Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

September 23, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein poetischer Politroman über das moderne Indien

Genau 20 Jahre nach ihrem Weltbestseller „Der Gott der kleinen Dinge“, der Geschichte einer Familie, die an einer verbotenen Liebe zerbricht, legt Arundhati Roy ihr neues Buch vor, „Das Ministerium des äußersten Glücks“, auch dieses bereits auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017, und beide Romane Wunderwerke an manchmal brutaler, aber immer bezwingender Poesie, ja, an schriftstellerischer Eleganz.

Es ist der Ton, der einen an dieses Buch bindet, mit Textstellen, wie dieser: „Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben … die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel ,Fuck you‘ zu.“

In den zwei Jahrzehnten zwischen den Büchern ist viel passiert. Roy wurde zu einer der wichtigsten kritischen Stimmen Indiens, die Autorin wurde zur Politaktivistin, angefeindet von den fundamentalen Hindus vor allem wegen ihrer Stellungnahmen zum Kaschmir-Konflikt. Sie fuhr in den Norden, um über das dortige Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerrilleros. Sie zeigte die von staatlichen indischen Stellen tolerierten Pogrome gegen Muslime auf. „Aus der Werkstatt der Demokratie“ heißen Roys Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die auch auf Deutsch erschienen sind.

Und gerade, weil diese Essays immer für ihre poetische Sprache gelobt wurden, ist nun nur logisch zu sagen: „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein politischer Roman. Jedenfalls ein vielstimmiges Werk, ein 560 Seiten langer Abriss der Geschichte des modernen Indiens, ein Gesellschaftspanorama, kein leichter, sondern ein provokanter Lesestoff – eine Schelte auch des Westens, der sich von bunten Bildern blenden lässt, und nicht sehen will, dass die vielbeschworene „größte Demokratie der Welt“ auch ein Folterstaat ist. Ein Land zwischen Kastensystem und Armut, dessen fehlende Frauenrechte immer nur dann ins westliche Auge poppen, wenn wieder einmal Frauen vergewaltigt, verbrannt oder mit Säure übergossen wurden. Auch der große Gandhi kommt bei Roy nicht ungeschoren davon. Schließlich hat er das Kastenwesen als göttergegeben immer befürwortet.

Bild: pixabay.com

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Im „Ministerium des äußersten Glücks“ sind natürlich Kaschmir und der gegen die Muslime geführte Religionskrieg die Hauptthemen. Im SRF-Literaturclub hieß es über den Roman und seine Verfasserin sinngemäß, Roy hätte mit ihrer Globalisierungskritik, ihrer Konsumismuskritik („Jetzt muss man nicht mehr ins Ausland, um einzukaufen. Jetzt gibt es auch hier importierte Dinge. Weißt du, Bombay ist unser New York, Delhi ist unser Washington und Kashmir ist unsere Schweiz.“

Die anderen, die es sich nicht leisten konnten, in der Großstadt zu leben, sollten nicht mehr herkommen, waren aber zu viele, um sie in aller Öffentlichkeit zu töten. Also walzte man ihr notdürftigen Hütten platt mit, „gelben Bulldozern aus Australien“ …), mit ihrem Anprangern des Negativen, das der britische Kolonialismus dem Subkontinent brachte, nach dem europäischen und dem US-Büchermarkt geschielt. Kaum zu glauben. Vielmehr ist es für Leser hierzulande nicht von Nachteil sich in die Geschichte Indiens einzulesen, um Roys Andeutungen, Anekdoten und Aphorismen zu verstehen.

Beispiele: Die RSS ist eine radikal-indische, hierarchisch organisierte Kaderorganisation, laut BBC das größte Freiwilligenkorps der Welt. Die „Safransittiche“ meinen die Banden von Hindu-Nationalisten, die sich gern in die Farbe Safrangelb kleiden. Der militante Führer „Gujarat ka Lalla“ ist Narendra Modi, Indiens amtierender Premierminister, „Aggarwal“ ist Arvind Kejriwal, bereits zum zweiten Mal wiedergewählt als Regierungschef des Unionsterritoriums Delhi. Anna Hazare kommt vor, der indische Bürgerrechtler, der mit seinem Anti-Korruptions-Hungerstreik im Jahr 2011 den „zweiten Freiheitskampf“ ausrief. Das alles findet man im „Ministerium des äußersten Glücks“: die Unruhen im Bundesstaat Gujarat, wo im Jahr 2002 Muslime von Hindu-Mobs ermordet wurden und die Polizei dabei zusah; das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen starben …

Roy fordert von den Lesern Mitarbeit. Sie verwendet unterschiedlichste Stilmittel, Lebensbeichten, polizeiliche Zeugenaussagen, Märchen, Briefe, auch an Tote, und zappzarapp ist man im Kopf eines alkoholsüchigen Inlandsgeheimdienstlers und lauscht dessen Ich-Erzählung. Roy will alles, kann auch alles, überfrachtet, überfordert, auch ihr entgleitet der Roman mitunter, und mit ihrem Humor und ihrer Menschenliebe schreibt sie gegen das Chaos an. Dem der Hirne, dem der Herzen, dem Indiens. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist teils heiter, oft melancholisch, manchmal skurril. Dem Faible ihres Volkes für Hungerstreiks, ebenso wie seinem Hang zum Aberglauben gewinnt Roy durchaus humorige Seiten ab.

Im Mittelpunkt des Handlungswirrwarrs stehen zwei Geschichten, die Figur Anjum ist die Klammer, ihre Exotik das Epizentrum der Ereignisse, ihre der gesellschaftlichen Konvention gegenläufige Perspektive die immer menschliche, die mit allen mitfühlende, die, der Roys Sympathien gehören. Anjum ist eine Hijra, so der Name für Indiens drittes Geschlecht, für Transgender-Personen. Die Muslimin, in Delhi damit gleichsam doppelt vogelfrei, ist als Sohn wohlhabender Eltern aufgewachsen, bevor sie sich entschloss als Frau zu leben. Dies, nachdem sie als Celebrity für ausländische Fernsehsender und einheimische NGOs ausgedient hat, auf einem alten Friedhof, der mit Anjums Ankunft zu einem wundersamen Zufluchtsort für von der Welt Ausgestoßenen wird. Die Gegengesellschaft ist gegründet. Doch Anjum will, was ihr biologisch verwehrt ist, ein Baby. Erst nimmt sie ein Straßenkind bei sich auf, nennt es Zainab, und macht aus der Göre eine gebildete junge Frau bester Ausbildung. Später fällt ihr bei einer Großdemonstration ein ausgesetztes Baby, die Mutter maoistische Waldkämpferin in Kaschmir, in die Arme, doch es wird ihr geraubt.

Bild: pixabay.com

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Die Kindesentführerin ist Politaktivistin, Tilo, in Kaschmir vom Militär misshandelt, weil Lebensgefährtin des Aufständischenführers Musa (der das wiederum nur wird, weil die Polizei bei einem Märtyrer-Begräbnis seine Frau und Tochter erschießt). Musa und Tilo, das ist , obwohl die hinduistische Tilo Musas muslimische „Frauen dürfen nicht“-Seite nicht versteht, die große Liebesgschichte des Romans, die freilich kein gutes Ende nehmen kann. „Das Märtyrertum stahl sich nach Kaschmir über die Demarkationslinie …“, schreibt Roy. „Es stapfte an erschossenen Jungen in Schneewehen vorbei, ihre Leichen in unheimlichen gefrorenen Tableaus arrangiert …“

„Es scheint keine Hoffnung mehr zu geben. Aber so zu tun, als hätten wir Hoffnung, ist das einzig anständige“, wird Musa später sagen, bevor er tot – oder doch ein anderer für ihn tot sein wird? Anjum wird Tilo und das Baby mit nun zwei Müttern auf ihren Friedhof retten. Eine weitere Klammer ist der sadistische Major Amrik Singh, der in Kaschmir blutrünstig wütet, bevor er den einen Schritt tut, der sogar der Regierung zu weit geht, und samt Frau und Kindern als „Asylwerber“ in die USA abgeschoben wird.

Die dortigen Einwanderungsbehörden sind vom schlimmen Schicksal zu Tränen gerührt, natürlich, denn wäre könnte exakter Auskunft über Folter- und Tötungsmethoden geben? Später wird Singh sich und die seinen erschießen, getrieben von den Gesichtern der Kaschmiris, die sich tagtäglich vor seinem kalifornischen Bungalow versammeln. Und wenn’s er nicht war, dann war’s …

Solcherart reiht Roy großartige Bilder, auch der Zerstörung, schöne und schreckliche Momente aneinander. „Ich würde gerne eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur“, lässt Roy Tilo notieren. Und auf Seite 540 folgt ihr Gedicht: „Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? / Indem man sich langsam in alle verwandelt. / Nein. / Indem man sich langsam in alles verwandelt.“ Das ist Arundhati Roy gelungen, und man folgt ihr gerne durch ihr Wort- und Satzdickicht. Sie hat Politik in Poesie eingesponnen, ihre Stimme mit den Stimmen ihrer Figuren verwoben. Fantasievoller und schöner formuliert kann sich eine so beharrliche Auflehnung gegen Grausamkeit und Ungerechtigkeit kaum lesen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein großes Buch, das von der Größe seiner Protagonistinnen Anjum und Tilo und ihrer Wahlverwandtschaft erzählt, und zwischen den Zeilen von der Größe der Autorin.

Der Schrein von Hazrat Sarmad, ein spiritueller Ort, zu dem alle im Buch Bedrängten und Geschundenen immer wieder pilgern, ist mit dem titelgebenden deutschsprachigen Wort „Ministerium“ nur unzureichend erfasst. Sarmad war Mystiker, Poet, ein armenischer Jude aus Persien, übergetreten zum Islam. Ein nackter Fakir, schwul, in Liebe mit einem Hindu-Mann, 1660 geköpft. Doch selbst enthauptet, so heißt es, habe er noch seine Liebesgedichte rezitiert. Wenn so einer nicht als Beschützer von Anjums Glücksfreistaat taugt – wer dann?

Über die Autorin:
Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debüt „Der Gott der kleinen Dinge“, für das sie 1997 den Booker Prize erhielt. Aus der Weltliteratur der Gegenwart ist er nicht mehr wegzudenken. In den letzten zehn Jahren widmete sie sich außer ihrem politischen und humanitären Engagement vor allem ihrem zweiten Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

Fischer Verlage, Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2017

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

September 2, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen in der Welt der Trump-Wähler

In den USA und dem deutschen Feuilleton gilt J. D. Vance „Hillbilly Elegie“ als Donald-Trump-Erklärbuch. Die Süddeutsche nannte es gar das wichtigste politische Buch des Jahres. Da mag was dran sein, denkt man an die zornigen weißen Unterschichtler, die während des Trump-Wahlkampfes mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten. Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glauben, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten.

Nun also Vances Ich-Erzählung, der Ullstein Verlag nennt den Band „Erklärendes Sachbuch“. Der Autor lässt eintauchen in die Welt seiner Kindheit und Jugend, der er dank Eigenintiative, heißt: Jusstudium in Yale, entkommen konnte. Es ist die Welt der Hillbillys, der Hinterwäldler, des white trash, also der in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren der im 18./19. Jahrhundert eingewanderten Ulster-Schotten. Sie hatten sich weiland im sogenannten Rust Belt angesiedelt, weil es hier Arbeit gab. Doch mit der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre nahm die Bedeutung der ältesten und größten Industrieregion der USA rapide ab.

Heute wird die Gegend beherrscht von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, von Drogen und Gewaltbereitschaft. Davon berichtet Vance. Und er tut es auf seine eigene, fast möchte man sagen liebevolle Art. Er lässt die Menschen Menschen sein, die von den snobistischen Ostküstenmedien in der Regel als Dorftrottel karikiert und diffamiert werden. Er bewegt sich zwischen Familienschilderungen, Vance wuchs bei seinen Großeltern auf, denen das Buch auch gewidmet ist, und der glasklaren Analyse einer brutalen Realität.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich versteht man, warum diese vergessenen, in Armut und Hoffnungslosigkeit lebenden Ex-Arbeiter Trump als ihren politischen Helden feiern. Personen, wie denen von Vance porträtierten, müssen elitäre Großkopferte wie Barack Obama und Hillary Clinton zu ihrem Feindbild machen. Schon, um den Dampf aus der eigenen be**scheidenen Situation abzulassen. Derart Politiker sprechen eine für die Südstaatenwelt fremde Sprache, sie verkörpern „abgehobene“ Werte, die sich im Rust Belt nicht erklären lassen.

Einen Selfmade-Millionär wie Trump können sie hingegen leichter als einen der Ihren annehmen, ergo wählen. In Europa, wo ein ähnlicher Typus die politischen Bühnen stürmt, ist die Lage gar nicht anders.

Was Vance zeigt, ist eine in sich abgeschlossene Gesellschaft, die traditionell konservative Werte hochhält. Patchworkfamilien, die ihre Ehre mit Messern und Schusswaffen verteidigen, Männer, die stets am Rande des Gefängnisses (oder darin) leben, sogar Frauen, die streitbar für ihr Recht eintreten. Vance hechelt wie gesagt seine Familie durch.

Die drogensüchtige Mutter, die Unzahl ungeliebter Stiefväter, die Onkel, von denen einer verrückter als der andere scheint – am schlimmsten der, der ihn mit einer Stichwaffe bedroht, worauf er auf den Schoß der Großmutter flüchtet. Er zeichnet Bilder von arbeitsunwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachenbericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!

Bild: pixabay.com

Geschildert wird auch der merkwürdige Protestantismus, der in diesem Landstrich gang und gäbe ist, der Kirchgang nicht aus Überzeugung, sondern weil üblich, und ein gefühlsduseliger Patriotismus, zu dem sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt. Zwei Drittel der Amerikaner besitzen keinen Pass, haben noch nie das Land verlassen, noch nie über den Tellerrand geblickt, klar, dass diesen Leuten wurscht ist, was anderswo passiert. Dass der Ausstieg aus dem Paris-Abkommen in der derlei Köpfen keine Rolle spielt, versteht sich. Klima kann man nicht schmecken und nicht riechen.

Vance erzählt das alles mit im Grunde Sympathie und einem Schuss Ironie. Er verrät die Menschen seiner Herkunft nicht, spürt aber dennoch der Frage nach, warum gerade die Ulster-Schotten sozial so unbeweglich sind, so pessimistisch und vormodern. Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus seiner eigenen, unmittelbaren Betroffenheit und Selbsterlebtem gespeist sind. Und wie es sich für politisch engagierte Bücher gehört, lässt er Fragen offen, versteigt sich nicht dahin, die ultimative Antwort auf alle anstehenden Probleme zu haben. Gerade auch das macht das Buch ehrlich, ergo lesenswert. Vance selbst trat nach einer vertrödelten Schulzeit und Gelegenheitsjobs den freiwilligen Einsatz beim United States Marine Corps im Irak an. Was ihm später den Weg auf die Eliteuni ebnete. Eine typische geglückte Unterschichtskarriere in den USA …

Über den Autor:
James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jus, arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch „Hillbilly Elegie“ wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio.

Ullstein Buchverlage, J. D. Vance: „Hillbilly Elegie“, Erzählendes Sachbuch, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 9. 2017

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

September 1, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Was der Terror mit den Menschen macht

Die „Gesellschaft kleiner Bomben“, man wird es fast am Ende des Romans erfahren, ist eine Selbsthilfegruppe, die das Ehepaar Khurana ins Leben gerufen hat. Wie Raubtiere schleichen sie durch Krankenhäuser und über die Katastrophenschauplätze, um Opfer von Terroranschlägen für ihr Anliegen zu rekrutieren. Dies in erster Linie, den eigenen Schmerz zu betäuben. Kleine Bomben, das sind die, die auf Marktplätzen in Bagdad oder Kabul explodieren – und so wenige Tote fordern, das die Welt davon kaum berührt ist. Die, die die Khuranas betrifft, ging in Neu-Dehli auf dem Markt in Lajpat Nagar hoch. Ihre beiden Söhne haben den Anschlag nicht überlebt, und das Familiengewebe ist tief vernarbt.

Im kleinen, feinen Hamburger Verlag CulturBooks ist ein Roman erschienen, der in den USA schon zahlreiche Preise erhalten hat und für die New York Times zu den zehn besten Büchern des Jahres gehört: „In Gesellschaft kleiner Bomben“. Das Buch wurde vom gebürtigen Inder Karan Mahajan geschrieben. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr lebt der nun 33-jährige Autor in den USA, aber er ist in Neu-Delhi aufgewachsen. Man merkt: Hier weiß einer, wovon er schreibt.

Mahajans Roman ist außergewöhnlich komponiert: Er beginnt buchstäblich mit dem großen Knall – und zeichnet dann die vielen Druckwellen nach, die die Bombenexplosion bei allen Beteiligten ausgelöst hat. Er schildert die Auswirkungen eines Terrorakts auf die Betroffenen – Opfer wie Angehörige wie Täter. Er geht der Frage nach, wie Menschen zu Terroristen werden. Und – wie seltsam – er wertet nicht. Er folgt keinem der wohlbekannten Narrative. Allein das macht sein Buch zu einem der relevantesten literarischen Beiträge über eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Die Story: Drei Freunde, die Brüder Tushar und Nakul Khurana und Mansoor Ahmed, sind auf dem Markt unterwegs, als eine Autobombe explodiert. Tushar und Nakul, 11 und 13 Jahre alt, sind sofort tot. Der zwölfjährige Mansoor flüchtet vom Schauplatz des Geschehens, er hat Splitter in den Unterarmen, und selbst als die längst entfernt und er ein erwachsener Mann ist, werden die Schmerzen wie Phantome bleiben.

Die Familie Khurana ist hinduistisch, die Familie Ahmed muslimisch. Nun brechen unter den befreundeten Elternpaaren Gräben auf. Mahajan hat keinen Religionsroman geschrieben, doch zeigt er auf, die dünn der Firnis der gegenseitigen Toleranz ist, wenn Schlimmes passiert. „,Sie können einfach nicht in Frieden leben, diese Muslime. Egal, wo sie auftauchen, befinden sie sich im Krieg‘, sagte eine Tante. ,Eine gewalttätige Religion von gewalttätigen Menschen.‘ Hinterher waren sie über sich erschrocken, sie waren keine Liberalen mehr.“

Mansoor, orientierungslos geworden, schließt sich einer NGO an, die ausgerechnet für bessere Haftbedingungen für mutmaßliche Terroristen eintritt. Es ist nicht schön zu lesen, wie die Khuranas befriedigt einer Folterung zusehen … Mitglieder der Gruppe sind Ayub, ein Kaschmiri aus dem hintersten Hinterland, wo es weder Ausbildung noch Arbeitsplätze gibt. Er glaubt durchaus, dass es Gewalt braucht, um für sich Gerechtigkeit, heißt: Gleichberechtigung zu erhalten. Ayub wird, durch Liebeskummer und Depression geschwächt, unter den Einfluss der Bombenleger geraten, die ihm eine zynische Sicht auf die Welt beibringen: „Und weißt du, was passiert, wenn eine Bombe hochgeht? Dann zeigt sich die Wahrheit über die Menschen. Männer lassen ihre Kinder im Stich und laufen weg. Ladenbesitzer stoßen ihre Frauen zur Seite und versuchen, ihr Geld zu retten. Leute kommen und plündern die Läden. Eine Explosion enthüllt die Wahrheit über Orte. Vergiss nicht, dass das, was du tust, nobel ist.“

Bild: pixabay.com

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Und Shockie. Was Mansoor nicht wissen kann: Er war der Bombenbastler in Lajpat Nagar. Was ihn zwei, drei Fingerkuppen gekostet hat. Die Terrorzelle ist arm, oder gibt vor, es zu sein, ihr Fußvolk arbeitet mit minderwertigem Material. Jahre später wird er seinen Anschlag mit dem Angriff auf das World Trade Center vergleichen und sich für dessen geringe Schlagkraft schämen …

Mahajan folgt nun dem Schicksal dieser drei Männer, die auf so unheilige Weise miteinander verbunden sind. Er schildert eindrücklich die entsetzliche Verwirrung eines Kindes, und wie sich diese beim Erwachsenen nicht gelegt haben wird. Und er schildert eben aus einer zweiten Erzählperspektive die Situation der Terroristen. „Shockie fand, dass die Leitung der Gruppe korrupt war und die Wahrheit nicht sehen wollte; dass sie die Neigung hatte, Zahlen aufzublasen, um mehr finanzielle Unterstützung zu bekommen; dass sie Geld abschöpfte, um für sich selbst große Häuser zu bauen und ihre Kinder ins Ausland zu schicken.“

Mahajan besticht mit seiner relaxt fließenden Prosa, mit der er starke Bilder zeichnet und eine scharfsinnige Analyse liefert.

Der Roman ist voller politisch höchst unkorrekter Aussagen, die mit stiller Lakonie wieder konterkariert werden. Er nähert sich differenziert, spannend und mit subtilem Sarkasmus seinem Thema – köstlich eine Szene, in der es um einen islamischen Risikokapitalfonds geht, aus dem sich die Terroristen finanzieren wollen. Vom Close-up bis zur Luftaufnahme, von der empathischen Innensicht bis zur spöttischen Distanzbetrachtung beherrscht er eine große Bandbreite an literarischen Perspektiven.

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Er hat ein Talent für hinreißende Formulierungen. Und er entwirft wie nebenbei ein Sittenbild Indiens mit seinen Kasten und Klassen, den Religionen, seiner Armut und der Jagd nach dem Geld. „Die Kaschmiri waren immer schon dreckig. Ein ganzer Winter geht vorüber, und sie baden nicht. Deshalb stinkt es so sehr in Srinagar“, wird besagte Tante auch noch sagen.

Am Ende wird ein anderer Attentäter die nächste kleine Bombe legen. Bestechend wie Mahajan formuliert: „Eine Bombe war ein Kind. Ein Wutanfall, der sich gegen alles richtete. Das Wehklagen eines Wesens, das seinen Kopf nicht durchsetzen konnte. Die Wahl von Selbstmord über Niederlage.“ Der Bombenleger wird selbst verletzt und von den Khuranas – wieder einmal auf Opfersuche, und für ein solches halten sie ihn – im Spital besucht … Das Wall Street Journal schrieb über „In Gesellschaft kleiner Bomben“, es sei das Beste, das es zu lesen gibt, „wenn es darum geht, die Verlockungen und die Kraft der alles vernichtenden mörderisch-verdrehten Logik einzufangen, die immer stärker von unserem Planeten Besitz ergreift.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der „Best Young American Novelists“ 2017. Sein erster Roman, „Family Planning“ („Das Universum der Familie Ahuja“), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers. „In Gesellschaft kleiner Bomben“ stand unter anderem auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017.

Verlag CulturBooks, Karan Mahajan: „In Gesellschaft kleiner Bomben“, Roman, 376 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Zoë Beck

www.culturbooks.de

  1. 9. 2017

Ratet einmal …

August 9, 2017 in Buch

9. 8. 2017

Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter

August 7, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Furioses Finale im Friedhof der vergessenen Bücher

Es war nicht anders zu erwarten: „Das Labyrinth der Lichter“ erstürmt in allen Erscheinungsländern mit Siebenmeilenschritten die Bestsellerlisten. Das ist seit 2003 so, seit Erfolgsautor Carlos Ruiz Zafón mit „Der Schatten des Windes“ den ersten Teil seiner Barcelona-Tetralogie vorlegte, sich ein verzücktes Stammpublikum zulegte – und dieses über die Jahre mit immer neuen Geschichten rund um den „Friedhof der vergessenen Bücher“ wohlig erschauern ließ. Ach, träumt man sich gern in seine sepiafarbene Stadt, durch die dämonische Verleger mit rotglühenden Augen geistern, Engel auch, und wo eine grassierende Bibliomanie in gruseligen Villen für mehr als einen Toten verantwortlich ist.

Die Friedhofssaga rund um eine nur Eingeweihten bekannte, geheimnisumwitterte Bibliothek, ist allerdings mehr als Fantasy. Der Autor entwirft in den vier Bänden ein Geschichtsbild Spaniens seit den 1950er-Jahren, der Franco-Zeit und ihrer Foltergefängnisse; seine fein gedrechselten Figuren sind von dessen Diktatur und den Nachwirkungen des Bürgerkriegs geprägt, und Ruiz Zafón versteht es erschreckend gut noch die größten Gräuel, das Grauen per se, in poetischsten Worten zu schildern.

Die Übersetzung ins Deutsche von Peter Schwaar ist exzellent und sorgt für höchsten Lesegenuss. Für viele Stellen muss das Prädikat „unerträglich schön“ gelten.

Nun also das Ende. Ruiz Zafón lädt zum furiosen Finale, und zwar nicht nur seine Leser, sondern auch beinah alle seiner in den vergangenen 14 Jahren erschaffenen Charaktere. Es ist meisterlich, wie er Handlungsstränge, Schicksalsschläge, Lebensentwicklungen aufgreift, keinen Faden fallen lässt und endlich alles zu einem Ganzen fügt. Viele Rätsel werden gelöst, viel einstmals Übersinnliches enttarnt – und das „Labyrinth der Lichter“, durch das Helden wie Antihelden stolpern, entpuppt sich – was sonst? – als Buch, bei dem jeder, der damit je in Berührung kam, übel endete. Es empfiehlt sich, sein Herz an keinen noch so guten Menschen zu hängen, denn der Autor killt seine Geschöpfe nach Belieben. Freund wie Feind.

Im Mittelpunkt der Handlung, es ist nun 1959/1960, steht einmal mehr die Buchhändler-Familie Sempere, diesmal vertreten durch den Sohn des Hauses, Daniel, seine junge Frau Beatrice und seinen Sprössling Julián – und natürlich kommt ihrem Faktotum Fermín wieder eine tragende Rolle zu. Er nämlich hat im Bürgerkrieg einem Mädchen das Leben gerettet, und nun kehrt diese Alicia, damals in den Friedhof der verlorenen Bücher gestürzt, wie ihre Namensvetterin ins Wunderland, als düstere Geheimpolizistin zurück. Als „Nachtgeschöpf“ beschreibt sie ihr Vorgesetzter, immerhin als „Wesen aus Licht und Schatten“ ein weiteres Exekutivorgan: „Ihr Geist funktioniert anders als der der anderen. Wo alle eine verschlossene Tür sehen, sieht sie einen Schlüssel. Wo die anderen die Fährte verlieren, findet sie die Spur. Das ist eine Gabe, um es mal so zu sagen. Und das Beste ist, dass keiner sie kommen sieht.“

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Alicias Auftrag ist ein Himmelfahrtskommando: Minister Mauricio Valls ist verschwunden, ist mutmaßlich entführt worden, und sie soll ihn finden. Valls, man erinnert sich, der Politemporkömmling war in „Der Gefangene des Himmels“ (Band drei) Direktor des berüchtigten Gefängnisses im Kastell auf dem Montjuic über Barcelona. Und mit ihm tauchen altbekannte Gespenster wieder auf: die regimegegnerischen Schriftsteller David Martín, Victor Mataix und Julián Carax – man wird erfahren: nicht von ungefähr hat Daniels Kind den selben Vornamen. Sebastian Salgados, der nachdem ihm Valls bei der Folter die linke Hand abtrennen ließ, nun eine aus weißem Porzellan trägt, ist wieder da. Und Valentin Morgado, der Mann mit dem halben Gesicht, nunmehr Chauffeur eines Rechtsanwalts, der für höchste Kreise höchst unangenehme Angelegenheiten erledigt.

Anonyme Briefe werden versendet, deren Inhalt ist brisant: Auch Fermín war auf dem Montjuic inhaftiert, Valls soll Daniels Mutter Isabella bis zum Wahnsinn geliebt und ergo ermordet haben … Wer also ist es, der an ihm eine derart alttestamentarische Rache nimmt? Die Szenen aus der Zelle, in der Valls festgehalten wird, sind nichts für schwache Magen/Nerven. Auge um Auge, Hand um Hand lässt man ihn in der Kälte vermodern. Gibt es die Unschuld überhaupt? Es macht Ruiz Zafón offensichtlich diebische Freude, in diese intrigenbehaftete Welt der Politiker und ihrer Schergen einzudringen, schwelgerisch legt er Fährten aus, führt den Leser in Sackgassen und lässt ihn dort schmoren, nur um ihm Seiten später doch noch den Ausgang zu zeigen.

Und die Gewaltspirale dreht sich, sie ist ein schwarzes Loch, das alles in seinem Umfeld ansaugt und verschwinden lässt. „In diesem Land gibt es Leute, die nicht eher Ruhe geben, bis die einen die anderen massakriert haben. Wenn hier die Leute den Verstand verlieren, was oft geschieht, sind sie imstande, sich in den Fuß zu schießen, weil sie glauben, so den Nachbarn zum Hinken zu bringen“, sagt einer der Protagonisten. Ruiz Zafón zeigt, wie das Lügen um sich greift, wenn die Angst regiert. Wie Dummheit und Duckmäusertum schlimmste Folgen haben.

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Die Lösung letztlich hat mit Spaniens verlorenen Kindern zu tun. Geschätzte 250.000 wurden in der Franco-Ära ihren zu politischen Gegnern erklärten Eltern weggenommen, kamen zur Umerziehung in Kinderheime oder wurden an regimetreue, kinderlose Ehepaare verschachert. Auch im „Labyrinth der Lichter“ werden Figuren erfahren, dass sie nicht sind, wer sie zu sein glaubten.

Die vergiftete Isabella hat es schriftlich festgehalten: „Das Niveau der Barbarei einer Gesellschaft misst sich an der Distanz, die sie zwischen die Frauen und die Bücher zu bringen versucht.“ Ruiz Zafóns Gruppenbild mit Dame Alicia liest sich süffig. Ihre Katalysatorfunktion, mit der sie in Schreck- oder Todesstarre Gefallenes in neuen Gang setzt, ist unübersehbar. Zudem wird über sie, den Neuling der Geschichte, aufgedröselt, was bisher geschah. Denn Verlag und Autor plädieren selbstverständlich dafür, dass man Band vier ohne Kenntnis der vorherigen konsumieren könne. Das mag stimmen. Aber: Warum sich um das Vergnügen bringen?

Über den Autor:
Carlos Ruiz Zafón begeistert mit seinen Barcelona-Romanen um den Friedhof der Vergessenen Bücher ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“, „Der Gefangene des Himmels“ und „Das Labyrinth der Lichter“ waren allesamt internationale Bestseller. Auch „Marina“, der Roman, den er kurz vor den großen Barcelona-Romanen schuf, stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Seine ersten Erfolge feierte Carlos Ruiz Zafón mit den drei phantastischen Schauerromanen „Der Fürst des Nebels“, „Mitternachtspalast“ und „Der dunkle Wächter“. Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute vorwiegend in Los Angeles.

Verlag S. Fischer, Carlos Ruiz Zafón: „Das Labyrinth der Lichter“, Roman, 944 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar.

www.fischerverlage.de

www.carlosruizzafon.de/zafon/start

5. 8. 2017