Kunstforum Wien online – Live-Führung durch die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“

Januar 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kuckuckseier“ zur Klimakrise

Gerhard Richter: Venedig (Treppe), 1985. Art Institute of Chicago, Schenkung Edlis Neeson Collection © Gerhard Richter 2020. Bild: bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY

Das Bank Austria Kunstforum bieten Interessierten am 14. Jänner, 18 Uhr, die Möglichkeit an einer Online-Live-Führung durch die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“ teilzunehmen. Auch Fragen können während der digitalen Tour gestellt werden. Mehr Infos: www.cultour.digital, Anmeldung: www.cultour.digital/de/livestreams. Wie kaum ein anderes Sujet hat die Landschaft Gerhard Richters künstlerisches Interesse gefesselt und ihn immer wieder

zu neuen Bildlösungen angetrieben: Die Retrospektive versammelt mehr als 130 Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte von 50 internationalen Leihgeberinnen und Leihgebern. Das Projekt unterstreicht die Wichtigkeit dieses Genres für den deutschen Künstler, der vergangenes Jahr seinen 88. Geburtstag gefeiert hat. Es ist die bis dato größte Ausstellung weltweit, die ausschließlich Richters Landschaften gewidmet ist – einem Genre, mit dem er sich seit 1963 durchgehend beschäftigt hat. Einige der im Kunstforum ausgestellten Werke sind noch nie öffentlich gezeigt worden.

Richters Gesamtwerk ist unter anderem besonders für seine Heterogenität bekannt, die sich folgerichtig auch in der Bildgattung der Landschaft zeigt: Die Ausstellung gliedert sich in fünf thematische Kapitel, die einzeln, aber auch in ihrer Zusammenschau ein beeindruckendes Panorama von Richters „Arbeit an der Wirklichkeit“ ergeben. Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken sind nicht direkt nach der Natur entstanden, sondern basieren meist auf fotografischen Vorlagen und sind somit „Landschaften aus zweiter Hand“, was sich an der Ausschnitthaftigkeit, an Unschärfeeffekten, mitunter auch an Schrift im Bild erkennen lässt.

Gerhard Richter: Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. Sammlung Peter und Elisabeth Bloch
. Bild: Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020

Ein „Kuckucksei“ in der Nähe der deutschen Romantik: Gerhard Richter: Waldhaus, 2004
 (Detail). Privatsammlung © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Stadtbild PL, 1970 (Detail). Privatsammlung über Neues Museum Nürnberg. Bild: Neues Museum Nürnberg/Anette Kradisch © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Wolke, 1976
. Privatsammlung, als Dauerleihgabe in der Fondation Beyeler, Basel
. Bild: Robert Bayer © Gerhard Richter 2020

Landschaften mit tiefgezogenem Horizont und stimmungsvoller Atmosphäre rücken Richter in die Nähe der deutschen Romantik, auf die der Künstler zwar anspielt, aber der gegenüber er sich immer wieder auch kritisch-zweifelnd geäußert hat: Zu malen wie Caspar David Friedrich, so Richter, sei zwar möglich, aber nur ohne sich auf die geistige Tradition des Romantikers beziehen zu können. Als „Kuckuckseier“ bezeichnet Richter demnach jene romantisierenden Bilder, denen in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist. Ein weiterer Raum betont die Wichtigkeit von Richters abstrahierten und abstrakten Landschaften für die Entwicklung seiner Malerei.

Für dieses Kapitel der Schau haben zahlreiche Bilder – unter anderem das monumentale, 6,8 Meter breite Gemälde „St. Gallen“ – erstmals ihre öffentlichen und privaten Sammlungen verlassen. Konstruierte und manipulierte Landschaften – wie etwa Richters Seestücke, für die er oftmals die fotografischen Vorlagen von Wasser- und Himmelsfläche autonom und keinesfalls „wirklichkeitsgetreu“ wie eine Collage zusammensetzt – bilden einen weiteren Höhepunkt. Zahlreiche überarbeitete Landschaften stehen am Ende der Ausstellung: übermalte Fotografien, die der Künstler größtenteils selbst als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, sowie Landschaftsgemälde, deren Realismus Richter mit abstrakten Farbstrukturen relativiert.

Abstrakte Farbstrukturen: Gerhard Richter: Venedig, 1986
. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gerhard Richter 2020

„Gerhard Richter: Landschaft“ bietet vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klimakrise die Möglichkeit zur kontemplativen Auseinandersetzung mit „Natur“. Entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Gerhard Richter in Köln, ermöglicht die Ausstellung eine Begegnung mit Schlüsselwerken des Künstlers und erstmals einen retrospektiven Blick auf ein Genre, das Richter 1981 wie folgt beschrieb: „Wenn die ,Abstrakten Bilder‘ meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=41641           www.kunstforumwien.at

11. 1. 2021

Dezember 31, 2020 in Aufschlageseite, Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

Elfie Semotan im Kunst Haus Wien. Ab 13. März

Dezember 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Haltung und Pose: Eine Werkschau zum 80. Geburtstag

Inspiriert von einem Kollegen: Vivien Solari („Life moves fast“ inspired by Jeff Wall), New York, 1999. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

Anlässlich ihres 80. Geburtstags würdigt das Kunst Haus Wien die große österreichische Fotografin Elfie Semotan in seiner Eröffnungsausstellung 2021 mit einer umfangreichen Werkschau. Präsentiert wird das vielschichtige und umfangreiche Schaffen der Kamerakünstlerin – von ihren weltberühmten Modeaufnahmen für Helmut Lang, Liska oder Zalando über Werbe-Auftragsarbeiten für Palmers und Römerquelle bis hin zu ihren faszinierenden Aufnahmen von Ateliers, ihren berührenden Landschaftsaufnahmen und Stillleben und ihren bekannten

Künstler- und Künstlerinnenporträts. Von Persönlichkeiten wie William Dafoe oder Missy Elliott und Models wie Naomi Campell, Claudia Schiffer oder Cordula Reyer – die Schau „Haltung und Pose“ zeigt ab 13. März mehr als 160 Arbeiten. „Über diese große Museumsausstellung freue ich mich sehr und bin auch stolz, da das Kunst Haus Wien jener Ort in Wien ist, der sich kontinuierlich mit künstlerischer Fotografie auseinandersetzt“, sagt Elfie Semotan und erklärt: „Die Ausstellung-Komposition wird extravagant, meine Arbeit wird nicht chronologisch, sondern aus einem neuen intuitiven und innovativen Blickwinkel präsentiert.“

Über die Künstlerin:
Die 1941 in Wels geborene Elfie Semotan besucht in Wien die Modeschule und geht im Anschluss, im Alter von 20 Jahren, nach Paris, wo sie für einige Jahre als Mannequin arbeitet und Einblick in die Welt der Mode und der Fotografie erhält. In Paris lernt Semotan auch Sarah Moon kennen, die später neben Elfie Semotan, Corinne Day und Ellen von Unwerth zu den wenigen sehr erfolgreichen Modefotografinnen in dieser männerdominierten Branche gehören wird.

Von Moon inspiriert, lernt Semotan von ihrem damaligen Partner, dem kanadischen Fotografen und Filmemacher John Cook, schließlich selbst den Umgang mit der Kamera wie auch die Arbeit in der Dunkelkammer und entwickelt ihr außergewöhnliches Gespür für Licht. Cooks ans Filmische angelehnte und in Geschichten gedachte fotografische Herangehensweise sollte Semotans Art zu fotografieren beeinflussen. Prägend wirkt sich auch ihre eigene Erfahrung als Fotomodell aus.

Gerhard Freidl, Wien, 2009. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

Self-portrait, New York, 2000. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

o.T. (Inspiriert von Roy Lichtenstein), New York, 2002. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

In der Zusammenarbeit mit professionellen Models, aber auch bei ihren Porträtaufnahmen setzt Semotan fortan auf eine angenehme Atmosphäre und eine offene Kommunikation. Durch ihre lockere, aber respektvolle Art holt sie ihre Modelle aus der Defensive. „Ich weiß, wie alleine gelassen man sich fühlt, wenn einem der Fotograf nicht sagt, wohin die Reise gehen soll. Man muss den Menschen vor der Kamera von seinen Ängsten und Eitelkeiten ablenken, denn sonst verkrampft er und versucht, möglichst schön und souverän auszusehen, und das verhindert, dass gute Bilder entstehen“, reflektiert die Künstlerin ihre Art, Menschen zu fotografieren.

Nach einigen Jahren in Paris, vielen Reisen in die Modemetropolen London, New York und Mailand und ersten Aufträgen als Fotografin kehrt Semotan nach Wien zurück. Dort reüssiert sie in den 1980er-Jahren als Mode- und Werbefotografin, bis sie in den 1990er-Jahren durch ihre Arbeit mit Helmut Lang, für den sie exklusiv die Modekampagnen fotografiert, schließlich weltbekannt wird. Es sind ihre Fotografien, die das kühle und intellektuelle Image der minimalistischen Mode des Stardesigners transportieren. Nun entstehen Modestrecken für weitere große Labels und ihre bekannten Porträtaufnahmen wichtiger Persönlichkeiten.

Elfie Semotans fotografischer Ansatz ist von Beginn an, mehr als nur schöne Kleider und Produkte abzubilden. Sie inszeniert und konstruiert innerhalb des Bildformats Geschichten. Auf dem Produkt, um das es geht, liegt – siehe ihre Arbeiten für Römerquelle – dabei oft nicht das Hauptaugenmerk. Anfang der 2000er-Jahre treibt Semotan diese Inszenierung in einer später legendären Modestrecke auf die Spitze: Die Models sind nur noch auf TV-Bildschirmen zu sehen, die einen Teil des fotografierten Interieurs bilden. Semotan wird zur Meisterin im Verknüpfen von Kreativität und Kommerzialität.

Kunst als Inspirationsquelle: o.T. (Floor Dance), New York, 1998. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

Die Kunst und die Kunstgeschichte dienen ihr vielfach als Inspirationsquelle. Ihre Nähe zur bildenden Kunst wurde auch durch ihre Ehen mit den Künstlern Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger verstärkt. Semotan nutzt ihr umfassendes Kunstverständnis und geht sehr frei und kreativ an ihre Aufträge heran. Künstlerische Aneignungen, Adaptionen und Hommagen an Kunstwerke, Künstlerinnen und Künstler finden sich in etlichen ihrer Serien, etwa „Inspired by Lucian Freud“ aus dem Jahr 1997, „Präraffaeliten“ von 2005 und in Arbeiten, die auf ikonische Bilder von so berühmten Fotografinnen und Fotografen wie John Coplans, Diane Arbus, Irving Penn oder Robert Frank Bezug nehmen.

www.kunsthauswien.com           semotan.com

Programmvorschau 2021: www.youtube.com/watch?v=yBktIA0jRhk           Trailer: www.youtube.com/watch?v=61JQ8RlJHYM           www.youtube.com/watch?v=DpViSCkAvRw

28. 12. 2020

Albertina: Neustart in Schwarz-Weiß mit „Faces“

Dezember 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Helldunkle Seiten des Lebens auf Fotopapier gebannt

Willy Zielke: Arbeitslos. Ein Schicksal von Millionen / Die Wahrheit. Ein Film von dem Leidensweg des Deutschen Arbeiters, 1933. Galerie Berinson, Berlin

Wenn die Albertina voraussichtlich am 18. Jänner wieder ihre Tore öffnet, ist nicht nur die aus der eigenen Sammlung von Zeichnungen zusammengestellte Schau „Schwarz Weiß & Grau“ endlich zu sehen, deren Aufbau man bislang bei einem Kuratorinnenrundgang via Facebook mitverfolgen konnte (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=42974),

sondern – das Haus bereitet mit „Faces. Die Macht des Gesichts“ bereits die nächste Ausstellung vor.

Gertrud Arndt: Maskenselbstbildnis Nr. 22, 1930. Museum Folkwang, Essen © Bildrecht, Wien 2020

Helmar Lerski: Verwandlungen durch Licht, 588, 1935–1936. Albertina, Wien © Nachlass Helmar Lerski – Museum Folkwang, Essen

August Sander: Handlanger, 1928. © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; Bildrecht, Wien, 2020

Ausgehend von Helmar Lerskis herausragender Fotoserie „Metamorphose – Verwandlungen durch Licht“ aus den Jahren 1935/36 präsentiert die Albertina Porträts aus der Zeit der Weimarer Republik. In den 1920er- und 1930er-Jahren erneuern Fotografinnen und Fotografen radikal das Verständnis des klassischen Porträts: Ihre Aufnahmen dienen nicht mehr der Darstellung der Persönlichkeit eines Menschen, sondern sie fassen das Gesicht als nach ihren Vorstellungen inszenierbares Material auf. Über das fotografierte Gesicht werden sowohl ästhetische Überlegungen der Avantgarde als auch gesellschaftliche Entwicklungen der Zwischenkriegszeit verhandelt. Modernistische Experimente, das Verhältnis zwischen Individuum und Typ, feministische Rollenspiele und politische Ideologien kollidieren und erweitern damit das Verständnis der Porträtfotografie.

Zu sehen ab 12. Februar.

www.albertina.at

27. 12. 2020

Dezember 24, 2020 in Aufschlageseite, Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps