Rund um die Burg 2020: Das Literaturfestival geht online

April 30, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Stars wie T. C. Boyle und Stewart O’Nan lesen live

T. C. Boyle, © echo medienhaus

Das #Corona-Virus und seine bekannten Auswirkungen hat auch vor dem traditionsreichen Literaturfestival „Rund um die Burg“ nicht Halt gemacht. Dennoch findet das Lesefest auch dieses Jahr statt – und zwar online. Mit wie gehabt zahlreichen nationalen und internationalen Stars der Literaturszene geht der 24-Stunden-Lesemarathon heuer am 8. Mai eben über die virtuelle Bühne.

Nicht weniger als 45 Autoren – und damit mehr als doppelt so viele wie in den vergangenen Jahren – lesen ab 10 Uhr auf rundumdieburg.at aus ihren Werken. Und das nicht nur am Veranstaltungstag: Alle Beiträge können auch danach noch gestreamt werden.

Mit dabei sind Superstars wie T. C. Boyle, dessen Zuschaltung aus Santa Barbara, Kalifornien, um Mitternacht Ortszeit läuft, Rafik Schami mit „Vom Überlisten“ um 11 Uhr, Stewart O’Nan, dessen Lesung aus Pittsburgh aus „Henry Himself“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37172) ab 13.20 Uhr läuft, Hilary Mantel aus dem Süden Englands, die ab 16 Uhr den Abschluss ihrer Cromwell-Trilogie „The Mirror and the Light“ vorstellt (Rezension Band I „Wölfe“: www.mottingers-meinung.at/?p=153, Rezension Band II „Falken“: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), John Stralecky, der um 20 Uhr aus seinem Bestseller „Auszeit im Café am Ende der Welt“ liest, und Raoul Schrott um 0.40 Uhr mit „Eine Geschichte des Windes“.

Monika Helfer, © echo medienhaus

Rafik Schami, © echo medienhaus

Stewart O´Nan, © echo medienhaus

Eröffnet wird mit Fernseh-Legende Hugo Portisch, der ab 10 Uhr in seiner Wohnung aus seiner Autobiographie „Aufregend war es immer“ vorträgt. Michael Köhlmeier erzählt zuhause in Hohenems ab 21 Uhr seine beliebten Märchen (Rezension „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“: www.mottingers-meinung.at/?p=30974) und spätnachts ab 0.20 Uhr liest Monika Helfer, deren Roman „Oskar und Lilli“ von Arash T. Riahi unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt wurde und eigentlich bereits im Kino sein sollte www.einbisschenbleibenwirnoch.at, aus ihrem jüngsten Werk „Die Bagage“.

Lesen werden außerdem Georg Biron, Erika Pluhar, „Superheldin“ Lisz Hirn, Stefan Slupetzky aus „Bummabunga“, Steirerkrimi-Autorin Claudia Rossbacher, Tex Rubinowitz www.mottingers-meinung.at/?p=33292, Gerhard Nechyba Liobelsberger aus „Alles Geld der Welt“, Eva Rossmann, Joesi Prokopetz, ORF-Wetter-Moderatorin Eser Akaba aus „Sie sprechen ja Deutsch!“, Chris Lohner sowie the one and only Erich Schleyer.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=l2Y0Z0uSnpg           rundumdieburg.at

30. 4. 2020

Hilary Mantel, © echo medienhaus

Raoul Schrott, © echo medienhaus

Michael Köhlmeyer, © echo medienhaus

John Strelecky, © echo medienhaus

Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

April 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit

Der Wiener Autor Alexander Pechmann ist der zeitgenössische, zu dessen Büchern es zu greifen gilt, sehnt man sich nach dem wohligen Grusel gehobener Schauerliteratur. Ein literarisches Genre, die gothic fiction, das seine Blüte am Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte, Shelley, Polidori, Poe, man kennt die Namen, und Pechmann mit seinem Horace-Walpole-Schreibstil ist ein würdiger Erbe dieser grand ancestors. Hierorts hat man halt ein Händchen fürs Surreale, siehe auch die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

Und dieser Kunst verwandt sind, wenn auch Dezennien früher, die Gemälde eines der beiden Pechmann’schen Protagonisten in seinem jüngsten Roman „Die zehnte Muse“. Das Jahr ist 1905, der Ort alsbald Königsfeld im Schwarzwald, denn anfangs begegnen sich zwei Fremde im Zug, der Maler Paul Severin und der britische Privatier Algernon Blackwood, der seine Gespenstergeschichten aus Spaß an der Freud‘, keineswegs aus Geldnot verfasst. Das Treffen ist durchaus kein zufälliges, wird sich herausstellen, Blackwood hat in einer kleinen Londoner Galerie zwei, drei Arbeiten Paul Severins gesehen und deren Schöpfer gesucht.

Severin, der als Brotberuf Porträts solcher, die sich seinen Pinselstrich leisten können, anfertigt, eine Tätigkeit, die er Handwerk nennt, gilt doch die wahre Leidenschaft seinen „Haschischvisionen von Horrormärchen“, düstere Darstellungen voll rätselhafter Symbole, deren sich wiederholendes Thema unschuldige Schönheit, sinnlicher Tod und eine Auferstehung aus Thanatos Armen als eine Fantasie des Eros ist.

Solcherart Bilder haben Blackwoods Faszination erregt, glaubt er doch das Modell dafür zu kennen, am Donisweiher habe er das Mädchen weiland entdeckt, ja, sagt Severin, er ebenso, Talitha heißt sie gleich der biblisch-toten Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus, der Jesus Christus befahl: Talitha kumi! / Mädchen oder Lämmchen, steh‘ auf! – doch mysteriös mutet an, dass dem Blackwood das offenbar ewig junge Waldgeschöpf zwanzig Jahre vor Severin erschienen war. Nach des Engländers philosophischem Sermon über die Beschaffenheit der Zeit – an dieser Stelle: Achtung! – beschließen die Männer, sich gemeinsam auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen.

Bis dahin ist man bereits wundersam eingesponnen in den Pechmann-typischen Tonfall, der stets etwas Wehmütiges, Verwehtes, eine Elégance gewesener Tage hat. Pechmann balanciert perfekt zwischen Geheimnis- krämerei und Charakterzeichnung, zwischen Übersinnlich und Historie, zwischen Fakt und Fiktion. An den Quellenangaben im Buch sind die Wurzeln desselben festzumachen, Algernon Blackwood, der tatsächliche, Erfinder der John-Silence-Stories (Textprobe: www.youtube.com/watch?v=HYVIj4D4SnM), die Spukgestalten aus einer Sammlung klassischer Schwarzwald-Sagen von 1930, das jenische Wörterbuch von Rolf Dreher „Fisel komm mir dibrat“, und selbstverständlich des Autors akribische Recherchen rund um den wirklichen Donisweiher.

Was nun folgt, man hat beschlossen von der Bahnstation zu Fuß ins Städtchen Königsfeld zu gehen, sind Kindheitsschilderungen I und II. Algie, der illusionsbegabte Knabe, dem schon das elterliche Shortlands House samt Garden eine verwunschene Welt voller Elfen und Feen schien, in die er sich tag-, nein, eigentlich mitternachtsträumte. Weshalb er vom Vater auch zwecks deutscher Strenge ins Schwarzwald-Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde verbannt wird, wo Zucht und Ordnung an erster Stelle des Lehrplans stehen. Paul, ein jenischer Waisenbub, die Jenischen das Fremdwort für eine Arme-Leute-Schicht, Heimatlose, „fahrendes Volk“, der von der Kruzifix-Fraktion gehorsam und gottesfürchtig geprügelt werden soll.

Wie sich die Biografien gleichen, die Zauberamulette gegen den bösen Zworitrat, die den einen als Aberglaube begeistern, sind von des anderen „Zigeunern“ angefertigt, ist doch der Donisweiher ein Tummelplatz für allerlei luziferisches Gesindel. „Trop des revenants“, ängstigt sich Blackwoods Schweizer Schulfreund Calame, den, da verrät man nicht zu viel, Severin in seiner Pariser Lehrzeit als Snell kennenlernen wird. Spätestens nach dieser Erkenntnis ist „Die zehnte Muse“ ein Pageturner, prächtig, wie Pechmann sein Figuren-Kaleidoskop zum Muster zusammensetzt, sein Mystery-Mosaik Steinchen und Steinchen entsteht, weil bald der eine Wanderer die Visionen des anderen um eigene Phantome ergänzen kann.

Bild: pixabay.com

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Algie büxt nächtens aus dem Schlafsaal aus Richtung Natur – und findet am Weiher ein halbnacktes Mädchen, nicht älter als siebzehn oder achtzehn, „mit einer Fülle mattschwarzen Haars, hohen Wangenknochen, schmalen, fast strengen Lippen und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen, wenn man sie zu lange ansah“, ihr Gesicht mal jugendlich sinnlich, mal „eine brüchige Maske, die etwas Unbeschreibliches verbergen mochte – unnatürliche Schönheit oder niederschmetterndes Grauen“, Talitha, schalkhaft, wild, ein wenig hochmütig und doch irgendwie um Hilfe flehend. Sie sei „baledschido“, sagt sie ihm, und das kann Severin übersetzen: unehrlich, ausgestoßen.

Und allmählich ärgert sich der Maler, „dass Blackwoods sonderbares Erlebnis unverkennbare Bezüge zu meinen Bildern enthielt: das Mädchen, der tote Vogel, der blutende Baum. Ich hielt es für Absicht – als hätte er die Motive der Gemälde in seine Geschichte eingewoben, um mich hinters Licht zu führen oder auch nur, um die Grenzen meiner Gutgläubigkeit auszuloten.“ – „Vřduft, dâhnâs!“, Hau ab, Fremder, sagt das Mädchen zwei Jahrzehnte später zu Severin. „,Ladscho diebes‘, antwortete ich mit einem jenischen Gruß. ,S‘isch koschř, tschaĭ.‘ Alles in Ordnung, Mädchen. Daraufhin drehte sie sich zu mir um und sah mich mit brennenden Augen an. Ich fragte nach ihrem Namen. ,Talitha‘, sagte sie, und aus ihrem Mund klang es wie ein Fluch.“

Mehr, man ahnt es bereits, als Severin lieb sein kann, hat Talitha mit seiner jenischen Familiengeschichte zu tun, mit dieser Katastrophe der Vergangenheit, die Mutter von einem Gendarmen als Diebin erschossen, der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Talitha, die ihm erzählt, der Bonherr habe sie verstoßen, weil sie den Menschen Unheil bringe, und seltsam, wie sich ihr Schatten ausdehnt und zur Silhouette eines urzeitlichen Wächters wird. In der Bibel, fällt Severin ein, heißt es nach Jesus‘ Wunder: Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. Entsetzen! Nicht erstaunten oder gar entzückten.

Des Rätsels Lösung. Hat also mit der Zeit zu tun. Und mit Calame/Snell, der als Herrnhuter Zögling ins Eis des Donisweiher einbrach, knapp mit dem Leben, aber mit beschädigter Psyche davonkam, als ein Sehender von Dingen, die den meisten verborgen bleiben, les revenants, die Wiedergänger. Snell, der nun ein kurzes Leben lang an einem schwarzen Abgrund malte, „Bythos“, für die Gnostiker der unfassliche Uranfang allen Seins – und wer nun im Geiste bei Aldous Huxleys „Doors of Perception“ ist, ist genau richtig. Die Zeit als ein zu betretender Raum, durch dessen Türspalt Vergangenes noch und Zukünftiges bereits zu erspähen ist, deren Ebenen aber indes auch überlappen. Die Zeit, dies der schönste Gedanke des Romans, die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit.

Auf den letzten Seiten noch ist vieles un-, doch Severin und Blackwood immerhin eines klar: Talitha ist eine Gefangene, die mittels ihrer kryptischen Fingerzeige, Vogel-, Baum-, Schlangensymbol, um Erlösung bittet. In allen Zeiten für alle Zeit. Woraus den Männern die Erkenntnis wächst: „Um eine Seele zu erfassen, müssen wir bereit sein, unsere eigene Seele aufzugeben …“ Sehr spooky!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844).

Steidl, Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Roman, 176 Seiten.

steidl.de          Alexander Pechmann im Gespräch: vegvnd.podcaster.de/steidlwoertlich/media/03_Steidl_Woertlich_Pechmann.mp3

  1. 4. 2020

Asterix-Sensation: Unbekannter Band von René Goscinny und Albert Uderzo entdeckt

April 27, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der goldene Hinkelstein“ erscheint im Herbst

Bild: © 2019 Les édition René Goscinny et Albert Uderzo / Egmont Ehapa Media GmbH

Beim Teutates, das ist eine Sensation! Mit „Der goldene Hinkelstein“ wurde doch tatsächlich noch ein Original von den Asterix-Vätern Goscinny und Uderzo entdeckt. Das Abenteuer wurde 1967 in Frankreich als Schallplatte mit Begleitheft veröffentlicht, jedoch niemals als Album und noch nie in deutscher Sprache. Für heutige Leser hat die Geschichte echten Seltenheitswert: Die Story ist von René Goscinny mit dem für ihn typischen Witz und Esprit verfasst, die Zeichnungen tragen den unverwechselbaren Pinselstrich von Albert Uderzo.

Die Story: Das ganze Dorf ist in Aufruhr. Troubadix hat beschlossen, am legendären Gesangswettbewerb für die auteurs-compositeurs-interprètes Galliens teilzunehmen. Der Gewinner wird traditionell mit dem goldenen Hinkelstein ausgezeichnet. Weil auch die Römer großes Interesse an diesem concours haben, werden Asterix und Obelix beauftragt, Troubadix zu seinem Schutz zu begleiten. Sie dürfen ihm nicht von der Seite weichen – koste es, was es wolle. Kein einfaches Unterfangen, hat der blonde Barde doch vor, auf der Reise tüchtig zu üben …

Ende 2019 wurden die Zeichnungen, die Uderzo in den 1960er-Jahren zum genialen Szenario seines Freundes anfertigte, von seinen treuesten Mitarbeitern und noch unter Aufsicht des im März 2020 verstorbenen Maestros höchstselbst restauriert. Das so entstandene 48 Seiten starke Meisterwerk wird ab 21. Oktober erhältlich sein.

www.asterix.com            www.asterix.com/de              www.egmont-comic-collection.de/asterix

27. 4. 2020

Madame Nielsen: Das Monster

April 10, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias

Der erste Satz geht gleich mal über eineinhalb Seiten, das Jahr ist 1993, die Stadt New York, und zu erfahren ist, dass ein namenlos bleibender Mann übers Meer ebendahin kam, um der neue Messias zu werden. Dies durchaus in spirituellem Sinne, hat er doch Willem Dafoe in „The Last Temptation of Christ“ gesehen, und ist nun zwar überzeugt, dass der amerikanische Schauspielstar nicht nur auf der Leinwand als Heiland wirkt, aber auch, dass die Welt dringend einen europäischen Erlöser braucht. In diesem Glauben macht sich der Menschensohn auf zur Wooster Group, um sich deren Leiterin Elizabeth LeCompte als „the missing link zwischen der Avantgarde und den Massen“ anzubieten.

Er wird so eine Art „Volunteer“ – der den group members rund um ihre eisige Königin mit seinen gutgemeinten Performativ-Ratschlägen – „why not let Willem look more directly into the camera“ – allerdings von Anfang an auf die Nerven fällt. In Selbstfindungsübungen und darob in So-what-Coolness probt man gerade eine noch diffuse Dekonstruktion von Tschechows „Drei Schwestern“, „Brace Up!“ wird die Produktion später heißen, und zu wissen ist, dass The Wooster Group eine dem Poststrukturalismus huldigende Theatertruppe ist.

Gegründet Mitte der 1970er von Regisseurin LeCompte und dem blutjungen Dafoe, der 27 Jahre lang ihr Lebenspartner war und ihr bis heute ein künstlerischer ist. Ursprünglich für diese beiden prägte Andrzej Wirth den Begriff vom postdramatischen Theater. Festwochen-Besuchern sind die Woosters keine unbekannten, im Juni sollte ihre Arbeit „The Mother“ in Wien uraufgeführt werden (www.festwochen.at/the-mother), nachdem sie zuletzt 1997 mit Willem Dafoe als „The Hairy Ape“ hier zu Gast waren. Auch Madame Nielsen war zeitweilig Wooster-„associate“, und selbstverständlich strotzt ihr aktueller Roman „Das Monster“ vor Reminiszenzen.

Sind doch Leben und Kunst im Werk der Autorin, Sängerin, Performerin naturgemäß verbunden. Ob sie nun ihre bürgerlich-männliche Identität auf einem dänischen Friedhof verabschiedete, mit weißer Flagge im Irak die demokratische Idee Europa als Anti-US-Konzept verbreitete oder ein Jahr als Obdachlose auf den Kopenhagener Straßen zubrachte, immer ist bei Madame Nielsen das Nebeneinander von Fakt und Fiktion das bestimmende Moment. Als eine Demonstration, dass Wahrheit nicht unbedingt Wirklichkeit sein muss.

Gemeinsam mit dem Protagonisten, dessen 15 Minutes of Bandleader-Fame als Wind-Of-Change-Ausruf „Hello, CCCP, now get up and dance with us!“ vorüberwehte, und tatsächlich war die Nielsen früher Sänger und Gitarrist der Formation Creme X-Treme, begibt man sich auf gefährliches Manhattaner Terrain. In grandios süffisantem Tonfall, doch ohne Hybris, denn der Mann ist sich seiner Sendung sicher, insiderisch und namedroppend – Lou Reed, Paul Auster, Laurie Anderson, Susan Sontag, David Byrne und wen er sonst so trifft, LeCompte-Dafoe-Sohn Jack ist elf und liest Heidegger – absolviert er seine Gedanken-Gänge. Die Atmosphäre atmet Original-SoHo, und ist zugleich Attitüde, von Cast-Iron-Architektur bis Fake-Barock-Fassade eine Klischeekulisse.

Das alles ist sublime Hirnwichserei, eine surreale Avantgarde-Satire, und Madame Nielsen, allein optisch eine David Bowies Genieschädel mit geharnischtem Intellekt entsprungene Athene, präsentiert diesen auf dem Silberschild. Und alldieweil ihre Hauptfigur es als Offenbarung wähnt, in einer Bar für den echten Dafoe gehalten zu werden, folgt auf die Apokalypse das Armageddon. Zu dessen Austragungsort wird ein Appartement 412 West 25th Street, in das er als Untermieter einzieht, komplett ausgekleidet mit dunklem Samt, der Velvet Underground für eine Kunstfolterkammer, einen Andy-Warhol-Reliquienschrein mit Reproduktionen von „Car Crash“, „Lavender Disaster“ und Original oder Kopie des „Electric Chair“, bewohnt von den Bruce & Jerry-Wesen.

Zwillinge in einmal hellrosa, einmal hellblauem Seidenpyjama, klein, seltsam feminisiert, weißblond, blass, meist hysterisch kreischend, „wie eine Parodie von Andy Warhol, der wohl auch nur eine Parodie seiner selbst, des Künstlers und des amerikanischen Traums gewesen war“, in deren Parallelwelt sich David-Lynch-auf-LSD-Dinge ereignen werden, Scheinhinrichtungen, rezeptiver Analsex unterm Zwei-Minuten-Film „Flash – November 22, 1963“ (über die Ermordung JFKs), kleiner und „großer“ Tod, eine „Woge aus Schmerz und Wollust“, verursacht von „Extraterrestrials, ohne Augen und die nackten, glänzenden Schädel zu breiten Mündern gespalten“ #BestePenisanalogieEver, die alles bisher Erlebte als ein Prelude to Madness erscheinen lassen.

Andy Warhol: Last Supper, 1986. The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, floor 4 – Late Works gallery. Bild: © Abby Warhola

Willem Dafoe als Eugene O’Neills Schiffsheizer „The Hairy Ape“. Screenshot: thewoostergroup.org

Andy Warhol: Self-Portrait, 1986. The Andy Warhol Museum, © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

„Brace up!“ mit Peyton Smith, Josephine Buscemi und Willem Dafoe. Screenshot: thewoostergroup.org

Zu spät erkennt Er, in diesem All-the-world’s-a-stage-and-everyone’s-an-actor-Universum braucht’s keinen, der theatralisch sein Kreuz trägt, doch da ist er längst Versuchsobjekt, ein orientierungsloses Huhn auf dem Möbiusband, Anti-Held eines warholisch seriellen american albdream, abendliches Sushi, Beischlaf, French-Toast-Frühstück mit einem Klecks Ketchup, das aus der Heinz-Flasche „wie blutiger Samen von einem halbsteifen Glied“ tropft, Dafoes In-die-Kamera-Genuschel, The-Strand-Buchhandlung, wo alle Tage ein weniger zerlesenes Exemplar von „The Andy Warhol Diaries“ aufliegt, die Bar, in der ihn die bankers, currency traders, stockbrokers und andere canned human beings bald The Savior nennen, bis alles mit Bedeutung Beladene von heiß und pervers zu schal und banal verfault.

Verfall, Verrottung als Zeichen der unaufhörlichen leisen Verschiebung, der Verrückt-heit des Menschseins – Spoiler: die Twin-Dwarfs werden zu madenzerfressenen Kadavern, das More of the same der Megametropole enttarnt sich via systemischer Mikroverwerfungen als eben dieses nicht – löst als Motiv die Doppelung, die Wiederholung ab. Wie das Buchcover, das Schwarzweißfoto einer All-american-Family, das in Bruce & Jerrys Küche hängt, mit dem Text korrespondiert wird mehr und mehr eklatant, in fließenden Bewegungen choreografiert Madame Nielsen ihre Prosa, variiert, rhythmisiert, dirigiert ihr Thema a bene placito, a capriccio, bis die Grenzen der Wahrnehmung penetriert sind.

„Das Monster“ mit seinem hartnäckig passiven, dabei durch nichts abzuschreckenden, sein Selbst als Spielfläche darbietenden Main Character ist ein Kunststück ganz aus Sprache, ein Biting Swipe auf eine Szene, die künstlerisch-gesellschaftliche Erkundigungen als körperpolitische Nabelschau inszeniert. Ist ein Nielsen’sches Raum-Zeit-Kontinuum, ein Gottesbeweis wie von Niels Bohr erdacht, ein wilder Ritt durch Diskurse übers Postmoderne, ein epikureisches Lesevergnügen, befremdlich, bizarr, in jeder Bedeutung des Wortes komisch. Das nicht zuletzt die Frage aufwirft: Was sind Westernbrüste?

Apropos, Weiblichkeit: Eine der schönsten Passagen zur Personenbeschreibung gelingt Madame Nielsen bei Wooster-Mitbegründerin und schnell Er’s Badewannengespielin Peyton Smith: „Er war besessen davon, Peyton Smith anzusehen, er konnte den Blick nicht von ihr lösen, ihren Brüsten, die – egal, welches neue Kleidungsstück sie (ganz oder, hypnotisierend frivol, nur ansatzweise) verbarg … riefen, riefen, riefen danach, befreit und gehalten zu werden, oh, die Art, wie sie plötzlich lächelte, und die Art, wie sie sich manchmal bückte und ihren Take-away-Kaffeebecher aufhob, nicht affenartig geschmeidig wie Dafoe, sondern ein klein bisschen wacklig … als die (recht füllige) bald vierzigjährige Vorstadthausfrau, die sie war, die kleine Extrafalte unterm Kinn, die … bebte, vor Lebensgenuss und zunehmendem Alter, … das kam ihm so unendlich rührend menschlich, ja liebenswert vor, dass er sich völlig im Klaren darüber war, dass er verliebt war.“

PS.: „Das Monster“ sind übrigens die Menendez-Brüder Joseph und Eric, die 1989 ihre Eltern in deren Schlafzimmer erschossen, bevor sie die Polizei über einen Einbruch mit mörderischem Ende informierten. Bis sie ein halbes Jahr später als Täter überführt waren, hatten sie eine satte Million Dollar an Erbschaft ausgegeben. Beide Brüder haben in Haft medienwirksam geheiratet, und klar ist, dass diese Natural Born Killers Madame Nielsens Interesse weckten.

PPS.: Steht an einer Tür „This is no exit“ kommt man trotzdem irgendwohin hinaus.

Über die Autorin: Madame Nielsen, geboren 1963 im dänischen Aalborg, ist Autorin, Sängerin, Performerin. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und sie war mehrfach für den Nordic-Council-Literature-Prize nominiert. Performances unter anderem in Berlin und Wien. Ihr Roman „Der endlose Sommer“ erschien 2017 auf Deutsch und war ein großer Erfolg. 2001 trug die Künstlerin ihre Geburtsidentität Claus Beck-Nielsen in einer Aktion zu Grabe, denn „Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr“.

Kiepenheuer & Witsch, Madame Nielsen: „Das Monster“, Roman, 240 Seiten. Übersetzt aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer.

Videolesung „Das Monster“ von Madame Nielsen: www.youtube.com/watch?v=yEyxFgjPS88, Madame Nielsen im Gespräch über ihr Projekt Obdachlosigkeit, ihre Friedensperformances im Irak und ihren Weg vom Mann zur Frau: www.youtube.com/watch?v=Lww4ehNICfw

„Brace up!“ nach Tschechows „Drei Schwestern“, inszeniert von Elizabeth LeCompte, mit Willem Dafoe ist bis 13. April kostenlos zu streamen: thewoostergroup.org/blog/2020/04/06/brace-up-complete-production, Willem Dafoe als „The Hairy Ape“: thewoostergroup.org/blog/2018/08/04/summer-of-dafoe-from-the-archives-the-hairy-ape-1996

www.kiwi-verlag.de           nielsen.re           thewoostergroup.org           www.warhol.org

  1. 4. 2020

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

April 8, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Roman der Bachmann-Preisträgerin 2019: Eine tröstliche Tragifarce über Resozialisierung

Arthur sitzt der Frau vom Amt gegenüber. Gesundheitscheck wegen des Therapieplatzes. Befragt nach Hobbys, Sport, Alkohol, Drogen … antwortet Arthur: „Ich bin nicht wirklich Raucher, ich leihe mir nur ab und zu Zigaretten. Oder ich kaufe sie, aber hauptsächlich, um nicht auf andere angewiesen zu sein.“ – „Aha“, sagt Gerhild Rothenberger und notiert etwas. „Ihre sozialen Beziehungen sind also abhängig vom Vorhandensein Ihrer Suchtmittel.“

Das ist die Art Galgenhumor, mit der Birgit Birnbacher ihren neuen Roman „Ich an meiner Seite“ spickt. 2019 für ihren Prosatext „Der Schrank“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, versteht es die Salzburger Schriftstellerin auch ihr aktuelles Buch als Mikrostudie von Lebensverhältnissen anzulegen. Mit ihrer knisternden, ergreifenden, manchmal auch gnadenlosen Sprache erzählt sie nach dem realen Vorbild „eines Menschen, der bereits war seine diesbezüglichen Erfahrungen mit mir zu teilen“, von einem 22-jährigen Zufallskriminellen.

Arthur, der gerade 26 Monate Gefängnis hinter sich gebracht hat. Nun soll er nach dem Willen ebendieser in der Gesellschaft wieder Fuß fassen, in der WG „Weitermachen e. V.“ mit

anderen jungen Ex-Straftätern und einem eher eigenwilligen Psychopädagogik-Projekt, dem „Starring“-Prinzip, Starring von Star, heißt: man entwirft sich selbst als Hauptfigur, als Held, als ureigene Optimalversion, und lässt diese sich in brenzligen Situationen „spielen“. Die Rolle „Ich“, die instagramig weichgezeichnete, weltläufige, weitaus klügere als Retter in der Not der Behörden- und Bewerbungsgespräche, die auf einen Haftentlassenen zukommen. Die sich das ausgedacht haben sind das grandiose Gegensatzpaar in Birnbachers Panoptikum, Betty Bergner und Konstantin Vogl, sie das Hirn, er das Herz einer Uni-Studie, sie pedantisch-penible akade- mische Aktenanlegerin, er abgefuckter Bewährungshelfer mit sehr speziellem Rechtsverständnis und Spitzname Börd, gemeinsames Credo: „Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können.“

Beim bärbeißigen Börd, Markenzeichen vorabendliche Alkoholfahne, abgeschmierter Arbeitsmantel, weil Wohnort eine aufgelassene Autowerkstatt, weiß Arthur und mit ihm der Leser nie, woran er ist. Birnbacher zeichnet mit Verve einen Bessere-Zeiten-gehabt-Charakter, der bald zum Stützpfeiler im Leben seines Schützlings wird. Man mag einander, Arthur, weil „es angenehm ist, mit Börd unterwegs zu sein. Immer fällt Börd unangenehmer auf als er selbst.“ Mit Börd dreht Birnbacher ihr Coming-of-Age-Resozialisierungsdrama, denn die Momente, die einem die Luft abschnüren, in denen ein Mensch ohne die richtigen Papiere kein Mensch ist, hat der Roman durchaus, zur skurrilen Tragifarce. Börd, immer lässig und leicht daneben, wiewohl die Autorin auch seinen holprigen Lebensweg in Andeutungen enthüllt, der sich von seinen Klienten nicht vollraunzen lassen will, und sie deshalb veranlasst, was sonst die Sitzung mit dem Therapeuten wäre, lieber solo auf Tonbänder zu sprechen.

Zum Zwecke einer „Dokumentation“, die freilich gar nicht existiert, Arthurs Aufnahmen aber ein zeitversetzter zweiter Handlungsstrang, ein Was-bisher-Geschah von der Jugend bis zur Justizanstalt. Derart erfährt man von einem stillen Kind, „das Räume leise betritt und trotzdem alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als ginge eine stumme Spannung von ihm aus, die es niemandem mehr erlaubt, sich zurückzulehnen. Immer ist er vielen voraus. Denkt schneller und schweigt dann, bis sie soweit sind. Aber die Ungeduld sieht man ihm an den Fingerknöcheln an. Ins Gespräch kommen die wenigsten mit ihm.“ So wird’s auch bleiben. Der Vater haut ab, die Mutter zieht Arthur und Bruder Klaus in der – was Raum und Geist betrifft engen – Bischofshofener Eisenbahnersiedlung auf, bis Georg auftaucht und mit ihm Pläne für ein Luxus-Sterbehospiz in Andalusien.

Arthur arrangiert sich mit dem Staaten- und sozialen Schichtwechsel, Klaus kehrt der Familie den Rücken, aus Arthur, Milla und Princeton, die beiden ebenfalls verpflanzte und umso mehr verwöhnte Rich Kids, wird eine pubertätsgepeinigte ménage à trois. Es kommt während eines bekifften Bootsausflugs zu einem tödlichen Badeunfall, der aus der Bahn geworfene Arthur flüchtet zurück nach Österreich, Wien diesmal, wo der wohlstandsverwahrloste Geschäftsführerinnen-Spross aus Geldmangel zum Phishing-Betrüger mutiert.

Das alles beschreibt Birnbacher nicht so linear wie hier. Beinahe zwei Drittel der Seiten bleibt unklar, wer, was, wie, während sich die Abwärtsspirale in den Rückblenden immer rasanter dreht, in einer Gefängnisvergewaltigung gipfelt, und sich im Jetzt und Heute die Endlosschleife abgelehnter Bewerbungen und erfolgloser Wohnungssuche wie eine Schlinge um Arthur zusammenzieht. Anschaulich, spannend, nachvollziehbar wird das geschildert. Arthurs Traumatisiert-Sein, seine Panikattacken aus der Hinter-Gitter-Zeit, seine akute Angst nach Ablauf seines Jahres in der „Maßnahme“ ohne Schutzschirm und wieder im freien Fall zu sein.

Bild: pixabay.com

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Ein Glück. Birnbacher vergisst aufs Tröstliche und Komödiantische nicht. Sie beherrscht Sprache in subtilsten Nuancen, kann’s von spitzfedrig bis superempathisch, wechselt im Wortumdrehen zwischen den emotionalen Aggregatzuständen ihrer Figuren, die namenlos bleibende Wendy-Mutter ist ein hingeschriebenes Kabinettstück, Arthurs WG-Zimmergenosse Lennox, Börds „Musterschüler“, weil er sich vom Dealer zum Game-Erfinder gemausert hat, rührt mit seinen hochneurotisch-verzweifelten Versuchen seinen Koks-Kumpels zu entkommen.

Birnbacher ist ihren literarischen Geschöpfen spürbar zugewandt, sie ist scheint’s das erzählerische Commitment eingegangen, anständig mit ihnen umzugehen und auch den größten Loser nicht auflaufen zu lassen. Sie holt selbst kleinste Randerscheinungen in die Mitte des Geschehens und bietet ihnen den Platz, ihr Dasein, wenn auch nur kurz, zu entfalten. Mit großer Sensibilität, viel Gespür fürs Zwischenmenschliche und einer angenehmen autorlichen Zurückhaltung befühlt sie deren Schicksale. Und nimmt sich ungeniert den Freiraum, abseits eines sonst oft bemühten und spröden Sozialrealismus, die schiefe Bahn, über die ihr Personal rutscht, für den Leser zur himmelhoch-erdenschweren Seelenschaukel zu machen. Ihr Tonfall – eine Lakonie, die den Text locker lässt und trotz des Themas, dem Thema zum Trotz jede Moralinsäure verunmöglicht.

Bei Weitem kein Rand-, obgleich ein Phänomen ist „la famosa Grazetta“, die Arthur als Patientin des stief-/elterlichen Hospiz‘ kennenlernt, viel zu kurzes Kleid, Glitzerjäckchen in Knallblau-getigert, spindeldürr, schwer geschminkt mit schwarzen Oberlidbalken, „Kleopatra, denkt Arthur, Nofretete“, auf dem Boden hingestreckt, weil mit dem Rollator ausgerutscht, gewesene Schauspielerin und immer noch in allen Kulissenfarben schillernd, die in Wahrheit gutwienerisch Maria Meischberger heißt, und die bald der Dreh- und Angelpunkt in Arthurs Existenz wird.

Sie gibt im Roman eine famose Abschiedsvorstellung, während sie den Allzu-Kindgebliebenen in das Erwachsenendasein einschult, und als gar nicht so gutes Herzerl den tatsächlich vom „Scheißpech“ Verfolgten, dem sie nach Wien nachreist, wo sie samt 24-Stunden-Pflegerin im Bristol residiert, von seiner Verpflichtung zur „Scheißehrlichkeit“ entbindet, wegen derer er kein Praktikum kriegt. So mäandert Börds Starring-Methode ihrem Ende entgegen, zwischen neonbeleuchteten Sandler-Ausspeisungen und in Stadtrandbrachen irrlichternden Schmalspurganoven, wobei’s erst zum Showdown, dann zum unerwartet versöhnlichen Familienfinale kommt.

Börd ist mit seiner Therapie gescheitert – und auch nicht. Mehr und mehr widerspricht ihm Arthur, widerlegt Bettys wissenschaftlichen Ansatz. „Er, so hat er sich Betty gegenüber einmal ausgedrückt, sei durch all dieses Hauptfiguren-Getöse eben nicht seiner Vorbildfigur nähergekommen, sondern vor allem sich selbst. ,Es kommt mir so vor‘, hat Arthur zu Betty gesagt, ,als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.‘“

Über die Autorin: Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Soziologin und Autorin in Salzburg. 2016 erschien ihr Debütroman „Wir ohne Wal“, sie wurde unter anderem mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung, dem Rauriser Förderungspreis und dem Theodor Körner Förderpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Zsolnay Verlag, Birgit Birnbacher: „Ich an meiner Seite“, Roman, 272 Seiten.

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8. 4. 2020