Waschsalon: Schöner Wohnen im Roten Wien

September 6, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

„Der Fußboden soll der Stolz jeder Hausfrau sein“

Interieur in einem Wohnhausbau der Gemeinde Wien, 1928, koloriert. © WStLA/Foto Gerlach

Ab 8. September zeigt der Waschsalon Karl-Marx-Hof die Ausstellung „Schöner Wohnen im Roten Wien“, dies zum Jubiläum „100 Jahre Wohnbauprogramm“. Einen Wiener Gemeindebau der Ersten Republik erkennt man auf den ersten Blick. Die Fassaden mit ihren Sprossenfenstern, Balkonen, Loggien und Erkern prägen das Stadtbild bis heute. Doch wie wohnen die ersten Arbeiterfamilien in diesen neuen, „gesunden Volkswohnungen“? Der Waschsalon geht auf

Wohnungsinspektion, und interessiert sich für die Grundrisse der Wohnungen, die Aufteilung der Zimmer und deren Einrichtung, wirft einen Blick in den Kochtopf und achtet auf die Einhaltung der „Hausordnung für die Wohnhausbauten der Gemeinde Wien“: „Parkett und harte Brettelböden dürfen nur mit Wachs eingelassen werden“ und auch das Wäschewaschen ist – mit Ausnahme kleiner Wäschestücke wie Taschentücher oder Strümpfe – nicht gestattet. „Durch Waschen in der Wohnung kann die Wohnung leicht feucht werden“, warnt Stadtphysikus Dr. Viktor Gegenbauer 1929. Am Gang fällt der Blick auf die versperrbaren Nischen, in denen Gasmesser und Stromzähler untergebracht sind. Die Wohnungstüren sind genormt, mit zweimaligem Ölfarben- und einmaligem Emaillackanstrich versehen und haben in der Regel Messingbeschläge, eine Drehglocke, ein „Guckerl“ und einen Briefeinwurf.

Um 1900 lebt die Mehrheit der Wiener Bevölkerung noch auf Zimmer und Küche. Berüchtigt sind die „Gangküchenwohnungen“ ohne fließend Wasser und ohne Elektrizität. „In diesem meist nur 1.10 Meter breiten Gang münden überdies die Aborte, welche für je zwei Parteien gemeinsam sind und der Wasserspülung entbehren. Diese Abortgruppen sind den Küchen- und Kabinettfenstern häufig vorgelagert, ein ebenso widerlicher Anblick als gesundheitsschädlicher Zustand“, schreibt die Gemeinde Wien 1927 rückblickend.

In diesen Kleinstwohnungen leben in der Regel sechs und mehr Bewohner, in über einem Viertel der Haushalte auch Untermieter und sogenannte Bettgeher. Nachdem die Sozialdemokratische Arbeiterpartei bei den Gemeinderatswahlen vom 4. Mai 1919 die absolute Mehrheit erreicht, beginnt sie ihr Reformwerk – unter den schwierigsten Bedingungen, wie die Arbeiter-Zeitung kurz nach den Wahlen bestätigt: „Die christlichsoziale Hinterlassenschaft ist entsetzlich: die Kassen der Gemeinde sind leer.“ Zur Finanzierung ihrer ambitionierten Wohnbaupläne führt Finanzstadtrat Hugo Breitner 1922 eine Mietzinsabgabe ein, die 1923 in eine zweckgebundene Wohnbausteuer umgewandelt wird.

1922 wird ein transparentes „Punktsystem“ eingeführt, das die Wohnungswerber in Dringlichkeitsstufen einteilt. 1923 beschließt der Gemeinderat ein erstes Wohnbauprogramm, 1927 folgt ein zweites. „Bis zum Jahre 1932 wird die Gemeinde rund 65.000 neue Wohnungen besitzen“, kündigt der zuständige Stadtrat Anton Weber 1928 an. Am Ende der Ersten Republik wohnt jeder zehnte Wiener, jede zehnte Wienerin in einer Gemeindebauwohnung.

© Wohnservice Wien | Stefan Zamisch

Mutter mit Tochter vor dem Lavoir, 1932. © ÖNB/Zvacek

Wannenbad, Wehlistraße, 1928. © WStLA/Foto Gerlach

Erziehung zum richtigen Wohnen in Zimmer-Küche-Kabinett

Wer das Glück hat, eine der begehrten Wohnungen in einem Neubau der Gemeinde Wien zu ergattern, wird rundum umsorgt, aber auch belehrt und ermahnt. Unzählige Publikationen widmen sich der „Erziehung zum Wohnen“, auch in einschlägigen Blättern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei finden sich regelmäßig Reportagen und Fotostorys. Stadtrat Julius Tandler formuliert 1927 den Anspruch der Sozialdemokratie: „Die Menschen, die in unseren neuen Häusern wohnen, sind neue Menschen, leben und atmen nicht nur in neuen Räumen, sondern fühlen und denken auch anders.“ Um Nachsicht wirbt hingegen Otto Bauer 1928: „Die Menschen, die in diese Wohnungen hineinkommen, erfahren erst, was Wohnen ist. Sie haben zum erstenmal [sic] nicht bloß eine Schlafstelle, sondern eine Wohnung.“

Zwar tragen die Wohnungen das Label „Gemeinde-Wien-Typus“ und weisen ähnliche Grundrisse auf, fest steht aber: Die Gemeindebauwohnung gibt es nicht. Alle Wohnungen verfügen über Aborte mit Wasserspülung, in den Küchen sind Gasherde und Wasserausläufe montiert, in alle Räume ist elektrischer Strom eingeleitet. Bäder innerhalb der Wohnungen, Aufzüge und Zentralheizung bleiben hingegen ein Wunschgedanke.  Im Wesentlichen werden in den ersten Jahren zunächst zwei Wohnungstypen errichtet. Drei Viertel der Wohnungen „hat bei wenigstens 38 Quadratmeter nutzbarer Bodenfläche einen kleinen Vorraum, Abort, Wohnküche und ein Zimmer“. Der größere Wohnungstyp hat 48 Quadratmeter Bodenfläche und „außer dem Zimmer noch eine Schlafkammer“, heißt es in „Wohnungspolitik der Gemeinde Wien“ 1929.

Im Rahmen des Internationalen Städtebaukongresses, der 1926 in Wien stattfindet, hagelt es jedoch unerwartete Kritik an den neuen Wohnbauten. „Die in Wien ausgeführten Wohnungsgrößen wurden von Besuchern aus den reicheren, westlichen Staaten häufig als auffallend klein empfunden“, gesteht der damalige Sekretär des Deutschösterreichischen Städtebundes, Karl Honay. Die Stadt nimmt sich die Kritik zu Herzen und plant ab 1927 auch größere Wohneinheiten. Die Wohnungen verfügen nun über 40 bis 57 Quadratmeter Wohnfläche, die Lebensbereiche „Wohnen“ und „Kochen“ werden zunehmend getrennt – aus der früheren „Wohnküche“ wird nun die „Kochküche“.

Während in den Wohnküchen der frühen Bauten der Herd die primäre Wärmequelle darstellt, wird im separaten Wohnzimmer nun mit Verbrennungsöfen geheizt. „Das Zerkleinern von Holz und Kohle in den Wohnungen ist strengstens untersagt und darf nur im Keller oder im Hofe geschehen“, heißt es 1929 in der Hausordnung. „Zu jeder Wohnung gehört ein Klopfbalkon, der vom Vorzimmer aus direkt zugänglich ist“, informiert die Arbeiter-Zeitung über die neuen Bauten. Laut Hausordnung dürfen Kleider jedoch nur zwischen 7 und 10 Uhr vormittags ausgeklopft werden, das Teppichklopfen ist nur im Hof gestattet.

Wohnkultur fürs Poletariat

Schulzahnklinik im Heinehof, 1926. © WStLA/Foto Gerlach

Mit den größer dimensionierten Grundrissen hält auch das bürgerliche Wohnzimmer Einzug in die Arbeiterwohnung. Dessen Einrichtung beschäftigt nicht nur die Architektinnen und Architekten der Zeit. „Viele Möbel der Proletarier entsprechen durchaus dem kleinbürgerlichen Ideal der Vortäuschung höfischen Glanzes: große Doppelbetten mit Muschelaufsatz, unpraktische Gegenstände“, beklagt der Nationalökonom Otto Neurath. Und das Architekten-Duo Franz Schuster und Franz Schacherl

fordert: „Die proletarische Wohnung wird eine eigene Form bekommen, einen eigenen Stil und eine eigene Kultur. Die Kultur der Sachlichkeit, der Reinlichkeit und der Klarheit.“ Wobei sich viele Arbeiterfamilien „den Luxus der Einfachheit“ gar nicht leisten können und, wie die Journalistin Marianne Pollak 1930 schreibt, deshalb „auf die Dutzendware, das Serienstück, die Zimmergarnitur“ angewiesen sind.

Die 1922 vom Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen gegründete „Warentreuhand“ hat die Aufgabe, „jedem, der Hausrat, Möbel, Heiz- und Beleuchtungskörper kaufen will, mit Rat an die Hand zu gehen“. Wohnungseinrichtungen produziert auch die „Wiener Hausratgesellschaft“. Diese „kommunale Möbelaktion“ soll „Klein- und Typenmöbel“ für Gemeindewohnungen entwickeln. 1930 eröffnet eine erste Dauerausstellung im Karl-Marx-Hof, die Beratungsstelle für Inneneinrichtung und Wohnungshygiene, kurz „Best“. Die Auswahl der dort ausgestellten Möbelstücke sowie der „vollständig eingerichteten Musterwohnung“ erfolgt durch eine eigene Prüfungskommission, die sich aus Architekten, aber auch VertreterInnen der Mieter- und Hausfrauen­organisationen zusammensetzt. „Alles, was dort gezeigt oder empfohlen wird, soll praktisch, echt, schön und billig sein“, schreibt der Publizist Max Ermers 1930 in Der Tag.

„Die Frau von heut“

„Die Befreiung der Frau ist nur dann möglich, wenn die häusliche Arbeit auf ein Mindestmaß eingeschränkt wird“, fordert die Arbeiter-Zeitung 1924. In den frühen-1920er Jahren wird die Diskussion um die Zentralisierung und Rationalisierung der Haushaltsarbeit international geführt – von New York über Frankfurt und Berlin bis nach Wien. „Zur Entlastung der Hausfrauen“ fordert Otto Bauer bereits 1919 „Zentralküchen, Zentralwaschküchen, Zentralheizanlagen, Spielräume und Lernzimmer für die Kinder“ sowie die Bestellung der „zur Führung dieser gemeinsamen Einrichtungen erforderlichen Köchinnen, Wäscherinnen, Kinderpflegerinnen usw.“ Soweit kommt es im Roten Wien nicht. Tatsächlich geben viele Frauen ihre Berufstätigkeit auf, sobald die Jungfamilie in eine der neuen Wohnungen zieht. Aufgrund der günstigen Mieten wird ihr Zuverdienst nicht mehr benötigt. Die „neue Frau“ ist nun Hüterin der Familie und Organisatorin der Wohnung. „Der Fußboden soll der Stolz jeder Hausfrau sein“, bekräftigt der Magistrat 1928.

Zu sehen bis 17. Dezember.

Führungen durch den Karl-Marx-Hof

Jeden Sonntag führt das Waschsalon-Team durch den Karl-Marx-Hof. Alle Führungen finden bis auf Weiteres nur im Freien statt, die Dauerausstellung zur Geschichte des Roten Wien und die Sonderausstellung können im Anschluss daran individuell besichtigt werden. Treffpunkt: 13 Uhr vor dem Bahnhof Heiligenstadt, Endstelle U4, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Eintritt und Führung: 10 Euro pro Person.

www.dasrotewien-waschsalon.at

6. 9. 2022

Albertina: Basquiat. Of Symbols and Signs

August 27, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Exzentrischer Outsider und ausgebeuteter Superstar

Jean-Michel Basquiat: Untitled, 1982. Collection Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Bild: Studio Tromp © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Ab 9. September zeigt die Albertina die Ausstellung „Basquiat. Of Symbols and Signs“. Kaum ein anderer Künstler steht als schillernde Ausnahmeerscheinung so repräsentativ für die 1980er Jahre und deren pulsierende New Yorker Kunstszene wie der 1960 in New York geborene JeanMichel Basquiat. Mit 17 reißt der Sohn eines Haitianers und einer PuertoRicanerin von zu Hause aus. Als Graffiti Künstler lebt er teilweise auf der Straße. Doch schon bald folgt ein rasanter Aufstieg. Basquiats kometenhafte Karriere wirkt dabei wie ein Schnelldurchlauf eines sequenzreichen Films:

Als Hauptfigur verkehrt er mit den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit, darunter Musiker wie David Bowie und Madonna. Mit Andy Warhol verbindet ihn eine inspirierende Freundschaft. Basquiats Bilder sind extrem gefragt und werden schnell teurer. 1982 wird er zum jüngsten Teilnehmer der documenta 7 und zum ersten Künstler von Weltruhm mit afroamerikanischkaribischen Wurzeln. Doch der schnelle Erfolg wird für ihn zu einer Herausforderung, der er nicht lange standhält 1988 stirbt er an einer Überdosis Drogen.

Aktueller denn je, ist Basquiats Werk bis heute bahnbrechend und visionär. Er beschäftigt sich ebenso mit afrikanischer Vergangenheit wie mit den problematischen Hierarchien in der Gesellschaft. Wichtigstes Thema ist ihm der allgegenwärtige Rassismus, der ihn auch persönlich betrifft. Als exzentrischer Outsider und ausgebeuteter Superstar seiner Zeit behauptet sich Basquiat als eine der bedeutendsten Schlüsselfiguren für die zeitgenössische Kunst.

„Basquiat. Of Symbols and Signs“ ist die erste umfassende Museumsretrospektive des außergewöhnlichen Werks von JeanMichel Basquiat in Österreich. Die Ausstellung in der Albertina präsentiert 50 Hauptwerke aus renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen, gibt neue Einblicke in die einzigartige Bildsprache Basquiats und entschlüsselt die Inhalte seiner künstlerischen Ideen

Zu sehen bis 8. Jänner 2023.

www.albertina.at

27. 8. 2022

Jean-Michel Basquiat: Untitled, 1982. Private Collection – courtesy of HomeArt, Hong Kong. Bild: Private Collection – courtesy of HomeArt, Hong Kong © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York

Jean-Michel Basquiat: Self Portrait, 1983. Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Seoul | Bild: Ulrich Ghezzi | © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, NY

Jean-Michel Basquiat: Self Portrait, 1983. Collection Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Seoul | Bild: Ulrich Ghezzi | © Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, NY

Albertina modern: The Face. Avedon bis Newton

Juli 31, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Starfotografen fotografieren Stars

Franz Hubmann: Marc Chagall (1887-1985), 1957, Abzug 1999 | Albertina, Wien – Schenkung Sammlung Helmut Klewan © Franz Hubmann / brandstaetter images / picturedesk.com

Die Ausstellung „The Face“ in der Albertina modern zeigt ausgewählte Werke zeitgenössischer Porträtfotografie aus der Sammlung der Albertina. Die Fotografien von internationalen und nationalen Künstlerinnen und Künstlern zeigen, wie facettenreich das Thema Porträt sein kann: Der Bogen reicht von eindringlichen Bildnisstudien berühmter Persönlichkeiten über Porträtaufnahmen von Kunstschaffenden in ihren Ateliers bis hin zu Arbeiten, die sich mittels serieller Aufnahmen eingehend mit den Porträtierten und ihrem Lebensumfeld auseinandersetzen.

Über die gezeigten Fotografien werden Themen wie kulturelle Identität, persönliche Beziehungen, diverse Lebenswelten aber auch Fragen der Herkunft und des eigenen Ichs verhandelt. Mit Werken unter anderem von Nancy Lee Katz, Richard Avedon, Gottfried Helnwein, Chuck Close und Franz Hubmann.

Zu sehen bis 6. November.

www.albertina.at

27. 7. 2022

Gottfried Helnwein: Michael Jackson, Köln, 1988 | Albertina, Wien © Gottfried Helnwein / Bildrecht, Wien 2022

Gottfried Helnwein: Elton John, München, 1992 | Albertina, Wien © Gottfried Helnwein / Bildrecht, Wien 2022

Gottfried Helnwein: Mick Jagger, London, 1982 | Albertina, Wien © Gottfried Helnwein / Bildrecht, Wien 2022

 

MdM Salzburg: Bill Viola

Juli 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erste Präsentation des Videokünstlers in Österreich

Sharon, 2013, High-Definition-Video, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Der amerikanische Künstler Bill Viola zählt zu den renommiertesten Videokünstlern der Gegenwart. Seine mit modernster Technologie umgesetzten Bildwelten überzeugen durch ihre kontemplative Balance und überwältigen durch ihre unmittelbare Emotionalität und bildnerische Vehemenz. Sie sprengen den Rahmen konventioneller Sehgewohnheiten, die von den alltäglichen Bilderfluten in Film, Fernsehen und den sozialen Medien geprägt sind.

Seine bildgewaltigen Werke sind der conditio humana gewidmet; sie schaffen immersive Erlebniswelten, welche die Betrachtenden mit den Grundbedingungen und Potenzialen menschlicher Existenz konfrontieren und wesentliche Themen wie Leben und Tod, Traum und Wiedergeburt, Erinnerung und Vergessen, Verwandlung und Verklärung thematisieren. Das Museum der Moderne Salzburg zeigt mit der in enger Zusammenarbeit mit dem Bill Viola Studio entstandenen Personale die erste museale Präsentation von Violas Werk in Österreich.

Viola, der sich seit den 1970erJahren intensiv mit dem menschlichen Körper, divergierenden Zeitordnungen, Spiritualität und Transzendenz auseinandersetzt, ist zu Recht als „postmoderner Humanist“  bezeichnet worden, der einen intensiven Dialog mit nichtwestlicher Kunst, Musik und Religion pflegt und seine virtuos komponierten Werke sowohl als Reflexion über die Daseinsverortung

des Menschen in der Welt begreift wie auch als Erkundung der Möglichkeitsbedingungen des menschlichen Bewusstseins. Violas spirituelle Aufgeschlossenheit gegenüber dem östlichen Denken lässt ihn Werke von höchst eindrücklicher visionärer Poetik schaffen, die das Geistige mit dem Ästhetischen verbinden, ohne dabei in neureligiöse Dogmatik abzudriften.

Die Tradition der abendländischen Malerei insbesondere der Einfluss bedeutender Renaissancekünstler ist für sein Werk, das der künstlerischen Erforschung des bewegten Bildes gewidmet ist, von großer Bedeutung. Zudem gelingt es ihm mittels avancierter Videotechniken wie Zeitlupe, Zeitraffer, Überblendung, Mikro und Makroaufnahmen, die Wahrnehmung der realen Welt zu transzendieren. Gerade in unsicheren und verstörenden Zeiten haben Violas Werke eine große Relevanz, da sie von einer Idee der Hoffnung und Solidarität getragen sind.

The Raft, Mai 2004, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

The Raft, Mai 2004, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

So ist beispielsweise seine VideoprojektionThe Raft“, die in extremer Zeitlupe die Überwältigung einer Menschenmenge durch einen gewaltigen Wasserstrom zeigt, eine universelle Metapher der Bedrohung menschlichen Lebens. Bei dieser Darstellung des Leidens der Weltgesellschaft war es dem Künstler wie er in einem Statement festhielt wichtig, dass alle „Schiffbrüchigen“ überlebten: Niemand sollte verloren sein („No one is lost“).

Five Angels for the Millennium, 2001, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Five Angels for the Millennium, 2001, Video-Sound-Installation, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

In Violas Werk tauchen bestimmte Motive wie etwa die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, Landschaften, Pflanzen, Tiere und Menschen, der Künstler selbst, Mitglieder seiner Familie immer wieder auf; in manchen zitiert der Künstler auch eigene Werke. Eine der Motivlinien, die sich durch das Werk von Viola ziehen, sind Bilder von Menschen, die ins Wasser tauchen oder darin schweben, etwa in Installationen wieFive Angels for the Millennium“. „Wasser ist ein so kräftiges, augenfälliges Symbol der Reinigung wie auch von Geburt, Wiedergeburt und sogar Tod“, so der Künstler.

Auch die dem Plakatmotiv der Ausstellung am Museum der Moderne Salzburg zugrundeliegende Arbeit ist Teil von Violas jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit dem Element Wasser.Sharon“ entstammt einer Serie von Wasserporträts, die etwas Beunruhigendes an sich haben zumal Wasser kein natürlicher Lebensraum für den Menschen ist und doch Träumende zeigen, die eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlen und scheinbar ohne zu atmen unter Wasser existieren können.

Night Vigil, 2005/2009, Videoinstallation, Detail, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Night Vigil, 2005/2009, Videoinstallation, Detail, © Bill Viola Studio, Bild: Kira Perov

Licht und Helligkeit als Sehnsuchtssymbol verarbeitet die InstallationNight Vigil“, ein Diptychon auf zwei nebeneinanderliegenden Bildschirmen. Darin werden eine Frau und ein Mann, die mitten in der Nacht durch Dunkelheit getrennt sind, zueinander und zu der Lichtquelle hingezogen, die ihre Sehnsucht erhellt. Die Motive inNight Vigil“ stammen aus einer Produktion von Richard Wagners OperTristan und Isolde“ von 2005 an der Pariser Opéra Bastille, für die Viola mit dem Regisseur Peter Sellars, dem Dirigenten EsaPekka Salonen und Kira Perov, seiner Studiomanagerin und künstlerischen Partnerin, zusammenarbeitete.

Die Überblicksausstellung zu Violas Werk am Museum der Moderne Salzburg ist eine Einladung, sich auf die immersiven VideoRaumWelten dieses großen Künstlers und damit neue, ungewohnte Perspektiven auf die großen Themen des Lebens einzulassen.

Zu sehen bis 30. Oktober.

www.museumdermoderne.at

25. 7. 2022

Karikaturmuseum Krems: Donald Made In Austria!

Juli 10, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Disney-Welt von Charakterdesigner Florian Satzinger

Florian Satzinger: Donald Duck Parody, August 2017. © Florian Satzinger

Am 16. Juli eröffnet das Karikaturmuseum Krems die Ausstellung „Donald Made In Austria!“ über die Arbeiten Florian Satzingers. Als Character-Designer und Concept-Artist entwickelt Satzinger neue und überarbeitet bestehende Trickfilmfiguren für Kino und Fernsehen. So hat er etwa die berühmte Ente Donald Duck mit den Stilmitteln der Karikatur für das digitale

Zeitalter gerüstet und neu interpretiert. Mit seinem Designstil gab er Micky Maus, Bugs Bunny sowie Sylvester neue Charakterzüge. Ebenso designte er Aussehen und Charakter des quakenden Leinwandstars John Starduck. Entscheidend für ein gelungenes Design ist, dass der Charakter in seiner fantastischen Form glaubwürdig und nachvollziehbar bleibt. Dafür entwirft Satzinger sogenannte Baupläne für Figuren, um sie auf wenige Grundformen herunterzubrechen und eine Vielzahl von Posen und Gesichtsausdrücken auszuarbeiten.

Der gebürtige Grazer arbeitete bereits für eine Reihe von Filmstudios und Medienhäusern wie Warner Bros. und Disney. Die Schau des Karikaturmuseum Krems gibt einen umfassenden Einblick in die Arbeitsweise des international renommierten Künstlers. Von der Erstskizze bis zur kolorierten Figur beleuchtet sie außerdem die fantastische Welt des Character-Designs.

Florian Satzinger: Silly, Februar 2021. © Florian Satzinger

Florian Satzinger: Zeichenprozess von „Boat Hat“, 2021. © Florian Satzinger

Florian Satzinger: Mesolithic Mouse, März 2021. © Florian Satzinger

„Donald Made In Austria!“ zeigt die bekannten Donald Duck-Anfertigungen, den dunkelgefiederten Alvertos Duck und weitere Artverwandte, die etwa an Komiker John Cleese und Künstler Maurizio Cattelan erinnern. Altmeisterlich wirken die Werke aus „Duckland“. Im zotteligen Fell präsentiert sich Satzingers designte Micky Maus. Begleitet wird die Schau von einem Exkurs der Diversitätsexpertin Maryam Laura Moazedi über aktuelle Fragestellungen zur Vermeidung von Stereotypen im Character-Design. Nach Krems wird die Schau weltweit an weiteren Ausstellungsorten gezeigt.

Zu sehen bis 19. Februar 2023.

Meet & Greet mit Livezeichnen. © Florian Satzinger

Meet & Greet mit Livezeichnen. © Florian Satzinger

Meet & Greet mit Livezeichnen

Am Eröffnungstag 16. Juli haben Besucherinnen und Besucher von 14 bis 16 Uhr die Möglichkeit, Florian Satzinger persönlich kennenzulernen. Dabei gewährt der Künstler einen Blick auf seine Arbeitsweise, wenn er live und direkt in der neuen Ausstellung zeichnet. Kostenlos mit gültigem Eintrittsticket.

Workshop im August – Kunst trifft … PENG: I can draw birds

Cartoonist Günter Mayer alias PENG. Bild: © Johann Wimmer (Detail)

Jede und jeder kann zeichnen! Das beweist Illustrator und Cartoonist Günter Mayer alias PENG in diesem Workshop für Erwachsene. Anknüpfend an die Ausstellung „Donald Made In Austria!“ lautet das Motto für PENG am 13. August: „I can draw birds“. Der Künstler macht beim Workshop mit Techniken vertraut, wie man Vögel, anderes Federvieh und Fantasiewesen einfach aufs Papier bringen können.

Günter Mayer wurde in Wels geboren und lebt heute in Pennewang. Er durfte die „Erste Österreichische Zeichenhauptschule“ gründen. In seiner Schule hat der Künstler vieles probiert, neue Methoden erfunden und alte hinterfragt. Der unter dem Pseudonym PENG arbeitende Illustrator leitet neben seinen Engagements als Cartoonist  seit dem Jahr 2000 das Medien Kultur Haus Wels und verfasst seit 2015 Bestseller.

Termin: 13. August, 17 bis 20 Uhr. Treffpunkt: Karikaturmuseum Krems. Kosten: 10 € pro Person inkl. Führung. Anmeldung erforderlich via lets-meet.org/reg/fc552d096687e195b8. Last-Minute-Tickets an der Museumskassa erhältlich, sofern verfügbar.

www.karikaturmuseum.at

10. 7. 2022