100 Jahre Amalthea: Das war ein Fest!

April 5, 2017 in Buch

Für viele der Höhepunkt des Abends: Wir schneiden die Geburtstagstorte an. Bild: Amalthea/Andreas Tischler

Davor gab’s schon im Gmoa-Keller eine gemeinsame Stärkung fürs Jubiläum. Bild: mottingers-meinung.at

Der Festsaal im Haus der Industrie ist voll mit den Freunden des Amalthea-Verlags. Bild: Amalthea /Andreas Tischler

Und so wird aus einem Selfie ganz schnell ein „Andie“. Bild: Amalthea /Andreas Tischler

Maria Happel und Heinz Zuber lesen „Nektar und Ambrosia“. Bild: mottingers-meinung.at

Doppelconférence von Otto Schenk & Michael Niavarani. Bild: mottingers-meinung.at

Ohne Worte! Oder nur eines: Aftershowinsektlauneparty. Bild: Fotobox

Und noch einmal mit Gefühl …, äh, mit dem Füllhorn der Amalthea natürlich. Bild: Fotobox

Mehr Fotos: www.amalthea.at

Wien, 5. 4. 2017

Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei

März 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gezeichnete Berichte aus dem Brennpunkt Naher Osten

Wer aktuell sein will, dem kann’s passieren, dass er vom Tagesgeschehen überrollt wird. So ging’s Autorin Sarah Glidden, die 2010 mit befreundeten Journalisten in den Nahen Osten aufbrach, um deren Reportagen und Interviews über die Folgen des Irak-Kriegs und die Kriegsflüchtlinge in Zeichnungen festzuhalten. Mehrere hundert Stunden Tonmaterial hat sie auf Papier gebannt. Das dauert. Nun ist ihre Graphic Novel „Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“ erschienen, mitten hinein in den syrischen Bürgerkrieg, die IS-Gräuel im Irak und den Umbau der Türkei in eine Diktatur, und es ist seltsam, über all diese Länder zu lesen, in denen es im Vergleich zu heute vor sieben Jahren noch relativ ruhig war.

Nichts desto trotz ist Gliddens Buch lesenswert. Denn nie war es ihr Ansinnen, von „der Front“ zu berichten. Der jungen Amerikanerin ging es von Beginn an darum, Geschichten aus dem Hinterland zu sammeln, Menschen und ihre Schicksale zu dokumentieren, und das tut sie als einfühlsame Beobachterin der Situationen.

Dass dem Europäer dabei manches ein wenig kindlich anmutet, ist zu verzeihen. Schließlich ist die Graphic Novel für den US-Markt gedacht, und in Trump-Land ist es vermutlich gut, dass sie etwas Lehrbuchhaftes hat. Glidden beleuchtet nicht nur die ahnungslose Naivität ihrer Landsleute, was das Weltgeschehen und die selbst auferlegte Rolle der USA als Weltpolizei betrifft. Sie bezieht auch klar Stellung, wenn sie erklärt, dass viel von dem, was sie an Zerstörung und Zertrümmerung von davor westlich modernen Städten und ergo Flüchtlingsströmen aus diesen sieht, auf die Einmischung und die militärischen Einsätze der USA in diesen Ländern zurückgeht. Wie nebenbei ist „Im Schatten des Krieges“ auch eine griffige Auseinandersetzung mit dem dieser Tage gebeutelten und diffamierten Berufsbild Journalist, ein gezeichnetes Plädoyer für die „vierte Macht“ und deren unabhängige Berichterstattung.

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Und so sind sie also aufgebrochen. Sarah Glidden, ihre Journalistenfreunde Sarah Stuteville und Alex Stonehill vom Seattle Globalist (www.seattleglobalist.com) – und Dan O’Brien, ein Jugendfreund und Ex-Marine, der nun als Zivilist in den Irak zurückkehren möchte. Dieser Dan ist es, der in weiterer Folge für Zündstoff sorgen wird. Denn erst nach und nach entfaltet sich seine Story und das damit verbundene Trauma. Eine weitere widersprüchliche Figur ist der Iraker Sam Malkandi, dem die Flucht in die USA zwar gelungen war, der aber wegen des Verdachts, Kontakt zu den 9/11-Terroristen gehabt zu haben, ausgewiesen wurde.

Malkandi beteuert seine Unschuld so heftig, wie Dan vehement behauptet, er hätte als Soldat Gutes bewirken wollen. Und so schwankt man als Leser zwischen deren und den eigenen Argumenten, zwischen Mitleid, Sympathie und Abneigung. Spannend liest sich auch, wie unterschiedlich Iraker und Kurden den Irak-Krieg für sich bewerten. Ein kurdischstämmiger Chauffeur missversteht, weil der englischen Sprache nicht so sehr mächtig, einen Scherz des Quartetts. „No, Mossul! No, Mossul, no!“, schreit er entsetzt, als er glaubt, man würde ihn auf der Autobahn zum Abbiegen Richtung der Stadt zwingen, die heute wieder heiß umkämpft ist. Dass Syrien weiland einen Großteil der irakischen Flüchtlinge aufnahm, die durch die US-Invasion aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ist eine bittere Erkenntnis für die vier Reisenden. Mittlerweile gehören Syrien und der Irak zu den sieben Staaten, über deren Bürger Trump ein Einreiseverbot verhängte.

Glidden trifft Internet-Blogger und Frauenaktivistinnen, sie wird in Privatwohnungen eingeladen, geht zu den Menschen in Flüchtlingscamps, begleitet Sarah und Alex zu ehemals politischen Häftlingen und Kriegsopfern. All diese Begegnungen hält die Autorin in schlichten Tusche- und Aquarellzeichnungen fest. Sie selbst bleibt über weite Strecken eine Stimme von außerhalb des Bildrands. Ist um Objektivität bemüht. Was ihr nicht immer gelingt. Und so sind denn auch die Episoden am interessantesten, in denen sie ihre Beobachterposition verlässt. Auch Golfkriegsveteran Dan wird sich Sarah schließlich öffnen. „Ich wünschte, wir wären nie in den Irak einmarschiert. Unsere Außenpolitik sollte den ganzen Militärkram einfach lassen“, sagt er da.

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Bild: Sarah Glidden/Reprodukt Verlag

Über die Autorin:
Sarah Glidden, geboren 1980 in Boston, studierte Malerei und gewann 2008 den Ignatz-Award in der Kategorie “Vielversprechendes neues Talent”. Ihr erstes Buch, “Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger” (Panini), erschien 2011 und wurde auch hierzulande von der Presse hoch gelobt.

Reprodukt Verlag, Sarah Glidden: „Im Schatten des Krieges. Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“, Graphic Novel, 304 Seiten. Aus dem Englischen von Ulrich Pröfrock.

sarahglidden.com

www.reprodukt.com

Wien, 5. 3. 2017

Houchang Allahyari: Normalsein ist nicht einfach

Januar 12, 2017 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Autobiografie und ein neuer Film

Allahyari_Normalsein_1D_HRMittwoch Abend stellte Psychiater und Filmemacher Houchang Allahyari im Wiener Stadtkino sein erstes Buch und seinen neuen Film vor. „Normalsein ist nicht einfach“ heißt ersteres, „Die Liebenden von Balutschistan“ zweiterer. Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen und seinen beiden Töchtern las Allahyari aus seiner Autobiografie.

Darin erzählt er von seiner Ausbildungszeit zum Neurologen sowie Psychiater unter anderem an der Linzer Nervenheilanstalt Wagner-Jauregg, von seiner Zeit als Psychiater in einer Strafanstalt, wo er das Medium Film in der Therapie mit jugendlichen Straftätern nutzt, und von der Entstehung seiner preisgekrönten Filme und Begegnungen mit Stars wie Leon Askin, Gunther Philipp, Waltraut Haas, Karl Merkatz, Erni Mangold und Liza Minnelli.

In knappem, sensiblem Ton setzt August Staudenmayer die selbstironischen Schilderungen Allahyaris von skurrilen Vorkommnissen und erschütternden Erlebnissen mit Patienten wie etwa Paul Wittgenstein in literarische Episoden um.

Man erfährt, warum die Krankenschwestern im oberösterreichischen Kirchberg Allahyari „Dr. Huschi“ nannten und warum er sich dort einmal als Jesus ausgab, schmunzelt über einen Primarius, der alle Patientinnen „Weibi“ nannte und begleitet den gebürtigen Teheraner auf seinen ersten Schiausflug, der natürlich als Desaster enden musste. Ebenso, wie die „Projektgruppe Film“, die der Psychiater in einer Jugendstrafanstalt ins Leben rief, die sich aber nach der ersten Exkursion in Luft aufgelöst hatte. Immerhin Postkarten seiner Schützline hat Allahyari lange danach noch erhalten, eine sogar aus Indien und zwei aus den USA …

Amalthea Verlag, Houchang Allahyari: „Normalsein ist nicht einfach. Meine Erlebnisse als Psychiater und Filmemacher“, Autobiografie, aufgezeichnet von August Staudenmayer, 240 Seiten.

www.amalthea.at

Die Liebenden von Balutschistan: Allahyari beim Tanzen ... Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Liebenden von Balutschistan: Allahyari beim Tanzen … Bild: © Stadtkino Filmverleih

... und beim Abwarten und Tee trinken (hinten). Bild: © Stadtkino Filmverleih

… und beim Abwarten und Tee trinken (hinten). Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Liebenden von Balutschistan

Wie immer gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch entstand Allahyaris neuer Kinofilm „Die Liebenden von Balutschistan“, der am 13. Jänner in den Kinos anläuft.  Die alte balutschische Liebesgeschichte von Hani und Morid zieht sich als roter Faden durch die Dokumentation. Vater und Sohn sind aus Österreich in das abgelegene Grenzgebiet zwischen Iran, Afghanistan und Pakistan gereist. Auch für Houchang Allahyari ist Balutschistan ein unbekanntes Gebiet, wie für die meisten Iraner. Die Gegend gilt als gefährlich, ist sie doch ein Zentrum des Schmuggels. Auf den Spuren der Legende treffen die beiden Filmemacher auf arme Bauern und reiche Geschäftsleute, auf mutige einheimische Dokumentarfilmer und wilde Krokodile, auf Dichter und Sänger. Von der staubigen Grenzstadt Zahedan geht eine abenteuerliche Fahrt bis nach Charbahar am persischen Golf.

Über den Filmemacher:
Houchang Allahyari, geboren 1941 in Teheran, kam als Jugendlicher nach Österreich, studierte Psychiatrie, arbeitete mehr als 20 Jahre als Psychiater in Strafanstalten und führt heute eine Praxis in Wien. Seit 1970 dreht Allahyari Filme und setzt wiederholt Filme auch in seiner Therapiearbeit ein. 2014 wurde „Der letzte Tanz“ mit Erni Mangold mit dem Großen Diagonale-Filmpreis als bester österreichischer Spielfilm ausgezeichnet.

stadtkinowien.at

Wien, 12. 1. 2017

Literaturnobelpreis geht an Bob Dylan

Oktober 13, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Longtime Runner ist am Ziel

Bob Dylan mit Joan Baez. Bild: pixabay

Bob Dylan mit Joan Baez. Bild: pixabay

Nun also doch Bob Dylan. Seit Jahren geistern die gleichen Namen durch die Schwedische Akademie. Murakami, Philip Rot, Adonis, Ngũgĩ wa Thiong’o  … und Dylan. Es heißt, wer lange Anwärter ist, wird’s nie. Nun hat es einer davon geschafft. Der US-Musiker wurde ausgezeichnet für seine „herausragende Songlyrik“. Das ist eine untypische, etwas seltsame Entscheidung der Jury.

Umso mehr, als in diesem Jahr oft der Name des israelischen Schriftstellers David Grossmann fiel. Auch der Rumäne Mircea Cărtărescu galt als nicht unwahrscheinlicher Preisträger. In den vergangenen Tagen sind zudem die Quoten für Don DeLillo  gestiegen. Mit Jon Fosse hätte endlich wieder ein Dramatiker ausgezeichnet werden können. Jedenfalls, man erwartete sich im Weltschicksalsjahr 2016 eine zeitgenössische, zeitpolitisch wichtige Entscheidung. Wann etwa traf die Wahl zuletzt einen Autor aus Afrika? Maßgebliche literarische Stimmen kommen vom schwarzen Kontinent.

Doch die Jury scheut die Auszeichnung von Autoren, die als Repräsentanten einer Kultur oder einer gesellschaftlichen Gruppe gelten, so heißt es zumindest. „Es gibt eigentlich nur ein Kriterium: Qualität“, sagt die Vorsitzende des Komitees, Sara Danius. Der Preisträger soll ein Werk geschaffen und nicht nur ein paar Bücher veröffentlicht haben. Außerdem müsse er der Literatur „etwas Neues“ geschenkt haben, sagt sie.

Bob Dylan ist zweifellos einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Sein 37. Studioalbum „Fallen Angels“ ist erst diesen Mai erschienen. Zum 75. Geburtstag beschenkte sich der Künstler mit einem weiteren Album mit American-Songbook-Klassikern und Sinatra-Songs. Seine größten Hits allerdings, „Blowin‘ in the Wind“, „Like a Rolling Stone“, „Mr. Tambourine Man“, „Knockin‘ on Heaven’s Door“, sind aus den 1960er und -70er Jahren. Dafür nun der Literaturnobelpreis. Oder wie Dylan singt: The times they are a‘ changin‘ …

bobdylan.com

Wien, 13. 10. 2016

Ha Jin: Verraten

September 21, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Spion, der zwei Länder liebte

9783716027257Historikerin Lilian Shang, US-Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, findet nach dem Tod ihrer Mutter Nellie die Tagebücher ihres Vaters Gary Shang. Was sie enthüllen, erschüttert sie zutiefst: Gary war mehr als 30 Jahre lang einer der wichtigsten Spione Chinas in den USA und zeitgleich einer der wichtigsten Übersetzer in der Asien-Abteilung der CIA. 1980 flog der Maulwurf auf und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er nahm sich in seiner Zelle das Leben. Warum, fragt sich Lilian, bereitete China keinen Agenten-Austausch vor? Doch da ist mehr: Gary führte auch privat ein Doppelleben. Er hatte eine erste Ehefrau und Kinder in China. Lilian macht sich auf die Suche nach ihrer fremden Familie und stößt auf die Geschichte eines Mannes, der für seine Loyalität einen hohen Preis zahlen musste …

So ungefähr lässt sich der Inhalt von Ha Jins aktuellem Roman zusammenfassen. Doch Vorsicht: „Verraten“ ist kein John le Carré, sondern eine Geschichtslektion. Mit Betonung auf Lektion. Es ist, als ob der freundliche Herr Ha Jin ein politisch-historisches Sachbuch geplant hätte, sich aber dann doch für seine Kernkompetenz, die Belletristik, entschied. Der Roman ist wie eine literarische Abrechnung für ein lebenslanges Gefühl der Entwurzelung und Heimatverlorenheit. Die nicht nur sein Anti-Held und Schreibtischhengst Gary erlebt; auch der Autor, zu diesem Zeitpunkt Student in den USA, kehrte nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nicht mehr nach China zurück

Und so spinnt er über aberdutzende Seiten die Geschichte der sinoamerikanischen Beziehungen. Von der Abspaltung Taiwans über Formosa-Resolution und Kulturrevolution, über die Interessen beiden Länder im Korea- und Vietnamkrieg, über die von Henry Kissinger eingeleitete Wiederannäherung der beiden Staaten, bis eben zu Tian’anmen – und neuerdings Chinas Weg vom maoistischen Kommunismus in eine alles verschlingende Konsumgesellschaft. Ha Jin schont und schönt dabei weder sein Geburtsland noch die neue Heimat. Er schildert das alles aus der Perspektive eines Randspielers, eines braven Kadersoldaten, dem die Kraft fehlt, sich des Einflusses der Partei zu entziehen, und diese Perspektive ist spannend. Noch spannender aber ist die Suche Lilians nach ihrer „zweiten Mutter“ Yufeng und ihren Halbgeschwistern.

Bild: pixabay

Bild: pixabay

Bild: pixabay

Bild: pixabay

Ha Jin erzählt auf zwei Ebenen. Während es sozusagen mit Gary im Vorwärtsgang durchs Zeitgeschehen geht, versucht Lilian in Rückblenden das Leben ihres Vaters zu rekonstruieren. In dieser Zeit bereist sie China, für eine Ausländerin immer noch kein einfaches Unterfangen, und was dabei an Einblick in Mentalitäten, in Traditionen und Regeln dieser anderen Welt gewährt wird, ist bemerkens- und lesenswert. Ha Jins Quellen sind intakt, seine Charakterisierungen von Land und Leuten wie Mosaiksteinchen, die sich zu einem Bild, einem Sittenbild Chinas zusammensetzen. Da geht es um die Schadstoffbelastung von Lebensmitteln ebenso, wie um das Schmieren des Militärs, will man sein Kind in dessen Dienst stellen, um ihm einen sicheren Arbeitsplatz zu garantieren. Eine vergewaltigte Lehrerin wird ins Unrecht gesetzt, weil der Schulleiter ein Kondom trug und ergo laut Gericht von „Vergewaltigung“ keine Rede sein kann.

Gezeigt werden die Verlierer des modernen chinesischen Wirtschaftssystems, in Szenen wie aus dem Europa des 19. Jahrhunderts, Landflucht in die Industriezentren, und an einer schönsten Stelle, wie eine verbotene Studentendemo mit dem chinesischen Sieg bei den French Open zusammenhängt: „Als Li Na dann den Grand Slam gewann, strömten sie nach draußen, zündeten Ketten von Feuerwerkskörper an, spielten auf Instrumenten und trommelten auf Töpfen und Pfannen herum. ,Greif an, Li Nan!‘, rief jemand, und alle verstanden den Ruf … und die Polizei griff nicht ein.“ Ebenso sehr wie Neid und Spitzelwesen machen bei Ha Jin auch Freundlichkeit gegenüber Fremden und Solidarität untereinander die chinesische Gemeinschaft aus.

Lilian findet ihre Halbschwester Manrong. Ihr Halbbruder ist bei der großen Hungersnot 1961 gestorben. Was sein Vater ahnte, was er aber nie wirklich wissen wollte. Denn mit Gary Shang entwirft Ha Jin eine faszinierend zwiespältige und zwiegespaltene Figur. Einen, der aus einer Gesellschaft kommt, in der das Individuum nichts und das Kollektiv alles ist. Einen, der die US-Freiheit nach und nach genießen lernt, der die amerikanische Sicht auf die Dinge annimmt, und der sich dennoch nicht der Propagandamaschine entziehen kann, die ihm einst den Willen nahm. „Er fühlte sich“, heißt es an einer Stelle, „wohin er auch ging, fehl am Platz wie ein gestrandeter Reisender.“ Gary durchschaut die Lügen und die politischen Ränkespiele, mehr und mehr bearbeitet, um nicht zu sagen: fälscht, er seine Berichte dahingehend, zwischen den USA und China wieder ein positives politisches Klima zu erzeugen. Er will Frieden – auch für seine Seele.

Vor dem US-Gericht wird er am Ende seiner Überzeugung Ausdruck verleihen, beiden Ländern diesbezüglich einen wichtigen Dienst erwiesen, die diplomatischen Beziehungen zwischen ihnen befördert zu haben, weil er eben beide Länder liebe. Dass er dafür nur hämisches Gelächter ernten kann, ist klar. Seine Tochter Lilian hält posthum noch ein flammendes Plädoyer. „Wir müssen uns fragen: Welche Berechtigung hat ein Land, sich über die Bürger zu stellen, die es erschaffen haben? Die Geschichte hat hinlänglich bewiesen, dass ein Land verrückter und bösartiger werden kann als der Durchschnittsmensch“, sagt sie. Und: „Achte darauf, welche Mächte um dich herum wirksam sind, und hinterfrage stets den eigenen Standpunkt.“

Bild: pixabay

Bild: pixabay

Sätze, mit denen Ha Jin einem Staat jede wie auch immer geartete „moralische Überlegenheit“ abspricht, auch der „Weltproblemlösernation“ USA, und die bei den US-Rezensionen gerade im Vorfeld der Präsidentschaftswahl natürlich für Aufsehen sorgten. Ein Blickwinkel in seinem Buch ist immer der amerikanische. So zeitlos wie zeitgemäß etwa die Stelle von Garys von den Chinesen gesteuerter Rekrutierung durch die CIA im Jahr 1949, und deren siegermächtige Überheblichkeit, mit der ein Einheimischer als Dolmetscher angeheuert wird, ohne dass irgend hinterfragt würde, wie „heimatverbunden“ der wohl eigentlich noch ist …

Garys perfekte Camouflage, sein geliebter american way of live, wird ihm schlussendlich zum Verhängnis. Lilian erfährt, warum China nichts zur Befreiung ihres Vaters unternahm. Er erkrankte an Diabetes. Und das ist in den Augen der Partei eine kapitalistische Wohlstandsseuche. Oder hätte man je gehört, dass Chinesen an der Zuckerkrankheit leiden? Gary wird fallengelassen, man leugnet ihn zu kennen. Wie bitter.

Über den Autor:
Ha Jin, eigentlich Jin Xuefei, wurde 1956 geboren und verließ China 1985, um in den USA zu studieren. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens kehrte er nicht mehr zurück, seit 1997 ist er US-Staatsbürger. Früh begann er auf Englisch zu schreiben, heute zählt er zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine Werke wurden unter anderem mit dem National Book Award und dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Ha Jin ist Professor für Englische Literatur an der Boston University.

Arche Verlag, Ha Jin: „Verraten“, Roman, 368 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck.

www.arche-verlag.com

Wien, 21. 9. 2016