Karikaturmuseum Krems: Thomas Spitzer – Rockomix ein Leben lang!

Dezember 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das EAV-Mastermind zeigt seine Bilder

Thomas Spitzer: EAV Figuren, 2018. Bild: Thomas Spitzer

Ab 9. Dezember widmet das Karikaturmuseum Krems dem Universalgenie der EAV die Ausstellung „Thomas Spitzer – Rockomix ein Leben lang!“ und zeigt seine genialen Karikaturen und Zeichnungen. Mit etwa 200 Kunstwerken aus den vergangenen 50 Jahren ist das die größte Retrospektive in Österreich. Thomas Spitzers Karikaturen zeigen die weniger bekannte Seite des Künstlers. Sie sind wortgewaltig, pointiert und manchmal polarisierend.

Spitzer selbst sieht seine Kunst und den „Humor als Rettungsboot im Meer des Elends. Ich kann die Welt nicht ändern, aber ich kann das aktuelle Geschehen mit meinen Mitteln reflektieren.“ Spitzers Œuvre erstreckt sich von satirischen Zeichnungen und Cartoons, über das bunte Rocktheater „Rockomix“ und Trickfilm, bis zu Landschaftszeichnungen, Gemälden und großformatigen Comics – entstanden in seiner Wahlheimat Kenia. Nicht nur die Bühnenbilder und EAV-Comics stehen im Fokus der Ausstellung, sondern auch die frühen Werke Spitzers. Angefangen bei den Cowboy Comics, die im Stil stark an die frühen Zeichnungen von Manfred Deix erinnern, über die Grafiken aus einer Studienzeit, bis hin zu aktuellen politischen Karikaturen und Collagen. Die Zeichnungen aus seiner Studienzeit und die damit verbundene Stilsuche Spitzers sind besondere Highlights der Ausstellung, da viele Stil-Parallelen österreichischer Karikaturisten zu erkennen sind.

Thomas Spitzer: Gevatter Tod, o. D. Bild: Thomas Spitzer

Thomas Spitzer: Afrika, 1983. Bild: Thomas Spitzer

Für EAV-Fans bietet die Ausstellung unter anderem selten gezeigte Skizzen der Bühnenoutfits und Show-Kulissen. Auch die bekannten EAV-Maskottchen, der Nasenbär Neppomuk und der charmante Pinguin stammen aus der Feder von Thomas Spitzer. „Thomas Spitzer ist ein scharfer Kritiker unserer Gesellschaft. Seine Texte sind gekonnt im Rock verpackt, entfalten ihre politische Kraft und sind unglaublich witzig. Sie zählen zu den Sternstunden österreichischer Satiregeschichte“, so Gottfried Gusenbauer, der Kurator und Direktor des Karikaturmuseum Krems über den Künstler. Mit seinem eigenen Wortspiel und Weltbild sowie der Freude an neuen Wortschöpfungen schüttel-reimt und übertreibt Spitzer ohne sich thematisch je Grenzen zu setzen. Von den sozial-kritischen Werken, den Kabarett-Zwischenstücken, den Nonsens-Nummern und den Oden an Anti-Held Franz bis hin zu ernsten, nachdenklichen (Liebes-)Balladen, ist fast alles mit der EAV veröffentlicht worden.

www.karikaturmuseum.at

8. 12. 2018

Leopold Museum: Klimt, Waldmüller, Verborgene Schätze

Dezember 6, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei neue Ausstellungen zum Reopening

Otto von Thoren: Skizze zum Seebad bei Trouville, um 1880. Bild: © Leopold Museum, Wien

Nach einem Monat Umbauphase eröffnet das Leopold Museum heute mit drei neuen Ausstellungen. Zu sehen ist Wege ins Freie. Von Waldmüller bis Schindler. Der ästhetische Rahmen der Gattung Landschaftsmalerei war im 19. Jahrhundert überaus breit. Wurde die freie Natur in der Romantik als bedrohliche Kulisse oder entrückter Sehnsuchtsort auf die Leinwand gebannt.

So konnte sie in der Biedermeierzeit als lichtdurchflutete Bühne des ländlichen Alltags fungieren. Die Bildanekdoten von Ferdinand Georg Waldmüller und Friedrich Gauermann bestechen dabei durch überrealistische Helldunkel-Kontraste, welche die dargestellten Szenerien gleichsam zu einer Parallelnatur erhoben. Einen anderen Weg ging ab 1860 jene jüngere Generation, deren Spiritus Movens und Zentralfigur der „österreichische Corot“ Emil Jakob Schindler war. Unter Verwendung dezenter Farbtöne huldigte dieser KünsterInnenkreis den unspektakulären, von lyrischen Stimmungen durchwehten Landschaftsstrichen.

Sowohl die idyllische Umgebung der Donaumetropole als auch Westfrankreich, Italien, Dalmatien, die Niederlande und Ungarn waren Ziele ihrer ausgedehnten Malausflüge. Synergetische Effekte ergaben sich aus der Auseinandersetzung mit der Freilichtmalerei der Schule von Barbizon, der Haager Schule, der Münchner Schule sowie der holländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts. Malerinnen und Maler des österreichischen Stimmungsrealismus fanden dabei zu individuellen, teils höchst eigenwilligen Lösungen. In der Ausstellung „Wege ins Freie“ werden Werke von Rudolf Ribarz, Robert Russ, Eugen Jettel, Otto von Thoren, Anton Romako und August von Pettenkofen gezeigt. Ein besonderes Augenmerk gilt Tina Blau-Lang, die sich als herausragende Landschaftsmalerin in einem männlich dominerten Metier behaupten konnte und sich als Kunstlehrerin verdient machte. Wechselbeziehungen zwischen den Kunstmetropolen Wien und Paris sowie das Verhältnis mancher Maler zum jungen Medium Fotografie werden ebenso berücksichtigt.

Klimt – Moser – Gerstl präsentiert ausgewählte Werke der Hauptvertreter des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser sowie des wegweisenden Frühexpressionisten Richard Gerstl. Gustav Klimts Schaffen markiert den Anfang der modernen Kunst in Österreich. Zwei Jahrzehnte bevor Klimt als streitbarer Kämpfer gegen die Kunst des Historismus auftrat, war er selbst Teil dieser auf klassische Traditionen sich berufenden kulturellen Epoche. Ein künstlerischer Paradigmenwechsel und die Ausbildung eines individuellen Stils setzten bei Klimt Mitte der 1890er-Jahre ein, als er erste Entwürfe zu den Fakultätsbildern für die Universitätsaula anfertigte. Mit seinem ornamental-dekorativen Stil wurde er nicht nur zum bedeutendsten Vertreter der Secession, sondern auch ein begehrter Porträtist für die Damen des wohlhabenden Wiener Großbürgertums. Ab der Jahrhundertwende entstanden zudem elegische Landschaftsbilder, die seinen Ruhm zusätzlich steigerten. In dem Gemälde Tod und Leben aus der Sammlung des Leopold Museum setzt sich Klimt auf unbewusst traumhafte Weise eindrücklich mit dem Naturkreislauf von Entstehen und Vergehen auseinander.

Gustav Klimt: Ausschnitt aus Tod und Leben. Bild: © Leopold Museum

Michael Powolny: Hermenvase, um 1906. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 4601

Koloman Moser wurde einer der prägendsten Gestalten der Secession. Als „Tausendkünstler“ (Hermann Bahr) bezeichnet, lieferte er zahlreiche Illustrationsbeiträge für die Zeitschrift Ver Sacrum, zeichnete als Ausstellungsgestalter für viele Secessionsausstellungen verantwortlich, war Professor an der Kunstgewerbeschule, Mitbegründer (mit Josef Hoffmann und Fritz Waerndorfer) und vielbeschäftigter Entwerfer der Wiener Werkstätte, Bühnenbildner und nicht zuletzt Maler von Landschaften und symbolistischen Figurendarstellungen. Richard Gerstl, von dem das Leopold Museum Dank des Sammlers Rudolf Leopold die umfangreichste Sammlung besitzt, widersetzte sich sowohl stilistisch wie auch inhaltlich dem Programm der Wiener Secession. Entgegen aller Traditionen schuf er ein radikal unkonventionelles, wenngleich schmales OEuvre, das auf stilistischen Experimenten aufbaute und ihn als Wegbereiter des österreichischen Expressionismus kennzeichnet.

Verborgene Schätze II rückt zentrale Werke der Sammlung des Leopold Museum ins Scheinwerferlicht, die aufgrund ihres prekären Erhaltungszustandes lange nicht ausgestellt werden konnten. Die Ausstellung gibt spannende Einblicke in den Facettenreichtum der Sammlung. Präsentiert werden Gemälde von Tina Blau, Koloman Moser und Anton Kolig, Grafiken von Lovis Corinth, Bertold Löffler und Maria Likarz-Strauss sowie wichtige kunsthandwerkliche Objekte und Möbel von Dagobert Peche, Josef Hoffmann und Otto Wagner. Zugleich reflektiert die Schau eine der zentralen Aufgaben des Museums, die neben der Erforschung, Vermittlung und Präsentation von Kunstwerken gerade in deren Bewahrung für unser kulturelles Gedächtnis besteht. Seit der ersten von Direktor Hans-Peter Wipplinger initiierten Präsentation des Projekts „Verborgene Schätze“ im Jahr 2016 konnten zahlreiche PatInnen gewonnen werden, die durch ihr großzügiges finanzielles Engagement dazu beigetragen haben, diese Schätze in Zukunft der Öffentlichkeit wieder dauerhaft zugänglich zu machen.

Der Vergleich zwischen Objekten, deren Restaurierung bereits abgeschlossen wurde und jenen „Schätzen“, die noch gehoben werden müssen, gibt Einblick in das breite Spektrum an konservatorischen bzw. restauratorischen Möglichkeiten von heute. Diese reichen von Maßnahmen im Sinne einer grundlegenden Substanzsicherung über solche, die sich auf das optische Erscheinungsbild oder die Präsentation des Kunstwerks beziehen bis hin zu präventiven Methoden.

www.leopoldmuseum.org

6. 12. 2018

Jüdisches Museum Wien: Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn

Dezember 4, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Floridsdorfer auf der Flucht nach Rio

Kurt Klagsbrunn: Akrobatik am Strand, Copacabana, 1946. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Das Jüdische Museum Wien präsentiert zum 100. Geburtstag von Kurt Klagsbrunn ab 5. Dezember eine Auswahl seiner Fotografien aus dem brasilianischen Exil.

Seine Bilder vom Leben der Cariocas auf den Straßen Rios und am Strand von Copacabana, der exklusiven Events der Eliten, der Promis und bedeutender Ereignisse wie der Fußball- weltmeisterschaft 1950 oder der Entstehung der neuen Hauptstadt Brasília, lassen den Betrachter in das Brasilien der 1940er- bis 1970er-Jahre eintauchen und bedeuten für Wien eine Entdeckung.

Der Fotograf Kurt Klagsbrunn, geboren 1918 in Wien, hielt von 1939 bis in die 1970er-Jahre das moderne Leben Brasiliens fest. Er fotografierte die Partys der Wohlhabenden ebenso wie die Vergnügungen der kleinen Leute. Seine Modelle waren Prominente wie Orson Welles oder Evita Perón, aber auch Brautstrauß werfende Frischvermählte, Schuhputzer auf den Boulevards oder verträumte Kaffeegenießer. Dabei wollte der Sohn eines Floridsdorfer Kohlenhändlers und Fußballfunktionärs eigentlich Arzt werden, musste jedoch nach der Flucht aus Österreich 1938 den Beruf wechseln, um sich im Exil eine neue Existenz aufzubauen.

Er wählte das Hobby seiner Jugend und stieg rasch vom Autodidakten zum Pionier der Gesellschaftsfotografie auf. 2005 starb Kurt Klagsbrunn in Rio de Janeiro. Sein Neffe Victor Klagsbrunn betreut seither den Nachlass mit mehr als 250.000 Negativen. 2017 schenkte er dem Jüdischen Museum Wien einen Teilnachlass mit Briefen, Notizen, Fotos und anderen Erinnerungen an das Leben der Familie Klagsbrunn in Floridsdorf und ihrer Flucht nach Rio.

Die Ausstellung „Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn“ präsentiert diese Schenkung sowie eine Auswahl seiner Werke aus dem brasilianischen Exil. Die Geschichte der Familie Klagsbrunn steht stellvertretend für das Schicksal tausender Wiener Jüdinnen und Juden, die im Zuge des wirtschaftlichen, kulturellen und akademischen Aufbruchs der Residenzstadt im späten 19. Jahrhundert aus Galizien in die boomende Metropole Wien strömten, in der Hoffnung, sich hier ein besseres Leben aufbauen zu können. Was für ein paar Jahrzehnte auch gelang, bis die Nationalsozialisten dem ein brutales Ende setzten.

Kurt Klagsbrunn: Vor dem Kino, Cinelândia, Rio de Janeiro,1946. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Kurt Klagsbrunn: Laut Kurt war die Giraffe eines der beliebtesten Kostüme im Jahr 1949. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Im Alter von zwanzig Jahren wurde der Wiener Jude Kurt Klagsbrunn im März 1938 aus seinem studentischen Leben an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien gerissen. Glücklicherweise gelang der Familie Klagsbrunn die Flucht und Kurt, der in Wien unter anderen Umständen vermutlich eine medizinische Karriere vor sich gehabt hätte, fand in Brasilien eine neue Heimat und avancierte dort zu einem der bekanntesten Fotografen des Landes. Bekannt wurde die Geschichte der Familie Klagsbrunn durch den Schriftsteller Erich Hackl, der durch eine zufällige Bekanntschaft mit Victor Klagsbrunn darauf aufmerksam wurde und ihr mit einer Erzählung in dem Band „Drei tränenlose Geschichten“ ein literarisches Denkmal setzte.

Kurt Klagsbrunn: Blick auf Rio de Janeiro, vermutlich aus der Christus-Statue in Corcovado, 1948. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Der Teilnachlass von Kurt Klagsbrunn, den sein Neffe Victor Klagsbrunn dem Jüdischen Museum Wien überließ, enthält neben vielen Fotos auch eine große Anzahl an Archivalien: Briefe, Korrespondenzkarten, Notizen, ein Skizzenbuch, Ausweise und andere amtliche Dokumente sowie handschriftliche Listen von den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bis in die 1980er.

Der größte Teil der Schenkung stammt aber aus den 1930er-Jahren und dokumentiert das Leben von Kurt, seines um fünf Jahre älteren Bruders Karl Peter, genannt Peter, und ihrer Eltern Friederike und Leopold Klagsbrunn in Wien sowie die Flucht der Familie 1938/39 über Rotterdam, London und Lissabon nach Rio de Janeiro. Darüber hinaus enthält der Teilnachlass auch noch biografische Dokumentationen zu vielen weiteren Mitgliedern der umfangreichen Verwandtschaft.

www.jmw.at

4. 12. 2018

Museum der Moderne Salzburg: Lisl Ponger. Professione: fotografa

November 27, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Blick auf das Bekannte und das Fremde

Lisl Ponger: Geisterbeschwörung, 2012. Bild: © Lisl Ponger / Bildrecht, Wien, 2018

Fotografie, Experimentalfilm, Medienkunst – das Werk Lisl Pongers ist ausgesprochen vielfältig. Immer wieder nimmt sie die Frage nach dem Fremden und dem Eigenen in den Blick.

Auf zwei Ebenen des Rupertinum präsentiert das Museum der Moderne Salzburg nun ab 1. Dezember in einer umfangreichen Übersichtsschau das Werk der Trägerin des Otto-Breicha-Preis für Fotokunst 2017.

Seit den frühen 1970er-Jahren arbeitet Lisl Ponger als freischaffende Künstlerin in den Bereichen Fotografie und Film.

Mit ihren inszenierten Fotoarbeiten wie „La Catrina“ und „Teilnehmende Beobachterin“ zeigt Ponger, wie sich Stereotypen, Rassismen und Blickkonstruktionen seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Fotografie erhalten und fortgesetzt haben. Daneben sammelt sie für ihr eigenes fiktives Museum MuKul, das Museum für Fremde und Vertraute Kulturen, Objekte aus der westlichen Alltagskultur und aus touristischen Souvenirläden, die den Umgang des Westens mit fremden Kulturen offenbaren. In der Ausstellung „Professione: fotografa“ werden in drei Kapiteln neben zahlreichen großen fotografischen Tableaus auch einige ihrer frühen Filme sowie Objekte und Skulpturen des Museums MuKul präsentiert. Ebenfalls zu sehen ist die 2017 für das neu eröffnete Weltmuseum Wien erarbeitete Installation „The Master Narrative und Don Durito“.

Lisl Ponger: Ohne Titel, 2013. Aus der Serie „La Catrina or another Mexican Afternoon“. Bild: © Lisl Ponger / Bildrecht, Wien, 2018

Lisl Ponger: Ohne Titel, 2013. Aus der Serie „La Catrina or another Mexican Afternoon“. Bild: © Lisl Ponger / Bildrecht, Wien, 2018

Der Titel der Ausstellung, der von der Künstlerin gewählt wurde, lehnt sich an Michelangelo Antonionis Film „Professione: reporter“ aus dem Jahr 1975 an, in dem Probleme von Erkenntnis und Eigenverantwortlichkeit sowie die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Werk thematisiert werden. „Der außergewöhnliche, interdisziplinäre Facettenreichtum von Lisl Pongers künstlerischem Denken zeigte sich bereits in der Konzeption dieser umfangreichen Übersichtsschau, an der die Künstlerin maßgeblich beteiligt war. Ganz besonders freut es mich auch, dass sie für Salzburg eine neue Fotoserie gestaltet hat, die wir nun erstmals öffentlich präsentieren“, so Christiane Kuhlmann, Kuratorin Fotografie und Medienkunst sowie Mitglied der Jury des Otto-Breicha-Preises für Fotokunst 2017.

www.museumdermoderne.at

27. 11. 2018

Architekturzentrum Wien: Downtown Denise Scott Brown

November 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Flanieren auf der Piazza

Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Bild: Robert Venturi

Denise Scott Brown ist Legende, Geheimtipp und Ikone. Sie startete eine Revolte gegen die architektonische Moderne mit dem Ziel, die Moderne zu retten. Höchste Zeit für die weltweit erste umfassende Einzelausstellung zum Werk der heute 87-jährigen Architektin, Stadtplanerin, Lehrerin und Autorin: „Downtown Denise Scott Brown“, zu sehen ab 22. November im Architekturzentrum Wien.

Seit den 1960er Jahren hat Denise Scott Brown – gemeinsam mit ihrem Partner und Ehemann Robert Venturi, mit dem sie ein Büro in Philadelphia führte – Generationen von Architektinnen und Architekten auf der ganzen Welt beeinflusst. Sie hat den Zusammenhang von Architektur und Stadtplanung, die Regeln von Entwurf, Fotografie und Analyse sowie Fragen von sozialer Verantwortung und Alltag und nicht zuletzt die Möglichkeit gemeinsamer Kreativität neu definiert. Aus ihrem Forschungsprojekt zu Las Vegas entstand das wegweisende Buch „Learning from Las Vegas“, dessen Einfluss bis heute spürbar ist.

Scott Brown trat als heftige Kritikerin einer Moderne an, die Kontext, Kommunikation und Geschichte beharrlich ignorierte. Die Arbeit mit dem Vorhandenen, mit der „Stadt als Palimpsest“, ist für ihre urbanistische und theoretische Arbeit zentral. Heute, da sich eine jüngere Generation von Architekten wieder dieser Komplexität verschreibt, sind Scott Browns undogmatische Formensprache, ihre zurückhaltenden urbanen Eingriffe, ihre aufschlussreichen photographischen Analysen, aber auch ihre manieristischen Eskapaden und ihr postheroischer Humor reif für eine Wiederentdeckung.

Denise Scott Browns Leistungen wurden in den letzten Jahrzehnten oft übersehen oder marginalisiert. So wurde 1991 der Pritzker Preis für die gemeinsame Arbeit alleine an Robert Venturi verliehen, was Jahre später auch eine öffentlichkeitswirksame Petition nicht korrigieren konnte. Der Kampf um die Anerkennung von Frauen in der Architektur, aber auch um das Verstehen von gemeinsamer Kreativität, ist Denise Scott Brown ein Anliegen geblieben. Aber paradoxerweise hat gerade ihr Status als feministische Ikone wiederum den Blick auf ihre architektonische Arbeit verstellt. Deshalb widmet sich die Ausstellung im Architekturzentrum Wien gleichermaßen Leben und Werk dieser Grande Dame der Architektur. Scott Brown verfolgt weiterhin ihre Ideen und widmet sich dem Schreiben. Robert Venturi verstarb im September dieses Jahres.

Mielparque Nikko Kirifuri Hotel und Spa, Nikko, Japan, 1997. Bild: Matt Wargo

Sainsbury Wing, National Gallery, London, United Kingdom, 1991. Bild: Richard Bryant

Die ungewöhnliche Form der Ausstellung „Downtown Denise Scott Brown“ entspricht ihrem einzigartigen architektonischen und urbanistischen Werk, das einerseits mit Kommerz und Populärkultur spielt und andererseits ästhetische und gesellschaftliche Konflikte vorführt. „Downtown Denise Scott Brown“ ist zugleich Ausstellung und urbaner Ort. Unter dem Backsteingewölbe des Architekturzentrum Wien entfaltet sich rund um einen monumentalen und doch geheimnisvollen Brunnen ein städtischer Platz, gerahmt von Geschäftsportalen, einem Café und Marktstand. Hier begegnen Besucher dem faszinierenden Leben und Werk von Denise Scott Brown in Originalobjekten, Fotos, Collagen, umfangreichen Zitaten, Plänen und Videos. Der Bogen der Ausstellung erstreckt sich von ihrer Kindheit in Afrika und ihren ausgedehnten Studienreisen auf der ganzen Welt über ihre berühmten fotografischen Projekte, ihre Schriften und ihre bahnbrechenden Studien wie „Learning from Las Vegas“ bis zu ihrer architektonischen und urbanistischen Arbeit auf vier Kontinenten.

Besuchern von „Downtown Denise Scott Brown“ sind eingeladen, entlang der Schaufenster zu flanieren, sich in überraschende Details zu vertiefen, über „Kleine Big Ideas“ oder „Augen, die nicht sehen!“ zu diskutieren. Sie können mit ihren Kindern rund um den riesigen Brunnen verstecken spielen oder sich mittels einer interaktiven Fotobox selbst zum „Monument“ machen. Sie können beim Café Nkana Kaffee und Kuchen genießen, etwa einen Denisian Cappuccino namens Denisuccino, die eigene Stadtzeitung lesen und ein Souvenir aus dem Venturi Fruit and Produce Shop mit nach Hause nehmen. „Downtown Denise Scott Brown“ ist „Wiens neues Downtown“.

Denise Scott Brown hilft beim Bau einer Tennishalle an der Universität Witwatersrand, 1950. Bild: Clive Hicks

Auf ihrer Entdeckungsreise auf dem Las Vegas Strip spielten Denise Scott Brown und Robert Venturi „Mir kann etwas Hässlicheres gefallen als dir“. „Er wurde zu unserer schönsten Hässlichkeit, unserem besten Objet trouvé“. Ihr „Ugly Game“ empfiehlt die Ausstellung auch den Besuchern: „Fotografiere Hässliches oder Schönes oder Überraschendes in der Ausstellung und poste deine beste Hässlichkeit unter dem Hashtag #uglyinstagram_azw. Und dann lass dich in der Ausstellung überraschen“.

www.azw.at

19. 11. 2018