aktionstheater ensemble streamt: Ich glaube

März 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Papst in vs. der Spatz von Avignon

Beinah ein Heiliger Sebastian: Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Das aktionstheater ensemble ist mittlerweile bei der vierten Staffel seiner digitalen Aufführungsreihe „Streamen gegen die Einsamkeit“ angekommen, das Motto lautet diesmal „Fernbeziehung“ – und bei der noch bis Sonntag zu sehenden Aufführung „Ich glaube“ aus dem Jahr 2017 ist eindeutig die zu Gott gemeint. Oder die zu den Göttern? Wer weiß das schon? Heilige Maria Mutter Gottes! Fürchtet euch nicht! Das ist kein blasphemischer Ausruf.

Sondern einfach die Rolle, die Alev und Benjamin im Krippenspiel schon gegeben haben. Benjamin, später im überlangen, madonnenblauen Badecape voll der Grazie, weil er so etwas prinzipiell sehr gerne macht, Alev, um nicht vom Jungscharlager ausgeschlossen zu sein, mit dem ein beflissenes Ehepaar die Türken in der Nachbarschaft missionieren wollte. Ihre Antwort als Erwachsene ist eine Publikumsbeschimpfung auf Türkisch, die der vom polnischen Katholizismus geschädigten Claudia einen Lachanfall beschert. Da kann die protestantische Susanne nur den Kopf schütteln, alldieweil Martin lautstark, weil überzeugen wollend, über diverse Theologien doziert, unschlüssig, ob er noch Agnostiker oder schon Atheist ist.

Derart sind die Positionen besetzt. Mit Susanne Brandt, Alev Irmak, Martin Hemmer, Claudia Kottal und Benjamin Vanyek. Die Regisseur Martin Grubers und Dramaturg Martin Ojsters Glaubenssätze zwar sprechen, doch ihre eigenen Auslegungen derselben performen. Denn wie stets beim aktionstheater ensemble wird aus Erlebtem und Erdachtem das Gesamtkunstwerk, und nicht nur in dieser Religionsabrechnung stellt das Team aus, was ihm auf der Seele brennt. „Ich glaube“ ist ein durch die Frage, die Glaubensfrage, energetisch aufgeladenes Kalvarienbergrennen, wobei sich der Kreuzweg mit dem typischen aktionstheater ensemble Humor kreuzt – skurril, schnell, schrill.

Hemmer, Vanyek und Brandt. Bild: Gerhard Breitwieser

Alev Irmak aufAmoklauf. Bild: Stefan Hauer

Das Christentum schirmt sich ab. Bild: Stefan Hauer

Vanyek, Brandt und Hemmer im Blutregen. Bild: Stefan Hauer

Nicht immer wird er sportlich ausgetragen, dieser Kampf der Konfessionen um den Siegerkelch jener „Wahrheit“, welcher Katechismus zur Katharsis führt. Im Workers Outfit geht’s um Spirituelles (Yoga!), Scientologie und die Church of Satan. Oder, warum Katholiken sich beim Läuten der Heiligen Drei Könige – Schnell, Licht aus! – verstecken, während die Ungläubigen aufmachen. Susanne ist auf dem Seelenstrip-Trip, ganz klar sind die Reformierten die besseren Christen, doch hatte der große Reformator ein paar frühbraune Flecken auf der Kutte, und ist damit wie stets zugleich anrührend und umwerfend komisch.

Benjamin ist wieder mal herzallerliebst neben der Spur, die die anderen ziehen, halbnackt und mit Engelsflügeln ein noch heiler Heiliger Sebastian, ein bildstockschöner Schmerzensmann. Sagt Martin „der Papst in …“, kontert er mit „der Spatz von …“ Avignon. „Man will mich immer so in die Realität zwingen“, sagt der Träumer – und als die anderen sich in Gleichschritt-Choreografie, Kopf greifen, Hals würgen, ganz ökumenische Bewegung, ihrem Gott nähern, bricht er, als einziger scheint’s frei, in einen wilden Tanz aus. Es geht um Vaterkomplex, Mutterliebe und Schwulensaunen im Wallfahrtsort, um Analbleaching, Zahnfleisch-OPs – und eine messerscharfe Analyse, wie viele Rosenkränze ein Priester pro Zentimeter Reinstecken beten muss.

Schutzpatronin der Produktion ist Vicky Leandros, deren „Ich hab‘ die Liebe geseh’n“ und „Ich liebe das Leben“ als Bregenzer Viergesang dargeboten werden. Benjamin jongliert mit Schirmen, „Mantel, Schirm und Schild“, um Gotteslob Nr. 534 zu zitieren, – und zwischen all den Bibelfesten versucht sich Alev Gehör zu verschaffen: „Ich habe da noch eine Geschichte über den Islam …“ Doch auf der Spielfläche regiert längst die Dreifaltigkeit von Intoleranz, Desinteresse und Ich-Bezogenheit.

Im Gleichschritt zum Würgegriff Gottes: Martin Hemmer, Claudia Kottal, Susanne Brandt und Benjamin Vanyek. Bild: Stefan Hauer

Da wird aus dem Salve Regina eine Gewehrsalve, Alev läuft Amok als Water Warrior, blutrot spritzt es aus ihrer im Wortsinn Pump-Gun, das ist nach November ein noch gewagteres, stärkeres Bild als 2017. Und zum ballernden Sound von Kristian Musser fetzen Kirill Goncharov und Jean Philipp Viol in wilden Arpeggien und höchsten Tonlagen über die Saiten und Griffbretter von Violine und Viola. Und immerhin, Alev steht nun im Mittelpunkt der – Ressentiments. Klar sei sie ausgerastet, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist schließlich kein islamisches Konzept, sagt die Claudia mit der katholischen Wut im Bauch.

Und grimmig über die Bigotterie und das Pharisäertum ihrer polnischen Oma: „Ich spreng‘ uns alle in die Luft! Das machst dann du, Alev, ihr könnt‘ das!“ Einzig Susanne hält zu ihrer „muslimischen Perle“, um deren Gesundheit im Fastenmonat Ramadan sie sich sorgt. Welch ein Statement des aktionstheater ensembles zur Reverse Discrimination, welch ein Aufzeigen, dass in dieser Gesellschaft auch positiver längst Alltagsrassismus ist.

Was bleibt ist: die Liebe, die die allesamt lustfeindlichen abrahamitischen Religionen einem vorbeten. Der Passionstext, den man gesucht und nicht gefunden hat, stammt nun von Alev. Er handelt vom Ende ihrer großen Liebe – und wie sie ihren Schmerz rausschreit und Allah anruft, da hat man – ehrlich – kurz Tränen in den Augen. So begibt man sich auch per Bildschirm auf eine emotionale Gratwanderung zwischen tragi- und -komisch, das aktionstheater ensemble hat einmal mehr den Finger nicht nur am Puls der Zeit, sondern auch in der gesellschaftlichen Wunde. Und möchte man Martin Gruber und seinem diversen Ensemble mit dieser Aufführung eine Message unterstellen, dann wohl die, dass die Menschen der unheilvollen Benutzbarkeit von Religionen, Ideologien und ihren Ismen nur als einiges Ganzes begegnen können.

Trailer „Ich glaube“: vimeo.com/228555921

Die kommenden Streams:

Bürgerliches Trauerspiel. Ab 8. März, 10 Uhr. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. März, 20 Uhr bis 21.30 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710

Immersion. Wir verschwinden. Ab 15. März, 10 Uhr. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. März, 20 Uhr bis 21.30 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39693

Anmeldung für die kostenlosen Publikumsgespräche: karten@aktionstheater.at

Alle ebenfalls kostenlosen Streams via: www.aktionstheater.at

  1. 3. 2021

Werk X-Petersplatz streamt: Gott ist nicht schüchtern

März 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

La création de l`homme Baschar

La création de l`homme Baschar al-Assad, davor: Diana Kashlan. Bild: © Alexander Gotter

Amal: Und was stimmt mit dir nicht?

Hammoudi: Ich habe zugesehen, wie neunhundertsiebzehn Menschen starben.

Diese erste Szene ist das stärkste, das die Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, erarbeitet von Regisseurin Susanne Draxler und Dramaturgin Lisa Kärcher, noch bis heute Mitternacht auf werk-x.at

kostenlos zu streamen, zu bieten hat. Mann und Frau, beide in blütenweißen Anzügen, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, seine Miene verdüstert sich, das ist geheimnisvoll, da will man mehr erfahren … Gleich wird man wissen, dass die beiden hier am Schluss ihrer Geschichte angelangt sind, die Schauspielerin und der Chirurg, zwei junge Menschen, die sich im Arabischen Frühling in Damaskus engagierten und im syrischen Bürgerkrieg endeten – und es ist wichtig, dass es diese Inszenierung nun gibt, begeht doch dieser zwischen dem Regime Assad, der kurdischen Miliz, dem IS und Gott weiß noch wem ausgetragene Kampf 2021 sein schauriges zehnjähriges Jubiläum. Die Fluchtrouten aus der Krisenregion – geschlossen, die Festung Europa hat grad Pandemie. Bitte bleiben Sie Zuhause, auch wenn dieses eine unbeheizbare, durchnässte Notunterkunft am Rande von Nirgendwo ist! Einmal sagt Hammoudi Europa hätte „die neue Rasse Flüchtling“ erfunden.

Gott. Der kommt einem an diesem Abend des Öfteren in den Sinn. Nicht nur wegen des Buch- wie Stücktitels. Auch wegen der Bühnengestaltung von Hawy Rahman, der Bagdad-Wiener, der die drei Golfkriege überlebte, und für den Spielraum Petersplatz ein Graffito frei nach Chagalls „La création de l’homme“ entwarf. Doch, doch, man ist sich auch beim zweiten Hinsehen ziemlich sicher – und wird bestätigt, als Assad-Anhänger die Zeichen an der Wand mit „Baschar ist unser Gott“ preisen.

Es spielen die tschechisch-arabisch-österreichische Schauspielerin Diana Kashlan und Werk-Xler Johnny Mhanna, er tatsächlich in Damaskus geboren und vergangenen September live in „Geleemann“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554). Das heißt: Die beiden spielen eben nicht, sie sind die meiste Zeit in der Erzählerrolle – wie das Romandramatisierungen halt oft so mit sich bringen, noch dazu eine von Olga Grjasnowa, in dem viel passiert, doch wenig gesprochen wird. Und so fehlt im Wortsinn das Dramatische, und die protokollarische, authentische Härte, mit der die Autorin und Ehefrau des syrischstämmigen Schauspielers Ayham Majid Agha auf Gewalt, Grausamkeit und Folterzellen blickt, wird zu einem künstlichen künstlerischen Distanzhalten.

Diana Kashlan und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Verhört von der Geheimpolizei. Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Nur ab und zu blitzt auf, was Grjasnowa zu schildern hat. Mit Humor, wenn Mhannas Hammoudi, gerade auf dem Möbiusband einer Behördenendlosschleife gelandet, sagt, in Syrien seien diese Wartezimmer wie Gefängnisse, man wisse nicht warum und wie lange man sitzen müsse. Mit Schrecken, wenn Kashlans Amal, mitten in der Nacht von der Geheimpolizei verhaftet und zum Verhör gebracht, erklärt, was der Mensch der Reihe nach verliert: Zähne, Würde, Freiheit, Leben. Und nein, hier will niemand einen Gewaltporno sehen, und ja, es ist an dieser Stelle niemals üblich Künstlerinnen und Künstler mit Herkunfts- und Heimatbegriffen zu punzieren.

Aber diese österreichische Erstaufführung der „Nestbeschmutzer & innen“ hat eine Wahrhaftigkeit „verspielt“, die die Vorlage erstens hat, und für die die Autorin vom deutschen Feuilleton teils sogar getadelt wurde, und für die nicht zuletzt der großartige Johnny Mhanna ein Garant gewesen wäre. Und ginge es darum, ein österreichisches Publikum abzuholen, so hätte man die Claire-Story, Hammoudis Lebensgefährtin in Paris, wo er sieben Jahre lang gelebt und studiert hat, und zu der er nicht mehr zurückkehren wird, ausbauen können. Die Entsetzlichkeit, den geliebten Mann in einem Krisengebiet zu wissen und nur mit viel Glück eine Handyverbindung zu haben …

Für all das entschädigt, und das ist der Punkt: sehenswert, Johnny Mhanna mit einem abschließenden Monolog. Die Protagonisten begegnen einander in Berlin wieder. Er als gewesener Chirurg, der im Untergrund von Deir ez-Zor in einer illegalen Ambulanz die Notversorgung für die Bevölkerung aufrechterhielt, sie, die ihren Namen „auf der Liste“ fand, flüchtete und im Mittelmeer fast ertrunken wäre. Sie, die höchst erfolgreich eine TV-Kochshow über orientalische Spezialitäten moderiert, er, der ohne Papiere in Europa kein Mensch, geschweige denn ein Arzt ist.

Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Und wie bezeichnend sind diese letzten Augenblicke. Hammoudi berichtet von seiner Odyssee, Polizei, Erstaufnahmestelle, Unterbringung in Hostels quer durch Deutschland, fünf Asylwerber aus fünf verschiedenen Ländern mit fünf verschiedenen Sprachen schnarchen in einem Zimmer, „wir können uns gegenseitig nicht einmal Gute Nacht wünschen“. Das Warten auf die Anhörung, die Verachtung, die Missachtung, Asylverfahren

und Deutschkurs. Und schließlich Kashlan als gelangweilte Beamtin, die es nicht einmal der Höflichkeit Wert findet, Hammoudis Namen richtig auszusprechen, und die, was Deir ez-Zor und eine Flucht nach Deutschland betrifft, sprichwörtlich keine Ahnung hat, wo Gott wohnt und wie er heißt …

werk-x.at/premieren/gott-ist-nicht-schuechtern

  1. 3. 2021

Kosmos Theater online: Fight Club Fantasy

Februar 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anarchistische Farce über den Faschismus

Tyler Durden als Hohepriester seiner fellbemützten Proud Boys: Thomas Frank mit Hanna Binder und Nicolas Streit. Bild: © Bettina Frenzel

“Du bist nicht deine Arbeit. Du bist nicht dein Kontostand. Du bist nicht das Auto, das du fährst. Du bist nicht der Inhalt deiner Geldbörse. Du bist nicht deine scheiß Cargohose. Du bist der singende und tanzende Abschaum der Welt.” Schon gut, schon gut, Regel eins und zwei: Man redet nicht über den Fight Club. Wenn einem aber das Kosmos Theater in Koproduktion mit wirgehenschonmalvor eine „Fight Club Fantasy“ präsentiert, die mitten rein schlägt in die Realität –

was soll man machen, außer über ein paar Wahrheiten zu sprechen? Viel wurde um den Roman von Chuck Palahniuk gedeutelt, da braucht’s gar nicht, mit des Autors Mitgliedschaft in der Cacophony Society und deren Verbindungen zum Suicide Club of San Francisco anzufangen. Ganze Bücher wurden verfasst, von Andreas Köhler eines über Kastrationskomplex, Ich-Spaltung, Narzissmus, Sadomasochismus und Todestrieb. Palahniuks Schreibfaust ist eine Southpaw, und Regisseur Matthias Köhler nutzt den Rechtsausleger nun für seinen Theater-Film-Hybrid, wobei ihm die kritische Betrachtung der Angry White Men zur anarchistischen Farce über die Mechanismen des Faschismus gerät.

Dass er dabei eng an der Buchvorlage bleibt, ist so erstaunlich wie erfreulich. Nicolas Streit, Thomas Frank und Hanna Binder spielen im Wesentlichen die Palahniuk-Charaktere des namenlosen Erzählers/Protagonisten, von Tyler Durden und Marla Singer, Nestroy-Publikumspreisträger Frank außerdem hinreißend – und mit beachtlicher Körbchengröße – „Bob“ aus der Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe „Wir bleiben Männer“.

Und darum geht’s – samt eines Kommentars zur konsumistischen Kultur und deren Gier – im Geheimkampfbund: die gesellschaftlich abgehängten jener sogenannten Mittelklassemänner, die sich von der „Gleichmacherei“ Frauen-Farbige-soziokulturelle-Diversität bedroht fühlen. Politkonservative Angstmache und der Ruf nach welche-auch-immer Traditionen befeuern Verschwörungstheorien und die Furcht vor dem Verlust eines Status‘, der vor gar nicht langer Zeit als gottgegeben galt. „Mann, im Fight Club sehe ich die stärksten und klügsten Männer kämpfen, die jemals gelebt haben. Ich sehe all dieses Potential und ich sehe die Verschwendung. Verdammt, eine gesamte Generation zapft Benzin, räumt Tische ab oder sie sind Bürosklaven in Anzügen.“

Tyler besiegt den Protagonisten im Kampf: Thomas Frank und Nicolas Streit. Bild: @ Bettina Frenzel

Hanna Binder als Marla Singer, Nicolas Streit und Thomas Frank im Batik-Dashiki. Bild: © Bettina Frenzel

Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe „Wir bleiben Männer“: Thomas Frank als Bob. Bild: © Bettina Frenzel

Dass ihre Men-Only-Welt am Abgrund steht, kann einem schon die Watschen geben, die die Clubmitglieder sich gegenseitig austeilen. Nach einiger Überlegung soll, für die Handvoll, die weder Roman noch den David-Fincher-Film kennen, der Clou hier nicht verraten werden, aber kaum weit hergeholt ist angesichts der fellbemützten Darstellerin und Darsteller der Konnex zum Sturm aufs Washingtoner Kapitol am 6. Jänner: Jake Angeli, der Recke mit der Büffelhorn-Kojotenschweif-Kopfbedeckung ist Anhänger der QAnon-Lehre und Schamane der Star Seed Academy. Und hier setzt Köhler an.

Beim Project Mayhem / Projekt Chaos, Tylers Plan, sich die Handlungsmacht zurückzuerobern, mit einer auf Krawall getrimmten Truppe, die zwecks Destabilisierung der öffentlichen Ordnung Angriffe auf ebendiese unternimmt, Frank dabei ganz Guru, ein Esoteriker, mal im Thawb, mal im Batik-Dashiki, ein Geistführer mit Muschelkette und Mediator- wie Meditationsqualitäten, schließlich von Kostümbildner Ran Chai Bar-zvi angetan als Papst, als Hohepriester seines Irrglaubens. Bis es zum ersten Kampf kommt. Einem Schattenboxen, das Hanna Binder und Eva Jantschitschs Stimme mit dem Björk-Song „It’s Oh So Quiet“ begleiten. Bis die namenlose, im Abspann als „Lost Boy“ geführte Streit-Rolle zum Proud Boy wird. Und unterm Dashiki/Thawb die Springerstiefel und die Schusswaffe sichtbar werden.

Gleich Tylers „Nur eine Krise kann uns zu neuem Leben erwecken“-Sprüchen läuft Derartiges über den Bildschirm: „Bis der #Schmerz umschlägt in #Lust“, „Eines Tages wirst du sterben, und solange du das nicht weiß, bist du #nutzlos“. Bei der gemeinsamen Lektüre der Men’s Health erfährt man, dass Body Shaming auch ein Männerthema ist: (aus der aktuellen Online-Ausgabe) „So rettest du deinen Sixpack im Lockdown“, „So nimmst du zehn Kilo in acht Wochen ab“, „So kommst du mehrmals zum Höhepunkt“ … Ach, das schwache starke Geschlecht. Darauf ist ein Ekstase-Tanz im Seifenblasenhimmel angesagt, für Tyler ist Seife ja ein wichtiges Thema. Und irgendwo auf dem Weg zur Mannwerdung wird der Jekyll zum Hyde.

Ein Tänzchen mit Seifenblasen und den Bee Gees: Hanna Binder, Nicolas Streit und Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Stark agiert das Trio infernal, Streits identitätskriselnder Nobody im – und wer führt den nicht? – Kampf gegen sich selbst, Franks Tyler, der mit einem Wimpernschlag von gemütlich auf gemeingefährlich switchen kann. Hanna Binders Marla ist der Katalysator fürs Kriminelle, des einen Mannes Leid, des anderen Freud, sie lässt die Buben zwischen Lust und Frust hängen, mal lautstarkes Extremisten- liebchen, mal Mauerblümchen auf Selbstmord- trip. Immer wieder arbeiten sich die drei in Bewegungschoreografien auf der Zuschauer- tribüne ab. Die mangels Livepublikum leeren Sitzreihen, das Bühnenbild von Thomas Garvie, fungieren gleichsam als pseudo-urbanes Gefälle.

Zur Musik von Eva Jantschitsch – und ein wenig Bee Gees-„I Started A Joke“-Karaoke – fallen Gänsehautsätze über „unsere Welt“ und ein „Alles zerstören, was man nicht haben kann“. Unterm Schwenken von Riesenfahnen, und ein Schelm, wer an den Karlsplatz am 13. Februar denkt, will Tyler seine Mannschaft „aus der Dunkelheit ans Licht führen“: „Die Kämpfe dauern so lange, wie sie dauern müssen“ wird eingeblendet. Die Männerbündler, ein gesichtsloser, gewalttätiger und für andere destruktiver Kader, dessen Lebensanschauungen in den Faschismus führen können, sie sind es, die „Fight Club Fantasy“ vorführt. Die Frage, wo der Männerverstand ins Toxische abgeglitten ist, kann letztlich aber nur behandelt, nicht beantwortet werden, und die Setzung des Bühnenfilms bringt’s mit sich, dass die Kellerkämpfe verhandelt, nicht ausgetragen werden können.

Doch apropos, Parallelgesellschaft, Tarnkleidungstrottel, Radikalrandalierer: Neue Videos aus dem US-Kapitol legen nahe, dass der Angriff vom 6. Jänner koordiniert wurde. Ex-Präsident Trump lässt sich derweil in Florida von Anhängern bejubeln. Man muss nicht besonders dystopisch denken, um zu vermuten, dass er 2024 – vielleicht sogar mit eigener Partei – den Wiedergänger gibt. In Österreich mischen sich derweil angegraute Neonazis und Identitären-„Führer“ unter Anti-Corona-Spaziergänger.

Der Roman endet mit dem Un-/Heilsversprechen „Alles läuft nach Plan. Wir werden die Zivilisation zerstören, damit wir etwas Besseres aus dieser Welt machen können. Wir freuen uns, Sie schon bald wieder bei uns zu haben.“ Im Kosmos Theater singen The Wailin‘ Jennys „Light of A Clear Blue Morning“.

On demand bis 20. Februar: kosmostheater.at/blog

kosmostheater.at          Trailer: www.youtube.com/watch?v=GjLXhIPyvsk

  1. 2. 2021

Volkstheater online: Die Recherche-Show

Februar 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine trashige Talkshow verleiht sich Flüüügel

Red-Bull-Song: Thomas Pfeffer und Martina Zinner. Bild: © Nikolaus Ostermann

Nach dreißig Sekunden sind alle Stimmen abgegeben und die Auszählung ergibt: 75 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer trinken nie Red Bull. Später wird im Chat jemand fragen: „Antwortet ihr ehrlich?“, und Ja! – man kann sie nicht einmal riechen, die picksüßen Dosen. „Ein Geschmack, der im Körpergedächtnis bleibt“, sagt Schauspielerin Martina Zinner. Und in derart deftigen, Dosen nämlich, beginnt die „Recherche-Show“.

Dieser Mix aus investigativer Journalismus meets trashige Talkshowparodie meets Publikumsinteraktion, freundlich vielleicht Forum-, sicher aber dokumentarisches Theater zu nennen, ist des neuen Direktors Kay Voges erster Streich. Das heißt: eigentlich der von Calle Fuhr, dem das V°T//Bezirke seit Jänner ja überantwortet ist – doch ging man, da die übliche Tour Corona-bedingt nicht möglich ist, via Zoom-Meeting mit dem Projekt online.

Das war zunächst eines des Recherche-Magazins Dossier, dessen Redaktion monatelang über den Weltkonzern, den reichsten Mann Österreichs aka Dietrich Mateschitz und seine schöne neue Medienwelt forschte. Kein leichtes Unterfangen, da der Selfmademilliardär his story am liebsten gar nicht, wenn aber, dann mit €€€€ an Eigenmarketing erzählt, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Schweigegelübde ernster nehmen als die Chartreuse-Mönche.

Man kennt das aus eigener Erfahrung, Servus TV ist selbst dann keine Silbe zu entlocken, wenn man über eine seiner Sendungen positiv berichten will. Die bitteren Wahrheiten übers Zuckerwasser haben nun Regisseur Ed. Hauswirth und Kreation Kollektiv in der neuen Spielstätte Dunkelkammer ans Licht gezerrt.

In Form einer Satirediskussionsrunde, die Pia Hierzegger moderiert, während „ihre Gäste“ Rupert Lehofer, Julia Franz Richter und Martina Zinner Geheimnisse wie Dosen knacken, und Live-Musiker Thomas Pfeffer Synthesizerklänge zum Besten gibt. Die Bühnen- ist eine Sitzlandschaft, eine Aerosole abschmetternde Riesencouch, rundum glitzert’s und funkelt’s, wenn die Vorhänge nicht gerade für die Feldarbeit freigeben werden.

Die dabei entstandenen kurzen Filmclips werden es auch sein, die einem von diesem Abend im Gedächtnis bleiben. Der Vater von Mich Kemeter, der schon die Mateschitz-Mama, „die Frau Lehrerin“, in Hymnen preist. Frau Gerti, die an Servus TV-Intendant Ferdinand Wegscheider lobt, dass er sagt, was man heute nicht sagen darf. Zum Beispiel über den ganzen Corona-Schmäh. Es wird ja sofort die Nazikeule geschwungen, dabei ist man nur Patriot! Zwischendurch befragt Hierzegger den Dossier-Journalisten Georg Eckelsberger.

Er, der daheim vorm Laptop sitzende, sachliche Ruhepol in all der Skurrilität, die er doch selbst mitverantwortet. Denn was zum Teil enthüllt wird, ist zu gut, um ausgedacht zu sein. Die Red Bull Favela Challenge, Downhill-Biken in den Slums von Rio de Janeiro … Rupert Lehofer wollt’s grad erfinden, und kriegt einen halben Nervenzusammenbruch, als er erfährt, dass nichts zu blöde ist, um nicht banal zu sein. Rupert, der die Rolle des Verstehers und Verteidigers dieses blausilbrigen Lebensgefühls innehatte – nun vom Glauben abgefallen.

Rupert Lehofer stellt sich der Red Bull Favela Challenge und wird schwer enttäuscht. Bild: © Nikolaus Ostermann

Das Lächeln trügt: Pia Hierzegger ist eine strenge Moderatorin der Recherche-Show. Bild: © Nikolaus Ostermann

An ihren Händen klebt „Trakehnerblut“: Julia Franz Richter mit Pia Hierzegger und Martina Zinner. Bild: © Nikolaus Ostermann

Erst die „Gummibärlis“ machten Red Bull zum Erfolg: Hierzegger, Zinner und Richter. Bild: © Nikolaus Osterman

Viel mehr Neues ist über mutmaßlich nicht gefundene Leichen im Fuschlsee nicht zu erfahren, zum undurch- sichtigen Steuerverhalten verlangen in einer weiteren Umfrage immerhin 32 Prozent ein hartes Durchgreifen, das Ende der Recherche-Plattform Addendum, die Kündigung aller Servus TV-Mitarbeiter in einem Aufwaschen als Strafe für Betriebsratsgelüste … eine Weltkarte wird mit Stieren zugepflastert, Dididampf in allen Gassen, Hierzegger serviert Sankt Mareiner Stierhoden auf – Achtung! – Blattsalat, Felix „Spaceballs“ Baumgartner darf nicht fehlen, samt einem Baumgartner-Höhe-Wortspiel. Nun werden „Gummibärlis“/Wodka-Red-Bull gemixt.

Es wird ein Lied aus den 3600 von Mateschitz markenrechtlich geschützten Wörtern gesungen, Zinner, die Poetin der Runde, trägt Gedichte vor. Eines erinnert an den verstorbenen Cory Terry. Julia Franz Richter muss sich aufziehen lassen, weil sie die Hauptrolle in „Trakehnerblut“ hatte. Die seriösen Stellen sind Männerbündlern und ihrer Kreislaufwirtschaft gewidmet – Richters feministischer Lieblingsfokus. Überzeugt davon, dass die Red-Bull-AnwältInnen zuschauen –  ja, Pia Hierzegger, deren grantig-grimmiger Humor den Klang des Abends ausmacht, kann das Binnen-I sogar sprechen -, gibt es kurz Tonausfall. Ein Anschlag auf das Studio – jahaha! Auge!

Den authentischsten Moment hat das Ganze aber ausgerechnet bei der Abrechnung mit dem Pferde-Soap-Star. Wie Julia Franz Richter ihr TV-Gestütserbin-Dasein runterspielt, mit vor Peinlichkeit fast versinkender Stimme: Stimmt, es waren 50 Drehtage! Wie sie ein schrilles „Wenn mein Freund mir alle Rollen schreiben würde, dann würd‘ ich auch nicht in solchen Serien mitspielen“ Richtung Josef-Hader-Gefährtin Hierzegger schleudert, und Martina Zinner als „Schärdingermagd“ anprangert, solch Selbstreflexion übers „Wie man lebt“ hätte die Aufführung an mehr Stellen vertragen – wird sie via Umfragen doch auch von unsereins verlangt. Doch Hierzegger regiert mit Schweigt-stille-Blick und Nur-Ruhe-Pose.

Zum Schluss gab es für die „Recherche-Show“, die deutlich weniger aufklärerisch als schräg ist, virtuellen Applaus mittels Hand-Emojis. „Jedem Mensch‘ wachsn zwa Flüüügerl“ wird noch intoniert, und schade ist nur, dass der hochspannende Chat des Publikums – von wegen interaktiv – in keiner Weise in den Abend eingeflossen ist. Auch hätte man sich mit Ensemble und Eckelsberger eine gemeinsame Nachbetrachtung im Nesterval-Stil gewünscht – bei „Goodbye Kreisky“ wurde bis eine Stunde nach Ende der Aufführung miteinander diskutiert. Hier sieht man Kay Voges und die Seinen Sekt süffeln. Auch schön. Und verdient.

www.volkstheater.at           www.dossier.at

  1. 2. 2021

Landestheater NÖ online: Steilwand

Januar 30, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Herzschlag hämmert wie die Beatmaschinen

Tim Breyvogel: Bild: © Alexi Pelekanos

Mit der Produktion „Steilwand“ verließ das Landestheater Niederösterreich vergangenen Februar das Mutterschiff auf dem Rathausplatz und beamte sich mitten in die St. Pöltner Clubkultur. Allein, die Freude übers rundum gelungene Arriviert meets Alternative währte nicht lange, COVID-19 kam der österreichischen Erstaufführung des Simon-Stephens-Stück in die Quere – und so bewegte sich die mobile Produktion ins world wide web.

Heißt: bis Sonntagabend lässt sich ein furios entfesselter Tim Breyvogel im #wirkommenwieder-Stream auf www.landestheater.net erleben. Die Inszenierung von Annette Holzmann wurde dafür extra in der Theaterwerkstatt neu aufgenommen. Die an den Act anschließende DJ-Rotation mit Musikerinnen und Musikern der St. Pöltner Szene entfällt naturgemäß, doch Breyvogel macht den dichten, beklemmenden Monolog nicht nur zum schauspielerischen, sondern mit dem rhythmisch-klangvollen und vielstimmigen Sound aus seinem DJ-Pult auch zum multimedialen Erlebnis

Unterstützt von den Videos Moritz Wallmüllers, die mal Kinderkritzelei, mal Tor zu den Weiten und Abgründen der Seele sind. Es ist ein seltsam grobkörniges Bild, das man via Bildschirm sieht, die Kamera zoomt zur Großaufnahme, und bald wird diese Intimität einen wie eine Sturzflut mitreißen. Da steht Breyvogel, in sich gekehrt, den Blick im Nirgendwo verankert, die Hände an den Klangreglern – der eigene Herzschlag hämmert wie die Beatmaschinen, derweil der Schauspieler als Performer wie DJ zwischen Soliloquium, Schmerz und Synthesizer switscht.

Simon Stephens‘ wie stets sich erst allmählich enträtselnder Monolog ist tatsächlich nah der antiken Bekenntnisliteratur. Da ist dieser Vater, Alex, sein Text sorgsam eingeösterreichert, der mit Frau und Tochter so gern Urlaub in Südfrankreich macht. Jahrelang, bei einem groß-/väterlichen Freund, Schwimmen und Tauchen, Sonnenbaden am Strand, die Sommertage genießen, bis das Unglück passiert … die „Steilwand“, sie ist eine Trinität, eine Klippe unter Wasser, an Land, im Geiste.

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Stephens’ Sprache ist analytisch und kühl, doch die­ filmische Unvermitteltheit erzeugt einen unfasslich heftigen, poe­tischen Sog, Breyvogel im Lichtgewitter, seine Erschütterung, Ungläubigkeit bei gleichzeitiger Erzählerdistanz sind atemberaubend. Im Hintergrund, nein, rundum um ihn, ihn umschlingend, ihn verschlingend, bauen sich Wallmüllers Zeichnungen auf, wie die Monster, die man von historischen Seekarten, Breyvogel so intensiv, wie man ihn live von der Bühne kennt.

Und apropos, Ungläubigkeit am Abgrund: Die verhandeln Stephens und Breyvogel mal explizit, mal implizit, die Gottesfrage nämlich, vom Errechnen von dessen Existenz à la Kurt Gödel bis zum Aussehen – alter Mann, weißer Bart?, von der Urknalltheorie bis zu der Bibel verdankten Wissenslücken, von der Schuld bis zur Erlösung. Die Bühnentür, die Breyvogel kurz öffnet, würde ihn in kosmische Nebelschwaden saugen – „Steilwand“ ist auch optisch ein starker, beinah schwarzweißer Film. Dazu die hypnotische Musik, wie im eigenen Kopf schwirrende Töne, da man das Schlimmste nicht mehr als mitansehen kann, die Bilder, die in Wellen kommen, als Brandung und Unterwasserströmung, Ebbe und Flut eines unerträglichen Gemütszustands.

Breyvogel, in dessen Augen auch Alex‘ Aufbegehren gegen das Geschehene – Schicksal, Ungerechtigkeit, wie weiterleben? – aufblitzt. Am Ende seine Sprach- und Hilf- und Gestenlosigkeit. Fazit: Es ist dieser Tage die bessere Strategie dem Publikum Produktionen online anzubieten, als in der Lockdown-Versenkung zu verschwinden. Das Landestheater Niederösterreich beweist via „Steilwand“, wie man ein Projekt mit Engagement und Ideen vom Bühnen- in den virtuellen Raum heben kann, ohne dass Atmosphäre verloren geht. Bis wir einander von Angesicht zu Angesicht wiedersehen: Schau‘n Sie sich das an!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ZaD7H7z3cSw           www.landestheater.net

  1. 1. 2021