Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die transkulturelle Gesellschaft präsentieren

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2019/20 vor. Bild: Schauspielhaus Wien

Intendant Tomas Schweigen und sein leitender Dramaturg Tobias Schuster stellten heute Vormittag den Spielplan des Schauspielhaus‘ Wien für die kommende Saison 2019/20 vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber präsentierte die Zahlen der laufenden – und obwohl Schweigen und Riesenhuber von der bis dato erfolgreichsten Spielzeit des Theaters zu berichten wussten, von Einladungen zu den Mühlheimer Theatertagen übers Münchner Festival radikal jung bis zu den

Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin, alarmierten sie bereits eingangs mit drohenden Finanzierungsproblemen, eine Situation, zu der die beiden konkret allerdings erst nach ersten Einblicken in die Produktionen zu sprechen kamen. Und so freute sich Schweigen über den Coup, zur Saisoneröffnung am 28. September mit dem gefeierten Duo Vinge/Müller zwei der momentan gefragtesten Künstler der Theaterszene, von der Welt als „die irrsten Theatermacher der Welt“ vorgestellt, deren Aufführungen auch schon mal zwölf Stunden dauern, in denen Vinge Eigenurin trinkt oder anales Action Painting vorführt, für eine Inszenierung am Haus und damit ihre erste Produktion in Österreich gewonnen zu haben. „Vegard Vinge und Ida Müller gehörten zu den prägendsten Mitstreitern von Frank Castorf an der Volksbühne, und werden das unter René Pollesch wieder sein“, so Schweigen zur Uraufführung von deren Projekt.

Er selbst bringt dann am 13. November Édouard Louis‘ Roman Im Herzen der Gewalt als österreichische Erstaufführung auf die Bühne. Der 1992 geborene Shootingstar der französischen Literatur gilt auch als wichtige politische Stimme, und ist einer, der an der Schnittstelle von fiktionaler Literatur und Sozialwissenschaft schreibt. Das autobiografische Buch, in dem sich die Hauptfigur mit einer von Xenophobie, Rassismus und Homophobie durchzogenen Gesellschaft konfrontiert sieht, nennt Tobias Schuster ein „sprachgewaltiges, düsteres Weihnachtsstück“, eskaliert doch am Weihnachtsabend ein schwuler One-Night-Stand zur Vergewaltigung, nach der, so Schuster, „Édouard erfahren muss, wie Polizei, Ärzte, Freunde, sogar die Schwester auf die Gewalttat reagieren“. Mit dieser Arbeit knüpft das Schauspielhaus an Schweigens Inszenierung von Das Leben des Vernon Subutex 1+2 an (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33148), die wiederaufgenommen werden wird – und Tomas Schweigen die Gelegenheit bot, auf Ab- und Neuzugänge im Ensemble hinzuweisen, ist doch Vassilissa Reznikoff bereits nach Mannheim gewechselt, während Steffen Link nach der Hauptrolle in „Im Herzen der Gewalt“ nach München übersiedelt.

Dafür kommt fix Clara Liepsch, die bereits im „Vernon Subutex“ spielt, und Til Schindler: www.tilschindler.com. Fortgesetzt wird die Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Erfolgsautor Thomas Köck, heuer zum zweiten Mal in Folge Gewinner des Mühlheimer Dramatikerpreises, der am 11. Jänner nach der Nestroypreis-nominierten Arbeit „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension und Link zum Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erneut in gemeinsamer Regie mit Elsa-Sophie Jach seine Kronlandsaga um den Bauernbefreier Hans Kudlich fortgesetzen wird. Nach „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) heißt der Text zur Uraufführung nun Kudlich in Amerika, geht der in Wien zum Tode Verurteilte doch wie tatsächlich in die Vereinigten Staaten, nur dass er bei Köck zum texanischen Öl-Magnaten wird – womit über den Roh/Stoff ein weites Gedankenfeld zu Kapitalismus, Kriegstreiberei und Klimakollaps eröffnet ist.

Anna Marboe, dies Jahr mit „Oh Schimmi“ im Nachbarhaus heftig akklamiert, übersiedelt auf die große Bühne und inszeniert das jüngste Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, Angstbeißer von Wilke Weermann, ein zwischen Horror und schwarzem Humor changierender Drogentrip, oder wie es Tobias Schuster sagt, „eine Art Hipster-,Trainspotting‘, bei dem sich ein Freundeskreis in eine Albtraumwelt voller Halluzinationen und Gewaltfantasien verirrt.“ Uraufführung ist am 27. Februar. Mit dem Arbeitsatelier geht die Kooperation von uniT Graz und Schauspielhaus weiter. In diesem Jahr erarbeiten die Autorin und Soziologin Ewelina Benbenek und Regisseur Florian Fischer ein gemeinsames Rechercheprojekt, eine Diskussion darüber, wie eine transkulturelle Gesellschaft im Wechselspiel von Bühne und Publikum präsentiert werden kann, ein Ansatz, eine Analyse, die, wie Tomas Schweigen befindet, auf alle kommenden Produktionen zutrifft, nach der Untersuchung des Status Quo Europas in dieser Saison sozusagen das neue Spielzeitmotto. Tragödienbastard wird am 4. April uraufgeführt. Miroslava Svolikova schreibt, zugeschnitten auf das Schauspielhaus-Ensemble, ihr neues Stück RAND, das Schweigen zum Abschluss der Saison Ende April uraufführen wird.

Das neue Ensemblemitglied Clara Liepsch (li.) in „Das Leben des Vernon Subutex 1+2“; mit Steffen Link, Simon Bauer, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Anna Rot. Bild: © Matthias Heschl

Die Kronlandsaga um Bauernbefreier Hans Kudlich wird fortgesetzt: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Am Wochenende nach der Saisoneröffnung veranstaltet die Schule für Dichtung unter der Leitung von Fritz Ostermayer wieder ein zweitägiges Musik- und Literaturfestival, diesmal unter dem Motto Gebenedeit sei die Wut deines Leibes, bei dem neben unter anderem Christoph Grissemann, Antonio Fian und Maja Osojnik auch Oswald Wiener einen seiner raren Auftritte absolvieren wird. Auch eine Kooperation mit dem Theater KOSMOS Bregenz ist wieder vorgesehen, mit der Produktion Das Optimum des jungen Wiener Dramatikers Mario Wurmitzer in der Regie von Maria Sendlhofer. Uraufführung ist am 31. Oktober im Nachbarhaus.

Erfreut zeigten sich Tomas Schweigen und Matthias Riesenhuber zum Schluss über die aktuellen Zahlen, die ein kontinuierlich steigendes Interesse des Publikums bei dessen sinkendem Alter ausweisen. Riesenhuber: „Die Auslastung liegt bei 85 Prozent, das sind knapp 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer seit September 2018, wobei der Anteil des Publikums unter 30 Jahren bei mehr als 50 Prozent liegt.“

Durch verschiedene Umstrukturierungs-, Sparmaßnahmen und einen gesteigerten Aboverkauf sei außerdem eine Budgetentlastung von etwa 45.000 Euro erfolgt, an Kooperationsmitteln habe man an die 100.000 Euro eingenommen. Trotz dieser erfreulich klingenden Situation sprachen die beiden Geschäftsführer eine deutliche Warnung aus.

Die fehlende Valorisierung komme einer jährlichen Kürzung des Budgets, letztmals erhöht 2009 und derzeit bei 1,515 Millionen Euro von der Stadt Wien und 380.000 Euro vom Bund, um durchschnittlich 40.000 Euro gleich. Die Subventionskürzung des Bundes um 20.000 Euro seit 2019 werde man, so Riesenhuber, mit einer Erhöhung der Ticketpreise um zehn Prozent auszugleichen versuchen. Ob unter diesen Umständen ab 2012 das Schauspielhaus seine Aufgabe als progressives Autorinnen- und Autorentheater, das international Beachtung findet, noch in gewohnter Form wahrnehmen wird können, erklärten Schweigen und Riesenhuber für fragwürdig.

www.schauspielhaus.at

24. 6. 2019

Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

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  1. 6. 2019

aktionstheater ensemble: Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft

Juni 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein Riesenthema bei uns

Michaela Bilgeri als professionelle Pflegeheimstreichlerin; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Genug ist genug. Das muss Michaela Bilgeri eingangs kurz festhalten. Und mit dem nächsten Atemzug zugeben, dass, wann immer sie sich das sagt, sie denkt – ein bissl was ginge noch … Mit derart viel Verve, Wahnsinn und Wollust, wie hier die Bilgeri, muss man sich erst einmal auf eine Spielfläche stellen und „davon“ erzählen, denn, nein, ihr geht es nicht etwa um Innenpolitik, sondern eher Innenschau, sprich: Selbstbefriedigung. „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert,“ erklärt sie.

Und auch den nützlichen Ersatzeinsatz des Turnseils in der Schulsporthalle. Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen macht dieser Tage Station im Wiener Werk X. Zum sagenhaften 30-Jahr-Jubiläum hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble die Inszenierung „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ erarbeitet, zustande gekommen wie stets als die Essenz von Erlebtem und Erfühltem seiner Darsteller, diesmal Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Die nun da stehen, die weiße Weste, äh Wäsche, nicht ganz sauber, darüber können auch die Spitzenshirts und die Sneakersöckchen nicht hinwegtäuschen, um zu berichten, dass es gegen ein übermächtiges, unübersichtliches Draußen wohl besser sei, man bleibe ganz drin bei sich.

So wohl lässt sich der aktionstheater’sche Ansatz interpretieren, die Generation nach BoBo zu zeigen, die Bohemian Bourgeois, die ihren Kindern wenig mitgegeben hat, außer Sinn für Stil und reflektierten Spaß am Konsum. Wenn auch die Fridays For Future Hoffnung schöpfen lassen, aber wie Bilgeri, die professionelle Pflegeheimstreichlerin, die gern zeigt, wie’s geht, aufzählt, was alles anliegt, „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns …“, ist nur menschlich, dass aus dem Schöpfen allzu schnell ein Erschöpfen werden kann. Zwischen diesen Polen mäandert die Produktion. Den Stimmungen nachzuspüren, die zum Status Quo geführt haben, und als solche eine Metapher mit hohem Wieder- und Selbsterkennungswert, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle und den Culture Clash zu sein.

Wut im Wohnungsamt: Benjamin Vanyek; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Über Selbstbefriedigung am Turnseil: Michaela Bilgeri mit Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Gerhard Breitwieser

Verhandelt werden: Der Groll aufs weltverbesserische Kaufverhalten, weil Noisetteschokolade allemal besser schmeckt als Fairtrade, wie Benjamin Vanyek erbittert kauend unter Beweis stellt. Die schöne österreichische Kultur, für die sich sogar die Söckchen in Ballettschuhe verzaubern. Die Vorteile des Ballen- gegenüber des Fersengangs, den Andreas Jähnert vorführt. Versus Maria Fliris kämpferischem Ruf nach „Jetzt erst recht! Neuer Stil! Hula Hoop!“ und Fabian Schiffkorns ängstlicher Frage nach dem Verbleib der Mitte.

Das träge Volk, wie’s neuerdings gern genannt wird, in Hinblick auf das Wahl- davor, hat sich scheint’s auf Nebenschauplätzen eingerichtet. Setzt auf Selbstbespiegelung statt Zivilcourage, und wunderbar ist es, wie Thomas Kolle staubt, klopft ihm einer auf den Rücken. Zack! Zack! Zack! hat er Lösungen parat. Ein spitzbübisches Rich Kid, das seine Eltern zu immensen Ausgaben veranlasst. Im gewollten Dunkel bleibt der fulminante Sänger Pete Simpson, eine Fleisch gewordene Paraphrase aufs Gesagte, einer durchkomponierten Textcollage, die Sprache zu Melodie und Rhythmus eint, Simpson, der mit seiner R’n’B-Stimme Schuberts „Nacht und Träume“ interpretiert.

Und der in den Höhen betörend sphärisch nach Jimmy Somerville klingt. Definitiv ist der gebürtige Brite ein Highlight des Ganzen. „Alle tun so, als würden sie etwas tun, aber sie tun es nicht“, ist der Fazitsatz der Uraufführung. Für die Gruber auch diesmal minimalistische Bewegungschoreographien erdacht hat, angedeutete Tanzschritte, unterstützt durch ein Spiel mit Autoreifen, das die insistierende Wiederholung von Phrasen und Behauptungen begleitet. „Wie geht es weiter“ ist nach den Worten Martin Grubers „der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren“. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at fordert er den „Mut, ein Drittes zu denken“: „Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen“ (das ganze Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30322).

Reifenchoreografie mit Noisettegeschmack: Thomas Kolle, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Maria Fliri, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

In diese Atmosphäre versetzt Gruber mit der eindrücklichsten Szene des Abends, Stichwort: heißes Eisen Immobilienmarkt. Während also Maria Fliri als Hausbesitzerin über das Unbill eines solchen jammert, ihr Scheitern an unbeschädigt weißen Sockelleisten eine einzige linksliberale Wohlstandsverirrung, versucht Benjamin Vanyek seiner Delogierung dadurch zu entrinnen, dass er ihr den Mietvertrag für eine ihrer leerstehenden Wohnungen abschwatzt. Vergebens.

Da wandelt sich der Akteur in einer Erinnerungssequenz in seine Mutter und anverwandelt sich deren breites Wienerisch. Auch sie war in der Situation, und es folgt ein Wutausbruch auf dem Wohnungsamt: „Waun Sie mi mit meine vier Kinda aussehaun, daun …“ Übers eigene Prosperitätstrauma und das „Wie geht es weiter“ lässt sich hernach bei einem Glas Wein trefflich philosophieren. Im Sinne von: sich mit Gott und der Welt, aber nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Weil sich die Bilder gleichen.

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  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Sopro

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus dem Dunkel ins Rampenlicht

Souffleuse Christina Vidal erzählt ihre Theatergeschichten. Bild: © Filipe Ferreira

Dem Publikum bescheren sie unvergessliche Momente, die Souffleusen und Souffleure in der „Gassn“ oder ersten Reihe. Wunderbar die Beflissene, deren Einsagen bei Bernhards „Der Schein trügt“ am Burgtheater alle im Saal verstanden hatten – nur Martin Schwab nicht, der sich mit einem ebenso gut hörbaren „Wie bitte?“ an sie wandte. Gelungen der Zuflüsterer, der Rainer Galke bei „Alte Meister“ am Volkstheater mit dem Burgenländischen vertraut machen wollte:

„schware kindheid ghobt.“ – „Was?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Was?“. An der Josefstadt wisperte die Stimme aus der Tiefe einmal so laut, dass Hausherr Herbert Föttinger nichts blieb, als ihren Satz mit einem finalen „Genau!“ zu parieren. Das ist charmant und unterhält und sorgt für ein Lächeln, das Wissen, dass die Schauspielgötter auch nicht unfehlbar sind und mitunter Hilfe aus der Unterwelt benötigen. Der portugiesische Dramatiker und Regisseur Tiago Rodrigues, Leiter des Lissabonner Teatro Nacional D. Maria II, würdigt seine Souffleuse nun mit dem Stück „Sopro“, zu Deutsch: Hauch. Seit 39 Jahren ist Cristina Vidal am Haus tätig und machte anfangs kein Hehl daraus, dass sie den „innovativen Einfall“ des Chefs, ihre Anekdoten zu einem Text zu montieren, für eine Schnapsidee hielt.

Nun steht sie auf der Bühne des Theaters an der Wien, eine kleine, grauhaarige Frau, ganz in Schwarz gekleidet, doch nicht allein mit ihren Erinnerungen, sondern umgeben von einem fünfköpfigen Ensemble, dem sie – naja: souffliert. Heißt: Sie arrangiert die Schauspieler Szene für Szene so, wie sie’s braucht, und befördert in deren Ohren, was sie gesagt haben will, und siehe, beim Nachsprechen verwandeln sich die Darsteller die jeweiligen Situationen an: Maschas Schmerz, als Werschinin abreist, der Streit zwischen Antigone und Ismene, Harpagons Paranoia … Derart beschwört Vidal den Bühnenzauber, erzählt aus ihrem Leben, wie eine Tante sie mit dem Theatervirus infizierte, erzählt auch von der Liebe einer Intendantin zum arroganten „Jungen Helden“, weiß Geschichte um Geschichte, was alles schiefgehen und wie man’s retten kann.

Die Spielsituationen werden ins Ohr geflüstert. Bild: © Filipe Ferreira

Bild: © Christophe Raynaud de Lage

Die im Dunkel tritt ins Rampenlicht, und wie selbstverständlich werden die Akteure Beatriz Brás, Carla Bolito, Isabel Abreu, Marco Mendonça und Romeu Costa durch Vidals „Hauch“ zu immer neuen Figuren entwickelt, und es ist pure Magie, wie man als Zuschauer selbst bald mit diesem rauen, melodischen Portugiesisch mitzuatmen beginnt, als wär’s das Einfachste auf der Welt, während Vidal ein ganzes Gefühlsspektrum von lebensweise bis humorvoll bespielt. Tiago Rodrigues knüpft die Rückschau seiner Souffleuse an keinen linearen Handlungsfaden, er lässt sie ihren Stimmungen folgen. Wichtigster Sinn des ganzen Abends ist ihm der ewig gültige Glaube an den Wert von Drama, Theater, Literatur.

„Wir brauchen einen Ort, wo wir uns den Mysterien widmen können“, sagt der Direktor im Stück. „Wir brauchen diese Stunden, in denen wir unerwartete Verbindungen herstellen zwischen dem, was schon war, auf der Suche nach dem, was noch fehlt.“ Rodrigues erweist sich als großer Liebender, und wer es ihm gleichtun kann, für den ist dieser Theaterabend ein einziges Glück. Am Ende offenbart Cristina Vidal, warum sie sich auf dessen Experiment doch noch eingelassen hat. Der jüngste Intendant, den das Teatro National Dona Maria II je hatte, ist am gleichen Tag geboren, an dem sie zum ersten Mal dort als Souffleuse gearbeitet hat – das machte Cristina in positivem Sinne abergläubisch.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=51&v=VSTKhKAV-8E

www.festwochen.at

  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Le Metope del Partenone

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kehrgerät beseitigt den Tod

Leiche Nummer eins in der Kunstblutlacke. Bild: © Guido Mencari, Paris

Auf das Leben folgt der Tod, nach „La vita nuova“ also „Le Metope del Partenone“, beides Arbeiten des italienischen Regisseurs und Festwochen-Stammgasts Romeo Castellucci, die er mit seiner Kompagnie Socìetas dies Jahr in den Gösserhallen zeigt. War erstere eine Art Messias-Suche durch eine mysteriöse Bruderschaft, Propheten eines Aufbruchs, eines Neuanfangs, so geht es nun um letzte Momente und ums Sterben. Und das ziemlich drastisch.

Sechs Mal wird auf verschiedene Weise verschieden, der Zuschauer, ganz klein in dem riesigen Spielort, zum genauen Hinsehen auf das Grauen gezwungen. Als wär’s die Strafe für jeden, der jemals schaulustig an einer Unfallstelle stand. Ein Taumeln, ein Keuchen, ein Umkippen. Schon legt sich eine junge Frau auf den nackten Boden, wird von sachkundigen Weißgewandeten, wie’s davor auch die Bruderschaft war, mit Kunstblut aufs Leichendasein vorbereitet. Eintrifft mit ohrenbetäubendem Signalhorn und Blaulicht der Einsatzwagen des Roten Kreuz. Die Rettungskräfte sind tatsächliche, sie bemühen sich um die Verunfallten. Hilfe, wo es keine mehr gibt, das ereignet sich sozusagen ununterbrochen, laut Weltstatistik sterben täglich an die 150.000 Menschen, mehr an ihrem Lebensstil, heißt: Genuss von Alkohol und Tabak, als durch Kriege.

Castellucci führt das mit seinem wie stets klang- und bildgewaltigem Werk vor, dessen Titel sich auf die Reliefs im Tempel der Pallas Athene auf der Akropolis bezieht, die mythische Kampfszenen zwischen Göttern, Giganten, Kentauren und Griechen darstellen. Von ihm streng choreografiert kommt unweigerlich der Exitus. Die Ursachen dafür sind Säure, die ein Gesicht verätzt, Verbrennungen, mal wird ein Bein abgetrennt, mal quellen Gedärme aus einem Leib. Einen Mann im Anzug durchschüttelt offenbar ein Herzinfarkt, inmitten seiner Urinlacke muss er auch noch die als Schmach ertragen. Schmerz, Entstellung, gellende Hilferufe an der Grenze des Erträglichen, schließlich Ohnmacht, den Schauspielern Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert und Sergio Scarlatella bleiben nicht viel Mittel, als Mimik und Gestik entgleisen zu lassen.

Echte Rettungskräfte im gefakten Einsatz. Bild: © Guido Mencari, Paris

Siehe, sagt Castellucci, so schnell wird man zum Opfer zum Objekt. Denn von Fall zu Fall stellt sich der Herzmonitor auf Flatline, ein Tuch wird den Entschlafenen geworfen, Stille setzt ein, und bei manchen ist man froh, dass endlich eine Ruh‘ ist. Was aber nicht so bleibt, lösen sich die Leichen doch aus ihrer Starre und schreiten als höchst würdevolle Untote durch den Raum. Zu den Wiederauferstehungen werden rätselhafte Sätze von Claudia Castellucci an die Wände projiziert:

„Ich bin allein, aber unter vielen“ oder „Ich bin nie gewesen, aber im Werden begriffen“, „Ich habe keinen Körper, aber du kannst mich sehen“, was eindeutig – und Castellucci würde diesen Konflikt mutmaßlich gar nicht abstreiten – mehr nach Römisch-Katholisch als nach Antik-Griechisch klingt. Mehr Erkenntnisgewinn hat Castellucci diesmal nicht zu bieten. Seine 2015 in Basel erstaufgeführte Performance wird nicht zu einem der von ihm sonst so empathisch angelegten Elementarereignisse. Das „Erlebnis“ Tod, das dem Unabwendbaren Ausgeliefert-Sein verfängt nicht beim Betrachter, daran zu erkennen, dass das Publikum den finalen Zuckungen der Darsteller meist mit abwehrend verschränkten Armen gegenübersteht. Überforderung statt Einfühlung, und keine Katharsis nirgendwo. Am Schluss: eine Kehrmaschine. Kommt und fegt die falschen Körpersäfte weg …

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  1. 6. 2019