Belvedere: Stella Rollig und Wolfgang Bergmann präsentieren ihre Pläne

Mai 23, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Museum neu denken. Museum neu erleben“

Stella Rollig, die neue Generaldirektorin des Belvedere, und der Wirtschaftliche Geschäftsführer Wolfgang Bergmann stellten ihre Pläne vor. Bild: Ingo Pertramer, © Belvedere Wien

Unter dem Titel „Museum neu denken. Museum neu erleben“ präsentiert die neue Doppelspitze des Belvedere, Stella Rollig und Wolfgang Bergmann, am Dienstagvormittag ihre Vision für die Zukunft des Museums. Die häufigste Frage an Museumsverantwortliche ist, wie viele Menschen ein Museum besuchen. Diese Frage ist berechtigt. Ich plädiere dennoch für einen Wechsel des Denkmusters. Wir müssen uns fragen: Wie gehen die Menschen aus dem Museum wieder hinaus, was nehmen sie von ihrem Besuch mit?“, so umreißt Rollig, neue künstlerische Direktorin des Belvedere, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis.

Für sie ist das Museum ein „Kraftort“, der dazu einladen soll, innezuhalten und in Dialog mit der Kunst zu treten. Die Besucher sollen mehr Zeit im Haus verbringen, hier zur Ruhe kommen und Wissen und Erfahrungen mitnehmen, die kein Reiseführer und kein anderes Medium bieten können.

Dazu will man auch eine „Vermittlungsoffensive“ starten, die sowohl „das digitale Belvedere“ als auch die Forschung im hauseigenen Research Center betrifft. Dieses soll „zum Player in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft“ ausgebaut werden, in dem man vernetzte Forschungsprojekte konzipiert und realisiert. Diesbezüglich wird es personelle Neubesetzungen geben, die Ausschreibungen laufen. Rollig kündigt eine Neukonzeption und Neuhängung der Sammlung im Oberen Belvedere an, das künftig als mehr denn als „Tourismusort“ funktionieren soll. Sie will hier neue Schwerpunkte setzen, mit Themensetzungen die chronologische Führung unterbrechen und so neue Abläufe schaffen – „eine Aufforderung an die Wienerinnen und Wiener öfter zu kommen.“

Im Unteren Belvedere und in der Orangerie werden weiterhin Wechselausstellungen präsentiert, wobei Rollig eine Schärfung der Epochenzuteilung ankündigt. Von der zeitlichen Spannweite werden die Ausstellungen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reichen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf dem Werk und der Zeit von Gustav Klimt liegen, eine Verpflichtung für die weltweit größte und berühmteste Gustav-Klimt-Gemäldesammlung. 2018 wird es eine Sonderausstellung anlässlich Klimts 100. Todestag geben, die den Fokus auf dessen Nachwirken und den Aufbruch der Künstler der Donaumonarchie in die Moderne zeigen soll.

Das 21er Haus soll zum „Heimathafen“ der Wiener Kunstszene werden, in dem österreichische Kunst seit den 1960er-Jahren im internationalen Kontext gezeigt und das Schaffen der „Jungen Szene“ vorgestellt wird. Man will sich als Hotspot inmitten des neugeschaffenen Stadtentwicklungsgebiets, als „Kunstnahversorger“ präsentieren. Eine der schönsten Ideen des neuen Führungsduos dazu ist die Öffnung des Skulpturengartens für Gastronomie, wenn möglich bei freiem Eintritt über den Schweizergarten. Bergmann, neuer Wirtschaftlicher Geschäftsführer des Belvederes, erklärt: „Wir denken daran, einen Übergang von Freizeit zu Kultur zu etablieren, mit Live-Art und Sound-Art, sozusagen einen Ort für ein After-Work-Bier.“ Im Pavillon selbst werden flexibel bespielbare, großzügige Räume  geschaffen. Das Obergeschoß wird auf seine ursprüngliche, offene Form zurückgeführt. Als längerfristige Perspektive wird die Schaffung eines neuen Ausstellungsraums im Tiefgeschoss angestrebt.

Auch im Belvedere setzt Bergmann darauf, das Gesamtensemble, also Museum und Parkanlagen, in den Museumsbesuch einzubeziehen. Bereits diesen Sommer soll es erste Programme im Kammergarten geben, wie beispielsweise „Kunst & Freiluftkino“ oder „Kunst & Picknick“. Man will hier auch einen Bar- und Loungebetrieb testen. Eine stärkere Neuausrichtung auf die Interessen der Besucher zeigt sich auch in der Aufhebung des allgemeinen Fotografie-Verbots. „Natürlich ohne Blitz und Stativ“, so Rollig, „aber man kann ja mit dem Handy heute schon sehr einfach sehr schöne Fotos machen.“ Und Bergmann ergänzt: „Wir freuen uns, wenn die Besucher ihre Fotos von hier in den sozialen Medien posten, die zeigen, dass sie Spaß hatten und sich wohlgefühlt haben. Eine bessere Werbung gibt es gar nicht.“

www.belvedere.at

Wien, 23. 5. 2017

Weltmuseum Wien: André Hellers Eröffnungsfest

Mai 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Tag der offenen Tür am 25./26. Oktober

Der Orient vor der Haustüre. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Nach drei Jahren Umbau ist es demnächst soweit: Das neu gestaltete Weltmuseum Wien wird am 25. Oktober mit einer neuen Schausammlung und mehreren Sonderausstellungen wiedereröffnet. Das wird gefeiert – mit einem sinnlichen Kaleidoskop aus theatralischen und musikalischen Splittern unterschiedlicher Kulturen auf einer Open-Air-Bühne am Heldenplatz unter der künstlerischen Leitung von André Heller.

Nach der Show und am 26. Oktober kann man das neue Museum mit seinen weltberühmten Objekten bei freiem Eintritt besichtigen.

Das neue Weltmuseum versteht sich als Ort, der Menschen und Kulturen auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit der kulturellen Vielfalt der Menschheit zu befassen und mit seinen weltumspannenden Sammlungen Österreichs reichhaltige historische Beziehungen zur Welt zu dokumentieren. Die Bedeutung des Hauses hat Universalkünstler André Heller dazu inspiriert, das Bühnenfest für die große Wiedereröffnung zu konzipieren. Gemeinsam mit internationalen Künstlern wird er am Abend des 25. Oktobers auf einer Bühne am Heldenplatz ein Zeichen für Toleranz, Respekt und Miteinander setzen. Die Öffentlichkeit wird bei freiem Eintritt zahlreiche Auftritte herausragender Künstler, die zum Teil erstmals in Österreich zu sehen sind, erleben können. Nach der Eröffnungsfeier wird das Weltmuseum Wien zugänglich sein. Bei freiem Eintritt können Besucher bis ein Uhr nachts das neue Museum erkunden. Diese Möglichkeit besteht außerdem am Nationalfeiertag von 13 bis 21 Uhr.

„Wir freuen uns außerordentlich über zwei Dinge: Einerseits, dass wir heute endlich das offizielle Eröffnungsdatum bekanntgeben konnten, auf das wir in den vergangenen Jahren hingearbeitet haben. Andererseits, dass uns ein so großartiger und weltbekannter Künstler wie André Heller das schönste Geschenk zur Wiedereröffnung macht, indem er sich bereiterklärt hat, unsere Bühnenshow zu kuratieren. Das ist eine große Ehre und macht uns sehr stolz“, so Direktor Steven Engelsman bei der Pressekonferenz am Dienstagmittag. „Wir alle im Weltmuseum Wien können die Wiedereröffnung kaum erwarten. Wir sind im Endspurt und es sind nur noch vier Monate für die Fertigstellung übrig geblieben. Ganz Österreich kann auf das neue Museum voller schöner Überraschungen gespannt sein.“

Ein österreichisches Mosaik Brasiliens. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Geschichten aus Mesoamerika. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Das Herzstück des neuen Museums wird die von Grund auf neu konzipierte Schausammlung sein. In 14 Sälen, die sich wie eine Perlenkette von Geschichten aneinanderreihen, werden die zentralen Bestände gezeigt und aus zeitgemäßer Sicht interpretiert. Sie werden insgesamt 3.127 Objekte und zahlreiche Fotographien zeigen. Dabei werden oft überraschende Verbindungen zwischen Österreich und der Welt sichtbar gemacht. Alle Besucher werden dazu eingeladen, die weltumspannenden Sammlungen – darunter der berühmte Federkopfschmuck „Penacho“, die Sammlung des James Cook oder die Objekte der Brasilien-Expedition des Johann Natterer – neu zu entdecken.

Einen ersten Einblick in die neu gestaltete Schausammlung ermöglichte am Dienstag die Präsentation des bereits fertiggestellten Saales „Im Schatten des Kolonialismus“. Dieser Raum beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit und der damit verbundenen Entfaltung ethnographischer Museen. Auch das Weltmuseum Wien profitierte von der kolonialen Expansion Europas und die Erwerbsgeschichten vieler Gegenstände erzählen von Aneignung und kolonialer Gewalt. Während die Kolonien nach den Zweiten Weltkrieg sukzessive ihre Unabhängigkeit erstritten und in diese entlassen wurden, schien die Zeit in den ethnographischen Museen stillgestanden zu sein. Nur zögerlich wurden die scheinbar zeitlosen Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden erst ab den 1980er-Jahren hinterfragt. Heute stellen sich die ethnographischen Museen ihrer eigenen kolonialen Vergangenheit, nicht nur um ein Bewusstsein für diese zu schaffen, sondern auch um daraus zu lernen. Denn die Art und Weise, wie in der Gegenwart mit den Sammlungen und den damit verbundenen Menschen umgegangen wird, prägt das Bild ethnographischer Museen in der Zukunft.

Südsee: Begegnungen mit dem verlorenen Paradies. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Benin und Äthiopien. Kunst, Macht, Widerstand. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Mit der Wiedereröffnung werden ergänzend zur Schausammlung auch fünf Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler – darunter Lisl Ponger und Dejan Kaludjerović – im Hochparterre und Mezzanin eröffnen, die einen anderen Blick auf ethnographische Themen bieten und zeitgenössische Akzente setzen. Im neuen cook café & bistro in der Säulenhalle kann man sich verköstigen lassen und im Museumsshops das spannende Sortiment erkunden.

www.weltmuseumwien.at

Wien, 16. 5. 2017

Jüdisches Museum Wien: Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur

Mai 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Shoppen bei Gerngross, Zwieback, Knize und Co.

Fronleichnam bei St. Stephan. Auszug: Kaiser Franz Joseph I. hinter dem Sanctissimum. Im Hintergrund das Kaufhaus Rothberger mit zahlreichen Schaulustigen in den Auslagenfenstern. Bild: Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek

Eine Postkarte vom Gerngross-Innenraum. Bild: Sammlung Martin Perl

Ab 17. Mai widmet sich das Jüdische Museum Wien mit der Ausstellung „Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ einem beinahe verschwundenen und vergessenen Teil der jüdischen Wiener Kulturgeschichte. Im Zentrum der Schau stehen die Entwicklungs-, Erfolgs-, Migrations- und Familiengeschichten der Gründer und Besitzer dieser Betriebe sowie ihr maßgebliches Engagement für den Weg Wiens in die Moderne. Der Ausstellungstitel ist ein Aufruf zur Erinnerung an diese bedeutenden Unternehmen und deren Akteurinnen und Akteure hinter den Geschäftsfassaden. Die Entstehung von Kaufhäusern in Wien war Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung des 19. Jahrhunderts.

Dass viele der Gründer aus jüdischen Familien stammten, ist heute ebenso wenig bekannt, wie die einstige Existenz des Textilviertels im ersten Wiener Gemeindebezirk. Prominente Häuser wie Gerngross, Zwieback, Neumann, Jacob Rothberger, Braun & Co., Goldman & Salatsch, Jungmann & Neffe, Knize, prägten die mondänen Einkaufsmeilen auf der Kärntner Straße und der Mariahilfer Straße. Die Ausstellung ruft aber auch die sogenannten Vorstadtwarenhäuser Dichter und Wodicka ins Gedächtnis der Stadt zurück. Mit ihren Betrieben leisteten diese Familien einen maßgeblichen Beitrag zur Wiener Stadtentwicklung und beeinflussten das Stadtbild bis in die Gegenwart.

Durch die Zäsur der Schoa verschwand diese von Wiener Jüdinnen und Juden geprägte Geschäftskultur fast völlig. Erfolgsgeschichten von Vertriebenen lassen sich im Ausland nachzeichnen – wie etwa jene des Kostümbildners und Grafikers Ernst Deutsch-Dryden oder des Architekten, Stadtplaners und Erfinders der Shopping Mall, Victor Gruen. Viele Unternehmen konnten aber an die Erfolge der Zeit vor 1938 nicht mehr anknüpfen.

Jedenfalls beschlossen die meisten nach 1945 nicht mehr nach Wien zurückzukehren. An die bedeutenden Kaufhäuser sowie an die zahlreichen von Jüdinnen und Juden betriebenen Einzelhandelsbetriebe erinnern heute im Wiener Stadt- und Geschäftsbild nur noch die Namen mancher Nachfolgeunternehmen und in seltenen Fällen Teile der Bausubstanz. Diesem „Verschwinden“ gegenübergestellt ist die Entwicklung des Textilviertels nach 1945. Bedingt durch Migration und Zuwanderung lassen sich hier individuelle Geschichten von Unternehmen wie Schöps, dem Tuchhaus Silesia, Wachtel & Co, Haritex, Zalcotex und vielen mehr erzählen, die auch vom Wiederaufbau der Wiener jüdischen Gemeinde nach 1945 zeugen.

Dirndl-Rummel. Bild: JMW

Silesia-Wanduhr. Bild: Sammlung Robert Granger. JMW_S Gansrigler

Vielfältige Objekte erzählen diese Geschichten nicht nur aus der Perspektive der Betreiber, sondern berichten von Architektur und Inszenierung, den Designern, der Klientel sowie Verkäuferinnen, SchneiderIinen und Schaufensterdekorateuren, aber auch von Anfeindungen, Antisemitismus, Verlust, Flucht und Zerstörung. Die Ausstellung umfasst eine weit gefächerte Auswahl von Objekten – über Artikel, die dort verkauft wurden, Kleidungsstücke, Werbegrafik, Fotografien von Geschäften und ihren Besitzerfamilien, deren private Gegenstände, Büsten und Gemälde, Einrichtungsgegenstände aus den Geschäften bis hin zu Verpackungsmaterial aus den diversen Kaufhäusern.

Drei Erzählstränge begleiten die Besucherinnen und Besucher auf ihrer Reise durch die Geschichte dieser Wiener Geschäftskultur. Von klassischen Kauf- und Warenhäusern über Einzelhandelsbetriebe, beispielsweise den jüdischen k.u.k. Hoflieferanten, bis hin zu den kleinen Geschäftslokalen des Textilviertels spannt die Ausstellung einen breiten Bogen vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Jüdische Museum Wien hat die junge Wiener Künstlerin Kathi Hofer eingeladen, Motive der Ausstellung aufzugreifen und so mittels einer künstlerischen Intervention einen anderen Blick auf das Ausgestellte zu ermöglichen. Als Inspiration für den zweiteiligen Epilog – in Form einer „Stilkritik“ im Ausstellungskatalog und als Installation im Museum – diente ein ausgestelltes historisches Objekt.

Fast alle Unternehmen die vorgestellt werden, handelten primär mit Textilien. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich durch die Tatsache, dass die meisten großen Wiener Kauf- und Warenhäuser als Textilhändler begonnen haben und erst im Laufe der Jahrzehnte ihr Sortiment erweiterten. Die Ausstellung konzentriert sich, mit Ausnahme der sogenannten Vorstadtwarenhäuser, auf zwei Ballungsräume des Konsums, die zwar auch heute noch dieselbe Funktion innerhalb der Stadt einnehmen, jedoch mit völlig verändertem Antlitz: zum einen der erste Wiener Gemeindebezirk mit seinen einstigen großen Kauf- und Warenhäusern im Bereich der Kärntner Straße sowie unzähligen kleinen Geschäften rund um den Rudolfsplatz und den Salzgries; zum anderen die Mariahilfer Straße als imposanter Einkaufsboulevard zwischen Innerer Stadt und dem Westbahnhof.

Um das Flair der Kaufhäuser der Jahrhundertwende ins Museum zu holen, wird im Museumscafé Eskeles, eine Vintage-Vitrine in Kooperation mit dem Wiener Label Normalzeit (normalzeit.at) aufgestellt. Dieses Miniatur-Kaufhaus lädt ein Wiener Produkte mit historischen Bezügen kennenzulernen. Zu der von Astrid Peterle und Janine Zettl kuratierten und von Viola Stifter gestalteten Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog im Amalthea Signum Verlag mit zahlreichen farbigen, teils noch nie zuvor veröffentlichten Abbildungen, der im Bookshop Singer und online über den Amalthea Signum Verlag erhältlich ist: amalthea.at/produkt/kauft-bei-juden
.
.
Wien, 13. 5. 2017

Karikaturmuseum Krems: Meisterzeichner, Zeichenmeister. Eduard Thöny im Simplicissimus

Mai 13, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Schlachtenmaler wurde er Satiriker

Weaner G’müat, 1925. Bild: © E.Thöny Nachlass Dr. Dagmar von Kessel, München

München knapp vor 1900 im Aufbruch in die Moderne. Die Kunstakademie stellt seit Jahrzehnten einen Magneten für junge Künstler aus halb Europa dar. Eduard Thöny, geboren 1866 in Brixen, zog 1872 mit dem Vater, dem Holzschnitzer Christian Thöny, in die deutsche Kunsthauptstadt. Schlachtenmaler will er werden, er studiert bei Meistern dieses noblen Fachs. Doch 1896 wird in München das literarisch-politische Satiremagazin Simplicissimus gegründet. Mit Farbbildern wird die Stahlstich-Konkurrenz vom Markt verdrängt.

Eduard Thöny ist von Anfang an dabei. Und bleibt bis zum ruhmlosen Ende 1944. Mehr als 3.000 Blätter zeichnet er tagesaktuell, kritisch-polemisch, zeitlos menschendurchschauend für den Simplicissimus, davon 300 Titelseiten. Das Karikaturmuseum Krems zeigt ab 14. Mai als ein Best-of seiner Arbeiten 50 Originalblätter.

Als Kuratoren der Schau im Ironimus-Kabinett zeichnen Gustav Peichl  und Hans Haider verantwortlich. Die Thöny-Kollektion wird ergänzt durch Dokumente zur Biographie, sowohl über die Südtiroler Herkunft des Künstlers als auch seine Karriere in der Wahlheimat Bayern. Auf einer Simplicissimus-Wand wird mit Cover-Seiten ein Querschnitt durch die Geschichte der Zeitschrift geboten. Ein mobiler Terminal ermöglicht Zugriffe auf die elektronische Dokumentation der kompletten 49 Jahrgänge, die von der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ins Internet gestellt wurden: www.simplicissimus.info

Simplicissimus – 10. Jahrgang, Nummer 38, mit dem Titelblatt „Wer???“, 1905. Bild: © www.simplicissimus/info (Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar)

Simplicissimus – 43. Jahrgang, Nummer 43 mit dem Titelblatt „Moskauer Elegie“, 1938. Bild: © www.simplicissimus/info (Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar)

Thöny protokolliert ländlich-sittliche, bürgerlich-spießige, pikfein-feudale und Gossen-Milieus, er karikiert Bauern, Beamte, Neureiche, Prälaten, Offiziere, Matronen und Kokotten. In Biergärten, Salons, auf Kasernenhöfen und Tennisplätzen studiert der Zeichner die Menschen. Der Künstler verschlingt politische Nachrichten aus aller Welt. Sein bekanntestes Markenzeichen: der preußische Leutnant. Seine größte Liebe: Pferde in Bewegung, auf der Rennbahn, beim Militär. Der Simplicissimus widersetzt sich dem Druck von Kirche, Schwerindustrie und der Monarchie unter Kaiser Wilhelm. 1914 mutieren die zeichnenden Pazifisten zu national-deutschen Mitstreitern. Thöny wird Kriegsmaler in der k. u. k. Armee. Die Reiche bersten, Thöny wird 1926 Deutscher, aus den Nachkriegswirren gehen die Nationalsozialisten siegreich hervor. 1933 wird der Simplicissimus gleichgeschaltet. Der kritische Geist verleugnet sich. Oder er wird vertrieben.

Um sich nicht beim Regime in Misskredit zu bringen, wird die kritische Haltung zurückgenommen. Es wird ein verzerrtes Auslandsbild wiedergegeben, die Innenpolitik hingegen wird fast ausgesetzt. Die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft werden nicht mehr aufgegriffen. In Österreich gab es, nach ähnlichen Mustern gefertigt, den antisemitischen Kikeriki und Die Muskete. Der Simplicissimus wurde 1933 in Österreich verboten, weil er unverhohlen Propaganda für die Nationalsozialisten und gegen den 1934 von den Nazis ermordeten Bundeskanzler Engelbert Dollfuß betrieb. Im Jahr 1944 wird die Zeitschrift eingestellt, der Grund ist fast zu banal – Papiermangel. Gegner des Blattes, die dessen Ende hätten feiern können, gibt es da schon keine mehr …

www.karikaturmuseum.at

Wien, 13. 5. 2017

Albertina: Maria Lassnig. Zwiegespräche

Mai 6, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der eigene Körper lebenslang ein Kunstwerk

Maria Lassnig: Ohne Titel (Schreiende), 1981. Maria Lassnig Stiftung © 2017 Maria Lassnig Stiftung, Bild: Roland Krauss

Die Albertina würdigt drei Jahre nach Maria Lassnigs Tod ihr zeichnerisches Werk mit der Retrospektive „Zwiegespräche“ und führt dafür etwa 80 der schönsten Zeichnungen und Aquarelle der Künstlerin zusammen. Bislang völlig unbekannte Blätter erweisen sich in der seit 5. Mai zu sehenden Schau als Schlüsselwerke – gemeinsam mit Vertrautem werfen sie ein neues Licht auf ihr Konzept der „Body Awareness“ und erschließen neue Einblicke in das Werk der Österreicherin. Konsequent verfolgte sie mit ihrem Werk das Ziel, ihre ureigene Körperwahrnehmung und Emotion auf Papier zu bannen.

Es sind tiefgreifende Empfindungen, die im Zentrum ihrer Bilder stehen. Lange bevor Körperbewusstsein und das Verhältnis von Mann und Frau zentrale Themen der internationalen Avantgarde werden, macht Maria Lassnig ihren eigenen Körper zum Mittelpunkt ihrer Kunst. Das Sichtbarmachen von körperlichen Emotionen und das Nachspüren der Körperwahrnehmung bilden den Mittelpunkt ihrer „Body Awareness Paintings“. Humorvoll und ernst, sehnsuchtsvoll und gnadenlos zugleich hält die Künstlerin ihre Selbstempfindungen auf dem Papier fest.

Nicht was sie sieht, sondern wie sie sich spürt, wird zum Bild. „Man malt wie man ist“, sagt die Künstlerin und bestätigt damit auch die ihr innewohnende Widersprüchlichkeit, mit den äußeren und inneren Wirklichkeiten unabdingbar im Gespräch zu sein. Schon die eindringlichen Porträts, die noch zu ihrer Schulzeit in Kärnten entstehen, zeigen Lassnigs herausragende Begabung: Der genau beobachtende und schonungslos kritischfragende Blick – anfangs noch in den Spiegel – dominiert markant das eigene Porträt und begleitet sie durch alle Jahrzehnte.

Maria Lassnig: Das Erinnern – das ist Liebe, 1997. Albertina, Wien © 2017 Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig: Die Illusion von meiner Tierfamilie, 1999. Albertina, Wien © 2017 Maria Lassnig Stiftung

Das Selbstbildnis bleibt das zentrale Thema der Künstlerin, wobei sie diesem kunsthistorisch verankerten und traditionsreichen Motiv völlig neue Dimensionen verleiht. Bereits in den späten 1940er-Jahren entstehen die ersten „Körpergefühlszeichnungen“, die Lassnig noch „Introspektive Erlebnisse“ nennt. Sie stellt somit weit vor allen vergleichbaren Positionen in Europa und Amerika den eigenen weiblichen Körper in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Zeichensprache und Umrisslinien definieren nicht nur die Form des abgebildeten Gegenstands, sondern transportieren schon bald verdichtete Spannung.

Ende der 1960er-Jahre übersiedelt Lassnig nach New York. Die pulsierende Kunstszene, die Präsenz feministischer Positionen und Gruppierungen animieren sie dazu, Neues zu gestalten: Sie besucht einen Zeichentrickkurs, doch statt des angestrebten Nebenjobs bei den Walt Disney Studios resultieren daraus Zeichentrickfilme, in denen sie mittels „Körpergefühlszeichnungen“ ihre privaten Erlebnisse, Sehnsüchte und Erfahrungen umsetzt. Nach einem Aufenthalt in Berlin folgt die inzwischen 60-Jährige 1980 der Berufung an die Wiener Hochschule für angewandte Kunst als Professorin für Gestaltungslehre – experimentelles Gestalten.

Maria Lassnig: Das Geschrei des Eichelhähers, 1982. Albertina, Wien © 2017 Maria Lassnig Stiftung

Wieder zurück in Wien dringt die Erkundung der Körperempfindungen bis zu den Nervenbahnen vor. Die Darstellungen vermitteln eine hochgradige innere Spannung, die die Künstlerin wie einen Seismografen reagieren lässt. Zahlreiche Arbeiten thematisieren den oft grausamen Umgang mit Tieren und der Natur, in ihnen werden Tiere allein oder gemeinsam mit menschlichen Figuren, oft Selbstporträts, dargestellt.

Die beiden Realitätsebenen – das Gesehene sowie das innen Wahrgenommene – existieren dabei nebeneinander. „Die Zeichnung kommt der Idee am nächsten“, meint Lassnig. So entstehen auch in den letzten Lebensjahren vorwiegend Bleistiftzeichnungen. Sie stellen die Essenz ihres Schaffens dar und sind zudem berührende Dokumente ihres Willens, sich dem schwächer werdenden Körper und dem daher filigraner und zittriger werdenden Strich zu stellen, der Empfindung schonungslos und unerbittlich durch die Spitze des Bleistifts Ausdruck zu verleihen.

In ihrer Kunst bleibt sie bis zum Schluss frei, innovativ, visionär und kompromisslos. Ihr eigenständiger Beitrag, der ihre Entschlossenheit und ihre Aggressivität, ihre Verletzlichkeit wie auch ihre Brutalität und Härte sich selbst gegenüber in sich trägt, wird erst heute zunehmend international gewürdigt.

www.albertina.at

Wien, 6. 5. 2017