Albertina: My Generation. Die Sammlung Jablonka

September 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Frankenstein aus Stofftieren und ein Buddha-Pissoir

Eric Fischl: The Krefeld Project: The Bedroom. Scene 1, 2002. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Eric Fischl / Bildrecht, Wien, 2020

Die Sammlung Jablonka ist eine der profiliertesten Sammlungen zur amerikanischen und deutschen Kunst der 1980er-Jahre. Sie umfasst Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, mit denen Rafael Jablonka jahrelang gearbeitet, deren Werke er gezeigt und gesammelt hat. Dabei war es über Jahrzehnte sein Grundsatz, immer mehrere Werke aus verschiedenen Schaffensphasen zu erwerben. Erstmals in der Albertina gibt der 1952 geborene Kunsthändler, Galerist und Kurator Einblick in die Sammlung.

Ab 2. Oktober und mit dem Fokus auf seine eigene Generation. Nachdem Rafael Jablonka 2017 seine in Köln ansässige Galerie endgültig geschlossen hatte, erhielt die Albertina 2019 die bedeutende Kollektion. In Form von Künstlerräumen gibt die Schau einen repräsentativen Einblick in das jeweilige Œuvre, etwa 110 Werke sind auf zwei Ausstellungsebenen zu sehen: Gemälde, Skulpturen, Installationen, Videos und Arbeiten auf Papier lassen die gesamte mediale und thematische Vielfalt der Sammlung Jablonka erleben. Man muss nun nicht mehr nach Los Angeles oder New York pilgern, um Mike Kelleys Visionen und Installationen der geheimnisumwobenen Stadt Kandor oder seine erschütternden, zu Monstern verknoteten Bündel aus Plüsch- und Stofftieren sehen zu können.

Andreas Slominski: Ohne Titel (Fahrrad). Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Andreas Slominski

Sherrie Levine: Fountain (Buddha), 1996. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Sherrie Levine

Mike Kelley: Frankenstein, 1989, Detail. Albertina, Wien – The Jablonka Collection © Mike Kelley / Bildrecht, Wien, 2020

Auch die Fallen-Objekte von Andreas Slominski zählen zum Spannendsten, das die Kunst unserer Zeit hervorgebracht hat. Eric Fischl konfrontiert uns mit seinen Gemälden mit den Ängsten und Zwängen, mit der dunklen Seite der menschlichen Existenz. Die von Sherrie Levine ironisch „Buddha“ genannte hochglanzpolierte Bronze nach Marcel Duchamps legendärer „Fontaine“/Pissoir ist eine Warnung vor der kommerziellen Verdinglichung ikonischer Kunstwerke.

Vertretene Künstlerinnen und Künstler sind: Miquel Barceló, Ross Bleckner, Francesco Clemente, Richard Deacon, Eric Fischl, Damien Hirst, Roni Horn, Mike Kelley, Sherrie Levine, Cady Noland, Thomas Schütte, Andreas Slominski, Philip Taaffe und Terry Winters.

www.albertina.at

28. 9. 2020

Jüdisches Museum Wien: Hans Kelsen und die Eleganz der österreichischen Bundesverfassung

September 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Alexander Van der Bellen pries ihre „Schönheit“

Hans Kelsen (2. v. r.) als Richter des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, ca. 1925. © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Das Jüdische Museum zeigt, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Bundes- verfassung, ab 1. Oktober eine Ausstellung, die Hans Kelsen, dem „Architekten“ des Bundes-verfassungsgesetzes gewidmet ist. Die Schau im Museum Dorotheergasse erinnert an das Leben Kelsens zwischen Europa und den USA und möchte auch die Erfolgsgeschichte der österreichischen Verfassung stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

2020 wird die österreichische Bundesverfassung 100 Jahre alt. Von Bundespräsident Alexander Van der Bellen für ihre „Eleganz und Schönheit“ gelobt, sind ihre Inhalte aber kaum bekannt und Verfassungspatriotismus, wie ihn etwa die USA kennen, ist in Österreich allenfalls ein Randphänomen. Noch weniger geläufig ist, dass an der Entstehung dieser Verfassung maßgeblich der Jurist Hans Kelsen beteiligt war. 1881 in Prag geboren, wuchs Kelsen in Wien in einer deutschsprachigen jüdischen Familie auf; sein Vater, ein Lusterfabrikant, gestaltete unter anderem die Beleuchtung in Wiener Synagogen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wurde Kelsen von Staatskanzler Karl Renner mit der Arbeit an einer Bundesstaatsverfassung für die junge Republik beauftragt.

Er entwickelte das – später so bezeichnete – österreichische Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit, das weltweit Nachahmung fand. Kelsen, der von 1918 bis 1930 Professor an der Universität Wien war, erlangte vor allem für seine Beiträge zur Rechtstheorie und zur Politischen Theorie internationale Bekanntheit. Für seine innovativen Ansätze wurde er – im zunehmend antisemitischen Klima der Zeit – angefeindet. Bereits 1930 verließ Kelsen Wien, über mehrere Stationen in Europa emigrierte er 1940 schließlich in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1973 lebte. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Rechtsgelehrten des 20. Jahrhunderts.

Hans Kelsen mit seiner Frau Margarete und den Töchtern Anna Renata und Maria Beate, 1916. Reproduktion Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Hans Kelsen. Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Kelsen mit unbekannten Schwimmerinnen, Salzkammergut, ca. 1930. Reproduktion Bild: unbekannt © Provided by and used with permission of Anne Feder Lee, PhD, granddaughter of Hans Kelsen. Hans Kelsen-Institut (Bundesstiftung)

Begleitend zur Ausstellung erdachte sich die Wiener Comic-Zeichnerin Pia Plankensteiner im Auftrag des Jüdischen Museums Wien eine Geschichte, die um das Leben Kelsens und um die Entstehung und Entwicklung der österreichischen Verfassung kreist: In Bild und Text erzählen Kelsens Lieblingsmehlspeisen – Baiser und Schwarzwälder Kirschtorte – aus Kelsens Leben, während eine Zigarre – Kelsen war leidenschaftlicher Zigarrenraucher – die rechtshistorischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge erläutert.

Mit Witz und Ironie erfährt man hier viel über das bewegte Leben Hans Kelsens zwischen Europa und den USA sowie über seine wissenschaftlichen Erfolge und die damit einhergehende weltweite Anerkennung. Man liest aber auch von antisemitischen Vorurteilen, von Entwurzelung, Flucht und zahlreichen unfreiwilligen Neuanfängen. Gleichzeitig informiert diese Graphic Novel – und das nicht weniger unterhaltsam – über das Fundament unseres Staates und unserer Demokratie: die österreichische Bundesverfassung.

www.jmw.at

Faksimile des östereichischen Staatsvertrags. Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs

TIPP: Rund um den Nationalfeiertag am 26. Oktober sollte man sich ein sehenswertes Objekt nicht entgehen lassen: Im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich ist das einzige vollständige Faksimile des Österreichischen Staatsvertrags vom 15. Mai 1955 zu sehen.

www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte

28. 9. 2020

Kunstforum Wien – Gerhard Richter: Landschaft

September 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kuckuckseier“ zur Klimakrise

Gerhard Richter: Venedig (Treppe), 1985. Art Institute of Chicago, Schenkung Edlis Neeson Collection © Gerhard Richter 2020. Bild: bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY

Allen Umständen zum Trotz hat sich das Bank Austria Kunstforum Wien entschlossen, an seinem Ausstellungsprogramm festzuhalten. Nicht zuletzt, weil die langjährig geplante Herbstausstellung einen in Wien ganz besonders seltenen Gast in das Ausstellungshaus auf der Freyung holt: Gerhard Richter, der als der bedeutendste lebende Maler der Welt gilt, zeigt ab 1. Oktober im Kunstforum Wien eine Retrospektive seiner Landschaftsbilder.

Wie kaum ein anderes Sujet hat die Landschaft Richters künstlerisches Interesse gefesselt und ihn immer wieder zu neuen Bildlösungen angetrieben: Die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“ versammelt mehr als 130 Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte von 50 internationalen Leihgeberinnen und Leihgebern. Das Projekt unterstreicht die Wichtigkeit dieses Genres für den deutschen Künstler, der dieses Jahr seinen 88. Geburtstag gefeiert hat. Es ist die bis dato größte Ausstellung weltweit, die ausschließlich Richters Landschaften gewidmet ist – einem Genre, mit dem er sich seit 1963 durchgehend beschäftigt hat. Einige der im Kunstforum ausgestellten Werke sind noch nie öffentlich gezeigt worden.

Richters Gesamtwerk ist unter anderem besonders für seine Heterogenität bekannt, die sich folgerichtig auch in der Bildgattung der Landschaft zeigt: Die Ausstellung gliedert sich in fünf thematische Kapitel, die einzeln, aber auch in ihrer Zusammenschau ein beeindruckendes Panorama von Richters „Arbeit an der Wirklichkeit“ ergeben. Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken sind nicht direkt nach der Natur entstanden, sondern basieren meist auf fotografischen Vorlagen und sind somit „Landschaften aus zweiter Hand“, was sich an der Ausschnitthaftigkeit, an Unschärfeeffekten, mitunter auch an Schrift im Bild erkennen lässt.

Gerhard Richter: Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. Sammlung Peter und Elisabeth Bloch
. Bild: Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Wolke, 1976
. Privatsammlung, als Dauerleihgabe in der Fondation Beyeler, Basel
. Bild: Robert Bayer © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Waldhaus, 2004
 (Detail). Privatsammlung © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Stadtbild PL, 1970 (Detail). Privatsammlung über Neues Museum Nürnberg. Bild: Neues Museum Nürnberg/Anette Kradisch © Gerhard Richter 2020

Landschaften mit tiefgezogenem Horizont und stimmungsvoller Atmosphäre rücken Richter in die Nähe der deutschen Romantik, auf die der Künstler zwar anspielt, aber der gegenüber er sich immer wieder auch kritisch-zweifelnd geäußert hat: Zu malen wie Caspar David Friedrich, so Richter, sei zwar möglich, aber nur ohne sich auf die geistige Tradition des Romantikers beziehen zu können. Als „Kuckuckseier“ bezeichnet Richter demnach jene romantisierenden Bilder, denen in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist. Ein weiterer Raum betont die Wichtigkeit von Richters abstrahierten und abstrakten Landschaften für die Entwicklung seiner Malerei.

Für dieses Kapitel der Schau haben zahlreiche Bilder – unter anderem das monumentale, 6,8 Meter breite Gemälde „St. Gallen“ – erstmals ihre öffentlichen und privaten Sammlungen verlassen. Konstruierte und manipulierte Landschaften – wie etwa Richters Seestücke, für die er oftmals die fotografischen Vorlagen von Wasser- und Himmelsfläche autonom und keinesfalls „wirklichkeitsgetreu“ wie eine Collage zusammensetzt – bilden einen weiteren Höhepunkt. Zahlreiche überarbeitete Landschaften stehen am Ende der Ausstellung: übermalte Fotografien, die der Künstler größtenteils selbst als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, sowie Landschaftsgemälde, deren Realismus Richter mit abstrakten Farbstrukturen relativiert.

Gerhard Richter: Venedig, 1986
. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gerhard Richter 2020

„Gerhard Richter: Landschaft“ bietet vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klimakrise die Möglichkeit zur kontemplativen Auseinandersetzung mit „Natur“. Entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Gerhard Richter in Köln, ermöglicht die Ausstellung eine Begegnung mit Schlüsselwerken des Künstlers und erstmals einen retrospektiven Blick auf ein Genre, das Richter 1981 wie folgt beschrieb: „Wenn die ,Abstrakten Bilder‘ meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht.“

www.kunstforumwien.at

28. 9. 2020

mumok: Andy Warhol Exhibits a glittering alternative

September 18, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei Ausstellungen über die Pop-Art-Ikone

Andy Warhol: Self-Portrait, 1958. Licenced by Bildrecht Wien, 2020

Ab 25. September verschreibt sich das mumok mit zwei Ausstellungen dem Phänomen Andy Warhol. Statt der Präsentation altbekannter Klassiker blickt das mumok mit kaum gezeigten Arbeiten hinter die Fassade der weltberühmten Pop-Art-Ikone und entdeckt Warhols Fähigkeit als bahnbrechender Ausstellungskurator und Installationskünstler neu.

Mit den Ausstellungen „Andy Warhol Exhibits a glittering alternative“ und einer Hommage an Warhols wegweisendes Projekt „Raid The Icebox 1 with Andy Warhol“ gibt das mumok erstmals einen exemplarischen Überblick über die Ausstellungspraxis des Universalkünstlers, ohne dabei dessen Früh- und Spätwerk außer Acht zu lassen. Dieser Querschnitt eröffnet neue Perspektiven auf die vielfältigen,von Warhol eingesetzten Medien und zeigt, dass seine Präsentationsmodi als wesentliche Bestandteile seines Werkes zu verstehen sind.

Die Ausstellung wird demonstrieren, wie Warhol bereits in den 1950er-Jahren mit künstlerischen Strategien auf dem zweidimensionalen Blatt experimentiert und diese in den folgenden drei Jahrzehnten im dreidimensionalen Raum perfektioniert.

So präsentiert sich das Ausstellungsformat in Warhols Oeuvre weniger als finales „Werk“ denn als künstlerisches Medium. Während der traditionelle Werkbegriff einer statischen Auffassung des autonomen Kunstobjekts im Raum entspricht, nähern sich Warhols Einzelausstellungen immer mehr einer raumspezifischen Installation. Die Ausstellung fungiert als temporär isoliertes Modul, das je nach Kontext variiert und den Betrachter als interpretierende Instanz miteinbezieht.Es stellt sich daher nicht die Frage, ob Warhol als Illustrator, Maler, Bildhauer, Filmemacher, Installationskünstler oder Konzeptkünstler auftritt. Entscheidender ist die wechselseitige Beziehung zwischen Produktion und Präsentation.

Warhol geht über das einzelne Bild hinaus – er relativiert es – beschränkt sich nicht auf das Machen und Zeigen, sondern zielt auf eine allumfassende Präsentation ab, die sich von der raumspezifischen Hängung in Serien über den Ausstellungskatalog – der gleichsam selbst zum Werk wird – bis hin zur Eröffnungszeremonie erstreckt. Anstatt daher einen einzelnen Aspekt seines Werkes herauszuarbeiten – wie dies in derVergangenheit nur allzu häufig der Fall war – setzt sich die Ausstellung zum Ziel, mit mehr als 200 Exponaten Warhols modularen und installativen Arbeitsprozess in den Mittelpunkt zu rücken.

Andy Warhol, Michelle Loud: Mick Jagger, ca.1978,1986. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; © Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.1998.1.2680/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Andy Warhol: Blow Job, 1964. 41 minutes at 16 frames per second. © 2019 The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, PA, a museum of Carnegie Institute. All rights reserved. Film still courtesy The Andy Warhol Museum

Andy Warhol: Mario Banana #1, 1964. © 2019 The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, PA, a museum of Carnegie Institute. All rights reserved. Film still courtesy The Andy Warhol Museum

Andy Warhol, Michelle Loud: Unidentified Female, ca.1982,1986 (Detail) © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.1998.1.2687/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Dass Warhol bereits zu Lebzeiten die Präsentation seines Frühwerks – also jener Werke, die vor 1962 entstanden sind – untersagte und deren Wahrnehmung in bewusster Manier steuerte, ist nur Wenigen bekannt. Beginnend mit der „Campbell’s Soup Can“-Schau in der Ferus Gallery 1962 konzentrierten sich die Folgeausstellungen der frühen 1960er-Jahre auf die Präsentation einzelner serieller Themen: „Campbell’s Soup Cans“, „Brillo Boxes“, „Flowers“, „Disasters“ und „Celebrity Portraits“. Andy Warhol kreierte ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Image, das bis zum heutigenTag erfolgreich seine Rezeption prägt. Ein Image, das dringend einer kritischen, zeitgenössischen Perspektive bedarf.

„Andy Warhol Exhibits“ wirft einen Blick hinter das erwähnte öffentliche Image des Künstlers und rückt stattdessen bisher kaum beleuchtete Aspekte von Warhols Universum in den Fokus. So werden zwei Seiten seiner „Doppelpersona“– zum einen eine vielzitierte inszenierte, zum anderen eine von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene, versteckte Persönlichkeit – auf zwei Ebenen des mumok einander gegenübergestellt. Die Eingangsebene beschäftigt sich mit Warhols kuratorischen Intentionen und vorherrschenden Motiven/Abstraktionen der 1950er-Jahre.

Andy Warhol: Cow Wallpaper [Pink on Yellow],1966, Reprint1994.© The Andy Warhol Museum, Pittsburgh IA1994.7/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Andy Warhol: In the Bottom of My Garden, ca. 1956 Künstlerbuch. 2013 Udo und Anette Brandhorst Stiftung. Foto: Haydar Koyupinar Courtesy Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Museum Brandhorst München © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./Licensed by Bildrecht, Wien, 2020

Andy Warhol: Police Car, 1983. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc., Bildrecht Wien1998.1.285/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Andy Warhol: Fish, 1983. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.1998.1.280/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Gezeigt werden „Blotted Line“-Drucke und Zeichnungen, die den männlichen Körper, Drag sowie homoerotische Symbole und Gesten thematisieren – ein Themenkomplex, der den Künstler bis an sein Lebensende beschäftigen sollte. Die Spannweite reicht von Werken aus Warhols erster Ausstellung „Fifteen Drawings Based on the Writings of Truman Capote“ aus dem Jahr 1952 über bisher noch nie gezeigte marmorierte Papierskulpturen von 1954 bis hin zu kaum gezeigten Drag-Zeichnungen und Buchprojekten wie „In the Bottom of My Garden“ aus dem Jahr 1958.

Die ausgewählten Arbeiten verdeutlichen Warhols frühe Beschäftigung mit ikonografisch klar definierten Serien – insbesondere sein Interesse an Varianten der Geschlechterperformance – sowie die Entwicklung einer spezifischen Motivsprache, die in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder aufs Neue erscheint. So lässt sich Andy Warhols Frühwerk nicht mehr als rein „kommerziell“abstempeln. Die zweite Ebene stellt Warhols Ausstellungsmodi der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre mit Schwerpunkt auf die Präsentation einzelner Werkserien in den Mittelpunkt. Thematisiert wird die enge Verwobenheit von Werk und Präsentationsmodus.

Defrosting The Icebox

Die Ausstellung „Raid The Icebox 1 with Andy Warhol“ stellt eines der frühesten Beispiele für eine von einem Künstler kuratierte Sammlungsausstellung dar. Warhol arbeitete dafür mit den Beständen des Museum of Art der Rhode Island School of Design und konzipierte eine Wanderausstellung, die am 29. Oktober 1969 am Institute for the Arts an der Rice University in Houston eröffnete, am 17. Jänner 1970 am Isaac Delgado Museum in New Orleans ihre Fortsetzung fand und schließlich am 23. April 1970 wieder an ihrem Ursprungsort,im Museum of Art der Rhode Island School of Design in Providence ankam.

Die von Warhol kuratierte Ausstellung zeigte keine eigenen Werke des Künstlers, entwickelte aber wegweisende Präsentationsstrategien, die mit traditionellen Museumsstandards brachen: Anstatt die bildenden Künste zu priorisieren, stellte Warhol die angewandten Künste aus. Anstatt ein Klassifizierungssystem nach Chronologie, Medium oder Stil anzuwenden, präsentierte er die Objekte in ahistorischer und unhierarchischer Form. Das Depot wurde zur Ausstellung, fast schonVergessenes rückte in den Mittelpunkt. Warhols kuratorischen Prinzipien folgend, nimmt das mumok diese Ausstellung zum Anlass, um jene ungewöhnlichen Präsentationsstrategien an eine so bedeutende historische Sammlung wie jener des Kunsthistorischen Museums Wien anzuwenden.

Installation view of Raid the Icebox in NOMA’s Great Hall, 1969-1970, Image courtesy of the New Orleans Museum of Art. Photography by Stuart Lynn

Raid the Icebox 1 with Andy Warhol, April 23 –June 30, 1970, Museum of Art, RodeIsland School of Design, Providence, RI

Raid the Icebox 1 with Andy Warhol, April 23 –June 30, 1970, Museum of Art, RodeIsland School of Design, Providence, RI

Ein Ausstellungsformat, das nicht nur an vergangene Sammlungspräsentationen des mumok anschließt (zum Beispiel „Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung“, 2017, oder „Always, Always, Others“,2016), sondern ebenso einen Kerngedanken des Sammlerpaars Ludwig aufgreift, das, anstatt Werke statisch zu präsentieren, den ständigen Wechsel der Sammlungsbestände bevorzugte und somit einen eindeutigen Bruch mit der Tradition vollzog.

Ganz nach Warhols Motto „den Kühlschrank plündern“ werden die Exponate aus den Depots der Antikensammlung und des Weltmuseum Wien eine gesamte Ebene des mumok einnehmen. In Anlehnung an Warhols untypische Werkliste – er stellte unter anderem zwei Vasen, sieben Decken, neun Körbe, zehnHutboxen, elf Schüsseln, zwölf Skulpturen, zwölf Tapeten, 17 Stühle, 57 Regenschirme und 194 Paar Schuhe aus – liegt der Fokus auf ausgewählten Werken der Sammlung des Weltmuseums – Warhol war ein fanatischer „American Folk Art“-Sammler – sowie auf griechischen und römischen Skulpturenfragmenten der Antikensammlung.

www.mumok.at

18. 9. 2020

Kunst Haus Wien: Nach uns die Sintflut

September 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klimakatastrophe in Wort und Bild

Solmaz Daryani, aus der Serie: The Eyes of Earth (The Death of Lake Urmia), seit 2014. © Solmaz Daryani: „This ship was built in 1996 and was grounded with a significant decrease in the water of Lake Urmia, four kilometers from the shore of the Lake Urmia port.“

Schwindende Gletscher und Polkappen, steigende Meeresspiegel und versteppte Landflächen: die Folgen der Klimakrise sind längst sichtbar. „Nach uns die Sintflut“ heißt die große Herbstausstellung des Kunst Haus Wien, die ab 16. September mit den Mitteln der Kunst die Dringlichkeit des Themas aufzeigt. 21 österreichische und internationale Künstlerinnen und Künstler veranschaulichen durch Fotografie und Video die ökologischen Auswirkungen unseres wachstumsorientierten Wirtschaftssystems.

Die Werke aus den vergangenen zehn Jahren sind oft in intensiver Recherche und in Zusammenarbeit mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftlern entstanden. Sie geben den abstrakten Prozessen und komplexen Zusammenhängen der Klimakrise eine visuelle Form und berühren auf emotionaler Ebene. Die Ausstellung steht programmatisch für die Anliegen und Schwerpunkte, die das Kunst Haus Wien als Grünes Museum verfolgt: Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen sowie künstlerische Fotografie.

Anastasia Samoylova, Pink Sidewalk, 2017, aus der Serie: FloodZone, seit 2016. © Anastasia Samoylova, Courtesy: Anastasia Samoylova & Galerie Caroline O’Breen, Amsterdam

Genoveva Kriechbaum: The World / The Heart of Europe, 2018. © Genoveva Kriechbaum, Bildrecht, Wien, 2020

Anastasia Samoylova: Roots, 2018, aus der Serie FloodZone, seit 2016. © Anastasia Samoylova, Courtesy: Anastasia Samoylova & Galerie Caroline O’Breen, Amsterdam

„Nach uns die Sintflut“ zeigt die Schönheit der Natur genauso wie durch Dürre, Flut oder Bautätigkeit zerstörte Landstriche und Regionen. Der alpine Bereich ist von der Klimaerwärmung besonders betroffen. Exemplarisch dafür steht Axel Braun, der anhand von historischen Aufnahmen das erschreckende Schwinden der Pasterze dokumentiert. Michael Goldgruber hat für die Ausstellung eine neue Arbeit produziert, die die Veränderung der hochalpinen Landschaft in den Ötztaler Alpen in Tirol zum Inhalt hat. Douglas Mandry hält in seiner Serie „Monuments“ den Prozess des Verschwindens von Gletschereis auf weißer Folie, die zum Abdecken der Gletscher verwendet wird, in den Schweizer Alpen fest.

Die aus den Niederlanden stammende Anouk Kruithof reiht in ihrer Videoarbeit „Ice Cry Baby“ Aufnahmen einstürzender Gletscher aus aller Welt aneinander und unterlegt die Bilder mit dem Sound des brechenden und fließenden Eises. Permafrost als Klimaindikator thematisiert Benedikt Partenheimer in seiner Fotoserie „Memories of the Future“. Dabei mahnt er vor den fatalen globalen Folgen des drohenden Auftauens der gefrorenen Böden in Alaska. Verena Dengler präsentiert Fotografien und Aquarelle von ihrem Aufenthalt in Spitzbergen 2018: Stillgelegte Kohleminen und durch die Gletscherschmelze freigelegte Felslandschaften zeichnen ein aktuelles Bild der Einflüsse der Klimaerwärmung und brachliegender Kohleminen. Der Fotograf Sarker Protick widmet sich der Erosion der Flussufer des Ganges in seinem Heimatland Bangladesch.

Justin Brice Guariglia reflektiert mit seiner Arbeit das Anthropozän, die gegenwärtige geologische Epoche, in der menschliche Aktivitäten den dominierenden Einfluss auf Klima und Umwelt ausüben. Dafür arbeitet er etwa mit der NASA-Mission Oceans Melting Greenland zusammen, die untersucht, wie groß der Einfluss der Erwärmung der Ozeane auf die grönländische Eisschmelze ist. Auf die Verantwortung des Menschen für sein Tun spielen Nicole Six & Paul Petritsch in ihrer Videoarbeit „Räumliche Maßnahmen (1)“ an, in der man eine Person beobachten kann, die mit einer Hacke auf die Eisoberflache einschlägt, auf der sie steht.  Christina Seely spielt in einer Zweikanal-Videoinstallation auf den weltweiten Zusammenhang der Ökosysteme an, indem sie Aufnahmen des panamaischen Regenwaldes dem Grönländischen Eisschild gegenüberstellt.

Sarker Protick, aus der Serie: Of River and Lost Lands, 2011-2018. © Sarker Protick

Benoit Aquin, Berger à Wuwei, 2006, aus der Serie: The Chinese Dust Bowl, 2006-2009. © Benoit Aquin

B. Partenheimer: Methane experiment, Alaska 2017, Serie: Memories of the Future. © B. Partenheimer, Bildrecht Wien 2020

Nicole Six & Paul Petritsch: Räumliche Maßnahme (1), 2002. © Nicole Six & Paul Petritsch, Bildrecht, Wien, 2020

Der Ausstellungstitel „Nach uns die Sintflut“ ist dem ersten Band „Das Kapital“ von Karl Marx entnommen – „Aprés moi le déluge! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation“. Bereits vor 150 Jahren hat er die menschliche Intervention als faktische Umweltzerstörung erkannt und die Gleichgültigkeit darüber festgehalten. Er kritisiert ein Verhalten, das nur auf den eigenen, kurzfristigen Profit bedacht ist und die systemischen Zusammenhänge sowie dramatischen Folgen auf das gesamte Ökosystem ignoriert. Das Streben nach immer weiterem Wachstum entzieht der Menschheit ihre Lebensgrundlage. Die drastischen Auswirkungen des Eingreifens in die Natur sind auch an der aktuellen #Covid-19-Krise ablesbar.

Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitprogramm geplant: eine Diskussionsreihe in Kooperation mit Fridays for Future zu umweltrelevanten Themen sowie Reading Classes zu Karl Marx mit Lukas Egger von der Uni Wien.

www.kunsthauswien.com

7. 9. 2020