Karikaturmuseum Krems: Wettlauf zum Mond!

Februar 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Comics und Cartoons aus der Welt der Science-Fiction

Mathias Kollros: Fly Me To The Moon, 2009 © Mathias Kollros

„That‘s one small step for a man, one giant leap for mankind.“ Dieser Satz veränderte am 21. Juli 1969 den Blick auf die Welt und den Kosmos. Der US-Astronaut Neil Armstrong setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond und erlangte mit der Übertragung dieses Satzes Weltruhm. Anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Mondlandung, zeigt das Karikaturmuseum Krems ab 24. Februar die Ausstellung „Wettlauf zum Mond! Die fantastische Welt der Science-Fiction“.

Die Schau zeichnet anhand historischer Karikaturen und Dokumentationen den Wettlauf ins All, der zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR stattfand, nach. Dieses kampfartige, inszenierte Wettrüsten der technischen Entwicklun-gen in der Raumfahrt schlug sich in vielen Comics, Illustrationen und Cartoons nieder. Die Karikaturen bezeugen einerseits das große Interesse der Menschen an der technischen Eroberung des Weltalls, aber gleichzeitig thematisieren sie Vorbehalte gegenüber der dabei entstehenden Bedrohung durch das Wettrüsten zwischen den Großmächten.

Bis jetzt ist dieses Kräftemessen hoch aktuell, erst heute unterzeichnete der amerikanische Präsident Donald Trump ein Dekret zur Schaffung einer Weltraumarmee, der sogenannten Space Force: „Wenn es darum geht, Amerika zu verteidigen, reicht es nicht, nur eine amerikanische Präsenz im All zu haben. Es muss eine amerikanische Dominanz im All geben.“ Im Gegenzug präsentiert Wladimir Putin eine Serie neuer Atomwaffen und löste damit international Besorgnis aus. Das sogenannte Awangard-System, eine Hyperschallwaffe, so Putin, sei „unbesiegbar“, die neuen Waffen könnten fast jeden Punkt der Welt treffen und können von keiner Raketenabwehr abgefangen werden …

Horst Haitzinger: … soweit man sich halt aufs Personal verlassen kann!, 1996, Landessammlungen Niederösterreich © Horst Haitzinger, Bild: Christoph Fuchs

Torben Kuhlmann: Der erste Erdbewohner auf dem Mond, 2015 © Torben Kuhlmann, NordSüd Verlag AG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor dem Hintergrund des viel beschworenen „Golden Age of Space“ entstanden Anfang der 1960er-Jahre viele Science-Fiction-Serien. Das war auch die Geburtsstunde der Perry Rhodan-Heftromanreihe, die von dem berühmtesten Zeichner dieser Serie Johnny Bruck detailgetreu und fantastisch illustriert wurde. Dem Jahrhundertereignis der Mondlandung widmet sich auch der mehrfach preisgekrönte Kinderbuch-Illustrator Torben Kuhlmann, dessen Debütwerk „Lindbergh“ mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt wurde. Kuhlmanns Maus Armstrong macht sich im gleichnamigen Buch auf die lange Reise zum Mond.

Die Comics von ASH – Austrian Superheroes – punkten mit österreichischen Superhelden. 2015 als Crowdfunding Projekt gestartet, begeistern Heldinnen und Helden mit klingenden Namen wie Captain Austria, das Donauweibchen oder Lady Heumarkt. Ihre Abenteuer sind mehrheitlich an heimischen Schauplätzen und heuer erstmals auch am Mond angesiedelt. Künstlerin Michaela Konrad bedient sich dem Comic Covers Stil der amerikanischen Golden Age Comics. Inspiriert von Fantasten wie Aldous Huxley, George Orwell oder Phillip K. Dick kreiert sie eine vergangene Vision aktueller Ereignisse.

ASH – Austrian Superheroes, Flügelkämpfe. Attacke am Großglockner – Auftritt für STIER und KARAWANKA, Cover Nr. 13, 2018 © ASH – Austrian Superheroes

Johnny Bruck: Der Unsterbliche. Ein ganzes Sonnensystem vom Untergang bedroht – nur Perry Rhodan kann die Rettung bringen, Nr. 19 aus der Serie Perry Rhodan, der Erbe des Universums, Covergestaltung © Pabel-Moewig Verlag GmbH

Die große Bandbreite der satirischen Zeichnungen reicht von historischen Karikaturen bis hin zu den TV-Samplings des Medienkünstlers Kurt Razelli. Seine Faszination für den Weltraum drückt er in den aktuellen Polit-Mash-up Videos zu Lost in Space aus. Von der Presse als „der Manfred Deix der bewegten Bilder bezeichnet“, macht Razelli aus Interviewsequenzen von Promis, Politikern oder einfachen Menschen tanzbare Discobeats und Dancetracks. Die Ausstellung wird mit Infotainment-Stationen zum Thema Science-Fiction trifft Non-Fiktion abgerundet: Unglaubliche aber wissenschaftlich fundierte Hintergrundinformationen und Erkenntnisse zum Mond und Kosmos präsentiert der Kremser Astronom und Science Buster Florian Freistetter.

20. 2. 2019

mumok: Pattern and Decoration

Februar 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunst, die es versteht, Grenzen zu öffnen

Brad Davis: Night Cry, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Brad Davis

Ornament als Versprechen. So könnte das Motto der US-amerikanischen Bewegung Pattern and Decoration lauten, die sich Mitte der 1970er-Jahre formierte. In Abwandlung der bekannten Maxime von Adolf Loos –„Ornament undVerbrechen“– führt die Ausstellung „Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen“, die ab 23. Februar im mumok zu sehen ist, die Bestände des Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig zur größten Präsentation im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren zusammen. Mit orientalisch anmutenden Mosaiken, monumentalen Textilcollagen, Malereien, Installationen und Performances.

So verfolgten feministisch engagierte Künstlerinnen und Künstler wie Miriam Schapiro, Joyce Kozloff, Valerie Jaudon oder Robert Kushner das Ziel, Farbe, Formenvielfalt und Emotion in die Kunst zurückzuholen. Das Dekorative und ihm nahe kunsthandwerkliche Techniken spielten dabei eine große Rolle: Unterschiedliche ornamentale Traditionen – von der islamischen über die nordamerikanisch-indianische bis zur Artdéco – fanden Eingang in die Werke und öffneten den Blick über den geografischen und historischen Tellerrand hinaus. Die Nähe zu Folklore und Kitsch wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern als Gegenentwurf zum „Purismus“ der Kunst der 1960er-Jahre ausdrücklich gesucht.

Pattern and Decoration lässt sich als paradigmatische Kunstströmung der 1970er-Jahre beschreiben, jenes schwer zu fassenden Jahrzehnts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, in dem die sozialen und politischen Utopien auf erste Vorboten eines aufkeimenden Neoliberalismus trafen. Als „promisk“ kritisierte der amerikanische Kunsthistoriker Hal Foster die Kunst jener Dekade in seinem Artikel „The Problem of Pluralism“. Nach den „puren“Bestrebungen der 1960er-Jahre, allen voran der Minimal Art, mangle es der Kunst der 1970er-Jahre sowohl an Stil als auch an kritischem Bewusstsein.

Pattern and Decoration allerdings war aus Überzeugung „promisk“: „Wir weigerten uns, Kunstformen einer Hierarchie zu unterwerfen“, so beispielsweise Joyce Kozloff. „Für uns gab es weder Grenzen zwischen den Kunstformen der Welt noch ‚High‘ oder ‚Low Art‘.“ Und Robert Kushner: „Wir wollten das Spektrum dessen, was im offiziellen Kunstlexikon zugelassen war, erweitern. Textilien, großartig. Quilts – ja. Keramik – aber sicher. Teppiche – warum nicht. Wir schauten uns all diese Objekte im Hinblick auf ihren ästhetischen Wert und ihre reichen visuellen Vorzüge an und wollten, dass andere sie auch als Kunst wahrnahmen.“ Und schließlich Robert Zakanitch: „Die strikten Parameter der Moderne verloren ihre Bedeutung, und jenseits davon gab es prächtige Dinge zu erfühlen und zu malen – feine Muster, Ornamente, Designs aus allen Kulturen der Welt, Volkskunst – Dinge und Themen, die als zu feminin erachtet worden waren und daher als trivial galten.“

Kim MacConnel: Squid Decoration, 1979. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen © Kim MacConnel

Ned Smyth: Portale Fish & Fabric, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Ned Smyth

Geboren aus Diskussionen von miteinander befreundeten und bekannten Künstlern sowie der Kritikerin Amy Goldin, stellt Pattern and Decoration die vielleicht letzte Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts dar – und zugleich die erste, die über die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten dekorativen Traditionen eine tatsächlich globale Perspektive verfolgte. Die egalitären, kollektiven und lebenspraktischen Dimensionen, die Goldin als Eigenschaften des Dekorativen definierte, stehen dabei stellvertretend für das Programm von Pattern and Decoration: nämlich, was konventionell als „nieder“ eingestuft wurde – die Kunst von Frauen, Kunsthandwerk, Volkskunst und so weiter –, möglichst laut zu feiern.

Der österreichische Architekt Adolf Loos kriminalisierte das Dekor in seiner berühmt-berüchtigten Streitschrift „Ornament und Verbrechen“, die 1908 in Reaktion auf den Wiener Jugendstil entstand. Seine Abwesenheit sei Indikator einer hohen Kulturentwicklung; seine Fertigung ein „Verbrechen an der Volkswirtschaft“. Ornament als Versprechen, der Untertitel der Ausstellung, verkehrt die Loos’sche Polemik im Sinne der Anliegen von Pattern and Decoration: Tritt die eine Position in unverkennbar misogynem und kolonialistischem Tonfall für eine „High Art“ein,so wird auf der anderen Seite nach Alternativen zu den Werten der westlichen Industriestaaten gesucht – nach anderen Geschlechterverhältnissen und kulturellen Identitäten und nach einem neuen Kunstbegriff.

Joe Zucker: Two Malay Pirates in the South China Sea, 1978. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen© Joe Zucker

Peter und Irene Ludwig haben den Wert dieser Kunst schon früh erkannt und Pattern and Decoration durch systematische Ankäufe zu einem der Schwerpunkte ihrer Sammlung ausgebaut: Auf ihren Reisen in die USA Ende der 1970er-Jahre erwarben sie etwa siebzig Arbeiten, von denen sich heute der Großteil im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen und eine ebenfalls umfassende Werkgruppe im mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien befindet.

Das in Kooperation realisierte Projekt führt die Bestände der beiden Museen erstmals wieder zusammen, was ermöglicht, dass diese Kunstform mehr als vierzig Jahre nach ihrer Gründung einer Neubewertung unterzogen werden kann. Denn die Fragen, die die Künstlerinnen und Künstler stellten, erfahren heute, in einer noch viel stärker globalisierten und von Machtasymmetrien gekennzeichneten Welt, eine brisante Aktualisierung. Zu einem Zeitpunkt, da sich Gräben vertiefen und Grenzen schließen, erinnert Pattern and Decoration daran, was es zu gewinnen gilt, wenn die Kanäle offenbleiben.

www.mumok.at

20. 2. 2019

Albertina: Rubens bis Makart. Rudolf von Alt

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 300-Jahr-Jubiläum: Die Sammlungen Liechtenstein

Peter Paul Rubens: Venus vor dem Spiegel, um 1614/15. © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

Anlässlich des dreihundertjährigen Gründungsjubiläums des Fürstentums Liechtenstein präsentiert die Albertina ab 15. Februar unter dem Titel „Von Rubens bis Makart“ eine umfassende Auswahl der herausragendsten Werke der Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein. Gleichzeitig widmet das Haus unter dem Titel „Rudolf von Alt und seine Zeit“ dem Wiener Aquarell als einem wesentlichen Kernbestand der Fürstlichen Sammlungen eine Jubiläumsausstellung.

Weit mehr als einhundert der bedeutendsten Gemälde und Skulpturen aus der erlesenen Kollektion eines der traditionsreichsten Häuser Europas spannen einen beeindruckenden Bogen von der italienischen Frührenaissance über das Zeitalter des Barocks bis zum Wiener Biedermeier und dem Historismus der Makart-Ära. Ikonische Werke wie Anticos erst jüngst für die Fürstlichen Sammlungen erworbene Büste des Marc Aurel, die lebensgroßen Bronzeplastiken des Adrian de Fries oder Peter Paul Rubens’ berühmte „Venus vor dem Spiegel“ stehen dabei im Mittelpunkt der Schau.

Die eine veritable Promenade durch fünf Jahrhunderte Kunstgeschichte ermöglicht. Seit mehr als 400 Jahren ist die kontinuierliche und leidenschaftliche Sammeltätigkeit der Fürsten dokumentiert: Geprägt von oft schillernden Persönlichkeiten und ihren individuellen künstlerischen Vorlieben formte sich so eine private Kollektion, die bis heute ihresgleichen sucht. Als Ort, an dem die Fürstliche Familie bis 1938 einen ständigen Wohnsitz unterhielt, hat Wien eine exzeptionelle Bedeutung: Unter Fürst Johann Adam Andreas I., auf den auch die Erwerbung zahlreicher Hauptwerke des flämischen Barocks zurückgeht, wurde die Sammlung ab 1705 in der zweiten Beletage des neuen liechtensteinischen Stadtpalais in der Bankgasse präsentiert. Im Jahr 1810 machte Fürst Johann I. von Liechtenstein seine Meisterwerke im Gartenpalais in der Rossau erstmals der Wiener Öffentlichkeit zugänglich. Während des Zweiten Weltkriegs verlegte die Familie ihren Wohnsitz und damit auch die Sammlungen nach Liechtenstein.

Quentin Massys, der Ältere: Die Steuereintreiber, späte 1520er-Jahre. © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

Friedrich von Amerling: Porträt der Prinzessin Marie Franziska von Liechtenstein im Alter von zwei Jahren, 1836. © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

Die Ausstellung zeigt die größten Schätze der liechtensteinischen Sammlungen und führt so exemplarisch ihren überragenden Reichtum vor Augen. Im Unterschied zur permanenten Präsentation in den beiden Wiener Palais, in denen die Werke mehr oder weniger in ihrem angestammten Kontext erlebbar sind, liegt eine der zentralen Absichten dieser Ausstellung in der neuen Kontextualisierung: Der reduzierte Rahmen der Albertina und ihrer modernen Räumlichkeiten ermöglicht einen frischen Blick auf die gezeigten Hauptwerke. Vorrangiges Ziel war dabei weniger eine kunsthistorisch stringente als vielmehr eine von ästhetischen Gesichtspunkten bestimmte Form der Präsentation. Durch alternative Gruppierungen oder gezielte Isolation erzählen die Gemälde und Skulpturen nun gänzlich andere Geschichten.

Rudolf von Alt und seine Zeit

Rudolf von Alt: Das Treppenhaus des k.k. Hof-Operntheaters, 1873. © LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

Der zweite Teil der Jubiläumsausstellung widmet sich dem Wiener Aquarell vom Biedermeier bis zum Realismus. Nahezu 100 der schönsten Aquarelle repräsentieren nicht nur die kenntnisreiche fürstliche Sammelleidenschaft, sondern geben zugleich einen gültigen Überblick über die Aquarellkunst dieser Ära.

Der spontane Umgang mit Licht und Kolorit spielt in dieser Wasserfarbenmalerei eine zentrale Rolle und vermittelt eine Intensität und Präsenz, die in anderen Medien kaum erreicht werden kann. So spiegelt sich etwa die schillernde Pracht adeliger Wohnkultur in den repräsentationsbewussten Interieurs der liechtensteinischen Palais in Wien, die Rudolf von Alt über Jahrzehnte hinweg im Auftrag der Familie anfertigte. Auch außerhalb der Stadt unterhielt die Fürstliche Familie zahlreiche Besitztümer: Alts unvergleichlich lebendige Impressionen der Schlösser Eisgrub und Feldsberg mit ihrem jeweiligen Umland sind heute wertvolle Erinnerungen an eine vergangene Welt voller Schönheit und Opulenz.

Einen maßgeblichen Bereich dieser außerordentlich facettenreichen Epoche österreichischen Kunstschaffens stellt das Wiener Porträt dar: Moritz Michael Daffingers repräsentative Bildnisse der Liechtenstein und anderer Mitglieder der Wiener Gesellschaft beeindrucken ebenso wie Peter Fendis schnelle Momentaufnahmen der Fürstlichen Familie. Als exemplarischer Überblick nur der qualitätsvollsten Blätter illustriert die Ausstellung der Albertina somit die außerordentliche Vielfalt der grafischen Sammlung einer Fürstlichen Familie, die sich als Patronin der Künste auch im täglichen Leben stets mit Aquarellen und ihren Schöpfern umgab.

www.albertina.at

13. 2. 2019

Kunstforum: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Werk, das sich seinen Platz erst erobern muss

Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). abcd / Bruno Decharme collection. Bild: © César Decharme

Mit „Flying High“ zeigt das Kunstforum Wien ab 15. Februar die erste Ausstellung, die sich weltumspannend den weiblichen Positionen der Art Brut von 1860 bis in die Gegenwart widmet. Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht ein Höhenflug: Sie versammelt 316 Werke von 93 Künstlerinnen aus 21 Ländern, die die inhaltliche und ästhetische Vorstellung, was Kunst ist, sprengen. Die Ausstellung nimmt den von Jean Dubuffet 1945 definierten Begriff „Art Brut“ für jene ursprüngliche, nichtakademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams als Ausgangspunkt.

In der Vielfalt und Heterogenität der präsentierten Werke wird deutlich, dass der Art-Brut-Begriff heute längst über Arbeiten aus Psychiatrien hinausgeht und auch die Produktion von „mediumistischen“,  von einem Geist geführten Künstlerinnen, „Einzelgängerinnen“ und Künstlerinnen mit Behinderungen umfasst. Diese Erweiterung ist nicht zuletzt durch den radikalen Wandel der Institution Psychiatrie – von ehemals geschlossenen Anstalten über offenere Strukturen bis zu deren Auflösung – begründet.

Zeitgenössische Art Brut entsteht heute vielfach in Ateliers oder in von den Künstlerinnen selbst geschaffenen Strukturen. Die Chronologie der Ausstellung beginnt mit Highlights aus den historischen Sammlungen der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn. Beide sammelten und förderten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Kunst aus Psychiatrien und publizierten darüber. Der Hauptraum des Kunstforum Wien zeigt Meisterinnenwerke aus der Sammlung von Jean Dubuffet  aus der Collection de l’Art Brut, Lausanne, die Dubuffet zwischen 1945 und 1976 zusammentrug. Eine repräsentative Auswahl von Werken aus der Sammlung L’Aracine schließt den Überblick über jene Sammlungen ab, die Entstehung und Geschichte der Art Brut entscheidend prägten. Darüber hinaus zeigt die Schau eine Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen.

Julia Krause-Harder: Nanotyrannus, 2013. Courtesy Atelier Goldstein. Bild: © Uwe Dettmar

Judith Scott: Ohne Titel, o. J. abcd / Bruno Decharme collection © Creative Growth Art Center. Bild: © César Decharme

Die Geschichte weiblicher Art-Brut-Künstler spiegelt die Emanzipationsgeschichte von Frauen auf einer prekären Ebene wider: Diese sind bis heute „Außenseiterinnen der Außenseiter“. Die Art Brut hat nach wie vor keinen gleichberechtigten Platz neben der „Hochkunst“ gefunden. Da Frauen sowohl innerhalb der Art Brut als auch jenseits der feministischen Kunst ihren Platz erst erobern müssen, ist eine Präsentation ihrer Werke hoch an der Zeit. Die Ausstellung nun verdeutlicht, dass ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografie sowie der Exzentrität der Autorinnen mehr und mehr an Relevanz gewinnen. Durch die Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen entsteht ein vielstimmiges Panorama gestalterischer Ausdruckskräfte: Worin unterscheiden sich jene individuelle Mythologien, die Art Brut begründen, je nachdem, ob sie von Künstlerinnen oder Künstlern geschaffen wurde? Erzählen die Arbeiten von Frauen tatsächlich andere Geschichten als Männer? Wie werden Differenzen in den Produktionsweisen, Medien und Ikonografien sichtbar?

Die Schau geht diesen Fragen nach und reflektiert die direkte und ursprüngliche, oft auch subversive Ausdruckskraft und Qualität der von Frauen geschaffenen Art Brut. Die Unterschiede und auch mögliche Gemeinsamkeiten im Ausdruck von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut anhand von Gegenüberstellungen zu visualisieren, wird Thema einer anderen Ausstellung sein. Wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert auch.

www.kunstforumwien.at

13. 2. 2019

Lentos Kunstmuseum: Lassnig – Rainer. Das Frühwerk

Februar 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Werden zweier großer Künstlerpersönlichkeiten

Ein Leben lang verbunden: Maria Lassnig und Arnulf Rainer während einer Ausstellungseröffnung in Wien, 1999. Bild: Heimo Rosanelli

Maria Lassnig und Arnulf Rainer zählen zu den erfolgreichsten Künstlern Österreichs. Lassnig würde heuer ihr 100. Lebensjahr begehen, Rainer feiert im Dezember seinen 90. Geburtstag. Die beiden lernten einander 1948 in Klagenfurt kennen. Ihre gemeinsam verbrachten Jahre prägten ihr künstlerisches Werk grundlegend. Die Ausstellung „Lassnig – Rainer. Das Frühwerk“ im Lentos Kunstmuseum Linz zeigt ab 1. Februar etwa 120 Werke aus den Jahren von 1948 bis 1960.

In dieser Zeit werden die Weichen für das Kunstschaffen von Maria Lassnig und Arnulf Rainer gestellt. Die verschiedenen Stilrichtungen, die sie in kurzer Zeit durchliefen, lassen sich grob mit den Begriffen Surrealismus, Informel und geometrische Abstraktion umreißen. 1945 flüchtet Arnulf Rainer vor den russischen Besatzungssoldaten aus Baden auf einem Fahrrad nach Kärnten zu Verwandten. Im Jahr 1947 besucht er eine Ausstellung in Klagenfurt, in der er Lassnigs heftig diskutiertes Gemälde „Akt Guttenbrunner“ sieht. Im April 1948 kommt es zu einem ersten Treffen mit Lassnig in ihrem Atelier in Klagenfurt. Der Beginn einer Beziehung mit der ein intensiver künstlerischer und intellektueller Austausch verbunden war . Maria Lassnig hatte, als sie Arnulf Rainer kennenlernte, bereits ihr Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste absolviert. Ihr Atelier am Heiligengeistplatz war Treffpunkt von Künstlern und Literaten wie Arnold Clementschitsch, Michael Guttenbrunner, Max Hölzer oder Arnold Wande.

Maria Lassnig: Porträt Arnulf Rainer, 1948-1949. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Selbstbildnis in den Februartagen, 1948. Courtesy Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs, © Atelier Arnulf Rainer

In ihren frühen Zeichnungen suchte Lassnig bereits nach einer Möglichkeit, die Wahrnehmungen ihres Körpers unmittelbar darzustellen. Sie erachtete ihn als eine Realität, die mehr in ihrem Besitz war als ihre Außenwelt. Ab 1947 entstanden erste „Körpergefühlszeichnungen“, die sie „Introspektive Erlebnisse“ nannte. Arnulf Rainer arbeitete in den späten 1940er-Jahren an surrealistischen Porträts und Unterwasserszenarien. 1950 kam es zur Gründung eines Künstlerkollektivs, der sogenannten „Hundgruppe“. Sie zählte neben Lassnig und Rainer Arik Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Kudrnofsky, Peppino Wieternik, Anton Krejcar und Maria Luise Löblich als Mitglieder. Die beteiligten Künstler und Künstlerinnen fanden den Art Club und seine kleinbürgerliche Bohemien-Szene als zu traditionell. Die Eröffnung ihrer einzigen Ausstellung im März 1951 wurde zum Skandal, da Arnulf Rainer das Publikum beschimpfte. Mit diesem provokanten Auftritt nahm er den Wiener Aktionismus vorweg.

Mit Lichtpausen von surrealistischen Zeichnungen reisen Lassnig undRainer 1951 nach Paris. Sie treffen sich unter anderem mit dem Kopf der Surrealistengruppe André Breton und mit dem Schriftsteller Paul Celan. In Paris konnten sie mehr über automatistische Bildtechniken erfahren. Maria Lassnig war in Paris vor allem von Yves Tanguys „Knochenmonumenten“ beeindruckt. Arnulf Rainer lernte über Paul Celan die für sein künstlerisches Schaffen bedeutsame „Lehre vom Zerfall“ von E. M. Cioran kennen. Während einer weiteren Parisreise entdeckten sie die Ausstellung „Véhémences confrontées“ in der Galerie La Dragonne. Die dort ausgestellten Kunstwerke von Jackson Pollock, Willem de Kooning, Jean-Paul Riopelle, Georges Mathieu, Sam Francis, Mark Tobey, Camille Bryen und Hans Hartung waren bereits der abstrakt-informellen Kunstrichtung zuzuordnen und beeindruckten Lassnig und Rainer nachhaltig.

Nach Paris arbeitete Lassnig an informellen Monotypien und nannte ihre Werke „Amorphe Automatik“, „Meditationen“ und „Stumme Formen“. Rainer malte zunächst abstrakte Gemälde, die er „Mikrostrukturen“ und „Atomisationen“ nannte. Sein theoretischer Text „Malerei, um die Malerei zu verlassen“ beschreibt einen Weg der permanenten Reduktion, eine radikale Loslösung von überkommenen Traditionen. Daraus resultieren seine „Blindzeichnungen“, „Zentralisationen“, „Vertikalgestaltungen“ und „Auslöschungen“. Ab 1954 entstandene Überzeichnungen und Übermalungen waren eine Folge davon. Rainer und Lassnig kuratierten 1951 eine Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt. In einem Manifest zu dieser Ausstellung fordert Lassnig: „Fort mit den ästhetischen Farbassoziationen“ und „Freiheit, die sich der Mensch, der Künstler wählt“. An dieser Ausstellung nehmen auch Friedrich Aduatz, Wolfgang Hollegha, Johanna Schidlo, Johann Fruhmann und Hans Bischoffshausen teil.

Maria Lassnig: Guttenbrunner als Akt / Aktstudie M. G., 1946. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Rainer – Lassnig – Übermalung, (Fotografien: 1949, Übermalung: ca. 2004). © Atelier Arnulf Rainer

In den folgenden Jahren gestalten Lassnig und Rainer „Flächenteilungen“ und „Proportionen“. Darin loten beide Künstler die Möglichkeiten geometrischer Kompositionen aus. Arnulf Rainer lernt in dieser Zeit den Wiener Domprediger Otto Mauer kennen, der seine Kunst ab 1955 in seiner Galerie St. Stephan, später nächst St. Stephan, unterstützt. Angeregt durch Bildhauer Fritz Wotruba, kehrt Maria Lassnig schrittweise zur Figuration zurück.

Aus ihren Körpergefühlsaquarellen entwickelt Lassnig nach und nach tachistische Körpergefühlsbilder. Für Lassnig sind die Wiener Jahre  schwierige Jahre, in denen sie besonders unter fehlender gesellschaftlicher Anerkennung leidet – erst 1960 wird sie ihre erste Einzelausstellung bei Otto Mauer erhalten. Rainer verlässt 1953 Wien und zieht nach Gainfarn bei Bad Vöslau. Damit ist das Ende des intensiven Austauschs mit Maria Lassnig vorgezeichnet. Lassnigs nächstes großes Abenteuer ist ihre Übersiedlung nach Paris, wo sie von 1961 bis 1968 lebt.

Von Arnulf Rainer gab es stets Bestrebungen gemeinsam auszustellen: „Ich habe Maria in den letzten Jahren nur noch gelegentlich gesehen. Ich bin zu ihren Ausstellungseröffnungen gegangen. Ich habe sie auch eingeladen, mit mir im Badener Rainer Museum auszustellen … Es hat leider nicht mehr geklappt.“

www.lentos.at

1. 2. 2019