Theater in der Josefstadt: Ein Kind unserer Zeit

September 8, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Viele Türen und kein Ausgang offen

Therese Affolter, Katharina Klar, Martina Stilp und Susa Meyer schlüpfen in diverse Rollen dieses inneren Monologs. Bild: © Moritz Schell

Wer aus den Eröffnungspremieren der Wiener Theatersaison nur eine auswählen kann, der oder die möge sich für diese entscheiden. Regisseurin Stephanie Mohr hat fürs Theater in der Josefstadt Ödön von Horváths visionären Roman „Ein Kind unserer Zeit“ für die Bühne eingerichtet, ein Kunststück, ist der Protagonist doch ein Ich-Erzähler, das Ganze ein innerer Monolog, der zwischen Schilderung der Handlung und seiner Haltung dazu wechselt, vom radikalen Faschisten zum fieberhaft gehetzten Vollstrecker zum frustrierten Kriegsversehrten.

Mohr legt die Figur in die Hände von vier Schauspielerinnen: Therese Affolter, Susa Meyer, Martina Stilp und Katharina Klar. Sie agieren als vielschichtiges Charakter-Quartett – sehr vereinfacht beschrieben: Klar als der fanatische, unbeherrschte Jungmann, Stilp als der Schmerzensmann, Meyer überzeugt mit desillusionierter Abgeklärtheit, Affolter mit grober Kaltherzigkeit. „Ich bin Soldat. Und ich bin gerne Soldat … Jetzt hat mein Dasein plötzlich wieder Sinn! Ich war ja schon ganz verzweifelt, was ich mit meinem jungen Leben beginnen sollte. Die Welt war so aussichtslos geworden und die Zukunft so tot …“.

So beginnen die Darstellerinnen dieser Uraufführung im Kanon, eine das Echo der anderen, eine der anderen Seelenstimme, von Frage zu Antwort, von Rede zu Gegenrede. Doch sie sind nicht nur der Soldat. Sie sind der suizidale Hauptmann und seine Witwe, der despektierte Vater und seine neue Frau, Krankenschwestern und Ärzte im Lazarett, die ins Unglück stürzende Kassiererin einer Praterattraktion. Ausstatterin Miriam Busch hat als Setting einen grauen Drehzylinder mit etlichen Gucklöchern erdacht, der sich an einer Seite öffnet und den Blick freigibt auf einen abgestorbenen Baum zum Erhängen der Gefangenen, einen halbkaputten Flipperautomaten und unzählige Türen – aber hinter keiner ein Ausweg. Die Kleidung besteht aus Drillich, Camouflage-Hosen, Militärstiefeln, Feldmützen und ausgeleierten Männerunterhosen – keine Spur von der Armee Glanz und Gloria, die zumindest Klar in ihren Momenten heraufbeschwört.

Horváths Roman erschien 1938, kurz nachdem der Autor auf den Champs Élysées von einem herabstürzenden Ast erschlagen worden war, und wurde von den Nationalsozialisten sofort verboten. Zu offensichtlich war die Kritik an Adolf Hitler und der Unterstützung Francos im Spanischen Bürgerkrieg. Was Horváth will und die Mohr glasklar herauskristallisiert hat, ist ein Warnen vor der Gefahr nationalistischen/nationalsozialistischen Gedankenguts, ein Appell nicht blindlings hohlen Phrasen und politischen Heilsversprechungen zu folgen, sondern nach eigenem besten Wissen und Gewissen zu leben. Dass einen dies alles auch an Putins Angriffskrieg auf die Ukraine erinnert, macht den Abend hochaktuell. Ein Gespenst, nein: ein Wiedergänger geht um in Europa.

Der arbeitslose Ich-Erzähler in Gestalt von Katharina Klar meldet sich also als Freiwilliger, weil’s in der Kaserne eine warme Stube und etwas zu essen gibt. Mit seinem Vater, einem im Ersten Weltkrieg zum Krüppel geschossenen Kellner, „einem Trinkgeldkuli“, hat er sich entzweit, weil er dessen „fades pazifistisches Gesäusel“ nicht mehr ertragen konnte: „Die Generation unserer Väter hat blöden Idealen von Völkerrecht und ewigem Frieden nachgehangen und hat es nicht begriffen, dass sogar in der niederen Tierwelt einer den anderen frisst. Es gibt kein Recht ohne Gewalt. Man soll nicht denken, sondern handeln! Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“

„Und ich bin gerne Soldat …“ Bild: © Moritz Schell

Tod des Hauptmanns. Bild: © Moritz Schell

Raus aus dem Lazarett. Bild: © Moritz Schell

Beim Vater und seiner Frau. Bild: © Moritz Schell

Auf dem Jahrmarkt verliebt sich der Soldat noch in „das Fräulein“, Martina Stilp, das an der Kasse zum „Verwunschenen Schloss“ sitzt, doch dann geht’s hopp-hopp in den Einsatz, ein kleines Nachbarland wird angegriffen –  eine sogenannte „Säuberung“. Die Affolter als aufrechter Hauptmann läuft mitten in diesem Überfall dem Freitod in Form eines Maschinengewehrs entgegen, der Soldat will ihn retten, worauf ihm der Arm zerschossen wird. Wechsel zu einer zynischen, nach wie vor das „Untermenschentum“ verachtenden Martina Stilp ins Lazarett, das mit dem Arm wird nichts mehr, nun ist der Soldat ebenfalls ein Kriegsinvalide.

Er bringt der Witwe des Hauptmanns, Susa Meyer, dessen letzten Brief, erhofft sich nach einer Sexnacht vergebens von ihr Protektion für einen Posten mit Pensionsberechtigung, kehrt zum Vater und dessen zweiter Ehefrau zurück: „Es gibt keine Gerechtigkeit, das hab‘ ich jetzt schon heraus. Daran können auch unsere Führer nichts ändern … Wer sagt zu dem einen: Du wirst ein Führer. Zum anderen: Du wirst ein Untermensch. Zum dritten: Du wirst eine dürre stellungslose Verkäuferin. Zum vierten: Du wirst ein Kellner. Zum fünften: Du wirst ein Schweinskopf. Zum sechsten: Du wirst die Witwe eines Hauptmanns. Zum siebten: gib mir deinen Arm … Das kann kein lieber Gott sein, denn die Verteilung ist zu gemein.“

Er geht auf den Rummelplatz. Das „Verwunschene Schloss“ gibt es nicht mehr, „das Fräulein“ hat ein Kind abtreiben lassen, weil die Firma keine schwangeren Angestellten duldet, und sitzt nun im Gefängnis. Der Soldat, der längst begriffen hat, dass sein Vater mit jedem Wort recht hatte, die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur, die Unsinnigkeit des Krieges, begeht im Hass auf die Führer und die Mitläufer, auf den „gesunden Volkskörper“ und „das Vaterland, das seine Ehre verloren hat“ zwei Wahnsinnstaten. Doch eigene Verantwortung am Hurra-Patriotismus und Kadavergehorsam leugnet er bis zum Schluss. Schuld und Schrecken und Verlustlisten und keine Sühne. Der Krieg, er ist ein Entmenschlicher. Sowohl der Opfer als auch der Täter.

Katharina Klar. Bild: © Moritz Schell

Stilp und Affolter. Bild: © Moritz Schell

„Hauptmannswitwe“ Susa Meyer. Bild: © Moritz Schell

Stephanie Mohr führt ihr Ensemble präzise und einfühlsam durch diese Schwerstarbeit, die von ihr destillierten Texte sind so ausdrucksstark wie verheert. Mohr zeigt höchst eindringlich vier starke Frauen als Paraphrase, als Demonstration toxischer Männlichkeit, als würden hier Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter anklagen, so sie den Krieg doch nicht verhindern konnten. Und das alles in einem Tempo, das einen atemlos macht. Kein Satz ist in dieser Inszenierung zu viel, jede Minute spannend, jede Verwandlung von Person zu Person bemerkenswert.

Später, auf der Heimfahrt vom Theater, ein Taxifahrer. Man kommt ins Reden, er sagt, er sei vor 27 Jahren nach Österreich gekommen. Aus Bosnien. Aus dem Bosnienkrieg. Und er könne seinem erlernten Beruf nicht mehr nachgehen, weil ein Schrapnell seinen linken Oberschenkel zerfetzt habe. Das Bein sei nun vier Zentimeter kürzer als das rechte. Im Krieg gibt es immer nur Verlierer – und dies seit Generationen bis zu der Generation, die gerade gar nicht so weit der österreichischen Grenzen kämpft.

„Wir sind keine Soldaten mehr, sondern elende Räuber, feige Mörder. Wir kämpfen nicht ehrlich gegen einen Feind, sondern tückisch und niederträchtig gegen Kinder, Weiber und Verwundete“, hat der Hauptmann in seinem Abschiedsbrief geschrieben. – Und der Soldat denkt: „Wie dumm ich war, wie dumm ich war!“

Video: www.youtube.com/watch?v=RQD9ZdqG2rM           www.josefstadt.org

  1. 9. 2022

Burgtheater: Ingolstadt

September 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Die Wasserschlacht der jungen Wilden

Jan Bülow, Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

„Ingolstadt“ in der Inszenierung von Ivo van Hove ist von den Salzburger Festspielen ans Burgtheater übersiedelt, und liest man die Rezensionen von der Perner-Insel, waren die KollegInnen entweder in einer anderen Aufführung oder es wurde an dieser im August noch intensiv gearbeitet. Selten jedenfalls sieht man scheinbar somnambule Schattengeschöpfe zu solch Scheusalen mutieren und derart unvermittelt in Gewalt ausbrechen, dass es beim Betrachtenden ein geradezu körperliches Unwohlsein auslöst. Ein enthemmter Totschlag, ein grausames Waterboarding, die unerbittlichen Vergewaltigungen – und das alles sehr sorgsam in Szene gesetzt.

Auf emotionale Implosion folgt die Explosion, man spürt die vom kalten, katholischen Generalgewissen diktierte Scham, die Sehnsucht, sich aus einer fatalen Herkunft emporzuziehen, spürt das vorprogrammierte Scheitern, die Wut im Bauch mit voller Wucht am eigenen Leib. Zur Wasserschlacht der jungen Wilden gilt es fünf neue Ensemblemitglieder zu begrüßen: Dagna Litzenberger Vinet als Alma, Maximilian Pulst als Korl, Jonas Hackmann als Fabian, Lukas

Vogelsang als Christian und Julian von Hansemann als Rosskopf – und wer fragt, wie sich dieser Figurenreigen ineinanderfügt: Nun, Koen Tachelet hat Marieluise Fleißers Stücke „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ zu einem gemacht, das erste aus dem Jahr 1924 von der Kritik hochgelobt, Fleißers Debütschauspiel über das Rudelgesetz unter Gymnasiasten und deren Umgang mit Ausgestoßenen, das zweite 1929 von Bert Brecht erzwungen und „bearbeitet“, weil sie den Ton hatte, den er nicht finden konnte, weil er sich via Theaterskandal einen Namen als Rebell und Erneuerer machen wollte.

Toxische Männlichkeit allüberall – von der Entstehungsgeschichte des Werks bis zum Inhalt der „Komödie“: Küstriner Soldaten sind für den Bau einer Holzbrücke in Ingolstadt stationiert, was die Dienstmädchen Berta und Alma auf Liebespfaden wandeln lässt, wobei die Almas durchaus ins Professionelle führen. Das Ineinander-Fließen-Lassen der beiden Texte wirkt dank Tachelet bemerkenswert selbstverständlich und vollkommen logisch. In dichten Dialogen erzählt er tatsächlich beide Stücke parallel. Szenen werden wechselweise gespielt und bleiben überwiegend im Original. Gelegentlich greift sogar das Personal des einen Stücks in das andere ein. Der harte Kerl Peps ist ein Kumpel vom mit seinem Vater hadernden Elegiebürscherl Fabian und beide per Outfit ausgewiesen als Provinz-Rocker, Olga kann sich nur mit letzter Kraft vor den sexhungrigen Pionieren retten, der sinistre, undurchschaubare Protasius taucht mal in der Gruppe auf, mal in jener unter.

Für diese dysfunktionale Gesellschaft, in der Verschlossenheit und Verstocktheit die Verletzlichkeit kaschieren, hat Bühnenbildner Jan Versweyveld eine Wasserlandschaft mit gefährlichen Tiefen zum Ertrinken und Ertränken erdacht („Fegefeuer“ sollte ursprünglich „Die Fußwaschung“ heißen), dazwischen kleine Inseln, darüber bunte Lichterketten wie beim immerwährenden Volksfest, an drei Seiten Weltspiegelwände, manchmal auch eine Leinwand für Videoprojektionen und giftgrüner Nebel, dazu Türme mit Megafonen, die unangenehm an Lager erinnern, ein Nährboden für Feinseligkeiten, ein Flickwerk aus Hindernissen und Abgründen. Zum Beginn im Sonnenuntergang sagen alle brav knieend das Glaubensbekenntnis auf, zum Schluss das Vater unser, dazu dezent irrlichternde Choräle.

Der Abend beginnt mit der von Peps schwangeren Olga, Marie-Luise Stockinger ruppig und Tilman Tuppy rabiat, die bei der Engelmacherin schnell das Weite gesucht hat. Das wiederum hat der, weil er einem Hund die Augen ausgestochen hat, von der Schule expedierte Roelle gesehen, der Love Interest Olga nun mit seinem Wissen über den „Widersacher“ in ihrem Uterus (so Olga über den Fötus) zu erpressen sucht. Roelle hält sich selbst für einen Heiligen, erzählt leider den falschen Leuten, dass ihn die Engel besuchen, weshalb er hier nicht von den Mitschülern, sondern von den Pionieren gefoltert wird – und Jan Bülow ist grandios als creepy Schmerzensmann, der die Augen bis zum nur noch Weißen verdreht, wenn die himmelschreiende Ungerechtigkeit ihn demütigt.

Lukas Zach, Julian von Hansemann, Oliver Nägele, Etienne Halsdorf und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Der Schmerzensmann und seine Mater dolorosa: Jan Bülow und Elisabeth Augustin. Bild: © Matthias Horn

Jan Bülow, Rainer Galke als mysteriöser Protasius und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger, Pioniere (M.: Gunther Eckes) und Dagna Litzenberger Vinet. Bild: © Matthias Horn

Nicht weniger durchdringend die nächste Niedertracht, diesmal die von Maximilian Pulst als Pionier Korl Lettner, dem sich die Berta von Lilith Häßle an den Hals wirft, obwohl die jungfräuliche Hausgehilfen nach dem Willen des Hausherrn eigentlich Fabrikantensohn Fabian Unertl, so sensibel wie gereizt: Jonas Hackmann, zum Mann machen soll. Korl warnt Berta vor wahrer Liebe: „Da kann ich bös sein, wenn eine gut zu mir ist. Die Frau wird von mir am Boden zerstört, verstehst.“ Und so geschieht es auch.

In den Ingolstädter Stücken spielen drei Machtstrukturen eine Rolle: Hier die subtileren von Patriarchat und Kirche als Beschleuniger der Katastrophe, dort die durchschaubare, aber nicht minder wirkungsvolle Hierarchie des Militärs. Zwei Systeme, zwei Mal Zwangsjacken. Sie dominieren das soziale Leben und verlangen Unterwerfung für die sittliche Säuberung und den Schutz, den sie dadurch bieten. Im fliegenden Wechsel der Allianzen, zwischen all den imaginiert-seelischen und tatsächlich messerscharf gezückten Waffen findet niemand seinen Platz. Fleißer will das nicht analysieren, sie will zeigen, wie sogenannte moralische Richtlinien eine Gemeinschaft wie mit Säure zersetzen, wenn der einzelne den Geboten und Verboten nicht standhalten kann. Tachelet und van Hove folgen der Dramatikerin auf diesem Weg – oder um den ihr so unlieb gewordenen Brecht zu bemühen: der Vorhang zu und alle Fragen offen.

„Alma“ Dagna Litzenberger Vinet versucht sich als Nachwuchs-Prostituierte, um der modernen Sklaverei einer Dienstmagd in die fragwürdige „Freiheit“ zu entschlüpfen, wird vom großartig von Gunther Eckes verkörperten Münsterer und vom Rosskopf des Julian von Hansemann bedrängt, schließlich vom Feldwebel genommen und ausgenommen. Der Druck steige immer von oben nach unten, vom General zum Major zum Hauptmann, „je mehr nach unten, desto reißender wird der Zorn, desto mehr wirkt er sich aus“, hält der lapidar fest und kommandiert ein „Rechts um!“ Bierzeltstimmung, aktuelle Wahlkampf-Atmosphäre herrscht im Menschenzirkus der Monstrositäten, der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker. Beunruhigend ist das: Der Wiedergänger Ingolstadt ist immer und überall – beim ersten Mal dauerte der Albtraum Jahre, binner derer man hierzulande und beim Nachbarn diese dreckig-gärende Brühe auschwitzen musste.

Lili Winderlich und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

Maximilian Pulst und Lilith Häßle. Bild: © Matthias Horn

Jonas Hackmann und Dagna Litzenberger Vinet. Bild: © Matthias Horn

Die Jungs, die Gang um Peps und Fabian, dabei auch Lukas Vogelsang als Olgas Bruder Christian, klaut der Armee Holz für die Ausbesserung des eigenen Badestegs, der Feldwebel beschuldigt Korl und seine Mannen, der will aus Roelle-Pendant Fabian ein Geständnis erpressen. „Das alles geht dich gar nichts an“, erläutert der brutal auftrumpfende Münsterer seinem Opfer. „Aber das wär grad für dich was, und dass lass ich jetzt an dir aus.“ Die einzige Funktion von Gewalt besteht darin, sie weiterzugeben. Alldieweil dämmert der auf Olga eifersüchtigen Clementine, Lili Winderlich mit Vernaderer-Gen, dass das Schicksal der Schwester nichts weniger als die Ächtung durch die Gemeinde bedeutet.

Währenddessen schauen die Pioniere dem verhassten, weil seine Macht missbrauchenden Feldwebel beim Untergang in den Donaufluten zu. Als dieser Kommisskopf brilliert Oliver Nägele, sowie als Olgas Vater Berotter, der sich vor den Befindlichkeiten seiner Kinder in Ohnmachten rettet, und als Geschäftsmann Unertl, der mit dem selber früher oft gehörten Satz, die neue Generation wisse gar nicht wie gut’s ihr gehe, die Meinung der Altvorderen in Ingolstadt zusammenfasst. Zu diesen gehört auch die famose Elisabeth Augustin als Roelles Mutter, eine ihn unterdrückende, ihn dirigieren wollende Mater dolorosa. Die Szenen zwischen Augustin und Bülow gehören mit zu den besten, ebenso die Erscheinungen von Rainer Galke als Agent Provocateur Protasius, der den „vom Teufel besessenen“ Roelle einem Doktor überantworten will – und honi soit, der da an einen mit den Initialen J.M. denkt.

Weder Tachelet noch van Hove haben aus dem Blick verloren, dass Fleißer aus weiblicher Perspektive erzählt – und sie haben dafür die richtigen Mitstreiterinnen. Dagna Litzenberger Vinet, Lilith Häßle, Lili Winderlich und Marie-Luise Stockinger fegen mit ihrem psychischen wie physischem Leid, ihrer Verachtung, ihrer Wucht, ihrem Trotz, ihrer sprachlichen Präzision alle an die Wand. Und doch finden sie kein Glück. Das ist die bitter-ernüchternde Wahrheit von „Ingolstadt“. Zum Ende seiner emphatisch-energetischen Schauspielleistungen stellt sich das Ensemble im Gegenlicht zum Chor auf. „Ein Lied!“ fordert der nächste Feldwebel, der in Gestalt von Oliver Nägele der alte ist. Und die Meute singt:

Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel
Weil wir so brav sind, weil wir so brav sind
Das sieht selbst der Petrus ein
Er sagt: „Ich lass‘ gern euch rein“
Ihr ward auf Erden schon die reinsten Engelein …

Teaser: www.youtube.com/watch?v=K4mJ5AM7Pqo           www.burgtheater.at

5. 9. 2022

Theater in der Josefstadt: Anna Karenina

September 2, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Unterkühlte Erotik auf dem Eislaufplatz

Der Josefstädter Eislaufverein: Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Alma Hasun, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: © Moritz Schell

Zum Auftakt der Wiener Theatersaison hat Regisseurin Amélie Niermeyer, die 2019 mit ihren Ideen zu Tschechows „Kirschgarten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36654) am Haus so großartig reüssierte, fürs Theater in der Josefstadt „Anna Karenina“ inszeniert – immerhin mit dem Vermerk „nach Leo Tolstoi“, in einer Fassung von Armin Petras, die Niermeyer um ihr spannend erscheinende Aspekte aus

dem 1000-Seiten-Weltliteratur-Wälzer ergänzte. Das Ergebnis, bei der gestrigen Premiere präsentiert, ist … so lala, oder positiver formuliert: Ein Abend, auf den man sich einlassen wollen muss, doch selbst wenn’s wie hier am guten Willen nicht fehlte, sind die drei Stunden Spieldauer sehr lang. Längen die gar nicht notwendig wären, würde Niermeyer auf mehr Energie und weniger elegische Überdehnung der Szenen setzen. Das Ensemble dafür hätte sie allemal an der Hand, nur dass dieses im auch schon überstrapazierten Mix aus Dialog/direkter Rede, innerem Monolog und epischem Erzählton in der dritten Person in seltenen Momenten zum Spielen kommt.

Eine Kunst ist es jedenfalls, Tolstois 29-köpfiges Gesellschaftspanorama auf ein Acht-Personen-Kammerspiel zu reduzieren. Niermeyer konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Anna Karenina, Alexej Karenin und Alexej Wronski, den die Aberkennung der Offizierswürde zum hauptberuflichen Erben mit Rich-Kid-Anwandlungen degradiert, Stepan und Dascha Oblonskij, die beiden alles andere als ein Fürstenpaar, sondern biedere Mittelstandspleitiers, sowie Daschas Schwester Kitty mit Verehrer Kostja Ljewin.

Letzteren hat Niermeyer als ihren Spokesman deutlich aufgewertet, der Sozialrevolutionär ist es, der sich über „Das Kapital“-Themen wie Neuordnung von Besitzverhältnissen und Gerechtigkeit für die Arbeiterklasse auslassen darf, ein ewig Zweifelnder und unablässig Sinnsuchender, wobei ihm Niermeyer laut Programmheft-Interview gleich auch noch die CoV19-Pandemie samt nihilistischen Todesfantasien und Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zum Theoretisieren mit auf den Weg gibt. Dass ausgerechnet dieser Gutsbesitzer Lewin mit seinen Plänen zur Reformierung der Landwirtschaft an der Trägheit des Bauernstands scheitert, mag als Fingerzeig auf bevorstehende Wahlen gedeutet werden.

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Mit diesem ersten Satz Tolstois beginnt auch Niermeyer, der Text läuft über einen semitransparenten Vorhang, bis der sich hebt und man sich auf einem Eislaufplatz wiederfindet. Auf diesem – wie sich bald herausstellen wird – dünnen Eis dreht der Josefstädter Schlittschuhverein seine Kreise: Alexander Absenger als depressiv-tollpatschiger Philosoph Lewin, der sich von Alma Hasuns exaltierter Hyper-Hyper-Kitty einen Korb holt, weil die Eisprinzessin den Wronski liebt, Claudius von Stolzmann, der sich mit einer Pirouetten-Drehung aus der Dreier-Situation nimmt, nur um jetzt mit einem Doppeldreier aufzukommen: Anna Karenina, die auf dem Bahnsteig steht.

Silvia Meisterle, Cornelius Bruckmann, Raphael von Bargen. Bild: © M. Schell

Silvia Meisterle und Claudius von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Silvia Meisterle und Claudius von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Als diese zeigt Silvia Meisterle eine ihrer besten Leistungen bisher, ihre Karenina ist modern, mondän, ausgestattet mit der zynisch-unterkühlten Erotik einer Femme fatale. Mit ihrem Trolley könnte sie glatt als Businessfrau anno 21. Jahrhundert durchgehen, längst hat sie an Karenins Seite gelernt ihre Emotionen auf Eis zu legen, und dann ist da plötzlich einer, der das Eis crushen will. Diese Anna ist mehr Schwester von Nora oder Hedda Gabler als eine der Russinnen ihrer Zeit. Zu dieser Anna passt, dass Niermeyer unter Verwendung der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze den Frauenfiguren Textpassagen, die im Original von Männern gesprochen werden, von ihr so genannte „inhaltlich relevante Passagen“ zuschreibt.

Zu den zeitgenössischen Outfits von Christian Schmidt hat Bühnenbildnerin Stefanie Seitz in Rechtecke unterteilte Wände erdacht, die verschiedenfarbig beleuchtet werden können, mitunter lässt sich ein häuslicher Wolkenstore gleich Gitterstäben herunter  – und um Rilkes Poem über Selbstentfremdung und Im-Kreise-Gehen zu bemühen: „hinter tausend Stäben keine Welt“. Auf der Bühne steht außerdem ein für Loops an einen Laptop angeschlossenes Keyboard, an dem Kitty die anderen mit ihren „Kompositionen“ quält, Imre Lichtenberger Bozokis eigens für die Aufführung geschaffene Musik erklingt, oder auch mal „Rasputin“ von Boney M., Schostakowitsch und Chick Coreas „Childrens’s Song No.6“ – gespielt von Raphael von Bargen als berührend gequältem Karenin.

Auch diesen hat Niermeyer in ein interpretatorisch neues Gewand gehüllt, der Charakter oft als spießiger und engstirniger Aktenvernichter gelesen, ist bei ihr ein sympathischer, dessen fatale „Sünde“ es ist, zu lange zuzuwarten: „Durchdenken, entscheiden, ad acta legen“, auch dieses Motto eines Staatsdieners hochaktuell. Doch lässt er sich erst noch von Sohn Serjoscha, Cornelius Bruckmann, im Holzschwerter-Duell auf lustigeste Art besiegen, lässt er alsbald seinen Frust an dem Buben aus, der daraufhin zum seelischen Krüppel mutiert, während der Vater am Sorgerechtsstreit zerbricht. Ach ja, die russischen Neurosenkriege!

Alexandra Krismer und Alma Hasun. Bild: © Moritz Schell

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Moritz Schell

Robert Joseph Bartl als „Tanzmeister“. Bild: © Moritz Schell

Auch Kittys Unglücksball findet als Holiday on Ice statt, zu „Stepan“ Robert Joseph Bartls Anweisungen als „Tanzmeister“ wird sich zur Quadrille in Pose geworfen. Bartl kommt die Aufgabe als fröhlichem Hedonisten zu, der um sein Ablaufdatum weiß. Stepan ist einer, der den unfairen Bonus und die Privilegien seiner gewichtigen Position mit Vergnügen und ohne Skrupel genießen will, und glaubhaft erzählt Alexandra Krismer von einer Frau, Dascha, die einzig wegen der sechs Kinder beim notorischen Fremdgeher und gleichzeitigem Pantoffelheld bleibt, und seit langem an ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter ver-/zweifelt.

Das alles wird mehr geschildert denn gespielt. Das große Problem des Abends ist, man hört, aber man fühlt nicht. Weder, dass Anna wie angesagt zum ersten Mal Liebe, Lust und Leidenschaft erfährt, ihr Inneres scheint kalt und leer bis zum bitteren Ende, noch dass mit Wronski endlich befriedigender Sex im Spiel ist – trotz nackter Umarmung. Dass Claudius von Stolzmann Umberto Tozzis „Gloria“ zu einem Karaoke-„Anna Wronskaja“ umdichtet, wird zwar mit Szenenapplaus bedacht, aber bitte wieso wird diese Figur mit allerlei Schnickschnack so verjuxt? Warum sich Anna und Wronski am Schluss bis aufs Blut entzweien, es geschieht so unvermittelt, dass es schleierhaft bleibt. Okay, er hat die Allüren dieser Frau endgültig satt, aber war da zwischen zwei Buchdeckeln nicht noch mehr Inhalt? So bleibt Annas Selbstzerstörungstrip im Eisenbahndampf nebulös.

In den zweifellos unterhaltsamen Passagen (Lewin wirft Heuballen auf die Bühne, dazu Quieken und Muhen im Stall Schwein und Kuh; später fragt Wronski im Wohnsalon irritiert: „Was machen eigentlich diese Heuballen hier?“) zerfasert die Inszenierung nach der Pause auch ästhetisch in zwei Teile: Plötzlich Videozuspielungen von Annas und Wronskis Europatrip, oligarchischer Großeinkauf von Kunst, Meisterles hysterisches Lachen eine Schmierenkomödie für von Stolzmann, ein Palais in Venedig, das nach erster Euphorie über die Kronleuchter – der der Josefstadt senkt sich – schnell als modrig stinkend wahrgenommen wird. (Der Anna traumatisierende Tod der gemeinsamen Tochter Annie ist weniger als eine Fußnote.) Also zurück: Nach Moskau! Nach Moskau! In die Gefühlskälte. Wo Anna wiederum via Video von Spukbildern Karenins, Wronkis und Serjoschas heimgesucht wird. Der Pas de deux auf Kufen ist ausgetanzt.

Dieser zweite Teil, wiewohl besser als der langatmige erste, zeigt: Es fehlt dem Ganzen an Stringenz und einheitlicher Linie. Man versteht Niermeyers Intentionen bezüglich Zeitlosigkeit, betreffs schneidend klar wie Firn, aber der große Zusammenhang, der große Wurf gelingt ihr mit dieser frostigen Regiearbeit nicht. Vielmehr verheddert sich Niermeyer auf ihrer Suche nach einer so aktuellen wie allgemeingültigen Aussage in den „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ statt aus Tolstois Meisterwerk eine wirkmächtige Essenz zu destillieren. In der Josefstadt kommt nach dem unvermeidlichen Zug noch der große Regen. Auch im Roman wird nach Annas Freitod 80 Seiten lang das Weiterleben der anderen beleuchtet: Kitty und Lewin lassen ihren Sohn Mitja taufen. Und trotz des schweren Gewitters schließt Kitty mit dem Satz: „Überhaupt war der ganze Tag so angenehm.“ Tja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben …

www.josefstadt.org

  1. 9. 2022

Wiener Saisonstart 2022/23: Das wird eine heiße Woche

August 19, 2022 in Bühne, Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Sechs Premieren in vier Tagen, eine mit Harald Schmidt

Theater in der Josefstadt: Silvia Meisterle als Anna Karenina und Claudius von Stolzmann als Wronski. Bild: © Moritz Schell

Die neue Wiener Theatersaison steht ins Haus und zumindest auf dem Papier scheint sie eine überaus spannende zu werden. Schon die erste Woche präsentiert sich mit modernen Klassikern, Romanadaptionen, Bekanntem, neu zu Entdeckendem und Performativen. Sechs Premieren in nur vier Tagen – das ist es, was das Publikum erwartet.

Den Auftakt macht am 1. September das Theater in der Josefstadt mit „Anna Karenina“. Amélie Niermeyer und Armin Petras haben den Stoff nach Leo Tolstoi bearbeitet. „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ So beginnt dies Stück Weltliteratur: Tolstoi beschreibt in seinem Roman nicht nur das Einzelschicksal der verheirateten Titelfigur, die mit ihrem alten Leben radikal bricht; vielmehr gelingt dem Autor die präzise Darstellung patriarchaler Denkmuster:

Die Frau, die um ihrer Selbstverwirklichung Willen ihre Familie verlässt, wird nach wie vor als egoistisch und verantwortungslos angesehen. Niermeyer, die mit ihrer radikalen Inszenierung von „Der Kirschgarten an der Josefstadt erfolgreich war (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36654),

geht der Frage nach, wie es möglich ist, innerhalb der Gesellschaft alternative Lebensmodelle anzustreben. Anna Karenina wird geächtet, weil sie den Konventionen offen trotzt. Silvia Meisterle in der Titelrolle zu sehen, die zwischen Raphael von Bargen (als Karenin) und Claudius von Stolzmann (als Wronski) steht, dazu Alma Hasun (Kitty) und Alexander Absenger (Lewin).

Es folgt am 2. September „Das weite Land“ am Akademietheater. Regisseurin Barbara Frey inszeniert Schnitzlers großes Ensemblestück als Panorama einer privilegierten und atemlosen Gesellschaft, die ihren Untergang als „self-fulfilling prophecy“ lachend heraufbeschwört. Zu erleben sind neben Katharina Lorenz als Genia Hofreiter und Michael Maertens als Friedrich Hofreiter auch Bibiana Beglau, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Felix Kammerer, Branko Samarovski, Nina Siewert sowie Itay Tiran. Bühnenbild: Martin Zehetgruber.

Am 3. September gilt es zwischen drei Premieren zu wählen: Die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper ist die selten gezeigte Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Das Werk erzählt in biografischen Stationen den sozialen Aufstieg des Arbeitermädchens Jeanne Beçu zur wohlhabenden Mätresse Ludwigs XV. und wirft dabei noch immer aktuelle Fragen auf: Welche Verluste erlebt sie auf „dem Weg nach oben“ und wie weit korrumpiert sie sich? Als Jeanne vor die Wahl gestellt wird zwischen der Liebesbeziehung zu dem Künstler René und der Möglichkeit, die Geliebte des Königs zu werden, ist das nicht nur die Entscheidung für den einen oder anderen Mann, sondern auch für ein jeweils vollkommen anderes Leben.

Um Weiblichkeitszuschreibungen im Wandel der Zeit zu befragen, haben Regisseur Jan Philipp Gloger und sein künstlerisches Team für diese Neuproduktion eine theatrale Zeitreise über vier Jahrhunderte erfunden, die in großen Bildern aus unserer Gegenwart bis in das Frankreich Ludwigs XV. zurückführt. Kai Tietje dirigiert, Starsopranistin Annette Dasch kehrt als Dubarry Hans aus zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt niemand geringerer als Comedy- und Talkshow-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt.

Ebenfalls am 3. September zeigen die Kammerspiele der Josefstadt Edward Albees „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ in einer Übersetzung von Alissa und Martin Walser. Albee, der Altmeister des US-amerikanischen Theaters, hat mit seinem letzten bedeutendem, vielfach ausgezeichneten Stück einen großen Wurf gelandet: „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ ist kein Sodomie-Schocker, sondern zwanzig Jahre nach seiner Uraufführung nach wie vor ein provokanter Anschlag auf das bürgerliche Eifersuchtsdrama, sehr witzig und respektlos, aber gleichzeitig auch abgründig und tragisch.

Akademietheater: „Das weite Land“ mit Beglau, Kammerer, Maertens und Hartinger. Bild: © Andreas Pohlmann

Kammerspiele der Josefstadt: „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ mit Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Moritz Schell

Burgtheater: „Ingolstadt“ mit Jan Bülow, Tilman Tuppy und Lukas Vogelsang. Bild: © Matthias Horn

Volksoper: „Die Dubarry“ Annette Dasch mit Harald Schmidt als König Ludwig XV. Bild: © Volksoper Wien/Screenshot

Volkstheater: NV / NIGHT VATER / VIENNA von und mit Paul McCarthy und Lilith Stangenberg. © Paul McCarthy. Courtesy the artist and Hauser & Wirth. Bild: © Ryan Chin

Martin, erfolgreicher Architekt, liebt eine Ziege. Allerdings nicht so, wie die meisten Menschen für gewöhnlich ihre Hunde und Katzen lieben. Diese außereheliche Beziehung belastet sein Verhältnis zu seiner Frau und seinem Sohn. Die Grenzen zwischen Komik, Tragik und Entsetzen sind fließend. Edward Albee lässt die heile Welt seiner Figuren von einer Sekunde auf die andere zerbrechen, lässt sie an ihre Toleranzgrenzen stoßen und führt so die Story ihrem vordeterminierten Ende entgegen. Regie: Elmar Goerden; mit Sandra Cervik, Joseph Lorenz, Michael Dangl und Julian Valerio Rehrl.

Last, but not least präsentiert das Volkstheater am 3. September die PerformanceNV / NIGHT VATER / VIENNA“. Seit 2017 arbeiten der US-amerikanische Künstler Paul McCarthy und sein Sohn Damon am Projekt NV / NIGHT VATER – ausgehend vom berühmt-berüchtigten, in Wien gedrehten Film „The Night Porter“ (1974) der italienischen Regisseurin Liliana Cavani. Der Film thematisiert die sadomasochistische Beziehung des ehemaligen SS-Offiziers Max mit seinem Opfer Lucia, einer KZ-Insassin. Max tauchte nach dem Krieg unter und arbeitet als Nachtportier in einem Wiener Hotel. Dort begegnen er und Lucia sich zufällig wieder – und sie sind sich immer noch verfallen, so dass ihr Verhältnis neu auflebt.

McCarthy machte daraus zuerst neuerlich einen Film, mit sich als Max, einem alternden Hollywood-Produzenten, der von Faschismus und Kontrolle besessen ist. Lilith Stangenberg spielt eine junge Schauspielerin, die nach Los Angeles kommt, um für einen Film vorzusprechen, der von Max gedreht wird. Nun wird das Wiener Publikum die seltene Gelegenheit haben, einer Performance von McCarthy in Form von öffentlichen Dreharbeiten beizuwohnen. Über vier Tage hinweg werden sowohl improvisierte, als auch im Skript fixierte Aktionen eine geschlossene Erzählung bilden, wobei jeder Tag eine andere Episode darstellt. Die Aufführungen sind für Besucherinnen und Besucher unter 18 Jahren nicht zugänglich.

Am Burgtheater schließlich wird die Saison am 4. September mit „Ingolstadt“, nach „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“, von Marieluise Fleißer eröffnet. Die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen inszeniert Ivo van Hove. Der international erfolgreiche Regisseur gibt mit dieser Arbeit, nach mehreren großen Gastspielen bei den Wiener Festwochen (2017 beispielsweise stand Hollywoodstar Jude Law in van Hoves Visconti-Adaption „Obsession“ auf der Bühne im MuseumsQuartier), sein Regiedebüt in Wien. Es sind die heißesten Tage eines langen Sommers in der drückenden Enge der katholischen Provinz, die sich ihre Ventile mit grausamer Gesetzmäßigkeit an den schwächsten Stellen sucht. Roelle ist ein Außenseiter – ein selbsternannter Auserwählter und Heiliger von eigenen Gnaden, zu dem „die Engel kommen“. Mit seinem Wissen um die ungewollte Schwangerschaft der Klosterschülerin Olga hofft er, ihre Nähe erpressen zu können.

Fabian hat sich in Berta, das Dienstmädchen seines Vaters, verliebt, die ihrerseits von dem Pionier Korl fasziniert ist, dem sie die kaltschnäuzigen Beteuerungen seiner Gleichgültigkeit nicht glauben mag. Ihre Freundin Alma versucht Unabhängigkeit zu erlangen, indem sie sich auf eigene Rechnung zu prostituieren versucht. Der Feldwebel, der Pioniere kommandiert, die in Ingolstadt sind, um eine Brücke über die Donau zu bauen, wird Opfer eines Anschlags seiner Untergebenen und ertrinkt in der Donau. Die Gewalt in Marieluise Fleißers „Ingolstadt“ trägt die Masken der Religion, der Familie, der militärischen Ordnung, der Sexualität. Ihr Medium aber ist die Sprache. Es spielen unter anderem Marie-Luise Stockinger, Jan Bülow, Rainer Galke  und Elisabeth Augustin.

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  1. 8. 2022

Werk X-Petersplatz: Trümmerherz

Juli 7, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nachkriegsbrutalität in Pastelltönen

Yes, Sir, I Can Boogie: Unfreiwilliger Partnertausch mitten im „Mach koane Dànz!“: Lukas David Schmidt, Anna Zöch und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

„Siehst doch eh wie die Leut hier sind. Die tun: Vergessen. Verdrängen. Lügen. Wo ist hier die Moral? Wo ist hier der Anstand? Den Wiederaufbau schaffen ́s doch nur: Weil’s die frühere Gesinnung in die neuen Häuser miteinbauen.“ – „Du sollst nicht immer von früher reden. Die Mama hat’s verboten.“ – „Ohne früher kein Heut‘. Das wird die Mama auch noch begreifen …“ Mit diesem Dialog lernt man die Schwestern Mitzi und Rudi kennen, erstere von der Nachbarschaft als Ami-Hur‘

gebrandmarkt, will sie doch mit ihrem GI-Johnny in die USA auswandern, zweitere, das Nesthäkchen insofern amerikanisiert, als sie den Boogie-Woogie in den Beinen hat, mithilfe derer sie sich das Preisgeld eines Tanzwettbewerb abholen will. Autor Bernhard Bilek hat diese Mädchen für seinen Text „Trümmerherz“, basierend auf biographischen Episoden aus dem Leben seiner mit knapp 90 Jahren verstorbenen Großmutter, erdacht und ihnen Nachkriegs-österreichische Signature-Sätze in den Mund gelegt. Es ist nicht zu viel zu sagen, dass Bileks 1950er-Jahre-Wien nur ums Eck zur berühmten „stillen Gasse im achten Bezirk“ liegt. Das Milieu, die Charaktere, eine Dreiecksbeziehung, der genretypische Kunstdialekt … alles passt bei dieser jüngsten Hervorbringung der Gattung „neues Volksstück“.

Regisseurin Martina Gredler, gemeinsam mit Bilek Gründerin des Kunst- und Kulturvereins Wiener*innen Wahnsinn, hat mit dem Ensemble Anna Zöch als Rudi, Josefine Reich als Mitzi, Bettina Schwarz als Mama, Felix Krasser als Pepi und Lukas David Schmidt als Moritz die Uraufführung von „Trümmerherz“ zur auslastungsstärksten Produktion am Werk X-Petersplatz in der Spielzeit 2021/22 gemacht. Grandios dazu Komposition und Live-Musik von Nadine Abado, Ausstattung und Kostüme von Moana Stemberger und die Choreografie von Daniela Mühlbauer.

Abado, die den Boogie als hypnotischen Percussion-&-Voice-Sound wispert, was die Tanzenden bei psychischem Fast Forward zur physischen Slow Motion zwingt; Stemberger, deren pastellige Outfits – die Damen in Ballroom-Petticoats, die Herren in Rosé- und Metallic-Silber samt Pailletten, Nagellack in Killerfarbe und blutroten High Heels – die Brutalität der Ereignisse konterkarieren; Mühlbauer, in deren somnambule Bewegungsabläufe die Schauspielerinnen und Schauspieler sich albträumen, wenn die Zweier-, Dreier-, Viererkonstellationen einander mit Worten nichts mehr zu sagen haben. Nach dem großen Publikumszuspruch zur ersten Aufführungsserie ist eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit geplant, über deren Termine www.mottingers-meinung.at informieren wird, wenn sie von der Kulturabteilung der Stadt Wien – MA7 bewilligt wurde.

Können Spielen und Tanzen: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

Lukas David Schmidt, Felix Krasser, Josefine Reich und Anna Zöch. Bild: © Alexander Gotter

Zum Geschlechtsverkehr abgeschleppt: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

So steht also auf Moana Stembergers leerer Nachkriegstristesse-Bühne Anna Zöch als rotzfrech um ihr Emanzipiert-Sein ringende Rudi (Lieblingsfrage ihres losen Mundwerks: „Tätschn?“) von Beginn an zwischen zwei Burschen: dem tölpelig-warmherzigen Pepi von Felix Krasser, der sich das Korsett, in das ihn die Gesellschaft zwängt, tatsächlich um den Leib gelegt hat, und dem draufgängerischen Frauenschwarm und Schwarzhändler Moritz, der sich nimmt, was er will – und das in, für Darsteller Lukas David Schmidt muss man den Begriff erfinden, ungestümer Zeitlupe.

Und über alles und allen schwebt die Mater Dolorosa in der Kittelschürze, „Mitzi-Mama“ Bettina Schwarz, die sich ans Mantra klammert, der Papa und der Onkel wären als Kommunisten im Konzentrationslager ermordet worden (weshalb sie von den Russen die kleine Wohnung zugeteilt bekommen hätte) – Mamas Liebling Pepi dazu, während er sich noch ein Stück ihres Guglhupfs reinschiebt: „Das Leben ist zu kurz, um für eine Partei zu sterben.“ Seine Mama hätt‘ seinem Papa halt immer was zum Essen in den Mund gestopft, wenn er politisieren wollte. Während Moritz die Widerständler-Glorifizierung mit einem „Die waren doch selber Nazis!“ entherrlicht, bevor das Publikum verbale Schlagabtausche später erfährt, er könnt‘ ebenso gut den eigenen Vater zu verspäteter Rechenschaft gezogen haben.„Wir haben alle nichts gelernt. Entweder waren wir zu früh dran, oder zu spät“, schreit dieser Moritz die Rudi an, als sie ihn wegen seines sinistren Broterwerbs zur Rede stellt.

Und unwillkürlich denkt man die Zukunft der Generation CoV-19 und ans Ausarten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, dessen Grausamkeit den Geflüchteten und folgenden Generationen wie hier nach 1945 blutig in die Körper eingeritzt ist. Rudi hat/hatte von Moritz ein Kind, Anni, das mit zwei Jahren verstarb. Ob dessen bösartige Großmutter mit diesem Ableben zu tun hat, erfährt man nicht, wie Bilek und Gredler überhaupt vieles in der Schwebe halten. Geldknappheit, ein verlorenes Kind und das bedrückende Schweigen, das Wien für die Nachgeborenen in einen undurchdringlichen, grauen Schleier hüllt, ein Kuss an falscher oder gar richtiger Stelle. Man taumelt durch Kriegstraumata, stilisiert sexuelle Gewalt, quer zu lesende queere Geschlechterverhältnisse, österreichische Verdrängungskultur, heißt: Zeitgeschichte, wie’s Huhn übers Möbiusband.

Gluckhenne Mitzi-Mama (M.) und ihre Küken: Anna Zöch, Bettina Schwarz und Josefine Reich. Bild: © Alexander Gotter

Lieber noch dem Joker als ihm einen Luftballon abgekauft: Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Ami-süchtige Sisters in Crime: Josefine Reich als Mitzi und Anna Zöch als Rudi. Bild: © Alexander Gotter

Geschlecht? Spielt keine Rolle: Lukas David Schmidt und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Hochspannend ist das, wie der Boogie-Woogie inszenatorisch zum Ringkampf wird. Hip Bump Flirt, American Spin, Whip, Let Loose, Ladies Solo, Fallaway Throwaway, schließlich der „Todessprung“, im Englischen „Birth of a Baby“ genannt. Im Wechselschritt meint man den Rückwärtsgang eingelegt zu haben, Rudi, eben noch den Tod ihres Töchterchens beklagend, ist jetzt hochschwanger …, jedenfalls ist‘s, wie’s kommt, eine Drehung senkrecht nach unten. Wie Mitzi Rudi aus Moritz‘ Umklammerung befreit, wie Moritz den Pepi diesmal nicht heraus-, sondern auffordert. Intensiv performen das die Vier. Selten war ein Turniertanz so ein „Mach koane Dànz!“

Geht Pepi wirklich in diese Art von Herrenetablissements, wie Moritz behauptet? Und gibt ihm dies das Recht, Rudi zwecks Kindszeugung von der Tanzfläche im Wortsinn abzuschleppen? Ist das geschehen oder wird es erst passieren? Rudis Antwort auf Baby und Pepis Bi+Stereotypisierung: „Besser einer, der sich kümmert, als …“ Anna Zöch überzeugt als stur-zerbrechliche Rudi, Bettina Schwarz als Hart-aber-herzlich-Mama und Lukas David Schmidt ist sowieso des Werk X-Petersplatz‘ Antwort auf „Elvis the Pelvis“, doch obliegt es Felix Krasser seinen Pepi in grausige Abgründe zu entwickeln, im Prater als Luftballonverkäufer in dragqueenigen Zwölfzentimetern und einem sinistren Lächeln als wäre er ein Joaquin-Phoenix‘-Joker-Lookalike.

„Trümmerherz“ ist ein ungeschönt authentisches, aber von Bernhard Bilek gleichwohl liebevoll gestaltetes Sittenbild einer Familie, wie es zahlreiche gab und gibt, die sich im Chaos zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine rosige Zukunft erträumen. Dass Regisseurin Martina Gredler die Realität des Textes nicht „bebildert“ hat, sondern ihr Ensemble in choreographisch-tänzerischer Körperarbeit ausleben lässt, ist der Clou der Aufführung. Vor allem aber: Danke, Oma Bilek, dass du als Zeitzeugin uns alle über deinen Enkel an deinen Erinnerungen teilhaben lässt …

Bernhard Bilek. Bild: © Matthias Heschl

Über den Autor: Bernhard Bilek wurde 1982 in Wien geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik an der Universität Wien. Während seines Studiums wurde er zum Theaterautor am Burgtheater und Schauspielhaus Wien in den von Andreas Beck initiierten Schreibklassen unter den Leitungen von David Spencer, Wolfgang Stahl und Bernhard Studlar ausgebildet. Zusätzlich ließ er sich postgradual am Institut für Kulturkonzepte in Kulturmanagement schulen. Er arbeitete als Kommunikations- und Kulturmanager im Theaterverein „Ich bin OK”, im Nachtclub „Flex” und in der Filmproduktionsfirma „evolver film” (dort auch als Script Consultant). Von 2019 bis 2021 leitete er Presse- und Kommunikation am Theater Werk X.

2020 gründete er mit Martina Gredler den Theaterverein „Wiener*innen Wahnsinn“, um Projekte von Frauen, queeren und nicht-binären KünstlerInnen zu fördern. Die Uraufführung seines Theaterstücks „Trümmerherz“ in der Inszenierung von Martina Gredler ist das erste Projekt des Vereins.

werk-x.at           werk-x.at/premieren/truemmerherz

7. 7. 2022

Trailer: © Clemens Schmiedbauer