mumok: Naturgeschichten. Spuren des Politischen

September 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kolonialismus, Krieg – und ein echter Kojote

Die Giraffe als Opfer des Kolonialismus: Candida Höfer: Zoologischer Garten Paris II, 1997. Bild: Courtesy the artist. © Bildrecht Wien, 2017

Die Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, ab 23. September im mumok, befasst sich mit Darstellungen von Natur, die auf gesellschaftliche Prozesse und zeitgeschichtliche Ereignisse Bezug nehmen. Die Arbeiten unterlaufen sowohl die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum als auch die Fiktion eines unveränderlichen, naturgegebenen Geschichtsbildes. Sie verdeutlichen in unterschiedlichen Themenfeldern den Wechselbezug von Natur und Geschichte.

Und zwar jenseits romantisierender Natur- und Geschichtsverklärung. Auf drei Ausstellungsebenen spannt die Präsentation einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. In der Ausstellung zeigt sich, dass zeit- und systemkritische Kunst, die sich auf den Kolonialismus und seine Folgen, auf totalitäre Ideologien und kriegerische Konflikte sowie auf gesellschaftliche Veränderungen im Zuge politischer Systemwechsel bezieht, bis heute eine zentrale Bedeutung besitzt.

Die Schau setzt mit Arbeiten der Neoavantgarde ein, die in ihrer Reflexion über die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion und Rezeption auch deren gesellschafts- und geschichtskritische Dimensionen mitdenken. Beispielhaft dafür sind Arbeiten von Marcel Broodthaers, Joseph Beuys, Hans Haacke, Mario Merz, Hélio Oiticica oder der Künstlergruppen SIGMA aus Rumänien und OHO aus Slowenien. In seiner Rauminstallation „Un jardin d’hiver II“ (1974) spielt Broodthaers mit exotischen Pflanzen- und Tiermotiven auf die bürgerliche Sehnsucht nach fernen und fremden Ländern ebenso wie auf deren kolonialistische Ausbeutung an.

Joseph Beuys verweist in seiner Aktion „I Like America and America Likes Me“ (1974) mittels eines Kojoten als Symboltier der indianischen Ureinwohner Amerikas auf deren gewaltvolle Kolonialisierung. Während Mario Merz mit dem Motiv des Iglus als Zeichen naturverbundener nomadisierender Lebensform Zivilisationskritik betreibt, unterläuft Hans Haacke mit seinem „Grass Cube“ (1967) die im minimalistischen Kubus imaginierte nüchtern-zweckfreie Form und aktiviert stattdessen naturhaftphysikalische Prozesse als Gegenentwurf zu einem realitätsblinden Kunst- und Gesellschaftsbegriff.

Jonathas de Andrade: ABC da Cana / Sugarcane ABC, 2014 (26 Fotografien/Detail). Bild: Courtesy Jonathas de Andrade and Galleria Continua, San Gimignano, Beijing, Les Moulins, Habana

Joseph Beuys: I like America and America likes Me, 1974. Einwöchige Performance von Joseph Beuys anlässlich der Eröffnung der René Block Gallery New York im Mai 1974. Bild: Courtesy Archiv Block, Berlin. © Bildrecht Wien, 2017

Auch in naturbezogenen Arbeiten von Künstlern aus osteuropäischen Staaten und aus Lateinamerika spiegeln sich zeit- und systemkritische Anliegen: In den Arbeiten der Sigma-Gruppe (Ștefan Bertalan, Constantin Flondor, Roman Cotosman und Doru Tulcan) werden in den zunehmend restriktiver werdenden 1970er-Jahren unter dem Ceauşescu-Regime Natur und Wissenschaft zu Plattformen nonkonformistischer Kunst. Im titoistischen Jugoslawien bekundet die OHO-Gruppe (Marko Pogačnik, David Nez, Milenko Matanović, Andraž Šalamun, Naško Križnar und Marjan Ciglic), anknüpfend an die Konzeptkunst und durch den Rückzug in die ländliche Natur, ihre Kritik an der politischen Fortschrittsideologie wie auch am kunstbetrieblichen Karrieredenken. Die globale Bedeutung der Natur als politisches Motiv Ende der 1960er-Jahre zeigt sich auch in Oiticicas Installation Tropicália (1968), die auf die gleichnamige Protestbewegung gegen die brasilianische Militärdiktatur der Zeit Bezug nimmt.

Vertreter der nachfolgenden Künstlergenerationen bedienen sich sowohl kolonialismuskritischer als auch geschichts- und gesellschaftskritischer Traditionen der Neoavantgarde und aktualisieren sie für ihr eigenes zeitgeschichtliches Umfeld. Eine kritisch-analytische Sicht auf koloniale und postkoloniale Geschichte findet sich in den Arbeiten von Jonathas de Andrade, der sich brasilianischen Plantagearbeitern zuwendet, oder bei Matthew Buckingham, Andrea Geyer und Stan Douglas, die die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents thematisieren. Auch Mark Dions Installation über einen fiktiven Ethnografen, Candida Höfers Fotografien von Zoos, Christian Philipp Müllers oder Isa Melsheimers Bezugnahme auf das Verhältnis von Kolonialisierung und Pflanzentransfer sowie Margherita Spiluttinis Fotografien von exotischer Kulissenmalerei des 18. Jahrhunderts beleuchten Aspekte kolonialer Geschichte und deren Folgen bis in die Gegenwart.

Mario Merz: Igloo di Giap, 1968. Leihgabe Centre Pompidou, Paris. Bild: Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Philippe Migeat. © Bildrecht Wien, 2017

Beitrag aus Rumänien: Constantin Flondor (SIGMA Group): Knoten, dreieckige Prismen, 1974. Bild: mumok. © Constantin Flondor/Sammlung Georg Lecca, München

Die Arbeiten von Anri Sala, Ingeborg Strobl, Lois Weinberger sowie Anca Benera und Arnold Estefan behandeln Veränderungen und Verwandlungen öffentlicher und historischer Orte durch natürliche Prozesse. Die alles überwuchernde Natur erweist sich dabei als Indikator geschichtlicher Dynamiken. So zeigt Sala in „Arena“ (2003) den Verfall des Zoos in Tirana als Folge und Metapher zerbrochener gesellschaftlicher Ordnung. Während bei Strobl und Weinberger Verfallsprozesse im Landschaftlichen oder Urbanen vom Bedeutungsverlust einst funktionierender Strukturen in Krisenregionen zeugen, bringen Anca Benera und Arnold Estefan die absichtsvolle Tarnung ehemaliger Militäreinrichtungen und Kriegsschauplätze durch künstlich angelegte Naturanlagen ans Licht.

Naturdarstellungen prägen auch Werke, die sich mit Völkermord im Rahmen totalitärer Systeme und kriegerischer Konflikte auseinandersetzen. Die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors und des Holocausts begegnet den Betrachtern in den Arbeiten von Heimrad Bäcker, Mirosław Bałka, Tatiana Lecomte, Ion Grigorescu und Christian Kosmas Mayer. Wendet sich Mayer der Geschichte der sogenannten Hitler-Eichen zu, die 1936 bei der Olympiade in Berlin an die Sieger vergeben wurden, so haben Bałka, Lecomte, Grigorescu und Bäcker die Opfer und die Landschaften, Architekturen oder Relikte von Konzentrationslagern im Blick, um an die Verbrechen und ihre Verdrängung zu erinnern.

Mark Dion: The Tar Museum – Skeleton Cabinet, Lizard and Gecko & Flamingo, 2006. Bild: mumok / Klaus Pichler. Courtesy the artist and Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Weitere Arbeiten, die von politisch motivierter Gewalt, von Flucht oder Widerstand handeln, schließen hier an: so Christopher Williams’ Fotoserie „Angola to Vietnam“ (1989), in der Glasmodelle von Pflanzen an politische Morde gemahnen, oder Sandra Vitaljićs Fotoarbeiten „Infertile Grounds“ (2012), in denen verborgene Orte in der Natur als Zeugen kriegerischer Massaker ausgewiesen werden. Ebenso zählt Sanja Ivekovićs Bezugnahme auf ein Flüchtlingslager während des Balkankrieges in ihrer Arbeit „Resnik“ (1996) zu diesem Themenfeld.

Wie auch die Arbeiten Sven Johnes, Alfredo Jaars und Nikita Kadans. Während Sven Johne anhand eines erfundenen Flüchtlingsschicksals in der ehemaligen DDR gesellschaftliche Realität untersucht und Alfredo Jaar die vietnamesischen Boatpeople porträtiert, die während des Vietnamkrieges über das Meer nach Hongkong geflüchtet waren, bezieht Kadan Stellung zur ukrainischen Revolution von 2013 in Kiew. Er führt in einer Diaserie die Rolle von provisorischen Gärten als Nahrungsreservoir für die 2013 gegen den Expräsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, revoltierende Bevölkerung auf dem Maidan-Platz vor Augen.

www.mumok.at

19. 9. 2017

Leopold Museum: Anton Kolig

September 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die erste große Personale seit mehr als 50 Jahren

Anton Kolig: Sitzender Jüngling (Am Morgen), 1919. Bild: Leopold Museum, Wien. © Bildrecht, Wien, 2016

Ab 22. September zeigt das Leopold Museum die Ausstellung „Anton Kolig“. Kolig zählt zu den bedeutendsten Malern in Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist ein exponierter Vertreter einer für seine Zeit vielfach typischen dynamisierten figuralen Malerei. Seine Bilder sind von einer virtuos-schwungvollen Handschrift und einer leuchtend-schillernden Farbigkeit gekennzeichnet. Hauptthemen von Koligs Gemälden sind Porträts und figurale Allegorien.

Aus Neutitschein/Novi Jičin in Mähren gebürtig, studierte Anton Kolig an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1911 heiratete er die Schwester seines Studienkollegen Franz Wiegele und übersiedelte in den Heimatort seiner Frau nach Nötsch im Kärntner Gailtal. Gemeinsam mit den gleichfalls in Nötsch lebenden Malerkollegen Sebastian Isepp und Franz Wiegele sowie später auch mit dem Kolig-Schüler Anton Mahringer bildete er fortan den sogenannten Nötscher Kreis.

In den Jahren 1912 bis 1914 hielt sich Kolig in Paris auf, musste aber aufgrund des Ausbruches des Weltkrieges wieder nach Österreich zurückkehren. 1928 wurde Kolig an die Kunstakademie in Stuttgart berufen, wo er bis 1943 als Professor unterrichtete.

1929 erhielt er seinen wichtigsten öffentlichen Auftrag, nämlich die Ausführung von Fresken in einem Saal des Kärntner Landhauses in  Klagenfurt, die jedoch 1938/39 von den Nationalsozialisten zerstört wurden. Bei einem Bombenangriff auf Nötsch im Dezember 1944 wurde Kolig schwer verwundet und starb 1950 an den Spätfolgen dieser Verletzungen.

Anton Kolig: Stillleben mit Schildkröte, 1913. Bild: Leopold Museum, Wien. © Bildrecht, Wien, 2016

Anton Kolig: Selbstbildnis in blauer Jacke, 1926. Bild: Leopold Museum, Wien. © Bildrecht, Wien, 2016

Die Ausstellung im Leopold Museum ist nach mehr als fünfzig Jahren die erste große Personale, die zum Werk von Anton Kolig in Wien stattfindet. Das Leopold  Museum verfügt mit mehr als 20 Gemälden über den umfangreichsten musealen Bestand von Werken  des Künstlers. Die Schau wird etwa 100 Arbeiten Koligs umfassen, davon etwa 70 Gemälde und 30 Arbeiten auf Papier.

www.leopoldmuseum.org

19. 9. 2017

Karikaturmuseum Krems: Für das Leben lernen

September 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicht nur die Lehrer auf die Schippe genommen

Ein frommer Wunsch – Bruno Haberzettl: Im Audimax anno 2040 …, 2009. Bild: © Bruno Haberzettl

Zum diesjährigen Schulbeginn widmet sich das Karikaturmuseum Krems ab 17. September mit der Ausstellung „Für das Leben lernen. Mehr Wissen mit Humor und Karikatur“ der Bildung. Mehr als  30 Karikaturistinnen und Karikaturisten nähern sich dem Thema mit Humor und präsentieren auf amüsante Weise Standpunkte für einen Diskurs über die Schule und die gesellschaftlichen Anforderungen eines ganzheitlichen Bildungssystems.

Den Originalzeichnungen sind Gedanken von Expertinnen und Experten sowie Künstlerinnen und Künstlern gegenübergestellt. Dadurch regt die Ausstellung dazu an, sich mit der eigenen, aber auch der allgemeinen Bildungssituation zu beschäftigen. Bildung ist und bleibt der Schlüssel zu Entwicklung und Zukunft, Lernen soll wieder als Freude und Chance und weniger als Pflicht empfunden werden. Denn: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir – und das ein Leben lang.

Kaum ein Thema wird mehr diskutiert und analysiert als das Bildungssystem. Im Sommer 2017 konnte endlich ein politischer Kompromiss für eine Bildungsreform geschlossen werden. Bis die Reformen jedoch im Klassenzimmer ankommen, kann es noch eine Weile dauern. In einer Zeit der großen Umbrüche, Krisen und Zukunftsängste scheint das richtige Bildungssystem noch nicht gefunden zu sein.

Oliver Schopf: Pleiten, Pech und Pannen begleiten das digitale Projekt der Zentralmatura …, 2015. Bild: © Oliver Schopf

Markus Szyszkowitz: Das Märchen vom freien Unizugang, 2011. Bild: © Markus Szyszkowitz

Thomas Wizany, Nach der Schule, 2014. Bild: © Thomas Wizany

Das öffentliche  Bild von Lehrerinnen und Lehrern hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Glücklicherweise sind die Zeiten, als sie den Rohrstock schwangen, endgültig vorbei. Wissen, Persönlichkeit und dem sogenannten Classroom Management sind die Disziplinen, mit welchen die Lehrer heutzutage ihre Schüler überzeugen können. Dazu zählen klare Anweisungen, transparente Ziele und damit verbunden ein gut strukturierter Unterricht. Vor allem schwächere Schülerinnen und Schüler profitieren davon und können sich dadurch besser organisieren.

An den Schulen soll vor allem auch die politische Urteilsfähigkeit gefördert werden. Kritisches Denken, kombiniert mit Faktencheck, schützt vor medialen Unwahrheiten, den sogenannten Fake News. Den hohen Anforderungen kann die Schule aber nur auf der Basis eines positiven Zusammenspiels von Lehrern, Schülern und Eltern genügen. Bildung soll dazu befähigen, aktiv und selbstbestimmt am öffentlichen Leben teilzunehmen und Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen.  Die digitalen Bilder und Werbewelten des Internets haben wenig Verlässlichkeit, sie machen immer neue Versprechungen und erzeugen einen extremen Perfektionsanspruch.

Wo solche Medienbilder in Dauerberieselung den sozialen Alltag durchdringen, wird es schwieriger, eigene Werte und Überzeugungen zu entwickeln, um an echten Erfahrungen zu wachsen. „Jeder hat das Recht auf Bildung“ – so heißt es in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Bildung ist eine Grundvoraussetzung für soziale und wirtschaftliche Entwicklung. Innerhalb des Systems der Vereinten Nationen koordiniert die UNESCO die globale Bildungsagenda.

Vor allem wird die soziale Inklusion angestrebt, sodass jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben. Sprache und schulische Bildung sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in unsere Gesellschaft. Bildung ist wesentlich für die Verbesserung der Lebensqualität, die Überwindung von Armut, die Erreichung der Chancengleichheit der Geschlechter, die Verringerung der Kindersterblichkeit und des Bevölkerungswachstums, eine nachhaltige Entwicklung und letztendlich Frieden und Demokratie.

www.karikaturmuseum.at

16. 9. 2017

Wien Museum: Ganz Wien. Eine Pop-Tour

September 12, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kostbarkeiten aus 70 Jahren Musikgeschichte

Wolfgang Ambros: Es lebe der Zentralfriedhof, LP, 1975. Bild: Coverfoto Wolfgang Sos

Wien als Musikstadt: Dieses überstrapazierte Label speist sich zumeist aus den unterschiedlichen Spielarten der klassischen Musik, von der Wiener Schule Haydns, Mozarts und Beethovens über Schubert und Strauß bis hin zur Zwölftonmusik. Das diesbezügliche Terrain inklusive einer spezifischen „Wiener“ Ästhetik ist wissenschaftlich gründlich aufbereitet.

Anders verhält es sich mit der popkulturellen Musik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwar gelten Namen wie Georg Danzer, Falco oder neuerdings Wanda über die Grenzen Österreichs hinaus als ebenso singuläre wie prototypische Musikbotschafter Wiens.

Doch eine systematische Erfassung und Beschreibung des Phänomens gibt es erst in Ansätzen. Die Ausstellung des Wien Museums „Ganz Wien. Eine Pop-Tour“ unternimmt ab 14. September den nächsten Schritt und erzählt eine Geschichte Wiens anhand von elf popkulturellen Brennpunkten seit den 1950er-Jahren: vom Strohkoffer, in dem unter anderem die Wiener Gruppe auftrat, über das skandalumwitterte Voom Voom der 60er-Jahre, den Folkclub Atlantis der 70er-Jahre und die 80er-Kultdisco U4 bis hin zu jüngeren Szenetreffs wie Flex oder rhiz.

Eine „Pop-Tour“ durch Wien ist gerade jetzt besonders aktuell: International erfolgreiche Acts wie Bilderbuch haben bei Falco und der Wiener Gruppe gelernt, Sänger wie Der Nino aus Wien oder Voodoo Jürgens führen auf ihre Weise eine spezifische Wiener Tradition, die einst von H.C. Artmann begründet und dann von Wolfgang Ambros aufgegriffen wurde, fort. Von den Verbindungen Gustavs zum Protest-Kollektiv Schmetterlinge ganz zu schweigen.

Georg Danzer übergibt Frau Josefine Hawelka die Single Jö schau, 1975. Bild: Wolfgang Sos

Falco, 1985. Bild: Didi Sattmann

Die Ausstellung „Ganz Wien“ zeigt Kostbarkeiten und unbekanntes Material aus zahlreichen, vornehmlich privaten Sammlungen und Archiven: Videos, Konzertfotos, Plattencover, Flyer und Plakate, Bühnenoutfits, Musikinstrumente und Kurioses. Insgesamt sind mehr als 300 Objekte zu sehen.

Dazu kommen über 40 Stationen mit Soundbeispielen aus fast 70 Jahren Popgeschichte, von Wolfgang Ambros, Die Bambis, Bilderbuch, Blümchen Blau, Chuzpe, Al Cook, Georg Danzer, Drahdiwaberl, Falco, Gustav, Hallucination Company, André Heller, Kruder & Dorfmeister, Hansi Lang, Marianne Mendt, Minisex, Der Nino aus Wien, Novak’s Kapelle, Pulsinger & Tunakan, Schmetterlinge, Schönheitsfehler, Soap & Skin, The Dead Nittels, The Vienna Beatles, Tom Pettings Herzattacken und Wanda.

Außerdem ist in der Ausstellung eine Auswahl aus dem „Lexikon der österreichischen Popmusik“ von Ö1 zu hören. Dabei handelt es sich um eine Radiokollegreihe, die Leben und Werk einzelner Musikerinnen, Musiker und Bands dokumentiert und ihre Bedeutung für die österreichische Musiklandscha ft sowie ihre Rolle bei der Entstehung gegenkultureller Milieus reflektiert oe1.orf.at/lexikonderpopmusik.

Nehmen Sie hoch das Bein, treten Sie ein!: ein Ausstellungsrundgang

Den Beginn macht ein kleiner Raum mit angeschlossener Galerie in der Kärntner Straße Nr. 10, den der Art Club Wien 1951 eröffnete: der Strohkoffer. Das 48m² große Kellerlokal war an den Wänden mit Schilfrohr verkleidet (eine Idee des Architekten Oswald Haerdtl), was den Bildhauer Fritz Wotruba zur Namensgebung inspirierte. Nicht nur Vertreter der Bildenden Künste trafen sich dort, auch Literaten und Musiker schätzen die dichte, kreative Atmosphäre. Es gab Lesungen, Performances und Konzerte. Die Wiener Gruppe, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Friedrich Gulda sowie die Jazzer Uzzi Förster, Hans Salomon und Joe Zawinul zählten zum Stammpublikum, Helmut Qualtinger fand hier Inspiration für seine Sketches und Figuren. Ab und zu schaute auch internationale Kunstprominenz vorbei, so etwa Jean Cocteau. Die dominante Musik war der Jazz, der im Wien der Nachkriegszeit von vielen noch immer als subversive „Negermusik“ und Propagandamusik der Amerikaner angesehen wurde. Der Strohkoffer war zwar nur ein temporäres Refugium bis 1953, doch seine künstlerischen Impulse wirkten fort und beeinflussten auch die Jüngeren.
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Gustav, 2008. Bild: Thomas Degen

Bilderbuch, 2017: Maurice Ernst, Michael Krammer, Peter Horazdovsky und Philipp Scheibl. Bild: Heribert Corn

Nach allgemeiner Anschauung sicher nicht in Ordnung waren die wirklich alternativen Brutstätten der Popmusik in Wien. Neben dem San Remo in der Neubaugasse, das später als Camera Club in die Undergroundgeschichte der Stadt einging (hier tratder geniale Karl Ratzer mit seiner Band Slaves auf), war dies vor allem das legendäre Voom Voom in der Laudongasse. DJ-Kanzel, Stroboskop, Discokugel und eine untadelige Musikanlage machten das Lokal zum Hot Spot für eine „bunte Mischung, die von Künstlern, Musikern, Studenten und informierten Working-Class-Typen reichte“, so Edek Bartz, der zu den Mitbegründern zählte und dort als DJ die heißesten Tracks aus den USA unters Volk brachte. Gespielt wurden die Stones, Frank Zappa, James Brown oder Jimi Hendrix. „In der Wüste der Ignoranz und des Unwissens entstand so eine Oase der Coolness“, so Bartz. Die fortschrittlichste Pop-Formation Wiens dieser Zeitwar zweifellos Novak’s Kapelle, deren Auftritte eher provokanten Performances denn herkömmlichen Konzerten glichen.

Mit Pionierarbeit und musikalischer Horizonterweiterung aufs Engste verbunden war auch das Funkhaus in der Argentinierstraße. Vor der Gründung von Ö3 im Jahr 1967 hatte es zwar immerhin die Sendung „Gut aufgelegt“ von Evamaria Kaiser gegeben, die als Promotorin junger Talente Beachtliches leistete. Doch erst die Gründung eines eigenen Jugendsenders sorgte für eine musikalische Durchlüftung in großem Stil. Dabei ging es nicht nur darum, die neueste internationale psychedelische Rockmusik zu vermitteln. Der ORF mutierte selbst zum Förderer, Initiator und Produzenten heimischer Pop-Acts. Marianne Mendts Hit „A Glock ́n, die 24 Stunden läut ́“ wurde von der späteren ORF-Big-Band aufgenommen; Radioredakteur Alfred Treiber regte die Worried Men Skiffle Group zum Vertonen von Texten des Dichters Konrad Bayer an, woraus der erste große Dialekthit „Glaubst i bin bled“ resultierte; in der Jugendsendung Musicbox lief die Gründungshymne des Austropop, „Da Hofa“ von Wolfgang Ambros, im Dauerloop. Der Pioniergeist dieser Jahre, der mit Namen wie Ernst Grissemann, André Heller und Wolfgang Kos verbunden ist, kehrte in den 90er-
Jahren neuerlich zurück, als sich die Musicbox mit dem damaligen Redakteur Werner Geier zum Hip-Hop-Reservat wandelte und schließlich der Sender FM4 gegründet wurde.
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Chuzpe: Love will tear us apart, Single, 1980. Bild: Privatsammlung Walter Gröbchen

Hansi Lang, Keine Angst, LP, 1982. Bild: Privatsammlung Walter Gröbchen

Im Folkclub Atlantis, der mehrmals seinen Ort wechseln musste, spielte Wolfgang Ambros erstmals seinen „Hofa“, und auch der „Watzmann“ feierte hier Premiere. Mit dem Song „Jonny reitet wieder“ wurden die Schmetterlinge zur wichtigsten politischen Band der Wiener Szene. Nicht weniger politisch, aber mit ganz anderen Methoden agierten die Hallucination Company mit Hansi Lang und dem jungen Falco sowie die Schockrocker Drahdiwaberl. Beide brachten in den späten 70er-Jahren das Hernalser Vergnügungszentrum mit theatralischen Freakshows zum Beben. Der Ort war geschichtsträchtig: 1868 unter dem Namen Etablissement Klein als Volkssängerbühne gegründet, übernahm der Jazzmusiker Hans Neroth 1959 die Location und funktionierte sie zur breitenwirksamen Entertainment-Bühne um. Man kam, um Heinz Conrads, Cissy Kraner oder Fritz Muliar zu sehen. Ab 1966 wurde eine neue Ära eingeläutet. Jeden Samstag Abend hieß es „sweet sweet sweet“, jeden Sonntag und Feiertag „beat beat beat“. 1000 Besucher pro Abend waren keine Seltenheit. Ende der 70er-Jahre wurde das Etablissement geschlossen, dann renoviert und von Kulturveranstalter Alf Krauliz unter dem Namen Metropol zur Kleinkunstbühne umgewandelt.

Im U4, 1980er-Jahre. Bild: Privatsammlung Conny De Beauclair

Mit Sicherheit der bis heute bekannteste und in punkto Undergroundkultur prägendste Ort Wiens ist das U4, das 1980 von Ossi Schellmann eröffnet wurde und der neuen Punk- und New Wave-Szene alle Freiheiten ließ. Falco war hier bekanntlich Stammgast, Blümchen Blau, Tom Pettings Herzattacken, Hansi Lang, Drahdiwaberl – sie alle gehörten zum Inventar.

Geadelt wurde das U4 auch durch internationale Stars wie Einstürzende Neubauten, Sonic Youth, später Nirvana. Sogar die Soul- und Jazzsängerin Sade und Pop-Superstar Prince traten hier auf. Wer zur Szene gehören wollte, musste dabei sein (und an Türsteher Conny de Beauclair vorbei). Der Flamingo-Club am Montag, Crossover-Veranstaltungen mit Kunst und Mode, die legendären U4-Feste: All das machte das U4 bis in die 90er-Jahre hinein zum „einzigen Nachtclub Österreichs mit internationaler Bedeutung“, so Ossi Schellmann.

Nach Ausflügen ins Flex und ins rhiz endet die Tour schließlich auf dem Karlsplatz. Seit 2010 feiert sich hier die heimische Musikszene mit dem jährlichen Popfest, dessen Idee sich aus einem Begleitprogramm zur Fußballeuropameisterschaft 2008 entwickelt hatte. Jährlich wechselnde Kuratoren sorgen dafür, dass die unterschiedlichsten Klangentwürfe und Musikrichtungen hier ihren Auftritt haben. „Was mir an den Musikerinnen und Musikern der Generation Popfest von Anfang an auffiel, war, wie wenig sie an spezifische Subkulturen gebunden waren“, so Robert Rotifer, einer der entscheidenden Impulsgeber. „Und wie bereit, miteinander in wechselnden Zusammenarbeiten Musik der unterschiedlichsten Stile zu produzieren.“

www.wienmuseum.at

12. 9. 2017

Kunst Haus Wien: Visions of Nature

September 12, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zugriff des Menschen seine Umwelt

Vanja Bucan: Camouflage, aus der Serie Sequences of Truths and Deception, 2015. Bild: © Vanja Bucan

Ilkka Halso: Kitka River (aus der Serie Museum of Nature), 2004. Bild: © Ilkka Halso, courtesy Gallery Taik Persons, Berlin

Axel Hütte: San Fernando de Atabapo, 2007. Bild: © Axel Hütte, courtesy ALTANA Kunstsammlung, Bad Homburg

Ola Lanko: Installationsansicht „Mountain 2015“. Bild: © KUNST HAUS WIEN 2017, Eva Kelety

Die Ausstellung „Visions of Nature“ vertieft ab 13. September den vom Kunst Haus Wien in diesem Jahr festgelegten Programmschwerpunkt seiner Fotografieausstellungen auf die Themen Natur, Landschaft, Umwelt und Ökologie. Eine Auswahl von 25 aktuellen Positionen österreichischer und internationaler Künstlerinnen und Künstler führt in der Präsentation eindrücklich vor Augen, dass dem Medium Fotografie und Video im Bestreben, das gegenwärtige Verhältnis von Mensch und Natur zu verstehen, eine besondere Rolle zukommt.

Die stets in Veränderung begriffene Beziehung der Menschen zur Natur wird aus künstlerischer Sicht, aus unterschiedlichen Perspektiven reflektiert. Es sind Naturbetrachtungen, die die heutige Ambivalenz des Naturverständnisses – Natur als Zuflucht zum einen, eine immer weitreichender von Zerstörung und Ausbeutung bedrohte Umwelt zum anderen – bebildern, filtern und analysieren.

Das Verhältnis des Menschen zur Natur unterliegt einem permanenten Wandel. Nie vor dieser Zeit hatten jedoch die Veränderungen durch menschliches Einwirken auf die Natur so weitreichende Auswirkungen wie heute. Die gezeigten Bilder thematisieren Natur und die Möglichkeiten der Abbildung und Repräsentation derselben vor dem Hintergrund des Anthropozän, der vom Menschen geprägten Epoche der Erdgeschichte.

Mit der Ausstellung wird deutlich, wie sehr sich der Mensch nicht mehr als Teil der Natur begreift, sondern diese aufgrund komplexer Zusammenhänge und indirekter Abhängigkeiten weitaus abstrakter erlebt. Man ist Teil einer Gesellschaft, die sich vom selbstverständlichen Wissen um die Natur und vom Leben mit der Natur weit entfernt hat, und sich mittlerweile in nicht nur wissenschaftlich geführten Diskursen mit den langfristigen Auswirkungen des menschlichen Eingriffs in die Natur auseinandersetzen muss.

Alle Arbeiten siedeln sich im Spannungsfeld zwischen Natur als Sehnsuchtsort sowie Natur als Ressource an und sind in einer Gegenüberstellung von gefährdetem Öko-System und alles überdauernder Naturgewalt verankert. Sie zeigen, dass die fotografische Abbildung von Natur und Landschaft als Konstrukt schon unsere Vorstellung von Natur prägt und veranschaulichen Szenarien der Annäherung und Abgrenzung zwischen Mensch und Natur.

Die Bandbreite der vorgestellten Arbeiten – sie reichen von Darren Almond bis Anna Reivilä  – macht zudem die Wandelbarkeit unserer Beziehung zur Natur deutlich. Natur ist kein von kulturellen Kontexten unabhängiger Ort: Natur und Kultur sind untrennbar miteinander verbunden.

Mit Arbeiten von Darren Almond, Rodrigo Braga, Vanja Bucan, Jennifer Colten, Andreas Duscha, Tomas Eller, Michael Goldgruber, Andreas Gursky, Ilkka Halso, Roni Horn, Michael Höpfner, Axel Hütte, Adam Jeppesen, Jaakko Kahilaniemi, Mathias Kessler, Claudia Märzendorfer, Ola Lanko, Myoung Ho Lee, Ralo Mayer, Simone Nieweg, Charly Nijensohn, Donna Ong, Anna Reivilä, Bruno V. Roels und Michael John Whelan.

www.kunsthauswien.com

12. 9. 2017