Stadtsaal – Lukas Resetarits: Wurscht

April 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gammelpolitik, frisch konserviert in PR-Pökelsalz

Bild: © Katrin Werzinger

Manches, sagt Lukas Resetarits, sei ihm ja blunzn, aber vieles nicht wurscht. Also hat der Großmeister der österreichischen Kleinkunst sein 27. Programm nach dem in Därme gefüllten Brät benannt, und nimmt sich den Begriff in jeder seiner Bedeutungen vor. Er erzählt vom Suchtpotential der Buren- und vom populistischen Hanswurst ebenso, wie von armen Würstchen und von anmaßenden Wurschtln, und lässt auch die Fäkalvariante des Wortes nicht aus. Resetarits kann’s mitunter arg ungustig, was passt, ist „Wurscht“ doch eine so scharfsinnige wie scharfzüngige Analyse eines gesellschaftlichen Ist-Zustands.

Und da ist’s mit den Parteien wie beim Fleischprodukt – „je weniger man weiß, was drin ist, umso mehr schmeckt’s“. Anzumerken ist dem Abend, wie sehr es Resetarits beim Schreiben, dies auch diesmal wieder gemeinsam mit Tochter Kathrin, in den Fingern gejuckt hat, zum Status Quo im Lande ein Statement abzugeben, „Achtung“, warnt er gemäß seinen AGB, „der Kabarettist kann Spuren von eigenen Meinungen enthalten“.

Freilich darf der Spaß nicht auf der Strecke bleiben, erzählt Resetarits doch von einem Ex-Zuschauer, der den Kartenpreis durch die Pointen dividierte, und auf einen Euro irgendwas pro Gag kam. Ein Kurz-Wähler, kalauert Resetarits, und dass er gebraucht hätte, um zu begreifen, dass der Mann nicht über eine Tastenfunktion seines Seniorenhandys spreche. Solcherart wechselt Resetarits von privat zu Politik, enthüllt anekdotisch seine Wurstbiografie, seinen Grausen beim Blunznmachen in Stinatz, seinen Genuss der Meterwurst in der Ankerbrot-Kantine, wo er sich in den 1960er-Jahren was zum Studium dazuverdiente, seine Erkenntnis, dass man nach einem Burenhäutl in geschlossenen Räumen nicht rülpsen soll. Mit dem richtigen Pökelsalz könnten findige Fleischhauer noch den ungenießbarsten Kadaver in eine Delikatesse verwandeln, weiß der Kenner.

Das wiederum führt ihn exakt zur aktuellen Gammelpolitik und deren Konservierung durch PR-Gewürzsätze. Beigemengt von den 51 Kommunikationsexperten im von Resetarits so genannten „Ausreiseministerium“, die den Leuten die momentane Regierung schmackhaft machen sollen. Er selber leide leider an einer unheilbaren Krankheit, gesteht der 71-Jährige, statt -heimer: Alzberger. Das ist, wenn man sich alles merken muss. Entsprechend lang ist die türkisblaue Mängelliste, die er vorlegt. Von der Gesundheitskasse, bei der die Ausnahmen Bauern und Beamte schon wieder die Regel bestätigen, über den 12-Stunden-Tag bis zur neuen Unsozialleistung Mindestsicherung, vom Ausreisezentrum Traiskirchen über den Tempo-140-Testversuch bis zum – das darf diese Woche natürlich nicht fehlen – Karfreitagsdebakel. Ob „bei Rot rechts abbiegen“ eine politisch motivierte Aussage sei, fragt Resetarits punkto Abbiegeassistent, und kräht im Namen der Ministerin, deren Doppelnamen er sich nicht merken kann, ins Publikum: „Wer schafft die Arbeit?“

Noch nie, sagt Resetarits, und treibt seine zynischen Spitzen damit auf ebendiese, hätte er so viel psychisch auffällige Menschen in einer Regierung erlebt. Und apropos, hart-kleinlich: Nicht nur mit der „neuen Gerechtigkeit“ der Regierung geht er streng ins Gericht, sondern auch mit diversen Medien, die aus den FPÖVP-Wahlslogans das Motto „Positiv, aber inhaltsleer“ übernommen hätten, und deren Überschriftler mittlerweile von der Des- zur Krawallinformation übergegangen wären. Seinem diesbezüglichen Lieblingsblatt, der „Bahnsteigsverschmutzungs- zeitung“, bescheinigt Resetarits quasi ein Panini-Album mit Pickerl für nur einen Spieler zu sein: Sebastian Kurz. Wie immer stark sind auch Resetarits‘ Alltagsbeobachtung, von der modernen Wegwerfwelt, die sich mittels Online-Nachschub am Laufen hält, bis zu jener wundersamen Werbung, in der die Erste Bank zur Befreierin des Proletariats wird, was nicht nur im Nachhinein die Bankenrettung durch Steuergelder rechtfertigt, sondern auch die Sozialdemokratie obsolet mache.

Das alles, resümiert Resetarits, könnte ihm, ist er doch weder Frau noch Flüchtling noch armutsgefährdet noch evangelisch, wurscht sein. Ist es aber nicht. Ergo legt er mit „Wurscht“ den Finger tief in die gesellschaftspolitische Wunde, formuliert trefflich, warum deren Verschorfung für manche ein ewig gestriger Heil!-Vorgang ist, und macht sich Sorgen um Sprach- wie seelische Verrohung. Wenn „Gutmensch“ schlechterdings ein Schimpfwort sei, sinniert er, muss der „Schlechtmensch“ doch als gut gelten. Kein Wunder, dass die Soziopathen das Geschehen beherrschen. Homo homini nicht mehr lupus, sondern lumpus! Unter den Zuschauern: Zustimmung und großer Applaus.

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  1. 4. 2019

Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

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  1. 4. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

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  1. 4. 2019

TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

Kosmos Theater: Sprengkörperballade

April 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mädchen und ihre Männlichkeitsrituale

Mutter-Tochter-Spiel über den weggegangenen Vater: Alice Peterhans hinterm Luftballonkopf und Alexandra Sommerfeld. Bild: Bettina Frenzel

Ein Wild-West-Shootout, eine Mantel-und-Degenfechterei, ein Draufdreschen mit imaginären Morgensternen. Blut spritzt, Körper fallen, schließlich wird eine Tennissocke zur weißen Fahne. Mit dieser pantomimischen Parodie einverleiben sich die Schauspielerinnen Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Alexandra Sommerfeld das, was gemeinhin für Männlichkeit, deren Rituale, Muster und Milieus steht. Später wird sich das Kräftemessen vom Physischen aufs Psychische verlegen.

In einer Eskimo-Polarforscher-Szene, in der eine die andere in die Eiswasserwanne zwingt. Und mit einem VALIE-EXPORT-Moment, das Tapp und Tastkino diesmal unfreiwillig, widerwillig dargestellt. Im Kosmos Theater hat Regisseurin Claudia Bossard die „Sprengkörperballade“ der Wiener Autorin Magdalena Schrefel zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Schrefel ist, in Deutschland längst passiert, hierzulande eine Entdeckung. Ihre Texte, mit ihrem aktuellsten „Ein Berg, viele“ ist sie wieder einmal zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen, sind poetisch und sperrig und haben wenig Lust, sich zu erklären. In jeder Figur steckt sowohl die Möglichkeit zur sofortigen Explosion als auch Implosion, die Charaktere changieren zwischen Verletzt-Sein und Verletzen-Wollen, Aussichtslosigkeit und Aufbegehren. Diese Zwischentöne auszuloten, ist das einzige, das Schrefel beim inszenatorischen Zugriff auf ihre Arbeit verlangt. Und Claudia Bossard gelingt das perfekt.

Kerl zündet Mädchen eine Kippe an: Veronika Glatzner und Alice Peterhans. Bild: Bettina Frenzel

Unfreiwilliger VALIE-EXPORT-Moment: Veronika Glatzner und Alexandra Sommerfeld. Bild: Bettina Frenzel

„Sprengkörperballade“ behandelt prinzipiell drei Frauenkonstellationen. Djana, die mit ihrer jüngeren Tochter Gina wieder und wieder das Weggehen des Vater nachstellt, während die ältere Tochter Zabina mit ihrer Freundin Bine durch die Stadt streunt und Leute anschnorrt, schließlich die beiden Schwestern Cookie und Fuzzi, die sich in beinah Thomas-Bernhardisch endlosen Rollenspielen quälen. Bossard hat diese Anordnung mit ihren drei Darstellerinnen aufgelöst. Sie lässt die Handlungsstränge sich begegnen, sich überschneiden und immer wieder auch zusammenlaufen.

Verwandtschaft verwandelt sich derart in Freundschaft und zurück, was dem ähnlichen Klang der Namen doppelten Sinn gibt, die Positionen Dominanz und Devotheit werden ständig und blitzschnell gewechselt. Wobei das alles bestimmende Wort des Abends Spiel ist. Spiel-im-Spiel, Machtspiel, Selbstermächtigung durch Sprache, durch das Erzählen einer Geschichte. Um deren wahrheitsgemäße Wiedergabe durchaus gestritten wird. Glatzner, mit privat mitgebrachtem, beruflich eingesetztem Babybauch, Peterhans und Sommerfeld stehlen einander die Sätze, krönen sich mit Deutungshoheit.

„So war’s gar nicht“, heißt es immer wieder, und „So könnte es gewesen sein“. Das alles kommt nicht tonnenschwer daher, sondern leichtfüßig, sogar comic-haft. Bossard unterfüttert die Sehnsuchtsdramolette mit Situationskomik, den innerfamiliären Lügen und Verschwiegenheiten schiebt sie einen nuancierten Witz unter, dem man sich nicht entziehen kann. In völliger Abwesenheit von Männern, bis auf einen überdimensionalen Ballonkopf, und eine Schelmin, die dabei an heiße Luft denkt, übernehmen die Frauen auch diesen Part, Machos und Möchtegerns, One-Night-Stands und große Lieben, und es ist großartig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie Geschlechterklischees aufs Korn nehmen und Rollenvorgaben persiflieren.

Alexandra Sommerfeld gibt als Djana eine Mater Dolorosa, die andere bis aufs Blut zu reizen zur Kunst erhoben hat, Alice Peterhans‘ Gina, die ihr den Infusionsständer-Vater vorgaukeln muss, ist dem Treiben hilflos ausgeliefert. Dann wieder sind Peterhans und Veronika Glatzner als Zabina und Bine zwei veritable Teenager-Rötzlöffel, kampfbereit, Kippe rauchend, Bier kippend, die das Publikum nicht nur mit Blicken herausfordern, sondern bei ihren Betteltouren direkt attackieren.

All By Herself: Alexandra Sommerfeld singt sich die Seele aus dem Leib, hinten: Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Alexandra Sommerfeld singt – mit Mikrophon lauter als die anderen – „All By Myself“, Alice Peterhans macht mit „Gracias A La Vida“ auf Gitarrera, Veronika Glatzner zieht sich Vaters Trenchcoat an und verschwindet im Wintersturm. Die drei wetteifern um das böseste Lächeln, den sarkastischsten Blick, das Schaffen der giftigsten Atmosphäre, der schönsten Schadenfreude. Bossard führt das Trio darin mit höchster Präzision und der Sensibilität des Themas gerecht werdend.

Leise weht vorüber, dass sie aus einem Land geflüchtet sind, nachdem dort der Große Genosse gestorben war, mutmaßlich Ex-Jugoslawien, anklingt, dass Gina rund um die Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde, dass da nun Migrantinnen sind, die in Wien Heimat, auch Identität suchen. Eine Polit-Perspektive in einem Stück, das sich dem Plot konsequent verweigert. Der Rest bleibt im Nebel, der von der Seite hereinwabert. Weshalb dies das beste Rezept für den Genuss der „Sprengkörperballade“ ist: Reinziehen und wirken lassen.

kosmostheater.at

  1. 4. 2019