James Ellroy: Hollywood Nachtstücke

Dezember 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord und Totschlag in der Stadt der Engel

„Halb verschüttete Erinnerungen kommen wieder hoch. Sie haben alle denselben Ursprung: L.A., wo ich in den 50er Jahren aufwuchs. Die meisten sind nur synaptische Schnappschüsse, die schon im nächsten Augenblick verblassen. Ein paar werden auf wundersame Weise zu Literatur: Ich erkenne ihr dramatisches Potenzial und schlachte es in meinen Romanen aus …“ Mit diesem Bekenntnis, aus Fakt Fiction zu machen, beginnt James Ellroy seinen Erzählband „Hollywood Nachtstücke“.

Der Zeitraffer-Blick des US-Autors aufs Autobiografische, Highschool-Abbrecher, das nackte Grauen namens Army, dem Vietnamkrieg mit einer irre wehruntauglichen Stotternummer entkommen, 1975 Einlieferung in die Psychiatrie wegen akuter Psychose, die Obsessionen „saufen, kiffen, lesen und in anderer Leute Häuser einbrechen, um Damenunterwäsche zu beschnüffeln“, die Suche nach einem tieferen Sinn bei gleichzeitigem Absturz in ein schwarzes Loch, verweist direkt auf sein literarisches Schaffen – und auch auf die Novelle und fünf Short Stories in diesem Buch.

1958, da ist Ellroy zehn, fällt seine Mutter einem Sexualverbrechen zum Opfer, einem Mordfall der nie aufgeklärt wurde, James zieht zu seinem Vater, nur um Zeuge von dessen sozialem Abstieg zu werden. Also, Kino, Krimis, Kampf mit den inneren Dämonen, und immer wieder dies düstere Bild: „Frauen werden erwürgt und bleiben auf ewig ungerächt.“ Seinem Anti-Helden dieser Tage widmet Ellroy die erste Geschichte „Dick Continos Blues“, der 2017 mit 87 Jahren verstorbene Sänger, Akkordeonist, Schauspieler, den James schon als Teenager im B-Movie „Daddy-O“ sah, in der Rolle eines Fahrers illegaler Straßenrennen, der unschuldig ins Drogenmilieu abrutscht.

Ein charmanter, gutaussehender Heißsporn, Contino: „Ich würze den Schmalz bloß mit einer Prise Sex“, der Ich-Erzähler: „Du wirkst wie einer, der hin und wieder ganz gern seinen strammen Knüppel aus dem Sack holt“, den Ellroy in ein Karriereloch steckt. Weshalb sich, um die Publicity wieder anzukurbeln, eine skurrile Farce um eine fingierte Entführung entspinnt. Mit dabei Gangsterboss und Nachtklubbesitzer Spade, sein Liebchen Nancy, die in dessen Band Posaune spielt und – brieflich – mit allen Perversen im San Quentin State Prison verkehrt, ein hoffnungslos in Nancy verschossener lesbischer Cop, ein Zniachtl von einem kommunistischen Filmregisseur, die hoffnungsvolle Leinwandtalenttochter von Polizeichef DePugh und diverse Leichen.

Durch eine Perlenkette bizarrer Zu- und Unfälle geraten diese Rotschopfgöttin Jane und Dick statt zum vorgetäuschten Kidnapping in die Fänge des „Würgers von West Hollywood“, womit die Ellroy’schen Ingredienzien für den Blutcocktail gut geschüttelt sind. Sex & Drugs & Gewaltorgien, bei Ellroy ist mehr eben mehr und groß wirklich groß. Er befördert seine Leser ohne Rücksicht auf Verluste ins Off-Hollywood, schickt sie auf Erkundungstour auf der grindigen Seite der Glamourmetropole, die Welt der Blindgänger, Verbrecher, Prostituierten, Stoßspieler. Auch der „Dick Continos Blues“ wird noch zum veritablen Schocker mit vorquellenden Gedärmen und einem Autostunt – aus purer Panik.

Ellroys Polizisten und Privatdetektive sind Prototypen des Stereotypen, die Sätze lässig zerkauende Schnüffler, zumindest in der eigenen Wahrnehmung Womanizer, in der Regel Ex-Boxer, meist aus Oklahoma in den Goldenen Westen gekommen – und von ihrem Schöpfer stets dazu verurteilt, kräftig eins aufs Maul zu bekommen. Eine der trefflichsten Charakterisierungen ist die des LAPD-Warrants-Beamten David Evans in „Telefon Axminster 6-400“, Opportunist aus – woher sonst? – Oklahoma, der in Rollen von Prügel-Rüpel bis Vorgesetzten-Einschleimer schlüpfen kann, sein Partner voll Unverständnis, „wie man so eigennützig und anständig zugleich sein konnte“, der lebt für Duesenbergs, Packards und ausländische Nobelschlitten.

Und „da seine Klamotten samt und sonders aus der Asservatenkammer stammten, er bei Nutten Gratisnummern schnorrte, umsonst aß und im Gästezimmer eines Wohnheims für vorzeitig entlassene Strafgefangene hauste, blieb ihm genügend Geld für die Finanzierung seines Steckenpferds.“ Die Frauen erwarten die Gesetzeshüter kurzgeschürzt und heiß, die Gauner cool und narbenwangig, bei Schlägereien ist das Brechen von Knochen zu hören, bei Schießereien pfeifen die Kugeln, die Sheriffs changieren zwischen „abgebrühte Clowns“ und „Pudding im Hirn“, die Zuständigkeitsstreitereien mit dem FBI sind ein tägliches Missvergnügen, die Wagen allesamt Sport-, Opfer mitunter nur angebliche.

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Die schwarze Dahlie: Aaron Eckhart, Scarlett Johansson und Josh Hartnett. Bild: Universal Pictures

L.A. Confidential: Kim Basinger, Russell Crowe, Guy Pearce und Kevin Spacey. Bild: Warner Bros. Entertainment

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Für Ellroy-Auskenner gibt’s eine Wiederbegegnung mit Lee Blanchard vom L.A. Police Department und dem wegen Korruption gefeuerten Turner „Buzz“ Meeks, nun Diener zweier Herren, Troubleshooter für Milliardär Howard Hughes und Halbweltkönig Mickey Cohen. Die beiden Macher befreundet, weshalb sich die Story „Since I Don’t Have You“, die förmlich nach Verfilmung schreit, ins Crescendo steigert, suchen die zwei Schlitzohren via des dritten Früchtchens Meeks doch je ein ihnen den Kopf verdreht habendes Mädchen. Nur stellt sich die zwischen Howards „Bumsburg“, herrlich die Beschreibung des marokkanischen Salons, des Billy-the-Kid-Raums für Jane-Russell-Lookalikes und von „Big Ernie“ Hemingways Trophäenzoo, und Mickeys Hinterzimmer wechselnde Braut als dieselbe Gretchen Rae heraus. Die die Abzocke in ein paar biedere Businesskostüme zwecks beruflichen Vorwärtskommens investiert hat – und welchen Auftrag- und Geldgeber nun mit der Wahrheit verärgern?

In seinen nihilistischen Hardboiled Novels ist Ellroy auch politisch. Sein Los Angeles der machtgierigen Machos und berechnenden Biester wird beherrscht von sozialer Kälte, Intoleranz und Rassismus – wobei sich die Unterdrückten untereinander oft weniger solidarisch verhalten als ihre Unterdrücker. Merke: Der Mensch ist von Natur aus böse. Wie eine Maschinengewehrsalve feuert Ellroy seine gesellschaftskritische Stakkato-Prosa auf den Leser ab. In „Dick Continos Blues“ etwa nimmt er den amerikanischen Faschismus aufs Korn, in Gestalt jener Prediger, für die Jesus ein „Arier“ und „Mein Kampf“ das verschollene Buch der Bibel ist, und thematisiert zugleich J. Edgar Hoovers Kommunistenhatz in Künstlerkreisen. In der gleichnamigen Story beschäftigt er sich mit dem in den 1930- bis 1960er-Jahren so genannten Stadtviertel „High Darktown“ und damit mit der Grenze zwischen White Trash und einer damals gerade aufkommenden schwarzen Oberschicht.

Auf die die Wirtschaft, kein Scherz!, in diesen Tagen mit extra Imagespots – wie auf den „Neger“ zugehen, wie die „Negerin“ bedienen? – geschult wurde. Motto: Man könne sich diese Konsumkraft doch nicht wegen der falschen Hautfarbe entgehen lassen. Ellroy überquert in etlichen Erzählungen „die Demarkationslinie von weißem Mittelmaß zu schwarzem Stolz“, von verwilderten Vorgärten zu gepflegtem Grün vor protzigen Villen – High Darktown, uneinnehmbare Festung in einer Gegend niedrigster Kriminalitätsrate, in der sich die Polizei aus allem raushält, in der Einbrecher allerdings „mit einer tödlichen Ladung Schrot aus einem Tausend-Dollar-Gewehr in Empfang genommen wurden, abgefeuert von schwarzen Finanziers mit einem aristokratischen Temperament, das dem eines beliebigen weißen Bonzen in nichts nachstand.“

In „Liebestraum“ lässt sich Privatdetektiv Hearns knapp nach Pearl Harbor als „Internierungshelfer“ anheuern, heißt, dass er flüchtige Japaner, da potenzielle Feinde, zurück ins Lager schaffen soll. Dabei stößt er nicht nur auf eine geheime „Japsen“-Bruderschaft, die tatsächlich Traktate über die jüdisch-kommunistische Weltverschwörung zum Sturz des nationalsozialistischen Friedensparadieses druckt, sondern auch auf höchst seltsame Machenschaften in der Ausländerbehörde. Und dann gibt es doch noch „Ein kleines Glück“, nicht zwischen Mann und Frau, sondern Mann und Hund. Das abgehalfterte, von seiner Bewährungshelferin sekkierte Ex-Schwergewicht Stan „The Man“ Klein übernimmt den – wie sich herausstellen wird – brandgefährlichen Job, für den Killerhund eines verstorbenen, steinreichen Kriminellen das Kindermädchen zu spielen, bis der Rechtsanwalt die Verlassenschaft erledigt hat.

Der Hund ist nämlich Alleinerbe. Doch da gibt’s einen Haufen ehelicher und unehelicher Kinder, die gar nicht erst vorhaben das Testament anzufechten, sondern eine mörderische Verschwörung planen, um den Vierbeiner um sein Recht und um die Ecke zu bringen. Darf man’s verraten? Ende gut, cineastische Umsetzung wäre noch besser, ist die Story doch ein gefundenes Fresschen für Filmemacher mit Sinn fürs Freakige. Schlusszitat Stan: „Wenn ich den Moralischen kriegte, runzelte Basko die Stirn und legte den Kopf schief; wenn er das Maul zu einem gigantischen Gähnen aufriss, war das für mich das Stichwort, die Klappe zu halten. Wenn er eindöste, trug ich ihn nach oben und brachte ihn ins Bett: ein bisschen Schmelzkäse in Brandy, eine kleine Gutenachtgeschichte – detaillierte Schilderungen meiner sexuellen Heldentaten schienen ihm am besten zu gefallen. Und wenn ich zu übertreiben anfing, schlief er ein.“

Über den Autor: James Ellroy, 1948 in Los Angeles geboren, lernte die dunkle Seite des American Dream sehr früh kennen. Als Jugendlicher geriet er aus der Bahn und konnte sich erst durchs Schreiben wieder fangen. Er begann 1979 mit „Browns Grabgesang. Mit „Die schwarze Dahlie“, Band I des berühmten L.A.-Quartetts, einer True Story, die auf der bestialischen Verstümmelung und nach wie vor unaufgeklärten Ermordung der Elisabeth Short basiert, gelang ihm 1987 der internationale Durchbruch. In „Die Rothaarige. Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter“ stellte sich Ellroy 1994 seinem Lebenstrauma, der Vergewaltigung und Tötung seiner Mutter Geneva „Jean“ Ellroy 1958 in einem schäbigen Vorort von Los Angeles. Unter anderem wurde Ellroy mit dem Maltese Falcon Award, dem Grand Master Award und fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Zahlreiche Bücher wurden verfilmt, darunter „L.A. Confidential“ 1997 von Curtis Lee Hanson und „Die schwarze Dahlie“ 2006 von Brian De Palma. Ellroy heiratete 1991 die Literaturkritikerin Helen Knode, ließ sich scheiden, und lebt heute wieder mit seiner Ex-Frau zusammen. Für sie zog er nach Colorado.

Ullstein Buchverlage, James Ellroy: „Hollywood Nachtstücke“, Erzählungen, 288 Seiten. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Mohr.

www.ullstein-buchverlage.de

29. 12. 2019

Stewart O’Nan: Henry persönlich

Dezember 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Liebe mit den Jahren wächst

Diese Überschrift bezieht sich nicht nur auf die Protagonisten in Stewart O’Nans aktuellem Roman, sondern auch auf die Leser desselben. Emily und Henry Maxwell sind Fans des Pittsburgher Autors nämlich bestens bekannt. In „Abschied von Chautauqua“ lud Emily die gesamte Familie ein letztes Mal ins zum Verkauf stehende Sommerhaus, in „Emily, allein“ ist sie achtzig und bereits seit Jahren verwitwet, und führt ein, wenn nicht vom Selbststress gebeuteltes, ruhiges Leben – in erster Linie mit ihrem mit ihr alt gewordenen Hund Rufus.

Nun hat O’Nan die Zeit zurückgedreht und endlich Henry ein Buch gewidmet, das heißt: natürlich nicht ausschließlich ihm. Emily ist da, und Rufus gerade mal vier Jahre alt, und zwischen den Buchdeckeln wechseln die Jahreszeiten vom für Kinder wie Enkelkinder unvermeidlichen Urlaub am See zum ebenfalls unabwendbaren Thanksgiving-Get-Together zu Weihnachten. 75 wird Henry auf diesen Seiten, ein mit viel Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen macht ihn so glücklich, dass es ihn mit Wohlwollen für alles und jeden erfüllt, doch sein Hausarzt ist kürzlich im gleichen Alter gestorben. Da denkt er auch an sein Herz und sein Ende.

O’Nan verfasst seine Texte mit feinster Feder, kein Alltagsdetail scheint ihm zu banal, zu unwichtig, als dass er es nicht mit zarten Strichen festhalten würde, ob der Garten gewässert wird oder Sandwiches gemacht werden. Die Washington Post schrieb einmal, O‘Nan sei offenbar unfähig, auch nur eine falsche Zeile zu Papier zu bringen, und tatsächlich gelingt ihm, aus seinen Betrachtungen eines Rentnerdaseins samt dessen Routinebeflissenheit ein Sittenbild des – nicht nur in den USA, und ab der Pension umso mehr – ökonomisch gefährdeten Mittelstands zu entwerfen. Ihm genügt sein beschaulicher Platz an der Furt, um die Tiefe des Menschseins auszuloten.

Henry und Emily, das sind 50 Jahre Ehe, er der Besonnene, Pflichtbewusste, Pragmatische, sie, die in ihren besten Momenten freimütig zugibt, „schon immer eine Plage gewesen zu sein“, temperamentvoll, unberechenbar, aufbrausend. Dass er sie mit seiner Jonglage der knapper werdenden Finanzmittel nicht aufbringen will, ist verständlich, doch ihr Nichtwissen wird „Emily, allein“ beinah zum Verhängnis. Diskussionen, denn Streit gibt es keinen, erledigen sich so: „… noch immer musste er den männlichen Drang unterdrücken, ihr zu erklären, wie die Welt funktionierte. Zugleich würde sie eine allzu schnelle Zustimmung als Beschwichtigung ansehen, ein noch schlimmeres Vergehen, und so entschied er sich, wie so oft in Angelegenheiten von geringer Bedeutung, für die ungefährlichste Reaktion und schwieg. ,Und?‘, fragte sie. ,Hast du gar keine Meinung?‘“

Eine andere Beschreibung an anderer Stelle, anlässlich der Thanksgiving-Vorbereitungen: „,Sag mir, was ich tun kann‘, sagte er, ein Angebot, das sie mit einem herablassenden Blick von sich abprallen ließ, als hätte er einen Scherz gemacht.“ Ein durchschnittliches Paar und seine unauffälligen Biografien, beobachtet in der Gleichförmigkeit seiner Tage, nichts geschieht, doch dauernd passiert etwas, das alles ist logischerweise nicht halsbrecherisch ereignisreich, aber so wahrhaftig, so liebevoll, so von Herzen innig, dass man zum eigenen Schatz sagen möchte, wie die zwei, so wollen wir werden. Er liebt und begehrt sie, wenn auch zweiteres nicht mehr ganz so zügellos, sie liebt und sorgt sich um ihren großen Schweiger. Früher oder später ohne einander zu sein, steht als melancholische Gewissheit im Raum, aber man will nicht zu viele Gedanken daran verschwenden, außer jeder für sich den einen, dass man das Vorrecht haben möge, als erster zu gehen.

Mit seinem typischen, wohldosiert semiresignativen Witz, mit Respekt und spürbarer Zuneigung nähert sich O‘Nan jenen Charakteren, die ihn seit fast zwei Jahrzehnten begleiten. Henrys kettenrauchende, chaotische, niemals verheiratet gewesene Schwester Arlene – hier für Emily noch ein blassrotes Tuch, werden sich die beiden Frauen über die Bände zu einer Zweckfreundschaft zusammenraufen; die erwachsenen Kinder, der gemütvolle, ein wenig tapsige Kenny, dessen Ehefrau – Lisa aus besserem Hause – Emily versnobt findet, die alkoholkranke und in „Henry persönlich“ erst vor ihrer Scheidung stehende Sorgentochter Margaret, die je zwei und zwei erziehungsdeformierten, ergo verhaltensoriginellen Enkelkinder – alles Leute wie du und ich und die von nebenan.

Bild: pixabay.com

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Die Besuchsszene mit der Flugverspätung, also verzögertem Abendessen, also verärgerter Emily ist einem von früher bekannt, neu sind diesmal Henrys, und nur seine, Erinnerungen an erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte. An den Vater, der als Henry in den Krieg ziehen musste, ihm, zu keiner Umarmung, zu keinem Kuss fähig, nur die Hand schütteln konnte. An bestialisch zu Tode gekommene Kameraden. An seine erste und einzige Liebe vor Emily, Sloan, „eine Whitney“ – im Sinne von begütert, die ihm Angst machte und ihn erregte: „Er hatte noch nie einen schwarzen BH gesehen und war schockiert“, steht da, bevor sie sein Bettgestell zertrümmern.

Derart macht O’Nan „Henry persönlich“ auch zu einer Reise in die USA der 1950er-Jahre, er verflicht Vergangenheit, Vergänglichkeit und die Art Lebenslust, die keine Frage des Alters ist, zum elegant ziselierten Porträt eines Mannes, der an den Wehwehchen seines maroden Hauses in Permanenz herumbastelt, die seinen aber verschweigt, damit Emily ihn nicht mit medizinischen Zeitungsartikeln verrückt macht, dessen Zufluchtsorte der Golfplatz und der Baumarkt sind, ein Pittsburgh Steelers- und Pirates-Aficionado, der für den Kirchenbasar das sammelt, was Emily wieder auspackt, weil sie es nicht weggeben will, während sie sich leichterhand von den Tischdeko-Trauben von Henrys Mutter trennt, und der es selbstverständlich als seine Aufgabe ansieht, bei Wind und Wetter mit Rufus Gassi zu gehen.

Auch Emilys und Henrys lakonisch humorvolle Gespräche mit dem Hund klingen dem Tierbesitzer authentisch, Rufus, der von seinem Platz aus ein Unmutsknarzen von sich gibt, wenn Emily im Bett zu lange liest, vor dessen Pinkelattacken Henry vergeblich seinen Rasen zu schützen versucht, der eheliche Umarmungen wie ein Ringrichter, der eine unfaire Umklammerung aufbrechen muss, auseinander drängt, und der in „Emily, allein“ ohne deren Hilfe nicht mehr ins Auto einsteigen wird können. „Rufus schlief auf dem Kaminvorleger, und [Enkelin] Ellas Hand lag auf seinem Bach. Vom Feuer und von einem Schluck Scotch gewärmt, dachte Henry: Das hier.“

Es sind diese Sätze, an die man sich beim Lesen verschenkt, an diese trotz aller Probleme und mitunter durchaus auftretenden Misstöne in Liebe verbundene Familie. Und immer, immer denkt man, ja, genau so ist es, O’Nan im Erzählen so präzise und unprätentiös wie seine Figur Henry. Das Buch endet, wie schön, am Neujahrsmorgen und den dazugehörigen Vorsätzen. Mit Rufus unterwegs auf der üblichen Runde, entdeckt Henry, eigentlich zuerst der Hund, ein Rudel Hirsche in der schneefreien Mulde unter einem Baum. „Während er verzückt mit Rufus dastand, wusste er nur, dass er etwas Seltsames und Sakrales wie die Vision eines Heiligen erlebte, und war dankbar, überwältigt von seinem Glück … Als er durch die strahlend helle, perfekte Welt nach Hause stapfte, konnte er es kaum erwarten, Emily davon zu erzählen.“

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235), „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) und „Stadt der Geheimnisse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30273).

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Henry persönlich“, Roman, 480 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de           stewart-onan.com

  1. 12. 2019

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen

Oktober 24, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wissen, wo der Hammer hängt

Adolf Hitler war eigentlich kein Fan des Langhaarigen. Der „Führer“ bevorzugte die Frisuren kurz, mit Undercut und Seitenscheitel. Die nordischen Götter und Helden leider schützten ihre Wallemähnen nicht vorm Dritten Reich, das deren Neun-Welten-Geschichten für seine Zwecke missbrauchte. Heinrich Himmler als NS-Hobbygermanologe und Rassenmetapyhsiker Alfred Rosenberg verbissen sich geradezu in diese vorchristliche Mythologie, um ihrer Wahnsinnsideologie ein „historisches“ Fundament zu geben.

Der Wewelsburgherr faselte bevorzugt von „nordisch-teutschem Blut“, entstellte als Symbol für die SS die Sowilō, die Sonnen-Rune, und hieß seine 5. Panzer-Division „Wiking“. Ergo war die „Edda“ im deutschsprachigen Raum für Jahrzehnte angepatzt, und blieb es bis heute, nicht zuletzt, weil nach den Alt- die Neonazis die fatale Verehrung weitertreiben, als hätte es dazwischen kein „tausendjähriges Reich“ gegeben. Schade um diesen großartigen Sagenzyklus. Möchte man meinen, gäbe es nicht Neil Gaiman, seines Zeichens Fantasy-Autor und bereits im zarten Alter von sieben Jahren von den „Mighty Thor“-Abenteuern eines Jack Kirby und eines Stan Lee fasziniert – einem Thor ganz ohne Steinar.

Gaiman weiß, wo der Hammer hängt. Seit Anbeginn seines Schriftstellerdaseins arbeitet er daran, den Allvater und seine Angehörigen zu rehabilitieren, hingerissen von der Idee, dass deren Legenden „von Menschen stammen, die ihren Göttern nicht über den Weg trauten, sie nicht einmal wirklich mochten, auch wenn sie sie respektieren und fürchteten.“ So formuliert er‘s in seinem neuen Buch „Nordische Mythen und Sagen“, ein schmaler Band zwar, doch auch dank des gut gemachten Glossars ein Kompendium, das durchaus in den Rang von Gustavs Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ zu heben ist. Als Quelle nennt Gaiman den isländischen Skalden Snorri Sturluson, dessen Prosa-Edda-Stil er schön schnoddrig modernisiert, die Dialoge rotzig frech, die Dinge – Sex & Met & Rock’n’Roll – rücksichtslos beim Namen genannt, das Ganze eine vom braunen Ballast befreite Original-Gaiman-Version, heißt: clever, lässig, witzig.

Natürlich ist der nun erzählte Odin nicht mehr der Trickbetrüger Mr. Wednesday aus den „American Gods“, der Donnergott nicht deren tumber Haudrauf und Loki nicht der Lügner Low Key Lyesmith. Doch liest sich die Charakteristik eines Gottes beispielsweise so: Als Thor, „Gott des Donners, Mächtigster aller Asen, Tapferster und Stärkster in jeder Schlacht“ morgens noch halb verschlafen merkt, dass sein mächtiger Hammer Mjöllnir verschwunden ist, macht der Rotbärtige, was er laut Gaimans Lesart stets tut, wenn etwas Seltsames geschieht: „Als erstes fragte er sich, ob Loki dahintersteckte. Dieser Gedanke kam ihm auch jetzt. Doch er glaubte, dass nicht einmal Loki es gewagt hätte, seinen Hammer zu stehlen. Also tat er, was er stets als Zweites tat, wenn etwas schiefging: er machte sich auf, um sich Lokis Rat zu holen.“

Gaiman schildert, wie Odin für mehr Wissen und Weisheit sich erst neun Tage lang an der Weltenesche Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Brunnen sein linkes Auge dafür gab, er beschreibt Loki als klügsten Asgard-Bewohner, allerdings auch als den bösesten, weil in ihm „so viel Wut, so viel Neid und so viel Wollust“ gärt. Von den unzähligen Überlieferungen wählt Gaiman die aus, in der der dreiste Riese Thrym als Dank für seine Dienste an den Asen die Vanin Freyja zur Frau will, zur Hochzeit aber Loki samt dem als Braut verkleideten Thor anreist, was dem Geschlecht der Thursen ein letales Ende beschert.

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Oder jene, in der Loki Thors Gattin Sif im Übermut die blonden Locken vom Kopf stiehlt, und nach Androhung von Mord und Totschlag, wiewohl die Götter immer wieder auferstehen, die Zwerge anflehen muss, ihr neues Haar aus Echtgold zu schmieden. Man erfährt von der Erschaffung der ersten Menschen Ask und Embla, von den Walküren und Walhall, liest von Odins Raben Huginn, dem Gedanken, und Muninn, der Erinnerung, und Odins achtbeinigem Pferd Sleipnir, von Thors Streitwagenziehern, den Ziegenböcken Grinser und Knirscher, und bekommt erklärt, warum Odins Sohn Vidar, der stille und verlässliche Gott, einen Schuh aus dem Leder aller je weggeworfenen Schuhe trägt …

Mit seiner Schuld an Balders Sterben, dieser Odins zweiter Sohn, so herrlich, dass er jeden Ort erhellte, und von allen geliebt, geht Loki endgültig zu weit. Der Gestaltenwandler wird unter einer Schlange festgebunden, deren Gift unaufhörlich auf ihn herabtropft, während Lokis ob seiner Schmerzen weinende Frau Sigyn es in einer Schale aufzufangen versucht.

Was Gaiman offensichtlich am meisten packt, sind die Ragnarök, sind Götter, die zu Anfang schon um ihr Ende wissen. Drei Jahre wird die Schlacht dauern, gegen die das Armageddon wie eine Rangelei unter Halbstarken wirkt. Lokis Monsterkinder treten gegen die sie ein Leben lang betrogen habenden Götter an, Odin ringt mit dem Fenriswolf, der ihn verschlingt, Thor mit der Midgardschlange, die er zwar tötet, jedoch trotzdem deren Gift erliegt. Loki kämpft gegen den Wächter über Asgard, Heimdall, auch sie erschlagen sich gegenseitig. Schließlich schleudert der Feuerriese Surt eine Waffe und löst damit den Weltenbrand aus.

So überwältigend ist das alles, dass man als jemand, der sich offenen Herzens durch die 40 Lieder der Edda gelesen hat, nur fassungslos sein kann über den Unglückssager eines deutschen Schauspielers und Regisseurs, der an der Staatsoper den „Ring“ mit dem Satz inszenierte, die Nordgötter mit ihren Hörnerhelmen seien primitiv gegen den Götterkosmos der Griechen und Römer.

Wie’s ausgeht? Nach dem Weltuntergang werden zwei Menschen, die sich im Stamm des Weltenbaums versteckt hatten, eine Frau namens Leben, ein Mann namens Lebenswille, die Erde neu bevölkern. Odins Söhne Vidar und Vali werden erscheinen, Thors Söhne Modi und Magni Mjöllnir mit sich tragen, Balder wird aus der Hel zurückkehren. Im Gras werden sie goldene Schnitzereien finden, Schachfiguren – und sich ums Spielbrett setzen. Sie ziehen mit Königin Frigg, dem Läufer-Reifriesen, Balder erkennt sich in einer der Figuren wieder. „Und so beginnt das Spiel von Neuem.“

Über den Autor: Neil Gaiman, geboren 1960 in Portchester, England, hat mehr als vierzig Bücher geschrieben und ist mit jedem Preis ausgezeichnet worden, der in der britischen und amerikanischen Fantasy- und Comicszene verliehen wird. Am bekanntesten wurden seine Graphic-Novel-Serie „Sandman“ und der gefeierte Roman „American Gods“, der als TV-Serie verfilmt Fernsehgeschichte schrieb und 2015 bei Eichborn als überarbeitete „Director’s Cut“-Ausgabe erschien. Im Jahr davor kam sein Schauerroman „Der Ozean am Ende der Straße“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12029) heraus, erst im April dieses Jahres seine Shortstory- und Gedichtsammlung „„Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704). Vor einiger Zeit zog Gaiman, Vater von vier Kindern und verheiratet mit der Musikerin Amanda Palmer von „The Dresden Dolls“, in die USA um; heute lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt dort von einer unendlichen Bibliothek.

Eichborn, Neil Gaiman: „Nordische Mythen und Sagen“, Fantasy, 253 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot.

www.luebbe.de/eichborn           www.neilgaiman.com

THEATERTIPP: Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden – „Die Edda“ im Burgtheater, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418

  1. 10. 2019

Tommy Orange: Dort Dort

Oktober 8, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Blut klebt fest an ihren Federn

Erst in Teil IV beginnt das Powwow, drei Viertel des Buches wird auf diese festliche Zusammenkunft im Oakland Coliseum langsam hingeschrieben, nun aber erhöht der Autor die Schlagzahl seiner Trommler. Die Tänzer treten auf, unter ihnen Orvil Red Feather; Tony Loneman ist ebenfalls im Stadion, auch Dene Oxendene und Opal Viola Victoria Bear Shield mit ihrer Schwester und Orvils Großmutter Jacquie. Sie alle, über die man bis dahin seitenweise erfahren hat, erleben jetzt in wenigen Sätzen, wie sich über den Sound der Schlägel das Stakkato von Schüssen legt.

Vor Bestürzung schnell liest man bis zu diesem beklemmenden Schluss – um endlich zu wissen, wen die Kugeln getroffen haben, und wo ihr Ziel verfehlt. Nun ist es gewiss bei Rezensentenehre verboten, ein Romanende zu spoilern, doch im Fall von „Dort Dort“ ist dies alles abschließende Massaker gleichbedeutend mit dem Leitgedanken von Tommy Oranges literarischem Debüt. Orange, selbst aus Oakland und Mitglied der Cheyenne and Arapaho Tribes of Oklahoma, schildert in seinem Erstling sozusagen aus erster Hand das Schicksal jener Native Americans, die von Reservatsbewohnern längst zu „Urban Indians“ wurden.

Schildert ihre bei der Absorption durch die Großstädte nicht geringer gewordenen Probleme von Arbeitslosigkeit bis Alkoholismus – und die daraus resultierende Gewalt. Und natürlich stellt Orange, Mutter weiß, Vater Cheyenne, er selbst ob seines Äußeren oft als „Chinese“ beschimpft, auch immer wieder die Identitätsfrage, wie es ist, ambiguously nonwhite / nicht eindeutig nichtweiß zu sein.

„Dort Dort“, der Titel bezieht sich auf Gertrude Steins „The trouble with Oakland is that when you get there, there isn’t any there there“ aus „Everybody’s Autobiography“, womit die Schriftstellerin wohl ausdrücken wollte, dass sich das Oakland ihrer Kindheit so verändert hätte, dass es für sie dort kein Dort mehr gibt, „Dort Dort“ also entwickelt durchs Erzählen vom Leben von zwölf Charakteren einen Sog, dem sich zu entziehen unmöglich ist. Kein Wunder, dass Barack Obama den mittlerweile Pulitzer-Preis-Finalisten auf seine legendäre Sommerleseliste setzte. Bevor Tommy Orange den Leser allerdings in die Handlung entlässt, behandelt er in einem Prolog, beinah zu bestialisch, um es wiederzugeben, Klischees über die und Gemetzel an der „Rothaut“.

„Wir wurden von allen anderen definiert und werden hinsichtlich unserer Geschichte und unseres aktuellen Zustands als Volk nach wie vor verleumdet“, schreibt Orange, und rechnet ab mit dem Westernbild eines John Wayne, Wolfstänzer Kevin Kostner und dem Film-„Häuptling“ Chief Bromden, der, statt wie im Buch Protagonist, auf der Leinwand nur noch der schweigsame Waschbeckenwerfer sein darf. „Wir sind die Erinnerungen, die wir nicht mehr haben“, sagt Orange, und „die Kugeln flogen ins Nichts falsch geschriebener Geschichte. Diese verirrten Kugeln und Konsequenzen schlagen auch heute noch in unsere arglosen Körper ein …“

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Deutlicher lässt sich eine von Rassismus und Repression bestimmte Realität kaum fassen. Orange spannt den Bogen von der „unversorgten Wunde“ von damals zum entzündlich-unverheilten Jetzt. Immer noch klebt das von Landspekulanten und Kolonisten vergossene Blut der Native Americans fest an ihren Stammesfedern, Symbol dafür – die Coverillustration. Sein Dutzend Figuren präsentiert Orange zunächst einzeln, bevor er es über Verwandtschaftsverhältnisse allmählich zusammenführt. Zu den wichtigsten zählen: Tony Loneman, 21, Cheyenne-Abstammung, Säuferinnenkind mit fetalem Alkoholsyndrom, Drogendealer in Ermangelung einer anderen Erwerbstätigkeit, der in voller Tracht zum Powwow gehen will.

Dene Oxendene, Angehöriger der Cheyenne und Arapaho Tribes, dem sein Onkel als Erbe ein Dokumentarfilmprojekt überlassen hat, für das er beim Powwow Storys und Anekdoten von Oakland-Indianern sammeln will. Die Halbschwestern Opal Viola Victoria Bear Shield und Jacquie Red Feather, erstere „ein Fels, aber in ihr wohnt wildes Wasser“, zweitere eine ständig mit dem Trockenbleiben kämpfende Drogenberaterin, beide 1969 von ihrer Mutter zur Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz mitgenommen, wo Angehörige verschiedener Tribes gegen die „Indianerpolitik“ des Weißen Hauses protestierten, beide durch die brachiale Vorgehensweise bei dieser Inbesitznahme traumatisiert.

Opal und Jacquie sind auch die, bei denen die meisten Fäden des Romans zusammenlaufen, über eine von der 17-jährigen Jacquie zur Adoption freigegebene Tochter, über den zur Zeit der Zeugung ebenfalls Teenager-Vater, deren Wege sich beim Powwow unerwartet kreuzen, über Jacquies Enkel Orvil, Loother und Lony, allesamt einstige Heroinbabys, die ihr Dasein mit einem Entzug begannen, da Kinder von Jacquies am goldenen Schuss gestorbenen Tochter Jamie. Powwow-Praktikant Edwin Black, weiße Mutter, Vater unbekannt, sucht ebendiesen via Internet – und findet ihn als Master of Ceremonies im Coliseum, alldieweil die eigentlich Kleinkriminellen Octavio, Carlos, Charles und sein Bruder Calvin einen Überfall auf das Powwow planen, wo es immerhin 50.000 Dollar an Preisgeldern zu erbeuten gibt.

„Wir sind Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest“, sagt Dene an einer Stelle. Es ist dieses Neben-, Mit-, Durcheinander von Stimmen, das Oranges Buch so stark macht. Weil es nie genug geben kann, um dem hämischen Stereotyp der homogenen Indianer-Masse die tatsächliche Vielfalt von Menschen entgegenzusetzen. Während Tommy Orange also derart sein Panorama der Native Americans entwirft, dabei aber nicht vergisst, über Ausweglosigkeit und Selbstmordrate, Drogenmissbrauch und Bandenzugehörigkeit zu berichten, und übers Private so das Politische einbringt, verquickt er auch die Biografien mehr und mehr.

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Über diese Welt, in der das Verfluchen gefürchtet und der Aberglaube über Dachshaare und Spinnenbeine allgegenwärtig ist, niederträchtige Frauen alligatorgrüne Augen und schamanische Männer eine Medizinkiste haben, in der schlimme Jungs denken, sie hätten „dieses alte Etwas, das verdammt wehtut und einen boshaft werden lässt“, und viele mit weißem Elternteil am Zwiespalt laborieren, dadurch von einem Volk abzustammen, „das nahm und nahm und nahm. Und einem Volk, das genommen wurde“, steht im Zwischenspiel „Blut“:

„Wenn du es dir leisten kannst, nicht über Geschichte nachzudenken, … dann kannst du dir sicher sein, dass du an Bord des Schiffes bist, … während andere draußen im Meer treiben, ertrinken oder sich an kleine Rettungsinseln klammern, die sie reihum immer wieder aufblasen müssen … Und oben auf der Jacht sagt jemand: ,Was für ein Jammer, dass diese Menschen dort unten faul und nicht so schlau und geschickt sind wie wir hier oben‘.“ Treffender ist auch das EU-Verhalten zu den übers Mittelmeer Flüchtenden nicht zu umschreiben.

Beim Powwow schließlich sind alle anwesend, Blue, Edwin, Jacquie, Harvey, Opal und der große Rest, und da dem Leser inzwischen schon klar ist, wer wann mit wem, finden einander vor Jahrzehnten Verlorengegangene wieder, wird Teilverschüttetes neu geborgen, doch nicht ausschließlich, fehlt es doch manchem im plötzlichen Kugelhagel an Gelegenheit sich und seine Geheimnisse zu offenbaren. Orange erzählt seine brutale Story mit sensibler Courage, sein Roman sowohl eine durchaus drastische Geschichtslektion über den Völkermord an den Indigenen, als auch ein Auftreten gegen den perfiden kleinen Alltagshass, seine Figuren bei aller Gewalt- und Suchtmittelberauschtheit von herzzerreißender Naivität und Hoffnung und Sehnsucht nach Zärtlichkeit.

„Dort Dort“ ist ein „Red Power“-Buch, das Menschenwürde und Menschenrecht gegen Feindbild und Feindseligkeit in die Waagschale wirft, eines, das ohne die Paraderollen vom edlen Wilden, weisen Medizinmann oder vom wütenden Skalpjäger und Marterpfähler auskommt. Am Ende von mehr als 500 Jahren Mord und Totschlag stehen einmal mehr dieselben, und jene Stille des Sterbens, die einen verstört zurücklässt. Wer aus dem Leben gehen muss, wer von den Geschossen ebenso getroffen, aber auch Erden bleiben wird, entdeckt einem Tommy Orange nicht. Eines seiner angeschossenen Geschöpfe verabschiedet er so: „[Er] muss jetzt leicht sein. Den Wind durch die Löcher in sich singen lassen, die Vögel singen hören. [Er] geht nirgendwohin. Und irgendwo dort drinnen, in ihm, wo er ist, wo er immer sein wird, ist es auch jetzt Morgen, und die Vögel, die Vögel singen.“

Über den Autor: Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Angels Camp, Kalifornien.

Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hannes Meyer.

Tommy Orange im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=JXCbmuIFD8M           www.hanser-literaturverlage.de

  1. 10. 2019

Kent Haruf: Abendrot

Oktober 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemeinsam ist man weniger einsam

Bis vor zwei Jahren noch galt Kent Haruf absolut als Geheimtipp, sechs Romane hat der 2014 verstorbene US-Autor insgesamt verfasst, und erst als der letzte, „Unsere Seelen bei Nacht“, mit Jane Fonda und Robert Redford prominent verfilmt wurde, erlangten Harufs Bücher posthum Bestseller-Status. Bei Diogenes ist nun erstmals Band vier auf Deutsch erschienen, „Abendrot“, das Original bereits im Jahr 2004, und wie in allen von Harufs Arbeiten ereignet sich die Handlung auch hier in der fiktiven Kleinstadt Holt in den Great Plains, Colorado.

Kent-Haruf-Kenner werden also auf den einen oder anderen vertrauten Charakter treffen: Tom Guthrie taucht wieder auf, der Lehrer, dessen Ehefrau sich aus dem Staub gemacht hat, und der jetzt allein mit seinen zwei kleinen Söhnen den Alltag stemmen muss, auch Toms Kollegin Maggie Jones, die das schwangere, von der Familie vor die Tür gesetzte Mädchen Victoria auf der Ranch der beiden McPheron-Brüdern unterbrachte, den eingefleischten Junggesellen Harold und Raymond. An diesem Vorwissen kann sich, wer’s hat, erfreuen, es ist allerdings nicht notwendig, um die Lektüre von „Abendrot“ zu genießen.

Haruf, überzeugter Hillbilly aus dem Middle of Nowhere des Mittleren Westens, beschreibt, womit er sich auskannte: die einfachen und größtenteils liebenswerten und guten Gottesgeschöpfe in ihren Sorgen und Nöten, beschreibt die sich von Seite zu Seite stetig zu einem großen Ganzen verbindenden Schicksale der Holt-Gemeinschaft, schreibt über scheiternde Beziehungen und von ihren Eltern vernachlässigte Kinder, über das Standardbesäufnis am Wochenende, über ungeahnte Hilfsbereitschaft und leidenschaftlichen Hass, über Ängste, Niederlagen und Triumphe, über das kleine Glück und den Traum, aus dem be*** scheidenen Alltag auszubrechen und anderswo neu anzufangen.

Der besondere Zauber von Harufs Erzählkunst besteht in der kitschfreien, prägnanten Art, mit der er seine Storys festhält, seine schlichte Sprache, sein Kein-Wort-zuviel-Stil sind wie den Menschen vom Mund abgeschaut, und dabei von einer behutsamen, anrührenden Poesie – deren Verse sich auf die Wahrheit reimen, dass der Einzelne nur existieren kann, wenn ein anderer zumindest eine Zeit lang mit ihm den Lebensweg geht. Gemeinsam ist man weniger einsam …

„Abendrot“ ist einmal mehr eine Collage von mindestens einem Dutzend Geschichten, ein komplexes Gespinst aus x-en Figuren, Protagonisten, die sich Haruf nach und nach und voll Empathie für – fast – jeden von ihnen herauspickt, um sie samt ihren Problemen in pointierten Porträts zu präsentieren. Und so spielen im Holt’schen Mikrokosmos diesmal die kauzigen McPheron-Brüder die wichtigsten Rollen. Über sie erfährt man, dass Victoria inzwischen ihre Tochter Katie zur Welt gebracht hat, dann allerdings zum Studium nach Fort Collins umzog. Als Harold eines Tages von einem wütenden Bullen zu Tode getrampelt wird, ist Raymond plötzlich allein auf der Welt – bis Maggie und Tom ihn zu einem Samstagabendtanz mitnehmen, wo man „zufällig“ auf Rose Tyler trifft.

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Die sich zu sehr in ihre Fälle involvierende Sozialarbeiterin, wie Raymond auch sie eine mit Ecken und Kanten, ist im Wortsinn neu in Holt, und mit ihr beleuchtet Haruf auch erstmals ihre randständige Klientel, die Parias des Prekariatsamerika, die, die der Turbokapitalismus längst abgehängt hat. Zu ihnen zählen Betty June und Luther Wallace und ihre Kinder Richie und Joe Rae, die in unsäglicher Ärmlichkeit in einem Wohnwagen hausen – was vor allem Richie zum Gespött der Mitschüler macht. Haruf skizziert die Wallaces als die Sorte von Leuten, denen ihr verpatztes Dasein die Energie geraubt hat, um sich noch irgendwie aus dieser Abwärtsspirale zu retten.

Selbst als Betty Junes cholerischer Bruder Hoyt Richie und Joe Rae bis aufs Blut prügelt, wissen sie nicht sich zu wehren, und als das Jugendamt die heißgeliebten Kinder einer Pflegefamilie übergibt, bringen sie nicht die Kraft auf, etwas zu unternehmen. Zu den zärtlichsten Episoden zählen die von DJ und Dena, beide elf Jahre alt, er beherbergt von seinem kranken Großvater, um den er sich mehr kümmern muss, als der’s um ihn kann, sie Tochter einer Mutter, die ihren Kummer in Hochprozentigem ertränkt, ist doch der Vater nach Alaska abgehauen. Wie sich diese beiden verlorenen Seelen finden und sich in einem desolaten Schuppen wie „Erwachsene“ ein Ersatzzuhause einrichten, das ist was fürs Herz.

Am Ende steht nicht immer ein Happy End, etliche Krisen-Situationen haben keinen alles klärenden Schluss, ihr Ausgang bleibt dahingestellt. Wie’s eben so geht mit Wünschen und Wollen und Erwartungen. In „Abendrot“ ist nachzulesen, wie schön und wie schrecklich es auf Erden zugehen kann. Wer unter anderem erfahren möchte, ob bei Rose und Raymond der Liebesblitz einschlägt, dem sei dieser großartige, mal humorvolle, mal traurige Roman aufs Wärmste empfohlen.

Über den Autor: Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, „Unsere Seelen bei Nacht“, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.

Diogenes, Kent Haruf: „Abendrot“, Roman, 416 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von pociao.

www.diogenes.ch

  1. 10. 2019