Egon Schiele Museum in Tulln: Die Frühwerke

März 28, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Geburtshaus zum Bezirksgericht in Neulengbach

Das Egon Schiele Museum in Tulln. Bild: © Daniela Holzer

Dieses Wochenende startet das Egon Schiele Museum in Tulln, mit Ausnahme der Osterruhe von 1. bis  6. April, in die neue Saison. Neben den beiden neuen Ausstellungen „Egon Schiele privat“ und Frühwerken in der „Schatzkammer“, lassen sich via des Egon Schiele Wegs dessen Geburtshaus, der Garten mit Zitate aus Bildern wie „Wäscheleine“, „Akt“, „Spiegel“ und „Sonnenblumen“, das Bezirksgericht in Neulengbach,

wo Schiele 1912 wegen Entführung, Missbrauchs und der Präsentation anstößiger Zeichnungen angeklagt wurde und 21 Tage in einer Kellerzelle verbrachte, und dessen Familienspuren in Klosterneuburg erkunden. Im Egon Schiele Museum in Tulln sind nicht nur sechs audiovisuelle Lebensstationen mit den Originalstimmen von Melanie und Gerti Schiele sowie Egon Schieles Schwägerin Adele Harms zu sehen und zu hören. Die Schatzkammer des musealen Kleinods präsentiert heuer mit Leihgaben der Landessammlungen Niederösterreich, der Stadtgemeinde Tulln und privater Leihgeberinnen und Leihgebern persönliche Geschichten zu Familie, Freunden und Wegbegleitern. Unter den 13 wenig bekannten Originalwerken aus seinem Frühwerk, die sehr persönliche Begegnungen Schieles mit seinem Umfeld ermöglichen, sind unter anderem ein Bildnis der Mutter, die „Boote von Triest“ und „Sonnenblume I“.

Das Gefängnis in Neulengbach, 1963. Bild: © Alessandra Comini

Das Egon Schiele Museum. Bild: © Daniela Holzer

Egon Schieles Geburtshaus. Bild: © Stadtgemeinde Tulln

„Wer waren die Schulfreunde von Egon Schiele? Wer hat sein Talent entdeckt und gefördert? Welche Werken waren Schlüsselwerke in seinem Schaffen? Wer hat diese Werke besessen und welche Geschichten erzählen sie?“, beschreibt Kurator Christian Bauer jene Fragen, zu denen es die Antworten in den etwa einem Dutzend Originalwerken in der Schatzkammer gibt. „Das Egon Schiele Museum beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Biografie und Frühwerk des Ausnahmekünstlers und schlägt dabei jedes Jahr ein neues, spannendes Kapitel auf“, so Bauer.

„Kein Ort ist besser geeignet, sich auf die Spuren von Tullns berühmtestem Sohn zu machen, als die Region um Tulln und Klosterneuburg. Denn hier verbrachte er seine Kindheit und Jugend und hier fand er seine ersten Förderer und feierte seine ersten künstlerischen Erfolge. Neben seiner Familie, Freunden und Förderern stellen wir hier auch seine erste Liebe Gretl Partonek vor und zwar mit jenem Original-Skizzenbuch, das er ihr gewidmet hat. So erzählt diese kleine aber feine Ausstellung viele spannende Geschichten, die wir auch mit einem kostenlosen Ausstellungsbegleiter dokumentiert haben“, so Bauer.

Bezirksgericht in Neulengbach, 1963. Bild: © Alessandra Comini

Die Schatzkammer. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Skizzenbuch von Egon Schiele. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Gefängniszelle in Neulengbach, 1963. Bild: © A. Comini

Das Egon Schiele Museum in Tulln liegt direkt an der Donaulände und damit auch direkt am Donauradweg. Wer stilecht anreisen will, fährt mit dem Zug zum Bahnhof „Tulln an der Donau“ und spaziert über den Egon Schiele Weg zum Egon Schiele Museum, das im Gebäude des ehemaligen Bezirksgefängnisses einquartiert ist. Anlässlich des 100. Todestages von Egon Schiele 2018 wurde das Museum mit einem Vorplatz und modernster Museumstechnik komplett neu aufgestellt.

www.schielemuseum.at/de

28. 3. 2021

Belvedere: Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke

März 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach mehr als 100 Jahren wieder in Wien zu sehen

Gustav Klimt: Dame mit Fächer, 1917-18. Leihgabe aus Privatbesitz © Belvedere, Wien, Bild: Markus Guschelbauer

Schnell ins Belvedere, bevor am 1. April die Museen wieder schließen müssen: Ab heute, und am heutigen Eröffnungstag mit Gratis- ticket, ist im Oberen Belvedere die Ausstellung „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“ zu sehen. „Dame mit Fächer“ ist Klimts letztes nahezu fertiggestelltes Gemälde und ein faszinierend selbstbewusstes Frauenbildnis. Das Belvedere holt mit diesem Porträt ein wichtiges Spätwerk des Künstlers nach Wien.

Kurz nach Klimts Tod 1918 entstand im Atelier des Künstlers eine Fotografie abgebildet sind zwei Gemälde: „Dame mit Fächer“ und das unvollendete Werk „Die Braut“. Während „Die Braut“ schon länger als Leihgabe im Belvedere zu sehen ist, kommt nun mit dem Damenporträt ein wichtiges Bild für die Gesamtpräsentation von Klimts Lebenswerk nach Wien. Das Belvedere zeigt es in einer Schau zu dessen letzter großen Schaffensphase.

Dame mit Fächer“ war das letzte Bild, an dem Klimt im Laufe des Jahres 1917 arbeitete – bis auf wenige Details konnte er es noch fertigstellen. Während auf den meisten seiner Porträts Damen der Gesellschaft abgebildet sind, hat Klimt hier wahrscheinlich ein unbekanntes Modell gemalt. Das Motiv ist die Variation eines seiner Lieblingsthemen: der „schönen Wienerin“. Das verführerische Spiel der unbekannten Frau – vermutlich eine Tänzerin – wirkt selbstbewusst und souverän. Mit erhobenem Kopf, entblößter Schulter und nackter, vom Fächer verdeckter Brust blickt sie den Betrachterinnen und Betrachtern entgegen.

Bild: Erwin Böhler / Courtesy of the Michael Huey and Christian Witt-Dörring Photo Archive

Ausstellungsansicht „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“. Bild: © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Gustav Klimts Arbeitsraum im Atelier Feldmühlgasse 11 mit den unvollendeten Gemälden „Die Braut“ und „Dame mit Fächer“, 1918. © ONB/Wien Bildarchiv 94884-E, Bild: Moriz Nähr

Bislang war „Dame mit Fächer“ in Wien nur ein einziges Mal ausgestellt: vor mehr als hundert Jahren in der Kunstschau 1920 als Leihgabe des Industriellen Erwin Böhler. Noch im selben Jahr wurde es zu seinem Bruder Heinrich Böhler in die Schweiz gebracht, wo es bis in die 1960er-Jahre im Besitz der Familie verblieb. Zeitweilig befand sich das Bild in der Sammlung Rudolf Leopolds. Es wurde 1981 in Tokio und 1992 in Krakau öffentlich gezeigt. Nun kehrt das Gemälde nach Wien zurück. Der erste Teil der Schau zeigt „Dame mit Fächer“ im Kontext der späten, unvollendeten Werke von Gustav Klimt. Zu sehen sind unter anderem die Gemälde „Die Braut“, „Amalie Zuckerkandl“, „Adam und Eva“ oder „Dame in Weiß“

Ab Oktober wird die Ausstellung adaptiert und um eine weitere Komponente ergänzt: Das neue Kapitel beleuchtet Klimts Affinität zu ostasiatischen Kunststilen und zeigt auf, wie sich diese im Werk widerspiegeln. „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“ macht den Aufbruch des Malers in eine neue Schaffensphase kurz vor seinem Tod nachvollziehbar.

www.belvedere.at           Videos: www.youtube.com/watch?v=nYrLu8EbrZg            www.youtube.com/watch?v=Em85nCOgplk

25. 3. 2021

Bank Austria Kunstforum Wien: Daniel Spoerri

März 23, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eat Art oder Die Tafelbilder der Konsumgesellschaft

Daniel Spoerri; Restaurant de la City Galerie,1965. Bischofberger Collection, Männedorf-Zurich, Switzerland. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: © Mercan Sümbültepe

Das Bank Austria Kunstforum Wien präsentiert in seiner Frühjahrsausstellung „Daniel Spoerri“ ab 24. März das Werk eines Künstlers, der in seinen zentralen Themen bis heute die einen täglich umgebende Dingwelt und das Essen als sozialen Akt verhandelt. Damit ist in Wien erstmals seit mehr als 30 Jahren eine umfassende Retrospektive zu Daniel Spoerri in jener Stadt zu sehen, in der der Künstler seit 2007 lebt.

Die Ausstellung versammelt 100 Schlüsselwerke Daniel Spoerris aus 43 öffentlichen und privaten Sammlungen und ermöglicht durch reiches Archivmaterial zusätzliche Einblicke in das Leben und Wirken dieses Universalkünstlers. Als Erfinder des „Fallenbildes“ oder „Tableau piège“ hat sich Spoerri in die Kunstgeschichte eingeschrieben: Er fixiert vorgefundene Situationen und kippt sie von der Waagerechten in die Senkrechte.

In dieser Untersuchung des Alltäglichen und der damit einhergehenden Verankerung von Gebrauchsgegenständen in der Sphäre der Kunst stellt Spoerri – unter anderem anknüpfend an das Objektverständnis Marcel Duchamps und dessen Konzeption des Readymade – Wahrnehmungskonventionen radikal auf die Probe.

Die retrospektive Schau im Bank Austria Kunstforum präsentiert das sieben Dekaden umspannende Werk des in nahezu allen Medien tätigen Künstlers und begeisterten Sammlers in seiner Kohärenz ebenso wie in seiner Vielfalt: Einer losen Chronologie folgend, veranschaulicht die Ausstellung anhand von thematischen Schwerpunkten, dass Spoerris transmediale Praxis weit vor der Erfindung des „Fallenbildes“ einsetzt und sich bis heute kontinuierlich weiterentwickelt. Seine Anfänge als professioneller Tänzer, die Arbeit am Theater, sowie die Auseinandersetzung mit Konkreter Poesie, die in der Gründung der Zeitschrift „material“ mündet, fließen in die von ihm initiierte „Edition MAT – Multiplication d‘art transformable“ ein. Darin stellt Spoerri das originale Kunstwerk durch Multiplikation in Frage, und er greift das Motiv der Bewegung mit seinem Fokus auf kinetische Kunst auf.

Daniel Spoerri: Objekt II des Zyklus Objets de magie à la noix, 1966/1967. © Daniel Spoerri und Bildrecht, Wien 2021. Bild: © Museum Morsbroich, Leverkusen

Daniel Spoerri: Chambre No 13, 1998. Fondazione Il Giardino di Daniel Spoerri. © Daniel Spoerri und Bildrecht, Wien 2021. Bild: © Susanne Neumann

Daniel Spoerri: Tableau piège, 1970/1971. Kunstpalast, Düsseldorf. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: © Kunstpalast-ARTOTHEK

Daniel Spoerri: Fluxus Pegasus, 1987. Courtesy of Archivio Conz, Berlin. ©Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: Giorgia Palmisano

Die Ausstellung verdeutlicht, wie Spoerri das Konzept des „Fallenbildes“ immer wieder erweitert, ob als literarisches „Fallenbild“ in dem Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“, in den inszenierten „Faux Tableaux pièges“, oder in den das Prinzip des Portraits erweiternden „Künstlerpaletten“. Der Zufall ist auch in den Objektbildern der Serien „Détrompe l’oeil“ und „Trésor des pauvres“ bestimmend. Hier lässt Spoerri Gegenstände einander begegnen und kreiert aus diesen ungewöhnlichen Kombinationen neue Bedeutungszusammenhänge. Das Prinzip dieser Assemblagen entwickelt Spoerri mithilfe des Bronzegusses weiter – hier verschmelzen die einzelnen Teile zu einer materiellen Einheit. Die Ausstellung zeigt mit „Santo Grappa“ Spoerris erste Bronze und damit den Beginn einer bis heute dauernden Auseinandersetzung mit diesem transformativen Material.

Auf der griechischen Insel Symi, wo fernab der Überflussgesellschaft die „Zimtzauberkonserven“ genannten Assemblagen aus Übriggebliebenem und Abfällen entstehen, sucht Spoerri Abstand von den „Fallenbildern“ und der damit einhergehenden Etablierung am Kunstmarkt. Dort setzt auch seine systematische Auseinandersetzung mit dem Essen und Kochen ein, die in der späteren Gründung des Restaurant Spoerri in Düsseldorf mündet, wo Spoerri auch die Kunstrichtung „Eat Art“ begründet. Aus Lebensmitteln wie Brot, Lebkuchen oder Schokolade entstehen Kunstwerke, eine künstlerische Untersuchung von „Ewigkeitswert, Verdaulichkeit,
Veränderungen der Kunst, Kunst als Konsumgut.“

Daniel Spoerri: Tableau piège – Sevilla Serie Nr. 16, 1991. Museum of Contemp. Art in Krakow MOCAK. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021. Bild: MOCAK Collection, R. Sosin

Ausstellungsrundgang im Bank Austria Kunstforum: Daniel Spoerri im Gespräch mit Kunstforum-Direktorin Ingried Brugger. Bild: © leisure / Christian Jobst

Daniel Spoerri: # 26 Flohmarkt Wien, April 2016. © Daniel Spoerri und Bildrecht, Wien 2021. Bild: © the artist and Galerie Krinzinger

Daniel Spoerri: Se laisser manger la laine sur le dos, 1965. Bischofberger Collection, Männedorf-Zurich, Switzerland. © Daniel Spoerri und Bildrecht Wien, 2021

Spoerris „Collections/Sammlungen“, in denen er die Evolution von Alltagsgegenständen wie Sparschälern oder Brillen untersucht, zeigt die Ausstellung ebenso, wie auch seine recherchebasierten Projekte, die neue Formen des Ausstellens im Zuge der „Musées sentimentaux“ erproben. Den Abschluss bildet eine multimediale Präsentation von „Il Giardino di Daniel Spoerri“ – Spoerris Künstlergarten in Seggiano in der Toskana, in dem neben eigenen Bronzen auch Arbeiten seiner Künstlerfreundinnen und -freunde, wie etwa Eva Aeppli, Meret Oppenheim, Niki de Saint Phalle oder Jean Tinguely zu sehen sind.

www.kunstforumwien.at           Daniel Spoerri im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=YN-NjVuqVjA

23. 3. 2021

Schallaburg: Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten

März 22, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf k.u.k. Nordpolexpedition im Escape Room

Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten. Bild: © Klaus Pichler

Bis heute faszinieren die großen Abenteuer von Entdeckerinnen und Entdecker. Seit dem Wochenende lädt die Schallaburg mit „Sehnsucht Ferne –Aufbruch in neue Welten“ ein, ihren Spuren zu folgen. Wer waren die Menschen hinter den Geschichten und Legenden? Was wurde entdeckt und was hieß das für die Entdeckten? Der britische Seefahrer und Entdecker James Cook, der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt oder

die österreichische Weltreisende Ida Pfeiffer – sie alle träumten von der Entdeckung neuer Welten. Sie teilten die Sehnsucht nach dem Unbekannten, dem Unerforschten und dem Neuen. Doch ihre Motive waren gänzlich unterschiedlich. Was trieb sie an? War es die Sehnsucht nach Abenteuer und Ruhm, die Gier nach Gold? Welche Ängste bewegten sie und was schürte ihre Euphorie? Welchen Herausforderungen mussten sie sich stellen? Was erwartete sie in exotischen Gefilden und was bedeutete das für die Einheimischen?

Erstmals ist ein „Escape Room“ Teil einer Schallaburg-Ausstellung: Eine spannende Expedition ins ewige Eis auf den Spuren der „österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition“ mit dem berühmten Schiff „Admiral Tegetthoff“. 1872 brach die Mannschaft auf, um eine befahrbare Nordostpassage durch die Eismeere zu finden. Diese Mission schlug fehl – und trotzdem wurde die Expedition zum riesigen Erfolg. Knapp 150 Jahre später kann sie in einem Escape-Room nachempfunden werden. Über fünf Räume sind Abenteuer zu erleben und hautnah zu spüren was es heißt, dem Erfolgsdruck und Entbehrungen einer legendären Expeditionsreise ausgesetzt zu sein.

Marcel Chahrour, aus dem inhaltlichen Team:„Selten war die Sehnsucht nach der Ferne so groß wie in diesen Tagen. Es ist eine spannende Reise für das gesamte Ausstellungsteam und insbesondere Roman Dachsberger und mich in den letzten Monaten Elemente dieser Sehnsucht aufzudecken. Seit es Menschen gibt, treibt die „Sehnsucht Ferne“ viele dazu, sich auf den Weg zu machen. Reisende, Entdecker, Abenteurerinnen und Abenteurer werden als Helden gefeiert, ihre Taten bewundert. Die großen Reisen der Geschichte haben ein reiches Erbe hinterlassen, nicht zuletzt in den Museen der „Alten Welt“. Europas Sehnsucht nach der Ferne brachte aber nicht nur Gutes. Aus dem Willen, sich die Welt zu eigen zu machen, erwuchs der Kolonialismus, und mit ihm gingen Unterdrückung, Widerstand und Krieg Hand in Hand. All das ist für uns Thema –und wir wollen auch hinschauen, wie es mit der Sehnsucht weitergeht.“

Afrikanischer Kopfschmuck aus dem Togo, 1914, Sammlung Codelli, Slovene Ethnographic Museum, © Slovene Ethnographic Museum, Bild: © Jure Rus, SEM

Tafelaufsatz in Schiffchenform aus einer fürstlichen Wunderkammer, 17. Jahrhundert, Sammlung Schloss Ambras, Innsbruck. © KHM-Museumsverband

Astronomisches Messgerät, 1761, Sammlung Esterhazy, Eisenstadt. © Esterhazy Privatstiftung

Hondius-Globus aus Antwerpen 1601, Sammlung Woldan. © Österreichische Akademie der Wissenschaften

Schwerpunkte der Schau

Forschen, plündern, sammeln, kaufen, erleben, erfahren, dokumentieren, bewahren, entdecken, erobern. Reiseutensilien von Reiseschriftstellerin Alexandra David Neel, die vermutlich als erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa in Tibet betritt, bis zu Objekten aus dem Nachlass von Kronprinz Rudolf. Einer Tsunami-Karte von Ferdinand Hochstetter bis hin zu Kuriositäten wie einem Eingeweidewurm des österreichischen Naturforschers Johann Natterer, welchen er auf hoher See zu Forschungszwecken selbst ausspie, bis hin zu einer Reisetoilette von Louis Esterhazy. Eine Weltreisende. Ida Pfeiffer (1797–1858) eine reisende Ausnahmeerscheinung – eine Frau, die auf ihren Reisen Gegenden erkundete und sich in Gebiete wagte, die bis dahin selbst die tapfersten Männer gemieden hatten! Im Zuge ihrer zweiten Weltreise, erkundete Ida Pfeiffer Indonesien, wo sie auf die sogenannten „Kannibalen“ traf. Sie publizierte ihre Erlebnisse in Berichten und hatte im Reisen ihren Lebenssinn gefunden.

Der Traum von der Reise. In den 1770er Jahren unternimmt der Brite James Cook seine großen Reisen nach Ozeanien, Neuseeland und in die Südsee, um die letzten großen weißen Flecken auf den Landkarten zu füllen. Wie viele Aufbrecher wird er zum gefeierten Helden. Als es auf einer seiner Reisen gelingt, das letzte große Problem der Navigation zu lösen, steht auch der letzte Winkel der Welt den Schiffen Europas offen. Die Reise der Novara. Im 19. Jahrhundert macht sich Europa die Welt untertan: politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich. 1857 stattet das Kaisertum Österreich seine eigene offizielle Weltreise aus. Die Marine rüstet ein Kriegsschiff, die Akademie der Wissenschaften entsendet ihre Wissenschaftler, die Wirtschaft formuliert ihre Interessen. In knapp drei Jahren umrundet die „Novara“ die Welt.

Weltkarten und Globen veranschaulichen ausdrucksvoll, wie sich das Bild von unserer Welt durch Reisen verändert – Vorstellungen werden oftmals auf das Bild von der Welt projiziert. Auch Österreich unternahm schüchterne Versuche einer Kolonialpolitik im indischen Ozean. Lange besteht zwischen den Berichten der Seefahrer und dem Realen ein großes Spannungsfeld: Von dem erfundenen Reisebericht von Caspar Plautz aus Seitenstetten, den Riesen von Patagonien bis hin zum geheimnisvollen „Südkontinent“ – aus „Nova Hollandia“ wurde letztendlich dann Australien. Eine fiktive Welt wie das Schlaraffenland findet sogar Einzug in einen Atlas.

Gier, Gewalt und Schamlosigkeit. Gold gegen Viren. Die Ferne wurde nach Europa gebracht – und die Sehnsucht nach der Welt hat ungeahnte Folgen. In der Ferne entdecken Eroberer, Abenteurer und Militärs ungeahnte Schätze. Der Gier Europas nach Gold und Silber fallen ganze Kulturen zum Opfer. Gleichzeitig nehmen Kunst und Wissenschaft in Europa einen unvergleichlichen Aufschwung. Die Ferne begeistert Europa von Anfang an. Eine kurze Geschichte einer komplizierten Begegnung. Die verschiedenen Perspektiven werden mittels Videoprojektion der Schweizer Künstlerin Susanne Hofer veranschaulicht, wie etwa die Eroberung des Reichs der Azteken durch Hernán Cortés.

Ausstellungsansicht. Bild: © Klaus Pichler

Ausstellungsansicht. Bild: © Klaus Pichler

Escape Room, Aufbruch zum Nordpol. Bild: © Klaus Pichler

Escape Room, Aufbruch zum Nordpol. Bild: © Klaus Pichler

Wie sammelt man die Ferne? Wer reist, nimmt nicht nur Eindrücke mit. Die Museen Europas sind voll mit Gegenständen aus aller Welt. Das betrifft nicht nur die großen Museen. Selbst in kleinen Regionalmuseen findet man Gegenstände aus entlegensten afrikanischen Gegenden. Warum sammeln wir? Und sollen wir das überhaupt noch tun? Auf Schloss Ambras bei Innsbruck sammelte der Tiroler Landesfürst Ferdinand II. Kostbarkeiten und Kuriositäten: goldene Gefäße und Kelche, exotische Gegenstände, Spiele, Korallen und Gemälde. Er begründete damit das erste zugängliche Museum der Welt. Andere Fürsten tun es dem Erzherzog gleich und richten auch „Wunderkammern“ ein. Der Aufstieg der Habsburger im 16. Jahrhundert ist eng mit dem Import von Silber und in geringerem Maße Gold aus der neuen Welt verbunden –nicht alles Gold dieser Zeit ist „Kolonialgold“ – Gold und vor allem Silber kommen in großer Menge über den Ozean.

Gegenstände veranschaulichen einen Exkurs des Sammelns im musealen Kontext: Objekte von James Cook bis zu einem slowenischen Missionar, welcher Metallgegenstände aus Afrika sammelte. Von der österreichischen Ethnologin Etta Becker-Donner, die in ihren Feldforschungen Völkerkunde dem Volk nahebrachte bis zur Peruanerin Laida Mori, im Mittelpunkt ihrer Forschung die indigene Bevölkerung. Von der österreichischen Ethnologin Eugenie Goldstern, die als Volkskundlerin an Alltagsgegenständen forschte, welche zu Spielzeugumfunktioniert wurden, bis zum Weltreisenden Heinrich Clam-Martinic, der auf einer Weltreise mit Franz Ferdinand unterwegs war.

Auch das akustische Erbe einer Sehnsucht nach der Ferne lässt sich entdecken. Im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften lagert der Klang der Welt: Stimmen, Lieder, Geräusche; es ist das älteste Tonarchiv der Welt. Viele Aufnahmen entstanden unter heute fragwürdigen Bedingungen – eine neue Perspektive auf die Sammelleidenschaft Europas.

Selbstbild versus Fremdbild Sind die „anderen“ primitiv und Europa modern? Amulette und magische Gegenstände aus Europa und Afrika zeigen die großen Ähnlichkeiten im Volksglauben – das eine wird jedoch als primitiv gesehen, das andere als traditionell. Masken – für die Ursprungsgesellschaften Gebrauchs- und Kultgegenstände, für Europa oftmals teure und gesuchte Kunstgegenstände. Mit „Sehnsucht Ferne – Aufbruch in neue Welten“ lädt die Schallaburg ein, den Spuren früher Weltreisender zu folgen. Man begleitet bekannte wie unbekannte Reisende von den Vorbereitungen für die Fahrt ins Ungewisse bis zu ihrer Rückkehr nach Europa. Viele Abenteuer von gestern öffnen neue Perspektiven auf die Welt von heute.

www.schallaburg.at

22. 3. 2021

Künstlerhaus Factory: Autoarchive reloaded

März 22, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Frauen, die rote Nelken fertigen

Christina Werner / Bildrecht Wien: Lion Tamer, 2019, Sujetausschnitt. © Künstlerhaus Wien

Seit 18. März zeigt das Künstlerhaus ein Projekt von Veronika Burger, Om Bori und Christina Werner. Die Ausstellung „Autoarchive Reloaded“ setzt sich mit kollektiven und persönlichen Ereignissen in Frauenbiografien auseinander. Private Archive wurden dazu geöffnet, erweitert, manipuliert und sichtbar gemacht und somit in künstlerische Arbeiten übersetzt.

Die Drei-Kanal-Videoinstallation „Maria-Josefin-Margarete“ der Medienkünstlerin Om Bori

zeichnet Episoden und prägende Erlebnisse aus den Biografien dreier Frauen nach, die generationenübergreifend miteinander verbunden sind: Bei Maria, Jozefin und Margit handelt es sich um die Großmutter,Urgroßmutter und Großtante der Künstlerin. Auch wenn sie zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten lebten, so teilten sie doch die Erfahrung von Krieg und Flucht und die Herausforderungen, mit denen sich Frauen über die Zeiten hinweg konfrontiert sahen. Darüberhinaus sind die Schicksale der dreiFrauen vor allem durch ihren Bezug zur Donau miteinander verflochten; und so zieht sich das Wasser wie ein roter Fadendurch die Erzählung. Die Videoarbeit befragt wie das Erinnern funktioniert, wie es sichtbar gemacht, übersetzt und weitergegeben werden kann und wie sich eine persönliche, individuelle Geschichte zu einem größeren Narrativ verhält.

Veronika Burgers bestehende Arbeit ist Teil eines langfristigen künstlerischen Forschungsprojekts. Diese besteht aus einer Videoinstallation „looks like she is in the pink“ und einer App RED PINKS! mit eingebettetem Archiv und geht der Frage nach, wie sich Widerstand in den Bewegungen von Arbeiterinnen und Arbeiterinnen manifestiert hat und wie diese Gesten generationenübergreifend weitergegeben werden. In ihren künstlerischen Arbeiten sucht Burger nach Möglichkeiten, Gesten in eine neue queer-feministische Bildsprache zu übersetzen. Dafür hat sie eine besondere Tätigkeit in den Blick genommen, die zwar in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sichtbarkeit der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung steht, aber meist im Hintergrund blieb und von Frauen ausgeübt wurde: die Fertigung roter Papiernelken – das zentrale Symbol der österreichischen Sozialdemokratie.

Die App RED PINKS! lädt Nutzerinnen und Nutzer ein, an der ständigen Erweiterung einer widerständigen Bewegungsdatenbank mitzuwirken. www.red-pinks.net

Raumansicht, 2021 im Künstlerhaus. Mit Installationen von Veronika Burger und Om Bori. © Künstlerhaus Wien

Veronika Burger / Bildrecht Wien: looks like she is in the pink, 2021 mit APP. © Künstlerhaus Wien

3D-Collage: Christina Werner / Bildrecht Wien: A Lion Tamer Story, 2021. © Künstlerhaus Wien

Die Geschichte der Familienfrauen – Om Bori: Maria-Josefin-Margarete, 2021. © Künstlerhaus Wien

Die Basis für Christina Werners Arbeit „A Lion Tamer Story“ liefern Episoden einer Frauenbiografie, die um Migration und die „Neuerfindung“ der eigenen Lebensgeschichte kreisen. Die Protagonistin – in Kroatien geboren und über die Schweiz nach Österreich emigriert –verfolgte zunächst den Wunsch, als Löwendompteurin nach „Afrika“zu gehen. Diese wenigen biografischen Anhaltspunkte – ob realoder fiktiv, bleibt offen – werden in der Installation der Künstlerin in eine multiperspektivischeund multimediale Collage übersetzt.Die mehrteilige Installation – bestehend aus Fotocollagen, einem Textbild, einem Vorhang, im 3D-Druckverfahren hergestellten Objekten und einem Video – gibt Archivmaterialien und persönlichen Erinnerungen eine Bühne. Hier finden sich unzählige Gesten und Geschichten weiblicher Selbstermächtigung.

Ein Begleitprogramm, unter anderem ein Round Table mit den Künstlerinnen und ein Workshop für Kinder, findet in Kooperation mit Saloon Wien und der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs statt. Alle Infos:

www.k-haus.at

22. 3. 2021