TAG: Eugen und Eugen

März 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwillinge, nach der Geburt getrennt

Nicht alles an diesem Abend entschlüsselt sich: Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer als „Eugen und Eugen“. Bild: © Julia Schäfer

Geschichte wird von Siegern geschrieben, sagt Winston Churchill. Falsch, sagen Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer. Es sind vielmehr die Eugens dieser Erde, die dafür verantwortlich sind, wie sich die Geschichte macht. „Eugen und Eugen“ sind ein Zwillingsbrüderpaar, das die beiden Akteure 1997 erfunden haben. Sie selber nennen sich zwei sanfte Elefanten im Porzellanweltladen; die beiden Figuren Loser zu nennen, trifft nämlich den Kern der Sache nicht.

Der doppelte Eugen ist vielmehr ein lebenslang Unfertiger, ein Sehnsüchtler, weil ein Suchender nach der ergänzenden zweiten Hälfte – und wenn ihm beim Zusammenpappversuch etwas zu Bruch geht, tja … Die Schauspieler Von Verschuer und Breitenbach sind für ein zweitägiges Gastspiel ins TAG gekommen. Die Story, die sie im Gepäck haben, ist folgende: Eugen und Eugen, 1932 geboren, abrupt getrennt im Alter von elf Jahren, begegnen einander 2017 in einem verlassenen Fernsehstudio wieder. Weil keiner kommt und sich nichts tut, stellen sie sich die vorbereiteten Fragen des verschollenen Moderators selber. Und so erzählen sie Geschichte durch ihre überbordenden Biografien.

Kindheit während der NS-Zeit, in einem hessischen Dorf, in dem sie die Grundschule nur abwechselnd besuchten, um sich als einer auszugeben; getrennte Irrfahrten durch die Nachkriegszeiten, der eine Richtung Namibia, der andere nach Tibet; Paris und Prag 1968, Panzer beenden den Frühling; die Opernhauskrawalle Zürich 1982; Berlin 1989, Mauerfall samt Schabowskis berühmtem Stammeln „Nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“; Terror in Flugzeugen und brennende Zwillingstürme 2001; Politik, Wirtschaft, Finanzdesaster … was man eben so weitverzweigte Lebenswege nennt.

In den revolutionären Momenten ihrer Reise, sind sie wie absichtslose Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Mit offenem Mund staunen sie in eine Welt, die sich ihnen nie ganz erschließt, denn in der sogenannten Realität sind diese beiden nur zufällig und nur zu Gast. Das Weiche, das Eugen und Eugen verkörpern, das Unvoreingenommene, mit dem sie durch die Situationen stolpern, aber auch das Marginale ihrer Existenz, wirken erstaunlich destabilisierend, ja dekonstruierend auf alles historisch „Feststehende“. Dieses haben Breitenbach und Von Verschuer natürlich akribisch und detailreich recherchiert – um diese Fakten dann Abend für Abend neu zu improvisieren. Sie arbeiten im zweifachen Wortsinn an der Vorstellung.

Die Brüder warten auf den Beginn der Talkshow, doch das TV-Studio wirkt verlassen. Bild: © Julia Schäfer

Brachial Cooking beendet: Die Rieseneierspeis ist fertig, es entfaltet sich Speckrauch Bild: © Julia Schäfer

Die Mittel, derer sie sich dazu bedienen, sind vielfältig. Ganz großartig der nonverbale Nonsens der beiden, aber auch ihre lautmalerischen Dialoge, in denen sie das Wichtigste perfekt auf den Punkt bringen. Sie wissen: keine Satzbildung ohne das sprichwörtliche Missverständnis. Breitenbach und Von Verschuer sind Meister des Absurden, sie verstehen sich darauf besser, als so manches Theater, das sich den Begriff leitmotivisch an die Fahnen heftet, sie sind Clowns, zwei Könige unter den Spaßmachern. Sie sind Tänzer, Akrobaten und offensichtliche Louis de Funès-Verehrer. „Nein!“ – „Doch!“ – „Ooh!“ Vier Kameras halten ihr Spiel fest und übertragen es aus den skurrilsten Perspektiven auf eineinhalb Vidiwalls.

Am Ende des Abends ist Brachial Cooking angesagt. Auf einer Unzahl Campingkochern wird eine Riesenpfanne platziert, in die hinein schlagen die Küchenmagier mehr als nur ein Ei, und das eine oder andere sich auch gegenseitig auf die Stirn. Schließlich geht der Raum in Rauch auf – und der duftet verführerisch nach Eierspeis mit Speck … Nicht alles an dieser Aufführung erschließt sich einem, zugegeben, das Beste ist, sich in die Performance fallen zu lassen, und zwar so unvoreingenommen staunend wie „Eugen und Eugen“. Die luden das Publikum im Anschluss an ihren Auftritt noch zu einem Gespräch bei einem Glas Wien – und zeigten sich auch dabei als sympathische, humorvolle Künstler.

Zu sehen nur noch heute Abend!

Trailer: vimeo.com/208714837

dastag.at

Wien, 25. 3. 2017

Stermann & Grissemann: Gags, Gags, Gags!

März 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pleiten, Pech und quasi Pensionsreife

Die 1165. Ausgabe von „Willkommen Österreich“ im Globe Wien: Stermann und Grissemann gehen auf der Bühne nie die „Gags, Gags, Gags!“ aus. Bild: © Udo Leitner

Etwas Zeit muss man schon aufwenden. Weil, es dauert bis tausend Tassen an den Mann bzw. die Frau gebracht sind. Christoph Maria Grissemann und Dirk Stermann sind diesbezüglich Profis, ORF-geschulte Aus- und ergo am längeren Ast Sitzer. Es wird verlegen gekichert, ist das jetzt das Ende?, der eine oder andere wirft einen verstohlenen Blick auf die Uhr, Zehn vorbei wär’s schon … Die beiden Stoiker auf der Bühne haben ihren Platz in dieser Ordnung erkannt und füllen ihn aus – den Ort, von dem aus sich das Publikum gut bezwingen lässt …

Stermann & Grissemann haben ein neues Programm, das heißt, nein: Mogelpackung. In Wahrheit hieven sie nur die 1165. Folge von „Willkommen Österreich“ auf die Theaterbretter. Diese sind bei der Premiere in Michael Niavaranis Globe Wien, und der Abend, der „Gags, Gags, Gags!“ heißt, könnte ebenso gut den Titel „Pleiten, Pech und quasi Pensionsreife“ tragen. Denn: Everything that possibly can go wrong does go wrong. Aus der Nummer sicher wird ein Auswärtsspiel mit ungeahnten Konsequenzen, die Selbstdemontage des – ja, was? – Komiker-, Conférencier -, Ungustlduos erreicht ungeahnte Dimensionen.

Das liegt vor allem an den illustren Gästen, die – allesamt absagen. Josef Hader sitzt am neuen Berliner Flughafen fest, das kann Jahre dauern, Tobias Morettis Taxifahrer hat sich verfranzt, André Heller hat – no-na – Wichtiges, mehr auf seinem Niveau Befindliches zu tun. Selbst Ina Müller zieht einen Auftritt in Leipzig vor. Und so wurschteln sich die beiden Wurschtl durch den Abend. Mit dem üblichen Durch-den-Kakao-Geziehe von wichtigen Menschen und anderen Kollegen. Großartig die Zuspielung, in der Karim El-Gawhary von einer Frauendemo in Kairo zu berichten versucht, bei der nur Männer durchs Bild marschieren. Oder die „Konkret“-en Backversuche von Claudia Reiterer. Oder Beinah-UHBP Norbert Hofer als Haken einer Kreuzfahrt. Oder ein Innsbrucker FPÖ-Mandatar im englischsprachigen Interview mit einem russischen TV-Sender. Thema: Österreichs Flüchtlingspolitik, aber nie werden wir erfahren, was der Mann mit seinem Entsetzensruf „Stop the Birds!“ meinte … Das ist Realsatire, das ist politisch unkorrekt par excellence. Schön zu sehen, wie sich Stermann & Grissemann bei ihren Pubertätsobszonitäten selber bestens unterhalten.

Ein Russkaja-Bandvideo und eine Backstagekamera illustrieren das Ganze. Mittels Letzterer ist auch Hausherr Nia zu sehen, an’bissen, weil er nur Showgast B ist, beleidigt, weil er sicher nicht die „Zweitbesetzung“ für den Hader gibt. Auf Verstimmung folgt Streit und des behaartesten Persers Österreichs Aufbruch. Und der Abbruch! Regisseurin Angelika beendet den Desaster-Abend wegen Erfolglosigkeit. Und das trotz der beiden Highlights – Grissemann als mit einem Sprachfehler gestrafter Online-Sounddesigner und Stermann beim exzentrisch-exaltierten Schauspielunterricht. Einem Sketch, nicht nur wegen der silly walks, auf Monty-Pythons-Niveau. In diesen Szenen sind die zwei, wie man sie kennt und liebt: skurril und ein bissl unappetitlich.

Schauspielunterricht auf Monty-Python-Niveau. Bild: © Udo Leitner

Und natürlich: Weißweinverkostung. Bild: © Udo Leitner

Stermann & Grissemann, die Karfiolfrisur und der Mann mit der Altersakne, schenken sich nichts. Und sie schenken sich ein. Diesmal chilenischen Weißwein mit komplett grauslicher Expertise eines Entnazifizierungswinzers. Die beiden sehr allein gelassenen Alleinunterhalter brillieren in jeder Rolle. Aber am Schönsten: Nach lärmendem Klamauk folgt diesmal die Stille. Das ist berührend und beinah genial. Am dystopischen Schluss des Abends haben sich die Satiriker zur Ruhe gesetzt und sinnieren aus dem Jahr 2035 rückwärts über diverse Entertainment-Abenteuer.

Dieses Karriereende motiviert auch den Finanzvorschub leistenden Häferlverkauf auf offener Bühne. 9,99 Euro das Stück – ein Schnäppchen. Bücher – für 19,99 Euro. Schließlich kauft sogar Nia ein Buch und wird natürlich ums Wechselgeld g’stoßen … Stermann & Grissemann agieren demokratie- und medienkritisch wirksamer, als so manche diesbezüglich beflissene Theatertruppe. Sie balancieren mit Verve auf dem schmalen Zeitgeistgrat zwischen Selbstverbesserung und Selbsternüchterung, sie hangeln sich von laut lachen zu leise resignieren.

Souverän bewegen sie sich zwischen Beschimpfung, bizarrer Persiflage und Polemik. Berühmte Doppelconferenciers im Himmel, Farkas/Waldbrunn, Laurel & Hardy, Helmut und Qualtinger, stehen Pate. Die Anstrengung hat sich gelohnt, so sie denn je eine war.

Schlaf gut! – Du auch!

Ich liebe dich! – Du auch!

www.stermann-grissemann.at

Wien, 24. 3. 2017

 

Theater zum Fürchten: Die Zofen

März 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Leben nur als Spiegelbild

Der Lindenblütentee ist schon vergiftet: Wolfgang Lesky als Gnädige Frau mit den Zofen Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Die beiden Frauen sind sichtlich eingesperrt, nicht durch Schlösser oder von Türriegeln, sondern in ihrem Kopf. Darin träumten sie gern von einer anderen Realität, von Flucht sogar, doch alles, was sie kennen, sind die Demütigungsrituale zwischen Herrin und Dienerin. Und so werden ihre Fantasien zu nichts mehr als Zerrbildern ihres Lebens in den Spiegeltüren, die von allen Seiten das Geschehen fassen. Sie spielen Gnädige Frau und Zofe, und sie spielen die Ermordung ihrer Peinigerin.

Sie scheitern jedes Mal an der Knappheit der Zeit. Doch sind sie weniger armselige Kreaturen, als ein gewitztes Schwesternliebespaar. Und in ihrem Wahn bis über den Schluss hinaus davon überzeugt, dass ihre Rechnung noch aufgehen wird. In der Art interpretiert Babett Arens Jean Genets absurde Groteske „Die Zofen“. Die Regisseurin, auch zuständig für die Raumgestaltung, zeigt ihre Produktion fürs Theater zum Fürchten derzeit an dessen Wiener Spielstätte, der Scala. Aus den diversen Geschlechtertauschmöglichkeiten des Stücks hat sich Arens dafür entschieden, die Zofen von Schauspielerinnen, die Gnädige Frau aber von einem Schauspieler darstellen zu lassen. Das macht Sinn, kennt man die Vorliebe Genets für das Mannweib. Der poète maudit bevölkerte sein Werk mit Hingabe mit jenen opulenten Fantasiegeschöpfen, die man heute Drag Queens nennt. Die berühmteste von ihnen – la Divine aus seinem ersten und sofort Skandalroman „Notre-Dame-des-Fleurs“.

Die Fantasie im Zerrspiegel der Realität: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Eine Perlenkette eignet sich nicht zum Mordinstrument: Johanna Withalm und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

In der Scala nun ist Wolfgang Lesky eine Göttliche. Und er ist eine Erscheinung. Gebieterisch und einschüchtern mit seinen beinah zwei Metern Größe. Ein Kunstwerk mit fuchsrotem Haar und Fuchs um die Schultern, mit zu viel Makeup und affektierten Gesten. Wie Lesky mit einer Armbewegung echte Haltung und falsches Gefühl zugleich auszudrücken vermag, wie er seine Texte moduliert und zelebriert, das gibt der Figur echte Bühnenaura. Ihre Kleingeistigkeit zeigt sich jedoch auch – daran, dass Madame jede Handbreit ihrer Wohnung kennt und ergo jede Veränderung mit Adlerauge erkennt. Lesky (wer denkt, dass ihm das Gesicht bekannt ist: Ja, natürlich! ist er der Biobauer mit dem Schweinderl) lässt die Stimme beben, gibt sich artig und manierlich und in dieser Manier die gemeinsten Bosheiten von sich. Seine Gnädige Frau glaubt sich als Gönnern, doch sie traktiert die Zofen. Deren Schmähung ist durchs Geschlechterspiel umso stärker. Sie, die eigentlich ein Er ist, darf allen weiblichen Attributen Ausdruck geben, darf ganz Frau sein.

Die Zofen dagegen sind in mausgraue Hausdienerlivrees verdammt, müssen Herrenschlüpfer (mit Beinchen!) und Sockenhalter tragen. Kein Wunder, dass bei solcher Antierotik sogar der Milchmann Reißaus nimmt. Johanna Rehm und Johanna Withalm schlüpfen in die Rollen der Claire und der Solange, Rollen auch insoweit, als die Identitäten der beiden ja immer wieder verschwimmen, und sie von Zeit zu Zeit ganz aus der Rolle fallen. Solange ist vielleicht die Zupackendere, die Entschlossenere, Claire die Zögerliche, die es im entscheidenden Moment nicht schafft, den vergifteten Lindenblütentee an den Mann/die Frau zu bringen. Rehm gestaltet vielleicht die Lusterfülltere, die mädchenhaft Verspieltere, Withalm mehr das Rotzig-direkte, das aggressiv Zielgerichtete. Doch die Grenzen zwischen Solange und Claire sind fließend. Wie ein Mantra wiederholen sie: „Die gnädige Frau vergiftet uns mit ihrer Güte! Denn die gnädige Frau ist gütig! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft!“ In diesen Momenten sind die beiden starr vor Devotion.

Zwei Dienerinnen zwischen Wahn und Witz: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

„Die Gnädige Frau ist gütig!“: Wolfgang Lesky mit Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Rehm, Withalm und Lesky bestechen durch ihr intensives, sensitives Spiel. Arens stattet den Abend mit einigen weniger, dafür umso zwingenderen Ideen aus, das lässt den Dreien die Luft, ihr Spiel zu entfalten. Sie beherrschen nicht nur die Exzentrik, die Exaltiertheit, sondern auch die leisen Töne, das Verzweiflungsflüstern und das Tränenersticken. Arens hat Genet auch darin verstanden: in seinem subtilen Humor, seiner Komödiantik, wie in seinen Depressionen und seiner daraus resultierenden Untätigkeit. Und sie setzt die Steilvorlage dieser Tragifarce perfekt um. „Der Dreck fühlt keine Liebe für den Dreck“, heißt es an einer Stelle im Text. Also bitte!, diese tolldreiste Darstellung von drei Dreckstücken kann man nichts anderes als lieben.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 22. 3. 2017

Akademietheater: Die Welt im Rücken

März 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Joachim Meyerhoff stemmt einen dreistündigen Kraftakt

Im Wortsinn „Blutrausch“ in einer manischen Phase. Joachim Meyerhoff hebt Thomas Melles bipolare Störung auf die Bühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Wie erzählt man von sich selbst als einem Idioten?“, diese Frage stellt die Figur ganz zum Schluss. Da ist auf der Bühne schon das riesige Gehirn erschienen, dies Wahnbild eines weißen Wals, und macht den Protagonisten zum Ahab; er reitet das Biest, wird an es gefesselt und schließlich von ihm verschlungen. Ein gewaltiges, ein überwältigendes Bild, eines mit dem sich die Diagnose „seelisch behindert“ erklärt.

Bipolare Störung sagt man heute, dem Mann dort oben ist der alte Begriff manisch-depressiv lieber. Drei Stunden lang hat er erzählt, hat er vorgespielt, was das heißt, ein Mensch in Geiselhaft der Krankheit zu sein … Am Akademietheater brachte Jan Bosse eine Bühnenfassung von Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ zur Uraufführung. Der Text ist erst im vergangenen September erschienen, er ist ein Tatsachenbericht, eine Biografie in Form eines „gescheiterten Bildungsromans“. Sagt sein Autor. Genauso anstrengend, kräfteraubend, entnervend – lohnend wie die Lektüre dieses Falls, ist nun sein Ansehen. „Fall“, weil unvorstellbar tief. Melle erzählt von Freuden, die sich nach und nach verabschieden, von Frauen, die an Rettungsversuchen zerschellen, vom Verlust von Job, Wohnung, Konto, Selbstbestimmtheit. Von himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Schulden- und Prozesslawine wegen boshaften Verhaltens. Exzess, bis Blut fließt. Und immer wieder Psychiatrie. „Weg sein“ wünscht er sich sehr. Das kann nur verstehen, wer darauf hofft.

Dass das auch am Theater unter die Haut geht, liegt an Joachim Meyerhoff, der sich die Melle’schen Krisen überstreift wie eine zweite Haut. Mag sein, sein Aufwachsen auf einem Anstaltsgelände hat ihm die existenzielle Einsicht in die Rolle ermöglicht. Meyerhoff jedenfalls stemmt den Kraftakt, Melles Psyche zu durchstreifen mit Bravour. Die Energie, die er in den Abend legt, wird am Ende mit Standing Ovations bedacht. Meyerhoff switcht zwischen Größenwahn und Kleinmut, „die eigene Katastrophe auszustellen, hat immer etwas Aufdringliches“, weiß er und tut’s doch. Er lockt „the elefant in the room“ aus seiner Deckung, und das hat durchaus auch Unterhaltungswert. Weil Meyerhoff nicht nur Ausnahmedarsteller komplexer Charaktere, sondern auch ein begnadeter Showmaster im Spiel mit Emotionen ist. Die Figur, die er gestaltet, ist ein Verzweiflungsclown, ein Schalk mit Melancholie im Nacken.

Die Körpermitte soll bei der Vervielfältigung vergrößert werden. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der fotokopierte Messias: Meyerhoff als Schmerzensmann Melle. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was den Voyeurismus der Situation betrifft, braucht man sich im Publikum nicht zu schämen. Meyerhoff stellt sich bereitwillig aus. Aufs Schwadronieren – in der Manie besteht Melle auf seinem Sex mit Madonna, sieht er Thomas Bernhard bei McDonald’s oder kippt Picasso Rotwein in den Schoß – folgt schmerzhafteste Selbstausschürfung. Da legt er sich im Badezimmer die Kabelschlinge um den Hals und lässt sich hineinfallen, bis er die Abba-Schnulze „Fernando“ im Kopf hört. Das rettet ihn, wie peinlich ist das! Galgenhumor ist das unpassend adäquateste Wort, für die Weise, in der Melle/Meyerhoff dieser Episode auf den Leib rückt.

„Das Hirn stürzt herrenlos davon“ eine Beschreibung jenes Zustands, in dem man ver-rückt ist. Aus der Mitte, aus der Balance ins Ungleichgewicht. In die neuronale Schieflage. Melle – Meyerhoff – Schmerzensmann. Zu Darsteller und Regisseur gesellt sich als Dritter Bühnenbildner Stéphane Laimé. Seine Visionen, seine überbordende Bildsprache erweitern die Fakten zur Fiktion. Im Klimax des Abends tackert Meyerhoff ein fotokopiertes Kruzifix an die Wand – das Geschlecht auf 200 Prozent zu vergrößern misslingt, weil Streik des Kopiergeräts.

Da hält sich Melle in einer manischen Phase gerade für den langersehnten Messias. Mit Pingpongbällen als Dornenkrone. Eine Unzahl von ihnen werden zu lustig hüpfenden Psychopharmaka, ein Zuschauer wird zum Match mit ihnen eingeladen – Tischtennis mit Smileyschläger. Dann Publikumsbeschimpfung, dann „Diebstahl“ eines Zuschauerschals und dessen Anheftung über dem reproduzierten Gemächt. „Lass’ du, der du eintrittst, alle Selbstbilder fahren“, sagt Melle über die Geschlossene. Er wird Studenten vorgeführt, längst mehr Studie als Mensch; ein selbstgespanntes Spinnennetz aus Nylonschnüren hält ihn gefangen. Wie besser könnte man die Isolation im eigenen Ich beschreiben? Den beigen Overall, den Meyerhoff trägt, kennt man aus der Psychiatrie. Man bekommt ihn, wenn einen die Polizei „ohne alles“ einliefert …

Am Ende ein Opfer des eigenen Gehirns: Joachim Meyerhoff macht sich Richtung oben davon. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Posttraumatisch“ nennt Melle seinen Versuch, Theater zu machen. Denn, merke: Theater ist der Ort, an dem Wahn noch den meisten Sinn ergibt. An dem oft und oft eines Menschen Trauma zum bejubelten Drama wird. So auch hier. Auf dem Weg seiner Selbsterkundung lässt Melle sich vom Publikum mal streicheln wie ein Plüschteddy, mal fällt er über es her wie ein Raubtier. Viele seiner Sätze haben Zähne und Klauen. Bosse und Meyerhoff haben erkannt: Es soll weh tun.

Die Krankheit, im Buch etwas Katastrophisches, erlebt auf der Bühne allerdings Katharsis. „Es geht besser, immer besser, seit zwei Jahren“, sagt der Mann zwischendurch hoffnungsvoll. Seine in einer Stimmungsschwankung veräußerte berühmte Bibliothek ist zwar auf immer dahin, aber er hat begonnen, eine neue anzulegen. Sie wird sie ihm wieder werden: „Die Welt im Rücken.“

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2017

Burgtheater: Die Orestie

März 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten

Die Erinyen besingen für die Götter das Schicksal des Hauses der Atriden: Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Sarah Viktoria Frick, Caroline Peters, Irina Sulaver, Aenne Schwarz und Maria Happel. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Gewalt des Bildes schlägt einen vom ersten Augenblick an in Bann. Schwarz ist die Erde, der Himmel verfinstert, purpurdunkles Blut bewegt sich als Rinnsal Richtung Rampe. Mittendrin sieben weißzerlumpte, wie in ihre Hautfetzen gekleidete Gestalten, die Bürger von Argos? – auch, vor allem aber die Erinyen. Beklagen die einen den auf dem Haus der Atriden lastenden Fluch, so die anderen ihr eigenes Schicksal.

Nämlich von Pallas Athene dazu verdammt zu sein, die innerfamiliäre Mord-und-Totschlag-Serie nicht länger anzustacheln, weil, wo Blut fließt, ist immer eine Erinys, und sich dem Recht und der Gerichtsbarkeit der Göttin zu unterwerfen. Dies ist es also, was Regisseur Antú Romero Nunes an Aischylos‘ „Orestie“ interessiert. Die zwangsweise Umwandlung der Rachefurien in den Menschen Wohlgesinnte – und die Frage, wie dauerhaft ihre primitiven Prinzipien mit der Farbe der Demokratie zu übertünchen sind. Nunes stellt damit die Frage zur Zeit, treiben doch gerade weltweit Hasardeure des Populismus ihr übles Spiel mit parlamentarischen Grundregeln, setzen Schreihälse mit ihren Parolen jede Rationalität außer Kraft, wagt sich der überwunden geglaubte völkische Ungeist wieder aus seinem Loch. Es wird sich zeigen, inwieweit das Alte durch ein Neues zu ersetzen ist …

Mit den Schauspielerinnen Caroline Peters, Maria Happel, Andrea Wenzl, Barbara Petritsch, Aenne Schwarz, Sarah Viktoria Frick und Irina Sulaver hebt Nunes die Dramentrilogie auf die Bühne des Burgtheaters. Jede von ihnen ist nicht nur eine im Kollektiv Rasende, sondern auch Protagonistin, nicht nur Chormitglied, sondern auch psychologisierte Figur. Denn es gelingt Nunes tatsächlich – soweit Aischylos es zulässt – aus dessen archaischen Archetypen modern anmutende Charaktere zu formen. Da steht der einen die Angst ins Gesicht geschrieben, verzerren sich die Züge einer anderen vor Eifersucht und Wut, verzweifelt eine dritte an ihren Weissagungen.

Kassandra warnt – wann hätte ein Orakel den Menschen je Gutes gebracht: Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra tötet Agamemnon und Kassandra: Caroline Peters, Maria Happel und Andrea Wenzl. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Wohl nur am Burgtheater ist eine solch mimische Meisterleistung möglich. Die glorreichen Sieben schaffen es mühelos, die Maskerade zu bedienen, ohne hinter der Maske zu verschwinden. Mit großer Prägnanz gestalten sie ihre Rollen und immer wieder blitzt hinter der Entstellung die Darstellerin auf. Man erkennt sie an ihren unvergleichlichen Stimmen, auch am Gestischen, die Happel, die Petritsch, die Peters.

Die Geschichte des atridischen Schlachthauses ist bekannt, von Iphigenies Opferung über Agamemnons Heimkehr aus Troja mit Kriegsbeute Kassandra und Ermordung beider durch Klytaimestra bis zu Elektras Ruf nach Vergeltung und Orestes, der diesen erhört. Nunes braucht für das Gemetzel knapp zweieinhalb Stunden. Die Kraft, ja die Opulenz seiner Inszenierung liegt in ihrer Reduziertheit. Ein Weniges, ein schneller Feuerzauber, ein rascher Regenguss, genügen ihm, um Atmosphäre zu schaffen. Auch Versatzstücke benötigt er nicht viele. Mit zwei, drei Handgriffen schält sich aus dem Schwarm ein Individuum. Maria Happels lakonisch-komischer, ermüdeter Held Agamemnon trägt als Metapher Kothurn, der heißspornige Orestes von Aenne Schwarz einen überlebensgroßen Kinderkopf aus Pappmaché. Es ist eine der schönsten Ideen dieses exzellenten ästhetischen Konzepts, wie der Vater im Moment des Todes jene sterbliche Hülle abstreift, die der Sohn später anlegen wird.

Caroline Peters als Klytaimestra zischt erst vor devoter Wut, sie schwankt zwischen Götterfurcht und Eifersucht, bis sie triumphierend zum Vergeltungsschlag ausholt. Ihr, der Gerechtigkeit Suchenden, wird in einer starken Szene die Anklage der Erinyen gelten. Barbara Petritsch gibt den Strahlemann und Klytaimestra-Beschlafer Aigisthos mit stolz geschwellter Brust und ist später als Amme eine Klasse für sich. Andrea Wenzel glänzt in einem Kurzauftritt als Kassandra, Sarah Viktoria Frick treibt ihr eigenes Spiel und Bruder Orestes in die Bluttat. Irina Sulaver schließlich tritt als Athene geharnischt aus dem Opferrauch und verkündet mit Donnerstimme die neue Wahrheit. Es folgt Orestes Freispruch.

Der Chor tröstet Elektra: Sarah Viktoria Frick mit Peters, Happel, Schwarz, Sulaver, Wenzl und Petritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Klytaimestra will Orestes besänftigen, doch der Sohn schlüpft in die abgelegte Haut des Vaters: Caroline Peters und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Erinyen, nun in entwürdigende, buntrüschige Kleidchen gewandet, müssen sich scheinbar fügen. Und den Frieden preisen. Doch Obacht, aus Rasenden werden keine Wohlgesinnten, Europas Angst und Schrecken wird „stets als Wächter vor dem Herzen sitzen“. So schreibt es Aischylos 458 vor Christus. Antú Romero Nunes hat die Aufgabenstellen, dem antiken Drama gerecht zu werden und trotzdem durch eine Handvoll Hinweise aufs Heute zu verweisen, mit Bravour gemeistert. Als der Vorhang fällt, braucht das Publikum einen Moment, um sich von der Bühne zu lösen und im Zuschauerraum anzukommen. Dann folgt großer Jubel und Applaus.

www.burgtheater.at

Wien, 19. 3. 2017