Maria Haas: Matriarchinnen / Matriarchs

Januar 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gesichter und Geschichten von Frauen

„Wir werden von den Familien in ihre Clanhäuser eingeladen, die rund um den See kleine Dörfer bilden. In den großen Innenhöfen wird gearbeitet, gespielt und die Ernte aufgetürmt – jeder folgt einer unsichtbaren Ordnung, die unsere Anwesenheit nicht zu stören scheint. Oberhaupt des Clans ist die Großmutter – Ah mi genannt, um die sich alle Kinder und Enkelkinder scharen. Die Ah mi erhält und verwaltet sämtliche Einkünfte des Clans und ihr gehört das gesamte Anwesen samt Land – ein Besitz, den sie an ihre Töchter weitergibt, wenn sie die Zeit dafür reif findet.“

So schildert die Klosterneuburgerin Maria Haas ihre Begegnung mit den Mosuo, einem matriarchal geführten Volk in China, das die Fotografin auf ihren Reisen für den Bildprachtband „Matriarchinnen / Matriarchs“ besuchte. „Mir ist bei dieser Reise eine Härte und Kargkeit begegnet, die in unserer westlichen Wohlfühlwelt kaum vorstellbar ist. Aber auch Herzlichkeit und besondere Gastfreund- schaft sowie ein unbändiger Wunsch nach Freiheit“, sagt Haas.

Und weiter: “Ich interessiere mich sehr für einzigartige Menschen, Kulturen und Gesellschaftsformen. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es noch ein paar wenige mit matriarchalen Strukturen gibt. Fasziniert von diesem Thema beschloss ich, sie kennen zu lernen und zu dokumentieren. Die letzten drei Jahre bereiste ich China, Indien, Indonesien und West Afrika. Ich fotografierte unterschiedlichste Völker wie die Mosuo, Bijagos, Minangkabou, Khasi, Garo und Jaintia.“ Zu den ausdrucksstarken Gesichtern erzählt Maria Haas sagenhafte Geschichten. Über Feminismus und Emanzipation in Regionen der Welt, wo man diese Begriffe gar nicht kennt.

„Matriarchale Gesellschaften sind egalitär und zeichnen sich durch nicht-hierarchische Sozialstrukturen aus. Ihre wirtschaftlichen Werte basieren auf Ausgleich und Solidarität, private sowie politische Entscheidungen werden stets im Konsens getroffen. Somit ist das Matriarchat alles andere als die bloße Umkehr des Patriarchats“, erklärt Haas im Buch. „Die Matriarchin ist Oberhaupt der Sippe und Verwalterin des Sippenbesitzes. Die Matriarchin gibt Anweisungen und ist Ratgeberin. Sie genießt natürliche Autorität statt Befehlsmacht und sieht ihren Einfluss als Verpflichtung zum Wohlergehen des Clans.“

Kind und Karriere zu vereinbaren, ist im Gegensatz zum westlichen Kleinfamilienmodell im Clan kein Problem – wobei den Onkeln, also den Brüdern der Frauen, mehr von einer Vaterrolle zukommt, als den leiblichen Vätern. “Bei uns gibt es keine Heirat – wir leben sogenannte ,Besuchsehen‘. Unsere Männer besuchen uns die Nacht über und kehren früh morgens in die Häuser ihrer Mütter zurück“, sagen die Mosuo-Frauen.

Drei Generationen Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Bei den Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Frauen des Jaintia-Reiches. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Mädchen der Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Die Minangkabau in West-Sumatra, Indoniesien, sind mit mehr als drei Millionen Menschen die größte matrilineare Ethnie auf Erden – und auch eine der spannendsten, da sie doch mühelos Koran und Matriarchat verbinden. „Der Islam stieg von den Küsten auf, während Adat [so die Bezeichnung der traditionellen Regeln, Anm.] von den Bergen herunterstieg“, sagen sie. „Auch als Muslima haben wir Frauen der Minangkabau eine starke Rolle inne, denn für uns zählt die Kultur weit mehr als die Religion.“ Wie lange noch, ist allerdings fraglich: der Einfluss des modernen Lebens in den Städten unterhöhlt die Kultur der Minangkabau.

Von den Mentawai, den letzten Ureinwohnern Indonesiens, und den Bijagos in Guinea Bissau, die zwischen Animismus und Christentum, Frauenrat und Dorf-Monarchie leben, und bei denen die Frauen für die Rituale, Zeremonien, Feiern und auch Begräbnisse zuständig sind – „denn nur Frauen haben die Fähigkeit, den verstorbenen Seelen den Weg in den Himmel zu zeigen“, geht es zu den Khasi, Garo und Jaintia in Indien. Die Jaintia im Osten und Nordosten Meghalayas, die die weitgereiste Gruppe um Maria Haas „freundlich, aber ein wenig reservierter empfangen. Seit Jahrhunderten leben sie vom Bergbau und erlangten dadurch etwas größeren Wohlstand, der in gemauerte und bunt getünchte Häuser und geordnete Wege investiert wurde.“

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die Region, das einstige Königreich Jaintia, über dessen Aufstieg und Fall in der Mahābhārata, dem wichtigsten Sanskrit-Epos, berichtet wird. Auch sollen die Jaintia ihren Namen vom Schrein der Jayanti Devi oder Jainteswari, einer Inkarnation der Göttin Durga, ableiten, der Allmutter und weiblichen Urkraft, die in ihrer zornigen Manifestation als Kali auftritt – und der angeblich das letzte Mal im anglo-birmanischen Krieg 1832 drei Briten geopfert worden sind …

Kämpferisch sind auch die Mannfrauen in Albanien. „Schon im 19. Jahrhundert haben Reisende von den Burrneshas berichtet, denen sie im Norden des Landes begegneten“, ist in Maria Haas‘ Buch nachzulesen. „Frauen, die ihre weibliche Identität niederlegen, um wie Männer zu leben. Mit dem historisch tradierten Rollentausch stehen ihnen die Rechte der Männer zu und innerhalb der strikt patriarchalen Gesellschaft wird den Mannfrauen eine respektvolle Sonderstellung zuteil. Dieser Schritt in die Freiheit hat seinen Preis – Burrneshas leben zölibatär, ohne Heirat und Kinder.“

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Minangkabau. Bild: © Maria Haas /Kerber Verlag

Wer nicht heiraten möchte – weil etwa häusliche Gewalt gegenüber Frauen als Recht des Ehemannes geduldet wird – hat keine andere Wahl. Denn als Frau unverheiratet zu bleiben, gilt in den archaischen Clanstrukturen als Entehrung der Familie. Mancherorts spielen auch äußere Umstände mit – wenn der Vater oder ein männlicher Nachfolger fehlen, kann nur eine Burrnesha die Position des Familienoberhaupts einnehmen. Einzigartig in ganz Europa wird ihnen offiziell ein hoher sozialer Status zugeschrieben.

„Niemand traute sich, eine Hochzeit für mich zu arrangieren. Mein Vater hat meiner Mutter befohlen, mich so sein zu lassen wie ich sein wollte – ein Junge“, sagt Hajdar, mit ihren 90 Jahren die älteste Burrnesha, die Haas aufsucht: „Stolz und breitbeinig sitzt sie in der weißen Männertracht vor uns. Von all unseren Gesprächspartnerinnen pflegt sie die alten patriarchalen Sitten am stärksten. In ihrem Haus gibt es heute noch das Herrenzimmer, in dem sich die Männer treffen und Frauen keinen Zutritt haben, um den Raum nicht zu entweihen. Auch das Essen dürfen sie nur bis zur Schwelle tragen – ein Abbild der tradierten wie antiquierten Geschlechter­verhältnisse.“

Welch ein Unterschied zu beispielsweise den Mentawai, bei denen Haas „die Achtsamkeit, mit der die Mentawai allen Wesen begegnen“ beobachtet, den lebenden, wie den verstorbenen, selbst tote Tiere werden mit Respekt beerdigt. „Das hat mich besonders berührt.“  Solcherart führt einen die Fotografin durch eine Welt der Frauen, von denen „vor allem die alten mit ihrer vom Leben gezeichneten Schönheit und Aura stolz und ohne Scheu in die Kamera blickten, während die jüngeren kicherten und verlegen waren.“ Zum Bildprachtband und zum Abschluss passt ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: Wenn eine Frau sagt „Jeder“, meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt „Jeder“, meint er: Jeder Mann.

Kerber Verlag, Maria Haas: „Matriarchinnen / Matriarchs“, Bildprachtband mit 116 farbigen Abbildungen, 164 Seiten. Mit Texten von Maria Haas, Brigitte Krizsanits und Christina Schlatter.

www.kerberverlag.com           mariahaas.at

  1. 1. 2021

Buch und DVD: Maria Lassnig. Das filmische Werk

Januar 26, 2021 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Films in progress“ in ihrer Gesamtheit publiziert

Maria Lassnig gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins / „Body Awareness“, fand in den 1970er-Jahren in New York auch filmischen Ausdruck. Und welch einen! Beeinflusst von Malerei, aber auch dem US-amerikanischen Experimentalfilm, der feministischen Bewegung, dem Animationsfilm sowie ihrer neuen Heimatstadt New York schuf Lassnig in einigen wenigen Jahren einen beachtlichen Korpus an radikal eigenständigen Kurzfilmen.

Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen, blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet und unveröffentlicht. Ihre „Films in Progress“, zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie Lassnigs Aufzeichnungen folgend fertiggestellt.

Der neue Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen stellt Maria Lassnigs filmisches Werk in den Mittelpunkt und bietet anhand von Essays, dem ersten umfassenden Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit und einer großen Auswahl ihrer eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. „Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs ,Zeichentrickfilmen'“, so das Herausgeber-Quartett Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko.

„Ins ,Unsichtbare Kino‘ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme, damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk, und danach eben auch in Wien. Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.“

Woran das gelegen sein konnte, ließe sich vielleicht dahingehend interpretieren, dass Lassnig die Neigunghatte, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom Animations-/Film als wichtigem Ausdrucks-und Gestaltungsmedium, sie lässt auch die mannigfaltigen Lebens-und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

Nitsch,1972, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Bärbl. 1974/79, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten Werke, buchstäblich auf dem Dachboden. Wie es nun zur Publikation kam, und was diese für Lassnigs Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ erstmals umfassend dokumentiert.

„Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb“, so die Herausgeber. „Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des ,New American Cinema‘ und des ,structural film‘ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er-Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.“

Lassnigs Arbeit ist, wie die hier nachzulesenden Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni, die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher erklären, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. „Sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert ihre Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie als Frau, als eine Fremde sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er-Jahre bestehende Kategorien und Zuordnungen.“

Maria Lassnig, New York, ca. 1969. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Women/Artist/Filmmakers, Inc., Maria Lassnig v. li.,  1976. © Bob Parent. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig, 1974. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung. Die Kooperation mit der Maria Lassnig Stiftung ermöglichte es dem Österreichischen Filmmuseum, erstmals das bildnerische Werk Lassnigs, ihre Skizzen und Notizen zum Film und die filmische Arbeit einander gegenüberzustellen.

FilmmuseumSynemaPublikationen, Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): „Maria Lassnig. Das filmische Werk“, mit kommentiertem Bildteil und einer DVD, einer Auswahl der „Films in progress“, in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition, 192 Seiten. Dieser Band erscheint auch in englischer Sprache.

www.filmmuseum.at           www.marialassnig.org

26. 1. 2021

Jessica Bab Bonde und Peter Bergting: Bald sind wir wieder zu Hause

Januar 19, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Shoah-Überlebende: Als Kinder im Konzentrationslager

Tobias Rawet, Livia Fränkel, Selma Bengtsson, Susanna Christensen, Emerich Roth und Elisabeth Masur haben als Kinder den Terror des Dritten Reichs knapp überlebt. Vor allem der 1924 in der Tschechoslowakei geborene Roth, Autor, Dozent, Sozialarbeiter und in Auschwitz-Birkenau Dr. Mengele mit Mühe entkommen, vom Olof-Palme- über den Raoul-Wallenberg- bis zum Nelson-Mandela-Preis vielfach ausgezeichnet, ist als Zeitzeuge ein nimmermüder Berichterstatter über die Gräueltaten der Nationalsozialisten.

„Ich glaube, dass das Wissen über den Holocaust uns etwas über die Zukunft lehren kann“, ist sein Credo. „Eine Generation ohne historische Bildung ist schutzlos, wenn es darum geht zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.“ Diese Worte haben Jessica Bab Bonde und Peter Bergting bei ihrer Graphic Novel „Bald sind wir wieder zu Hause“ beherzigt, in der sie das Schicksal dieser sechs erzählen, die als Kinder in Konzentrationslager gesperrt wurden. Buchenwald, Theresienstadt, Ravensbrück …

Susanne aus dem ungarischen Makó kam über Zwischenstationen in Strasshof und Bruck an der Leitha nach Bergen-Belsen. Entrechtet, von ihren Familien getrennt und ihrer Menschenwürde beraubt, erfuhren die Protagonistinnen und Protagonisten des Bonde-Bergting-Buchs die Angst und Verfolgung im Ghetto, quälenden Hunger, Deportation und schließlich die Entmenschlichung durch den industriellen Massenmord.

Sie mussten mitansehen, wie Eltern und Geschwister verhungerten oder an den Selektionsrampen „auf die andere Seite“ gejagt wurden. Die eine führte ins Elend der Arbeits-, die andere in die Vernichtungslager. Ins Gas. In Gesprächen gaben sie Autorin und Zeichner ihre Erlebnisse weiter. Es ist diese subjektive Perspektive, die das Ganze so besonders macht: das Millionenverbrechen, das sich in abstrakten Horrorzahlen aufzulösen droht, wird durch die einzelne, den einzelnen geschildert.

Der aus Łódź stammende Tobias Rawet engagiert sich, seit er 1992 hörte, wie der französische Geschichtsrevisionist Robert Faurisson den Holocaust leugnete. Susanna Christensen, weil sie das Gefühl hat, dass der Hass auf Juden dieser Tage heftiger wird. „Sie hat“, schreibt Bonde, „keine Angst mehr um ihrer selbst willen, hofft aber, dass ihre Nachkommen nie etwas von dem erleben werden, was ihr widerfahren ist.“ „Bald sind wir wieder zu Hause“ sieht die Verbrechen der Shoah mit Kinderaugen.

© Bonde, Bergting. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Bonde, Bergting. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Viele Worte braucht es dafür nicht. Der Ton der Graphic Novel ist nüchtern, die Illustrationen von Peter Bergting sind düster, sie transportieren die bedrückende Stimmung zwischen den Viehwaggons und den Baracken. Die Farben sind schlammig, schmutzig, Grau-braun, Rot wird verwendet, um Blut oder Feuer darzustellen. Bergtings visuelle Aufarbeitung ist schlicht, aber explizit. Vor einer Rückkehr des Antisemitismus warnt auch Jessica Bab Bonde in ihrem Vorwort und wirft die Frage auf, ob ähnliche Verbrechen heute noch geschehen könnten.

Schließlich fanden die Novemberpogrome und ihre furchtbaren Folgen vor aller Augen statt: „Nur wenige lehnten sich auf, sprachen darüber, was sie seltsam oder falsch fanden … Die meisten kümmerten sich nicht darum, zu viele fühlten nicht mit denen, die so erniedrigt wurden. Zu viele schauten weg und waren beruhigt, solange ihnen und ihren Familien nichts passierte …“ Am Ende des Buches finden sich eine geschichtliche Zeitleiste sowie ein Glossar, in dem Begriffe wie „Todesmärsche“, „Davidstern“ oder „Weiße Busse“ erklärt werden.

„Bald sind wir wieder zu Hause“, diese erschütternde Sammlung von Erinnerungen und unbedingt lesens- wie sehenswerte Geschichtslektion, sollte zur Pflichtlektüre werden. Gerade jetzt, da sich rechtsradikale, rassistische Vorfälle von Tatsachenverdrehern und Verschwörungstheoretikern weltweit wieder häufen. Ein beeindruckendes Plädoyer gegen das Vergessen und für ein Niemals wieder!

© Bonde, Bergting. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Bonde, Bergting. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Über die Autorin: Jessica Bab Bonde, geboren 1974, ist eine schwedische Autorin und Verlagsagentin. Im August 2019 gründete Bonde zusammen mit David Lagercrantz die neue Agentur „Brave New World“.  Im Jahr davor veröffentlichte sie zusammen mit Illustrator Peter Bergting die Graphic Novel „Bald sind wir wieder zu Hause“ über den Holocaust. Das Buch basiert auf Interviews mit den KZ-Überlebenden Tobias Rawet, Livia Fränkel, Selma Bengtsson, Susanna Christensen, Emerich Roth und Elisabeth Masur. Es wurde für den August-Preis in der Kinder- und Jugendkategorie nominiert.

Über den Zeichner: Peter Bergting, der Spross einer Künstlerfamilie, arbeitet seit 17 Jahren als professioneller Maler und Illustrator. Seine Arbeiten – vor allem Kinderbuch- und Rollenspielillustrationen – erschienen in weit mehr als 500 Publikationen. Er wurde 1970 in jener kleinen schwedischen Stadt geboren, die durch den Film „Fucking Åmål“ einige Berühmtheit erlangt hat. Derzeit lebt er mit Frau und Tochter in der Nähe von Stockholm.

Cross Cult Verlag, Jessica Bab Bonde (Text), Peter Bergting (Zeichnungen): „Bald sind wir wieder zu Hause“, Graphic Novel, 104 Seiten. Übersetzt aus dem Schwedischen von Monja Reichert.

www.cross-cult.de           www.bergting.com

  1. 1. 2021

Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Januar 15, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten

Bei den Notizen zum berühmten ersten Satz einer Rezension steht 1. „Mein Vater lernte Donald Trump in den frühen Neunzigerjahren kennen, als beide Mitte vierzig waren“, 2. „Mahfuz‘ Reaktion verwies auf eine fest im muslimischen intellektuellen Leben verankerte Tatsache, dass der Prophet sakrosankt ist“, 3. eine Begebenheit am Tag 9/11, als Ayad Akhtar Blutspenden wollte, und sich mit dem vor ihm stehenden Mann dieser Dialog ereignete:

„Woher kommst du?“ – „Uptown.“ – „Bist du Moslem?“ – „Und ist das ein Problem, Sir?“ – „Dieser verdammte arabische Einstein hier fragt, ob wir ein Problem haben. Wir wollen dein arabisches Blut nicht, du verdammter Terrorist!“

Man kann also auf unterschiedliche Weise einen Bericht über Ayad Akhtars „Homeland Elegien“ beginnen, dies der Titel des aktuellen Romans des US-pakistanischen Autors – von wegen „arabisch“. Akhtar, bekannt durch seine Stücke „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977), legt damit ein hochintelligentes Buch über den zerrütteten Zustand des heutigen Amerikas und gleichsam eine Familienbiografie vor.

Beginnend von der Schlechterstellung muslimischer Staatsbürger nach dem Attentat auf das World Trade Center bis zum Trump’schen Muslim travel ban, mit dessen Verhängung Akhtars Vater, ein überintegrierter amerikanischer Vorzeige-Patriot, als einer der letzten seiner Art vom Glauben ans Gelobte Land abfällt. Auf beinah 500 Seiten verweigert Akhtar die Demuts- und Bescheidenheitsgesten, die Muslimen in der westlichen Welt üblicherweise abverlangt werden. Vielmehr kreuzt er die manchmal komische, manchmal konfliktreiche, aber immer anrührende Einwandererstory mit der Geschichte einer USA, die die Ideale der Demokratie den Göttern der Finanzindustrie geopfert und einen gefährlichen Clown zum Präsidenten gemacht hat.

Sikander Akhtar, dessen Ehefrau Fatima, sie seit 1968 Migranten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sich selbst, Ayad 1972 auf Staten Island geboren, und unzählige Verwandte schickt der Autor in seinem Memoir auf die Suche nach Möglichkeiten einer westlich-muslimischen Identität. Last, but not least erzählt Akhtar mit großem Esprit und aus ungewohnter Perspektive globale Zeitgeschichte, vom Konflikt zwischen Pakistan und Indien über den ersten Afghanistan Krieg bis hin zu Osama bin Laden und dem islamistischen Terror der jüngsten Gegenwart, den Wien erst am 2. November 2020 erleben musste.

„Homeland Elegien“ ist trotz der Real-Person-Fiction ein Heimatroman über alle US-No- und Everybodys, Akhtar überblendet dafür die Sichtweise immer wieder vom „Wir“ auf „wir alle“, ändert sie von der persönlichen zur kollektiven Niederlage. Denn als solche werden die Akhtars ihr lebenslanges Ausharren am für sie falschen Ort empfinden. Das Home of the Brave and Land of the Free, das unterm Star-Spangled Banner den Tapferen Heimat, Schutz und Freiheit geben wollte, hat sein Glücksversprechen-Roulette, als sich hinters Homeland der Begriff Security reihte, auf antisolidarisch gedreht – et rien ne va plus. Gewinner sind jene Individualisten, denen das eigene Wohl vor dem einer Gemeinschaft geht. „Die Schleifung aller Bollwerke gegen gottgefälligen Reichtum?“ – neokapitalistische Konsumgesellschaft nennt man das.

Wie Ayad später mit Börsengeschäften beherrscht Sikander diese Spielregeln des Aufstiegs, der erfolgreiche Kardiologe mit dem Punjabi-Akzent, der über Immobilienhandel noch reicher wird, seines Patienten Trump „The Art of the Deal“ griffbereit im Bücherregal, im Weinkeller die Harlans, Far Nientes, Opus Ones. Liebhaber einer großbusigen Blondine, was Ayad knapp vorm hinteren Buchdeckel eine Halbschwester beschert, ein Trump-Süchtiger von euphorisch über enttäuscht bis erschöpft, der von dessen Ansinnen, alle Muslime in einer Datenbank zu erfassen, denkt, dass es ihn nicht beträfe, weil … a: Arzt, b: gutsituiert. Für den Sohn ist dies Denken „Durchfall, eine Infektion des politischen Bewusstseins“.

Die Mutter das genaue Gegenteil. Eine X-mas-Kauforgien-Verweigerin, eine antiimperialistische, nicht islamische (!) Fundamentalistin, die in den USA nie auch nur annähernd Entschädigung für den Verlust Pakistans fand. Der Sohn steht beiden Extremen skeptisch gegenüber, dem Vater, der für ein amerikanisches Ich sein pakistanisches zurückgelassen hatte, der Mutter, einer lebenslangen Exilantin, die keine neue Heimat erobert, sondern lediglich die alte verloren, Fatima, die bei der Trennung Pakistans von Indien unfassbare Gräueltaten gesehen hatte: „Wie Pakistan war sie im Feuer dieser Todesangst geschmiedet worden. Und sie fürchtete nicht nur die Hindus. Überall lauerte Lebensgefahr, und jede Erinnerung daran konnte sie aus der Bahn werfen.“

An einer der provokantesten Stellen des Buches geht Ayad Akhtar der Ähnlichkeit zwischen den USA und Pakistan auf den Grund, zumindest der mit den amerikanischen Südstaaten. Beide Weltenteile, schreibt er, seien larmoyant und aggressiv aus selbst empfundener Rückständigkeit. „Die Konturen jener Dilemmata“, die in den Vereinigten Staaten zur Wahl Trumps führten, hätten in Pakistan lange vorher existiert: „irrationale Paranoia, die sich als politischer Durchblick ausgab“, „kochende Wut“, „offene Feindseligkeit gegenüber Fremden und Menschen, deren Ansichten nicht mit den eigenen übereinstimmten“, „Verachtung für Nachrichten aus zuverlässigen Quellen“, „eine zur Pose gewordene reaktionäre Moral“ …

Bild: pixabay.com

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Ayad Akhtar, als sich selbst umkreisende Hauptfigur seines Romans, lebt im Mahlwerk paranoider Systeme und der Frage, welches das Recht habe das andere wie zu kritisieren: ein Mann, hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten. Akhtar aktiviert alle greifbaren Assoziationsketten. Von der Jugendliebe seiner Mutter, Latif, zunächst ebenfalls Arzt in den USA, später als solcher und „amerikanischer Brückenkopf“ für die afghanischen Mudjahedin tätig, 1998 vom CIA in Peschawar hingerichtet: „Die gerade Linie, die von den durch die USA unterstützten Mudjahedin zu al-Qaida führte, ist noch immer eine selten erzählte und wenig verstandene Geschichte; Latifs Schicksal ist auf seine Weise sinnbildlich dafür.“

Über Onkel Shafat, der bierselig in einer Bar in Virginia erzählt, er hätte mal Mullah Omar getroffen – der Onkel, weil er den Mudjahedin als Verbündeten der USA zwei Kisten voll Dollars brachte, der spätere Taliban im TV, weil gerade von einer amerikanischen Bombe getroffen -, was mit einem Polizeieinsatz, gebrochenen Rippen und einem künstlichen Schultergelenk endete. Und Shafats Konvertieren zum Christentum, um sich fortan „sicher“ zu fühlen. Bis zur Universitätsprofessorstante, der rationalen Intellektuellen Asma, die explodiert, als der Neffe erklärt, er lese eben Salman Rushdies „Satanische Verse“.

Ayad Akhtar lehnt sich in solchen Episoden aus dem Fenster bis in Schussweite. „Die Angst hinter der enervierenden Dummheit meiner pakistanischen Verwandten war verständlich“, schreibt er nach einem Besuch in Abbottabad, wo bin Laden keinesfalls ohne direkte Unterstützung der pakistanischen Armee hätte leben können, und einer Dinner-Diskussion mit Offiziersonkel Naseem über die verbrecherischen USA. „Sie fürchteten, sie könnten die nächsten Leidtragenden eines imperialistischen Gemetzels sein, die zukünftigen Opfer dieses neuen Zeitalters endloser amerikanischer Rache.

(Vater Sikander, der zuvor – ohne es zu wissen – mit dem Auto nur Meter an bin Ladens Haus vorbeifuhr, im Zuge dieser Auseinandersetzung immer erboster: „Aber die Medikamente, die ich euch aus Amerika mitbringe, nehmt ihr gerne!“)

Auch damit hätte man diese Rezension beginnen können: „In den schrecklichen Wochen nach 9/11 – als eine simple Handlung wie in den Bus zu steigen und einen Fahrschein zu kaufen eine von den anderen Passagieren mit ängstlichen, misstrauischen Blicken verfolgte Provokation war – hatte ich mich zu dieser Strategie bei der Frage nach meiner Herkunft entschlossen. Ich sagte dann einfach: ,Aus Indien‘.“ Indien, das mit köstlichen Aromen, Yoga und Bollywood verbunden wird, nicht wie Pakistan mit „dem Terror, dem Morden und der Wut“.

Homeland Elegien“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich rettet, indem er schreibt, auch über an den eigenen Mann gerichtete Fragen nach dem „Araber-Sein“, nach dem Warum „die“ „uns“ so hassen, die Wahnsinnsidee beider Seiten, Akhtar dabei immer ein Querdenker, wenn er das Unverständnis über Bikinis und Miniröcke, über den bizarren Wunsch nach gebräunter Haut, über die Vorstellung von Sauberkeit, „wenn man sich den Hintern mit einem Stück Papier abwischte“, und übers Christentum auflistet: die Heilige Dreifaltigkeit, die unbefleckte Empfängnis, das Ostereier-Färben, den Rentierschlitten.

Im Gegensatz zum westlichen Empfinden Mohammeds als Kinderschänder, da er doch mit Aischa bint Abi Bakr eine Neunjährige ehelichte. Traumdeutung als Mittel, selbst hervorgebrachtes Material zu bearbeiten, ein dramaturgisches Wiederaufführen schlimmster Erlebnisse zu Analysezwecken und die Eindämmung persönlichen Schmerzes auf der Suche nach höherem Zusammenhang – all das formt diesen Roman.

Bild: pixabay.com

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Der Blick aufs Allernächste ist dabei der schonungsloseste: Akhtar thematisiert nicht nur die eigenen aggressiv-sexuellen Obsessionen als werdender Stardramatiker, sondern auch die Alkohol- und Spielsucht seines Vaters. „Homeland Elegien“ ist am Ende das Buch eines „spirituell versehrten Amerikaners“. Akhtar schildert seine „Weigerung so zu tun, als hätte ich kein Problem mit meinem Land oder meinem Platz darin“ – was zu „Geächtet“ und 2013 zum Pulitzer Preis führt. Zu einem gefakten Poster von Akhtar vor den einstürzenden Türmen mit dem Spruch: „Proud of 9/11“ und der Frage, wo Fiktion aufhört und Fakt beginnt.

Des Anwalts Amir Kapoors Satz in „Geächtet“, die Amerikaner hätten 9/11 verdient, ist einer aus Fatima Akhtars Zornesrede nach dem Tod Latifs, und Ayad näher als ihm lieb ist. Vor diesem Hintergrund lautet die Ausgangsbehauptung von Ayad Akhtar, dass das berühmte, auch mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Theaterstück so häufig böswillig verdreht, missverstanden und instrumentalisiert wurde, dass dem Autor im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als via Roman ein paar klärende Worte an die Leserin, den Leser zu richten, bevor die Diskussion vollends aus dem Ruder läuft. Es ist sicher nicht die schlechteste Pointe des Buches, dass diese erzählerische Geste natürlich zutiefst amerikanisch ist.

Die westlich-weiße Mehrheitsgesellschaft teilt die Muslime unter ihren Staatsbürgern in der Regel in moderate und radikale Vertreter des Islams, um sie im nächsten Schritt voneinander zu trennen, und die einen zu integrieren und die anderen zu isolieren. Akhtars Roman entblößt nun den Generalverdacht, der dieser Logik zugrunde liegt, indem er seine Muslime je nach Stimmungslage beides sein lässt: moderat und radikal, pro- und antiamerikanisch, säkular und zutiefst gläubig. Wie das Leben eben so spielt, mal Marschmusik, mal Trauermarsch.

Akhtar rechnet ab mit „westlichen Werten“ und gleichzeitig mit der sinnlosen Ablehnung derselben, mit strukturellem wie Alltagsrassismus, aber auch einer selbstbestimmten Andersartigkeit. Obwohl er in den USA geboren wurde, heißt es an einer Stelle, „hatte auch ich einen willentlichen Anteil an meiner Ausgrenzung, denn ich war, nachdem ich über vierzig Jahre in Amerika gelebt hatte, noch immer bereit, mich als ‚anders‘ zu betrachten“, er rechnet ab mit einer Identitätspolitik, die Muslime als bedingt fähig zum selbstbestimmten, reflexiven Individualismus ansieht.

An Halloween 2017 steht Ayad Akhtar in einem Coffeeshop im New Yorker West Village, Polizeiautos rasen mit Sirene und Blaulicht am Fenster vorbei, einer der Gäste sagt, auf dem West Side Highway hätte es einen terroristischen Anschlag gegeben. „Manche behaupteten, der Täter – dunkelhäutig mit langem Bart – sei aus dem Wagen gesprungen und habe ,Allahu akbar‘ gerufen, bevor er von Polizisten in den Bauch geschossen worden sei. Ich zog mich aus der spontanen Gemeinschaft, die sich bildete zurück. Diese Lektion hatte ich sechzehn Jahre zuvor gelernt, als meine Neugier mich downtown und zu einer Begegnung geführt hatte, von der sich mein amerikanisches Ich wahrscheinlich nie ganz erholen würde …“

Über den Autor: Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Er ist der meistgespielte US-amerikanische Dramatiker der Gegenwart, Akhtars Stücke werden auch an allen großen deutschsprachigen Bühnen gegeben, so „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977) am Burgtheater. Sein Debüt „Geächtet“ gewann zahlreiche wichtige nationale und internationale Preise, darunter den Pulitzer Theaterpreis und 2017 den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Bestes Stück-Autorenpreis für „Geächtet“ am Burgtheater und am Schauspielhaus Graz. „Homeland Elegien“ ist nach „Himmelssucher“ (2012) sein zweiter Roman.

Claassen Verlag, Ayad Akhtar: „Homeland Elegien“, Roman, 464 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.

www.ullstein-buchverlage.de           www.ayadakhtar.com

  1. 1. 2021

Peter Fabjan: Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport

Januar 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Du musst das halt in meinem Sinn machen …“

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder und gleichzeitig be­handelnden Arzt Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung für das literarische Erbe, „deine zweite Karriere“, wie Bernhard ätzt – wie Fabjan es immer getan hat, von Jugend an, wenn ihn der Ältere brauchte.

Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“. Oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.

„Einmal sagte er: ,Ich will nicht, dass ihr beide (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Darum schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher bei mir das alles kommt.‘ Dennoch kann ich vielleicht etwas zum ,Woher‘ beitragen“, so Peter Fabjan. Der seine Erinnerungen über ein Dasein, besonders auch eines im

Schatten dieses großen österreichischen Autors nun doch noch in einem Buch zusammengefasst hat. „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“ erscheint heute, pünktlich zu Thomas Bernhards 90. Geburtstag am 9. Februar. Fabjan berichtet darin von den vielfach belasteten verwandtschaftlichen Verhältnissen, die aus Bernhards Werk bekannte „verwunschene Familie“, über die Fabjan im Unterschied zum Bruder „nie den Druck verspürte, diese Menschen in fiktive Figuren zu verwandeln, um sie ,loszuwerden‘“. Von der Kriegskindheit, vom Großvater mütterlicherseits, dem Salzburger Dichter Johannes Freumbichler, von der ledigen Mutter Herta und Bernhards langanhaltenden Verlassenheitsängsten.

Von Peters Vater Emil Fabjan, der vom anstrengenden Stiefsohn mehr als von den anderen beiden Kindern Gehorsam einforderte, schließlich von Thomas Bernhards Freundin und Vertrauter Hedwig Stavianicek. Von gemeinsamen Reisen in die USA, nach Portugal oder Polen, fabelhaft die Anekdote vom Übernachten auf dem Sofa des Warschauer Lyrikers Stanisław Jerzy Lec im Jahr 1964. Am Ende von seinen Bemühungen um den von langer und schwerer Krankheit gezeichneten Patienten. In dessen letzten Jahren sich Fabjan, Bernhard war zu diesem Zeitpunkt schon von Ohlsdorf nach Gmunden übersiedelt, im Haus gegenüber einquartierte.

Entstanden ist so der intime Einblick eines „lebenslang stummen Begleiters“ ins – so weit möglich – Innerste eines, der von sich einerseits sagte „Ich bin immer ein Störenfried geblieben“, andererseits „Ich bin der kleine Vogel, der im finsteren Wald schreit“. Und schön zu lesen ist, wie dieser vom anderen gewisse Sprachgewohnheiten angenommen hat – „Er würde das wahrscheinlich völlig unnötig finden und dazu überhaupt keinen Bezug haben, nicht“, „Ich schreibe mir auch gar keine künstlerische Ader zu, – eine intuitive schon, denn die brauchen Sie als Arzt auch, nicht.“ Nicht?

„In einem Gespräch mit dem Journalisten Kurt Hofmann im Haus in Ottnang antwortete Thomas Bernhard auf die Frage, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder habe: ,Na, ein brüderliches. Das ist so sporadisch, normal, und dann ist es so konträr. Eigentlich sehr angenehm. Nachdem man so verschieden ist, gibt’s keine Probleme. So ist das‘“, so Fabjan – und zwischen den Zeilen über Bernhards Distanz- wie Schutzbedürfnis meint man durchaus ein Leiden daran zu lesen.

„Wir Geschwister erlebten unseren Bruder früh eifersüchtig und als Meister im Demütigen. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden. Eine schwierige Situation“, formuliert Fabjan, und weiter: „Er war unfähig, Dankbarkeit zu zeigen. Im engeren Freundes- und Familienkreis war er besonders verletzlich und abweisend, wechselte schnell zwischen Zuwendung und eisiger Verachtung. Bisweilen gab er sich mitfühlend, begleitet von Belehrung, dann wieder zeigte er Interesse, ja Neugierde. In heiklen Situationen gab er sich als Kind, das Rücksicht in Anspruch nehmen darf, von einem Gegenüber, das zumeist weiblich war und wesentlich älter. Außerhalb des vertrauten Kreises galten Angriff und Provokation als beste Verteidigung …“

Sagt Fabjan über den „Dichterschauspieler“ und seine „in Gesellschaft gern wechselnden Gesichter“: „Er trat als Clown auf oder war von tiefem Ernst, sein Spektrum reichte von anerkennender Liebenswürdigkeit bis zu tiefem Hohn. Jeder Tag war eine gelebte Inszenierung. Wo immer er sich befand, stand er im Mittelpunkt: unterhaltend durch Witz, Kritik und unerschöpfliches Assoziationsspiel. Er war von sicherem Geschmack … sein Charme war legendär.“ Welch ein Satz von Peter über Thomas, dass das „eigene Leben in ihm schon in frühester Kindheit erstorben“ sei.

Aus dieser Kindheit schildert Fabjan einige Szenen, so auch diese aus dem Jahr 1950: „Mein Aufsatz in Deutsch, der die elende häusliche Situation nach dem Tod der Mutter zum Thema nimmt – ein erster Versuch der Bewältigung von Erlebtem durch Schreiben –, wird vom Lehrer als vorbildlich gesehen und soll von mir vorgelesen werden, was ich ablehnen muss. Thomas sieht ihn als nicht zulässig an.“ Dies Bezwingen mittels Sprache gestand der Argwöhnler, der später seine Kindheit und Jugend in fünf Teilen (Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind) verarbeitete, schon damals „naturgemäß“ nur sich selbst zu; Fabjan: „Das bösartige Kind in ihm blieb dabei zeitlebens lebendig.“ Er lernte früh, auf die Thomas’schen Ausbrüche von Jähzorn „keinesfalls mit spontaner Gefühlsreaktion zu antworten“.

Jede Bernhard-Leserin, jeden -Leser werden Peter Fabjans fragmentarisch aneinandergereihte Erinnerungen faszinieren. Er kann berichten, was kein anderer so unmittelbar nah miterleben konnte. Etwa von Telefonaten zwischen dem Vater und „Frau Stavianicek, die auf seinen Wunsch, Thomas zu sprechen, gemeint habe: ‚Worum handelt es sich denn?‘ Er war inzwischen zu ‚ihrem‘ Thomas avanciert. Darauf sein empörtes Insistieren mit erhobener Stimme: ‚Ich möchte den Thomas sprechen !!!'“

Den Thomas, über Thomas Bernhard sprechen – das mutet in manchen Kapiteln gar tragikomisch an. Auf einer allein unternommenen Reise durch Sizilien lernt Peter Fabjan einen dort schon lange ansässigen Deutschen kennen: „Ich werde in die Privatwohnung eingeladen und erzähle bei erlesenem Essen und Wein bis in die tiefe Nacht – von Thomas.“ Letztes Zitat, eine in die Aufzeichnungen aufgenommene, undatierte Notiz, die Bände spricht über die Bruderliebe zum übermächtig-berühmten. Dies soll als Leitsatz fürs Buch gelten: „Wenn Thomas nicht mehr lebt, werde ich meine Zuneigung viel stärker empfinden, als er es mir heute erlaubt.“

Über den Autor: Peter Fabjan, geboren 1938 im bayrischen Traunstein, studierte Medizin in Wien und war bis 2001 als Internist tätig. Nach Thomas Bernhards Tod übernahm er die Betreuung des Erbes seines Halbbruders. Er gründete das Thomas Bernhard Archiv, die Thomas-Bernhard-Privatstiftung und die Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft, deren Ehrenpräsident er ist. Peter Fabjan lebt in Gmunden in Oberösterreich.

Suhrkamp Verlag, Peter Fabjan: „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard – Ein Rapport“, 240 Seiten. Mit zahlreichen, teilweise bisher unveröffentlichten Abbildungen.

www.suhrkamp.de           thomasbernhard.at

  1. 1. 2021