Lotte de Beer präsentiert ihren ersten Spielplan

April 20, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksoper: Ein Haus zwischen Nostalgie und Utopie

Auf dem Podium Komponist Moritz Eggert, Martin Schläpfer, Omer Meir Wellber, Lotte de Beer und hristoph Ladstätter. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Eines kann man der designierten Volksoperndirektorin Lotte de Beer bereits attestieren: Sie brennt nicht für die Sache, sie steht in Flammen lichterloh. Bis in die Spielplan- präsentation 2022/23 wehte ihr frischer Wirbelwind, die Aufbruchsstimmung am Haus war mit Händen zu greifen. Da ist eine, die weiß, was sie kann und was sie will.

Und sie hat sich dafür um nichts weniger beflissene Vertraute an die Seite gestellt, Omer Meir Wellber als Musikdirektor, um einen davon zu nennen. (Zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=43276). Gemeinsam mit ihm, dem Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer und dem Kaufmännischen Geschäftsführer der Volksoper Christoph Ladstätter stellte de Beer heute Vormittag ihr erstes Saisonprogramm vor. Sie sehe, sagte sie, die Volksoper zwischen Nostalgie und Utopie, sie wolle Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes machen, und das Haus zum Zuhause für Künstlerinnen und Künstler, die Wienerinnen und Wiener: „Wir wollen spielen, verzaubern, berühren und – ja – manchmal auch scheitern.“

Am 3. September beginnt die Spielzeit mit einem Eröffnungswochenende, und zwar mit der Erstaufführung der wienerisch-berlinerischen Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Jan Philipp Gloger zeigt die Entwicklung der ambivalenten Titelheldin „als Zeitreise, die im Heute beginnt und über die 1930-Jahre zurückführt in die Zeit Louis XV“, so de Beer. Kai Tietje dirigiert und Annette Dasch kehrt als Mätresse des Königs an die Volksoper zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt Comedy-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt. Zu erleben sind außerdem „Ein Papp-Konzert“ für die ganze Familie, vier Operetten in 70 Minuten von Steef de Jong, und eine Late Night Jam Session von Omer Meir Wellber.

Musiktheater für die ganze Familie bietet auch „Jolanthe und der Nussknacker“, ein Abend, über den Moment im Leben, an dem man sich entscheiden muss, ob man eine blinde Prinzessin bleiben will, oder die Augen für die Realität öffnet. 130 Jahre nach der Uraufführung der Oper und des Balletts aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskis verflechten Lotte de Beer, Omer Meir Wellber und Choreograph Andrey Kaydanovskiy die beiden Stücke zu einer magischen Coming-of-Age-Story. Premiere am 9. Oktober.

In der jährlichen Manifesto-Produktion wird die Volksoper Theatermacherinnen und Theatermacher einladen, laut über das Musiktheater nachzudenken. De Beer: „Es soll ein Ausprobieren und eine Diskussion mit dem Publikum werden.“ Den Auftakt macht Regisseur Maurice Lenhard, er auch Künstlerischer Leiter des eben gegründeten Opernstudios (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=48999, der „Die Dreigroschenoper“ als einen Kampf ums Überleben in einer kalten Welt inszeniert. Den Macheath verkörpert cross-gegendert die Kurt-Weill-Spezialistin Sona MacDonald, Carlo Goldstein dirigiert. Premiere ist am 27. November.

Die britischen Spymonkey schicken Orpheus in die Unterwelt. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Ausgelassene Stimmung beim Workshop mit Spymonkey. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Modell fürs Familienpappkonzert am Eröffnungswochenende. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Temperamentvoll, freudvoll, wundervoll: Lotte de Beer. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Spymonkey, Großbritanniens führendes Ensemble für Physical-Comedy (www.spymonkey.co.uk), inszeniert „Orpheus in der Unterwelt“. Das Regie-Duo Aitor Bausari und Toby Park begegnet Jacques Offenbachs Mythentravestie mit britisch-schwarzem Humor, zeitgenössischer Clownerie und Slapstick. „Monty Python 2.0“ nennt de Beer die Truppe: „Wir sind beim ersten Workshop vor Lachen schon unterm Tisch gelegen.“ Das Bühnenbild von Julian Crouch bietet eine perfekte Spielwiese für das vielseitige Ensemble, darunter Marco Di Sapia und Ruth Brauer-Kvam als Öffentliche Meinung. Am Pult steht Alexander Joel. Premiere ist am 21. Jänner.

Zwei Ikonen des Modern Dance – Paul Taylor und Mark Morris – arbeiten erstmals mit dem Wiener Staatsballett. Der kräftigen Modern Dance-Sprache der beiden Amerikaner antwortet Ballettdirektor Martin Schläpfer mit zwei Miniaturen. „Promethean Fire“ ist ein Ballettabend zwischen Hybris und Menschlichkeit, Katastrophe und Schönheit, Schöpfung und Vergänglichkeit. Premiere ist am 11. Februar.

Das Highlight der Saison

Wird, wie es der Höhepunkt der heutigen Präsentation war, die Uraufführung der neuen Operette „Die letzte Verschwörung“ aus der Feder von Moritz Eggert. Wie der humorbegabte Komponist höchst launig in fünf Minuten am Klavier sein Opus erklärte, daraus sollte man eine Werkeinführung machen. Zum Inhalt nur so viel, so weit verstanden: Die Zeit ist die nahe Zukunft und die nicht weit zurückliegende Vergangenheit in Wien. TV-Talkmaster Quant hat den Verschwörungsschwurbler Urban zu Gast, eigentlich um ihn als solchen zu demaskieren, lautet dessen These doch: Die Erde ist eine Scheibe. Aber dank sexy Komplizin Lara soll alles anderes kommen – und bald glaubt Quant jeden Quatsch aus dem Internet. Welch parodistischer Ritt durch die Abgründe heutiger Verschwörungsmythen!

Eggert gab „Die Quoten“-Arie der Programmverantwortlichen und den „Im Stadtpark“-Chor zum Besten – und versprach eine Revue mit intriganten Reptilien, einem Pizzagate und Oligarchen. In der Regie von Lotte de Beer, dem Bühnenbild von Christof Hetzer und der Musikalischen Leitung von Steven Sloane begegnet man den Ensemblemitgliedern Rebecca Nelsen als „Flat-Eartherin“, Timothy Fallon als Talkshowmoderator, dessen Weltbild zunehmend aus den Fugen gerät, und Wallis Giunta als seiner Ehefrau, die sich als ominöse, russische Unternehmerin entpuppt. Uraufführung ist am 25.März.

Mit Martin Winkler hat die Volksoper eine Idealbesetzung für den Falstaff in „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die niederländische Regisseurin Nina Spijkers wirft gemeinsam mit der preisgekrönten Bühnenbildnerin Rae Smith, für „Warhorse“ mit einem Tony-Award ausgezeichnet, einen augenzwinkernd feministischen Blick auf die Deutsche Spieloper von Otto Nicolai, die von Ben Glassberg dirigiert wird. Premiere ist am 13. Mai.

Operette in fünf Minuten: Sehr launig stellt Moritz Eggert sein Werk vor. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Christoph Ladstätter berichtet von der Digitalisierung des Hauses. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Martin Schläpfer und Omer Meir Wellber planen eine Verflechtung der Ballette „Jolanthe“ und „Der Nussknacker“. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Maria Happel wird als Regisseurin „Die Fledermaus“ neu denken und selber die Frau Frosch spielen. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Als der türkische Regisseur Nurkan Erpulat gefragt wurde, für welches Werk am Haus er sich erwärmen könnte, meinte er wohl: „Die Türkenoper von Mozart“. Nun entwirft er eine neue, authentische und unmittelbare Lesart für „Die Entführung aus dem Serail“. Die Musikalische Leitung der Oper zwischen Orient und Okzident, Mann und Frau, Kultur und Natur, Rache und Vergebung liegt in Händen von Angelo Michele Errico, dem mit Rebecca Nelsen, Hedwig Ritter, Timothy Fallon, Daniel Kluge und Stefan Cerny ein exemplarisches Mozartensemble zur Verfügung steht. „Erzählt wird aus dem Blickwinkel von Bassa Selim, doch wer das sein wird, ist noch ein Geheimnis“, so de Beer. Premiere ist am 17. Juni.

Vier Juwelen aus dem Repertoire der Volksoper kehren auf den Spielplan zurück: Maria Happel unternimmt eine Neueinstudierung der „Fledermaus“ und spielt Frau Frosch, und nach längerer Zeit sind Harry Kupfers „La Bohème“-Inszenierung, Achim Freyers „La Cenerentola“ und Matthias Davids „Anatevka“ wieder zu sehen. Es wird eine jährliche Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen und der Vienna Pride geben – der Kaufmännische Direktor Christoph Ladstätter bemühte sich nicht zu viel zu verraten – Projekte im Südbahnhotel am Semmering.

Mit den Wiener Festwochen ist die Österreichische Erstaufführung eines Pop-Abends von Anne Teresa De Keersmaeker geplant, anlässlich der Vienna Pride zeigt die Volksoper den Abend „Nicht die Väter“, eine todernste Stand-up-Comedy über die Rolle des Vaters. Geplant sind außerdem ein Chor Singalong, künstlerische Speed Datings mit Studierenden, bei denen die ganze Volksoper zur Bühne wird, und ein Symposion für zeitgenössische Operette. Im Programm der Jungen Volksoper wird neu das türkische Märchen „Keloglan und die 40 Räuber“ von Sinem Altan an Sonn- und Feiertagen um 11:00 Uhr gezeigt.

Der neue Musikdirektor der Volksoper Wien Omer Meir Wellber will gemeinsam mit den ersten Gastdirigenten Ben Glassberg, Carlo Goldstein und Alexander Joel und den Conductors in Residence Keren Kagarlitsky, Manuela Ranno und Tobias Wögerer sowie dem neuen Chordirektor Roger Díaz-Cajamarca das musikalische Profil des Hauses maßgeblich prägen. Zudem programmiert Omer Meir Wellber eine neue Konzertreihe für das Orchester der Volksoper Wien und gastiert zum Auftakt im Wiener Konzerthaus.

Auch äußerlich zeigt sich die Volksoper Wien in neuem und auch nachhaltigerem Gesicht: „Im Sommer wird die Fassade erneuert, auf dem Dach wird eine Photovoltaik-Anlage installiert und sämtliche Fahrzeuge auf E-Mobilität umgestellt“, erklärt Christoph Ladstätter. Im künstlerischen Produktionsprozess setzt man auf neue Formen der Digitalisierung, etwa beim Licht, das den Darstellerinnen und Darstellern per Chip im Kostüm folgen wird können, oder, so Ladstätter, „bei den Noten, so dass nicht mehr Seiten um Seiten Papier ausgedruckt werden müssen.“ Neue Zielgruppen will man durch neue Angebote erreichen. Bei der U30-Aktion etwa bezahlen Besucherinnen und Besucher unter 30 Jahren für ausgewählte Vorstellungen nur 12 Euro.

lotte.volksoper.at

Mehr zu Lotte de Beer und Omer Meir Wellber: www.mottingers-meinung.at/?p=48999           www.mottingers-meinung.at/?p=41814           www.mottingers-meinung.at/?p=43276

Link zur Spielplanpräsentation: www.youtube.com/watch?v=2aXiDLXFkuY

  1. 4. 2022

Volksoper Wien: Lotte de Beer initiiert Opernstudio

März 6, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bewerbungen sind aktuell möglich

Maurice Lenhard, Christian Zeller, Lotte de Beer, Christoph Ladstätter. Bild: © Barbara Pálffy

Sechs junge internationale SängerInnen und ein/e PianistIn erhalten die Chance, sich zwei Jahre lang im neu gegründeten Opernstudio der Volksoper Wien künstlerisch weiterzuentwickeln. Bewerbungen sind aktuell möglich.

Unter der neuen Direktion von Lotte de Beer entsteht mit der Spielzeit 2022/23 erstmals ein Opernstudio an der Volksoper Wien: Junge KünstlerInnen erhalten hier die Gelegenheit,

sich im Verlauf zweier Spielzeiten musikalisch weiterzuentwickeln, das Genre, in dem sie zuhause sind, zu hinterfragen und sich dabei neu kennenzulernen. Ermöglicht wird das neu gegründete Opernstudio dank der großzügigen Unterstützung der Christian Zeller Privatstiftung. Künstlerischer Leiter des Opernstudios ist der Regisseur und Dramaturg Maurice Lenhard, Eytan Pessen fungiert als Vocal Coach.

Das Opernstudio der Volksoper Wien richtet sich an Opernsängerinnen und -sänger aller Nationalitäten, die im Rahmen einer zweijährigen Förderzeit das Genre Musiktheater mitgestalten wollen. Angestrebt wird ein transparentes, kollektives, diverses und egalitäres Miteinander, das sich vorbehaltlos allen Formen des Musiktheaters widmet. Voraussetzungen für die Aufnahme sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein erfolgreiches Vorsingen vor der Leitung des Opernstudios. Zusendungen aller Stimmfächer werden unter der E-Mail-Adresse opernstudio@volksoper.at entgegengenommen. Nähere Informationen zum Bewerbungsverfahren finden sich hier.

Die Basis des Opernstudios bildet der Alltag der einzelnen TeilnehmerInnen: Das Programm umfasst musikalische und schauspielerische Coachings, Meisterkurse, regelmäßige Tanzworkshops und das Mitwirken in ausgewählten Produktionen des Spielplans. Jedes Jahr werden eigene kleine Abende und eine mobile Neuproduktion entwickelt. Gerade die Operette bietet in ihrer strukturellen Offenheit, ihrer Fähigkeit, auch schwere Themen leicht zu machen und ebenso in ihrer Nähe zur Popkultur eine perfekte Spielwiese für dieses Vorhaben. Die individuelle Kreativität der einzelnen Mitglieder soll in die Ergebnisse der Arbeit sowie in die Suche nach neuen Spielformen, Spielorten und Sichtweisen auf Musiktheater einfließen.

www.volksoper.at

6. 3. 2022

Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021

Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021

Oper im Steinbruch St. Margarethen – live plus online: Turandot

Juli 16, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pretiöse Prinzessin zwischen Elfenbeinschnitzereien

Martina Serafin als Turandot. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Ein Jahr musste das Publikum CoV19-bedingt auf diese „Turandot“ warten. Nun war man bei der Premiere am Mittwoch entsprechend erwartungsvoll – und wurde aufs Feinste überrascht. US-Regisseur Thaddeus Strassberger und sein Bühnenbildner Paul Tate dePoo, nicht zu vergessen der für die 117 teils 15 Kilo schweren Kostüme verant- wortliche italienische Designer Giuseppe Palella bieten ein Bühnenspektakel, wie man’s nicht alle Tage sieht.

In dem von kostbarerer chinesischer Elfenbeinschnitzerei inspirierten Setting tummeln sich Todesdämonen und Skelettschädel, Feuer-Ninjas und in Leder gekleidete Scharfrichterinnen, Akrobaten und Statisten im blauweiß der Ming Vasen, als in der Dynastie sehr beliebte Affenkannen gekleidete Tänzer servieren Tee und Opiumpfeifen, streng dreinblickende Laternenträger stolzieren im zweiten Akt durch die Sitzreihen.

So detailverliebt ist diese wie in den Felsen gemeißelte Fantasiewelt, das Reich von Kaiser Altoum von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens, dass man den Farbenrausch mit dem Auge kaum fassen kann. Die amerikanischen Lichtdesigner JAX Messenger und Driscoll Otto tauchen die Freilichtbühne und den Stein von St. Margarethen spektakulär in sich immer verwandelndes Licht.

Donata D’Annunzio Lombardi als Liù. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Turandot mit der Maske von Ahnfrau Lo-uling. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Benedikt Kobel als greiser Kaiser Altoum. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Wie praktisch also, dass die Inszenierung noch fünf Tage in der tvthek.orf.at und mindestens 30 Tage auf www.myfidelio.at zu streamen (mit deutschen Untertiteln) ist, so dass man vom burgenländischen großen Ganzen – 7.000 Quadratmeter Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion, ein Gewirr aus Brücken und Treppen – nun via Bildschirm auf die Nahaufnahme zoomen kann. Das funktioniert – gestern erprobt – bei den packenden Bildern bestechend gut, die Aufzeichnung als Mehrwert zum Live-Erlebnis, etwa wenn der Mandarino per Geisterschiff, der fernöstliche Charon gewandet in einen Mantel aus Totenköpfen auf oder der Geist der tapferen Liù in ebendieser Barke von der Bühne gleitet.

Musikalisch überzeugt die Produktion, Dirigent Giuseppe Finzi, der Puccini-Fachmann erstmals in St. Margarethen am Pult, führt mit ruhiger Hand verlässlich durch die Aufführung. Das ungarische Piedra Festivalorchester ist den Solistinnen und Solisten ein aufmerksamer Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt – durchwegs eindrucksvoll – der Philharmonia Chor Wien unter Leitung von Walter Zeh.

Wer hier nun, inmitten der raumgreifenden Tableaus, seine emotionalen Mauern niederreißen muss, ist Martina Serafin, die Intendanten-Bruder Daniel Serafin als Turandot auserkoren hat. Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona gesungen. Hier ist sie zunächst eine exzentrische Erscheinung, die sich die Alte-Frau-Maske ihrer Ahnfrau Lo-uling vors Gesicht hält, die grell geschminkte Greisin von vor 1000 Jahren: „Jetzt lebst du in mir noch einmal …“

Das Totenschiff des Mandarino. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Opulentes Bühnenbild. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Andrea Shin als Prinz Calaf. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Der kaiserliche Garten. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Die allmähliche Herzerweichung der Turandot vermag Serafin auch auf der riesigen Spielfläche zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, weniger in den expressiv-überspannten Spitzentönen -und für geschmeidiges Phrasieren bleibt im Wortsinn hier wenig Spielraum.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der hierzulande ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: „Nessun dorma“ klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin, zwei stolze Protagonisten, die sich im Steinbruch begegnen.

Die am Premierenabend von Donata D’Annunzio gesungene Liù erhielt bereits beim ersten Auftritt Szenenapplaus. Die italienische Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als entthronter Timur ist ihr mit seiner mahnenden Bass-Stimme ein ebenbürtiges Gegenüber. Für die Rollen der Minister Ping, Pang und Pong konnten mit Leo An, Jonathan Winell und Enrico Casari ebenso profilierte wie spielfreudige Sänger verpflichtet werden. Mit Kammersänger Benedikt Kobel verleiht ein langjähriges/tragendes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper dem greisen Kaiser Altoum Statur und Charakter. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für alle Beteiligten endete.

www.operimsteinbruch.at      esterhazy.at           tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13890354/Erlebnis-Buehne-Aus-der-Oper-im-Steinbruch-Turandot/14098791           www.myfidelio.at

  1. 7. 2021