Leopold Museum: Carl Spitzweg – Erwin Wurm

März 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Ironie gegen den Zeitgeist der Epoche

Erwin Wurm: Take your most loved philosophers , 2002. Bild: Studio Erwin Wurm, Kiasma – Museum of Contemporary Art, Helsinki © Bildrecht, Wien, 2016

Carl Spitzweg: Der Bücherwurm, 1850. Bild: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Etwas mehr als 130 Jahre nach seinem Tod präsentiert das Leopold Museum die erste umfassende Ausstellung des deutschen Malers Carl Spitzweg in Österreich, dessen Werk gemeinhin in engem Konnex mit den mit der Epoche des Biedermeier verbundenen Definitionen von Beschaulichkeit, kleinbürgerliche Idylle und Spießbürgertum gesehen wird. Um dieses Bild zurechtzurücken und die Rezeptionsweise zu erweitern, fokussiert ab 25. März die Ausstellung „Carl Spitzweg – Erwin Wurm: Köstlich! Köstlich?“– nicht zuletzt unter Einbezug historischer, sozialer und politischer Implikationen – explizit auf das gesellschafts- und zeitkritische Werk Carl Spitzwegs. Sie stellt seine mit sanfter Ironie vorgetragene, aber unzweifelhafte Kritik am oftmals scheinheiligen Klerus, der korrupten Legislative wie der gelangweilten Exekutive oder dem saturierten Bürger- und Beamtentum in den Mittelpunkt.

Zwar war Spitzweg kein Vertreter einer aktiven Partizipation in Bezug auf politische Auseinandersetzungen, aber ein distanzierter, manchmal bissiger Kommentator, der – wie die rund 100 präsentierten Exponate deutliche machen –, die Brüche und Konflikte seiner Zeit als aufmerksamer Beobachter künstlerisch dokumentierte. Insofern serviert Spitzweg mit heiterer Gelassenheit mittels seiner kritisch-analytischen Bildwerke einen anderen „Geist“ dieser Epoche. Gleichzeitig erschließt die Auseinandersetzung mit Carl Spitzwegs Werk die Aktualität seiner Themen, die sich in der „Generation Biedermeier“ des 21. Jahrhunderts wiederfinden und durch präzise gesetzte Interventionen von Erwin Wurm verdeutlicht werden.

Carl Spitzweg: Sennerin und Mönch,1838. Bild: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Erwin Wurm: 4 Landed Gentry (Hermés), 2008. Privatsammlung. Bild: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2016

Ähnlich der Spitzwegschen Manier weist auch Wurms Werk vielfältige Facetten der Poesie und Idylle, des Humors und der (Selbst-)Ironie auf und ist gespickt mit politischen und kulturanalytischen Anspielungen. Beide Œuvres verbindet – so zeigt die Ausstellung auf – ein kritisch-reflektierter Humor, der als Waffe eingesetzt, den Alltag aus anderer Perspektive zeigt und damit vielschichtige Dimensionen evoziert.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 19. 3. 2017

Belvedere: Alfred Wickenburg

März 11, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grazer Ausnahmekünstler in den Fokus gerückt

Alfred Wickenburg: Selbstbildnis in persischer Tracht, 1920. LENTOS Kunstmuseum Linz, Bild: Reinhard Haider

In seiner Ausstellungsserie „Meisterwerke im Fokus“, die zweimal jährlich einen österreichischen Künstler in den Mittelpunkt rückt, zeigt das Belvedere ab 17. März unter dem Titel „Visionen in Farbe und Form“ Arbeiten des Grazer Malers Alfred Wickenburg. Wickenburg wurde 1885 in Bad Gleichenberg in der Steiermark in eine adelige Familie geboren. Er wuchs in einem kultivierten und kunstinteressierten Umfeld auf. Bereits die Wahl seines künstlerischen Ausbildungswegs verweist auf eine aufgeschlossene, den internationalen zeitgenössischen Kunstströmungen unvoreingenommen gegenüberstehende, äußerst interessierte Persönlichkeit.

Mit 19 Jahren ging Wickenburg nach München. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Dachauer Künstlerkolonie folgten vier Jahre in Paris, wo er an der Académie Julian bei Jean-Paul Laurens studierte. Von 1910 bis 1914 besuchte er an der Stuttgarter Akademie neben Oskar Schlemmer und Willi Baumeister  die Meisterklasse von Adolf Hölzel.

Nach dem Ersten Weltkrieg folgten Studienaufenthalte in Rom, Florenz und Venedig, bevor Wickenburg 1923 wieder in die Steiermark zurückkehrte – um zahlreiche Eindrücke und die Schulung und Wissenserweiterung durch hervorragende Lehrer reicher. Expressionistische, fauvistische, kubistische und futuristische Einflüsse machen sich in seinen meist farbintensiven und großformatigen Werken bemerkbar. Auch Gestaltungsprinzipien der Pittura metafisica oder des Surrealismus finden Eingang in seine Arbeiten, wobei er aus sämtlichen stilistischen Einflüssen seine individuellen und eigenständigen Konsequenzen zieht. Die zunehmende Reduzierung auf das Wesentliche des Dargestellten und eine ausgewogene Balance des Zusammenspiels von Linie, Form und Farbe bilden die Hauptelemente im Schaffen Wickenburgs, der über viele Jahre als Zeichenlehrer und Leiter der Abteilung für Freskomalerei an der Bundesgewerbeschule Graz tätig war.

Alfred Wickenburg: Das Paradies, 1919. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Alfred Wickenburg, Römisches Liebespaar, 1921. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Bis ins hohe Alter von 93 Jahren blieb der Mitbegründer der Grazer Secession künstlerisch aktiv. Zahlreiche Preise und Ehrungen sowie eine intensive Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland, darunter die Teilnahme an der Biennale in Venedig in den Jahren 1934, 1936, 1950 und 1958, begleiteten seine langjährige künstlerische Laufbahn.

Alfred Wickenburg, Rinaldo und Armida, 1923. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Alfred Wickenburg, Bei der Wahrsagerin, 1973. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Seit 2014 wird am Institut für die Erstellung von Werkverzeichnissen des Belvedere mit Unterstützung der Familie Wickenburg an der Aufarbeitung des umfangreichen Œuvres des Künstlers gearbeitet. Das Gesamtverzeichnis wird zum Zeitpunkt der „Fokus“- Ausstellung vorliegen und digital zugänglich sein. Die Schau im Oberen Belvedere möchte durch ausgewählte Beispiele die künstlerischen Einflüsse und Entwicklungen im Werk Wickenburgs exemplarisch aufzeigen. Neben dem noch unterrepräsentierten Spätwerk sollen auch die Glasarbeiten im Ansatz thematisiert werden, mit denen sich Wickenburg in den 1960er-Jahren intensiv beschäftigte. Darüber hinaus beheimatet das Belvedere einen großen Bestand von Archivalien des Künstlers, die neue spannende Erkenntnisse zum Schaffen dieses österreichischen Ausnahmekünstlers versprechen.

www.belvedere.at

Wien, 11. 3. 2017

Albertina: Acting for the Camera

März 5, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Selbstinszenierung und das Objektiv

Rudolf Koppitz: Bewegungsstudie, 1926. Bild: Albertina, Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr-und Versuchsanstalt, Wien

Intim, spannungsvoll und faszinierend ist der Moment, wenn Fotograf und Modell aufeinandertreffen. Zwischen Inszenierung und Selbstdarstellung pendelnd, ist ihre Zusammenarbeit geprägt von einem kreativen Dialog. Mit etwa 100 Meisterwerken untersucht ab 10. März die dritte Präsentation der Fotosammlung der Albertina unter dem Titel „Acting for the Camera“ die vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen vor und hinter der Kamera.

In thematische Kapitel gegliedert, beschäftigt sich die Schau mit dem expressiven Künstlergehabe für die Kamera, der Arbeit mit anonymen Modellen in wissenschaftlichen Projekten, mit Fotografie als Vorlage für Malerei sowie mit der Selbstinszenierung von Fotografinnen und Fotografen. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Trude Fleischmann, Rudolf Koppitz, Will McBride, Cora Pongracz, Anton Josef Trcka und Erwin Wurm.

Will McBride: Romy in Paris, 1964. Bild: Albertina, Wien

Anton Josef Trcka: Egon Schiele, 1914. Bild: Albertina, Wien

www.albertina.at

Wien, 5. 5. 2017

Winterpalais: Vulgär? Fashion Redefined

Februar 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

The Vulgar: Fashion Redefined, John Galliano for Christian Dior, Crown created by Stephen Jones. Bild: © Guy Marineau, Autumn/Winter 2005–2006, Haute Couture

The Vulgar: Fashion Redefined, Pam Hogg, Cape, shorts and headdress, ‘Diamond Dogs and Demons’ Collection. Bild: mit freundlicher Genehmigung von SimonArmstrong.com, Autumn/Winter 2015–2016, Ready-to-wear

The Vulgar: Fashion Redefined, Jeremy Scott for Moschino. Bild: Courtesy Moschino Dress, Autumn/Winter 2014 2015, Ready-to-wear

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ab 3. März befasst sich die Ausstellung „Vulgär? Fashion Redefined“ im Winterpalais mit dem Thema Geschmack in der Mode. Zu sehen sind Objekte von der Renaissance bis zum 21. Jahrhundert, von opulenten Roben und zum berühmten Hauch von Nichts. Zitate von Menschen so unterschiedlich wie Coco Chanel und Jonathan Swift untermauern die unterschwellige These der Gestalter der Schau: Über Geschmack lässt sich zwar diskutieren, aber nicht streiten, denn was guter ist bleibt letztlich Anschauungsssache.

Ausgangspunkt der von Kuratorin Judith Clark und Psychoanalytiker Adam Phillips konzipierten Ausstellung sind daher Definitionen des Begriffs „vulgär“. Anhand verschiedener Kategorien, so zum Beispiel in der Darstellung des Verhältnisses von Mode zum menschlichen Körper, zeigt sich, dass Facetten des Vulgären immer auch ein Teil von Fashion sind. Historischer Kleidung, Couture und Konfektion werden Stoffmuster, Handschriften, Fotografien und Filme beigestellt. So wird die Schnelllebigkeit von Geschmack demonstriert.

Modeschöpfer machen ehemals als vulgär Empfundenes salonfähig und kreieren als vulgär empfundene Neuschöpfungen aus ehemals Salonfähigem. Die Ausstellung, die zuvor im Londoner Barbican Center zu sehen war, zeigt Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen aus aller Welt, und Beiträge von Designern und Modehäusern wie Christian Dior, Jeanne Lanvin, Christian Lacroix, Louis Vuitton und Vivienne Westwood. Zur Schau erscheint im Verlag König ein Buch mit Modefotos und Interviews mit ihren Schöpfern.

www.winterpalais.at

Wien, 25. 2. 2017

Albertina: Egon Schiele

Februar 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Werkschau zum 100. Todestag

Egon Schiele: Aktselbstbildnis, 1916. Bild: Albertina, Wien

Als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 zeigt die Albertina bereits ab 22. Februar eine umfassende Ausstellung über Egon Schiele. 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, das sein großes Thema in der existenziellen Einsamkeit des Menschen findet und in drastischem Gegensatz zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft des Fin de Siècle steht.

Während Schiele üblicherweise als Teil der künstlerischen und geistigen Elite der Wiener Jahrhundertwende von Mahler bis Schnitzler, von Freud bis Kraus, von Altenberg bis Hofmannsthal betrachtet wird, folgt die Inszenierung in der Albertina einem anderen Prinzip: Große, im Raum schwebende Fotografien konfrontieren das radikale Œuvre des Künstlers mit der Realität seiner Umwelt. Sie bilden einen Hintergrund, der die Fallhöhe zwischen dieser und dem Schaffen Schieles verdeutlicht.

Egon Schiele ist der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts; im Gegensatz zu Künstlerkollegen wie beispielsweise Klimt, dem Zeichnungen nur als Skizzen für seine Gemälde dienten, betrachtete er seine Arbeit auf Papier immer als eigenständige Kunstwerke. Als kaum Zwanzigjähriger findet er zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil und beschreitet mit diesem neue Wege. Mit sicherer, kräftiger Linienführung erfasst er seinen Bildgegenstand, der meist der menschliche Körper ist. Einerseits charakterisiert er ihn durch treffsichere Konturierung, andererseits verfremdet er ihn durch gewagte Perspektiven und überspitzte Gestik und Mimik. Der Zeichner Schiele ist dem Maler Schiele bald überlegen, er wird in weiterer Folge zum Vorbild einer nachfolgenden Künstlergeneration.

Schieles Darstellungen ausgezehrter Körper zeigen eine damals wie heute radikale Ästhetik des Hässlichen. Er hebt die Gegensätze zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, dem Normalen und dem Pathologischen auf. Seine Protagonistinnen und Protagonisten stehen symbolhaft für die Entfremdung des Menschen von der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche. Sie verkörpern eine Allegorie der Heimatlosigkeit des modernen Individuums – das Ablegen falscher Scham wird dabei als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip.

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911. Bild: Ernst Ploil, Wien

Um einen neuen Zugang zur Entschlüsselung des oft so rätselhaft-allegorischen Werks zu finden, veranschaulicht die Schau in der Albertina die vielfältigen Inspirationsquellen des Künstlers. Erstmals wird eine bisher kaum behandelte Bildgruppe intensiv beleuchtet: Die sogenannten „Allegorischen Werke“. Neue Forschungen haben ergeben, dass Schiele sich in diesen Bildern mit dem Armutsideal von Franz von Assisi und den „Spiritualen“ des 13. Jahrhunderts auseinandersetzt. Die Anhänger dieser Bewegung sollten entbehrungsreiche Armut mit seelsorgerischer Tätigkeit vereinen. Zwischen 1912 und 1918 schuf Egon Schiele eine Reihe von Werken, die Männer in ärmlichem Gewand zeigen, mit pathetischen Titeln wie „Erlösung“, „Andacht“ oder „Die Wahrheit wurde enthüllt“.

Mit der motivischen wie inhaltlichen Anlehnung an das Armutsideal von Franz von Assisi hebt sich der junge Künstler einmal mehr vom Materialismus ab, den die Elite des Wiener Fin de Siècle um Gustav Klimt und die Wiener Werkstätte repräsentiert. Schieles Kunst ist dabei allerdings nicht das Abbild seiner persönlichen Befindlichkeit, sondern erhebt vielmehr einen hohen moralischen Anspruch: Schiele erweist sich nicht nur als Künstler von größtmöglicher Freiheit und ästhetischer Autonomie, sondern zugleich auch als Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität.

Im Kontext von seinen hohen Moralvorstellungen ist auch die berühmte V-Geste, die erstmals in seinem Selbstbildnis mit Pfauenweste zu sehen ist, zu deuten. Das Handzeichen zitiert das berühmte byzantinische Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Konstantinopel. Nicht nur in dieser Geste, auch im Lichtkranz, der den Kopf des Künstlers heiligt, inszeniert sich Egon Schiele performativ als Auserwählter von hohem Rang. Die wirre Frisur und der Blick von oben herab lässt das selbstbewusste Genie erkennen, das der Welt das Heil bringt: ein verweltlichter Christus als Herrscher, ein Künstler als Schöpfer und Messias.

Egon Schiele: Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt, 1917. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Weibliches Liebespaar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Trotz seines kurzen Lebens von 1890 bis 1918 und einer kaum mehr als zehn Jahre währenden Phase künstlerischen Schaffens hinterlässt der Künstler ein umfangreiches Werk. Es umfasst, seine Skizzenbücher nicht mitgerechnet, über 330 Gemälde und über 2.500 Zeichnungen. Die Albertina besitzt zahlreiche Werke aus jeder Phase des jung verstorbenen Genies.Die hauseigenen Bestände bilden nun den Ausgangspunkt der Ausstellung, die um einzelne, bedeutende Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen und Museen ergänzt wird. So richtet die Schau einen einzigartigen Blick auf die künstlerische Entwicklung Egon Schieles, die sein plötzlicher Tod im Alter von nur 28 Jahren so jäh beenden sollte.

www.albertina.at

Wien, 19. 2. 2017