Rabenhof: Das Programm der Saison 2020/21

Juni 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Vitásek spielt „Der Herr Karl“

Keine Angst!: Katharina Straßer, Hanna Pichler, Erich Buchebner, Bernhard Egger und Geri Schuller. Bild: Ingo Pertramer

„Weida!!!“ hat Rabenhof-Chef Thomas Gratzer als Motto für die kommende Spielzeit ausgegeben, und die verspricht nicht weniger als Live-Porno, Dancing Star-Festspiele, gestrige und heutige Blockwarte, Outback-Erfahrungen, eine Babyelefanten-Schlachtung, ein Jukebox-Musical, Polit-Corona-Party-Satire und Literaturpreziosen. „Wir haben Ischgl überlebt und starten, trotz verschärfter Situation, mit gewohnter ironisch-schräger Vorstadtattitüde in die Gemeindebautheater-Saison 2020/2021“, so Gratzer launig, bevor er ernst wird:

„Die Covid-19-Krise und der damit einhergehende ,Shutdown‘ haben unser Haus besonders hart getroffen, da wir mit einem Eigendeckungsgrad von 65 % sehr stark einnahmenabhängig sind. Das heißt, dass die kommende Saison 20/21 und möglicherweise auch noch die erste Hälfte der Saison 21/22 sehr stark der wirtschaftlichen Stabilisierung gewidmet werden müssen, um unsere derzeitige #Corona-bedingte Schieflage wieder auszugleichen.“ Die Saisonauslastung betrug zum Zeitpunkt der Schließung 91,43 % bei bis

dahin 52.000 Besucherinnen und Besuchern in 195 Vorstellungen. Und auch während des Lockdowns war der Rabenhof mit Albert Camus‘ „Die Pest“-Lesemarathon und der TV-Show „Abgesagt? Angesagt!“ äußerst aktiv. Ersteres Projekt konnte in einer Woche 150.000 Zuseherinnen und Zuseher erreichen, auf zweiteres gab es pro Sendung 70.000 bis 80.000 Zugriffe. Gratzer: „Nach der letzten Sendung am 4. Juli  werden wir in 15 Shows knapp 100 Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten und solide Gagen geboten haben.“ Kein schlechtes Ergebnis in einer Zeit, wo „Live“-Kunst eigentlich gar nicht möglich war.

Ab dem Herbst bleibt das Rabenhof Theater selbstverständlich dem Zeitgenössischen verbunden und natürlich hat das polit-satirische Element auch weiterhin eine zentrale Stellung im Spielplan des Hauses. Mit den „Big Playern“ der Satire-Szene wie den Staatskünstlern, Maschek sowie den äußerst erfolgreichen „Newcomern“ Michael Nikhbash und Klaus Oppitz will man dem Publikum die dringend nötigen politisch-ironischen Post-Corona-Betrachtungen liefern. Mit „Der Herr Karl“ begibt sich Kabarett-Legende Andreas Vitásek in die ultimative Horror-Show der österreichischen Grauslichkeiten. Noch immer so aktuell wie bei der Uraufführung.

Schauspieler, Musiker, Theaterintendant – und im Herbst auch Dancing Star – Christian Dolezal hat gleich zweimal Premiere. Ebenso wie Rabenhof-Urgestein Christoph Grissemann, der auch als Barock-Wüstling in der „Samuel Pepys Show“ zu sehen sein wird. Mit dabei: Komponist und Musiker Manfred Engelmayr. Eine Austropop-Hommage gibt’s am 10. November von Publikumsliebling Katharina Straßer unter dem Titel „Keine Angst“, außerdem die Welturaufführung eines noch unveröffentlichten pornografischen Textes von Felix Salten mit dem Titel „Albertine“ am 7. April. Im Literatursalon wird Kultautor und Sänger Sven Regener Kafkas „Das Schloß“ lesen, Rocko Schamoni kommt endlich auch wieder einmal, Thomas Raab holt seine Buchpräsentation nach und des Rabenhofs Lieblingsbobo Manuel Rubey präsentiert sein Erstlingswerk.

Andreas Vitásek spielt Helmut Quatingers/Carl Merz‘ „Der Herr Karl“. Bild: Jan Frankl / Rabenhof

Rabenhof-Mastermind Thomas Gratzer geht mit seinen Produktionen ins „Outback“. Bild: Rabenhof / Ingo Pertramer

Und dann gibt’s noch Rabenhof@VIENNA OUTBACK. „Wir bespielen erstmals mit ausgewählten Shows die Häuser der Begegnung in Floridsdorf, Kagran und Liesing“, so Gratzer. „Unter dem Titel Rabenhof@VIENNA OUTBACK gibt’s eine neue Reihe, in der ausgewählte Produktionen und Shows jenseits von Gürtel und Donaukanal präsentiert werden sollen. Denn da beginnen nach Meinung vieler Wienererinnen und Wiener die ,Outbacks‘. Wir rücken diese Bezirke ins Zentrum der Rabenhof Theater-Welt und treten den Gegenbeweis an – in Floridsdorf, Kagran und Liesing spielt die Musi!“ Den Start machen Stermann & Grissemann, Ernst Molden, Katharina Straßer und Maschek.

Die erste Premiere im Dritten bestreiten am 7. Oktober die Staatskünstler mit „Jetzt erst recht! reloaded: Koste es, was es wolle“. Österreichs Nr. 1 an der Satirefront Florian Scheuba, Thomas Maurer und Robert Palfrader mit einem brandaktuellen Update ihrer Erfolgsshow zur Lage der Babyelefanten-Nation. Ab dem 10. Oktober erzählen in „Buh!“ Christoph Grissemann und Christian Dolezal über ihre größten TV- und Theaterniederlagen – ganz nach dem Motto „Jammern auf niedrigstem Niveau“. Dolezal #2 gibt’s am 19. Jänner mit „Herzschlampereien“. „Der Dole“ präsentiert einen sehr persönlichen Soloabend über Liebe und Triebe, erzählt vom Streben, endlich Liebe leben zu können, und dem Scheitern am Weg dahin – aufgrund lächerlichster Unzulänglichkeiten. Und all diese Peinlichkeiten und skurrilen Amourschaften mit der Pferdeliebhaberin, dem Transvestiten und dem Landwirten und der lieben Frau Knechtl haben sich wirklich genau so zugetragen. Dolezal schwört das.

Am 20. Oktober schlüpft Andreas Vitásek in den charakterlosen Qualtinger/Merz-Charakter „Der Herr Karl“. Ob die Wiederauferstehung des Blockwarts im Tarnanzug von Hipster-Bobo-Helikopter-Eltern, Impfgegnerinnen, Kleinwalsertal-Fanboys und -girls, Staatsverweigerern oder Ibizza-Verharmloserinnen – die Liste der österreichischen Grauslichkeiten ist lang und wird immer länger. Gratzer: „Wer wäre passender, um mit seinen Wiener Wurstfingern in den Wunden zu bohren, als ,Der Herr Karl‘ und wer, wenn nicht Andreas Vitásek, sollte den ewigen Denunzianten aus der Quarantäne auf die Vorstadtbühne holen? Auch wenn der Schilling dem Euro weichen musste und Facebook längst den Bassenatratsch ersetzt hat, so fehlt es auch heute nicht an Wendehälsen und Vernaderern – ob im Onlineforum oder bei Pressekonferenzen – Wien bleibt Wien!“

Ergänzt Andreas Vitásek: „So sind wir nicht. Oder doch? Der Herr Karl ist eine bewährte Navigationshilfe bei der Suche nach der österreichischen Seele. Die Zeiten mögen sich ändern, doch manches bleibt. Oder, wie Bertolt Brecht sagte: ‚Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.‘ “

www.rabenhoftheater.com

28. 6. 2020

Landestheater NÖ: Das Programm der Spielzeit 2020/21

Juni 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

200 Jahre Welt-Bürger*innen-Theater

Olivia Khalil, Marie Rötzer, Julia Engelmayer und Ruth Brauer Kvam. Bild: Alexi Pelekanos

Vor 200 Jahren haben die Bürgerinnen und Bürger St. Pöltens ihr Theater gegründet. Deshalb feiert das Landestheater Niederösterreich in der Saison 2020/21 „200 Jahre Welt-Bürger*innen-Theater“ – wegen der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus erst ab der zweiten Hälfte der Spielzeit, dafür dann ein ganzes Jahr lang! Im Spielzeitheft finden sich bereits Teaser der geplanten Formate und Angebote wie: 200 Jahre Gala, Theaterfest, Der spendierte

Platz, 20 x 20 Gemeinden, Wegmarkierungen in der Stadt, Hausverhüllung, Konzert auf dem Rathausplatz, Weltbürger*Innen-Pass, Der 200. Platz Online, Landestheater Jubiläums-Café Edition, Landestheater-Sessel, 200 Jahre Jubiläums-Abo …

Eröffnet wird die fünfte Spielzeit von Marie Rötzer am Landestheater Niederösterreich am 18. September im Großen Haus mit der Premiere von „Molières Schule der Frauen“. Mit temporeichen Dialogen, Witz und Ironie werden hier Geschlechterklischees auf den Kopf gestellt. 1662 löste die Uraufführung von „Die Schule der Frauen“ einen handfesten Theaterskandal aus. Kritik am Ehestand und die Emanzipation der Frauen waren damals ein Tabu. Fast 400 Jahre nach der skandalträchtigen Pariser Uraufführung geht die Schauspielerin und Regisseurin Ruth Brauer-Kvam dem Gehalt des Stückes mit den Mitteln der Commedia dell’arte sowie mit viel Live-Musik und heutigen Erkenntnissen auf den Grund: Ist es ein Frauen- oder doch eher ein Männerstück? Und wer geht hier bei wem in die Schule? Als musikalische Unterstützung des Ensembles ist Ingrid Oberkanins zu sehen. Der Komödienklassiker steht auch als Silvesterstück am 31. Dezember mit zwei Vorstellungen auf dem Spielplan.

Am 26. September steht im Großen Haus die Premiere der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach Thomas Mann auf dem Spielplan, die eigentlich bereits vergangenen März hätte vonstatten gehen sollen, aufgrund der Corona-Krise aber verschoben werden musste. „Es ist ein allgemeines, menschliches Bedürfnis, sich täuschen zu lassen“, schreibt Felix Krull in seinen „Memoiren“. Diese Erkenntnis, dass fast überall nur der Schein gilt, nicht das Wesen, macht sich Thomas Manns charmantester Held geschickt zunutze. Der Schelmenroman gilt bis heute als das erfolgreichste Werk des Nobelpreisträgers und wurde vielfach verfilmt. Regisseur Felix Hafner nimmt die Geschichte des smarten Kriminellen und hinreißenden Phantasten zum Anlass, um die Frage „Will die Welt betrogen werden?“ neu zu stellen.

„Christoph Kolumbus“ von Miroslav Krleža, dem „kroatischen Grillparzer“, ist das Stück der Stunde. Mitte März musste das Haus die Proben kurz vor der Premiere abbrechen. Nun erfährt das Stück, das von der Suche nach neuen Utopien und Idealen handelt, ungeahnte Aktualität. In starken, expressionistischen Bildern erzählt Krleža von Christoph Kolumbus’ abenteuerlicher Seefahrt und zieht Parallelen zwischen der Epoche der Renaissance und der revolutionären Aufbruchsstimmung Kroatiens vor dem Ersten Weltkrieg. Rene Medvešek wird das Kolumbus-Projekt als beeindruckendes Oratorium und großes, formstarkes Musik-Theater in einer Koproduktion mit den Vereinigten Bühnen Bozen mit einem mehrsprachigen Ensemble auf die Bühne des Landestheaters bringen. Die Premiere und gleichzeitig deutschsprachige Erstaufführung findet am Samstag, dem 3. Oktober im Großen Haus statt.

Bei Schiller ist die große Liebe von einem Tag auf den anderen keine Angelegenheit der Herzen mehr, sondern ein spannungsgeladenes Politikum. Mit 23 Jahren verfasste er mit „Kabale und Liebe“ ein bürgerliches Trauerspiel als jugendliche Kampfansage gegen die Vätergeneration und die herrschende Ständegesellschaft. Wie in allen Epochen, die von großen Veränderungen geprägt sind, schreibt auch heute wieder die junge Generation kompromisslos ihre Forderung nach einer besseren Welt auf ihre Fahnen. Der renommierte Regisseur Stephan Rottkamp, der zuletzt am Schauspielhaus Graz und am Nationaltheater Weimar gearbeitet hat, wird den großen Klassiker als seine erste Inszenierung am Landestheater Niederösterreich zeigen. Premiere ist am Freitag, dem 27. November im Großen Haus.

Nach dem Jahreswechsel, am 22. Jänner, feiert eine weitere Dramatisierung eines Stoffes von Thomas Mann Premiere am Landestheater, „Der Zauberberg“. Im Rahmen einer Koproduktion mit dem Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg bringt man dieses „Menschheitsbuch“, wie Thomas Mann sein 1924 erschienenes Opus magnum nannte, auf die Bühne. Hoch oben in den Schweizer Alpen liegt das Sanatorium Berghof. Während Europa im frühen 20. Jahrhundert von Innovationen und Reformen, Krisen und Kriegen in Atem gehalten wird, vergeht hier in der elitären Lungenheilanstalt „die Zeit ganz anders“. Die Regisseurin Sara Ostertag, die für ihre poetisch-musikalischen Inszenierungen vielfach ausgezeichnet wurde, überprüft den intellektuellen Abenteuerroman als Parabel auf die heutige Wohlstandsgesellschaft. Für die Musik wird die bekannte österreichische Komponistin und Musikerin Clara Luzia verantwortliche zeichnen, die zudem Gast im Ensemble dieser internationalen Koproduktion ist.

Seit 2012 vergibt das Land Niederösterreich in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Niederösterreich biennal das Peter-Turrini-DramatikerInnenstipendium, ein Arbeitsstipendium zur Förderung der zeitgenössischen Dramatik. Die Siegerin des letztjährigen Bewerbes war Teresa Dopler mit ihrem Entwurf „Monte Rosa“. Im Mai wurde das Stück fertiggestellt und hätte bereits zur Uraufführung kommen sollen, was aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus nicht möglich war. Am 12. März ist es nun endlich soweit. Der Regisseur Daniel Hoevels zeichnet für die Uraufführung des Stückes verantwortlich, das keine geringere Frage stellt, als die nach dem Wert des Lebens selbst. In kristallklarer Sprache und mitunter sehr humorvollen Dialogen entwickelt Teresa Dopler ein erschreckend realistisches Zukunftsszenario. In dieser Geschichte zwischen romantischer Schönheit und globaler Zerstörung drohen heutige Grundwerte wie lockere Gesteinsmassen abzurutschen.

Willkommen in einer Welt, die ihr Glück mehr vom Schein als vom Sein abhängig macht. Voller hinreißender Komik, witzesprühender Dialoge und messerscharfer Kritik an den Verhältnissen seiner Zeit ist „Der Talisman“ eines der großen Meisterwerke von Johann Nepomuk Nestroy. Aus jeder Silbe schlägt ein Geistesblitz. Nestroy sei „der erste deutsche Satiriker“, dessen Sprache sich „Gedanken macht über die Dinge“, so beschrieb Karl Kraus die herausragende Sprachkunst Nestroys. Das Regieduo und Theaterleiter-Paar Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, die auf der Wiener Bühne Bronski & Grünberg Furore machen, bringt „Der Talisman“ mit viel Musik und eigenen Couplets so auf die Bühne, dass sich Intellekt und Sinnlichkeit leichtfüßig begegnen. Als Gäste im Ensemble dieser legendären Komödie stehen Florian Carove, Christian Dolezal, Doris Hindinger, und Stefan Lasko auf der Bühne. Premiere: Samstag, 20. März, Großes Haus.

Am 14. Mai geht in der Theaterwerkstatt die Premiere von „Die Reise – ein grenzüberschreitendes Theaterprojekt“ nach Franz Kafka, W.G. Sebald u. a. über die Bühne, in einer internationalen Koproduktion mit der Performanceplattform Terén, Zentrum für experimentelles Theater Brünn. Gemeinsam mit dem künstlerischen Team rund um die junge tschechische Regisseurin Anna Klimešová begibt sich das Publikum auf eine Reise in die Geschichte von Österreich und Tschechien, die trennt und verbindet gleichermaßen. Inspiriert von Kafkas „Reisetagebüchern“, in denen sich der Schriftsteller als genauer Beobachter sowie als humorvoller und empathischer Zeitgenosse erweist, unternehmen Schauspieler aus dem Ensemble des Landestheaters gemeinsam mit Schauspielern aus Tschechien eine Spurensuche nach der kollektiven Seele der beiden Länder.

„Othello“, William Shakespeares meistgespielte Tragödie um Neid, Hass, Lügen und Intrigen, ist Rache- und Eifersuchtsdrama zugleich. Es geht um rassistische Stereotype und gesellschaftliche Vorurteile und um die Zerbrechlichkeit einer Liebe. Der Londoner Regisseur Rikki Henry sorgte in der vergangenen Spielzeit bereits mit seiner gefeierten Inszenierung des „Hamlet“ für Aufsehen. Mit „Othello“ setzt er seine Auseinandersetzung mit dem Shakespeare’schen Werk und einer zeitgenössischen und atmosphärischen Inszenierungsästhetik fort. Die Premiere findet am 7. Mai im Großen Haus statt.

In Gastspielen aus dem Schauspielhaus Zürich, dem Schauspiel Köln, dem Berliner Ensemble oder Les Théâtres de la Ville de Luxembourg sind in Arbeiten von Thierry Mousset, Oliver Reese, Rafael Sanchez oder Nicolas Stemann unter anderen Peter Lohmeyer, Andreas Lust, Nikolaus Habjan, Sebastian Rudolph, Daniel Lommatzsch und Meike Doste zu sehen. Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan sowie Ursula Strauss sind auch mit Leseabenden zu Gast.

www.landestheater.net

23. 6. 2020

Schauspielhaus Wien präsentiert Saison 2020/21

Juni 20, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Langzeitprojekt namens „Lost in Space and Time“

Tomas Schweigen und Lucie Ortmann stellen das Programm 2020/21 vor. Bild: Film-Still aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Das Schauspielhaus Wien hat das Programm für die Spielzeit 2020/21 bekanntgegeben. Dies geschah diesmal nicht auf konventionelle Weise, sondern im Rahmen eines digitalen Pre-Release auf www.schauspielhaus.at. Neben ersten Beiträgen des hypermedialen Langzeit-Projekts „Lost in Space and Time“, gleichzeitig der „Albumtitel“ der kommenden Spielzeit, findet sich dort ein vierminütiges Video, in dem

Intendant Tomas Schweigen und die neue Leitende Dramaturgin Lucie Ortmann gemeinsam mit dem Ensemble und den Regisseurinnen und Regisseuren ihre Pläne vorstellen. In der aktuellen Saison kam es #Corona-bedingt nicht mehr zu den beiden letzten geplanten Premieren, beide Produktionen konnten jedoch verschoben werden: Somit startet das Schauspielhaus Wien am 30. September mit der Uraufführung des Auftragswerks „Rand“ von Miroslava Svolikova in die neue Saison.

Nebenfiguren dieses Textes – eine Gruppe von Astronautinnen und Astronauten auf einer verlorenen Raumstation – bilden den Ausgangspunkt des während des Lockdowns entwickelten Spin-Offs „Lost in Space and Time“, das sich in Form von diversen Beiträgen – Hörspielen, Aktionen, Performances, Video-Clips in öffentlichen Verkehrsmitteln … – über die gesamte Spielzeit spannen wird. Die zweite Premiere ist am 30. Oktober mit dem ebenfalls verschobenen „Tragödienbastard“ von Ewelina Benbenek in der Regie von Florian Fischer.

Hysteria-Mitglied Lydia Haider ist „Am Ball“. „Niemand schreibt so böse wie sie“, urteilte unlängst die ARD. In „Am Ball“ nimmt Lydia Haider das Publikum mit auf einen gewaltvollen, orgiastischen Trip durch die Wiener Hofburg. Die Geschichte verbindet die genaue Beschreibung eines Akademikerball-Besuchs mit Splatter-Fantasien. Dokumentation und Horror – hier wird beides real. Die Berliner Regisseurin und Videokünstlerin Evy Schubert inszeniert die Uraufführung im Nachbarhaus/USUS. Premiere ist am 3. Dezember.

Gratzer-Preisträgerin 2020: Anna Neata. Das Hans-Gratzer-Stipendium hat sich insbesondere in den letzten Jahren zu einem Sprungbrett für junge Talente entwickelt. Heuer konnte die Salzburgerin Anna Neata den Preis für sich entscheiden. Die formal bestechende und inhaltlich dringliche Auseinandersetzung mit weiblichen Körpern sowie der Zuschreibung von Mutterschaft überzeugte die Jury. „Oxytocin Baby“ in der Regie von Rieke Süßkow ist ab dem 28. Jänner zu sehen.

Bild: Screenshot aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Bild: Screenshot aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Bild: Screenshot aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Bild: Screenshot „OK Baikonur, we’ve had a problem here“

Kollektive Autor*Innenschaft: Teams übernehmen Anfang 2021 das Schauspielhaus. Die britische Theatergruppe Kandinsky aus London, bestehend aus dem Autor und Regisseur James Yeatman und der Dramaturgin Lauren Mooney, kommt Anfang 2021 nach Wien. Die Texte für ihre Stücke entwickeln sie nach intensiver Recherche gemeinsam mit dem Ensemble und Team. In ihrem neuen Projekt, mit Premiere Ende Februar, widmen sie sich dem in Spielfilmen prophezeiten und von Preppern erwarteten Ende der Welt.

Ihre gemeinsam entwickelten Inszenierungen wurden zu zahlreichen Festivals eingeladen: Am Schauspielhaus Wien beschäftigen sich der Regisseur, Autor und Performer Jan Philipp Stange und der Bildende Künstler, Bühnenbildner und Musiker Jakob Engel in „Odyssee 2021“ mit dem Zuhausebleiben. Die Abenteuerfahrt des Odysseus bildet die Folie für ihre Auseinandersetzung mit Entfremdung in dieser schnelllebigen, unverbindlichen Zeit. Wie sind die Träume vom Ankommen – und wie unterlaufen sie, dass man sich dort zu Hause fühlt, wo man gerade ist? Premiere: Ende März.

Enis Maci kommt zurück. Enis Maci feierte ihre ersten Erfolge als Dramatikerin am Schauspielhaus Wien und gehört mittlerweile zu den gefragtesten Autorinnen ihrer Generation. Mit „Bataillon“ hat sie einen starken, herausfordernden und kämpferischen Text geschrieben. Es ist nach „Mitwisser“ und dem Nestroypreis-nominierten „Autos“ bereits das dritte Stück der Autorin, das am Schauspielhaus zur Aufführung gebracht wird – dieses Mal in der Regie von Tomas Schweigen.

Finale per Skype mit der Großmutter. Den Spielzeit-Abschluss krönt ein außergewöhnliches und sehr unterhaltsames Projekt, das der junge Autor, Performer und Regisseur Arthur Romanowski zusammen mit seiner Großmutter Brygida Najdowska entwickelt: „Rote Beete Reden. Geschichten von Nie-Familien / Burcaczane Rozmowy. Opowiescie o Nie-Rodzinach“. Ein Live-Kochshow-Talkformat über das österreichisch-deutsche, das deutsch-polnische und das deutsch-polnisch-österreichische Verhältnis. Es treten auf: Kunstfiguren, spekulative Denkerinnen und Denker, Skype-Monitore, Fabelwesen und Wendepunkte! Zu sehen ab Mai im Nachbarhaus/USUS.

www.schauspielhaus.at

20. 6. 2020

TheaterArche LIVE: Hikikomori

Mai 31, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Echo ihrer Stimme in der Stille

Die Einsamkeit der Langstreckenhandwäscherin: Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Das Versal-LIVE muss sein. Schließlich steht dieser Tage oft genug neben einer Rezension auch der Vermerk „online“. Doch in der Wiener TheaterArche legt man gleich zum erstmöglichen Post-Lockdown-Termin wieder los – wurde aus dem Premieren- termin 19. März eben ein 29. Mai, was soll’s? Jakub Kavin, Leiter des von der öffentlichen Hand wahrlich nicht verwöhnten Hauses, ist keiner der wehklagt und mäkelt, sondern einer, der macht.

Ist keiner, der seine Politproteste in den Äther entlässt, sondern einer, der seine Gesellschaftsdiagnosen stattdessen auf die Bühne stellt. Das Glück ist mit den Tüchtigen, heißt es, und so können Kavin und das TheaterArche-Team mit der bereits vor einem Jahr recherchierten Produktion „Hikikomori“ eine hochaktuelle Aufführung zeigen. „Während der Endprobenphase haben sich die Ereignisse überschla­gen, durch die Covid-19-Pandemie sind es nun nicht mehr nur die Hikikomoris, die zu Hause bleiben“, so Kavin.

Denn was Schauspielerin, Sängerin, Co-Leiterin Manami Okazaki vorführt, ist eine Psychoblessur aus Japan – Hiki = sich zurückziehen, Komori = sich verstecken, Menschen, die sich in ihrer Wohnung, oft auch ihrem ehemaligen Kinderzimmer einschließen und den Kontakt nach draußen auf ein Minimum reduzieren. Dies meist aus Furcht vor dem Leistungsdruck und dem kollektiv vorgeschriebenen Funktionieren-Müssen, eine Flucht vor Bewerbung und Bewertung und einer Immer-Besser-Über/Forderung, die Bevorzugung von engem Raum vor vorgegebener Richtung.

Nachgerade coronesk-wahrsagerisch wirkt der von Sophie Reyer und Thyl Hanscho verfasste Text, ein sibyllischer Monolog, der die selbstgewählte soziale Isolation als alles andere als „splendid“ beschreibt – was Manami Okazaki in ihrer One-Woman-Show auf einer ganzen Klaviatur der Gefühle auch spielt, und neben Keyboard außerdem Saxophon, und der dank Jakub Kavins geistsprühender Regie zum situativen, in allen Farben schillernden Irrwitz wird. Wobei neben graubunter Melancholie die auffälligste natürlich Barbie-Pink ist:

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Die Puppenküche, in der Okazaki wie unter Zwang einem persönlich jetzt bestens bekannte Handwasch- und Desinfektionsrituale vollzieht. Zu Jubel und Applaus des aufs Schachbrettmuster verteilten Publikums schlüpft sie unter der Anime-Bettwäsche hervor, die von Kavin und Bernhardt Jammernegg gestaltete Spielfläche ausgelegt mit einem Vorschulalter-Verkehrsteppich, auf dem bald einsam ein Miniatur-DHL-Lieferwagen kreisen wird. Welch ein Bild. Und davon gibt es viele, allein wie Okazaki ihren Strampler mit den Comickätzchen zu einer Sängerknabenjacke kombiniert, als wär’s ein Sinnbild ihrer beiden nicht nur musikalischen Heimaten, als könnte sie sich Kindheit übers Erwachsensein drüberziehen.

Wie sie Erinnerungsfotos zum Memory auslegt, Freunde, Familie, Fuji-san, und „er“, wie schön er war, der längst nicht mehr die Messie-Eremitage betreten darf, und wenn Okazaki singt „… ohne mich wird Frühling sein“, dann ist das eigentlich kaum auszuhalten. „Es wachsen sich Gedanken zu Gängen aus“, sagt die Reyer-Hanscho-Figur an einer Stelle übers Rotieren um die eigenkreierte Achse Einsamkeit, die Okazaki ständig in „Bewegung“, mal in fließender, die zum Tanz wird, mal die gesprochene als Loop Richtung Zuschauertribüne gehämmert.

Und wie die Inszenierung entlang dieser zum Tischglobus geschrumpften Welt mäandert, sich in wiederkehrenden Wellen bricht und als Gischt aufschäumt, so ergeht’s dem Betrachter emotional – schwankend zwischen Erbarmen, Klaustrophobie-Momenten und einem ärgerlichen „Dann mach‘ halt die Tür auf!“ Zu den artifiziellen Effekten gehören neben den Kavin-Visuals auch die Gemälde von Hiromitsu Kato, den Manami Okazaki so gern in Wien vorstellen wollte, doch der im April 2019 verstarb, poetische Bilder, die die grausigen von Atompilz bis Massenansammlungen übermalen. Hikikomori, wird deutlich, während sie dem Echo ihrer Stimme in der Stille lauscht, ist eine Krankheit der Überfülle.

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Die Frage dazu: Wie nah ist zu nah? Die Verzweiflung jedenfalls zum Greifen, wenn die zartgestaltete Darstellerin in der Rolle darüber schimpft, dass „die kleine Frau“ im Menschengedränge übersehen, angerempelt, überrollt wird, nein, empört sich Okazaki in ihrem Drinnen ist kein Platz für euch, für uns, die anderen, und wie zeitsymbolisch ist das denn bitte. Sie switcht von durchgeknallt Lachen zu hysterisch Weinen, wirft den Becher Instant-Nudelsuppe nach dem Publikum – „Angst ist anstrengend“, sagt sie, aber sie macht befeuert durch Negativenergie offenkundig auch aggressiv.

Nie war das Physical D. so dicht am Unwort-des-Jahres-Nominee Social Distancing. Befremdlich. Ist nun gar nicht mehr sehr, was man sieht. Surfen, zappen, Selbstgespräche, Sterben – schlafen – Schlafen! Vielleicht auch träumen! (© Shakespeare’s Hamlet), Alles ist jeden Tag tagtäglich eine Wiederholung von Wiederholungen (© Thomas Bernhard), Laufen ohne vom Fleck zu kommen, Nachtalben auf dem Projektionsvorhang zum Panic Room, „während sich die Sonne am Fenster kaputtdrückt“.

Bis eine Etüden-Qual zur wilden, heißt: freien „Für Elise“-Improvisation wird. Ein Twist? Ist derzeit doch das Gebrechen als Allheilmittel, ja gleichsam Lebensretter eingesetzt? „Leben tut weh“, sagt die Hikikomori, als sie für das ihre die Dauerquarantäne wählt. Ob ihr das sogenannte Draußen noch was sagt? Der abschließende Herzschlag jedenfalls ist asynchron, und der Loop verkündet: ICH ICH ICH … Stark, authentisch und eindrücklich bedrückend! Vorstellungen jeweils Donnerstag, Freitag und Samstag bis 4. Juli.

www.theaterarche.at            Trailer: www.youtube.com/watch?v=NYEOdyzXJfw           www.youtube.com/watch?v=hXRz-mtt6UM             www.manami-okazaki.com             hirokato.info

30. 5. 2020

Burgtheater: Martin Kušej präsentiert die Saison 2020/21

Mai 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wünsch‘ mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht“

Martin Kušej geht zuversichtlich in den Herbst. Bild: Susanne Hassler-Smith

Aus einem „Haus ohne Mann und Maus“ meldete sich Burgtheater-Direktor Martin Kušej via ORF III, um seine Pläne für die Spielzeit 2020/21 vorzustellen. Ihn selbst, erklärt Kušej im Gespräch mit „Kultur Heute Spezial“-Moderator Peter Fässlacher habe der #Corona-Lockdown mitten in den Vorbereitungen zur „Maria Stuart“ erwischt, die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen wird um ein Jahr verschoben und

soll nun im Sommer 2021 stattfinden, und befragt nach seinem Befinden sagt der „Chef“ (dies Kušej bevorzugte Betitelung): „Ich bin eigentlich ein relaxter und starker Typ, aber das hat mich in ein inneres Chaos gestürzt“ – vor allem wegen der Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Sorgen und oft nicht zu beantwortende Fragen. „Ich sehe #Corona aber auch als Chance noch selbstbewusster und klarer aufzutreten“, so Kušej weiter, der mit (Zweck-)Optimismus in die nächste Saison startet, denn: „Bei aller Demut – die letzten Monate haben gezeigt, dass es ohne Theater nicht geht.“ 31 Premieren sind geplant, über die sich der Motto-Bogen „der Mensch als politische Manövriermasse in einem System, in dem es um Macht und deren Gewinn geht“ spannt. Der „Körper“ steht im Mittelpunkt, der menschliche wie der gesellschafts-/politische.

Kušej: „In der momentanen Zeit und Situation wird noch sichtbarer und deutlicher, dass die ,Körper‘ Gegenstände politischer Regulierungen sind. Dieses Themenfeld ist angesichts der gegenwärtigen Krise ein zentraler Punkt der kommenden Spielzeit: die Politik der Körper. Wo finden wir verwaltete Körper und wo ihre unverwaltbaren, widerständigen Impulse? Wer besitzt Verfügungsmacht über die Körper?“ Jene acht Projekte, die diese Spielzeit nicht mehr zur Premiere kommen konnten, sollen nachgeholt, und beispielweise das „Peer Gynt“-Konzept vom isländischen Duo Arnarsson/Torfason auf die aktuelle Situation umgeschrieben werden, konkrete Termine wollen aber erst noch gefunden sein. Was Kušej verspricht, ist ein „Weg von krassen Experimenten und performativen Formaten, damit das Publikum gut und gerne an den Aufführungen andocken kann.“

Die kommende Saison wird am 11. September am Burgtheater mit Calderóns „Das Leben ist ein Traum“ in einer Inszenierung von Marin Kušej eröffnet. „Ob das eine Physical-Distancing-Fassung wird, keine Ahnung! Befreundete Regisseure, die in Deutschland bereits proben, sind verzweifelt und sagen mir, das geht gar nicht. Ich bin ein Perfektionist, damit muss ich also klar kommen“, so Kušej, und zum Stück:  „Es geht für mich darum, welchen Begriff von Freiheit wir als Menschen haben, wie wir uns über unsere Freiheit definieren. Dabei wird eine tiefgreifende Ungewissheit im Verhältnis zur Welt thematisiert. In diesem Gefühl der tiefen Verunsicherung sehe ich eine Parallele zu unserer Gegenwart. Es lässt sich daraus durchaus die Frage entwickeln, wie wir uns wieder aktiv in die Gestaltung unserer Welt einmischen, nachdem wir eingesperrt waren und in einem unwirklichen, traumhaften Zustand gelebt haben.“

Thomas Köck zeichnet in seinem neuen Stück „antigone. ein requiem“ das Bild der angeschwemmten Körper am Strand. Der Köck-Text wird die Eröffnungspremiere am 12. September am Akademietheater, Regie führt Lars-Ole Walburg. In Lucy Kirkwoods „Das Himmelszelt“ müssen die zwölf Geschworenen, alles Frauen, über den Körper einer jungen Mörderin befinden müssen – Regie: Tina Lanik. „Richard II.“, inszeniert von Johan Simons im November,  lässt sich als Abgesang von Menschen über Menschen und von Körpern über Körper begreifen: Im Moment des Machtverlusts verliert der junge König Richard II. mit der Souveränität auch das Gefühl für die eigene Unverletzlichkeit.

Michael Maertens. Bild: © Katarina Šoškić

Maria Happel. Bild: © Katarina Šoškić

Jan Bülow. Bild: © Katarina Šoškić

Sarah Viktoria Frick. Bild: © Katarina Šoškić

Zu sehen im März sind „Die Troerinnen“, die „gegen die männliche Verfügungsgewalt über ihre Körper kämpfen“; mit dieser Inszenierung stellt sich Regisseurin Adena Jacobs erstmals im deutschsprachigen Raum vor. „Im Reich des Todes. Politische Theorie“ schildert Rainald Goetz die planmäßige Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte bei der ersten großen Krise unseres Jahrtausends 2001, insbesondere die Abschaffung des Folterverbots und damit des Rechts am eigenen Körper. Regie bei dieser Mai-Erstaufführung führt Robert Borgmann. Simon Stone zeigt im April eine eigene Bearbeitung von Gorkis „Kinder der Sonne“, in dem die von den Herrschenden in Ungewissheit gehaltene Bevölkerung die Schuld an der Epidemie in der Geldgeilheit der Ärzte sucht. Und schließlich setzt in Handkes neuem, von Frank Castorf auf die Bühne gehobenen Stück „Zdeněk Adamec“ der Protagonist seinen Körper auf dem Prager Wenzelsplatz als Fackel und Fanal gegen die Welt ein.

Insgesamt wurden Regisseurinnen und Regisseure aus 14 Ländern eingeladen, die Saison 2020/21 mit ihren Inszenierungen zu gestalten. Wieder am Burgtheater führen Regie: Mateja Koležnik mit Strindbergs „Fräulein Julie“, in dieser Saison „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623), Ensemblemitglied Itay Tiran mit Taboris „Mein Kampf“, jetzt „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), Barbara Frey mit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“, in dem Maria Happel eine Hauptrolle übernehmen wird, und Dead Centre, deren „Die Traumdeutung nach Sigmund Freud“ zwiespältig aufgenomen wurde, mit der Uraufführung von „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ nach Ludwig Wittgenstein.

„Troerin“ Adena Jacobs, David Kramer mit Maurice Maeterlincks „Pelléas und Mélisande“, Antonio Latella mit Oscar Wildes „Bunbury“), Lucia Bihler mit Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ und Kommando Himmelfahrt, dies ein 2008 vom Hamburger Komponisten Jan Dvorak und Berliner Regisseur Thomas Fiedler gegründetes interdisziplinäres Theaterkollektiv, das sich künstlerisch mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Utopien beschäftigt, mit einer Uraufführung der „Zauberflöte“, auf die man gespannt sein darf, arbeiten erstmals am Burgtheater. Mit insgesamt sechs Uraufführungen und zehn Deutschsprachigen oder Österreichischen Erstaufführungen ist zeitgenössische Theater-Literatur eine tragende Säule im Spielplan, etwa mit Felicia Zellers „Der Fiskus“ in der Regie von Anita Vulesica, „Ode“ von Thomas Melle in der Regie von András Dömötör und Isobel McArthurs „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ in Koproduktion mit dem seit einigen Tagen von Maria Happel geleiteten Max Reinhardt Seminar in der Regie von Lily Sykes (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15477).

Auch das Burgtheaterstudio befragt die Rolle des Körpers: In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, in Szene gesetzt von Rüdiger Pape, stehen sich der nackte Mensch, der „body natural“, und die Verkörperung der Macht, der „body politic“, als Gegenspieler klar gegenüber. Fortgesetzt wird „Europa im Diskurs“, der Kollektivsalon mit dem Autorenkollektiv Hydra, früher Nazis & Goldmund, sowie Culinare L’Evrope mit literarischen und kulinarischen Beiträgen zusammen mit Lojze Wieser. Bevor nun in der tvthek.orf.at nachzusehen ist, was Maria Happel und Michael Maertens übers Zwischenkriegs-Sittengemälde „Automatenbüffet“, Sarah Viktoria Frick übers Fluch-Brechen und System-Hinterfragen in „antigone. ein requiem“ und Jan Bülow über den „Modernisten“ Richard II. sagen, befragt Peter Fässlacher den Burgtheater-Direktor noch zu seinen Herzensangelegenheiten für den Herbst. Darauf Kušej schlicht: „Wünschen Sie mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

www.burgtheater.at         Video: www.facebook.com/Burgtheater/videos/327845468182944           tv.orf.at/orfdrei

25. 5. 2020