Sommernachtskomödie Rosenburg: Schlafzimmergäste

Juli 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv sind die Männer die Dummen

Stiften Verwirrung in drei Schlafzimmern: Thomas Groß, Daniel Keberle, Martin Oberhauser, Angelika Niedetzky und Elke Winkens. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Welches Stück wäre wohl passender für die Sommernachtskomödie Rosenburg als Alan Ayckbourns „Schlafzimmergäste“; Intendantin Nina Blum hat den Text für die diesjährige Saison gut gewählt, nicht nur, weil der Spaßfaktor die Schallmauer durchbricht, sondern auch – und stimmig zum Aristo-Ambiente -, weil der britische Dramatiker gleich Shakespeares „Sommernachtstraum“ vier Paare in die Bredouille bringt. Allerdings in nur drei Betten.

Da sind Irrungen und Wirrungen vorprogrammiert. Inszeniert hat einmal mehr Marcus Ganser, der auf dem Kamptalschloss erneut seine Qualitäten als King of Comedy und als Logistik-Virtuose unter Beweis stellt. Einfach umwerfend: das von ihm erdachte, von allen Seiten einzusehende Bühnenbild, dessen Blaupausenwände sich absenken lassen, um den Blick auf die drei Schlafzimmer freizugeben. Fenster und Türen liegen waagrecht auf dem Boden – und durch sie entschlüpfen die Figuren aus der einen und anderen brenzligen Situation. Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass Bagger zwei Tage lang Tunnelsysteme unter der Rundbühne ausgruben, um so die benötigte Unterbühne zu errichten.

Derart liebevoll bis ins Detail arbeitet Ganser aber nicht nur, soweit’s die Optik und den Klipp-Klapp betrifft, sondern auch bei der Anleitung seiner Schauspieler. Ein schönes Highlight der Aufführung: das Ehepaar Babett Arens und Florentin Groll spielt das Ehepaar Delia und Ernest. Die beiden wollen nach einem nur mäßig gelungenen Hochzeitstagessen in erster Linie ihre Ruhe, doch natürlich kann es die nicht geben. Die Arens ist entzückend als angegraute Dame, die versucht, die Sorgen und Nöte einer nächsten Generation zu verstehen, während ihr Eheleben durch Pragmatismus, Stillschweigen über Unaussprechliches und ab und an leise Vorwürfe seit Jahrzehnten wunderbar funktioniert.

Doch die Lacher und die Sympathien des Publikums hat Groll auf seiner Seite. Immer leicht neben der Spur oder die Frühsenilität auch nur vortäuschend, jedenfalls ein Philosoph in Sachen lecker Zimmerdecken – und umwerfend, als er, ob widriger Umstände aus dem kuscheligen Bett ins feuchte Gästebett vertrieben, nach und nach in Fischereiadjustierung erscheint. Groll ist es, der Ayckbournes trockenen Humor und seinen Sarkasmus am besten über die Rampen bringt.

Im Mittelpunkt der Handlung aber stehen Delias und Ernests Sohn Trevor – ein fabelhafter Woody-Allen-artiger Charakter: Daniel Keberle – und seine Autosuggestion praktizierende Ehefrau Susannah. Wie die Mutter meint, hätte der Sohn eine „strapazierfähige, phlegmatische“ Gefährtin gebraucht, doch haben sich hier zwei Beziehungsneurotiker gefunden, die imstande sind, eine ganze Clique in ihre – wie Delia sagt – B.E.T.T.-Probleme zu involvieren.

Ihr Hochzeitstag wird empfindlich gestört: Babett Arens und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Und Schuld haben diese beiden Stadtneurotiker: Elke Winkens und Daniel Keberle. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg/Anna Stöcher

Das ganze Ensemble hat sichtbar Lust auf derlei Tratsch- und Klatschgeschichten. Und geht mit großer Spielfreude an diese heran. Angeführt von Elke Winkens als Susannah und Angelika Niedetzky als Kate, die den ganzen Abend über auf Komödiantinnen-Vollgas fahren. Kate und ihre bessere Hälfte Malcolm feiern nämlich Housewarming Party – und zu der ist neben Susannah und Trevor auch Trevors-Ex Jan eingeladen. Adriana Zartl ist großartig als geduldsstrapazierte Jan, deren aktueller Ehemann Nick mit einem Hexenschuss im Bett bleiben muss. Martin Oberhauser gibt diesen selbstmitleidig und egozentrisch, wunderbar eine Akrobatikeinlage bei Jans Erste-Hilfe-Versuch, während Kate und Thomas Groß als Malcolm – mit mehr als mangelnden Heimwerkerqualitäten – das perfekte Chaos-Paar abgeben.

Klar ist gleich, wer die Hosen anhat; die Niedetzky vor allem, weil aber die Männer irgendwie neben der Welt leben, oder im unpassendsten Moment kindisch sein müssen. Definitiv sind die Männer die Dummen. Ganser setzt auf hohes Tempo und perfektes Timing, und lässt Szenen in den drei Schlafzimmern parallel laufen, um seine von Eifersucht geplagten Liebesphilosophen in Position zu bringen. Es folgt ein Beziehungsdrama bis hin zu Handgreiflichkeiten, vorgetäuschter Sonnenschein und der finale Schlag der Partycrasher.

Susannah und Trevor nämlich haben Kates und Ernstes Party gesprengt; sie flüchtet zu ihren Schwiegereltern Delia und Ernest, er zu Nick und Jan, letztere hat er im Aufruhr der Emotionen auf der Fete gerate erst geküsst. Die Gefühlsspirale dreht sich immer schneller, der Liebeswahn zieht die Schrauben an – und eine schlaflose Nacht später erkennen die Protagonisten, dass ihre Probleme erst da waren, als andere sie gesehen haben. „Schlafzimmergäste“ erzählt von Liebe als einem Virus, der um sich greift, der mit gesundem Menschenverstand aber auch geheilt werden kann. So man denn welchen fände … Großartiger Großstadtboulevard in Niederösterreich!

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 7. 2017

Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Art Carnuntum: The Summit/Der Gipfel

Juli 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein antiker G5 mit Gerald Gross als News-Anchorman

Geht auf in seiner Rolle: Gerald Gross als News-Moderator Gerald Gross. Bild: Art Carnuntum

Nach dem Blutbad in der Arena werden etwaigen Überlebenden die Wassermelonenköpfe zerstampft, dann die toten Körper entfernt. In Memoriam der Mensch- und Tieropfer, die hier auf grausamste Weise umkamen, wird eine byzantinische Hymne gespielt. Die Savaria Legio marschiert zum Schutz der Ehrengäste auf, Antonio Morillo Lopez kommt als berittener Bote und zeigt mit seinem Pferd auch gleich ein paar Reitkunststücke.

Schließlich fährt Gerald Gross im Ü-Wagen vor. Sein Kamerateam baut sich vor der Vidi-Wall auf, denn der Nachrichten-Anchorman wird von einem der wichtigsten Ereignisse der Antike berichten: der Kaiserkonferenz am 11. November 308 in Carnuntum, einer Zusammenkunft, die die damals bekannte Welt von Grund auf veränderte.

Wegen des großen Erfolges im Vorjahr zeigte Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin noch einmal das von ihm ausgeklügelte Spektakel „The Summit/Der Gipfel“. Nicht als Fiktion, sondern als Bericht will er sein „Gipfeltreffen am Originalschauplatz“ verstanden wissen, doch nach dem hochamüsierten Publikum zu schließen, ist ihm auch eine tadellose Komödie gelungen, deren Komik darin besteht, dass Politiker immer waren, wie sie sind.

Der historische Hintergrund: Kaiser Diokletian führte 293 im römischen Reich die Tetrarchie ein. Zwei Augusti – er selbst im Osten, sein Freund Maximian im Westen – sollten unterstützt von zwei Caesares, Constantius Chlorus und Galerius, regieren. Nach zehn Jahren sollten diese zu Augusti aufrücken, das heißt: jeder Politiker wäre 20 Jahre im Amt, zehn als Caesar, zehn als Augustus. Diese wunderbare Idee löste sich in Rauch auf, nachdem Diokletian und Maximian von ihren Ämtern zurückgetreten waren.

Zwar rückten Severus im Westen und Maximinus Daia im Osten als Caesares auf, doch als Diokletians Nachfolger als Augustus, Constantius Chlorus, verstarb, riefen dessen Truppen kurzerhand seinen Sohn Konstantin zum neuen Augustus und damit zum Severus-Konkurrenten aus. Maxentius, Sohn des ehemaligen Augustus Maximian, bunkerte sich in Rom ein. Und sozusagen am Spielfeldrand wartete Licinius, Kandidat des Galerius für die Nachfolge des Severus als Augustus des Westens, auf seine Chance. In solcher Situation berief Diokletian die Kaiserkonferenz von Carnuntum ein …

Diocletian (Erich Svoboda) steigt bodyguard-bewacht aus seinem Wagen. Bild: Art Carnuntum

Die Politiker grüßen das Volk, Gerald Gross wartet bereits auf ein Interview. Bild: Art Carnuntum

Diesen G5 hat Piero Bordin im römischen Amphitheater gewitzt nachgebaut – und optisch ins Heute verlegt. Die Kaiser fahren in großen Limousinen vor. Maximian (Leopold Böhm) gibt Gerald Gross, der sich vor dem Konferenzzelt um Interviews bemüht, die typisch nichtssagende Altpolitiker-Antwort. Galerius (Rudolf Karasek), der einflussreichste Senior-Kaiser, ist ein sleeker Teflonmann. Maximinus Daia (Grigore Bostan), Typ Funktionär, flüchtet sich in ein „Kein Kommentar!“.

Im Hubschrauber kommt schließlich Diocletian (Erich Svoboda) und fertigt Gross auf dessen Frage nach etwaigen wiedererwachten politischen Ambitionen mit einem Originalzitat ab: „Wenn Ihr die Kohlköpfe gesehen hättet, die wir in Salonae mit eigener Hand großziehen, würdet Ihr dies nicht für eine verlockende Alternative halten.“

Da muss Gross dann schon ein bisschen seufzen; es ist herrlich, wie der ehemalige ZiB-Moderator mit Humor und einem Hauch Selbstironie in seiner Rolle als „Gerald Gross“ aufgeht, vor dem erneuten Live-Einstieg noch schnell mit Puder das Gesicht mattiert.

Ein kurzes Gewitter ganz Vollprofi in seinen Beitrag einflicht – und natürlich auch ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert. „Manche Potentaten sehen in Interviews ein Verhör, alles schon erlebt auf diversen Konferenzen“, kommentiert er trocken, dass ihn die Kaiser kurz und knapp abgefertigt haben. Und spekuliert anhand des aufgetischten Caterings, dass dies „wohl ein Verhandlungsmarathon wird“.

Das alles ist so zeitlos modern, könnte ebenso gut ein Meeting der Brüsseler Spitzen oder ein Bussi-Bussi-Auftritt von Trump/Putin sein, die Parallelen sind gelegt, es ist wirklich zum Lachen. Nichts fehlt an diesem Abend. Weder die gemeinsame Altarenthüllung noch die Pose beim Gruppenfoto.

Umrahmt wird „The Summit/Der Gipfel“ von der Musik des 1.Frauen-Kammerorchesters von Österreich. Unter der Leitung von Kati Maróthy spielen die Damen Yannis Markopoulos – unter anderem sein „Malamatenia Logia“ – oder Joseph Haydns „Quinten-Quartett“. Der Vienna Symphonic Choir singt mit „Meditations“ als Parabase eine Komposition von Christopher J. Hoh für die „Kaiser von Carnuntum“.

Antonio Morillo Lopez kommt als berittener Bote zur Savaria Legio … Bild: Art Carnuntum

… und zeigt mit seinem Pferd in der Arena ein paar Reitkunststücke. Bild: Art Carnuntum

Dann plötzlich: Breaking News – die Ereignisse überschlagen sich. Außer Protokoll fährt ein Militärfahrzeug vor, ihm entsteigt ein Vier-Sterne-General. „Militärputsch?“, orakelt Gross. Nein, es ist der eilig herbeigerufene Licinius (Pavel Strasil). Wenn er sich das nächste Mal zeigt, wird er den Tarndrillich gegen einen dunklen Anzug getauscht haben, und man versteht, was das bedeutet:

Licinius wird im Westen des Reiches Augustus – ohne jemals Caesar gewesen zu sein. Ein weiterer Gewinner der Konferenz ist Konstantin. Er – Gross: „ein politisches Jungtalent mit übersteigerten Ambitionen“ – wird in seinen Augen allerdings „nur“ Caesar unter Licinius. Wie das endet, ist bekannt. Für den Osten wurden Galerius als Augustus und Maximinus Daia als Caesar bestätigt.

Im Epilog erklärt Gross, nunmehr bereits aus dem „Newsroom“ auf der Vidiwall, die bis heute nachhallende Bedeutung der Kaiserkonferenz von Carnuntum: Sie bereitete den Weg für folgende Zusammenkünfte, bei denen 311 das „Toleranzedikt von Nikomedia“ erlassen und 313 die „Vereinbarung von Mailand“ getroffen wurden.

„Wir sind seit Langem der Ansicht, dass Freiheit des Glaubens nicht verweigert werden sollte. Vielmehr sollten jedermann seine Gedanken und Wünsche gewährt werden, so dass er in der Lage ist, geistliche Dinge so anzusehen, wie er selbst es will. Darum haben wir befohlen, dass es jedermann erlaubt ist, seinen Glauben zu haben und zu praktizieren, wie er will“, verlautbaren Licinius und Konstantin darin. Und damit gleichsam das Ende der Christenverfolgung und die allgemeine Religionsfreiheit. Siehe Erklärung der Menschenrechte, Artikel 18. Und das alles begann in Carnuntum …

Das weitere Programm von Art Carnuntum 2017: www.mottingers-meinung.at/?p=25318

www.artcarnuntum.at

  1. 7. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017

Martin Kušej übernimmt das Burgtheater

Juni 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Amtsantritt des neuen Intendanten erfolgt 2019

Der neue Burg-Herr: Martin Kušej. Bild: BKA/Andy Wenzel

Nun ist es amtlich: Martin Kušej wird der neue Intendant des Burgtheaters, vorerst bestellt für die Jahre 2019 bis 2024. Dies gab der hocherfreute Kulturminister Thomas Drozda Freitagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt.

„Ich freue mich, dass der wichtigste Regisseur des Landes endlich das bedeutendste Theater des Landes übernehmen wird, und sich seiner Lebensliebe – dem Burgtheater – widmen kann“, streute Drozda Rosen. „Ich bin davon überzeugt, dass Martin Kušej das Haus mit Intellekt, Lust und Weitblick führen wird.“ Um nichts weniger enthusiasmiert der designierte neue Burg-Herr, der es kaum erwarten kann, „ein neues, spannendes Kapitel in der Geschichte des Burgtheaters schreiben zu können. Es wird meine Aufgabe sein, ein gutes Theater noch besser zu machen“, so Kušej.

Kulturelle Toleranz, gesellschaftliche Öffnung, die Bewahrung von politischen Tabus müssten ebenso wie die Realität einer multikulturellen Gesellschaft ernst genommen werden – gerade in einem modernen Wien voller verschiedener Kulturen und Sprachen. Und weiter: „Meine Aufgabe wird es auch sein, die nächsten Jahrzehnte vorauszudenken, damit sich das Burgtheater den Anforderungen der Zukunft – etwa die Herausforderungen durch das digitale Zeitalter – stellen kann“.

Thomas Königstorfer bleibt auch weiterhin kaufmännischer Geschäftsführer. Drozda dazu: Königstorfer habe sich nach der Ausschreibung unter sechs Kandidaten – darunter fünf Männer und eine Frau – als bestgeeignetster Kandidat durchgesetzt.

www.burgtheater.at

30. 6. 2017