Theater in der Josefstadt: Ritter, Dene, Voss

November 18, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Brandteigkrapfen gibt’s für Ludwig aber nur zwei

Sandra Cervik als ältere Schwester = Dene, Johannes Krisch als Ludwig = Voss, Maria Köstlinger als jüngere Schwester = Ritter. Bild: © Moritz Schell

Jede Ähnlichkeit ist nicht …, sondern wird hier aufs vortrefflichste ironisiert. Denn da hängt sie an den Wänden, die überlebensgroße Ahnengalerie Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss. Überwältigende Porträts. In Öl konservierte Vergangenheit, die Ludwig später wiederholt ab- und umhängen wird: Die Mutter/Dene, den Vater/Voss, dieser ästhetische Querverweis ist sozusagen Programm, die Frage der Wiederaufführbarkeit eines derart auf das ursprüngliche Trio

zugeschnittenen Textes an jeder Stelle mitreflektiert. Warum über dem Ritter-Bild ein Notausgangsschild leuchtet, nein, das hat nichts mit einem gewissen Notlichtskandal zu tun. Erstmals also seit der Salzburger Uraufführung 1986 ist in Wien, am Theater in der Josefstadt, eine Neuinszenierung von Thomas Bernhards meisterhaft komponierter, grotesker Komödie „Ritter, Dene, Voss“ zu sehen. Regisseur Peter Wittenberg inszeniert diese siebente Bernhard-Premiere der Direktion Herbert Föttinger. Mit Johannes Krisch als Ludwig/Voss, Sandra Cervik als älterer Schwester/Dene und Bernhard-Debütantin Maria Köstlinger als jüngerer Schwester/Ritter. Das dem der Uraufführung ähnliche Esszimmer-Bühnenbild hat Florian Parbs entworfen, gemeinsam mit der auch mit der Entwicklung der großartigen Porträts befassten Simina Nicolaescu.

Und nach knapp drei Stunden Spielzeit kann man sagen: mission accomplished. Wittenberg lässt, wie kürzlich sein junger Kollege Matthias Rippert bei „Am Ziel“ im Kasino des Burgtheaters, den erstarrten Blick auf den – je nach Sichtweise – Nestbeschmutzer/Rachegott Bernhard beiseite, und zeigt den Autor in all seiner gfeanzten, zwideren Humorigkeit, wie man ihn aus den Interviews mit Krista Fleischmann kennt und liebt – Zitat: „Die Leut‘ sagen, ich bin ein negativer Schriftsteller, ich bin aber gleichzeitig ein positiver Mensch. Also kann mir ja nix passieren.“ Und dann sein berühmtes „Nicht?“, mit dem er jedem Weiterfragen den Garaus machte. Das Genre real wie irreal: Gutbürgerliches Lachtheater.

Bernhard verflicht seine Freundschaft mit dem verhaltensoriginellen Paul Wittgenstein, die beiden lernten einander im Park am Steinhof kennen, der eine dort wegen seines chronischen Lungenleidens, der andere in der Psychiatrie, und dessen Onkel-Philosoph Ludwig Wittgenstein zur Figur Ludwig. Im Stück nun begegnet man den letzten Nachfahren der mehr als wohlhabenden Industriellenfamilie Worringer, die beiden Schwestern „Cottagegeschöpfe“, mäßig begabte Schauspielerinnen, aber weil der Gönner-Onkel ein Auge auf seine Nichten hatte, mit 51 Prozent an der Josefstadt beteiligt, sodass der derzeitige Direktor nach deren Pfeife tanzen muss.

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

Will die jüngere eine Shakespare-Hauptrolle, kommt der britische Barde auf den Spielplan, will die ältere nur einen Zwei-Satz-Auftritt als Blinde, ein schöner Sidestep zur Saramago-Uraufführung mit der Cervik (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47781), wird auch das möglich gemacht. Derlei Josefstadt-Andocker gibt es etliche, und das kundige Publikum umarmt sie amüsiert. Am Abend der Handlung hat die ältere Schwester trotz Widerspruchs der jüngeren Geistesmensch wie Kindskopf Ludwig aus der Anstalt nach Hause geholt – was der gar nicht will, genießt er im Irrenhaus doch Narrenfreiheit. Noch bevor der wie ein Messias herbeiersehnte Ludwig die Bühne entert, kommt es zum schwesterlich-sarkastischen Schlagabtausch.

Cervik ist grandios als (kranke?? Kranken-)Schwester mit inzestuösen Anwandlungen, die den Bruder so gern nackt in die Badewanne steigen sieht, und ihm die bevorzugten langen Baumwollunterhosen besorgt hat, die sie ihm per beherztem Griff in den Schritt der Untergatte vorführt. Cervik ist auch per Kostüm von Alexandra Pitz ganz notgeile Quasi-Nonne, deren Unterwürfigkeitsübungen, heißt: den Tisch so zu decken, wie dereinst Maman, beinah körperlich schmerzen. Köstlingers jüngere Schwester hat sich als Selbstbetrug die Selbstrettung auf den Stoff ihres sexyroten Cocktailkleids geheftet, doch tatsächlich ist diese nur ein an die Hand getackertes Sektglas – und je mehr illuminiert, desto brillant bösartiger, vulgärer Köstlingers Lachen. In psychologischer Feinarbeit sezieren die beiden Darstellerinnen ihre Charaktere.

Ludwig teilt seine Schwestern in die betuliche und die dumme, denen er den oft zu entschlüsseln versuchten „Katafalkismus“ vorwirft, laut Ilse Ritter aus einem Standard-Interview von Margarete Affenzeller aus dem Jahr 2019: „der ,Kunstkrater‘, aus dem es nur herausstinkt, ,sonst nichts, sonst nichts‘!“ – und die er eine gegen die andere ausspielt. Krisch, der die typisch mäandernden Bernhard-Halbsätze zwischen gefletschten Zähnen zerkaut, „Meine Schwestern sind meine Zerstörerinnen!“, mit einem Ennui, der nur durch die Sehnsucht nach der Todeskrankheit unterbrochen wird. Und jedes Mal, wenn Ludwig von dieser Lust spricht, greift Cervik flugs zur Sauciere, um noch mehr von Ludwigs Gedanken und Gefühlen in der Soße zu ertränken.

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Screenshot/Trailer. © Jan Frankl

Je mehr Krisch am Rad dreht, und er liefert eine nachtmahrische klinische Studie voll bubenhaften Charmes, der sich wie die Wunde auf seiner Hand bis zur Deflagration verbrennt, umso mehr ist Köstlinger sadistisch belustigt und Cervik vor Besorgnis neben der Spur, die exaltierten Intelligenzgeschwister, die höllische ménage à trois, denen Thomas Bernhards Worte wie Bonmots, wie Aphorismen von den Lippen perlen.

Was des Weiteren passiert, ist bekannt. Wutanfälle und Beschimpfungen bei der Erwähnung des Namens Dr. Frege, der, da er zwei scheußliche Porträts der Schwestern initiiert hat, wie der Teufel an die Wand gemalt wird. Großmutters gutes böhmische Porzellan, das in tausend Scherben zerspringt, weil Ludwig, die Anrichte um einen halben Meter bewegen will – Krisch in Ludwigs Notizheft notierend: „Merke: Anrichte erst ausräumen, dann schieben“ -, schließlich die Elternpörträts, die er verkehrt herum aufhängt, die Rückseite nun schwarze Gemälde wie die des italienischen Künstlers Enrico Della Torre.

Die „Brrrrrrandteigkrrrrapfen“ hat Peter Wittenberg Johannes Krisch kluger-, weil somit nicht vergleichsweise erspart, er muss nur zwei in sich hineinstopfen und von sich geben. Zum Schluss das große Verstehen: Wittenberg lässt die Ahnengalerie von Autor, dessen Haushofmeister-Regisseur und seinen Original-AkteurInnen, ach: die Nostalgie! oh: die 1980er-Jahre-Manierismen!, dort wo sie hingehören: Im Museum. „Achtung: Bitte begeben Sie sich zum Ausgang, wir schließen in ein paar Minuten“, tönt es aus dem Lautsprecher, bevor Inspizient Claudio Hiller, hier eingesetzt als Museumswärter, sich unter der Notausgangsleuchte postiert und den Saal per roter Kordel absperrt. Mögen die „Ritter, Dene, Voss“ von vor 30 Jahren dahinter noch ihren schwarzen Kaffee trinken, anno 2022 hat die Bernhard-Rezeption nunmehr neue Räume betreten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0bGKsjg5ds4           www.josefstadt.org

  1. 11. 2022

Akademietheater: Engel in Amerika

November 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Mit Drag Queen Glamour gegen die Todesseuche

Patrick Güldenberg. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Mit höchstem Lob und Beifall soll in dieser insgesamt bemerkenswerten Inszenierung als erste Dorothee Hartinger bedankt sein, die erst am Vormittag gefragt wurde, ob sie den Part der erkrankten, beinah stimmlosen Barbara Petritsch übernehmen könne. Ohne Probe und mit Textzettel in der Hand stürzte sich die Hartinger kopfüber ins Geschehen.

Immerhin galt es Mutter Hannah Porter Pitt, Rabbi Isidor Chemelwitz, den Arzt Henry und das geröstete Gespenst von Ethel Rosenberg zu verkörpern – und voilà, beim Bühnenvollblut lag die Herausforderung in besten Händen. Glücklich darf sich ein Direktor schätzen, der auf derlei Schauspielerinnen und Schauspieler zurückgreifen kann. Vom insgesamt jubelnden Publikum wurde Dorothee Hartinger mit einem besonders herzlichen Applaus bedacht.

Am Akademietheater wird also in der Regie von Daniel Kramer Tony Kushners „Engel in Amerika“ gezeigt. Der US-amerikanische Dramatiker schrieb seine mit dem Pulitzer-Preis, einem Tony Award und einem Drama Desk Award ausgezeichnete „Gay Fantasie on National Themes“ im Jahr 1990 – und freilich hat

sich in der sogenannten Ersten Welt (und nur dort) mittlerweile mit PEP einiges bewegt. Doch „Engel in Amerika“ – zuletzt bei der Neuen Oper Wien als Péter Eötvös‘ Musiktheater zu erleben, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34820 – ist mehr als ein AIDS-Drama. Es ist eine gesellschaftliche Abrechnung mit Neoliberalismus, Freunderlwirtschaft, dem Anspruch auf Gleichberechtigung bei gleichzeitiger Intoleranz von Politik (und deren Unfähigkeit mit der derzeitigen Pandemie umzugehen) und Glaubensgemeinschaften. Eine wütend-sarkastische Anti-Anti-Story. Und noch immer kriminalisieren 80 Staaten einvernehmliche homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen. In fünf Ländern (Iran, Jemen, Mauretanien, Saudi-Arabien, Sudan) sowie in Teilen Nigerias und Somalias werden sie sogar mit dem Tode bestraft.

Felix Rech und Markus Scheumann. Bild: © S. Hassler-Smith

Nils Strunk und Felix Rech. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Annamária Láng. Bild: © Karolina Miernik

Nils Strunk und Bless Amada. Bild: © Karolina Miernik

Aber auch in Ländern ohne solch homophobe Strafgesetze sind Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender oft dem Hass paramilitärischer Gruppen oder Übergriffen der Staatsorgane ausgesetzt. Die Formen der Gewalt reichen von willkürlichen Verhaftungen, Schikanierung und Erpressung über Prügel und sexuelle Demütigungen bis hin zu Vergewaltigungen und brutalen Morden. In Europa ist es ebenso um die Menschenrechte der LGBTQI+-Community mancherorts schlecht bestellt. Gerade in Staaten des ehemaligen Ostblocks werden Gay Pride Paraden von rechtsradikalen Schlägertrupps angegriffen; in einigen Hauptstädten – darunter Warschau, Moskau, Riga und Chisinau – sind sie von den Behörden verboten.

So etwas verstößt gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und ist mit der Mitgliedschaft in der EU und im Europarat unvereinbar. Doch die Amtsstellen hoffen, dass diese Missachtung europäischer Werte und demokratischer Prinzipien nicht weiter auffällt, da sie sich gegen eine vermeintlich „kleine Minderheit“ richtet. Mutige Menschenrechtsverteidiger machen hingegen deutlich, dass sexuelle Selbstbestimmung kein Menschenrecht zweiter Klasse ist.

Zurück zum hochaktuellen gestrigen Abend, keinem „Rückblick“ oder „Stück schwuler Kulturgeschichte“, da „von AIDS niemand mehr spricht“, wie hie und da zu lesen, dafür mit den beiden Zuschauerinnen in der Reihe hinter einem, die den „scheußlichen Vorhang“ nicht als Regenbogenflagge identifizieren konnten. Vom Foyer in den Saal kommend empfangen einen unterm Glitter einer Discokugel Cyndi Lauper, Boy George, die Village People und Gloria Gaynor. I will survive. Immer noch der #1-Hit der Schwulenbewegung. Annette Murschetz zeigt, als sich der Vorhang hebt, vor desolater, getaggter Kachelwand einen gestapelten Haufen schwarzer Särge, die später als Bar, Pissoir, Theaterschminkspiegel und Totenlade dienen werden.

Kushner verwebt den New Yorker Totentanz seiner Figuren zu einem kunstvollen, immer surrealer, immer expressionistischer werdenden Gebilde, bis sich der Kreis zum Ganzen schließt. Da ist zunächst das Liebespaar Mayflower-Nachkomme Prior Walter (Patrick Güldenberg) und – der nicht wirklich fromme Jude – Louis Ironson (Nils Strunk), der mit der AIDS-Erkrankung seines Lebensgefährten nicht umzugehen weiß, der sich vor dessen Krankheitssymptomen ekelt, überfordert zwischen Fluchtgedanken und Aufopferungswillen pendelt, und ihn schließlich verlässt. Außerdem das Mormonenehepaar Joe Pitt (Felix Rech), der mit seiner Religion vs. seiner sexuellen Orientierung kämpft, und Harper Pitt (Annamária Láng), die sich täglich ins Valium-Nirvana halluziniert, um die unterschwellige Ahnung, die sie über Joe hat, nicht Wahrheit werden zu lassen.

Bless Amada. Bild: © Karolina Miernik

Scheumann und Rech. Bild: © K. Miernik

Bless Amada. Bild: © Karolina Miernik

Joe und Louis sind Mitarbeiter am Bundesappellationsgericht, wo sie einander eines Tages auf der Herrentoilette begegnen und … naja. Man befindet sich also am unteren Ende der Oberschicht, dominiert vom zwielichtigen Juristen Roy M. Cohn (Markus Scheumann), der einzig real existiert habenden Person im Stück – dazu die Kurzzusammenfassung: politischer Ziehsohn von J.Edgar Hoover, der ihn an Joseph McCarthy weitervermittelte, Kommunistenhetzer, verantwortlich für die Hinrichtung Ethel Rosenbergs auf dem elektrischen Stuhl, Rechtsanwalt von Donald Trump, Berater von Richard Nixon und Ronald Reagan, homosexuell. Als bei ihm 1984 AIDS diagnostiziert wurde, behauptete er bis zuletzt Leberkrebs zu haben. Schwulsein ist nichts für Macher.

Schon Scheumanns intrigant-hektische Eröffnung des Schauspiels ist vom Feinsten. Auf drei Uralt-Handys gleichzeitig telefonierend beschafft er einer Senatorengattin Cats-Karten, macht seinen Assistenten zur Schnecke und versucht einen Deal an Land zu ziehen, dies im Sprech-Stakkato und alsbald im Jockstrap, während er Richtung Joe Grimassen schneidet, die erläutern, mit welchen Armleuchtern er es hier zu tun hat. Mit Joe hat er große Pläne, er soll sein Mann in Washington werden, wo er es sich wegen seiner Machenschaften verscherzt hat. Doch der macht sich Sorgen, nicht nur wegen seines Gönners Skrupellosigkeit, sondern auch, dass Harper den Politsündenpfuhl nicht verkraftet.

Je mehr Fahrt die Handlung aufnimmt, desto fantastischer werden die Kostüme. Der georgische Modedesigner Shalva Nikvashvili, in seinen Arbeiten stets mit Identitätsfragen und Ideosynkrasie beschäftigt, wechselt vom Grau in Grau der Yuppie-Anwaltswelt zu Paradiesvögeln, die einen direkt in RuPaul’s Drag Race katapultieren. (Die Rosa Winkel, die Homosexuelle als Kennzeichnung in den NS-Konzentrationslagern auf der Häftlingskleidung tragen mussten, als Sinnbild für das Kaposi-Sarkom auf die Körper der Darsteller gemalt, wurden auch zum Symbol der Schwulenbewegung Act Up.)

Im Wortsinn schönster Nutznießer von Nikvashvilis Ideenreichtum ist der genial-spielfreudige Bless Amada als Belize, vormals Drag Queen und Priors Lover, nun dessen staatlich geprüfter Krankenpfleger. In Fieberträumen, Wahnvorstellungen, queeren Visionen, eskalierenden Phantasmagorien erscheinen die Gespenster einer güldenen Vergangenheit, Kontorsionistin und Drag Queen Pandora Nox hat dazu die Choreografien erdacht. Hinreißend Patrick Güldenbergs Outfit als sterbender Schwan, später als eine Art Königin der Nacht.

Bless Amada. Bild: © Karolina Miernik

Bless Amada und Annamária Láng. Bild: © Karolina Miernik

Amada, Rech, Strunk und Scheumann. Bild: © Karolina Miernik

Bless Amada und Patrick Güldenberg. Bild: © Karolina Miernik

Es ist Regisseur Daniel Kramer hoch anzurechnen, dass er den Spagat zwischen Erotik und Exzentrik, Dramatik, Witz und Sentiment ebenso parallel zu führen versteht, wie die oft synchron ablaufenden Szenen, wie er Explizites im Central Park und Schwulenclubs elegant zu lösen vermag. Bless Amada wird als blau-weiß-grinsende Glückspille zu Harpers „Reiseagent“, der mit ihrem Eisbären-Ich und Riesenmedikamentendose in der Arktis landet. Bless Amadas Belize, die sich selbst Kadaverette nennt und bittersüß Playback-Songs singt, mal als Christbaum, mal als Santa Claus‘ Lieblingself, mal als Diana Ross‘ sexyer Sister. Dann wieder Prior betreuend, der in einem gläsernen Schneewittchen-Sarg beziehungsweise Inkubator liegend teerige Körperflüssigkeit verliert.

Eine der stärksten Szenen des Abends ist, wenn Louis sich vor Belize in einen völligen Schwachsinn über die Ausgrenzung Andersseiender anderswo deliriert, dazu seine Ansichten zum angeblich problemlosen Zusammenleben à la USA zelebriert, bis Belize die Spucke wegbleibt. So viel rassistischen Unfug hat er noch nie gehört. Das ist nicht nur von Nils Strunk und Bless Amada glänzend gespielt, sondern zeigt: „Race“ ist jenes Thema des Stückes, das an gesellschaftlicher Relevanz noch zugelegt hat. Das geht so lange ungut, bis der Jude und die Person of Color einander gegenseitig Rassismus vorwerfen, Belize, die Louis Feigheit vor Priors Krankheit anprangert. Und während der drei Stunden Spieldauer senkt sich ein gigantischer HI-Virus auf die Bühne herab.

Zum Ende? Dorothee Hartinger als Ethel Rosenberg mit elektrisch aufgeladenen Haaren, Markus Scheumann, der wie Dracula seinem Sarg entsteigt, um in der brennheißen Hölle zu landen – und endlich der Engel, Safira Robens, geharnischt in Stahlgrau und mit flammendem Schwert. Dessen letzte Worte an Prior: „Sieh nach oben! / Sieh nach oben! / Bereite den Weg …“ Eine Schlussapotheose, die im Getümmel leider ein wenig untergeht. Im nicht gerade überfüllten Akademietheater hatten nach der Pause noch einige Teile des Publikums die Flucht ergriffen. Schade, den „Engel in Amerika“ mit diesem sensationellen Ensemble und grandiosem Leading Team ist ein absolutes Muss!

Teaser: www.youtube.com/watch?v=CHWg74-R9v8           www.burgtheater.at

TIPP – Werk im Fokus #41: Engel in Amerika. Am 17. November sind Nils Strunk und Patrick Güldenberg ab 18.45 Uhr auf ZOOM zu Gast, um mit dem Publikum über ihre Charaktere Louis Ironson und dessen Lebensgefährten Prior Walter zu diskutieren. Kostenlos für Newsletter-AbonnentInnen. Der Link dazu wird am jeweiligen Tag direkt verschickt. Mehr Info: www.burgtheater.at/newsletter-bestellen

  1. 11. 2022

Burgtheater: Nebenan

November 4, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Irgendwie ist das alles ein Missverständnis

Norman Hacker und Florian Teichtmeister. Bild: © Matthias Horn

Einerseits. Die Kritik mancher Kolleginnen und Kollegen am unverändert gebliebenen Setting Prenzlauer Berg, weil man doch die Berliner Zustände – Stichwort: Gentrifizierung – nicht auf Wien übertragen könne, zielt ins Leere. Dies nicht nur, weil das Burgtheater dann auch keine Stücke aus dem antiken Griechenland oder dem viktorianischen England zeigen dürfte. Sondern auch. Wer annimmt, eine Kiezkneipe wie die Schankstube „Zur Brust“

gebe es an der schönen blauen Donau nicht, hat noch nie vom Floridsdorfer Tschocherl oder dem Kagraner Kistl gehört – und von den an deren Gestade angeschwemmten Stammgästen, die an dieser Lethe das Vergessen im Alkohol suchen. Und hinter jeder dieser Gestalten ein Mensch, ein Charakter, ein Schicksal. Darauf hat Martin Kušej bei seiner Inszenierung von „Nebenan“ vergessen.

Er macht vor allem aus den Nebenfiguren Karikaturen, Knallchargen, haucht ihnen kein Leben ein, er verweigert ihnen eine eigene, fürs Publikum unterschwellig wahrnehmbare Geschichte. Ein Kardinalfehler, weil man gerade in dieser Art von Endstation Sehnsucht jene antrifft, die man in Wien gern Originale nennt.

Kušej bezeichnet diese Arbeit im Programmheft-Interview als „komplettes Neuland“, seinen Versuch, „eine Situation auf der Bühne sehr realistisch umzusetzen“. Aber auch wenn Jessica Rockstroh im 30 Meter langen Spielraum eine 1:1 Kiezkneipe samt Dartscheibe und funktionierendem Zapfhahn, mit waberndem Schlagersound im Hintergrund und anzunehmend vom Zahn der Zeit angenagten Toiletten aufbaut, macht eine Kulisse noch keine großartige Aufführung. Irgendwie ist das alles hier ein Missverständnis, das Elend der sozial schlechter Gestellten als herbeizitierte Ausstattung.

Zum Anfang. Martin Kušej brachte am Burgtheater Daniel Kehlmanns „Nebenan“ zur Uraufführung. Der Text basiert auf dem gleichnamigen Film von Daniel Brühl und Daniel Kehlmann, entstanden aus einer Brühl’schen Idee, der den Freund fragte, ob er ihn und seine Schauspielkunst und seinen zunehmenden Starstatus in satirische Worte fassen könne. Als Kammerspiel für die Leinwand funktioniert das dermaßen gut, dass Debütant als Filmregisseur und Hauptdarsteller Brühl um den Goldenen Bären konkurrierte.

Norman Hacker, Katharina Pichler als Walküren-Wirtin, Florian Teichtmeister und Stefan Wieland. Bild: © Matthias Horn

Lieber klar trinken als klar sehen: Florian Teichtmeister, Katharina Pichler und Norman Hacker. Bild: © Matthias Horn

Katharina Pichler und Stefan Wieland als regungsloser Wutbürger Micha. Bild: © Matthias Horn

Norman Hacker, Elisa Plüss als hipper Florian-Fan, Katharina Pichler und Florian Teichtmeister. Bild: © Matthias Horn

Nun am Burgtheater. Sind der zuagraste Wiener Mime mit dem Fuß in der Hollywood-Tür Florian Teichtmeister und sein Widersacher Ossie Bruno – Norman Hacker, und ohne Frage ist die aberwitzige Tragikomödie ein Fest für zwei Spitzenklasse-Darsteller. Bruno, eigentlich kein Wendeverlierer, sondern mit gutem Kreditkartenfirmenjob, beginnt seinen Rachefeldzug also gegen einen Ösi statt gegen einen Wessi. Der gstopfte Fremdling hat sich das Mietzins-Hinterhaus mit einem gläsernen Aufsatz und nur ihm zugänglichen Lift verschönert, Bruno im Vorderhaus sieht dessen Treiben, hört dessen Lachen mit Frau und Kindern tagtäglich.

Darob hat er beschlossen den Eindringling ins Proletarier-Biotop zu zerstören. Munition liefert ihm das beiderseitige Fremdgehen der Eheleute, Bruno hat Informationen wer weiß woher – und stets lässt er in der Schwebe, ob er bei der Stasi oder deren Häftling in Hohenschönhausen war. So weit, so dünn der Handlungsfaden: Alteingesessene gegen neoliberale Modernisierung. Die „Känguru-Chroniken“ können das besser, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

Fußnote nur um nochmal eine Verbindung aufzubauen, natürlich ist die Gentrifizierung in Wien nicht so forsch wie in Berlin, doch auch hier werden Unorte von einer einschlägigen Klientel zur Kultgegend mit dem Namen Szeneviertel auserkoren …

Die Zeit ist eingefroren, sichtbar an der großen Wanduhr über dem Tresen, die längst aufgegeben hat, anzuzeigen, wie spät es ist. Wer sich als erster hier bewegt, hat verloren. Teichtmeisters Florian, den es vor einem Flug nach London, zum Casting für ein Superhelden-Movie in die Kneipe spült, und der ihn erwartende Bruno Hacker im Infight, inmitten der eskalierenden Tatsachen sind freilich famos anzuschauen, der präzise und gnadenlose Bruno, Florian, der seine Lügen mit Charme und Schmäh zu tarnen versucht.

Stefan Wieland, Norman Hacker, Katharine Pichler und Florian Teichtmeister. Bild: © Matthias Horn

Stefan Wieland zuckt immer noch mit keinem Muskel, und Arthur Klemt als Obdachloser Guido. Bild: © Matthias Horn

K. o., aber nicht in der letzten Runde: Norman Hackers Bruno geht nach einem Faustschlag zu Boden. Bild: © Matthias Horn

Florian Teichtmeister und als angetraute, fremdgehende  Ärztin Clara – Elisa Plüss. Bild: © Matthias Horn

Bis Florians Fassade bröckelt heißt das Match schnöselige Süffisanz vs. staubtrockenen Sarkasmus, dann explodiert Teichtmeister fachmännisch aus dem vorbildlich-verständnisvollen Rahmen eines Bobo-Bildes. Mit etwas mehr Verve hätte daraus eine Faust’sche Mephisto-Story entstehen können – die allgemeine Ungewissheit, die schemenhaft im Schatten lauert.

Immerhin hat man Spaß mit Katharina Pichler, als Wirtin eine volltätowierte Walküre mit prallem, in schwarzes Kunstleder verpacktem Popo, die ihre gefallenen Krieger an der Flasche hält. Grandios ihre Mimik, mit der das Schankmädchen in ortsansässigen Walhalla die unerwarteten Vorkommnisse kommentiert. Wie sie dem angeekelten Florian ihr Sülzchen, passend zum Begriff sülzen, serviert, das der unter Todesverachtung verspeist, nachdem er schon – Achtung: Piefkewitz! – ihren „Kaffe“ ertragen musste – das ist vom Feinsten.

Im Umfeld Stereotype mit den ihnen anhaftenden Klischees: Stefan Wieland als Wütbürger Micha, dessen ehrlich gemeint tolle Leistung es ist, zwei Stunden lang auf einem Barhocker sitzend mit keinem Muskel zu zucken, und wie er in sein abgestandenens Bier starrend und von der Wirtin regelmäßig gemaßregelt krude Widerstands- parolen kräht; Arthur Klemt als türkischer Taxifahrer, als Obdachloser Guido mit seinem Hab und Gut in zwei Ikea-Tragtaschen und als Sauerstoffflaschen abhängiger Hartz-IV-Empfänger Fatsuit-Dirk. Elisa Plüss erscheint kurz als exaltierter Florian-Fan und gewinnt als Ärztin-Ehefrau Clara mit Oscar-Regisseur-Pantscherl kein Profil, weil die Regie ihr nichts zu spielen gibt. Brunos Motive enträtseln sich nie. Anders als im Film fehlt der Theaterfassung die bitterböse Schlusspointe.

Was an diesem künstlichen Duell Teichtmeister-Hacker am meisten nervt, ist Kušejs Annahme, aus Kehlmanns gefälligem Geplänkel eine Gesellschaftlich-Abgehängten-Saga zu gerieren, als könne die groteske Überzeichnung des Ganzen aufs Authentizitätskarussell des Bühnenbilds aufspringen. Abschließend der Refrain von Brunos verwichener Band „Die Bruchbuden“ (Kai Lüftner und Moritz Friedrich): Und ich warte, und warte, und warte, und warte … So ist das. Man wartet und wartet, dass endlich etwas passiert. Aber es kommt nichts. Ende.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=toyMjC2UPKg          www.burgtheater.at

  1. 11. 2022

Kosmos Theater: O Kosmos!

November 3, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Die Lüftungsanlage ist Intendanz-unabhängig

ich liebe das theater und das theater liebt das publikum und das publikum liebt die figuren die figuren lieben sich gegenseitig und das publikum liebt die pause und die pause liebt den alkohol der alkohol liebt die kantine und die kantine liebt die schauspielerInnen und die schauspielerInnen lieben die bühne und die bühne liebt das licht und das licht liebt das bühnenbild das bühnenbild liebt die musik die musik liebt die vorhänge die vorhänge lieben den applaus der applaus liebt die applausordnung die ordnung liebt das system und das system liebt die einzelnen rädchen und will unbedingt teil sein.

Anne Kulbatzki und Christoph Rothenbuchner. Bild: © Bettina Frenzel

Dies Poem sagen, singen Anne Kulbatzki und Christoph Rothenbuchner im Laufe des Abends. Doppeldeutig „O Kosmos!“ nennen tangent.COLLABORATIONS ihre Stückentwicklung in Koproduktion mit dem Kosmos Theater. Absurd und aberwitzig ist dieser Text, den Regisseurin Kathrin Herm in eine Endzeitstimmung versetzt (Raum- & Kostümgestaltung: Mirjam Stängl, Klangkomposition, Sound- & Lichtdesign: Max Windisch-Spoerk – und selten sah man

in der Siebensterngasse Technisch so Raffiniertes). Tiefblaue Samtvorhänge ergießen sich über den Boden wie ein ausgelaufenes Meer, ein riesiges Smartphone-Display zählt einen rätselhaften Countdown oder zeigt um nichts weniger geheimnisvolle Bilder und Botschaften. Ein Sandfaden rieselt von einem Deckenbehältnis zu Boden. Die Zeit verrinnt. Man habe mit diesem Projekt im Lockdown begonnen, so Christoph Rothenbuchner, der Performer, der nach eigenen Angaben nicht performt, als auf dem Sofa sitzend die Einsamkeit ins Unendliche entglitt und der Mensch im Raum-Zeit-Kontinuum seinen Platz finden musste. Tribüne rechts oder links? Sitz?

Worum es also geht? Um alles und nichts wie am Theater und also ums Theater. Mehr oder weniger. Nichtsdestotrotz, aber immerhin. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst, pflegte the late Rudolf Mottinger zu sagen, und Theater der vorgehaltene Spiegel. Nichts ist echt, aber alles so authentisch. Und während Anne Kulbatzki meist am Rande des Nervenzusammenbruchs ihre komödiantischen Qualitäten aufs Spiel setzt, dreht und wendet, verdreht und windet sich Rothenbuchner nach eigener Choreografie, der Tanz-Meister, der dieses Können bereits in Anna Badoras Volkstheater-Direktion zeigte.

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Apropos, Sinn: Dessen Superlativ ist freilich der Nonsense, der Hintersinn – und davon hat „O Kosmos!“ reichlich. Etwa, wenn Kulbatzki wie eine zaubermächtige Königin der Nacht aus dem Vorhang entsteht. Wenn Rothenbuchner in einem Brief an Mama die plötzliche Abwesenheit der plüschroten Klappstühle beklagt. Wenn ein Eisbärkostüm eine Rolle bekommt, und man – Achtung! – in der Grauzone daran denken muss, dass im kalten Polar alles so klar ist.

Bühnenwahr- und -weisheiten werden hier offenbart, Erinnerungen kochen hoch, an jenes Wiener Theater, in dem vor der Renovierung auf dem Weg von der Unterbühne zum sogenannten Inspizientenkammerl ein Elektrokabel derart durchhing, dass sich strangulierte (und für einen Stromausfall) sorgte, wer nicht achtgab. „O Kosmos!“, das ist eine krisengeschüttelte Suche, eine Selbstbefragung, eine Selbstauslieferung, eine Selbstaufgabe mit dem Ziel, zu diesem Selbst wieder Kontakt aufnehmen zu können. Und zwischen den Dialogen Körpertheater, Physical Storytelling vom Feinsten.

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Ein Kabinettstück ist das Interview mit der Intendanz-unabhängigen Lüftungsanlage (auch die Dinge wollen im Kosmos zu Wort kommen), eine alte Bekannte fürs sich vor Lachen biegende Kosmos-Theater-Publikum, Anne Kulbatzki, die die Rothenbuchner’schen Fragen mit gesundem Ego beantwortet. Über die stete Klage, sie sei zu laut. „Sag‘ ich: Ohne mich gibt’s ein paar Ohnmächtige und dann ist niemand mehr gut gelaunt.“ Über die ständige Konkurrenzsituation mit dem Bühnennebel: „Brauch ich am Arbeitsplatz nicht“, sie hätte sogar den Kurs „Umgang mit dem Nebel am Arbeitsplatz“ besucht – ohne Erfolg.

Und während Rothenbuchner sich als Leuchtstoffröhren-Jesus auf einem Spanplattenkastl postiert, erscheint er tatsächlich, der Nebel aus den Tiefen des Hinterbühnen-Universums. Das letzte Wort gehört Rilkes Nachbarn, dem kleinen Beamten von nebenan (Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge). Am Ende dieser Perlenreihe an Assoziationsketten ein Fazit? Kein Geist ist in Ordnung, dem der Sinn für Humor fehlt. Das formulierte der britische Lake Poet Samuel Coleridge schon um 1800. Und situationsabhängig kann der dieser Tage gar nicht schrill, skurril und schräg genug sein.

Trailer: vimeo.com/763338355           kosmostheater.at

  1. 11. 2022

Theater in der Josefstadt: Ein Kind unserer Zeit

September 8, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Viele Türen und kein Ausgang offen

Therese Affolter, Katharina Klar, Martina Stilp und Susa Meyer schlüpfen in diverse Rollen dieses inneren Monologs. Bild: © Moritz Schell

Wer aus den Eröffnungspremieren der Wiener Theatersaison nur eine auswählen kann, der oder die möge sich für diese entscheiden. Regisseurin Stephanie Mohr hat fürs Theater in der Josefstadt Ödön von Horváths visionären Roman „Ein Kind unserer Zeit“ für die Bühne eingerichtet, ein Kunststück, ist der Protagonist doch ein Ich-Erzähler, das Ganze ein innerer Monolog, der zwischen Schilderung der Handlung und seiner Haltung dazu wechselt, vom radikalen Faschisten zum fieberhaft gehetzten Vollstrecker zum frustrierten Kriegsversehrten.

Mohr legt die Figur in die Hände von vier Schauspielerinnen: Therese Affolter, Susa Meyer, Martina Stilp und Katharina Klar. Sie agieren als vielschichtiges Charakter-Quartett – sehr vereinfacht beschrieben: Klar als der fanatische, unbeherrschte Jungmann, Stilp als der Schmerzensmann, Meyer überzeugt mit desillusionierter Abgeklärtheit, Affolter mit grober Kaltherzigkeit. „Ich bin Soldat. Und ich bin gerne Soldat … Jetzt hat mein Dasein plötzlich wieder Sinn! Ich war ja schon ganz verzweifelt, was ich mit meinem jungen Leben beginnen sollte. Die Welt war so aussichtslos geworden und die Zukunft so tot …“.

So beginnen die Darstellerinnen dieser Uraufführung im Kanon, eine das Echo der anderen, eine der anderen Seelenstimme, von Frage zu Antwort, von Rede zu Gegenrede. Doch sie sind nicht nur der Soldat. Sie sind der suizidale Hauptmann und seine Witwe, der despektierte Vater und seine neue Frau, Krankenschwestern und Ärzte im Lazarett, die ins Unglück stürzende Kassiererin einer Praterattraktion. Ausstatterin Miriam Busch hat als Setting einen grauen Drehzylinder mit etlichen Gucklöchern erdacht, der sich an einer Seite öffnet und den Blick freigibt auf einen abgestorbenen Baum zum Erhängen der Gefangenen, einen halbkaputten Flipperautomaten und unzählige Türen – aber hinter keiner ein Ausweg. Die Kleidung besteht aus Drillich, Camouflage-Hosen, Militärstiefeln, Feldmützen und ausgeleierten Männerunterhosen – keine Spur von der Armee Glanz und Gloria, die zumindest Klar in ihren Momenten heraufbeschwört.

Horváths Roman erschien 1938, kurz nachdem der Autor auf den Champs Élysées von einem herabstürzenden Ast erschlagen worden war, und wurde von den Nationalsozialisten sofort verboten. Zu offensichtlich war die Kritik an Adolf Hitler und der Unterstützung Francos im Spanischen Bürgerkrieg. Was Horváth will und die Mohr glasklar herauskristallisiert hat, ist ein Warnen vor der Gefahr nationalistischen/nationalsozialistischen Gedankenguts, ein Appell nicht blindlings hohlen Phrasen und politischen Heilsversprechungen zu folgen, sondern nach eigenem besten Wissen und Gewissen zu leben. Dass einen dies alles auch an Putins Angriffskrieg auf die Ukraine erinnert, macht den Abend hochaktuell. Ein Gespenst, nein: ein Wiedergänger geht um in Europa.

Der arbeitslose Ich-Erzähler in Gestalt von Katharina Klar meldet sich also als Freiwilliger, weil’s in der Kaserne eine warme Stube und etwas zu essen gibt. Mit seinem Vater, einem im Ersten Weltkrieg zum Krüppel geschossenen Kellner, „einem Trinkgeldkuli“, hat er sich entzweit, weil er dessen „fades pazifistisches Gesäusel“ nicht mehr ertragen konnte: „Die Generation unserer Väter hat blöden Idealen von Völkerrecht und ewigem Frieden nachgehangen und hat es nicht begriffen, dass sogar in der niederen Tierwelt einer den anderen frisst. Es gibt kein Recht ohne Gewalt. Man soll nicht denken, sondern handeln! Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“

„Und ich bin gerne Soldat …“ Bild: © Moritz Schell

Tod des Hauptmanns. Bild: © Moritz Schell

Raus aus dem Lazarett. Bild: © Moritz Schell

Beim Vater und seiner Frau. Bild: © Moritz Schell

Auf dem Jahrmarkt verliebt sich der Soldat noch in „das Fräulein“, Martina Stilp, das an der Kasse zum „Verwunschenen Schloss“ sitzt, doch dann geht’s hopp-hopp in den Einsatz, ein kleines Nachbarland wird angegriffen –  eine sogenannte „Säuberung“. Die Affolter als aufrechter Hauptmann läuft mitten in diesem Überfall dem Freitod in Form eines Maschinengewehrs entgegen, der Soldat will ihn retten, worauf ihm der Arm zerschossen wird. Wechsel zu einer zynischen, nach wie vor das „Untermenschentum“ verachtenden Martina Stilp ins Lazarett, das mit dem Arm wird nichts mehr, nun ist der Soldat ebenfalls ein Kriegsinvalide.

Er bringt der Witwe des Hauptmanns, Susa Meyer, dessen letzten Brief, erhofft sich nach einer Sexnacht vergebens von ihr Protektion für einen Posten mit Pensionsberechtigung, kehrt zum Vater und dessen zweiter Ehefrau zurück: „Es gibt keine Gerechtigkeit, das hab‘ ich jetzt schon heraus. Daran können auch unsere Führer nichts ändern … Wer sagt zu dem einen: Du wirst ein Führer. Zum anderen: Du wirst ein Untermensch. Zum dritten: Du wirst eine dürre stellungslose Verkäuferin. Zum vierten: Du wirst ein Kellner. Zum fünften: Du wirst ein Schweinskopf. Zum sechsten: Du wirst die Witwe eines Hauptmanns. Zum siebten: gib mir deinen Arm … Das kann kein lieber Gott sein, denn die Verteilung ist zu gemein.“

Er geht auf den Rummelplatz. Das „Verwunschene Schloss“ gibt es nicht mehr, „das Fräulein“ hat ein Kind abtreiben lassen, weil die Firma keine schwangeren Angestellten duldet, und sitzt nun im Gefängnis. Der Soldat, der längst begriffen hat, dass sein Vater mit jedem Wort recht hatte, die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur, die Unsinnigkeit des Krieges, begeht im Hass auf die Führer und die Mitläufer, auf den „gesunden Volkskörper“ und „das Vaterland, das seine Ehre verloren hat“ zwei Wahnsinnstaten. Doch eigene Verantwortung am Hurra-Patriotismus und Kadavergehorsam leugnet er bis zum Schluss. Schuld und Schrecken und Verlustlisten und keine Sühne. Der Krieg, er ist ein Entmenschlicher. Sowohl der Opfer als auch der Täter.

Katharina Klar. Bild: © Moritz Schell

Stilp und Affolter. Bild: © Moritz Schell

„Hauptmannswitwe“ Susa Meyer. Bild: © Moritz Schell

Stephanie Mohr führt ihr Ensemble präzise und einfühlsam durch diese Schwerstarbeit, die von ihr destillierten Texte sind so ausdrucksstark wie verheert. Mohr zeigt höchst eindringlich vier starke Frauen als Paraphrase, als Demonstration toxischer Männlichkeit, als würden hier Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter anklagen, so sie den Krieg doch nicht verhindern konnten. Und das alles in einem Tempo, das einen atemlos macht. Kein Satz ist in dieser Inszenierung zu viel, jede Minute spannend, jede Verwandlung von Person zu Person bemerkenswert.

Später, auf der Heimfahrt vom Theater, ein Taxifahrer. Man kommt ins Reden, er sagt, er sei vor 27 Jahren nach Österreich gekommen. Aus Bosnien. Aus dem Bosnienkrieg. Und er könne seinem erlernten Beruf nicht mehr nachgehen, weil ein Schrapnell seinen linken Oberschenkel zerfetzt habe. Das Bein sei nun vier Zentimeter kürzer als das rechte. Im Krieg gibt es immer nur Verlierer – und dies seit Generationen bis zu der Generation, die gerade gar nicht so weit der österreichischen Grenzen kämpft.

„Wir sind keine Soldaten mehr, sondern elende Räuber, feige Mörder. Wir kämpfen nicht ehrlich gegen einen Feind, sondern tückisch und niederträchtig gegen Kinder, Weiber und Verwundete“, hat der Hauptmann in seinem Abschiedsbrief geschrieben. – Und der Soldat denkt: „Wie dumm ich war, wie dumm ich war!“

Video: www.youtube.com/watch?v=RQD9ZdqG2rM           www.josefstadt.org

  1. 9. 2022