The Beginning: Die Albertina Modern im Künstlerhaus

März 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit Kunst aus Österreich von 1945 bis 1980

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Die ganz große Publikumseröffnung musste wegen der Corona-Maßnahmen zwar abgesagt werden, nichtsdestotrotz öffnet die Albertina Modern am neuen Standort Künstlerhaus am 13. März ihre Pforten. Mit der Ausstellung „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet sie erstmals einen umfassenden Überblick einer der innovativsten Epochen österreichischer Kunstgeschichte.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne –vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien so kennzeichnenden gesellschaftskritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © Alfred Hrdlicka-Archiv, Wien

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neueAbschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern.

Peter Pongratz: Schutzengel, 1971. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Gottfried Helnwein: Der höhnische Arzt, 1973. Albertina, Wien – Leihgabe aus Privatsammlung © Bildrecht, Wien, 2020

„The Beginning“ widmet den großen Einzelgängern Friedensreich Hundertwasser, Arnulf Rainer und Maria Lassnig eigene Räume. Was Skulptur und Objektkunst in diesem Zeitraum bedeuten kann, veranschaulichen Hauptwerke von Joannis Avramidis und Rudolf Hoflehner über Wander Bertoni und Roland Goeschl bis Curt Stenvert, Bruno Gironcoli und Cornelius Kolig. Die Eröffnungsausstellung zeigt insgesamt fast 100 Künstlerinnen und Künstler dieser sich über drei Jahrzehnte spannenden Epoche vor der Schwelle zur Postmoderne.

Die Aufarbeitung von Ständestaat und Nationalsozialismus sowie die internationale Vernetzung aller wesentlichen Protagonistinnen und Protagonisten sind bislang oft übersehene Kennzeichen dieser Wiener Avantgarden. Ausgangspunkt der Ausstellung mit etwa 360 Kunstwerken – Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Installationen – sind die Sammlungen der Albertina, die jüngst durch die Akquisition der Sammlung Essl eine große Bereicherung erfahren haben.

Live-Stream zum Festakt, 12. März, 18.30 Uhr: www.facebook.com/AlbertinaMuseum

The Making Of a New Museum: www.youtube.com/watch?v=kASOUydk8to           www.youtube.com/watch?v=AM0F8HP0CL4

www.albertina.at

10. 3. 2020

kunsthalle wien: … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden. Die erste Schau des neuen Direktorinnentrios

März 9, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lauwarmer Krieg statt wirklicher Waffenruhe

Marwa Arsanios: Who is Afraid of Ideology?, 2019, Filmstill. Courtesy die Künstlerin & mor charpentier gallery, Paris

„… von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden“, zu sehen ab 8. März, ist die erste von What, How & for Whom / WHW – Ivet Ćurlin, Nataša Ilić und Sabina Sabolović – kuratierte Ausstellung, seit das Kollektiv die Leitung der Kunsthalle Wien übernommen hat. Sie bietet einen Überblick über die vielfältigen künstlerischen und politischen Bestrebungen, mit denen sich WHW über die Jahre auseinandergesetzt haben.

Sie stellt einige der vielen Künstlerinnen und Künstler vor, die ihre kollektive Tätigkeit im Lauf der Jahre inspiriert haben. Zugleich skizziert die Ausstellung die Orientierung des Programms, das die Direktorinnen in den nächsten fünf Jahren entwickeln wollen. Der Titel der Schau zitiert den libanesischen Schriftsteller Bilal Khbeiz, der am Beginn der 2000er-Jahre über einige der Dinge sinnierte, die den Unterschied zwischen den Träumen der Menschen im Globalen Süden und jenen im Westen ausmachen. Mit genau dieser Aufzählung – Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden – brachte Khbeiz die Vorstellung eines „guten Lebens“ auf den Punkt, das damals für große Teile der Menschheit unerreichbar war.

Fast zwei Jahrzehnte später scheint es, als sei die Befriedigung solcher Grundbedürfnisse für immer mehr Menschen auch an Orten gefährdet, wo sie einmal als selbstverständlich galt: Der Klimawandel lässt den Fortbestand des Lebens auf der Erde fraglich erscheinen; die Zerstörung der Umwelt schreitet immer schneller voran; die Finanzkrise von 2008 hat den Glauben zerstört, dass der Kapitalismus im Kern gut sei und seine Segnungen auf lange Sicht das Leben auch der Ärmeren und Ärmsten verbessern würden. Es scheint, als ob mittlerweile alle aufgezählten Elemente einen üblen Beigeschmack haben. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmittel ist global ungerecht verteilt und die industrielle Landwirtschaft verursacht enorme Schäden – während die, die genug haben, Brot und Wein mit Gefühlen von Schuld und Scham, mit zwanghafter Selbstoptimierung und rücksichtslosem Konsum verbinden.

Adji Dieye: Maggic Cube, 2016-2019. Courtesy die Künstlerin

Tim Etchells: Mirror Pieces, 2014. Courtesy der Künstler, Bild: Beniamin Boar

Alice Creischer: In the Stomach of the Predators, 2012–2014. Courtesy die Künstlerin & KOW, Berlin. Bild: Jorit Aust

Autos sind Klimakiller und werden deshalb zunehmend aus Innenstädten und anderen Orten verbannt, wo Menschen das Leben gemeinsam genießen sollten. Die Militarisierung der Sicherheitsorgane hat den „Überwachungsstaat“ hervorgebracht, während sich in öffentlichen Räumen eine posthumane Dystopie – in Form von vorhersagender Polizeiarbeit, Datenanalyse und algorithmischer Lenkung – abzeichnet. Statt wirklichem Frieden haben wir uns mit einem lauwarmen Krieg in weiten Teilen der Welt als Dauerzustand arrangiert: Die ständige Angst vor einer Eskalation treibt die demokratischen Regierungen vor sich her und den Populistinnen und Populisten die Wählerschaft zu. Kurz gesagt: Die Vorstellung vom „guten Leben“ ist eine Fantasie, eine hartnäckige und „grausame Anhänglichkeit“ an eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Und doch will diese Ausstellung weder zur Verzweiflung raten noch in schwarzmalerischer Manier eine Kritik aller Übel der Welt ausbreiten. Vielmehr versuchen die versammelten Werke, das „gute Leben“ für den Einzelnen wie die Gesellschaft neu zu denken. Die Ausstellung stellt einen Versuch dar, mit vereinten Kräften die politische Welt von heute zu verstehen, und will die Kämpfe um ihre Veränderung reflektieren, um diesen neue Energie zuzuführen. Indem sie Arbeiten verschiedener Generationen ins Gespräch bringt, zeigt die Ausstellung Perspektiven auf und schlägt so reale Alternativen zur endlosen Fortsetzung zerstörerischer ökonomischer wie gesellschaftlicher Gewalt vor. Kritische, konstruktive und fantasievolle Stimmen lassen erahnen, wohin die Reise gehen könnte und welche Formen eines entsprechenden Zusammenlebens bereits entstehen.

Victoria Lomasko: Under Water, Sketch, 2020. Courtesy die Künstlerin

Tuan Andrew Nguyen: My Ailing Beliefs Can Cure Your Wretched Desires, 2017, Filmstill. Courtesy der Künstler & James Cohan, New York

Die Schau begreift künstlerische Subjektivität und Selbstbestimmtheit als einen Ort, an dem vorstellbar ist, die verhängnisvolle Dialektik des modernen Kapitalismus hinter sich zu lassen und über sie hinauszudenken. Die ethischen, ökologischen und wissenschaftlichen Argumente für ein gerechteres Wirtschafts- system sind zahlreich: Das Prinzip der Wachstumskritik steht beispielhaft für eine ökologisch nachhaltige Weltwirtschaft, in der nicht Profite, sondern Bedürfnisse entscheiden.

Es gilt also, nicht nur CO2 einzusparen, sondern auch Begeisterung für die unendliche Vielfalt des Lebens zu wecken. So will die Schau ein Loblied singen – sie ist eine Hymne auf ein weniger mühseliges und dafür vergnüglicheres Dasein voll gemeinschaftlich genossenem Reichtum und gemeinsamer Freizeit, in der das „gute Leben“ seinen Platz in einer lebenswerten Umwelt findet und alle Lebewesen sich entfalten können.

kunsthallewien.at

8. 3. 2020

mumok: Gelebt – Ingeborg Strobl

März 9, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Clash von Natur und Kultur

Ingeborg Strobl: Keramikobjekte, 1973 –1974 (Detail). mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung Ingeborg Strobl, 2017. © Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Unter der Hülle seiner Zivilisiertheit ist der Mensch immer noch ein Tier. Diese Einsicht hat Ingeborg Strobl nie verlassen. In ihren Collagen, Fotografien, Grafiken, ihrer Kunst am Bau umkreiste die steirische Künstlerin das Verhältnis zwischen der Natur einerseits und dem Menschen und seinen Dingen andererseits, diesen „Clash der Kulturen“, wie sie einmal sagte. In ihren Arbeiten nehmen Natur- und Tiermotive als Spiegelbilder des Gesellschaftlichen eine zentrale Rolle ein.

Auch zeigt sich in ihrem Werk eine Vorliebe für das Randständige, Verborgene, das allzu leicht Übersehene oder Verdrängte sowie eine damit verknüpfte Abneigung gegen Produktions- und Konsumwahn, ihre Beachtung und Wertschätzung des Peripheren und Flüchtigen spiegelt sich ebenso wider. Strobl hat dem mumok ihr Archiv mit zahlreichen Werken und Drucksorten als Schenkung überlassen. Diese Archivalien bilden den Kern der Ausstellung „Gelebt – Ingeborg Strobl“, die ab 6. März zu sehen ist, eine Retrospektive, die noch gemeinsam mit der Künstlerin – vor deren Tod im April 2017 – konzipiert wurde und einen repräsentativen Einblick in ihr umfangreiches Werk gibt.

Am Beginn ihres Oeuvres stehen Buntstiftzeichnungen und darauf basierende Keramiken mit zahlreichen Tiermotiven. Die fragmenthafte und geometrisierende Darstellung des Organischen verweist dabei auf den verschwenderischen Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Reglementierung gesellschaftlicher Freiräume. Damit lieferte Strobl einen eigenständigen kritischen Beitrag zur Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit der 1970er-Jahre, und schuf die Grundlage für die in ihrem weiteren Werk immer wieder auftauchenden Bildpoesien, die für ihre Malereien mit collagierten Bild- und Texteinschüben kennzeichnend sind. Diese sind zum Teil wie tagebuchartige „Notizen“ entstanden und angelegt. Persönliches und Privates verbindet sich darin mit Zeitgeschichtlichem.

Ingeborg Strobl: Pig, 1996. Cover einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Ingeborg Strobl: ungewöhnliches Geschöpf ohne Aggressionstrieb, 2000. Zeitschriftenausschnitt. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung Ingeborg Strobl, 2017. © Bildrecht Wien 2020. Bild: mumok

Ingeborg Strobl: Eat / Horse, 1996. Coverrückseite einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. Bild: Alfred Damm. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Auf ihren Reisen in die Länder des ehemaligen Ostblocks, Asiens und Afrikas hat Strobl ihren Blick auf die Natur mit einer Fokussierung auf soziokulturelle und gesellschaftspolitische Übergangsszenarien verknüpft. Sie hat insbesondere solche Orte aufgesucht, an denen der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. Wenn sich in ihren Fotos und Videos beispielsweise die überwuchernde Natur Zivilisatorisches zurückholt und es zerstört, so bilden sich gerade darin auch geschichtliche Turbulenzen wie etwa der rasante gesellschaftliche Wandel im postkommunistischen Europa ab. Ihre immer wieder sichtbar werdende Hinwendung an Verfall, Tod und Vergänglichkeit – etwa in zahlreichen Friedhofsfotos – ist, fernab jeder Weltflucht, als feinsinnige Auseinandersetzung mit den Lebenden sowie als Interesse am Gegenwärtigen und Kommenden zu werten.

Ingeborg Strobl: Friedhof Warschau, 2013. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung Ingeborg Strobl, 2017. © Bildrecht Wien 2020. Bild: Ingeborg Strobl

Auch in der Produktion und Vermittlung ihrer filmischen Arbeiten umgeht die Künstlerin die Konventionen des Aufwendigen und Exklusiven. Die meisten ihrer Videos sind auf YouTube unter dem Nutzernamen Inga Troger, einem Pseudonym, das die indische Version ihres Vornamens mit dem Mädchennamen ihrer Mutter verknüpft – für jedermann zugänglich. All dies fügt sich zu einem Puzzle, in dem das mit subtiler Poesie und kritischem Esprit erfasste Flüchtige, Fragile und scheinbar Beiläufige als das eigentlich Konstante und Prägnante in ihrem Werk sichtbar wird.

www.mumok.at

4. 3. 2020

Museum NÖ: Der junge Hitler. 1889-1914

Februar 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Keramik „Durch Reinheit zur Einheit“. Aus dem Nachlass Georg Ritter von Schönerer. © Stadtmuseum Zwettl – Sammlung Schönerer

Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassen- hass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet ab 29. Februar die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet vom Mitschüler Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses, jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Die Schau wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet. Am 3. März zum Beispiel ist das Theaterstück „Name: Sophie Scholl“ mit Bettina Kerl in der Hauptrolle als Gastspiel des Landestheater Niederösterreich zu Gast. Am 10. März diskutieren Christian Rapp und Hannes Leidinger mit Ö1-Journalist und Buchautor Martin Haidinger im Zeitzeugen-Forum „Erzählte Geschichte“ über den „Österreicher Hitler“. Und unter dem Titel „Standup-History: Hitler – wie alles begann“ gibt es mit Florian Graf, Christian Rapp und Benedikt Vogl am 4. März einen Abend im Ateliertheater Wien, der am 1. April ins Haus der Geschichte kommt.

www.museumnoe.at           www.landestheater.net           www.ateliertheater.net

29. 2. 2020

Secession: John Akomfrah

Februar 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Meer, Schreckensort von Sklaven und Flüchtlingen

John Akomfrah: Peripeteia, 2012. Single channel HD colour video, © Smoking Dogs Film. Courtesy Smoking Dogs Films and Lisson Gallery

Der Filmemacher und Drehbuchautor John Akomfrah untersucht in seinen atmosphärischen Filmen die Struktur von Erinnerung, die Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten in ihren Diasporen und die historischen, gesellschaft- lichen und politischen Hintergründe des Postkolonialismus. Als Gründungsmitglied des

einflussreichen Black Audio Film Collective arbeitet er bis heute mit seinen Künstlergefährten David Lawson und Lina Gopaul zusammen. Schon früh etablierte er den vielschichtigen visuellen Stil seiner filmischen Essays, für die er Archivmaterial aus verschiedenen historischen Epochen, Texte aus literarischen und klassischen Quellen und neu gefilmte Sequenzen kombiniert und auf poetische Weise ineinander schneidet. Seine filmischen Montagen widersetzen sich dabei stets einer einzelnen Erzählung oder historischen Chronologie. Vielfach bestehen die Videoinstallationen des Künstlers auch aus mehrkanaligen Bildkompositionen, in denen er mittels Gegenüberstellungen und Dialogen zwischen den Bildern und Sounds die unterschiedlichen Momente auslotet.

In der Secession zeigt John Akomfrah nun drei Filminstallationen, die sich thematisch ergänzen: Die Dreikanal-Projektion „Vertigo Sea“ sowie die zwei einfachen Projektionen „Peripeteia“ und „Mnemosyne“. Ein wiederkehrendes und alle drei Filmarbeiten verbindendendes Motiv ist dabei dasWasser. Es fungiert als Gedächtnisspeicher und bezeichnet in seiner unermesslichen Form des Ozeans jenen Ort, an dem die kolonialen Eroberungen und der transatlantische Sklavenhandel ebenso Form annahmen wie heutige Migrationsbewegungen.

John Akomfrah: Peripeteia, 2012. Ausstellungsansicht Secession 2020, Bild: Iris Ranzinger

John Akomfrah: Vertigo Sesa, 2015. Ausstellungsansicht Secession 2020, Bild: Iris Ranzinger

John Akomfrah: Mnemosyne, 2010. Ausstellungsansicht Secession 2020, Bild: Iris Ranzinger

In „Vertigo Sea“ fokussiert der 1957 in Accra in Ghana geborene und in London lebende Künstler zudem den Klimawandel und verhandelt die komplexen Verflechtungen zwischen der Zerstörung der natürlichen Welt durch die Menschheit und deren Selbstzerstörung. Überwältigende Naturaufnahmen bilden den Hintergrund für eine vielschichtige Verschränkung von Geschichte, Fiktion und Philosophie. Die Palette der Bilder umfasst neben gefundenem Material aus dem BBC-Archiv für Naturfilme auch Ausschnitte aus TV-Reportagen über die Walfangindustrie und Flüchtlinge im Mittelmeer.

Sowie neu geschaffene Aufnahmen, die auf der Insel Skye, den Färöer-Inseln und im Norden Norwegens gedreht wurden. Die Montage der Bilder wird abgerundet durch eine Komposition aus Walgesängen, Musik von Streichorchestern, Lärm von Gewehrschüssen und Explosionen und der Lesung literarischer Meisterwerke, die das Meer thematisieren, wie beispielweise Herman Melvilles „Moby Dick“, VirginiaWoolfs „To the Lighthouse“ und Heathcote Williams’ Gedicht „Whale Nation“. Mehrfach ist eine Figur in einer historischen Uniform zu sehen. Sie verkörpert Olaudah Equiano, der als ehemaliger Sklave ein Kämpfer für das Verbot des Sklavenhandels war.

Und der Verfasser einer damals viel rezipierten Autobiographie. Geboren in der Igbo-Region im heutigen Nigeria, wurde er als Zehnjähriger an Sklavenhändler verkauft, nach Amerika verschifft und mehrfach weiterverkauft, bevor es ihm mit Anfang Zwanzig gelang sich freizukaufen. Fortan führte er ein selbstbestimmtes Leben: Er arbeitete auf verschiedenen Handelsschiffen, nahm an einerForschungsreise in die Arktis teil und verbrachte schließlich seinen Lebensabend in England. Akomfrah stellt Equiano einsam und verloren auf das Meer blickend in einer Form dar, die an die romantischen Gemälde von Caspar David Friedrich erinnert.

Durch die vielfache Gegenüberstellung scheinbar unvereinbarer Erzählstränge eröffnet Akomfrah in „Vertigo Sea“ ungeahnte Deutungsmöglichkeiten. Dem Titel der Arbeit entsprechend, verdichten sich die Erzählstränge zu einer Art schwindelerregendem Strudel, in dem die Verflechtungen von geopolitischen Konflikten, die immer noch virulente Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Migration und die Unterwerfung der Natur durch die moderne kapitalistische Gesellschaft auf eine Zeit und Raum übergreifende Art und Weise sichtbar werden.

Die beiden anderen Filme, „Mnemosyne“ und „Peripeteia“, sind Meditationen über das Leben in Diasporen, das Wesen der Erinnerung und auch das Verschwinden in der Geschichte. In „Peripeteia“ nimmt Akomfrah einige der ersten Darstellungen von schwarzen Menschen in der westlichen Kunst wie Albrecht Dürers Charakterstudien „Porträt eines Afrikaners“ und „Porträt von Katharina“ als Ausgangspunkt, um nach dem Schicksal der dargestellten Menschen zu fragen und ihre Geschichten neu zu denken. Gezeigt wird die Wanderung der anonymen Figuren, die durchnässt und verloren durch eine menschenleere Landschaft streifen. Der Film erinnert daran, wie sehr schwarze Identitäten dem Vergessen ausgeliefert sind; ein Umstand, der sich unter anderem auch in der langen Marginalisierung von Bildern von Schwarzen in der Kunstgeschichtsschreibung ablesen lässt.

John Akomfrah: Vertigo Sea, 2015. Three channel HD colour video installation, © Smoking Dogs Films; Courtesy Smoking Dogs Films and Lisson Gallery

„Mnemosyne“ wiederum verhandelt die Geschichten von Nachkriegsimmigranten in Großbritannien. Akomfrah gliedert den Film in neun Kapitel, die er jeweils einer Muse widmet. In der griechischen Mythologie gelten die Musen als Töchter von Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Indem der Künstler Archivmaterial neu zusammen- stellt, fragt er nach dem Wesen der Erinnerung und forciert eine Geschichts- schreibung,

die das persönliche und das kollektive Gedächtnis einbezieht. Das historische Filmmaterial kombiniert er mit Aufnahmen von schwarzen Menschen in verschneiten Landschaften. Ähnlich wie Equiano in „Vertigo Sea“ und die anonymen Figuren in „Peripeteia“ zeigt er sie an Orten, wo man trotz besseren Wissens nicht gewohnt ist sie zu sehen. Akomfrah unterstreicht damit die Erfahrung der Dislokation und den Verlust der Verankerung und verdeutlicht zudem, dass hier westliche Kulturgeschichte neu vermessen und vergegenwärtigt wird.

www.secession.at

23. 2. 2020