Kritik – Volkstheater: 1984

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett

Die Nachbarn bespitzeln Winston Smith mit Kameras: Birgit Stöger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Steffi Krautz und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was wäre die Welt ohne Donald Trump? Etliche Theaterabende könnten ohne ihn gar nicht mehr stattfinden, so auch nicht die Freitag-Premiere am Volkstheater. Auch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hat sich nämlich die Brandreden, vor allem die Antrittsrede – „Wir haben uns in einer großen nationalen Kraftanstrengung zusammengeschlossen, um unser Land wiederaufzubauen und seine Verheißung für alle Menschen …“ – als Folie genommen, um darunter sein Spiel von George Orwells „1984“ zu legen.

Dabei folgt er in seiner Inszenierung dessen dystopischem Roman ziemlich exakt; dort wo Schmidt-Rahmer die Narration verlässt, holt er mit den Mitteln eines politisch-performativen Diskurstheaters Orwells von den Gräueln Hitlers und Stalins beeinflusstes Werk an die Jetztzeit heran. In seinen besten Momenten geht es Schmidt-Rahmer um die Verschiebung von Wahrheit durch „Fake News“ und sogenannte alternative Fakten, um die Vernichtung von Faktizität. Dabei hilft ihm der vom Autor erfundene „Neusprech“, eine vereinfachte Sprache, die Denken einschränkt und Widerstand verhindern soll, tadellos.

Wie es in den Sätzen populistischer Politiker und ihren einschlägigen Medien passiert, zeigt Schmidt-Rahmer auf, wie Sprachverkappung zu Verdummung führt. Und wie es im Ministerium für Liebe geschieht, hält er das schamlose Ändern von Sachverhalten fest, bis Behauptungen keiner Überprüfung mehr standhalten. Bis das „gesunde Volksempfinden“ zum von oben gesteuerten Volkszorn wird. „Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett“, sagt O’Brien an einer Stelle zu Winston Smith. Was heißen soll, eine schmerzliche Unwahrheit spüre man gerade noch, aber über tausende könne man unbeschadet hinweggehen.

Als dies ist sehr spannend, dieses In-den-Kopf-der-Menschen-gelangen bis zur letzten Konsequenz durchdacht. Schade nur, dass es die Inszenierung nicht schafft, wirken zu lassen, ohne darauf zu pochen. O’Briens Folter-Frage an Winston, wie viele Finger er sehe, lässt sich also durchaus ohne zu lügen mit „Fünf“ beantworten. Der überzählige, der moralisch mahnend dauererigierte des Regisseurs …

O’Brien und Handlanger im Ministerium für Liebe: Birgit Stöger mit Sebastian Klein und Katharina Klar als umgepolter Julia. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vidiwallfolter: Nach der Pause braucht es gute Magennerven – Rainer Galke und Ensemble. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Schwarzes-Loch-Vidiwall und sieben „Teleschirm“-Videoboxen benötigt der, um die totale Technisierung seiner Bühnenwelt zu zeigen. Auch etliche Handkameras kommen zum Einsatz, jeder kann hier Big Brother sein, die Darsteller allesamt angetan wie Nordkoreas Führer Kim Jong Un, einer von Trumps unzähligen Staatsfeinden Nr. 1. Die charakteristische Frisur samt khakifarbenem Anzug begründet Schmidt-Rahmer im Interview mit seiner „Suche nach dem Nordkorea in uns allen“. Nicht um die aktuell schlimmste Diktatur der Welt ist es ihm also zu tun, sondern um die obligate Schelte von Google, Facebook, Twitter und Co.

Mit ihrem jeweiligen Lieblingsemoji in der Hand skandieren die Schauspieler denn auch gegen Selbstauslieferung ans Social-Media-Spionagesystem, dem noch Biggeren Brother, der via Auskundschaftung des Konsumverhaltens die Weltherrschaft an sich reißen wird. So lässt sich’s interpretieren, im sonst sehr stringenten Bühnengeschehen wirkt dieser Moment allerdings als Überfrachtung des Orwell’schen Themas der von einer Gedankenpolizei gesuchten Gedankenverbrechen.

Tatsächlich sei dahingestellt, ob der Konnex von Orwell zu Larry Page und Sergey Brin den Abend nicht sogar beschädigt. Bessere Beispiele allgegenwärtiger staatlicher Überwachung, Stichwort: Maßnahmen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, hätten sich da finden lassen. „George Orwell würde sich im Grab umdrehen“, heißt es in dieser Sequenz.

In Lektionen, von eins: „Doppeldenk“ bis 173: „Wir können Verbrechen identifizieren, bevor sie überhaupt begangen wurden“, läuft die Aufführung ab. Rainer Galke, wenn auch nicht alt und ausgemergelt, ist herausragend als Winston Smith, ebenso Birgit Stöger als O’Brien. Katharina Klar überzeugt als Winstons verbotene Geliebte Julia. Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher und Sebastian Pass geben bespitzelnde Nachbarn, Schergen des Systems und auch dessen Opfer.

Statt im geheimen Zimmerchen treffen einander Julia und Winston im Hänsel-Gretel-Knusperhaus: Katharina Klar und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Galke mimt einen erst ruhelosen, ängstlichen, später fatalistisch um die Gesellschaft als Ganzes besorgten Winston; Klars Julia ist da ganz klar pragmatischer und bedacht darauf, den Augenblick zu genießen. Das geheime Zimmerchen, in dem die beiden im Roman sich lieben und lesen, wird im Bühnenbild von Thilo Reuther zu einem Hänsel-Gretel-Knusperhäuschen. Stögers O’Brien ist mit einem Wort gespenstisch. Mit großer Eleganz und zur Schau gestellter überragender Klugheit gestaltet sie einen vermeintlichen Mitverschwörer, der sich alsbald als Oberfolterer entpuppt.

Nach der Pause führt die Inszenierung in dessen klinisch-weißes Folterlabor. O’Brien und seine Helfer, nun kahlköpfig und auf einem Auge blind, haben Julia zu diesem Zeitpunkt schon „umgepolt“. Winston erweist sich als härterer Widersacher, nicht weil er will, sondern weil er nicht anders kann. Was sich in Raum 101 ereignet, ist nicht zu sehen. Es wird angesagt, und dass man dennoch gute Magennerven braucht, um diese Szenen durchzustehen, beweist einmal mehr die grandiose Schauspielkraft des Rainer Galke.

Im Programmheft schließlich ist nachzulesen, dass das „Gewölbte Schweinemaul“ oder die „Geschmorte Weichschildkröte“ Methoden sind, die der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu in seinen Gefängnistagebüchern beschreibt. Wegen seiner Gedichts „Massaker“ und seines Films „Totenmesse“ über die Ereignisse am Tian’anmen-Platz wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und häufig Opfer von Gewalt durch die Gefängnisleitung.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

www.josefstadt.org

  1. 11. 2017

Armes Theater Wien: Atmen

November 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der ökologische Fußabdruck in Babypatscherln

In der Babyfrage gibt es tausend Wenns und Abers: Aris Sas und Krista Pauer. Bild: Vondru

Soll man, darf man in diese Welt noch ein Baby setzen? An dieser Frage reibt sich in Duncan Macmillans Stück „Atmen“ ein junges Paar auf. Es diskutiert das Damoklesschwert Klimawandel, macht sich schon Sorgen um den CO2-Ausstoß des nicht einmal noch Geborenen – zehntausend Tonnen nämlich! – und dessen ökologischen Fußabdruck. Zu den weltanschaulichen kommen die persönlichen Fragen.

Was macht die Schwangerschaft mit dem Körper der werdenden Mutter, was wird das Kind mit dem Paargefühl der beiden machen? Wo doch eigentlich alles gut funktioniert … Noch bis 20. November zeigt das Arme Theater Wien im WUK-Projektraum diese Auseinandersetzung. Erhard Pauer hat inszeniert, Krista Pauer und Aris Sas spielen.

Alles beginnt bei Ikea, wo er plötzlich den Wunsch äußert, Vater werden zu wollen. Einen neuen Menschen machen, da fällt ihr das „Atmen“ schnell schwer. Krista Pauers Figur reagiert panisch; hypernervös plappernd versucht sie, ihre Furcht wegzureden, während Aris Sas‘ Charakter sich um Souveränität bemüht. Noch. Denn Theaterpraktiker Macmillan zeichnet ein Beziehungsbild mit verschwimmenden Standpunkten, je nach gerader Befindlichkeit ändern sich die Positionen, die Handlung nimmt mehr als eine Wendung.

Aus zärtlicher Zuneigung … Bild: Vondru

… wird bald eine Dauerdiskussion. Bild: Vondru

Der britische Autor hat mit seinem Wohlstandslamento ein Bobo-Paradebeispiel fürs Zerreden von wichtigen Themen geschaffen. Es ist, als wäre sein Stück der Stoff, an dem die Grünen zerbröselt sind. Im Changieren zwischen Gewissheiten und darob (Ver-)Zweifeln und vor allen Dingen Selbstzweifeln.

Weil man das doch schließlich sei, steht er auf dem Standpunkt, „Die Welt wird gute Menschen brauchen“, ergo müssten sich auch die Klugen vermehren. Sie hält dagegen: „Ich könnte sieben Jahre lang jeden Tag nach New York und zurück fliegen, und mein CO2-Fußabdruck wäre immer noch nicht so groß, wie wenn ich ein Kind kriege.“ Als er noch an ihren Argumenten kaut, kommen bei ihr neue hoch. Im Schönbrunner Tiergarten schieben alle einen Kinderwagen!

Von der ersten Baby-Erwähnung über die verkrampften Empfängnisversuche samt unfreiwilligem Coitus interruptus geht es nun im dialogischen Schnellverfahren weiter zu positivem Schwangerschaftstest, man theoretisiert sich schon bis zur Matura, dann aber Fehlgeburt, Trennung, Versöhnung, zur endlich doch noch stattfindenden Ankunft eines Sohnes und schließlich zu den Friedhofsgedanken einer verbitterten Rentnerin in einer Katastrophen-Welt.

Zwei Stühle reichen dem ATW als Requisite für Badewanne, Bett oder Auto. Bild: Vondru

Krista Pauer und Aris Sas fallen sich bei ihrer Tour de Force großartig ins Wort, wechseln mühelos die authentisch klingenden Alltagstöne und ebensolche Emotionsstadien, und reden und reden und reden … er der ein wenig schlicht Gestrickte, der ihr alles recht machen will und nicht kann, sie die angestrengt Intellektuelle, die keinen Anlass für Vorwürfe, Beziehungs- und Nervenkrisen und überspannte Vorträge in Sachen politischer Korrektheit auslässt.

Und mitten in der Diskussion die klischierten Scherze über den bald hängenden, weil vom Baby ausgesaugten Busen, die hassgeliebte Quasi-Schwiegermutter und die Nöte eines Fremdgehers. Das Stück ist nicht neu, man hat es schon gesehen. Selten aber durfte im kontroversiellen und doch so moralinsauren Text ein derart hinterhältig ironischer Humor aufblitzen, wie in Erhard Pauers Inszenierung.

Krista Pauer und Aris Sas machen das mit kleinen Gesten, mit einem Augenrollen, wenn sie Macmillan den sprichwörtlichen Zaunpfahl aus der Hand nehmen, vor allem Sas‘ Blicke sprechen dann Bände. Und: Die beiden sind eine ausgezeichnete Zwei-Personen-Disko. An szenischen Mitteln braucht das Arme Theater Wien für seinen formidablen Abend nur zwei Stühle. Sie sind Bett und Badewanne und WC, und sogar eine Autofahrt funktioniert mit ihnen.

www.armestheaterwien.at

  1. 11. 2017

Festspielhaus St. Pölten – Yang Liping Contemporary Dance: Under Siege

November 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Rausch der Bilder

König Xiang Yu und seine Konkubine Yu Ji: He Shang und Hu Shenyuan. Bild: Li Yi Jian

Es war Premiere im deutschsprachigen Raum: „Under Siege“, eine spektakuläre Performance aus Tanz und Martial Arts, ein Mix aus chinesischer Tradition und zeitgenössischen Ausdrucksmittel wurde am 12. November im Festspielhaus St. Pölten gezeigt. Chinas Star-Choreografin Yang Liping präsentierte mit den für seine Ausstattung von „Tiger and Dragons“ Oscar-prämierten Visual Director Tim Yip eine atemberaubende Performance in bildgewaltigen Bühnenwelten. Die am Ende mit Standing Ovations bejubelt wurde.

Die Geschichte hinter „Under Siege“ ist die Auseinandersetzung von König Xiang Yu und dem jungen Krieger Liu Bang, der Krieg der Qin- gegen die spätere Han-Dynastie, der sich rund um 206 bis 202 vor Christus zutrug. Wer jemals „Lebwohl meine Konkubine“ sah, weiß worum sich’s handelt: die Schlacht von Gaixia, den Freitod einer Frau, eines Herrschers, das Heraufdämmern eines neuen Geschlechts. Wesentlichen Anteil an dieser Spannung hat zweifellos die ans Akrobatische reichende, dramaturgisch ausgeklügelte Choreografie mit den effektvollen Kampfszenen, die an Kung Fu erinnern, aber ebenso die in farbige Opulenz getauchte Ausstattung.

On i soit … aber man kann angesichts 400 ausverkauften Vorstellungen in der Volksrepublik China nicht umhin zu bemerken, dass Madame Yang den Verlierer der großen Schlacht viel sympathischer als den Gewinner gestaltet. Chinas erste Tänzer stehen in St. Pölten auf der Bühne. Unter einem kalt-klirrenden Himmel aus Metallscheren lässt Pina-Bausch-Schüleri Yang ihre Protagonisten auftreten. Als da sind Guo Yi als Erzähler Xiao He oder He Shenyuan als liebliche Konkubine Yu Li.

Liu Bang und sein als böser Einflüsterer sein General Han Xin: Gong Zhonghui und Gao Chen. Bild: Ding Yi Jie

Das Schlachtfeld: Ein Blutbad aus roten Hühnerfedern. Bild: Ding Yi Jie

Liu Bang krönt sich zum Kaiser: Gong Zhonghui. Bild: Ding Yi Jie

Wie in der traditionellen Pekingoper üblich, verkörpert er als Mann eine Frauenfigut. Traditionell sind auch die Live-Musik von Du Yichen an Pipa und Gu Zheng und Feng Xiaofan, der zusätzlich das Zhongruan spielt, und die Papierschnitkunst von Wang Yan, mit der gleichsam die Überschriften über die Kapitel gestaltet werden. He Shang ist als Xiang Yu ein von seinen Feinden umringter kraftvoller Tänzer. Gong Zhonghui ein listiger, spöttischer Charakter.

Besonders gefällt die Szene „Die Geduld des jungen Han Xin“, denn die Figur des Taktikers und General wurde auf zwei Tänzer aufgeteilt, Xiao Fuchun und Gao Chen, die beiden Gesichter, die dunkle und die helle Seite, des Charakters zeigen. Das atemberaubend schöne Gesamtkunstwerk endet mit Tod im roten Hühnerfedernmeer. Laut Madame Yang sind die in China Symbol für Tod und Neuanfang.

Die mit ihren 59 Jahren immer noch mädchenhaft wirkende Yang Liping war selbst bei der Aufführung zugegen und erläuterte im Einführungsgespräch ihre Intentionen. „Ich wünsche mir, dass die Botschaft von der Grausamkeit des Krieges und von der Sinnlosigkeit der Machtkämpfe zwischen Individuen, denen Tausende zum Opfer fallen, das Publikum erreicht“, so die Choreografin.

Der Krieg endet mit dem Sieg der Han-Streitkräfte und Liu Bang ruft sich selbst Kaiser aus. Die Han-Dynastie war eine der größten Regentschaften der chinesischen Geschichte, doch auch sie ist gefallen …

www.festspielhaus.at

  1. 11. 2017

Nestroy-Preis 2017: Die Gewinner

November 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Krise entsteht ein Gemeinschaftsgefühl

Kirsten Dene erhielt den Preis für ihr Lebenswerk. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Das Volkstheater kann sogar eine ORF-Übertragung aufhalten. So geschehen gestern Abend bei der Nestroy-Gala im Ronacher, als Birgit Stöger spontan und minutenlang Standing Ovations vom Auditorium bekam. Damit blieb sie nicht die einzige, denn natürlich erhob sich das Publikum auch, um Lebenswerk-Preisträgerin Kirsten Dene die Ehre zu erweisen. Und ein drittes Mal für den mit dem Spezialpreis ausgezeichneten Michael Turinsky.

Der im Rollstuhl sitzende Künstler, der den Preis mit Choreographin Doris Uhlich für die Performance „Ravemachine“ erhielt, hatte sich in seiner Dankesrede gegen Ausgrenzung und Hierarchisierung von Menschen und für mehr Solidarität ausgesprochen. Stöger erinnerte an den irakischen Flüchtling Yussuf, der die im Vorjahr ausgezeichnete „Lost and Found“-Produktion des Volkstheaters inspiriert habe und seither ein guter Freund sei.

Montagmorgen hat er einen negativen Asylbescheid erhalten: „Wenn der Staat ihn abschiebt, kommt dies einem Todesurteil gleich.“ Kulturminister Thomas Drozda kündigte daraufhin an, sich als „eine meiner letzten Amtshandlungen“ den Bescheid „noch einmal genau anzusehen“.

Auch sonst war die Verleihung der Nestroy-Preise emotional und politisch wie lange nicht mehr. Burgtheater-Direktorin und Schirmherrin der Veranstaltung Karin Bergmann hatte als Motto die Themen „Wie gefährlich/gefährdet ist die Kunst?“ ausgegeben – und gleich einmal mit einem Riesenproblem zu kämpfen. Kam doch die Moderation von Nikolaus Habjan, Regina Fritsch und Manuela Linshalm nach Texten von Julya Rabinowich nicht zustande. Ein Umstand, den Bergmann nur mit dem Satz „Künstler haben immer recht“ kommentierte.

Und so suchte sie sich neue Mitstreiter, wie die Bundesländerkollegen Marie Rötzer (die über Ungarns Staatsfeind Nr. 1., Árpád Schilling berichtete, der am Landestheater Niederösterreich gerade seine neue Inszenierung vorbereitet), Iris Laufenberg und Florian Scholz als Moderatoren, und ließ sich von Maria Happel und Michael Niavarani humorvoll unterstützen. Ein weiterer Höhepunkt des Abends war es, als Niavarani gemeinsam mit Doyen Otto Schenk die Preise für den Nachwuchs verlieh. Bei der Doppelconférence der beiden tobte das Ronacher.

Autor Ayad Akhtar war extra aus den USA angereist, um den Preis für sein Stück „Geächtet“ entgegenzunehmen. Und last, but not least gab David Schalko eine Groteske über die Hassliebe von Kulturministerium und Künstler zum Besten. Die Sorge, in der kommenden Regierung werde es ein solches gar nicht mehr geben, stand die ganze Zeit über im Saal. Und so entstand aus der doppelten Krise ein Gemeinschaftsgefühl, ein Abend, an dem die große österreichische Theaterfamilie zusammenrückte und sich endlich wieder einmal gesellschaftlich relevant äußerte, statt sich bloß abfeiern zu lassen. Joachim Meyerhoff, der als Bester Schauspieler geehrt wurde, brachte es auf den Punkt: „Dass es so ein überraschend schöner Abend wird, hätte ich nicht gedacht, und ich war ja schon öfter hier.“

Die Preisträger:

Beste Regie und Beste Schauspielerin für „Die Verdammten“: Andrea Jonnasson mit André Pohl. Bild: Erich Reismann

Bester Schauspieler: Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Birgit Stöger (mit Evi Kehrstephan) in „Der Menschenfeind“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Beste Off-Produktion: „Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein“. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

ORF III-Publikumspreis: Max Simonischek (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23491)

Bester Nachwuchs: Felix Hafner als Regisseur für „Der Menschenfeind“ von Molière, Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24272) und Maresi Riegner als Helen Keller in „The Miracle Worker“ von William Gibson, Theater der Jugend und als Hedvig in „Die Wildente“ von Henrik Ibsen, Theater in der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871)

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Birgit Stöger als Arsinoé in „Der Menschenfeind“ von Molière und als Erna in „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth, Volkstheater  (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=24272, www.mottingers-meinung.at/?p=24300)

Spezialpreis: Doris Uhlich und Michael Turinsky für Inklusion auf Augenhöhe in der Performance „Ravemachine“, Koproduktion von brut und WUK performing arts mit insert (Theaterverein)

Bestes Stück – Autorenpreis: Ayad Akhtar für „Geächtet“, Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688)

Beste Off-Produktion: „Holodrio. Lass mich Dein Drecksstück sein!“ nach André Heller, Inszenierung Thomas Gratzer, Theater Rabenhof (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23973)

Beste Bundesländer-Aufführung: „Der Auftrag: Dantons Tod“ mit Texten aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ und Georg Büchners „Dantons Tod“, Inszenierung Jan-Christoph Gockel, Schauspielhaus Graz

Beste Ausstattung: Katrin Brack für „Carol Reed“ von René Pollesch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24824) und „der herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23378), Akademietheater

Beste Regie: Elmar Goerden mit „Die Verdammten“ nach dem Film von Luchino Visconti, Theater in der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23553)

Bester Schauspieler: Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle, Akademietheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24338

Beste Schauspielerin: Andrea Jonasson als Freifrau Sophie von Essenbeck in „Die Verdammten“ nach dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti, Theater in der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23553)

Beste deutschsprachige Aufführung: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller, Inszenierung Ulrich Rasche, Residenztheater München

Lebenswerk: Kirsten Dene

www.nestroypreis.at

  1. 11. 2017