Foto Wien 2022: Fotografinnen im Fokus …

März 6, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

… Rethinking Nature und die besten Fotobücher

Pixy Liao: Red Nails, Serie: For Your Eyes Only, seit 2012 © Pixy Liao

Von 9. bis 27. März rückt das Festival Foto Wien gemeinsam mit mehr als 140 Ausstellungen und mehr als 300 Veranstaltungen das Medium Fotografie ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Organisiert wird das Festival vom Kunst Haus Wien mit zahlreichen Programmpartnern. Museen, Ausstellungshäuser, Galerien, Kunstuniversitäten, Ausstellungsräume zeigen aktuelle fotografische Positionen aus den Bereichen der künstlerischen, aber auch der Dokumentar-, der Reportage- und Modefotografie.

Zwei inhaltliche Schwerpunkte prägen das diesjährige Festival: „Fotografinnen im Fokus“ hebt die herausragenden, nicht immer ausreichend gewürdigten fotografischen Leistungen von Frauen hervor. „Rethinking Nature/Rethinking Landscape“ stellt die Schlüsselrolle der Fotografie in der Wahrnehmung von Natur und Landschaft in den Mittelpunkt und beleuchtet kritisch den Umgang der Menschen mit ihnen.

Lokale und internationale Positionen sind im Rahmen von Einzelpräsentationen und thematischen Gruppenausstellungen in ganz Wien zu sehen. Ergänzend lädt das umfangreiche Rahmenprogramm mit Führungen, Workshops, Symposien, Talks, Buchpräsentationen, den täglichen Bildbesprechungen und Studio Visits zur vertiefenden Auseinandersetzung ein.

Die Festivalzentrale im Atelier Augarten fungiert als Herzstück der Foto Wien. Neben Ausstellungen zu den Schwerpunktthemen ist die Festivalzentrale Treffpunkt und Ort für Austausch und Diskurse. Das Symposium „Wie hältst du’s mit dem Material“ am 18. und 19. März lässt verschiedene Akteurinnen und Akteure der Fotoszene zu Wort kommen. Sie analysieren die sich verändernden Anforderungen im praktischen und theoretischen Umgang mit Fotografie sowie deren Vermittlung. Dabei werden insbesondere die Anliegen von Künstlerinnen und Künstler in die Debatte aufgenommen, um neue Handlungsfelder für die Politik und die Institutionen aufzuzeigen.

Mit der Fotobuch-Ausstellung, dem Photobook Market, dem Photobook Award sowie zahlreichen Buchpräsentationen und Signierstunden steht das letzte Festivalwochenende ganz im Zeichen des Fotobuchs.

Fotografinnen im Fokus – Pixy Liao: Experimental Relationship, 2014 © Pixy Liao

Weronika Gęsicka: Untitled #12, aus der Serie: Holiday, 2019–2020 © Weronika Gęsicka, 2019-2020, Courtesy: Jednostka Gallery, Warsaw

Rethinking Nature/Rethinking Landscape – Danila Tkachenko: #9, aus der Serie: Motherland, 2016 © Danila Tkachenko

Jonathas De Andrade: Still aus „O Peixe“ (The Fish), 2016 © Jonathas De Andrade

Fotografinnen im Fokus

Einer der Schwerpunkte von Foto Wien liegt auf der Hervorhebung der herausragenden Arbeit von Fotografinnen, um der noch immer herrschenden musealen und kunsthistorischen Dominanz männlicher Positionen innerhalb des Mediums entgegenzuwirken. Zu sehen sind inhaltlich und ästhetisch unterschiedlichste Werke. Sie stehen für die Vielfalt des fotokünstlerischen Schaffens von Frauen, wobei die Ausstellung vor allem auch die Auseinandersetzung mit Werken von in Österreich noch wenig bekannten Fotografinnen ermöglicht. Gemeinsam ist allen Künstlerinnen die Reflexion politischer und gesellschaftlicher Themen. Mit Fotos von Laia Abril, Alia Ali, Poulomi Basu, Nakeya Brown, Pixy Liao, Paola Paredes, Sọ̀rọ̀ Sókè (Kollektiv), Annegret Soltau, The Journal (Kollektiv) und Carmen Winant.

Rethinking Nature/Rethinking Landscape

Seit der Erfindung des Mediums spielt das fotografische Abbild eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung von Natur und Landschaft. Viele zeitgenössische Fotografinnen, Fotografen, Künstlerinnen und Künstler reflektieren in ihren Arbeiten das aktuelle Verhältnis von Mensch und Natur, machen die gegenwärtigen ökologischen Veränderungen visuell erfahrbar und loten dabei die Möglichkeiten der fotografischen Repräsentation aus. Die Ausstellungen in der Festivalzentrale zeigen neben herausragenden Einzelpräsenationen auch jene fünf aufstrebenden, europäischen Positionen, die vom Festivalnetzwerk „European Month of Photography“ für den EMOP Arendt Award nominiert waren. Mit Fotos von Simon Brugner, Vanja Bucan, Tamás Dezsö, Judith Huemer, Maria-Magdalena Ianchis, Inka & Niclas Lindergård, Sissa Micheli, Stefan Oláh, Anastasia Mityukova, Georg Petermichl, Klaus Pichler und Danila Tkachenko.

Basierend auf einem internationalen Open Call in Kooperation mit Mois européen de la photographie Luxembourg und Imago Lisboa und den daraus hervorgegangenen Einreichungen wurden Arbeiten von 111 internationalen Kunstschaffenden ausgewählt und zu einem eindringlichen, audiovisuellen Erlebnis – einer Slideshow – arrangiert. Zeitgenössische Natur- und Landschaftsfotografie kommt in ihrer Vielfalt ebenso zum Ausdruck wie unterschiedliche Perspektiven auf den Begriff Natur.

Luca Piscopo, Candy Oscuro: Apocalypse & Genesis, 2020 © Luca Piscopo

Michaela Bruckmüller: Lilie Lilium, 2018, aus der Serie: Danse macabre, 2018 © M. Bruckmüller, Bildrecht Wien 2022

Kristina Varaksina: Self-Portrait Hair, 2020 © Kristina Varaksina, Courtesy: Hello World Gallery, Wien

Unseen Wien

Die Fotografien der Studierenden der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt zeigen individuell entdeckte Unorte und Hiding Places in Wien und Umgebung, erforschen die architektonischen Strukturen der Stadt sowie ihre urbanen und suburbanen Besonderheiten.

Fotobuch-Ausstellung

Das Fotobuch spielt eine zentrale Rolle in der Fotografie. Es ist eines der wichtigsten analogen Medien, um fotografische Arbeiten und Projekte auf eine hochqualitative Weise zu transportieren. In der Ausstellung werden die besten Fotobücher der vergangenen drei Jahre gezeigt, die aus allen Einsendungen ausgewählt wurden. Am 26. März wird der Foto Wien Photobook Award verliehen: Mit einem Preisgeld von insgesamt 3.000 Euro werden die drei besten Fotobücher seit 2019 prämiert. Der Jury gehören Andreas Bitesnich, Fotograf und Fotobuch-Sammler, Verena Kaspar-Eisert, Kuratorin Foto Wien, und Michael Kollmann, Fotobuch-Kurator des OstLicht, an.

Photobook Market

Am letzten Festivalwochenende findet der von Fotohof edition veranstaltete Photobook Market statt. Mit ausgewählten Verlagen und Fotobuchhandlungen, Neuerscheinungen, Talks und Booksignings dreht sich alles um Fotografie in Buchform.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=uhvaL7Tyt14           www.fotowien.at

6. 3. 2022

Belvedere: Face to Face. Marc Quinn meets Franz Xaver Messerschmidt

Februar 28, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Faszination grotesk verzerrter Charakterköpfe

Marc Quinn, Emotional Detox II, 1995 (copyright Marc Quinn Studio) and Franz Xaver Messerschmidt, Character Head No.33, 1777/1783 (copyright Belvedere, Wien). Image courtesy of Marc Quinn studio

Ein Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und bedeutenden Werken aus der Sammlung des Museums: Das Belvedere stellt die WerkserieEmotional Detox“ des britischen Künstlers Marc Quinn den berühmten „Charakterköpfen“ des barocken Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt gegenüber. Messerschmidts Arbeit inspiriert Quinn seit Langem – der direkte Einfluss der „Charakterköpfe“ auf die Entstehung vonEmotional Detox“ ist nun im Oberen Belvedere zu sehen, wo die beiden Werkgruppen erstmals miteinander gezeigt werden.

Marc Quinns acht lebensgroße skulpturale Selbstporträts entstanden in einer herausfordernden Phase im Leben des Künstlers, als er Anfang der 1990er-Jahre die körperlichen und seelischen Qualen eines Alkoholentzugs überwinden musste. In dieser Zeit betrachtete er regelmäßig die Messerschmidt-Skulptur „Der starke Geruch“ im Victoria and Albert Museum in London. Die ausdrucksstarke Darstellung aus dem 18. Jahrhundert inspirierte Quinn, seine eigene Erfahrung in der Serie „Emotional Detox“ auszudrücken. Die Verwendung der Materialien Blei und Wachs, die Spuren des Herstellungsprozesses und die expressive Darstellung kehren das innere Empfinden nach außen. Der Dämon, der dem Gemarterten an die Gurgel geht, ist er selbst. Die Hände des Bildhauers würgen und knuffen sein Abbild, boxen in sein Gesicht, pressen den Schädel. Die bis zur Taille reichende Büste ist stückhaft, roh, durchlöchert. Die Hände haben sich von den Armen gelöst und ein sadistisches Eigenleben begonnen. Der Bildhauer legt Hand an (sich selbst).

Marc Quinn: „Seit Beginn meiner Beschäftigung mit Kunst fesseln mich Franz Xaver Messerschmidts Skulpturen und seine unglaubliche Fähigkeit, Gefühle darzustellen. Mit diesen Werken gelang es Messerschmidt, die strengen Regeln der Hofkunst des 18. Jahrhunderts zu durchbrechen und lebensnahe Themen menschlicher Existenz darzustellen, die uns auch heute noch – 200 Jahre später – ansprechen. Als ich Anfang der 1990er-Jahre gezwungen war, meinen hedonistischen Lebensstil zu ändern, spendeten mir die ,Charakterköpfe‘ viel Trost. Ein Jahr lang konnte ich nicht arbeiten, erst durch Messerschmidts Werke fand ich wieder zur Kunst zurück. Sie brachten mich dazu, die Serie ,Emotional Detox‘ zu schaffen. Beide nun gemeinsam in den großartigen Räumen des Oberen Belvedere ausgestellt zu sehen, ist für mich die Erfüllung eines Traums.“

Marc Quinn, Fear of Fear, 1994. © Marc Quinn Studio. Image courtesy of Marc Quinn studio

Marc Quinn, Emotional Detox: The Seven Deadly Sins IV, 1995. © Marc Quinn Studio. Image courtesy of Marc Quinn studio

Marc Quinn, Emotional Detox: The Seven Deadly Sins VI, 1995. © Marc Quinn Studio. Image courtesy of Marc Quinn studio

Der Anspruch, den flüchtigen Ausdruck von Emotion in Mimik und Gestik festzuhalten und mit den Mitteln der Bildhauerei zu fassen, verbindet Marc Quinn und Franz Xaver Messerschmidt über die Zeiten hinweg. Beide Künstler arbeiten mit Blei, einem Material, das für seine Toxizität und seine Rolle in dem sagenumwobenen alchimistischen Vorgang, der in einem Prozess der Verwandlung zu Gold führt, essenziell ist. Die autobiografischen Arbeiten beider Künstler thematisieren zutiefst persönliche Lebenseinschnitte und zeigen ergreifende Selbstinszenierungen. Die Ausstellung „Face to Face“ ist die erste gemeinsame Präsentation der Werke von Franz Xaver Messerschmidt und Marc Quinn.

Franz Xaver Messerschmidt schuf die Werkgruppe der „Charakterköpfe“ in seinen letzten Lebensjahren von 1770/71 bis 1783, die er zurückgezogen und enttäuscht vom Wiener Kunstbetrieb in Bratislava verbrachte. Die zum Teil ins Groteske verzerrten Gesichter geben bis heute Rätsel auf. Ihre deskriptiven Titel erhalten die Köpfe erst von der Nachwelt. Was den Künstler zu diesen Darstellungen motiviert hat, wird bis heute heftig diskutiert. Das Belvedere besitzt mit 16 Originalen den größten Bestand an Messerschmidts „Charakterköpfen“, von denen bis heute eine große Faszination ausgeht. Durch ihre von jeder Generation neu erfahrene Aktualität laden sie zu einer Gegenüberstellung mit zeitgenössischen Positionen ein.

Franz Xaver Messerschmidt, Ein düstrer finstrer Mann, 1770/1783. © Belvedere, Wien. Image courtesy of Marc Quinn studio

Franz Xaver Messerschmidt, Ein Erhängter, 1771/1783. © Belvedere, Wien. Image courtesy of Marc Quinn studio

Franz Xaver Messerschmidt, Ein Schalksnarr, 1777/1783. © Belvedere, Wien. Image courtesy of Marc Quinn studio

Marc Quinn, 1964 in London geboren, ist einer der ausdrucksstärksten Künstler seiner Generation. Seine Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen erforschen das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft, die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur sowie den menschlichen Körper und die Wahrnehmung von Schönheit. Sein Werk nimmt häufig Bezug auf die Kunstgeschichte – von modernen Meistern bis zur Antike. Quinn wurde 1991 mit seiner „Skulptur Self“ bekannt, einem Abguss des Kopfes des Künstlers aus fünfeinhalb Litern seines eigenen gefrorenen Blutes. Während sich ein Großteil seiner frühen Arbeiten auf die Erforschung des Selbst konzentrierte, war Quinn bald fasziniert davon, die Erfahrungen anderer zu reflektieren – Werte, Wahrnehmung und die Bruchlinien der Gesellschaft infrage zu stellen.

Andere von der Kritik gefeierte Werke sind „Alison Lapper Pregnant“ (2005), ausgestellt auf dem Fourth Plinth des Londoner Trafalgar Square; „Planet“ (2008), eine monumentale Darstellung des Sohnes des Künstlers als Baby, dauerhaft installiert in Gardens by the Bay, Singapur; „Breath“ (2012), eine monumentale Nachbildung von „Alison Lapper Pregnant“, die für die Eröffnungszeremonie der Paralympics 2012 in London in Auftrag gegeben wurde, und „Self Conscious Gene“ (2019), eine 3,5 Meter hohe Bronzeskulptur des „Zombie Boy“ Rick Genest, die im Science Museum in London permanent ausgestellt ist. Quinns Werke sind in Sammlungen auf der ganzen Welt vertreten, darunter Tate, London, Metropolitan Museum New York, Guggenheim, Venedig, Stedelijk Museum, Amsterdam und Centre Pompidou, Paris.

Zu sehen bis 3. Juli

www.belvedere.at

28. 2. 2022

Karikaturmuseum Krems: 100 Jahre Paul Flora. Von bitterbös bis augenzwinkernd

Februar 19, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Poetisch-ironische Erzählungen vom „Rabenvater“

Ein beliebtes Motiv, die schwarzen Vögel: Paul Flora, Das Gespräch der Raben, 2009 © Galerie Seywald, Nachlassvertretung für Paul Flora

Anlässlich des 100. Geburtstags von Paul Flora widmen das Karikaturmuseum Krems und die Paul Flora Nachlassvertretung dem Zeichner, Karikaturisten und Illustrator ab 20. Februar eine umfassende Retrospektive. Mit Tusche und Feder erschuf Paul Flora in seinen Zeichnungen ein eigenes Universum, bevölkert von Geistern und Harlekins, Poeten und Sphinxen, Geheimagenten, Marionetten, verwurzelten Tirolern und venezianischen Pestdoktoren. Der gebürtige Südtiroler konstruierte

wundersame Landschaften mit eigenwilligen Architekturen, Kugeln, Penthäusern, Lokomotiven und Fluggeräten. Floras Zeichnungen sind Erzählungen voller Poesie und Ironie, wobei Vergangenheit und Gegenwart in ein spezifisches Verhältnis zueinander treten. Immer wieder brachte er die Lagunenstadt Venedig aufs Papier. Bekannt sind auch seine Raben-Darstellungen. Am Papier versinnbildlichen die Vögel mit ihren spitzen Schnäbeln menschliches Verhalten. Ein Rundgang durch die Ausstellung führt von Schülerzeichnungen und satirischen Geschichten aus den frühen Schaffensjahren bis zu seinen bekannten und beliebten Motiven. Eine Auswahl von gesellschaftspolitischen Zeichnungen für DIE ZEIT und Fotos seiner „Karikaturen-Verbrennungen“ loten die besondere Beziehung von Flora zur Karikatur aus. Erich Kästner sah in Flora einen „Bilderschriftsteller“. Zweifelsohne zählt Paul Flora zu den herausragenden Zeichnerinnen und Zeichnern des 20. Jahrhunderts.

Schon in jungen Jahren war die zeichnerische Begabung von Paul Flora sichtbar. Als 13Jähriger brachte er das täglich in der Mittelschule, heute: Akademisches Gymnasium Innsbruck, Beobachtete auf Papier. Zeichnerisch schilderte er den Schulalltag mit maßregelndem Direktor, dem leidenschaftlich Klavier spielenden Gesangslehrer und dem wütend auf den Tisch schlagenden Deutschprofessor. Kontrastreich zu seinen Schülerzeichnungen wirkt die ebenso im Alter von 13 Jahren angefertigte düstere Darstellung des Andreas Hofer. Auf ockerfarbenem Hintergrund thematisiert Flora mit kräftigem, schwarzem Strich die Hinrichtung des Tiroler Freiheitskämpfers. Einzig das Haar und die vom toten Körper herabtaumelnden Schuhe sind markant in Rot gesetzt.

Paul Flora, Der Galgen (verso: Andreas Hofer), um 1935 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Paul Flora, Foto: Othmar Kopp © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Paul Flora, Der Stab wird gebrochen, 1938 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg

Als 15Jähriger sah der Tiroler erstmals Zeichnungen des Malers Alfred Kubin. Für eine gewisse Zeit beschäftigte sich Flora intensiv mit Kubin, um schließlich zu sich selbst zu finden. Ihr Hang zum Skurrilen, Literarischen und Grafischen einte die Männer. Die später entstandene Künstlerfreundschaft sollte bis zu Kubins Tod 1959 bestehen. Intellektuelle Reflexion, technische Meisterschaft und die Vorliebe für das originelle, etwas abseitige Sujet zeichnen Floras Gesamtwerk aus. Skurrile Menschendarstellungen und detaillierte Architekturen bis hin zu riesigen Kugeln durchziehen seine Arbeiten. Ein Dinosaurier mit erschreckend menschlichen Zügen vor Gebirgskulisse und ein alpiner Skipionier deuten auf die Tiroler Wurzeln hin. Populär sind Floras Raben mit ihren spitzen Schnäbeln. Er zeichnete sie oft und in unverwechselbarer Manier. Den Impuls, die Vögel abzubilden, gab ein ausgestopfter Rabe, den der Künstler geschenkt bekam und der fortan auf seinem Schreibtisch stand.

Auf ähnlich großes Interesse stießen die VenedigMotive. Anstatt die Lagunenstadt als Sehnsuchtsort zu zeigen, hüllt der Künstler sie in einen düsteren Schleier. Allgemein sind Floras Werke von einem melancholischen Grundtenor durchzogen. Begriffe wie Verzweiflung und Traurigkeit würden die subtile Stimmung seiner gezeichneten Züge allerdings fälschlicherweise vereinfachen. Schon im nächsten Moment lugen die Gespenster der Nacht um die Ecke. Es sind Vampire, Wiedergänger und Marionetten, die von ihren Fesseln befreit heraneilen, um nächtlichen Karneval zu feiern. Denn auch der feine Humor hat in Floras Werken seinen Platz. Zeitlebens stand er „augenzwinkernd und ein wenig amüsiert außerhalb“, beschrieb etwa Marion Gräfin Dönhoff den Künstler.

Paul Flora, Das Gespräch des Raben mit dem Hahn II, 1987 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Venezianische Maskerade II, 2000 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Die vom Nasenclub, 2002 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

Paul Flora, Mord, 1965 © Nachlassvertretung für Paul Flora, Salzburg & Diogenes Verlag AG, Zürich

1957 gewann Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin und Mitherausgeberin der ZEIT, Paul Flora als Karikaturisten für das Hamburger Blatt. Innerhalb von 14 Jahren gestaltete Flora mehr als 3.000 eigenständige Blätter für die deutsche Wochenzeitung. Etliche von ihnen übernahmen internationale Blätter wie The Times oder The Observer. Inspiration für seine Inhalte erhielt Flora bei der Morgenlektüre von Zeitungen. So thematisierte er in einer Karikatur von 1964 die XI. Olympischen Winterspiele in Innsbruck. Zu seinen politischen Lieblingszielen zählten Josef Strauß, Gamat Abdel Nasser, Ludwig Erhard und Charles de Gaulle.

Flora selbst verstand sich als Zeichner, nicht als Karikaturist. Um diese eigene Wahrnehmung breitenwirksam zu stärken, soll Flora bei einer spektakulären Aktion 1980 sogar die Verbrennung seiner Karikaturen inszeniert haben. Es ist ungeklärt, ob sich in der Kiste politische Karikaturen befanden. Tatsache ist, dass man heute lediglich den Aufbewahrungsort von 800 der ursprünglich 3.000 Karikaturen kennt. Paul Flora war eine außergewöhnliche Persönlichkeit von großer Popularität. Er war ein Querdenker und ein Unbequemer, der Stellung bezog, mitredete und mitgestaltete. Er verstarb in der Nacht auf den 15. Mai 2009.

Die Retrospektive ist bis 29. Jänner 2023 zu sehen.

www.karikaturmuseum.at

19. 2. 2022

Albertina: Edvard Munch. Im Dialog

Februar 18, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bilder der Urangst am Beginn der Moderne

Edvard Munch: Das kranke Kind, 1907. Tate: Presented by Thomas Olsen 1939 © Tate

Die Albertina widmet Edvard Munch ab 18. Februar ihre große Frühjahrsausstellung 2022. Die umfassende Schau ist in mehrerer Hinsicht einzigartig: Mehr als 60 Werke des norwegischen Künstlers zeigen das beeindruckende Œuvre, als eines, das für die moderne und zeitgenössische Kunst wegweisend ist. „Edvard Munch. Im Dialog“ konzentriert sich in erster Linie auf Munchs spätere Werke und deren Relevanz für die Kunst der Gegenwart.

Neben ikonischen Fassungen der „Madonna“, des“ Kranken Kindes“ oder der „Pubertät“, ist es nicht zuletzt das von Unheimlichkeit, Bedrohung und Entfremdung zeugende Naturbild Edvard Munchs, das durch eine Reihe an Landschaftsgemälden dieses Hauptthemas des Symbolismus und Expressionismus in einen

Dialog mit Werkgruppen bedeutender Künstlerinnen und Künstler unserer Zeit tritt. Zu den gezeigten, direkten Variationen von Munchs ikonischen Bildern werden Werke in den Fokus der Ausstellung gerückt, die an Munchs experimentelle und modernistische Erweiterung des Malereibegriffs anknüpfen.

Munch bricht dabei radikal mit der sichtbaren Wirklichkeit und wendet sich den verborgenen, unsichtbaren Verletzungen und Erschütterungen der Seele zu. Krankheit, Eifersucht und Angst bleiben zeitlebens wiederkehrende Themen. Ihn interessieren die Narben der psychischen Verarbeitung von Erlittenem. Auch technisch ist er revolutionär: eine koloristische Übersteigerung seiner Gemälde, die Vereinfachung der Motive, die ikonenhafte Frontalität seiner Figuren bis hin zur scheinbaren Verflüssigung der Landschaft bilden eine unberechenbare, bedrohliche Welt ab. Der Mensch wird zur Symbolfigur für das Sich-Verlieren des Einzelnen im Ganzen: die Urangst der Gesellschaft am Beginn der Moderne.

Edvard Munch: Frauen im Bad, 1917. Munchmuseet. Foto: Munchmuseet/Ove Kvavik

Edvard Munch: Winterlandschaft, 1915. Albertina, Wien – Sammlung Batliner © Albertina, Wien

Andy Warhol: Madonna and Self-Portrait with Skeleton’s Arm (After Munch), 1984. Gunn and Widar Salbuvik © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Bildrecht, Wien 2022 © Michal Tomaszewicz

Peter Doig: Echo Lake, 1998. Tate: Presented by the Trustees in honour of Sir Dennis and Lady Stevenson (later Lord and Lady Stevenson of Coddenham), to mark his period as Chairman 1989-98, 1998 © Tate

Die weitreichende Rezeption Munchs in der zeitgenössischen Kunst beweisen sieben bedeutende Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart allesamt Größen des 20. Jahrhunderts die mit Munch in Dialog treten: Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz, Miriam Cahn, Peter Doig, Marlene Dumas und Tracey Emin. Die ausgewählten Werkgruppen illustrieren eindrucksvoll den Einfluss, den Edvard Munchs Kunst bis heute auf nachfolgende Generationen ausübt. Die Zugänge zu Munch sind so unterschiedlich wie die Künstlerinnen und Künstler selbst: Dazu gehören Georg Baselitz‘ Waldlandschaften und seine zum Teil auch indirekten Porträts des norwegischen Malers, während Andy Warhol einmal mehr Ikonen auf seine Weise nachbildet.

Miriam Cahn: madonna (bl.arb.), 1997. Courtesy the artist and Galerie Jocelyn Wolff ©Francois Doury

Edvard Munch: Madonna, 1895/1902. Albertina, Wien © Albertina, Wien

Tracey Emin: You Kept It Coming, 2019. Private Collection © Tracey Emin. All rights reserved, DACS/Artimage 2022 © Tracey Emin. All Rights Reserved / Bildrecht, Wien 2022

Marlene Dumas beschäftigt sich intensiv mit Fragen menschlicher Erfahrungen, rückt Themen wie Liebe, Identität, Rassismus aber auch Tod oder Trauer ins Zentrum ihrer Arbeit und schließt so unmittelbar an die inhaltlichen Schwerpunkte Munchs an. Auch bei Miriam Cahn steht menschliche Emotion von ohnmächtiger Verzweiflung und Angst bis hin zu zügelloser Aggression im Mittelpunkt. Für Peter Doig ist die Materialität in Munchs Gemälden wie auch die Ikonologie der Entfremdung der Menschheit von sich selbst wesentlicher Bezugspunkt in den Werken des Norwegers. Tracey Emins Gemälde und multimediale Arbeiten sind von traumatischen persönlichen Erfahrungen geprägt und knüpfen an den autobiographischen Charakter in Munchs Schaffen an.

Zu sehen bis 19. Juni.

www.albertina.at           Virtuelle Eröffnung von Klaus Albrecht Schröder und eine Einführung von Kuratorin Antonia Hoerschelmann: www.youtube.com/watch?v=HvADJIA6AqY           www.youtube.com/watch?v=5w7oYCI42pM

18. 2. 2022

Weltmuseum Wien: „… aus Afghanistan“

Januar 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge erzählen mit Alltagsobjekten über ihre Heimat

Brigitte Neubacher: Afghanistan 1994. Bild: © Brigitte Neubacher

Die Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 und die Bilder, die davon um die Welt gingen, fordern einen genaueren Blick auf Afghanistan und seine Menschen. Die Sammlungen des Weltmuseums Wien geben einen Einblick in das Leben, die Geschichte und die Kulturen Afghanistans. Das Weltmuseum Wien hat Männer und Frauen aus Afghanistan, die in Wien leben, eingeladen, Objekte auszuwählen und ihre Geschichten mit den

Besucherinnen und Besuchern des Museums zu teilen. Gegenstände verschiedener ethnischer Gruppen sollen das Bild von Afghanistan mit vielfältigen, lebensbejahenden Eindrücken bereichern. So ist die sehenswerte Präsentation „… aus Afghanistan“ entstanden. Die Ausstellung wirft Streiflichter auf Szenen des alltäglichen Lebens von Afghaninnen und Afghanen in deren ursprünglichen Heimat bis hin zum Leben von in Wien wohnenden Geflüchteten. Das Weltmuseum Wien will mit dieser Ausstellung ein anderes Bild zeigen, als es viele Medienberichte nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 boten. Die Ausstellung zeichnet aus, dass sie nicht von MuseumskuratorInnen alleine gestaltet wurde. Vielmehr haben in Wien lebende Afghaninnen und Afghanen Objekte aus der Sammlung des Museums ausgewählt oder dem Museum eigene geliehen, die ihnen wichtig erschienen, um über das Leben in ihrer alten Heimat und in Wien zu berichten.

Sie haben auch Texte zu verschiedenen Themen verfasst, die in der Präsentation zu lesen sind. Beispielweise Batul Abedi über das Gebetstuch: Die drei Wörter heißen „Mohammed“, „Hasan“ und „Ali“. Das Tuch wird also von Schiiten verwendet. Die beiden erhobenen Hände stehen für das Beten in Richtung zu Gott. Bei mir zu Hause hängt so ein Tuch an der Wand gegenüber dem Sofa. Oder Rahmatullah Ahmadi über die Teekanne: Tee ist für uns Afghanen ein Getränk das Energie bringt und auch erfrischt. Wenn ein Gast kommt oder wir uns in Gemeinschaft treffen wird immer Tee getrunken, grüner oder schwarzer Tee mit viel Zucker. Er muss stark sein, die Wirkung muss gespürt werden.  In Afghanistan haben wir Tee meist aus Indien importiert. Hier in Österreich schätzen wir auch Säfte oder Coca Cola, zum Christentum konvertierte Afghanen auch Bier.

Teekanne, Afghanistan/Jamshidi. © KHM-Museumsverband

Halskette, Afghanistan/Pashtunen. © KHM-Museumsverband

Gebetstuch, Afghanistan/Hazara. © KHM-Museumsverband

Krug, Afghanistan/Tadschiken. © KHM-Museumsverband

In der Schau geht es nicht um die Taliban, nicht um die Flucht vieler oder um schwer bewaffnete Kämpfer, die durch die Straßen Kabuls patrouillieren. Vielmehr sollen von Frauen angefertigte Keramiken oder geflochtene Körbe, Silberschmuck und farbenprächtige Kleider, Gebetstücher und Papierdrachen Einblicke in die Kultur jenseits des Kriegsgeschehens bieten. Gezeigt werden Szenen aus dem alltäglichen Leben vieler Ethnien. Der Bogen spannt sich von der Gastfreundschaft zum gemeinsamen Essen und Teetrinken, von der Weitergabe des Brautschmucks von der Mutter des Bräutigams zur neuen Schwiegertochter bis hin zum Drachensteigen.

„… aus Afghanistan“ wird ergänzt durch Fotografien von Brigitte Neubacher, Josef Polleross, Max Klimburg, Alfred Janata, Roger Senarclens de Grancy, Walter Kuschel und Georg Sarac. Von der Fotografin Aleksandra Pawlow porträtierte in Wien Lebende berichten über ihr Leben von Afghanistan bis Wien.

Kostenlos zu besuchen bis 31. Mai.

Hochzeitskleid (Detail), Leihgabe von Frau Sohayla Yaqoubi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewänder, Leihgaben von Sohayla Yaqoubi und Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewand (Detail), Leihgabe von Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Historischer Hintergrund

In Afghanistan leben mehr als 50 Stämme. Ihr gemeinsamer Staat grenzt an sechs Länder, wobei die Grenzziehung über weite Strecken auf imperialistische Machtbestrebungen zurückgeht: Die Einmischung ausländischer Akteure in innerafghanische Angelegenheiten prägte über mehr als hundert Jahre das Leben vor Ort. Zwischen 1838 und 1919 führte Großbritannien Kriege im Land. Ab 1979 intervenierte zehn Jahre lang die Sowjetunion, wobei die USA den islamistischen Gegnern der Kommunisten, den Mujahedin, umfangreich Waffen lieferte. In den Jahren 1992 bis 1994 tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Von 1996 bis 2001 beherrschten die Taliban große Teile des Landes. Gegen sie und andere islamistische Gruppen führten die USA und deren Bündnispartner von 2001 bis 2021 einen blutigen Krieg. In all diesen Konflikten litt vor allem die Zivilbevölkerung Afghanistans: viele Menschen wurden getötet, Millionen mussten fliehen, vor allem in die Nachbarländer.

Strickfrauen 1970. Bild: © Roger Senarclens de Grancy

Afghanistan 1959. Bild: © Alfred Janata

Afghanistan/Bamiyan 1993. Bild: © Brigitte Neubacher

Mittagessen in der Mudschaheddin-Basis von Jagdalak, 1988. Bild: © Josef Polleross

Statement des Weltmuseum Wien

Das Weltmuseum Wien widmet sich der Wertschätzung der Vielfalt des menschlichen Lebens. Das Kollegium des Museums ist daher solidarisch mit den Menschen in Afghanistan in ihrer Vielfalt. Die aktuelle Situation ist schwer einschätzbar, aber Krieg und Konflikte führen zur Vertreibung von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Wir appellieren an die Länder der Welt, darunter auch Österreich, alle Maßnahmen zu ergreifen um den Geflüchteten mit Mitgefühl zu begegnen, sie aufzunehmen und zu unterstützen.

www.weltmuseumwien.at

25. 1. 2022