Jüdisches Museum Wien: Trude & Elvis

April 1, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sekretärin des King war eine Jüdin aus Wien

Elvis und Trude: Diktat im Dressing Room: Bild: James Forsher Estate

Das wussten wohl die wenigsten: Zu Beginn seiner fulminanten Karriere hatte Elvis Presley eine Privatsekretärin namens Trude Forsher, die aus einer Wiener jüdischen Familie stammte. Die Beziehung der beiden beleuchtet ab 5. April die Ausstellung „Trude & Elvis. Wien – Memphis – Hollywood“ im Jüdischen Museum Wien.

Elvis spielte 1956 gerade in seinem ersten Film „Love Me Tender“, als Trude das Team seines Managers Colonel Tom Parker verstärkte. In einer Zeit, als Frauen im Berufsleben noch nicht selbstverständlich waren, avancierte sie rasch zu seiner Werbemanagerin und erlebte den Aufstieg von Elvis Presley zum Superstar mit. Trude Forshers persönliches Glück blieb allerdings auf der Strecke: Ihr Mann konnte mit ihrem Erfolg nicht Schritt halten und verließ die Familie …

Mit knapper Not entkam Trude Forsher, geborene Adler, im August 1938 dem NS-Terror, indem sie eine Stelle als Dienstmädchen in London annahm.

Sie war gerade 18 Jahre alt und hatte keinerlei Berufserfahrung. Daher musste sie oft ihre Arbeitgeber wechseln, dazwischen lebte sie auf der Straße. Durch ihre Überzeugungskraft fand sie Unterstützung und es gelang ihr, ihre Eltern nach dem Novemberpogrom 1938 nach London zu holen. Ein in den Vereinigten Staaten lebender Verwandter ermöglichte es Trude und ihren Eltern, in die USA zu kommen. In New York traf sie einen Bekannten aus Wien wieder, Bruno Forsher. 1942 wurde geheiratet, zwei Söhne folgten. 1951 übersiedelte die Familie nach Kalifornien. Dort stießen sie auf entfernte Verwandte, die ebenfalls aus Wien stammenden Musikproduzenten Jean und Julian Aberbach. Deren 1944 gegründeter Verlag Hill and Range Songs hatte sich in der Country & Western Musik bereits einen Namen gemacht und widmete sich nun dem gerade aufkommenden Rock‘n‘Roll.

Mit Zsa Zsa Gabor 1967. Bild: James Forsher Estate

Elvis, Colonel Parker und Trude 1958. Bild: James Forsher Estate

Hier waren fast alle Komponisten von Elvis Presley unter Vertrag. Als ihr ein Job bei Elvis angeboten wurde, wusste Trude Forsher nicht einmal wer er war. Plötzlich gehörte sie zum innersten Kreis des King und arbeitete in Hollywood für ihn und den Colonel. Trude war nicht nur die einzige Frau im Team, sondern auch die einzige Jüdin. Dies war für Parker vermutlich mit ein Grund für ihre Anstellung, da zahlreiche wichtige Akteure des US-Showbiz jüdisch waren. Mit Trude als Vorzimmerdame erwartete er sich wohl einen Verhandlungsvorteil. Trude arbeitete für Elvis während seiner ersten sechs Filme, hautnah erlebte sie auch seine Trauer über den frühen Tod  seiner vielgeliebten Mutter im August 1958 mit.

Bruno Forsher sah es nicht gern, dass seine Frau mit den Menschen um Elvis und mit dem Star selbst freundschaftlichen Umgang pflegte, vermutlich vergönnte er Trude auch ihren Erfolg nicht. Schließlich ließ er sich scheiden, was zur traurigen Ironie führte, dass Trude ihren Job verlor, weil eine geschiedene Frau im Elvis-Team in den prüden 1950er-Jahren keinen guten Eindruck hinterlassen hätte. Frei von allen Verpflichtungen gründete Trude mit Adolph Zukor II., dem Enkel des legendären Filmmoguls und Gründer der Paramount Pictures, die TV-Produktionsfirma „Zukor-Forsher-Productions, Inc.“.  Zukors Name öffnete alle Türen, und gemeinsam produzierten die beiden einige erfolgreiche Fernsehshows. Trude war damals die einzige Frau, die in der amerikanischen Unterhaltungsbranche eine so wesentliche Position inne hatte.

Trude als einzige Frau bei einer Besprechung im Büro von Colonel Parker. Bild: James Forsher Estat

Nach ihrer Pensionierung engagierte sie sich sozialpolitisch für geschiedene Mütter, deren Ex-Ehemänner die Alimente verweigerten, und im Sozialreferat des Rathauses von Los Angeles. Für ihr soziales Engagement wurde Trude Forsher mehrfach ausgezeichnet. Trude Forsher starb im Jahr 2000 in Los Angeles. Trudes Sohn James Forsher stellt nun dem Jüdischen Museum Wien ihren umfangreichen Nachlass mit zahlreichen Unikaten aus der frühen Glanzzeit des Rock‘n‘Roll zur Verfügung. Parallel zur Ausstellung drehte Kurt Langbein mit dem ORF eine TV-Dokumentation.

www.jmw.at

Wien, 1. 4. 2017

Leopold Museum: Carl Spitzweg – Erwin Wurm

März 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Ironie gegen den Zeitgeist der Epoche

Erwin Wurm: Take your most loved philosophers , 2002. Bild: Studio Erwin Wurm, Kiasma – Museum of Contemporary Art, Helsinki © Bildrecht, Wien, 2016

Carl Spitzweg: Der Bücherwurm, 1850. Bild: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Etwas mehr als 130 Jahre nach seinem Tod präsentiert das Leopold Museum die erste umfassende Ausstellung des deutschen Malers Carl Spitzweg in Österreich, dessen Werk gemeinhin in engem Konnex mit den mit der Epoche des Biedermeier verbundenen Definitionen von Beschaulichkeit, kleinbürgerliche Idylle und Spießbürgertum gesehen wird. Um dieses Bild zurechtzurücken und die Rezeptionsweise zu erweitern, fokussiert ab 25. März die Ausstellung „Carl Spitzweg – Erwin Wurm: Köstlich! Köstlich?“– nicht zuletzt unter Einbezug historischer, sozialer und politischer Implikationen – explizit auf das gesellschafts- und zeitkritische Werk Carl Spitzwegs. Sie stellt seine mit sanfter Ironie vorgetragene, aber unzweifelhafte Kritik am oftmals scheinheiligen Klerus, der korrupten Legislative wie der gelangweilten Exekutive oder dem saturierten Bürger- und Beamtentum in den Mittelpunkt.

Zwar war Spitzweg kein Vertreter einer aktiven Partizipation in Bezug auf politische Auseinandersetzungen, aber ein distanzierter, manchmal bissiger Kommentator, der – wie die rund 100 präsentierten Exponate deutliche machen –, die Brüche und Konflikte seiner Zeit als aufmerksamer Beobachter künstlerisch dokumentierte. Insofern serviert Spitzweg mit heiterer Gelassenheit mittels seiner kritisch-analytischen Bildwerke einen anderen „Geist“ dieser Epoche. Gleichzeitig erschließt die Auseinandersetzung mit Carl Spitzwegs Werk die Aktualität seiner Themen, die sich in der „Generation Biedermeier“ des 21. Jahrhunderts wiederfinden und durch präzise gesetzte Interventionen von Erwin Wurm verdeutlicht werden.

Carl Spitzweg: Sennerin und Mönch,1838. Bild: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Erwin Wurm: 4 Landed Gentry (Hermés), 2008. Privatsammlung. Bild: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2016

Ähnlich der Spitzwegschen Manier weist auch Wurms Werk vielfältige Facetten der Poesie und Idylle, des Humors und der (Selbst-)Ironie auf und ist gespickt mit politischen und kulturanalytischen Anspielungen. Beide Œuvres verbindet – so zeigt die Ausstellung auf – ein kritisch-reflektierter Humor, der als Waffe eingesetzt, den Alltag aus anderer Perspektive zeigt und damit vielschichtige Dimensionen evoziert.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 19. 3. 2017

Belvedere: Alfred Wickenburg

März 11, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grazer Ausnahmekünstler in den Fokus gerückt

Alfred Wickenburg: Selbstbildnis in persischer Tracht, 1920. LENTOS Kunstmuseum Linz, Bild: Reinhard Haider

In seiner Ausstellungsserie „Meisterwerke im Fokus“, die zweimal jährlich einen österreichischen Künstler in den Mittelpunkt rückt, zeigt das Belvedere ab 17. März unter dem Titel „Visionen in Farbe und Form“ Arbeiten des Grazer Malers Alfred Wickenburg. Wickenburg wurde 1885 in Bad Gleichenberg in der Steiermark in eine adelige Familie geboren. Er wuchs in einem kultivierten und kunstinteressierten Umfeld auf. Bereits die Wahl seines künstlerischen Ausbildungswegs verweist auf eine aufgeschlossene, den internationalen zeitgenössischen Kunstströmungen unvoreingenommen gegenüberstehende, äußerst interessierte Persönlichkeit.

Mit 19 Jahren ging Wickenburg nach München. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Dachauer Künstlerkolonie folgten vier Jahre in Paris, wo er an der Académie Julian bei Jean-Paul Laurens studierte. Von 1910 bis 1914 besuchte er an der Stuttgarter Akademie neben Oskar Schlemmer und Willi Baumeister  die Meisterklasse von Adolf Hölzel.

Nach dem Ersten Weltkrieg folgten Studienaufenthalte in Rom, Florenz und Venedig, bevor Wickenburg 1923 wieder in die Steiermark zurückkehrte – um zahlreiche Eindrücke und die Schulung und Wissenserweiterung durch hervorragende Lehrer reicher. Expressionistische, fauvistische, kubistische und futuristische Einflüsse machen sich in seinen meist farbintensiven und großformatigen Werken bemerkbar. Auch Gestaltungsprinzipien der Pittura metafisica oder des Surrealismus finden Eingang in seine Arbeiten, wobei er aus sämtlichen stilistischen Einflüssen seine individuellen und eigenständigen Konsequenzen zieht. Die zunehmende Reduzierung auf das Wesentliche des Dargestellten und eine ausgewogene Balance des Zusammenspiels von Linie, Form und Farbe bilden die Hauptelemente im Schaffen Wickenburgs, der über viele Jahre als Zeichenlehrer und Leiter der Abteilung für Freskomalerei an der Bundesgewerbeschule Graz tätig war.

Alfred Wickenburg: Das Paradies, 1919. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Alfred Wickenburg, Römisches Liebespaar, 1921. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Bis ins hohe Alter von 93 Jahren blieb der Mitbegründer der Grazer Secession künstlerisch aktiv. Zahlreiche Preise und Ehrungen sowie eine intensive Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland, darunter die Teilnahme an der Biennale in Venedig in den Jahren 1934, 1936, 1950 und 1958, begleiteten seine langjährige künstlerische Laufbahn.

Alfred Wickenburg, Rinaldo und Armida, 1923. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Alfred Wickenburg, Bei der Wahrsagerin, 1973. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Seit 2014 wird am Institut für die Erstellung von Werkverzeichnissen des Belvedere mit Unterstützung der Familie Wickenburg an der Aufarbeitung des umfangreichen Œuvres des Künstlers gearbeitet. Das Gesamtverzeichnis wird zum Zeitpunkt der „Fokus“- Ausstellung vorliegen und digital zugänglich sein. Die Schau im Oberen Belvedere möchte durch ausgewählte Beispiele die künstlerischen Einflüsse und Entwicklungen im Werk Wickenburgs exemplarisch aufzeigen. Neben dem noch unterrepräsentierten Spätwerk sollen auch die Glasarbeiten im Ansatz thematisiert werden, mit denen sich Wickenburg in den 1960er-Jahren intensiv beschäftigte. Darüber hinaus beheimatet das Belvedere einen großen Bestand von Archivalien des Künstlers, die neue spannende Erkenntnisse zum Schaffen dieses österreichischen Ausnahmekünstlers versprechen.

www.belvedere.at

Wien, 11. 3. 2017

Albertina: Acting for the Camera

März 5, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Selbstinszenierung und das Objektiv

Rudolf Koppitz: Bewegungsstudie, 1926. Bild: Albertina, Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr-und Versuchsanstalt, Wien

Intim, spannungsvoll und faszinierend ist der Moment, wenn Fotograf und Modell aufeinandertreffen. Zwischen Inszenierung und Selbstdarstellung pendelnd, ist ihre Zusammenarbeit geprägt von einem kreativen Dialog. Mit etwa 100 Meisterwerken untersucht ab 10. März die dritte Präsentation der Fotosammlung der Albertina unter dem Titel „Acting for the Camera“ die vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen vor und hinter der Kamera.

In thematische Kapitel gegliedert, beschäftigt sich die Schau mit dem expressiven Künstlergehabe für die Kamera, der Arbeit mit anonymen Modellen in wissenschaftlichen Projekten, mit Fotografie als Vorlage für Malerei sowie mit der Selbstinszenierung von Fotografinnen und Fotografen. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Trude Fleischmann, Rudolf Koppitz, Will McBride, Cora Pongracz, Anton Josef Trcka und Erwin Wurm.

Will McBride: Romy in Paris, 1964. Bild: Albertina, Wien

Anton Josef Trcka: Egon Schiele, 1914. Bild: Albertina, Wien

www.albertina.at

Wien, 5. 5. 2017

Winterpalais: Vulgär? Fashion Redefined

Februar 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

The Vulgar: Fashion Redefined, John Galliano for Christian Dior, Crown created by Stephen Jones. Bild: © Guy Marineau, Autumn/Winter 2005–2006, Haute Couture

The Vulgar: Fashion Redefined, Pam Hogg, Cape, shorts and headdress, ‘Diamond Dogs and Demons’ Collection. Bild: mit freundlicher Genehmigung von SimonArmstrong.com, Autumn/Winter 2015–2016, Ready-to-wear

The Vulgar: Fashion Redefined, Jeremy Scott for Moschino. Bild: Courtesy Moschino Dress, Autumn/Winter 2014 2015, Ready-to-wear

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ab 3. März befasst sich die Ausstellung „Vulgär? Fashion Redefined“ im Winterpalais mit dem Thema Geschmack in der Mode. Zu sehen sind Objekte von der Renaissance bis zum 21. Jahrhundert, von opulenten Roben und zum berühmten Hauch von Nichts. Zitate von Menschen so unterschiedlich wie Coco Chanel und Jonathan Swift untermauern die unterschwellige These der Gestalter der Schau: Über Geschmack lässt sich zwar diskutieren, aber nicht streiten, denn was guter ist bleibt letztlich Anschauungsssache.

Ausgangspunkt der von Kuratorin Judith Clark und Psychoanalytiker Adam Phillips konzipierten Ausstellung sind daher Definitionen des Begriffs „vulgär“. Anhand verschiedener Kategorien, so zum Beispiel in der Darstellung des Verhältnisses von Mode zum menschlichen Körper, zeigt sich, dass Facetten des Vulgären immer auch ein Teil von Fashion sind. Historischer Kleidung, Couture und Konfektion werden Stoffmuster, Handschriften, Fotografien und Filme beigestellt. So wird die Schnelllebigkeit von Geschmack demonstriert.

Modeschöpfer machen ehemals als vulgär Empfundenes salonfähig und kreieren als vulgär empfundene Neuschöpfungen aus ehemals Salonfähigem. Die Ausstellung, die zuvor im Londoner Barbican Center zu sehen war, zeigt Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen aus aller Welt, und Beiträge von Designern und Modehäusern wie Christian Dior, Jeanne Lanvin, Christian Lacroix, Louis Vuitton und Vivienne Westwood. Zur Schau erscheint im Verlag König ein Buch mit Modefotos und Interviews mit ihren Schöpfern.

www.winterpalais.at

Wien, 25. 2. 2017