Alexander Pechmann: Im Jahr des schwarzen Regens

Januar 26, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Charles Austen verstrickt sich in die Wunder des Orients

Es ist diesmal keiner seiner Schauerromane, den der Wiener Autor Alexander Pechmann dem Publikum vorlegt. „Im Jahr des schwarzen Regens“ liest sich vielmehr als Hommage an den historisch-fantastischen Abenteuerroman. Es ist der Reisebericht des Kapitän Charles Austen an seine berühmte Schwester Jane Austen: Charles hat mit der Royal-Navi-Fregatte Phönix vor der türkischen Stadt Çeşme/Tschesme Schiffbruch erlitten und wartet nun auf seinen Prozess vor einem britischen Militärgericht. Es ist das Jahr 1816, eben noch hatte Kapitän Austen napoleonische Kriegsschiffe gejagt, nun will er für die bevorstehende Verhandlung seine Gedanken ordnen, indem er sie für Jane festhält.

Sie, die vor wenigen Tagen mehr Ausführlichkeit und mehr Seemannsgarn einforderte: „Habe die Wunder des Orients gesehen‘ reicht mir nicht.“ Er, der nun antwortet, er werde ein Märchen niederschreiben, „denn es handelt von einer verzauberten Stadt, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, und von einem Unhold, der die Schätze derjenigen Menschen vermehrt, die ihm ein gottloses Opfer darbringen.“ Wie stets betört Pechmann mit seiner poetischen, nostalgisch-verwehten Sprache, er ist ein Schönschreiber auch des Hässlichsten.

Und davon gibt es in diesem Buch einiges. Er setzt Menschen und Orte zu orientalischen Mosaiken zusammen, Steinchen um Steinchen, Zusammenhang und Sinn, bis sich am Ende das Ornament als großes Ganzes erklärt. Die verwunschene Stadt, in der sich alles ereignen wird, Liebe, Lüge, Laster, Korruption und Killerkommandos, ist Smyrna, heute Izmir, wohin Austen aufbricht, um für seine 270 Mann Besatzung ein Transportschiff zu organisieren und mit dem britischen Konsul weitere Schritte zu besprechen. Austens, er ist Witwer und Vater zweier Töchter, gutmütiger Charakter wird durch die Rettung des Schiffskaters Nelson ausgestellt: „Der schändlich zerzauste Kater, den ich geborgen hatte, lugte missmutig aus dem Seesack hervor. Er klammerte sich an meine Schulter wie Odysseus an das von Poseidon umhergeschleuderte Floß.“

„Besmele‘, rief Mr. Faruk, der türkische Lotse. ,Ihr habt Nelson gerettet. Allah belohnt die Barmherzigen.“ Gottes Segen wird Austen in Smyrna jedenfalls brauchen. Die Hafenstadt, ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen und Religionen, wird vom zwielichtigen osmanischen Gouverneur Katipzade Mehmet Bey regiert, von den Europäern, besonders den Briten, wohlgelitten, weil er sich für deren Handelsinteressen einsetzt, hingegen im Dauerclinch mit Sultan Mahmud II. und der Hohen Pforte in Konstantinopel/Istanbul. Die einfachen Menschen fürchten und verachten Katipzade, Konsul Werry ist hocherfreut über den „Prachtkerl auf unserer Seite“, vom Sultan ausgesandte Meuchelmörder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Allen scheint Katipzade einen Schritt voraus.

Im Stil der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und mit viel historischem Kolorit, das die intensive Recherchearbeit durchschimmern lässt, erzählt Pechmann eine Geschichte über politische Intrigen, wirkmächtige Volksmythen, rücksichtsloses Machtstreben, und wie man den Machterhalt durch „Gegenleistungen“ sichert. „Was wäre der Gouverneur ohne die Janitscharen, die er bezahlt, ohne die Richter, die er besticht, ohne die Beamten, die er erpresst, ohne die Handelsfirmen, denen er Vorteile verschafft – eine Spinne ohne Netz. Und was wären sie ohne ihn – ein Netz ohne Spinne.“

Diese Worte legt Pechmann dem baltischen Orientalisten und Forschungsreisenden Otto Friedrich von Richter in den Mund, der 1816 tatsächlich in Smyrna weilte. Im Roman erläutert Richter allerlei Wissenswertes zur multikulturellen Handelsmetropole, in der die nationalistischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bereits gären. Kapitän Austen bahnt sich derweil als – von Gerüchten und der darauffolgenden Paranoia bisher kaum touchierter – Ehrenmann der britischen Marine unerschrocken und aufrecht seinen Weg durch dieses Schlangennest.

Bild: pixabay.com

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„Viele Zündschnüre und ein Pulverfass“, sagt der Gouverneur, für Austen vom Äußeren eines biederen Bankdirektors, würden ihn seine nervösen Augen, die Freund und Feind im Blick behalten müssen, nicht verraten, über sein Babylon. „Die Philiki Etaireia planen den Aufstand, armenische Geheimbünde sinnen auf Rache, die Sabbatianer sehnen einen neuen Messias herbei, während die Briten eine Annexion vorbereiten, und die Franzosen und Preußen wollen dies natürlich verhindern …“ Eine durchaus skurrile Szene ergibt sich solcherart am Festtag des Heiligen Polykarp, erster Bischof von Smyrna, an dessen Grab auf dem muslimischen Friedhof (!) Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und armenische Christen aufeinander losgehen, bis die Janitscharen alle mitsammen niederknüppeln.

Die Person, die den Kapitän mehr in diese Wirrnisse hineinzieht, als ihm lieb ist, ist die seltsame jüdische Witwe Rachel Löwenthal, Logiergast im selben Hotel wie Austen, die der festen Überzeugung ist, Katipzade hätte ihren Mann, den aus Wien stammenden Jakob Löwenthal, und die gemeinsame Tochter ermordet, indem er ihr Haus als einziges im Nobelviertel als Pesthort deklarierte und samt Bewohnern niederbrennen ließ. Nun appelliert sie an Austens Ritterlichkeit, der ja bei den Würdenträgern der Stadt aus und ein ginge, mehr über deren Schicksal herauszufinden – während die Frau vom Gouverneur bis zum Konsul als wahnsinnige Querulantin abgetan wird. Asten fühlt sich, erinnert an den Verlust seiner Fanny, zu Rachel Löwenthal hingezogen und will helfen.

Rund um dieses Szenario errichtet Pechmann ein wundersames Panoptikum aus Figuren, wie alten Volkssagen und Legenden entsprungen. Da ist zunächst Anthoula aus der Irrenanstalt, wohin Rachel Charles führt, um ihm zu zeigen, was mit Mädchen passiert, die Katipzade „als Spielzeug missbraucht“ und nach Gebrauch wegwirft. Ein taubstummes, blindes, kahles Geschöpf mit verkrüppelten Beinen, über das Austen schreibt: „Diese Mischung aus abstoßender Hässlichkeit und außerweltlicher Erhabenheit in ihren Zügen verwirrte und verstörte mich zutiefst.“ Er denkt an die Schlangengöttin Schahmeran, die sich zerhacken ließ, um das Böse zu bezwingen.

Oder Arevhat, die Sängerin und Volksheldin, die wie aus dem Nichts auftaucht und ebenso wieder verschwindet, und die in ihren Liedern zum Ungehorsam gegen den Unterdrücker aufruft. Rachel ist sich sicher, dass ihr Mann sterben musste, weil er Arevhat Unterschlupf gewährte, auch sie war eines jener „unglücklichen Kinder, die der Gouverneur in seinen Sommerpalast bringen ließ. Die Mädchen wurden wie Huren bekleidet und bemalt. Sie mussten bei den großen Feierlichkeiten die Gäste des Gouverneurs bedienen. Hatten die Mädchen ihren Zweck erfüllt, wurden sie entehrt vor die Tür gesetzt. Einige machten ihrem Leben ein Ende, wieder andere schlossen sich aus Not den Bettlern an.“

Deren „König“ ist ein weiterer schillernder Charakter, der Derwisch Salaheddin, der mit seinen zerlumpten Truppen und seinen Sufis Austen noch sehr hilfreich sein wird (die beiden schleusen den ehrfurchtgebietenden Sufi Ahmet mit einem gefälschten „Ferman des Sultans“ als trojanischen Janitscharen ins Polizeigefängnis ein, was die Wachsoldaten zum Habt-Acht und zur Herausgabe politischer Gefangener veranlasst – Anthoulas Arzt Dr. Mikaelis ist nämlich außerdem griechischer Freiheitskämpfer). Magisch auch die Begegnung mit Rachels Zaddik Rabbi Ashkenasi, der Austens Blick auf ungeahnte Aspekte des Glaubens richtet.

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Richtig Fahrt nimmt der Roman nach einem missglückten Attentatsversuch auf den Katipzaden auf dem Casino-Ball auf. Der Täter, die Hintermänner? Konsul Werrys Sohn Peter sagt Seiten vorher und hämisch grinsend diesen verhängnisvollen Satz zu Austen: „Der nächste Gouverneur muss ja nicht unbedingt ein Türke sein.“ Charles Austen und Otto Friedrich von Richter retten den angeschossenen Gouverneur und verstecken ihn in einer der bewohnbaren Höhlen am Strand …

Pechmann gelingt mit Verve keinen seiner Charaktere eindimensional zu gestalten. Der bösartige Gouverneur, der das Volk schikaniert, spricht in der Höhle mit den Worten eines Dichters über seine verlorene Liebe Leila, ein Korbflechter-Mädchen, dass Vater Katipzade aus dem Weg schaffte, um dem Sohn eine standesgemäße Heirat vorzuschreiben (als wer sich Leila entpuppt, ist sagenhaft). Selbst Kapitän Austen ist in seinem Innersten zerrissen, nach außen Pflicht und Moral, innerlich nicht über Fannys Tod hinwegkommend, an dem er sich die Schuld gibt. Und Madame Löwenthal? Ist sie wirklich verrückt, wie alle behaupten, oder ist an ihren Anklagen etwas dran? Allmählich erst, die Nerven längst bis zum Äußersten gespannt, dröseln sich die verschlungenen Verhältnisse – wer mit wem und wer gegen wen – auf. Was für mehr als eine Überraschung gut ist.

„Im Jahr des schwarzen Regens“, benannt nach dem Ausbruch des indonesischen Tambora-Vulkans 1815, der noch im Jahr darauf, dem „Jahr ohne Sommer“, ascheschwere Niederschläge auf die Welt fallen ließ, ist ein bis ins Detail stilgetreuer historischer Abenteuer-Roman und mehr. Denn Pechmann erzählt seine Geschichte aus der Zeit des europäischen Handelsimperialismus und der Minderheitenverfolgung im Osmanischen Reich als Bericht aus einer exotischen Wunderkammer. Die vorgegebene Zeit ist ihm nur der Anker, um die orientalischen Mythen und levantinischen Märchen über fantastische Wesen und unerklärliche Phänomene daran festzumachen. Alles in allem: Eine atmosphärisch dichte, nostalgische, unterhaltsame Lektüre über historische Tatsachen.

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939) und „Sieben Lichter“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45974).

Steidl Verlag, Alexander Pechmann: „Im Jahr des schwarzen Regens“, Roman, 256 Seiten.

steidl.de

26. 1. 2022

Jürgen Pettinger: Franz. Schwul unterm Hakenkreuz

Januar 9, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Für den „Warmen“ kein Pardon

Er ist ein vollständig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher, bei dem von Freiheitsstrafen kein erzieherischer oder abschreckender Erfolg mehr zu erwarten ist. (Der Oberstaatsanwalt als Leiter der Anklagebehörde beim Landesgericht Wien als Sondergericht, 16. Oktober 1943)

Am 13. April 1943 gab der für derlei Spitzeldienste von der Polizei abgerichtete Ferdinand Jezek, Deckname: Jussuf, bei seiner Einvernahme durch Kriminalinspektor Karl Seiringer zu Protokoll, in seiner Wohnung mit einem Burschen Sex gehabt und diesen dafür bezahlt zu haben. Schon am nächsten Tag wurde Franz Doms in der elterlichen Wohnung festgenommen. Er sollte nie mehr das Licht der Freiheit erblicken, denn an Franz Doms wollte das Dritte Reich ein Exempel statuieren.

Die Nationalsozialisten hatten von Beginn ihres Terrorregimes an die systematische Verfolgung von Homosexuellen intensiviert. Von 1932 bis 1943 gab es laut Statistischem Reichsamt mehr als 52.800 Verurteilungen. Die „Sondermaßnahmen“ für die Delinquenten reichten von der „freiwillig beantragen“ chemischen

Kastration über das medizinische Experiment, der operativen Einpflanzung einer künstlichen Sexualdrüse, bis zur Deportation in ein Konzentrationslager, wo die Häftlinge mit einem rosa Winkel gekennzeichnet und gezielt ermordet wurden. Opfernamen gibt es viele, bekannt ist kaum einer. Autor Jürgen Pettinger erzählt in seinem Recherche-Roman „Franz. Schwul unterm Hakenkreuz“ stellvertretend für diese vielen vom Schicksal des Franz Doms. Schon für ein Radiofeature arbeitete er sich durch die Vernehmungsprotokolle und andere Dokumente, nun in Buchform hat er die vergilbten Strafakte der NS-Zeit mit Leben erfüllt – nichts ist erfunden und doch fiktional. Das ermöglicht nicht nur einen differenzierten Blick auf Franz Doms als Menschen jenseits der bürokratischen Kälte des Amtsdeutsch, sondern zeichnet auch ein Sittenbild jener finsteren Tage.

Am 10. November 1943 wurde Franz Doms vom Richter eines Wiener Sondergerichts zum Tode verurteilt. In ihm kulminierten alle Ressentiments, die die Nationalsozialisten gegen Schwule hatten: er galt als Jugendverderber, hemmungsloser Sexualstraftäter, Erpresser und Dieb. Pettinger geht der Frage nach, wer dieser junge Mann war, der auf einem erhalten gebliebenen Gestapo-Foto den Hut so verwegen auf dem Kopf trägt und dabei stolz und ernst in die Kamera schaut. War er ein naiver 21-Jähriger oder ein Strizzi? Verstand er sich als homosexuell?

Pettingers Arbeit ist als Plädoyer für – nein, das Wort Toleranz wird an dieser Stelle nicht gemocht -, als Plädoyer für Aufgeschlossenheit und Vorurteilslosigkeit, für Humanität zu lesen. Sie ist ein Niemals-Vergessen in einer Aktualität, in der Menschen nach wie vor wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion und ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Weiß man, dass die Roten Khmer alle Brillenträger exekutierten, weiß man, es kann jede und jeden treffen.

Besonders eindrücklich gelingen Pettinger die Schilderungen aus dem Todestrakt, ein stiller Hades, in dem jedes Geräusch ein Leben besiegelt. „Das Klirren der Springerkette verursacht Franz neuerlich Gänsehaut, der Delinquent wird abgeführt. Das fehlende Klappern seiner Pantoffel (diese mussten vor der Hinrichtung ausgezogen werden, Anm.) auf dem Steinboden macht die Szene für die Zuhörer nicht weniger bedrückend. ,Mach es gut‘, ruft einer aus einer anderen Zelle … Die dumpfen Aufschläge des schweren Eisenmessers hallen am Abend immer bis in den letzten Winkel jeder Zelle. Wumms! Wie ein Uhrwerk, alle zwei Minuten ein Schlag.“ Soweit Pettingers Schreibstil: schnörkellos sachlich, unter die Haut fahrend plastisch und auf anrührende Art intim.

Rund um Franz gruppiert Pettinger ein Panoptikum an Nachbarn, Freiern, Gestapo-Männern, Kriminalbeamten, der illustren Runde im Gasthaus Emminger, heute das Gasthaus Hansy. Er stellt das Wiener Denunziantentum, den Bassenatratsch, die Neidgesellschaft, denn Franz verdient mit seinen Gefälligkeiten gut, zur Schau. Lichtgestalt ist die ältere Schwester Josefine, ein politischer Kopf, der die Auswirkungen des „Anschluss“ mit Argusaugen verfolgt: „die brennenden Synagogen, die beschmierten und eingeschlagenen Schaufenster, die allgemeine Gleichgültigkeit darüber, die Schadenfreude und die Niedertracht.“

Bild: © Wiener Stadt- und Landesbibliothek

Sie sieht die Gefahr, in der Franz schwebt: „Als Franz eines Tages wieder nach einer langen Nacht betrunken nach Hause gekommen war, platzte Josefine der Kragen und sie sagte ihm geradeheraus auf den Kopf zu, dass er ein Strichjunge sei.“ Der Kapitänsgattin Amalie Winkler, „die an Franz immer schon einen Narren gefressen hatte“, und der wohlwollenden Hausbesorgerin vom Handelskai 208 stehen die missgünstigen Marie Vecs aus der Nachbarwohnung und der Schlosser Eduard Poly aus dem Stock darunter gegenüber, zweiterer „bei der Partei“.

Ihre Aussagen über den „Taugenichts“, dessen Schwester ihn im Streit beschuldige „ein Warmer“ zu sein, ihre Angabe Franz hätte laut „Der Hitler kann mich am Arsch lecken!“ gerufen, bringen „den Unzüchtler“ ins Hotel Métropole. „,Wir machen jetzt ein bisschen Schädelgymnastik!‘, sagte der Beamte, schaltete das übertriebene Grinsen in seinem Gesicht aus und fügte eindringlich hinzu: ,Das ist gut für Ihr Gedächtnis, Herr Doms.‘“ Erschütternd ist dieser Eifer mit dem die NS-Justiz das „homosexuelle Milieu“ verfolgte. Diese Stimmung aus Angst und Erpressung, die das schwule Leben prägte. Jederzeit konnte man auf Verdacht festgenommen werden, immer mit dem Ziel, weitere Personen zu identifizieren und – siehe Jussuf – zu verraten.

Mit der Aussicht auf Folter war es für die Polizei ein leichtes, jede Form von queerer Solidarität im Keim zu ersticken. Schwules Leben fand im Untergrund statt, mit Decknamen und Maskeraden, geheimen Codes und Doppelleben. Eine fein skizzierte Figur ist nicht zuletzt deshalb der Kriminalkommissar Seiringer, mit dem sich nackt in der Dampfkammer im einschlägig bekannten Römischen Bad, man habe ja schon immer gemunkelt, dass der Seiringer „einer von denen“ sei, eine nicht unkomische Szene ergibt. Oder Gefängnispfarrer Köck, der am Ende dafür sorgen wird, dass Franz nicht anonym verscharrt, sondern im Familiengrab auf dem Zentralfriedhof beigesetzt wird. Die „Politischen“ aus der Zelle daneben, die beiden zumindest etwas Trostspender heißen Stefan Rambausch und Leopold Hadáček, sie werden am selben Abend wie Franz enthauptet.

Und dann ist da eine Liebe, mit der man hofft und bangt, obwohl deren Ausgang bekannt ist. Kurt, „der Schlurf“, der Stricher, der tagsüber bei einer Wurfbude im Prater jobbt. Franz ist vom ersten Moment an hin und weg von der Weltläufigkeit seines neuen Freundes. Einmal werden die beiden gemeinsam inhaftiert. „Wiederholungstäter“ Franz, der nie einen anderen denunzierte, um sich selbst zu retten, saß insgesamt drei Mal ein. Pettinger zeigt einen grauenhaften Gefängnisalltag voll Krankheiten, Krätze, Läusen, Strafen mit dem Ochsenziemer, Mitgefangene, die von den „Unzüchtlern“ sexuelle Handreichungen fordern oder ihnen andernfalls Prügel androhen. „Aus ist es mit dem Liebesglück!“, feixen die Justizwachebeamten, die um Franz‘ und Kurts Situation wissen.

Bild: © WSTLA, Landesgericht für Strafsachen, A11; 2398/1943

Hände, die sich berühren: Entwurf für das Denkmal im Resselpark. Bild: © Marc Quinn

Einmal noch zum Begräbnis der sich zu Tode gegrämt habenden Mutter wird Franz freigelassen. Wo Kurt ist, weiß er nicht, und so beginnt Franz den Geliebten zu suchen. Bis dieser mit seinem typisch schelmischen Lächeln vor ihm steht: „Josefine war an seiner statt zu dem Wurfstand gegangen und hatte Kurt dort einfach angesprochen. Danach hatten sich die beiden mehrfach getroffen und den Plan geschmiedet. Franz wünschte sich schon lange, dass sie sich eines Tages kennen lernen würden. Davon, dass ausgerechnet seine Schwester den ersten Schritt in diese Richtung machen würde, hätte er aber nie und nimmer zu träumen gewagt.“ Josefine hatte die sexuelle Orientierung ihres Bruders als wichtigen Teil seiner selbst angenommen: „Es ist also besser, ihr trefft euch mit meinem Wissen, als ihr tut es heimlich“, sagt sie.

„Franz. Schwul unterm Hakenkreuz“ ist als Auftrag zu verstehen, sich mit der queeren Geschichte in Österreich zu beschäftigen. Weil sich so vieles im Geheimen ereignen musste, ist die Quellenlage dünn. Doch es gibt Bestrebungen, dieses wichtige Vorhaben anzugehen. Im Resselpark wird ein Denkmal für die homosexuellen Opfer des Dritten Reichs entstehen. Die Skulptur des britischen Künstlers Marc Quinn wird vier Hände, zwei von Männern, zwei von Frauen, darstellen, die einander berühren wollen – ein Moment einfachsten und elementar zwischenmenschlichen Kontakts. Realisiert werden sollte der Entwurf bereits 2021. Covid-19 kam dazwischen …

Zum Ende. Das Urteil wird vollstreckt. „Ein Vorhang wird beiseitegeschoben und im Laufschritt geht es in den angrenzenden waschküchenähnlichen Hinrichtungsraum. Franz wird auf den Bauch gelegt und mit Ledergurten auf einer Holzbank fixiert. Nicht fest, er merkt es kaum. Und schon hallt durch das Gerichtszimmer und durch die Korridore und Stiegen des E-Traktes der dumpfe Schlag des niedersausenden Fallbeils.“

Um 18 Uhr 41 Minuten 18 Sekunden meldet dieser (der Scharfrichter, Anm.) den Vollzug des Todesurteils. Das Verhalten des Scharfrichters und seiner Gehilfen war in keiner Beziehung zu beanstanden. Der Leichnam wurde in den bereitgestellten Sarg gelegt. (Landesgericht Wien, Vollstreckungshaft Franz Doms, 7. Februar 1944)

Über den Autor: Jürgen Pettinger, geboren 1976 in Linz, hat Wirtschaft & Management in Innsbruck studiert und als Redakteur und Moderator von Tirol heute im ORF-Landesstudio Tirol gearbeitet. 2012 wechselte er ins ORF-Zentrum Wien. Er moderiert die ZIB18, die ZIB Flashes, ZIB Nacht und gestaltet regelmäßig TV- und Radio-Reportagen. Für das Ö1-Radiofeature „Mit einem Warmen kein Pardon. Der Fall Franz Doms“ wurde er mit dem Prof. Claus Gatterer-Preis und dem deutschen dokKa-Preis geehrt. Gemeinsam mit ORF-Wettermoderatorin Eser Akbaba schrieb er das ebenfalls bei Kremayr & Scheriau erschienene Buch „Sie şprechen ja Deutsch!“

Kremayr & Scheriau, Jürgen Pettinger: „Franz. Schwul unterm Hakenkreuz“, Recherche-Roman, 192 Seiten.

www.kremayr-scheriau.at

  1. 1. 2022

Karikaturmuseum Krems: Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik

November 11, 2021 in Ausstellung, Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die feuerrote Friederike und ihre Nachfolgerinnen

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Lange bevor sich der Begriff des Mobbings etabliert hatte, behandelte Christine Nöstlinger die Themen Ausgrenzung und Gewalt mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl in ihrem KinderbuchKlassiker „Die feuerrote Friederike“. In ihrem Erstlingswerk, das 2020 seinen 50. Geburtstag feierte, wehrt sich das Mädchen mit den feuerroten Haaren und Sommersprossen auf den Wangen mit Zauberkräften gegen die Demütigungen ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen.

Auf Anhieb ein großer Erfolg und 1972 mit dem FriedrichBödeckerPreis ausgezeichnet, läutete die österreichische Autorin mit ihrer „Feuerroten Friederike“ eine neue Bewegung innerhalb Österreichs Kinder und Jugendliteratur ein. Bis heute ist das Buch ein Bestseller mit immer noch aktueller Thematik. In der Ausstellung „Christine Nöstlinger und ihre Buchstabenfabrik“ präsentiert das Karikaturmuseum Krems ab 14. November die originalen und teils unveröffentlichten BuchIllustrationen aus dem

Urmanuskript, die zu Beginn von Christine Nöstlinger selbst gezeichnet wurden. Das Debüt als Ausgangspunkt nehmend, sind weitere Zeichnungen der Töchter Christiana Nöstlinger und Barbara Waldschütz zu sehen. Eine aktuelle Friederike zeigen die Arbeiten von Stefanie Reich. 2015 wurde die Leipzigerin mit den Illustrationen für eine Neuausgabe von Nöstlingers Buch beauftragt.

Eigens für die Ausstellung haben sich Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Nina Pagalies im Rahmen ihres Stipendienaufenthalts in Krems mit Nöstlingers  Oeuvre künstlerisch auseinandergesetzt. Die ausgestellten Originale von Michael Roher, dem ersten Preisträger des ChristineNöstlingerPreis, und von Sophie Schmid, Illustratorin von Nöstlingers posthum erschienenen „Der Überzählige“, ergänzen die Schau. Verschiedene künstlerische Positionen geben einen facettenreichen Einblick in das Schaffen und Fortwirken der Schriftstellerin und Zeichnerin Christine Nöstlinger.

Die Töchter

1959 bringt Christine Nöstlinger Tochter Barbara und 1961 Tochter Christiana auf die Welt. Mit 13 Jahren bebildert Christiana Nöstlinger als Autodidaktin erstmals ein Buch ihrer Mutter, „Achtung! Vranek sieht ganz harmlos aus“, erschienen 1974. „Ich war 13 Jahre alt und noch in der Schule. Die Idee war, ein Buch für Kinder mit Kinderzeichnungen zu illustrieren, obwohl ich mit 13 kein richtiges Kind mehr war. Aber ich habe als Kind immer schon gern gezeichnet, und meiner Mutter gefielen die Zeichnungen offensichtlich. Sie hat mich dazu ermutigt und auch die Idee gehabt mit den Kinderzeichnungen.“ Die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter reichte von Erzählungen bis zu Romanen, so „Liebe Susi, lieber Paul!“, „Susis geheimes Tagebuch“, „Liebe Oma, Deine Susi“, „Willi und die Angst“ und die 16bändige „Mini“Serie. Heute ist Christiana Nöstlinger als Psychologin und Expertin für Gesundheitsförderung tätig und arbeitet am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen, Belgien.

Tochter Barbara Waldschütz hatte 1990 ihr Debüt als Illustratorin. „Meine Mutter hat eine ganze Geschichte gereimt, ‚Klicketick‘. Sie hat mir den Text gegeben und gesagt, dass ich damit machen soll, was ich will. Sie war damals schon sehr bekannt und hätte sich auch einen berühmten Illustrator wünschen können. Sie fand aber, es sei eine Verschwendung meines Talentes, dass ich immer nur für mich zeichne.“ Für ihre KinderbuchIllustrationen, darunter Bücher wie „Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons“, „Madisou“, „PuddingPauli“ und „Ned dasi ned gean do warat“, wurde ihr die BIPPlakette und mehrmals der Illustrationspreis der Stadt Wien verliehen. Illustrieren wurde aber nie zum Hauptberuf destudierten Mediengestalterin und Kommunikationsdesignerin. „Ich bin mir nicht sicher, ob man dann noch jedes Buchprojekt wie ein Kunstwerk gestalten kann. Man kann dann nicht mehr so viel Zeit mit Nachdenken und Ausprobieren verbringen und wahrscheinlich macht es dann weniger Spaß. Das fände ich schade.“

Christine Nöstlinger: Die feuerrote Friederike, 1970. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Christiana Nöstlinger: Mini ist verliebt, 1999. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Barbara Waldschütz: Vom weißen Elefanten und den roten Luftballons, 1995. © Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik GmbH

Aktuelle Begegnungen

Bereits vor Jahrzehnten publiziert, zeugen die behandelten Thematiken in Nöstlingers Büchern noch heute von Aktualität. Sei es die Andersartigkeit in „Die feuerrote Friederike“ beziehungsweise in „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“, die Problematik von Einsamkeit in „Das Austauschkind“, die Identitätssuche in „Gretchen Sackmeier“ oder die pubertäre Sinnkrise, etwa in „Ilse Janda, 14“. Im Karikaturmuseum Krems tritt das Geschriebene von Christine Nöstlinger in den Zeichnungen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in einen spannenden Dialog. So werden unter anderem neue Arbeiten von Martina Peters, Stephanie Wunderlich und Stefanie Reich präsentiert.

Aus Martina Peters‘ Beschäftigung mit Themen zur sexuellen Orientierung und Formen von Identitäten entstand ihr Interesse, Illustrationen im Mangastil zu Nöstlingers Buch „Bonsai“ anzufertigen. „Es ist eine Geschichte über einen Teenager, der herauszufinden versucht, welche Sexualität er eigentlich hat und zu welchem Geschlecht er sich dazugehörig fühlt. Die Erzählung ist eine spannende Reise zu der Frage, ob wir Abgrenzungen brauchen und ob nicht jeder so sein kann, wie er will, ohne von außen bewertet zu werden.“ Bebilderte Peters zu Beginn ihrer Auseinandersetzung jene Szenen, die ihr visuell am stärksten im Gedächtnis blieben, zeugen die später entstandenen Zeichnungen ihrer „Bonsai“Serie von größerer Freiheit gegenüber dem Gelesen.

Stephanie Wunderlich zeigt digital montierte Scherenschnitte: Ich habe den Gedichtband ‚Mein Gegenteil‘ von Christine Nöstlinger ausgewählt, da mir der feinsinnige Humor und die Absurdität der einzelnen Gedichte gefällt. Viele der lyrischen Texte handeln von Figuren, die renitent, aufmüpfig und gegen den Strich gebürstet sind. Beispielweise verweigern der Schutzengel und das Gespenst den Dienst in ihrer vorgegebenen Rolle. Der Sohn bringt mit seiner Sprache die Eltern zur Weißglut und setzt erst recht noch eine Provokation drauf. Auch negative Empfindungen und Zustände wie Traurigkeit, Einsamkeit, Hunger und Zweifel haben ihren Platz wie in ‚Berechtigte Forderung‘ und ‚Mein Gegenteil‘. Die Texte sind sehr realistisch und nah am Leben. Für damalige und auch heutige Verhältnisse eine ungewohnte, erfrischende Ansprache für Kinderohren.

Für ihre Diplomarbeit illustrierte Stefanie Reich 2012 „Der schwarze Mann“ von Christine Nöstlinger neu. „Als ich wenig später für eine Neuausgabe der ‚Feuerroten Friederike‘ angefragt wurde, hat mich das sehr gefreut. Von Friederike hatte ich meine ganz eigene Vorstellung und so habe ich sie entsprechend in meinem Stil interpretiert.“ Besonders eine Stelle blieb Reich in Erinnerung, nämlich „als Friederike aus dem roten Buch vorliest: ‚Es gibt ein Land, dort sind alle Menschen glücklich. Auch alle Kinder. Niemand wird dort ausgelacht. Alle helfen einander.‘ Obwohl zu einer anderen Zeit gedacht, passen die Zeilen sehr gut für die Gegenwart.“

Stefanie Reich: Die feuerrote Friederike, 2012. © Privat

Stephanie Wunderlich: Sprachproblem, 2021. © Privat

Martina Peters‘ Manga-Zeichnungen: Bonsai, 2021. © Privat

Über die Autorin: Christine Nöstlinger wurde am 13. Oktober 1936 in Wien geboren und lebte hier als freie Schriftstellerin. Ihre zahlreichen Kinder und Jugendbücher wurden weltweit publiziert und in mehr als50 Sprachen übersetzt. Nöstlingers schriftstellerische Tätigkeit begann 1968 mit der „Feuerrote Friederike“, die sie als Geschichte zu ihren Illustrationen schrieb. Mehr als 150 Bücher, unzählige Beiträge für Fernsehen und Radio – etwa der berühmte „Dschi-Dsche-i Wischer Dschunior“ – sowie Kolumnen für diverse Zeitungen folgten. Angelehnt an die Vielzahl ihrer Publikationen bezeichnete sich Nöstlinger selbst oft als „Buchstabenfabrik“.

Nöstlingers Werk wurde mehrfach verfilmt und international prämiert. Sie war die erste Trägerin des Astrid-Lindgren-Preises (2003) und erhielt den Andersen Award sowie unter anderem den Ehrenpreis CORINE für ihr Lebenswerk (2011), das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), den Bruno-Kreisky-Preis für ihr publizistisches Gesamtwerk (2012), Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen den Lebenswerk-Preis (2016).

Noch bis kurz vor ihrem Tod arbeitete die Autorin an Gedichten im Wiener Dialekt, die sich unter anderem mit dem Alter und dem Tod beschäftigen. Christine Nöstlinger starb am 28. Juni 2018 im Alter von 81 Jahren. Der Gedichtband „Ned das I ned gean do warat“ erschien, illustriert von Tochter Barbara Waldschütz, im April 2019 im Residenzverlag. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32865

www.karikaturmuseum.at           www.christine-noestlinger.at

11. 11. 2021

Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich

August 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex & Drugs & Elendsmenschen

„Im Saal wurde ihr Name gebrüllt, sie hörte ,Gisberta, komm raus! Gisberta, wir lieben dich!‘ Als Gi mir das erzählte, zitterte sie. Alle riefen, begehrten sie. ,Das war schön, Junge.‘ Sie beugte ihre Schultern zu einer Pose, eine Erinnerung an Momente, niemals würde sie vergessen, wie das Publikum sie mit den Augen verschlang, wenn sie Marilyn war, mehr als die echte Marilyn. My heart belongs to daddy. … Erschöpft zog sie am Ende ihr Kleid aus, ließ es hinabfallen bis zu den Füßen, wie einen umgekehrten Heiligenschein. Und dann sahen sie ihr Haar über die nackten Schultern fallen, ihre wohlgeformten Brüste, ihre schmale Taille, die breite Hüfte. Und dann die enthaarte Scham und den Penis zwischen ihren Beinen. Yes, my heart belongs to daddy. … Erst als sie mir ein altes Foto zeigte, sah ich, dass meine Gi heute nur ein erbärmlicher Abklatsch war, von der damals auf der Bühne.“

In seinem jüngsten Roman „Aber wir lieben dich“ greift der portugiesische Autor Afonso Reis Cabral einen echten Kriminalfall auf. 2006 wurde in der Küstenstadt Porto die Transfrau Gisberta Salce Júnior von Jugendlichen aus einem Erziehungsheim mit sadistischer Brutalität erschlagen.

Erst gab es landesweit große Aufregung, dann passierte – nichts. Der Minister sprach von einem Einzelfall, die Justiz verhängte Jugendstrafen, immerhin: die „Jugendhilfeanstalt“ Oficina de São José wurde geschlossen, als der Prozess die dortigen Gewaltorgien und den sexuellen Missbrauch offenbarte.

Afonso Reis Cabral beleuchtet die Hintergründe des Verbrechens mit den Mitteln der schriftstellerischen Fantasie. In einer fiktionalen Vorbemerkung trifft er den nunmehr 29-jährigen Rafael Tiago, einen der Täter, der ihn in einem Brief um ein Buch über die Geschehnisse gebeten hat. Der Autor, so weit, so wahr, studiert Prozessakten und Presseberichte, interviewt Gisbertas Trans-Freundinnen, macht schließlich den 12-jährigen Rafa zum Ich-Erzähler – und entdeckt auf seiner Spurensuche „den Zusammenstoß zweier prekärer Welten, den Konflikt aller Beteiligten, die Folgen der Armut, dieses Wort, dass man nicht mehr benutzen will, aber weiterhin verwendet, die Balance zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Nichts Besonderes also …“

Den Postkartenansichten des pittoresken Altstadtviertels Ribeira zum Trotz, beschreibt Afonso Reis Cabral die „Dreckslöcher“ abseits der Touristenidylle, Stadterweiterungsgebiete, für die der Kommune das Geld ausging, Betonskelette aus rohem Zement neben Bauruinen, Schutt, Abfall, „verbotene Orte“, wie Nélson sie nennt. Derart ist die Gang schnell vorgestellt: der sein Kindheitstrauma mittels Rebellion gegen alles und jeden bekämpfende Rafa, der zerstörungswütige, sich abgebrüht gebende Nélson, der Schläger Fábio und Samuel, die sensible Künstlerseele, der die zerrüttete Welt der Jungs auf Papier festhält, Samuel, das Prostituiertenkind, denn Mütter haben die Fürsorgezöglinge allesamt, bettelarme, überforderte, drogensüchtige. „Mutterschaft war für sie ein steter Quell ungenießbaren Dreckwassers“.

Eines ihrer Quartiere, das die zum Sozialfall geborenen Jugendlichen täglich durchforsten, ist der Rohbau eines von den Investoren aufgegebenen Einkaufszentrums, „Pão de Acúcar“, also „Zuckerhut“, das, so Rafa, „zum Wohnheim für Menschen wurde, die in der Baustelle ihr eigenes Schicksal wiedererkannten“. Obdachlose, Junkies, Nutten – und mittendrin haust in einem elenden Verschlag ein bis auf die Knochen abgemagertes, androgynes Wesen, HIV-krank, geschwächt, schmutzig und mittellos, das jedoch mit brasilianischem Akzent, denn Gi kommt aus Übersee, die wunderbar traurigsten Geschichten erzählen kann.

Rafa ist abgestoßen und angezogen zugleich. Bringt Essen, Decken, was immer er selbst entbehren kann, repariert mit Gi ein weggeworfenes, reichlich ramponiertes Fahrrad, schrubbt sich danach im Wohnheim unterm heißen Wasser fast blutig vor Ekel – und ist doch morgen wieder da, um Gis Glamour-Storys von den Cabarets in São Paulo zu hören. Die Rückblicke auf ihre Glanzzeit helfen ihm einen tristen Tag nach dem anderen runterzubiegen, vielleicht, wer weiß?, fühlt er bei ihr so etwas wie erstmals Mutterliebe? „Bevor ich sie kennengelernt hatte, dachte ich, der ganze andere Scheiß sei das, was mich ausmachte und mit dem sich erklären ließe, was ich sei, aber dann trat Gi dort hinein, wo ich vorher gar nicht gedacht hatte, dass dort eine Lücke war, und machte mich zu einem anderen.“

Die Kalvarienberg-Stationen, zu denen die Kapitel aus Gisbertas Leben werden, kreuzen sich mit Rafas Bericht, zwei Beichten sind das, so nah entlang der Realität geschildert, die Frage, was der Mensch ist und was er zum Menschsein braucht, dass es einem so tief unter die Haut geht, wie die Nadeln, die Gi sich bald setzt. Von der Bühne geht’s ins Bordell, wo sie, als selbst da ihre Tage als zweigeschlechtliche Schönheit gezählt sind, mit der Kraft des Mannes den Rausschmeißer für lästige Freier und mit der Zuneigung einer Frau die „Tante“ für die Kinder der Kolleginnen macht.

Bild: pixabay.com

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In einer Art Besitzerstolz beschließt Rafa seine neue Freundin der Gang vorzustellen, und dann ist da Samuel, dessen Mutter Gi aus Zimmer 102 kannte, und ihn bereits als Baby. „Irgendwann strich ihm Gi mit der Hand über den Kopf, und er ließ diese Zärtlichkeit mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu, wie ich es niemals gekonnt hätte. Wie es nur jemand kann, der den Umgang mit Transvestiten von klein auf gewohnt ist. Mich traf es wie eine Pfeilspitze in den Kopf: So gestreichelt zu werden, war mehr, als die meisten vom Leben verlangen konnten.“

Das Glück, jemanden gefunden zu haben, für den man zählt, die Erfahrung, auch selbst etwas geben zu können, wird von Rafas Eifersucht zernagt. Hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Verachtung, gebeutelt von Geltungsdrang und Gruppenzwang, gleitet Rafa ohne es zu merken in eine Abwärtsspirale des Bösen. Zurück zu den Wurzeln von Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Denn der irre Fábio und sein Schlägertrupp treten an, um „das Unnatürliche“ auszumerzen. „,Zieht ihr die Hose runter, dann sehen wir, ob sie ein Mann oder eine Frau ist‘, sagte Fábio. Er zielte, versetzte ihr einen Tritt in den Magen und sagte: ,Es ist ein Typ!‘“

Gisberta überlebt das mehrtägige Martyrium nicht. Rafa und Samuel können ihr nicht helfen und treten unter dem Druck der Horde sogar selbst ein paar Mal zu. Afonso Reis Cabral schreibt dies nieder, ohne auf eine Zartbesaitetheit der Leserinnen und Leser Rücksicht zu nehmen. „Aber wir lieben dich“ ist ein grausamer Lesestoff, den man in seiner Intensität aushalten muss – und am Ende wird der, der Gi am meisten liebt, ihr den Gnadentod geben.

Im Anhang zitiert der Autor aus seinem Quellen. Der Público schrieb damals über die Leiche des toten Mannes und triefend vor Ignoranz gegenüber der LGBT-Community: „Was sich tatsächlich in dem verlassenen Haus abspielte, ist nach wie vor alles andere als aufgeklärt. Manche Zeugen berichten, es habe oft Streit mit dem Opfer gegeben. Einer der an der Tat Beteiligten bezeichnete ihn trotzdem als seinen Freund.“ Es sind diese blinden Flecken in der faktischen Wahrnehmung, die Afonso Reis Cabral mit der verstörenden Wucht seiner Fiktion füllt. Wobei er die Täter niemals mit einem Opfermythos verklärt, sondern ihrem Machtwillen als Mittel zum Überleben, zum Sich-seinen-Platz-Sichern in einer barbarischen Umgebung, ihrem Glauben an das Recht des Stärkeren durchaus Raum lässt.

Mit „Aber wir lieben dich“ ist Afonso Reis Cabral ein vielschichtiger Roman gelungen. Was auch eine simple True-Crime-Story hätte sein können, ist aus seiner Feder ein bewegendes Drama geworden, vor allem aber eine beunruhigende Parabel über die Abgründe der menschlichen Natur.

Über den Autor: Afonso Reis Cabral, 1990 in Portugal geboren, studierte Portugiesisch und Fiktionales Schreiben. Er veröffentlichte bereits im Alter von 15 Jahren seinen ersten Gedichtband. Für seinen Debütroman „O Meu Irmão“ (Mein Bruder) wurde er 2014 mit dem Prémio LeYa ausgezeichnet. Bei Hanser erschien 2021 sein zweiter Roman „Aber wir lieben dich“, für den er 2019 den wichtigsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago, erhielt.

Hanser Verlag, Afonso Reis Cabral: „Aber wir lieben dich“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.

www.hanser-literaturverlage.de

Screening-Tipp: September Mornings/Manhãs de Setembro

Einfühlsam und dabei vollkommen pathos- und kitschbefreit erzählt die fünfteilige brasilianische Mini-Serie von der Transfrau Cassandra, die in São Paulo ihrem großen Traum nachhängt. Tagsüber unterwegs als Botenfahrerin für eine Service-App, verwandelt sie sich nachts in einen Club-Star, eine Sängerin, die vor allem den Songs ihres Idols Vanusa, einer brasilianischen Sängerin der 1970er-Jahre, frönt.

In Ivaldo hat sie einen so leidenschaftlichen wie treu ergebenen Lover gefunden, der um ihre Geschlechtsumwandlung weiß, eben bezieht sie ihre erste eigene Wohnung. Da steht eines Tages, gleich einem Gespenst aus der Vergangenheit, Leide vor der Tür, ein jugendsündlicher One-Night-Stand, nein, nicht von Cassandra, sondern deren früherem männlichen Ich Clóvis – und mit ihr der gemeinsame Sohn Gersinho. Leide ist obdachlos, unstet, ob ihrer Not eine Kleinkriminelle, und Cassandra sieht das alles. Doch wird sie das Herz haben, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen?

Manhãs de Setembro: Singer-Songwriterin Liniker als Transfrau Cassandra. Bild: © Amazon Studios

Cassandra wird zum Vater wider Willen: Mit Gustavo Coelho als Sohn Gersinho. Bild: © Amazon Studios

Lover Ivaldo weiß von Cassandras Vergangenheit als Mann: Thomas Aquino. Bild: © Amazon Studios

In Brasilien längst Superstar: Liniker, die Kämpferin gegen Gender-Diskriminierung. Bild: © Amazon Studios

Die Produktion für Amazon Prime Video ist ein wahres Fundstück, getragen nicht zuletzt von Singer-Songwriterin Liniker, die mit ihrem rauen, seelenfängerischen Timbre, dann wieder rekurrentem Falsett das Publikum in ihren Bann zieht. Liniker ist Transfrau, und hat sich neben dem als Musikerin auch einen Namen als unermüdliche Kämpferin gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung gemacht.

Das unprätentiöse Spiel des gesamten Casts gibt nicht nur einen authentischen Einblick in eine Welt, die sonst meist mit Federboas, Pailletten und „Tunten-Alarm“ gepimpt ist, sondern zeigt auch den täglichen Überlebenskampf der nicht mit Reichtum gesegneten „Paulistanos“. Und bemerkenswert ist, wie normal und ohne Ausrufezeichen die Beziehung zwischen Cassandra und Ivaldo beschrieben wird. Zu streamen in deutscher Sprache oder in Portugiesisch mit englischen Untertiteln. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O3iE_imB_7s           www.amazon.de

  1. 8. 2021

Dana Grigorcea: Die nicht sterben / Autorin im Gespräch

April 28, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Blutsauger im postkommunistischen Rumänien

„Ich kann nicht umhin, Ihnen diese Geschichte zu erzählen“, so wendet sich die Ich-Erzählerin an ihre Leserschaft. Es wird eine Schauergeschichte werden, voller Toter und Untoter, die „mich fassungslos und innerlich nackt zurücklassende Geschichte mit … dem Fürsten“, und, sagt die junge Bukarester Malerin, die nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit in den rumänischen Karpaten zurückgekehrt ist:

„Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen, Ankündigungen für das, was später kam. Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode. Manche von Ihnen werden die Geschehnisse im Kontext jener barbarischen kommunistischen Zeit verstehen wollen, als Folge der vierzig Jahre währenden Diktatur in Rumänien, die einen anderen Menschenschlag hervorgebracht haben soll …“

Vom ersten Satz an erklingt „Die nicht sterben“ im Tonfall der Legenden. Besser hätt’s Bram Stocker in den Tagebüchern seiner Protagonisten nicht ausdrücken können, doch der rumänisch-

schweizerischen Schriftstellerin Dana Girgorcea geht’s nicht nur um den Gruselfaktor, das heißt: doch, aber in doppeltem Sinne. Vom Kult um Vlad III. Drăculea und den um ihn entstandenen Blutsauger-Mythos, vom Vampir-Regime des Nicolae Ceaușescu bis zur neokapitalistischen Gegenwart, schöpft Grigorcea für ihren Roman über ihr Geburtsland aus eigenen Erfahrungen und dem Familienfundus. Schaurig, tiefgründig, archaisch, atmosphärisch dicht, ein Schlachtengemälde – Girgorcea gelingt hier ein großer Wurf.

Mit enormer erzählerischer Kraft bricht die Autorin das Schweigen zwischen den Generationen im postkommunistischen Rumänien und zeigt, dass noch lebendig ist, was man überwunden glaubte: Populismus, Chauvinismus, die Geister der Vergangenheit – und die Sehnsucht nach der starken Hand, nach einem gestrengen, grausamen Richter, wie es einst Vlad der Pfähler war, besser bekannt als Graf Dracula. Noch ist da nicht zu ahnen, dass Grigorceas Anti-?/Heldin bald selbst gleich einer Fledermaus durch die Nacht flattern wird, im großen Silberspiegel kein Bild mehr von ihr, dafür ungeahnte neue Fähigkeiten – und ein Appetit. Man sollte dem, was sie so selbstironisch schildert nicht bedingungslos glauben …

Ort der Handlung ist das Dorf B., solcherart abgekürzt, da es „sinnbildlich für unsere walachische Moral“ steht. B., südlich von Transsilvanien, am Fuße des Apuseni-Gebirges gelegen, das war einst der Kurort der reichen Bukarester und Kronstädter; der Protagonistin Großtante Margot, von ihr Mamargot genannt, hat hier eine von den Kommunisten erst enteignete, später restituierte Villa am Waldrand. Und mit deren Bebilderung, die Schatten der Bäume bizarr auf alle Ecken des Hauses geworfen, beginnt die Gruselstory.

Zwischen dem Wandteppich „Entführung aus dem Serail“, türkischen Säbeln, arabischen Tellern und einem ausgestopften Eichhörchen, wo „die Umbra mortis lauerte“, finden sich allsommerlich Mamargots illustre Gäste ein. Deren strahlender Mittelpunkt Geo, ein gefeierter Bariton an der Bukarester Oper, ist, sein irakischer Ziehsohn Yunus, seine Frau Ninel und deren Mutter Madame Didina, diese wiederum Mamargots Cousine, Madame und Herr Tudoran, sowie im Turnus wechselnde andere, denen der Sinn nach Luftveränderung steht.

Bei den Einheimischen ziemlich unheimlichen nächtlichen Spaziergängen hat sich die städtische Landpartie angewöhnt, die Entführungsarie aus dem „Rigoletto“ zu intonieren, jedenfalls das „Zitti, zitti …“, worauf erst recht schallend laut gelacht wird. Der ehemalige Klassenfeind lässt es sich bourgeois gut gehen, Mamargot wird beschrieben als ein ewiges Mädchen aus jenen jenseitigen Tagen der Pferdekutschen und livrierten Diener, und mit versnobt herrschaftlichem Habitus wird herabgesehen auf die Basse-Classerie, deren Arbeitskraft diese Tschechow’sche Gesellschaft mangels Alltagstauglichkeit allerdings dringend braucht.

Kunst, und wie sich damit etwas ins Bild setzen lässt, ist eines der durchgängigen Themen des Romans. Während sich die operettenhaft blasierte Mamargot-Clique im intellektuellen Glanze von Schriftsteller George Enescu, der Opernsängerin Hariclea Darclée, des mönchischen Nicolae Steinhardt und des weltlichen Philosophen Emil Cioran sonnt, einer zitiert George Coșbuc‘ Dracula-Gedicht „Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor“, ein anderer gar Nationaldichter Mihai Eminescu, der angesichts der damaligen Fülle korrupter Politiker 1881 den Vers schrieb: „Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch, /Mit harter Hand zu richten“, während man also die im Lichte sieht, werkt im Dunkeln Zugehfrau Sanda.

Von Mamargot „meine Teure“ genannt, ein hagerer Lopachin in seiner abergläubischsten Ausgabe, „die überall Böses und Betrug witterte, vor dem sie uns bewahren wollte“. Lange sind das die „Wölfe“ genannten Securitate-Agenten, denn die lockeren Leutchen haben bezüglich des sein Volk aussaugenden Diktators und des ihn dennoch verherrlichenden Devolitionalienkitsches ein loses Mundwerk, dann, im Buch ist der Hochsommer 2004 angebrochen, „vor dem Leid, das über uns kam, das qualvolle Sterben, das unvorstellbare Grauen, die Rache“. Wer nun noch nicht mit Rotwein oder wahlweise Popcorn unter der Leselampe sitzt, dem ist nicht zu helfen.

Das B. der Nachwende- hat definitiv schon bessere -zeiten gesehen, die Kinder der Nomenklatura bevorzugen andere Urlaubsdestinationen, die Dorfjugend und somit der Erzählerin Freundeskreis ist zur Arbeitssuche ins EU-Ausland angehauen, überall bröselt’s und bröckelt’s, die Häuser- und die Betonruinen verrottender Rohbauten, und auch in den Köpfen jener Ultranationalisten, die sich „im Besitz der wahren, unverfälschten rumänischen Tradition wähnten und sich stolz in die Brust warfen, ihr legitimer Erbe und auserkorener Hüter zu sein“.

Alles scheint der Erzählerin dunkler und geschrumpfter, das verlassene, aufgegebene B. mit seinem Geruch nach Zerfall und Fäulnis wird ihr zur fremden Welt, der Leserin, dem Leser zu einer nachtmahrischen Zwischenwelt, auch der Protagonistin BFF-Schwestern Tina und Arina – Auge! – sind weg. Allein Geo schwadroniert unverdrossen über die „Gleichgültigkeit derer, die auf der geistigen Höhe wären, um die Situation zu beurteilen“ – erste Textzeile der Nationalhymne: „Wach auf, Rumäne, aus dem Todesschlaf“. Und in der Nacht hört die Protagonistin erstmals den „blutgefrierenden Schrei“. Eine menschenähnliche Kreatur klettert den Kopf nach unten die Hausmauer hinunter. „Es war in Schwarz gekleidet, sodass ich unweigerlich auf die weißen Hände schaute, lange, blasse Finger, klauenhaft verbogen, und als es sich umdrehte, erkannte ich es. ;Du?‘“

Derart unheiligen Boden bereitet Dana Grigorcea ihrer Gegenwartsdiagnose. Aus ihrem kuriosen Figurenkabinett nicht unerwähnt bleiben sollen der leutselig-lästige Bürgermeister Sabin, korrupter Ex-Kommunist und politischer Wiedergänger in allen Systemen, und dessen Sohn Atanasie, der dunkle Prinz Ata mit den appretierten Hemden, dem einsamen Auftreten und der Saga um seine sagenhafte Manneslust, der sich nahtlos in die Reihe der Vampir-Verdächtigen reiht. Es folgt ein Todesfall in Mamargots Entourage, daher, jetzt wird’s für Mitteleuropäer skurril, wie Grigorcea überhaupt ein Händchen fürs Grotesk-Komische hat, beginnt der Friedhofsputz.

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Das Dracula-Schloss im rumänischen Bran. Bild: pixabay.com

Repro: Porträt Vlads III. Drăculea, spätes 16. Jhdt. © KHM, Schloss Ambras

Zwischen den „alten Krypten und Grabsteinen und marmornen Grabstatuen mit gusseisernen Kreuzen, alles halb verdeckt vom Efeu“, hat auch Mamargot eine Familiengruft. Mit einem „kleinwüchsigen Zigeuner“ [sic!] steigt die Erzählerin hinab, um im Leinensackerl alte Gebeine zu bergen, die Platz für die neue Leiche machen müssen. Sie findet die 1490er-Grabstätte von Ecaterina Fronius Siegel, Drăculeas unsterblicher Geliebter, deren sterbliche Überreste samt kleinen grünen Seidenschuhen sie einsammelt, und daneben mit dem Wappen des Ordo Draconis auf dem Deckel die seine, die Grabstätte des mächtigen Fürsten und Woiwoden Vlad des Pfählers.

Zum Schock mit dieser Weltberühmtheit verwandt zu sein, die Protagonistin plagen ab da erotische Albträume vom geheimnisvoll-galanten Ahnen, dem sie auf vampireske Weise zu verfallen droht [„Berauscht gierte ich nach Ekstase. ,Wir sȋn gelȋchen bluotes‘, flüsterte er.“], gesellt sich am kommenden Morgen ein zweiter: In der Gruft wird ein Ermordeter aufgefunden, blutleer ausgesteckt auf Vlads Grab, und bald weiß die Polizei, was die Erzählerin gleich wusste: Der Tote ist Traian Fifor, vierzig Jahre alt, nebst mittlerweile spurlos verschwundener Ehefrau – Auge! – vor zehn Jahren nach Spanien ausgewandert – und nun geschlagen heimgekehrt. Er hauste im verwahrlosten, zugemüllten Bauernhof seiner verstorbenen Eltern, munkelt man.

Noch ein Tag später, und die Presse ist mit einem Tross an Schaulustigen am Schauplatz angelangt. Der geschäftstüchtige Sabin will die Krypta des Märtyrers Vlad öffentlich zugänglich machen, gegen Eintrittsgeld, versteht sich. Doch die Großtante verbittet sich jegliche Art Touristen-Krimes, deren hohe Bereitschaft hier alles und jeden bizarr zu finden, doch irritiere. Dennoch pflanzt sich im dank des wohltätigen Fürsten endlich wieder prosperierenden B. ein Souvenirstand neben dem nächsten, die Bauern posieren in walachisch-weißer Tracht für Fotos, und Sabin, schneller Gründer der „Transylvanian Vampire Inc.“, ernennt mit dem Segen des Tourismus- ministers ganz B. zum künftigen Dracula-Park, errichtet wie stets mit Staatsgeldern, die in seine Tasche fließen.

Doch schon verändern sich die Sinne der Erzählerin. Mit ihrem Atem kann sie Ereignisse vor- und zurückspulen, deutlich spürt sie im Blut die Niedertracht alles Lebendigen. Ein erster Streifzug durch die Nacht wird zum splatterhaften Höhenflug: Ein Rehbock „röhrte so laut und heiser, als würde er sich über seine Angst lustig machen. Mit einem Mal stürzte ich auf ihn herab und saugte ihm dieses Lachen aus.“ Den blutigen Mund wischt sie sich am Fell des Tieres ab. Doch danach scheint es mit der so luftigen Erzählerin talwärts zu gehen: Sie wirkt immer kulturpessimistischer und beklagt, dass es heutzutage nur noch Spott und Hohn gebe. Die Schuld am Verfall gibt sie dem zeitlos beherzten Bürgermeister.

Es ist gewagt und geglückt, wie Grigorcea dem Bram Stoker/Bela Lugosi-Dracula die innerrumänischen Mythen und Legenden um Vlad III. gegenüberstellt. An manchen Stellen wird der Roman gar zum Geschichtslehrbuch: Vlad im Krieg gegen Sultan Mehmed II. Abu al-Faith, Konstantinopel-bezwingender „Vater der Eroberung“, der durch einen Wald aufgespießter Leiber ritt, die einmal seine Soldaten waren, so dass er dem Schaitan den Rücken kehrte. Vlad, der zugunsten seines Volkes die handelsfreudigen Sachsen hinrichtete, der den osmanischen Botschaftern, da sie ihn abzunehmen sich weigerten, den Turban an die Stirn nageln ließ, der Bettler verbrannte, um ihren Weg aus dem Elend ins Himmelreich zu verkürzen. Vlad, der Verrat durch seinen abtrünnigen Bruder Radu erleiden musste.

Vlad, der nach dem Motto: „Wer kein Rückgrat hat, dem bohre ich eines“ seine Widersacher pfählen ließ. Vlad, der Nationalheld, weil er gegen Türken und Ungarn kämpfte, so dass er noch heute im EU-Balkanstaat für viele die Sehnsucht nach nationaler Selbstbestimmung verkörpert. Grigorcea spart nicht an Details von des Pfählers blutigen Scheußlichkeiten, die die Ich-Erzählerin den wohlig erschauernden Touristen als Anekdoten darbietet, alldieweil sie deren Porträts als Dracula-Karikaturen zeichnet. Doch auf dem Höhepunkt der Blutsauger-Story, als Parteipräsident Druga die Baustelle des Themenparks „mit Schloss, Geisterbahn und alldem“ besichtigen will, lässt die Schriftstellerin ihre Schöpfung in Flammen aufgehen.

„Die Regierung beschuldigte die Opposition der Brandstiftung, buchstäblich. Die Opposition hingegen die Regierung, buchstäblich wie im übertragenen Sinn. Erst hätten sie den tapfersten Fürsten des Landes entehrt und ihn zu einer Pappfigur in der Art amerikanischer Groschenromane gemacht, dann hätten sie eine Dracula-Aktiengesellschaft gegründet, das Geld daraus entwendet, und nun hätten sie Feuer gelegt an den eigenen Holzhütten, um riesige Verluste anzumelden, um noch mehr Geld mit den Versicherungen zu verdienen.“

Grigorceas Schauerroman mischt auf einzigartige Weise Politsatire und Persiflage auf den Dracula-Tourismus. Elegant gelingt es der Autorin historisch Belegtes, populäre Geschichte und das Dracula-Genre von Stoker bis Fantasy-Film mit einer messerscharfen Gesellschaftsanalyse zu verbinden. Ihr Text ist ein Plädoyer dafür, sich den Geschichtsbildern und ihrem Weiterwirken in der Gegenwart zu stellen. Der Spiegel, der leer bleibt beim Anblick eines Vampirs, ist dafür ein starkes Symbol – Pfähler wie Gepfählte, im modernen Rumänisch bedeutet „gepfählt worden“ betrogen worden zu sein, saugen einander so lange aus, bis das Land blutleer ist.

Und apropos, blutleer: Es kommt zum großen Showdown. Enttarnt wird, wer der schwarze Racheengel ist, so wie zuvor Sabins armseliges träges Stimmvieh, das die eigene Bequemlichkeit gesellschaftspolitischer Veränderung vorzieht. Keine Frage, dass Sabin, der – Achtung: Spoiler! – in die Tötung Traians involviert war, nun die Rechnung für seine Sünden bezahlen muss. Dass am Ende das Menschliche siegt, ist das Hoffnungszeichen in diesem sprachgewaltig schillernden Pageturner. Gegen all die Gewalt von gestern, gegen die ewiggestrige Gewalt setzt Dana Grigorcea die Überzeugung, dass sich der „Überlieferung“ mit Sinn und Verstand und klarem Blick beikommen lässt. Dass ihr das hier mit den Mitteln des Phantastischen gelingt, ist … fantastisch!

Abschließend, weil’s zu schön ist, ein letzter Absatz von einem Ausflug der Ich-Erzählerin in die Gefilde der Basse-Classerie, ein Liebespaar im Auto: „,Was zum Teufel!‘ Ungläubig sah er hoch. Und da geriet ich in sein Blickfeld, ein weißes Gespenst mit ausgebreiteten Armen und Beinen. Meine schwarzen Haare hingen mir übers Gesicht, meine nackten Brüste baumelten. Und meine Finger griffen abwärts, wurden zu Krallen. ,Meine Fresse‘, rief der Mann aus, er schüttelte den Kopf und begann zu lachen. ,Was ist, warum lachst du?‘, rief die blonde Frau, die nun ebenfalls ausstieg. Sodann deutete der Mann mit dem Kinn auf mich, und die Frau schaute hinauf. Sie schaute auf meinen nackten Körper, dann auf den Mann und wieder hinauf. ,Mein Gott, du ist wirklich ein Schwein!‘, rief sie schließlich und schmiss die Autotür zu: Ich gehe zu Fuß.‘“

Über die Autorin: Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie studierte Germanistik und Nederlandistik und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin, etwa der Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ und die Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

Penguin Verlag, Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“, Roman, 272 Seiten.

www.penguinrandomhouse.de           www.grigorcea.ch

Screenshot: screenrant.com

„Es geht um den Vampirismus in unserer Gesellschaft“: Dana Grigorcea im Gespräch

Wie lebendig ist die Dracula-Legende in Rumänien heute?

Grigorcea: Vor der Wende hat man in Rumänien vor allem von dem einen Dracula geredet, dem blutrünstigen Diktator Nicolae Ceaușescu. Es gab auch die alten, schwülstigen Volksmärchen von Vampiren, die in der Nacht die jungen Mädchen sexuell „erwecken“, die dann am Folgetag bleich und ausgelaugt aufwachen und sich wieder nach der Nacht sehnen. Nach 1989, als sich das Land dem Tourismus öffnete und viele Touristen die Spuren der historischen Fürsten-Figur zu suchen begannen, die Bram Stoker zu seiner Dracula-Figur inspiriert hat, wollte der Tourismusminister einen Dracula-Park bauen, um diesen Mythos zu bedienen und daraus Kapital zu schlagen.

Wie bei Ihnen …

Grigorcea: In dieses Projekt haben korrupte Politiker und zwielichtige Geschäftsmänner investiert. Doch es gab einen großen Aufschrei im Land, dass man sich die Geschichte von Vlad dem Pfähler von Fremden deuten lässt. Da ist der Kult um diesen mittelalterlichen Fürsten erst richtig aufgekommen – ein unnachgiebiger Fürst, kühn und gerecht, der kurzen Prozess machte mit den Korrupten im Land: Er hat sie nämlich gepfählt.

Wofür steht der Dracula-Mythos im Buch?

Grigorcea: Für die Sehnsucht vieler Menschen nach der starken Hand, für den fast schon morbiden Wunsch, düstere Figuren wie den Autokraten Putin, einen Trump oder in Deutschland die AFD-Leute möglichst an der Macht zu sehen. Der Dracula-Mythos steht für die Ereignisse aus der Vergangenheit, die man längst begraben zu haben glaubte, die jetzt aber wieder aus dem Grabe kommen und uns heimsuchen. Letztendlich geht es um den Vampirismus in unserer Gesellschaft.

Ihre Protagonistin steigt, da beginnt der ganze Horror, in die Familiengruft hinab, um eigenhändig die Gebeine ferner Verwandter umzubetten, hierzulande ist das eher unüblich, wenn nicht sogar verboten …

Grigorcea: In Rumänien ist der Tod sichtbarer als hier: Es gibt noch die Totenwache, man wäscht den Toten, küsst ihn, in manchen Gegenden fotografiert man sich auch mit ihm. Auf den Friedhöfen hat man Familiengräber, und manche haben auch Gruften, die seit Jahrhunderten in Familienbesitz sind. Vor dem Begräbnis meiner Großmutter bin ich in die Familiengruft hinabgestiegen, um eben Platz zu machen für den neuen Sarg – und das, was ich im Roman beschreibe, das Aufbrechen des alten Grabes, das Einsammeln der alten Gebeine und auch die intakten grünen Schuhe von puppenhafter Größe, das habe ich selbst gesehen und erlebt.

Das von Ihnen beschriebene Schweigen zwischen den Generationen, ist das in Rumänien ein spezielles? Sie haben einmal gesagt, dass es Ihnen leichter fällt, an der Generation Ihrer Großeltern anzuknüpfen als an der Ihrer Eltern, woran liegt das?

Grigorcea: Ja, meine Generation wurde von den Großeltern großgezogen, die Geschichten von vor der Diktatur weitergegeben haben. Die Eltern, im Kommunismus geboren, haben gearbeitet. Und sie haben nicht viel mit den Kindern geredet, ihnen auch nichts erklärt oder anvertraut, zum Teil aus Angst, dass sich die Kinder verplappern und damit die ganze Familie in Gefahr bringen könnten. Diese Sprachlosigkeit hat sich erhalten.

Ihre Protagonistin hat an der Pariser Kunstakademie studiert und ist Malerin. Warum haben Sie diese Ebene der Kunstgeschichte eingeführt?

Grigorcea: Der Roman ist auch eine Reflexion über das Wesen der Kunst. Als Kind schaut sich die Protagonistin mit ihrer Großtante Mamargot Gemäldealben an, und diese sagt angesichts der Schönheit der Bilder und des Zustands der Kontemplation, in den sie sich beide versetzen können, den Satz: „Nichts kann uns brechen“. Es ist ein zentraler Satz im Buch, und der besagt, dass die Kunst einen rettet. So wird die Protagonistin auch Malerin, und ihre Wahrnehmungen von ihrer Umgebung sind die einer Malerin: sie ist eine genaue Beobachterin von Menschen, Farben und Formen und Stimmungen.

„Zu Hause ist man da, wo man Gastgeberin ist“, sagt Mamargot an einer Stelle. Wo ist das für Sie?

Grigorcea: Diesen Satz habe ich in meinem Präsentationsvideo für den Klagenfurt-Literaturwettbewerb gesagt und mich hier im Roman selbst zitiert. Was ich damit sagen will, ist, dass man da zu Hause ist, wo man großzügig sein kann, wo man in seinem Kreis und darüber hinaus wirken, anderen etwas geben kann. Ich bin in der Schweiz zu Hause, kann hier schreiben, habe meine Leser, organisiere monatliche Benefiz-Lesungen für Flüchtlinge, erziehe meine Kinder – und ich bin auch in Rumänien zu Hause, habe meine Leserschaft, nehme oft Stellung zu gesellschaftlichen und politischen Themen und habe sogar ein eigenes Kultur-Projekt.

28. 4. 2021