Michael Chabon: Moonglow

März 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Jagd nach Wernher von Braun

„Moonglow“, das ist ein berühmter Jazzsong aus den 1930er-Jahren, interpretiert von vielen, Benny Goodman bis Doris Day, ein Liebeslied, und dass Michael Chabon ihn möglicherweise im Ohr hatte, als er sein aktuelles Buch ebenso nannte, macht Sinn. Sein „Moonglow“ ist ebenfalls eine Liebeserklärung, an seinen Großvater mütterlicherseits, dessen abenteuerliche Lebensgeschichte der Autor in der letzten Woche dieses Daseins erfahren haben will. Gesprächig gemacht von einem Medikament gegen den Krebs, beginnt der Hochbetagte seine Biografie darzulegen.

Chabon ist ein Meister im Ausloten von Fakt und Fiktion. Das hat er mit seinen bisherigen, darunter eins mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten, Büchern bewiesen. Anscheinend mühelos wechselt er Genres und Themen, von magischem Realismus zum Krimi, von der Comicheldensaga zum akademischen Künstlerroman. Nun also dies. Larger than live. Denn kaum ist zu glauben, nicht ist zu trauen, was dem Großvater in einem Leben alles passiert sein soll. Schildbürgerstreiche und berührende Episoden wechseln einander ab. Dieses Buch hat den Blues, die Tragi- schrammt an der -komödie. Einmal mehr betritt Chabon das für ihn literarisch so fruchtbare Hinterland von Sein und Schein.

Ein Ich-Erzähler, genannt der erfolgreiche Schriftsteller Michael Chabon, führt durch das Dickicht der einzelnen Episoden. Aus den weitverzweigten Handlungssträngen treten vielleicht vier deutlich hervor. Denn „Moonglow“ ist Familiensaga und ein Buch über den Zweiten Weltkrieg, ist ein Bericht über das US-Raumfahrtprogramm und über eine Holocaust-Überlebende: Letztere die Großmutter, auch wenn sich am Ende alles als anders entpuppt, ein psychisch zerstörter Mensch, die sich von einem „gehäuteten Pferd“ verfolgt sieht. Welch ein Bild für die Massenvernichtung durch die Nazis.

Einen von deren prominentesten jagt der Großvater quer durchs besetzte Deutschland: Wernher von Braun. Beide Männer sind in der Raketenforschung tätig, der Großvater baute unter anderem Modelle für die NASA. Und dann ist da noch Sally Sichel, eine späte Liebe des Großvaters in einer Seniorenresidenz in Florida, und die Familienaufstellung, die der Autor mit seiner Mutter betreibt, der Onkel, der vom Rabbi zum professionellen Billard- und Pokerspieler wird, und wie der Großvater seinen Arbeitgeber fast ermordete und im Gefängnis war und und … Chabon springt zwischen den Jahrzehnten und den Ereignissen. Immer auf dem Höhepunkt der Spannung wechselt er in eine andere Story. Wie das Gedächtnis, das Erinnern einem eben seine Streiche spielt.

Bild: pixabay.com

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Das ist nicht (nur) gemein von Chabon, das treibt einen lustvoll durch die fast 500 Seiten, immer auf der Suche nach dem, wo’s weitergeht, von dem man mehr erfahren will. Leerstellen gibt es natürlich, kein Leben, und sei es noch so schön erfunden, kann auserzählt werden. In Fußnoten ergänzt Chabon wofür er in seiner Erzählung keinen Platz zu haben glaubt, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in großer sprachlicher Eleganz serviert. „Moonglow“ besticht durch seine poetische Prosa. „Bei ihr drohte es immer zu regnen; er war mit einem Schirm unterm Arm zur Welt gekommen“, schreibt Chabon etwa über die Ehe der Großeltern.

Sehr plastisch sind die Schrecken des Krieges dargestellt. „Moonglow“ berichtet ausführlich darüber, „was in Nordhausen passiert ist“, über das Konzentrationslager Dora-Mittelbau, in der Häftlinge für die ortsansässige Raketenfabrik schufteten und starben. Unfassbare 60.000 Menschen kostete die Anlage das Leben. Es war das erste KZ, das US-Truppen je sahen, die Bilder gingen um die Welt. Kein Wunder, dass Chabon seine heutige Leserschaft darauf aufmerksam machen will, „dass die Wurzeln der technologischen Entwicklung Amerikas nach dem Krieg, insbesondere im Bereich der biologischen Kriegsführung, der Luftfahrt und der Raumfahrt, in den abscheulichen Kriegsverbrechen der Nazis und der systematischen Vertuschung dieser Verbrechen durch die Amerikaner lagen“.

Über den Autor: Michael Chabon wurde 1963 in Washington, D.C., geboren und wuchs in Columbia, Maryland, auf. Er besuchte die Carnegie Mellon University und wechselte bald zur University of Pittsburgh, wo er 1984 den Bachelor of Arts erlangte. Für den Master of Fine Arts im Fach Creative Writing ging er an die University of California, Irvine. Er erhielt für sein umfangreiches Werk zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Pulitzer-Preis für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. Er lebt heute mit seiner Frau, der Schriftstellerin Ayelet Waldman, und den vier Kindern in Berkeley, Kalifornien.

Kiepenheuer & Witsch, Michael Chabon: „Moonglow“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer.

www.kiwi-verlag.de

  1. 3. 2018

Howard Jacobson: Pussy

Februar 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist …

Statt mit einem „Es war einmal“ mit einem „Es passiert gerade“ beginnt Kultautor Howard Jacobson sozusagen sein neues Albtraummärchen „Pussy“. In einem „Zornesanfall des Unglaubens“, erzählte er dem Observer hätte er mit dem Schreiben dieses Romans begonnen; der vermerkt dazu: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

Der Satz steht auch auf dem Buchrücken. Womit die Parameter abgesteckt wären. „Pussy“ ist so überdrüber, dass es der Wahrheit entsprungen sein musste. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Politikern ist ausdrücklich erwünscht und nicht zufällig. Protagonist des Ganzen ist Prinz Fracassus, dessen Lebenslauf von der Wiege bis zur ersten Wahl zu folgen ist. Er ist Sohn des Herzogs von Urbs-Ludus, einer Wolkenkratzermetropole hinter hohen Mauern, einer Meritokratie, in der sich die Bevölkerung „Bauträger“ nennt.

Fracassus nun, gesegnet mit einem wilden Schopf aus gaggerlgelbem Haar, ist ein rechter Rüpel. Er verachtet Frauen und schikaniert Untergebene, was beides beachtlich ist, angesichts des Umstands, dass er sich eigentlich für nichts und niemanden außer sich selbst interessiert. Sein Sprachschatz umfasst gerade ein paar Worte, die wiederzugeben der Anstand verbietet. Wäre die Frisur nicht sein eigen, müsste man sagen, er ist Toupet mit Tourette. Er ist eine Figur „abzüglich einer zuvorkommenden Art, einer großmütigen Gesinnung, jeglicher Kritikfähigkeit, eines Gespürs für Lächerlichkeit, einer schnellen Auffassungsgabe und eines Händchens für Sprache.“ Dennoch wird er zum Liebling des Wahlvolks.

Die Menschen, die ihm dazu verhelfen, skizziert Jacobson in zahlreichen Details. Man spürt beim Lesen deutlich seine Wut, die Verhältnisse, die schon so sind, xenophob und misogyn und insgesamt ignorant, darzustellen. Da sind zunächst Ex-Model-Mutter und Vater-Fürst mit dem bestechenden Credo: „Eine liebenswerte, kommerzorientierte Jux-und-Tollerei-Plutokratie kann man nicht nach demokratischen Richtlinien führen …“ Zwei Lehrer, die sexyhexy Frau Dr. Cobalt und Professor Probius – Leitsatz: „Eine schlechte Grammatik bringt schlechte Menschen hervor“ -, der wegen „erkenntnismäßigen Herablassens“ aus dem Universitätsdienst entlassen wurde.

Bild: pixabay.com

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Da ist der Führer der Partei der einfachen Leute, Caleb Hopsack, der persönlich auf allergrößtem Fuß lebt. Und Sojjourner, die für die Liberalen antritt, und sich durch großspuriges Blabla aus dem Rennen wirft. Und da ist der großartige Bundesgenosse aus dem Nachbarstaat, der sein Volk in einer es erstickenden Umarmung an die gerne nackt gezeigte Brust zieht und Minderheiten in ihren Arbeitsmöglichkeiten ausblutet. „An den Wänden seines Büros hingen Fotos von Spravchik in Badehose, wie er einen Jeep fuhr, tauchte, surfte … auf einem maß er sich mit einem Eisbären im Armdrücken, auf einem anderen entfernte er vorsichtig einen Stachel aus der Pfote eines Löwen.“

Jacobson ironisiert seine dieser Tage allgegenwärtigen Geschöpfe auch als politische Archetypen. Er stellt ihr Philistertum aus. Er demonstriert seine Verachtung für den Mangel an Stil und Intellekt, der da in die höchsten politischen Kreise (nicht nur) der USA eingezogen ist. Er zeigt einen Krieg, einen Politthriller um die Seelen der Menschen – und er zeigt Vermögen und Unvermögen wahrer Demokratien. Was Jacobson nicht tut, ist Erklärungen auszustellen. Er stellt eben lieber dar. Seine Satire kennzeichnet Geschehnisse, zwischen den Zeilen gelesen überhöht sie sie nicht einmal. Das ist viel, aber gleichzeitig auch alles. Literarische Analysen gibt es nicht.

Derweil wird Fracassus zum Twitter-Star. Seine 140-Zeichen-Botschaften erreichen den Kern der Menschen. Er lernt Steuervermeidung ist nicht -hinterziehung, den Einsatz von Poledance bei wichtigen politischen Fragen und, dass Ideologie in erster Linie Unterhaltung ist. „Flüchtlinge? – Ballert sie ab!“, twittert er – und die Menge lacht über den Scherz. Am Ende wird er der Sieger über alle und alles sein. Es ist ein Sieg der Einfalt. Ein Fernsehsender folgt Fracassus nun rund um die Uhr. Und Brightstar, Internet-„Plattform für nativistischen, homophoben, konspirationsaffinen, völkischen Ethno-Nationalismus“. Von Professor Probius gibt es noch ein Zitat: „So etwas wie Volkes Wille gibt es nicht. Es gibt bloß den Willen derjenigen, die dem Volk sagen, was Volkes Wille sein soll.“

Über den Autor: Howard Jacobson, geboren 1942 in Manchester, zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Booker-Preis. Mit „Pussy“ erscheint Jacobsons neuester Roman auf Deutsch bei Tropen.

Tropen Verlag, Howard Jacobson: „Pussy“, Roman, 272 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

www.klett-cotta.de

  1. 2. 2018

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin

Februar 7, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mauerblümchen erblüht an seiner Missbrauchsstory

Noch bevor einen die Handlung in Bann schlagen kann, tut es bereits die Sprache. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen malt mit Worten wunderschöne Bilder. Über ein Mädchen etwa schreibt sie: „Ihre jüngere Schwester bewegte sich so bezaubernd frei und ungezwungen, dass die Ampel der Stadt jedes Mal freudig erröteten, wenn sie sich näherte. Die ohnehin verstopften Straßen verstopften noch mehr, denn die Ampeln lieferten eine solche Welle von Rot, dass der gesamte Verkehr zum Erliegen kam. Nur Maya wandelte durch liebliche Auen grünen Lichts …“

Maya ist nicht die Protagonistin dieses Buchs. Die „Lügnerin“ ist ihre ältere Schwester Nuphar Schalev, in den Schulferien Eisverkäuferin, und von der Göttin Schönheit nicht ganz so intensiv geküsst, wie sie’s gern hätte. Kurz, Nuphar ist ein Mauerblümchen. Und dann ereignet sich das Schicksal. Ein abgehalfteter Showstar, Avischai Milner, betrifft das Geschäft, missgelaunt, weil er soeben erfahren hat, dass sein Comebackversuch scheitern wird. Also pöbelt er Nuphar an, die läuft weinend in den Hinterhof, der Sänger hinterher, sie schreit –

Und schon hat die Welt eine neue Story: „Versuchte Vergewaltigung einer Minderjährigen – Ex-Star verdächtigt … Für einen kurzen Augenblick verharrt die neugeborene Geschichte an ihrem Geburtsort, atmet die würzige Abendluft, dann hält sie es keine Minute länger im Hinterhof aus.“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht. Polizei, Feuerwehr, Soldaten, Passanten sammeln sich um Nuphar, die Medien sowieso. Und siehe, das Mädchen blüht an seiner aufgebauschten Missbrauchsstory auf. Ein völlig neues Selbstbewusstsein durchfährt die 17-Jährige. Plötzlich ist sie die Wichtige in der Familie, nicht mehr Maya.

Gundar-Goshen erzählt all dies mit viel Humor. „Lügnerin“ ist, man würde es bei diesem Thema kaum glauben, ein großes Lesevergnügen. Die Autorin weiß nicht nur alles Teenagerelend dieser Welt zu verpacken, sondern schildert auch Alltag in Israel, ein Leben zwischen Friede und immer wieder neuen Kriegen, daran entrollt sie ganze Familiengeschichten. Über einen Vater heißt es: „Arie Maimon kannte die Karte des Libanon in- und auswendig, aber auf den verborgenen Pfaden vom Sofa zum Zimmer seines Sohnes, in den Wadis zwischen Flur und Küche, irrte er hilflos herum.“ Avischai Milner wiederum wurde als Straßensänger entdeckt, als das Land um Schimon Peres trauerte …

Bild: pixabay.com

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Dazu kommt ein Lustigmachen über die Käuflichkeit einer Gesellschaft, die aus Sensationsgier und Mediengeilheit alles tut. Nuphar wird auf einmal von den feinsten Boutiquen für ihre Fernsehauftritte eingekleidet. Sie muss nur die Namen der Kaufhäuser nennen. Und seinen. Nuphar bleibt im Buch nicht die einzige, die sich die Wahrheit zurechtbiegt. Lavie Maimon, Aries Sohn, hat die Szene mit Milner vom vierten Stock aus beobachtet – und durchschaut. Also beginnt der schmächtige Bursche, der dem Vater vorgaukelt, er hätte sich bei einer Eliteeinheit beworben, das Mädchen zu erpressen, sie muss ihn öffentlich „mein Freund“ nennen. Doch was kann man gegen eine Lüge sagen, die das eigene Leben zumindest besser macht? Dies die großen Fragen, die Gundar-Goshen immer wieder stellt: Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Maya wird immer misstrauischer, und auch Nuphars Mutter, als sie ein umgeschriebenes Tagebuch entdeckt. Ein Bettler weiß ebenfalls Bescheid, erfährt man, die Kommissarin will nicht aufhören nachzuforschen, der Vater ist befangen, und Nuphars Lügenspirale dreht und dreht sich. „Die ganze Nacht spann sie Handlungsfäden und Ereigniskurven, und als die ersten Sonnenstrahlen in ihr Zimmer fielen, sank sie erschöpft aufs Bett …“ Es kommt zum Showdown mit Milner …

Und schließlich, im zweiten Teil des Buches, die einnehmendste aller Lügnerinnen: Die Altersheimbewohnerin Raymonde, die sich für ihre verstorbene Freundin Rivka ausgibt, deren Biografie annimmt, um der Einsamkeit zu entfliehen und mit Schülern als Zeitzeugin nach Polen reisen zu können. Wie sie Jiddisch lernt und Kibbuz-Hebräisch, wie sie an einem Internetkurs teilnimmt, um dort etwas über Auschwitz zu erfahren, das sie später erzählen wird können. Sie lernt den alten Ahrale kennen, er tatsächlich Holocaustüberlebender. Ihm muss sie die Wahrheit gestehen, doch darauf angesprochen sagt er später nur: „Ich kann mich nicht erinnern!“ Denn wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Über die Autorin: Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, „Eine Nacht, Markowitz“ (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zugesprochen wurde, wird derzeit von der BBC verfilmt. 2015 folgte mit „Löwen wecken“ ihr zweiter Roman, den sich NBC für eine TV-Serie vorgenommen hat.

Kein & Aber, Ayelet Gundar-Goshen: „Lügnerin“, Roman, 336 Seiten

keinundaber.ch

  1. 2. 2018

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Januar 26, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine fantastisch gruselige Erzählung

Knapp vor seinem neuen Erfolgsroman „Tyll“ erschien von Daniel Kehlmann das schmale Bändchen „Du hättest gehen sollen“, eine im doppelten Wortsinn fantastische Erzählung, mitreißend spannend und von hohem Gruselfaktor. Vorliegt dem Leser ein Notizbuch, ein Ich berichtet darin über die seltsamen Geschehnisse in einem Ferienhaus in den Bergen.

Dorthin hat sich ein Ehepaar samt Kind, man hat die besten Verliebtheitszeiten schon hinter sich, zurückgezogen, weil er – das Ich – an einem Drehbuch arbeitet. Heißt: An der hanebüchenen Fortsetzung von etwas, das schon beim ersten Mal banal war, wie Fernsehen eben so ist. Die Frau, Schauspielerin, lässt es ihm gegenüber an Verachtung nicht fehlen, so erzählt das Ich die Lovestory seiner Figuren parallel zur eigenen Ehegeschichte.

Bald wird klar, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Immer mehr Gänge, immer mehr Zimmer tun sich auf, Türen führen ins Nichts, „… wir hatten das Wohnzimmer verlassen, aber die Tür, durch die wir gegangen waren, hatte uns wieder ins Wohnzimmer geführt …“

Es gibt Albträume von einer erschreckenden Frau, deren Foto neben der Waschmaschine hängt, leere Fenster, wo ein Spiegelbild sein sollte. Der Gemischtwarenhändler im Dorf fragt: „Schon was passiert?“, eine seiner Kundinnen rät: „Geht schnell weg!“ Im Kinderzimmer ereignet sich scheinbar Grauenhaftes: „… als ich den Flur entlang zum Wohnzimmer ging, hörte ich die Stimme wieder, und sie sprach Worte, fremd und alt, ein Flüstern halb, halb ein Seufzen, und als ich das Zimmer erreichte und auf dem Bildschirm eine große Gestalt sah, die sich über Esthers Bett beugte, war mir, als bliebe mein Herz stehen. Dann erst sah ich, dass ich das war.“

Bild: pixabay.com

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Ebenso wie der Verdacht, dass seine Frau fremd geht, erhärtet sich im Ich-Erzähler auch jener, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann. Er bleibt in den vier Wänden wie eingekerkert. „Geh weg“ steht auch in seinem Notizbuch, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, es hineingeschrieben zu haben. Und dann das: „Vorhin war ein Mann im Zimmer. Er sah nicht gefährlich aus, eher müde … Ich konnte es nicht gut erkennen, weil er nicht auf dem Fußboden stand, sondern an der Decke, und er sah auf mich herunter, als wollte er um Hilfe bitten …“

„Du hättest gehen sollen“ ist eine raffinierte, abgründige Schauergeschichte. Halb Familiendrama, halb Geisterstory. Und unbedingt für eine Verfilmung geeignet. Des Rätsels Lösung ist, es gibt mehr Dimensionen als die Schulweisheit sich träumen lässt, und Raum und Zeit fordern ihren Tribut. Mehr und mehr wird das Geschriebene zu Halbsätzen, bis … letzten Seiten des Notizbuches bleiben leer …

Über den Autor: Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden. Zurzeit unterrichtet er an der New York University und ist Fellow am Cullman Center for Writers and Scholars der New York Public Library.

Rowohlt, Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“, Erzählung, 96 Seiten

www.rowohlt.de

www.kehlmann.com/

  1. 1. 2018

Charles Bukowski: Keinem schlägt die Stunde

Januar 25, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bislang Unbekanntes vom Dirty Old Man

Und wieder einmal ist es gelungen, dem Nachlass von Charles Bukowski bis dato unbekannte Storys abzuringen. Von frühen, bislang unveröffentlichten Erzählungen aus den 1940er-Jahren bis zu den späten Geschichten, die der Dirty Old Man in den Achtzigern schrieb, führt der mit einem Seitenhieb auf Hemingway betitelte Band „Keinem schlägt die Stunde“ durch Bukowskis ganze Entwicklung als Schriftsteller.

Das Besondere dabei ist, das Geschriebene wird hier von Gezeichnetem begleitet. Bukowski hatte vom Beginn seiner literarischen Laufbahn an ein Faible für Zeichnungen und illustrierte seine Storys gerne selber. Ein Beispiel dafür ist die im Buch enthaltene „Ein gütiges, verständnisvolles Gesicht“, die zeigt, wie Bukowski Bild und Text gemeinsam konzipierte. Über Ralphs Selbstmord, zu dem ihm der Schlusssatz „Der Rasen verkam“ einfiel, schrieb er an Zeitschriftenverleger Whit Burnett im November 1948: „Gerade hier finde ich die Zeichnungen besonders gelungen, und ich hoffe, es kommt nichts weg.“

Der vorliegende Band präsentiert sich als Einstiegsluke ins Gedankengebäude Bukowski. Es zeigt den geistreichen, saloppen Erzähler, der mit seiner entschlackten Prosa besticht, ebenso wie den, der mit Slang und Unflätigkeit um sich schlägt. „Wir hingen am Wein“, formuliert er da beispielsweise noch beinah jugendfrei, „meine Freundin und ich. Jane war ein Naturtalent, sie hatte herrliche Beine, eine enge kleine Spalte und ein Gesicht aus gepudertem Schmerz. Von ihr lernte ich mehr als aus den Büchern großer Philosophen.“ Oder: „… es war heiß – sie hatte hohe Silberstöckel an und ein rosa Spitzenhöschen, und ihre Hinterbacken wirbelten enthemmt vor einem unergründlichen Gott.“

Doch Bukowski ist keiner, der nur über Sex und Saufen schreibt, eine Kette von nuttigen Frauen, Betrug und Selbstbetrug, Exzessen, Gefängnis und noch mehr Schlägereien …, und der dabei in Zitaten seine Höchstbelesenheit narzisstisch ausstellt.  „Keinem schlägt die Stunde“ lässt den Autor zwar in aller Seelenruhe seine mythologisierte Autobiografie schildern – es ist typische Methode, dass er Episoden aus seinem Dasein aufgreift, die vernachlässigte Kindheit, die Hautentstellung, den Beinahtod durch Alkohol 1954, umgestaltet, ausschmückt, Neues dazuerfindet -, zeigt aber auch seine Ausflüge ins Science Fiction- und Westerngenre, lässt ihn zwar den Sturm und Drang seines dionysischen Gefühls- und Sexlebens ausbreiten, zeigt ihn aber auch als politischen und sozialkritischen Autor.

Bild: pixabay.com

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An der Sinnlosigkeit des Vietnamkriegs – „Sie waren als Helden gefeierte Mörder“ – und am rechtsaußen stehenden Gouverneur Alabamas, George Wallace, arbeitet er sich diesbezüglich am häufigsten ab. Über den viermaligen Kandidaten zur Präsidentschaftswahl schreibt er in einer Dystopie, dieser hätte gewonnen: „Die Sozialhilfe wurde abgeschafft, die Altersrente gestrichen. Die Polizeikräfte wurden verdreifacht, neue Konzentrationslager und Gefängnisse gebaut … Sämtliche Redakteure linker Tageszeitungen wurden vor vielen hunderttausend Schaulustigen in den Base- und Footballstadien Amerikas gefoltert … (dazu) lief eine Schallplatte über die Lautsprecher: God Bless America!“ Die knallharte Story „Einbruch“ wiederum enthält ein ausdrückliches Statement zur Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Eine darin gnadenlos ausgewalzte, trotzdem kommentarlose Vergewaltigung macht den Leser zum Quasi-Beteiligten und Zuschauer zugleich.

Bukowski lesen ist wie über Geröll zu gehen, ständig in der Angst, dass der Boden unter einem bricht. Doch er beherrscht Pathos, Farce, Tragödie. Und oft rettet Humor die Situation. Er kann Situationen entschärfen, indem er sich über deren ganze Absurdität lustig macht. Titel wie „Ein Tag im Leben eines Pornobuchhändlers“ oder „Keine Quickies“ deuten das an. In „Ein schmutziger Schachzug gegen Gott“ wird eine Wohngemeinschaft mit Adolphe (sic!) Hitler zum Urquell alten Übels. Und wohl nie wurde eine brutale Flugzeugentführung skurriler geschildert als hier. Bukowski schreibt in seinen Los Angeles- und Wüstenstorys über Jockeys und Footballspieler, Glücksritter und andere Loser. Ein weiblicher Fan plant gar eine Revolution der Ratten.

Immer will Bukowski unterhalten, doch treibt es ihn, dabei die dunkelsten Abgründe des Menschseins auszuloten. Das monströse, unergründlich Gewalttätige als zweite Seite des sanften Herzens lässt ihm keine Ruhe. „Das Ding ist da. Ich muss es mir ansehen … Das ist alles. Ich kann es wirklich nicht erklären“, schreibt er dazu einmal. Und am Ende seiner Notizen: „… das ist jetzt zwar kein tiefsinniger Abschluss, aber es soll genügen. Bleiben Sie dran, bleiben Sie wach, und wahrscheinlich bekommen Sie eine Gebrauchsanleitung für die Zukunft von mir.“

Über den Autor:
Charles Bukowski, geboren am 16. August 1920 in Andernach bei Koblenz, wuchs während der Wirtschaftskrise in Los Angeles auf. Schon als Kind ein Außenseiter, fand er früh Halt bei Alkohol und Literatur. Unzählige schlechtbezahlte Jobs und ein Leben in billigen Absteigen, erste Short Story mit 24, lebensgefährliche Magenblutung mit 35. Erst mit 50 Jahren konnte er vom Schreiben leben, wurde auch in Österreich Kultautor. Seit seinem Tod am 9. März 1994 wurde weiter aus dem Nachlass veröffentlicht, eine literarische Gesellschaft gegründet und sein alter Hinterhof zum Kulturerbe erklärt. Heute ist Bukowski ein moderner Klassiker.

S. Fischer Verlage, Charles Bukowski: „Keinem schlägt die Stunde“, Storys, 368 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch

www.fischerverlage.de

  1. 1. 2018