gelegenheit. Annas europäisch „geschwollener“ Rock bringt seine Frauen zu dem Schluss, dieser entspreche ihrer Figur.

„Western People Funny“ intonieren Leah Delos Santos sowie die Nebenfrauen Hanae Mori, Aloysia Astari, Ayane Ishikawa, Jadelene Arvie Panésa, Kun Jing, Angelika Studensky, Xiting Shan, Yuko Mitani, Gemma Nha und Minori Therrien beim Anprobieren der Knopfstiefelchen – und wer die Namen der Mütter mit denen der Kindern vergleicht: Alfons Haider ist besonders stolz darauf, solche in echt gecastet zu haben. (Was einen ebenso für den Generalmusikintendanten einnimmt, wie die Tatsache, dass er statt zu Beginn lange Reden zu schwingen, in der Pause lieber alle RollstuhlfahrerInnen in der ersten Reihe nacheinander persönlich begrüßt.)

„Shall We Dance?“, die große Nummer im ausladenden Ballkleid, führt zu einem durchwachsenen Happy End, denn es wird Vincent Bueno als Kronprinz Chulalongkorn überlassen sein, das Reich an neue Herausforderungen anzupassen. Es freut einen, den so überaus begabten Songcontest-Teilnehmer 2021 nach www.mottingers-meinung.at/?p=21953 www.mottingers-meinung.at/?p=29226 www.mottingers-meinung.at/?p=22489 (und als Thuy in „Miss Saigon“ im Raimund Theater) erneut auf der Bühne zu sehen. Ein Bravo auch für Bariton Jubin Amiri, der sein Sologesangsstudium an der MUK just dieses Jahr abschloss, als Minister Kralahome und Musical-Quereinsteiger Lukas Plöchl als Priester Lun Phra Alack.

Fazit: Wie auch der Protagonist im Jahr eins mit Alfons Haider zeigen sich die Seefestspiele Mörbisch reformwillig. Die Regie hat für die erwartete beschwingte Hochstimmung gesorgt (wer sich erinnert: 1998 war man angesichts von Tod und Todschlag eher betroppezt vom Stockerauer Rathausplatz geschlichen), die Ausstattung und auch Choreograf Alonso Barras konnten sich nach Herzenslust austoben. Der Wow-Effekt war gelungen. Dass man heutzutage die Diversität von Kulturen anders, heißt: auch ohne gehobenen Zeigefinger, postulieren könnte … naja. Anno 2023 ist man diesbezüglich immerhin auf der sicheren Seite. Mekka des Musicals: Wir kommen! Und das darf man durchaus wunderbar finden …

Besucht wurde die Vorpremiere am 12. 7. 2022.

Alfons Haider als der König von Siam 1998. Bild: Screenshot ORF „Der König und ich – 2022 Mörbisch – The making of“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=qNuLZYXvp94          The Making Of: www.youtube.com/watch?v=vwKHHlvwlQc&t=4s          www.seefestspiele-moerbisch.at

INFO: Für den Sommer 2023 plant Generalmusikintendant Alfons Haider die Aufführung des ABBA-Musicals „Mamma Mia!“ – von 13.Juli bis 19. August. Kartenvorverkauf ab 1. September 2022, Vorreservierungen sind per E-Mail unter tickets@seefestspiele.at möglich.

13. 7. 2022

ImPulsTanz 2022: Highlights & Public Moves & Soçial

Juli 1, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder kann tanzen. In ganz Wien. Kostenlos

Tanztheater Wuppertal Pina Bausch (DE). Vollmond. Stück von Pina Bausch. Bild: © Oliver Look

Am 7. Juli startet das ImPulsTanz Vienna International Dance Festival 2022 mit einem einzigartig schönen Klassiker als Eröffnungsstück Vollmond. Ein Stück von Pina Bausch“ und zeigt bis 7. August mit 54 Produktionen in den Wiener
Theatern und Museen einen umfassenden Querschnitt, was zeitgenössischer Tanz und Performance waren, sind und
wohin sie sich entwickeln könnten. Dank der großen Nachfrage gibt es bereits

sechs Zusatzvorstellungen und seit Buchungsstart der Workshops sind weitere 16 Kurse im Programm zu finden. Darüber hinaus werden erneut die GratisSchnupperklassen Public Moves angeboten. Den Startschuss gibt von 7. bis 10. Juli jeweils um 21 Uhr im Burgtheater das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch mitVollmond. Ein Stück von Pina Bausch“, in dem 12 Agierenden bei Regen dem Rausch der Liebe frönen, ihren Sehnsüchten hinterherhetzen und bis zur Erschöpfung tanzen.

Den Einstand im Kasino am Schwarzenbergplatz einem von etwa 20 Spielorten des Festivals gibtME MNU AMI“, eine Zusammenarbeit der beiden WienerTanzszeneGrößen Willi Dorner und Mani Obeya, als erste von insgesamt 21 österreichischen Produktionen am 8. und 10. Juli um 21 Uhr. Am 9. Juli um 18.30 Uhrer öffnet  im Volkstheater die Life Long Burning Choreographic Convention VIIIn Other Words: A Future„. Danach ist ebendortTemple du présent Solo pour octopus“ ein Film von Stefan Kaegi/Rimini Protokoll in Zusammenarbeit mit Judith Zagury und Nathalie Küttel (ShanjuLab), mit Gespräch im Anschluss, zu sehen. Noch bis 18. Juli findet die Convention statt und lädt unter andere am 10. Juli ab 11 Uhr zu drei PanelDiskussionen auf die MQ Libelle ein. Mitdiskutieren werden Anne Juren, Lisa Hinterreithner, Claudia Bosse und Perel sowie Autor und Klimaaktivist Florian Schlederer und als Teil des designierten Leitungsteams des Schauspielhaus Wien Tobias Herzberg.

Im mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien lässt Geumhyung Jeong inSpa & Beauty“ am 11. Juli um 17 und 21 Uhr und am 12. Juli um 18 Uhr eine bizarre Wellnessoase entstehen, deren Objekte mit den Körpern der Zuschauenden in Berührung kommen und zum Denken über Vorstellungen von Schönheit, Intimität und Konsum anregen. Die zugehörigen Installationen werden am 11. Juli um 18 Uhr bei freiem Eintritt ebendort eröffnet und sind noch am 12. Juli von 10 bis 16 Uhr zu sehen.

Sara Lanner (AT): MINING MINDS [8:tension] Young Choreographers’ Series. Bild: © Christine Miess

Florentina Holzinger (NL/AT). TANZ. Eine sylphidische Träumerei in Stunts. Bild: © Nada Žgank / City of Women

Simon Mayer / Kopf Hoch (AT): SunBengSitting ImPulsTanz Classic. Bild: © Florian Rainer

Die [8:tension] Young Choreographers’ Series beginnt am 12. und 14. Juli um 19 Uhr im Kasino am Schwarzenbergplatz mitMINING MINDS“ von Sara Lanner, in dem sie sich gemeinsam mit Costas Kekis zwischen Bergbau und DataMining bewegt. Es folgen weitere 9 Stücke einer nächsten Generation von Choreografinnen und Choreografen. Unter ihnen wird am 7. August um 16 Uhr bei freiem Eintritt (Zählkarte erforderlich) auf der MQ Libelle der mit 5.000 Euro und einer Artistic Residency dotierte ImPulsTanz Young Choreographers’ Award verliehen.

Weitere Programmhöhepunkte

Highlights der ersten Festivaltage sind zwei Produktionen von und mit dem Namen De Keersmaeker. Einmalig am 10. Juli um 19 Uhr kommt im Akademietheater die Schauspielerin und Tänzerin Jolente De Keersmaeker der Einladung Jérôme Bels, Stücke aus der Geschichte des modernen Tanzes wieder aufzuführen, nach. Jolentes Schwester Anne Teresa De Keersmaeker widmet sich am 12., 14. und 15. Juli um 21 Uhr mit der virtuosen Geigerin Amandine Beyer und ihrem Ensemble Gli Incogniti sowohl tänzerisch als auch musikalisch dem Symbol der Rose zu Heinrich Ignaz Franz Bibers barocken Rosenkranzsonaten. Sechs Tänzerinnen der Cie. Mathilde Monnier versetzen sich am 13. und 15. Juli um 21 Uhr inRECORDS“ im Akademietheater in die im Lockdown vorherrschenden Körperzustände zurück. Und mit dem ersten von insgesamt drei ImPulsTanz Classics zeigt Simon Mayer am 11. Juli um 20 Uhr ebendort sein bei [8:tension] 2015 präsentiertes StückSunBengSitting“.

Zudem gibt es am 14. Juli ab 18 Uhr zwei Musikvideoprogramme im Österreichischen Filmmuseum zu entdecken: Ersteres legt den Fokus auf unterschiedlichste Tanz und Bewegungswelten, zweiteres würdigt internationale MusikvideoHighlights des vergangenen Jahres. Einen ersten Vorgeschmack auf die 233 Workshops geben die „impressions’22″ am 10. Juli um 16 Uhr bei freiem Eintritt im Wiener Arsenal. Eine Sneak Peek in das Programm ermöglichen auch die täglichen SchnupperTanzklassen Public Moves powered by AK Wien ab 5. Juli an 5 Standorten. In den ersten Tagen mit dabei sind Marco de Ana, Fabiana Pastorini, Irene Coticchio, Karin Pauer, Kira Kirsch, Jermaine Browne, Karin Cheng & Ina Holub oder Futurelove Siba.

Wim Vandekeybus / Ultima Vez (BE): Hands do not touch your precious Me. Bild: © Danny Willems

LIBR’ARTS / Nadia Beugré (FR/CI): L’Homme rare. Bild: © Ruben Pioline

Jan Lauwers / Needcompany (BE): All the good. Bild: © Maarten Vanden Abeele

Dada Masilo / The Dance Factory (ZA): THE SACRIFICE ImPulsTanz Classic. Bild: © John Hogg

Grace Tjang (Grace Ellen Barkey) / Needcompany (BE/ID): MALAM / NIGHT. Bild: © Emma van der Put

Akram Khan Company (UK): Jungle Book reimagined. Bild: © Ambra Vernuccio

Täglich ab 22 Uhr bietet die Festival Lounge im Burgtheater Vestibül den perfekten Abschluss für heiße Sommertage. Diese wird am 7. Juli bei freiem Eintritt von der QueerpopQueen und Shootingstar W1ZE eröffnet, an den Turntables sind FM4Moderatorin und DJ Dalia Ahmed und das flashige Linzer Duo Caorli.

Public Moves & Soçial Tanzen abseits der Bühnen und Studios

Abseits davon lädt das Festival zum Tanzen unter freiem Himmel bei Public Moves powered by AK Wien und auf die Tanzflächen von ImPulsTanz Soçial. Ersteres bietet noch vor dem Festivalstart von 5. Juli bis 5. August an 5 Standorten insgesamt 128 kostenlose Tanzund Bewegungsklassen von 94 österreichischen und internationalen Dozentinnen und Dozenten an. Dabei gilt: Jedes Alter und Level sind willkommen! Abends lockt von 7. Juli bis 7. August die ImPulsTanz Festival Lounge mit ihrem täglich wechselnden Musikprogramm aus LiveKonzerten und DJSets ins Burgtheater Vestibül. Außer am 15. Juli und 5. August, denn da trifft sich das tanzlustige Publikum bei den ImPulsTanz Partys im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Public Moves powered by AK Wien ermöglicht an fünf Orten, vier davon in ien Donaustadt beim Badeteich Hirschstetten, im Goethehof in Kaisermühlen, bei der MariavonZeitoun Koptischen Kirche, auf der Papstwiese im Donaupark und erstmalig vor dem MuseumsQuartier in Unbekanntes reinzuschnuppern und die Dozentinnen und Dozenten noch vor ihren Workshops kennenzulernen. Es besteht gleich mehrfach die Chance, Techniken und Stile der PerformanceStars des diesjährigen Festivals zu entdecken. Ultima Vez feiert ihr 35jähriges Bestehen nicht nur mit zwei Performances (inklusive Weltpremiere) und der danceWEBMentorenschaft von CompagnieGründer Wim Vandekeybus zusammen mit Nicola Schößler, sondern auch im Freien:

Damien Jalet (BE): Mist. Film. Bild: © Rahi Rezvani, Nederlands Dans Theater

Geumhyung Jeong (KR): Rehab Training mit lebensgroßer Puppe. Bild: © Mingu Jeong

Stefan Kaegi/Rimini Protokoll (CH/D):  Temple du présent – Solo pour octopus: Film. Bild: © Philippe Weissbrodt

Jerahuni Movement Factory (DE/ZW): Kamwe Kamwe / One by One. Bild: © SoKo

Laura Arís, ehemalige Tänzerin der Compagnie, macht sich auf die Suche nach dem Austausch von künstlerischen Interessen und German Jauregui lehrt Auszüge des UltimaVezVokabulars. Ebenfalls unter den Unterrichtenden sind zwei ehemalige Mitglieder des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch: Breanna O’Mara und Kenji Takagi widmen sich der Improvisation als Party und Ursprung der Bewegung. Alexander Gottfarb konzentriert sich auf die Atmung, während Benoît Lachambre und Tanz*HotelGründer Bert Gstettner Einblicke in ihre individuellen somatischen Praxen und Prinzipien geben. Für alle LiquidLoftFans, die nicht nur Zusehen, sondern auch Mitmachen wollen: Die CompagnieMitglieder Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak und Karin Pauer bieten Klassen in zeitgenössischem Tanz an.

Mit Ina Holub & Karin Cheng, PLENVM Ninja & DaDa Milan (DaDa Jv) sowie Archie Burnett werden das Grundvokabular, die verschiedenen Stile und Elemente des Voguing erkundet. Ebenfalls VoguingExperte William Briscoe führt die Teilnehmenden durch eine Reihe von rhythmischen und perkussiven Klängen, die den Körper und die Stimme als Instrumente nutzen. Bei Verena Brückner wird die eigene Stimme nicht nur erforscht, sondern auch mit ihr gespielt. Stimmtraining gibt es weiters auch von cowbirds-Mitgliedern Irene Coticchio durch Improvisation und Clélia Colonna zur Popmusik. Die Grand Dame des afrikanischen Tanzes Elsa Wolliaston erforscht die Musikalität des Körpers durch traditionell afrikanische und zeitgenössische Stile. Salim Gauwloos nimmt die Tänzerinnen und Tänzer mit auf eine Reise der „getanzten Meditation“. Claudia Hitzenberger widmet sich mit Hilfe von Yoga und Spiraldynamik der Atmung und der (inneren) Mitte.

Und bei Frank Willens, auch Podiumsgast der Choreographic Convention  „What’s Done / Undone“ am 10. Juli, befreit man sich von Tanzdämonen. Tanzen lernen wie die Popstars kann man mit Jazz, HipHop und Funk bei Jermaine Browne, der schon mit Britney Spears, Christina Aguilera und Jennifer Lopez zusammengearbeitet hat. Daybee Dorzile, die bereits mit Craig David oder Mariah Carey tanzte, bringt karibische Einflüsse in die HipHopWelt ein. Nina Kripas aus Los Angeles hingegen mixt HipHop mit unter anderemFunk Styles, House und weiteren Club und StreetDanceStilen. Und der ShaketheBreakDozent Attila Zanin vermittelt die Grundlagen von Locking, Popping, Breaking und Electric Boogaloo nicht nur exklusiv an Kinder (mit oder ohne Behinderung), sondern nun an alle. Apropos inklusiv: Bei Romy Kolb und Cornelia Scheuer geht es um barrierefreies Springen.

Christl: Object Of Desire. Bild: © Marlene Brandstötter

Christl: Object Of Desire. Bild: © Marlene Brandstötter

Abends trifft in der ImPulsTanz Festival Lounge im Burgtheater Vestibül Publikum auf Künstlerinnen, (Hobby)TänzerIinnen auf DozentInnen, Fachsimpeln auf ekstatischen Tanz und gemütliches Zusammensein. An den FM4 Fridays schickt der Radiosender seine Hosts und DJs aus dem Studio in die Festival Lounge. Die SchieneLive’n’Local“ legt den Fokus auf LiveKonzerte österreichischer Musikerinnen, Musiker und Bands. Spezieller Tipp von www.mottingers-meinung.at: Am 20. Juli tritt bei „Live’n’Local“ die gebürtige Oberösterreicherin Christl auf. Christl drückt sich nicht nur im Songwriting und in der Musik selbst aus, ihr Sinn für Ästhetik spiegelt sich in ihrem gesamten Schaffen wider: seien es audiovisuelle, bildnerische Werke oder Mode – Christl verbindet all dies zu einem vollkommenen Ganzen. Dabei scheut sie sich nicht, ihr Umfeld und sich selbst in ihrem Schaffen mit ihrer kritischen und ausdrucksstarken Stimme zu beleuchten.

Mit ihrem Debut „GameOver“, das sie mithilfe eines Crowdfundings eigenständig verwirklichte, setzte die Multikünstlerin nicht nur ein klares Statement für mehr Selbstbestimmung, auch ihr ganzheitlich-visueller Zugang zur Kunst wird bereits mit dieser ersten Veröffentlichung deutlich. Diesem Ideal folgend zeigt auch das am 2020 veröffentlichte audiovisuelle Kunstprojekt „Romance is dead“ ihre starke künstlerische Weiterentwicklung: In ihrer Vision steht die Musik nicht für sich, sondern ist vielmehr untrennbar mit dem Visuellen verbunden. Beim Release von „Object Of Desire„am 14. Mai hat Christl mit einer aktivistischen Kunstaktion gegen sexuelle Belästigung nicht nur auf den Straßen Wiens, sondern auch in den Medien für Aufregung gesorgt. Christls neue Single „PURPLE“ erscheint am 16. Juli und bringt mit Feature-Gast Mile/Sharktank, der den sanften RnB-Pop-Track um einen nachdenklichen Rap-Verse bereichert, musikalisch neue Facetten ins Spiel. Video: www.youtube.com/watch?v=Eq1ltIP6Dfk

Neben FestivalLoungeEröffnungsact W1ZE am 7. Juli stehen hier Enesi M., Christl, Worst Messiah, Toby Whyle und The P’s auf der Bühne. BeiHosted by Affine Records“ drehen unter anderem Zanshin oder Kenji Araki an den Turntables, während bei ImPulsTanz on Decks alle am Festival Beteiligten ihre Lieblingstracks spielen. Und am 15. Juli und 5. August blickt das SoçialProgramm bei den ImPulsTanz Partys im Kasino am Schwarzenbergplatz mit internationalen Acts über den musikalischen Tellerrand hinaus. Mit dabei sind Mina & Bryte mit ClubMusik zwischen Ghana und UK und Sicaria Sound mit Dubstep und HipHop.
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Public Moves: Katrin Blantar. Bild: © Karolina Miernik

Public Moves: Futurelove Sibanda. Bild: © yako.one

Public Moves 2020: Karine LaBel. Bild: © yako.one

Public Moves: Vera Rosner & Frans Poelstra. Bild: © yako.one

Infos zu Festival, Workshops, Public-Moves-Klassen und die Festival Lounge

Tickets sind auf www.impulstanz.com telefonisch unter +43.1.523 55 5839 sowie an der Tageskasse erhältlich. Workshops können online auf www.impulstanz.com/workshops und im Workshop Office gebucht werden. Die Anmeldung zu den Public-Moves-Klassen ist jeweils einen Tag vor Klassenbeginn ab 10 Uhr morgens über www.impulstanz.com oder telefonisch unter +43.1.523 55 58 möglich. Die Festival Lounge ist von Sonntag bis Donnerstag gratis, Freitag und Samstag sind 8 Euro Eintritt zu bezahlen, Tickets sind nur vor Ort erhältlich. Festivalgäste genießen freien Eintritt. Tickets für die beiden ImPulsTanz Partys sind ab sofort zu 12 Euro auf www.impulstanz.com, telefonisch unter +43.1.523 55 58-39 oder an der Tageskasse erhältlich.

www.impulstanz.com           Trailer: www.youtube.com/watch?v=JlmGmIMtQP4           www.youtube.com/watch?v=1XEYb5F7a2U         www.youtube.com/watch?v=jKaN3HpXy10

1. 7. 2022

Lotte de Beer präsentiert ihren ersten Spielplan

April 20, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksoper: Ein Haus zwischen Nostalgie und Utopie

Auf dem Podium Komponist Moritz Eggert, Martin Schläpfer, Omer Meir Wellber, Lotte de Beer und hristoph Ladstätter. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Eines kann man der designierten Volksoperndirektorin Lotte de Beer bereits attestieren: Sie brennt nicht für die Sache, sie steht in Flammen lichterloh. Bis in die Spielplan- präsentation 2022/23 wehte ihr frischer Wirbelwind, die Aufbruchsstimmung am Haus war mit Händen zu greifen. Da ist eine, die weiß, was sie kann und was sie will.

Und sie hat sich dafür um nichts weniger beflissene Vertraute an die Seite gestellt, Omer Meir Wellber als Musikdirektor, um einen davon zu nennen. (Zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=43276). Gemeinsam mit ihm, dem Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer und dem Kaufmännischen Geschäftsführer der Volksoper Christoph Ladstätter stellte de Beer heute Vormittag ihr erstes Saisonprogramm vor. Sie sehe, sagte sie, die Volksoper zwischen Nostalgie und Utopie, sie wolle Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes machen, und das Haus zum Zuhause für Künstlerinnen und Künstler, die Wienerinnen und Wiener: „Wir wollen spielen, verzaubern, berühren und – ja – manchmal auch scheitern.“

Am 3. September beginnt die Spielzeit mit einem Eröffnungswochenende, und zwar mit der Erstaufführung der wienerisch-berlinerischen Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Jan Philipp Gloger zeigt die Entwicklung der ambivalenten Titelheldin „als Zeitreise, die im Heute beginnt und über die 1930-Jahre zurückführt in die Zeit Louis XV“, so de Beer. Kai Tietje dirigiert und Annette Dasch kehrt als Mätresse des Königs an die Volksoper zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt Comedy-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt. Zu erleben sind außerdem „Ein Papp-Konzert“ für die ganze Familie, vier Operetten in 70 Minuten von Steef de Jong, und eine Late Night Jam Session von Omer Meir Wellber.

Musiktheater für die ganze Familie bietet auch „Jolanthe und der Nussknacker“, ein Abend, über den Moment im Leben, an dem man sich entscheiden muss, ob man eine blinde Prinzessin bleiben will, oder die Augen für die Realität öffnet. 130 Jahre nach der Uraufführung der Oper und des Balletts aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskis verflechten Lotte de Beer, Omer Meir Wellber und Choreograph Andrey Kaydanovskiy die beiden Stücke zu einer magischen Coming-of-Age-Story. Premiere am 9. Oktober.

In der jährlichen Manifesto-Produktion wird die Volksoper Theatermacherinnen und Theatermacher einladen, laut über das Musiktheater nachzudenken. De Beer: „Es soll ein Ausprobieren und eine Diskussion mit dem Publikum werden.“ Den Auftakt macht Regisseur Maurice Lenhard, er auch Künstlerischer Leiter des eben gegründeten Opernstudios (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=48999, der „Die Dreigroschenoper“ als einen Kampf ums Überleben in einer kalten Welt inszeniert. Den Macheath verkörpert cross-gegendert die Kurt-Weill-Spezialistin Sona MacDonald, Carlo Goldstein dirigiert. Premiere ist am 27. November.

Die britischen Spymonkey schicken Orpheus in die Unterwelt. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Ausgelassene Stimmung beim Workshop mit Spymonkey. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Modell fürs Familienpappkonzert am Eröffnungswochenende. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Temperamentvoll, freudvoll, wundervoll: Lotte de Beer. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Spymonkey, Großbritanniens führendes Ensemble für Physical-Comedy (www.spymonkey.co.uk), inszeniert „Orpheus in der Unterwelt“. Das Regie-Duo Aitor Bausari und Toby Park begegnet Jacques Offenbachs Mythentravestie mit britisch-schwarzem Humor, zeitgenössischer Clownerie und Slapstick. „Monty Python 2.0“ nennt de Beer die Truppe: „Wir sind beim ersten Workshop vor Lachen schon unterm Tisch gelegen.“ Das Bühnenbild von Julian Crouch bietet eine perfekte Spielwiese für das vielseitige Ensemble, darunter Marco Di Sapia und Ruth Brauer-Kvam als Öffentliche Meinung. Am Pult steht Alexander Joel. Premiere ist am 21. Jänner.

Zwei Ikonen des Modern Dance – Paul Taylor und Mark Morris – arbeiten erstmals mit dem Wiener Staatsballett. Der kräftigen Modern Dance-Sprache der beiden Amerikaner antwortet Ballettdirektor Martin Schläpfer mit zwei Miniaturen. „Promethean Fire“ ist ein Ballettabend zwischen Hybris und Menschlichkeit, Katastrophe und Schönheit, Schöpfung und Vergänglichkeit. Premiere ist am 11. Februar.

Das Highlight der Saison

Wird, wie es der Höhepunkt der heutigen Präsentation war, die Uraufführung der neuen Operette „Die letzte Verschwörung“ aus der Feder von Moritz Eggert. Wie der humorbegabte Komponist höchst launig in fünf Minuten am Klavier sein Opus erklärte, daraus sollte man eine Werkeinführung machen. Zum Inhalt nur so viel, so weit verstanden: Die Zeit ist die nahe Zukunft und die nicht weit zurückliegende Vergangenheit in Wien. TV-Talkmaster Quant hat den Verschwörungsschwurbler Urban zu Gast, eigentlich um ihn als solchen zu demaskieren, lautet dessen These doch: Die Erde ist eine Scheibe. Aber dank sexy Komplizin Lara soll alles anderes kommen – und bald glaubt Quant jeden Quatsch aus dem Internet. Welch parodistischer Ritt durch die Abgründe heutiger Verschwörungsmythen!

Eggert gab „Die Quoten“-Arie der Programmverantwortlichen und den „Im Stadtpark“-Chor zum Besten – und versprach eine Revue mit intriganten Reptilien, einem Pizzagate und Oligarchen. In der Regie von Lotte de Beer, dem Bühnenbild von Christof Hetzer und der Musikalischen Leitung von Steven Sloane begegnet man den Ensemblemitgliedern Rebecca Nelsen als „Flat-Eartherin“, Timothy Fallon als Talkshowmoderator, dessen Weltbild zunehmend aus den Fugen gerät, und Wallis Giunta als seiner Ehefrau, die sich als ominöse, russische Unternehmerin entpuppt. Uraufführung ist am 25.März.

Mit Martin Winkler hat die Volksoper eine Idealbesetzung für den Falstaff in „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die niederländische Regisseurin Nina Spijkers wirft gemeinsam mit der preisgekrönten Bühnenbildnerin Rae Smith, für „Warhorse“ mit einem Tony-Award ausgezeichnet, einen augenzwinkernd feministischen Blick auf die Deutsche Spieloper von Otto Nicolai, die von Ben Glassberg dirigiert wird. Premiere ist am 13. Mai.

Operette in fünf Minuten: Sehr launig stellt Moritz Eggert sein Werk vor. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Christoph Ladstätter berichtet von der Digitalisierung des Hauses. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Martin Schläpfer und Omer Meir Wellber planen eine Verflechtung der Ballette „Jolanthe“ und „Der Nussknacker“. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Maria Happel wird als Regisseurin „Die Fledermaus“ neu denken und selber die Frau Frosch spielen. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Als der türkische Regisseur Nurkan Erpulat gefragt wurde, für welches Werk am Haus er sich erwärmen könnte, meinte er wohl: „Die Türkenoper von Mozart“. Nun entwirft er eine neue, authentische und unmittelbare Lesart für „Die Entführung aus dem Serail“. Die Musikalische Leitung der Oper zwischen Orient und Okzident, Mann und Frau, Kultur und Natur, Rache und Vergebung liegt in Händen von Angelo Michele Errico, dem mit Rebecca Nelsen, Hedwig Ritter, Timothy Fallon, Daniel Kluge und Stefan Cerny ein exemplarisches Mozartensemble zur Verfügung steht. „Erzählt wird aus dem Blickwinkel von Bassa Selim, doch wer das sein wird, ist noch ein Geheimnis“, so de Beer. Premiere ist am 17. Juni.

Vier Juwelen aus dem Repertoire der Volksoper kehren auf den Spielplan zurück: Maria Happel unternimmt eine Neueinstudierung der „Fledermaus“ und spielt Frau Frosch, und nach längerer Zeit sind Harry Kupfers „La Bohème“-Inszenierung, Achim Freyers „La Cenerentola“ und Matthias Davids „Anatevka“ wieder zu sehen. Es wird eine jährliche Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen und der Vienna Pride geben – der Kaufmännische Direktor Christoph Ladstätter bemühte sich nicht zu viel zu verraten – Projekte im Südbahnhotel am Semmering.

Mit den Wiener Festwochen ist die Österreichische Erstaufführung eines Pop-Abends von Anne Teresa De Keersmaeker geplant, anlässlich der Vienna Pride zeigt die Volksoper den Abend „Nicht die Väter“, eine todernste Stand-up-Comedy über die Rolle des Vaters. Geplant sind außerdem ein Chor Singalong, künstlerische Speed Datings mit Studierenden, bei denen die ganze Volksoper zur Bühne wird, und ein Symposion für zeitgenössische Operette. Im Programm der Jungen Volksoper wird neu das türkische Märchen „Keloglan und die 40 Räuber“ von Sinem Altan an Sonn- und Feiertagen um 11:00 Uhr gezeigt.

Der neue Musikdirektor der Volksoper Wien Omer Meir Wellber will gemeinsam mit den ersten Gastdirigenten Ben Glassberg, Carlo Goldstein und Alexander Joel und den Conductors in Residence Keren Kagarlitsky, Manuela Ranno und Tobias Wögerer sowie dem neuen Chordirektor Roger Díaz-Cajamarca das musikalische Profil des Hauses maßgeblich prägen. Zudem programmiert Omer Meir Wellber eine neue Konzertreihe für das Orchester der Volksoper Wien und gastiert zum Auftakt im Wiener Konzerthaus.

Auch äußerlich zeigt sich die Volksoper Wien in neuem und auch nachhaltigerem Gesicht: „Im Sommer wird die Fassade erneuert, auf dem Dach wird eine Photovoltaik-Anlage installiert und sämtliche Fahrzeuge auf E-Mobilität umgestellt“, erklärt Christoph Ladstätter. Im künstlerischen Produktionsprozess setzt man auf neue Formen der Digitalisierung, etwa beim Licht, das den Darstellerinnen und Darstellern per Chip im Kostüm folgen wird können, oder, so Ladstätter, „bei den Noten, so dass nicht mehr Seiten um Seiten Papier ausgedruckt werden müssen.“ Neue Zielgruppen will man durch neue Angebote erreichen. Bei der U30-Aktion etwa bezahlen Besucherinnen und Besucher unter 30 Jahren für ausgewählte Vorstellungen nur 12 Euro.

lotte.volksoper.at

Mehr zu Lotte de Beer und Omer Meir Wellber: www.mottingers-meinung.at/?p=48999           www.mottingers-meinung.at/?p=41814           www.mottingers-meinung.at/?p=43276

Link zur Spielplanpräsentation: www.youtube.com/watch?v=2aXiDLXFkuY

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