Tommy Orange: Dort Dort

Oktober 8, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Blut klebt fest an ihren Federn

Erst in Teil IV beginnt das Powwow, drei Viertel des Buches wird auf diese festliche Zusammenkunft im Oakland Coliseum langsam hingeschrieben, nun aber erhöht der Autor die Schlagzahl seiner Trommler. Die Tänzer treten auf, unter ihnen Orvil Red Feather; Tony Loneman ist ebenfalls im Stadion, auch Dene Oxendene und Opal Viola Victoria Bear Shield mit ihrer Schwester und Orvils Großmutter Jacquie. Sie alle, über die man bis dahin seitenweise erfahren hat, erleben jetzt in wenigen Sätzen, wie sich über den Sound der Schlägel das Stakkato von Schüssen legt.

Vor Bestürzung schnell liest man bis zu diesem beklemmenden Schluss – um endlich zu wissen, wen die Kugeln getroffen haben, und wo ihr Ziel verfehlt. Nun ist es gewiss bei Rezensentenehre verboten, ein Romanende zu spoilern, doch im Fall von „Dort Dort“ ist dies alles abschließende Massaker gleichbedeutend mit dem Leitgedanken von Tommy Oranges literarischem Debüt. Orange, selbst aus Oakland und Mitglied der Cheyenne and Arapaho Tribes of Oklahoma, schildert in seinem Erstling sozusagen aus erster Hand das Schicksal jener Native Americans, die von Reservatsbewohnern längst zu „Urban Indians“ wurden.

Schildert ihre bei der Absorption durch die Großstädte nicht geringer gewordenen Probleme von Arbeitslosigkeit bis Alkoholismus – und die daraus resultierende Gewalt. Und natürlich stellt Orange, Mutter weiß, Vater Cheyenne, er selbst ob seines Äußeren oft als „Chinese“ beschimpft, auch immer wieder die Identitätsfrage, wie es ist, ambiguously nonwhite / nicht eindeutig nichtweiß zu sein.

„Dort Dort“, der Titel bezieht sich auf Gertrude Steins „The trouble with Oakland is that when you get there, there isn’t any there there“ aus „Everybody’s Autobiography“, womit die Schriftstellerin wohl ausdrücken wollte, dass sich das Oakland ihrer Kindheit so verändert hätte, dass es für sie dort kein Dort mehr gibt, „Dort Dort“ also entwickelt durchs Erzählen vom Leben von zwölf Charakteren einen Sog, dem sich zu entziehen unmöglich ist. Kein Wunder, dass Barack Obama den mittlerweile Pulitzer-Preis-Finalisten auf seine legendäre Sommerleseliste setzte. Bevor Tommy Orange den Leser allerdings in die Handlung entlässt, behandelt er in einem Prolog, beinah zu bestialisch, um es wiederzugeben, Klischees über die und Gemetzel an der „Rothaut“.

„Wir wurden von allen anderen definiert und werden hinsichtlich unserer Geschichte und unseres aktuellen Zustands als Volk nach wie vor verleumdet“, schreibt Orange, und rechnet ab mit dem Westernbild eines John Wayne, Wolfstänzer Kevin Kostner und dem Film-„Häuptling“ Chief Bromden, der, statt wie im Buch Protagonist, auf der Leinwand nur noch der schweigsame Waschbeckenwerfer sein darf. „Wir sind die Erinnerungen, die wir nicht mehr haben“, sagt Orange, und „die Kugeln flogen ins Nichts falsch geschriebener Geschichte. Diese verirrten Kugeln und Konsequenzen schlagen auch heute noch in unsere arglosen Körper ein …“

Bild: pixabay.com

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Deutlicher lässt sich eine von Rassismus und Repression bestimmte Realität kaum fassen. Orange spannt den Bogen von der „unversorgten Wunde“ von damals zum entzündlich-unverheilten Jetzt. Immer noch klebt das von Landspekulanten und Kolonisten vergossene Blut der Native Americans fest an ihren Stammesfedern, Symbol dafür – die Coverillustration. Sein Dutzend Figuren präsentiert Orange zunächst einzeln, bevor er es über Verwandtschaftsverhältnisse allmählich zusammenführt. Zu den wichtigsten zählen: Tony Loneman, 21, Cheyenne-Abstammung, Säuferinnenkind mit fetalem Alkoholsyndrom, Drogendealer in Ermangelung einer anderen Erwerbstätigkeit, der in voller Tracht zum Powwow gehen will.

Dene Oxendene, Angehöriger der Cheyenne und Arapaho Tribes, dem sein Onkel als Erbe ein Dokumentarfilmprojekt überlassen hat, für das er beim Powwow Storys und Anekdoten von Oakland-Indianern sammeln will. Die Halbschwestern Opal Viola Victoria Bear Shield und Jacquie Red Feather, erstere „ein Fels, aber in ihr wohnt wildes Wasser“, zweitere eine ständig mit dem Trockenbleiben kämpfende Drogenberaterin, beide 1969 von ihrer Mutter zur Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz mitgenommen, wo Angehörige verschiedener Tribes gegen die „Indianerpolitik“ des Weißen Hauses protestierten, beide durch die brachiale Vorgehensweise bei dieser Inbesitznahme traumatisiert.

Opal und Jacquie sind auch die, bei denen die meisten Fäden des Romans zusammenlaufen, über eine von der 17-jährigen Jacquie zur Adoption freigegebene Tochter, über den zur Zeit der Zeugung ebenfalls Teenager-Vater, deren Wege sich beim Powwow unerwartet kreuzen, über Jacquies Enkel Orvil, Loother und Lony, allesamt einstige Heroinbabys, die ihr Dasein mit einem Entzug begannen, da Kinder von Jacquies am goldenen Schuss gestorbenen Tochter Jamie. Powwow-Praktikant Edwin Black, weiße Mutter, Vater unbekannt, sucht ebendiesen via Internet – und findet ihn als Master of Ceremonies im Coliseum, alldieweil die eigentlich Kleinkriminellen Octavio, Carlos, Charles und sein Bruder Calvin einen Überfall auf das Powwow planen, wo es immerhin 50.000 Dollar an Preisgeldern zu erbeuten gibt.

„Wir sind Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest“, sagt Dene an einer Stelle. Es ist dieses Neben-, Mit-, Durcheinander von Stimmen, das Oranges Buch so stark macht. Weil es nie genug geben kann, um dem hämischen Stereotyp der homogenen Indianer-Masse die tatsächliche Vielfalt von Menschen entgegenzusetzen. Während Tommy Orange also derart sein Panorama der Native Americans entwirft, dabei aber nicht vergisst, über Ausweglosigkeit und Selbstmordrate, Drogenmissbrauch und Bandenzugehörigkeit zu berichten, und übers Private so das Politische einbringt, verquickt er auch die Biografien mehr und mehr.

Bild: pixabay.com

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Über diese Welt, in der das Verfluchen gefürchtet und der Aberglaube über Dachshaare und Spinnenbeine allgegenwärtig ist, niederträchtige Frauen alligatorgrüne Augen und schamanische Männer eine Medizinkiste haben, in der schlimme Jungs denken, sie hätten „dieses alte Etwas, das verdammt wehtut und einen boshaft werden lässt“, und viele mit weißem Elternteil am Zwiespalt laborieren, dadurch von einem Volk abzustammen, „das nahm und nahm und nahm. Und einem Volk, das genommen wurde“, steht im Zwischenspiel „Blut“:

„Wenn du es dir leisten kannst, nicht über Geschichte nachzudenken, … dann kannst du dir sicher sein, dass du an Bord des Schiffes bist, … während andere draußen im Meer treiben, ertrinken oder sich an kleine Rettungsinseln klammern, die sie reihum immer wieder aufblasen müssen … Und oben auf der Jacht sagt jemand: ,Was für ein Jammer, dass diese Menschen dort unten faul und nicht so schlau und geschickt sind wie wir hier oben‘.“ Treffender ist auch das EU-Verhalten zu den übers Mittelmeer Flüchtenden nicht zu umschreiben.

Beim Powwow schließlich sind alle anwesend, Blue, Edwin, Jacquie, Harvey, Opal und der große Rest, und da dem Leser inzwischen schon klar ist, wer wann mit wem, finden einander vor Jahrzehnten Verlorengegangene wieder, wird Teilverschüttetes neu geborgen, doch nicht ausschließlich, fehlt es doch manchem im plötzlichen Kugelhagel an Gelegenheit sich und seine Geheimnisse zu offenbaren. Orange erzählt seine brutale Story mit sensibler Courage, sein Roman sowohl eine durchaus drastische Geschichtslektion über den Völkermord an den Indigenen, als auch ein Auftreten gegen den perfiden kleinen Alltagshass, seine Figuren bei aller Gewalt- und Suchtmittelberauschtheit von herzzerreißender Naivität und Hoffnung und Sehnsucht nach Zärtlichkeit.

„Dort Dort“ ist ein „Red Power“-Buch, das Menschenwürde und Menschenrecht gegen Feindbild und Feindseligkeit in die Waagschale wirft, eines, das ohne die Paraderollen vom edlen Wilden, weisen Medizinmann oder vom wütenden Skalpjäger und Marterpfähler auskommt. Am Ende von mehr als 500 Jahren Mord und Totschlag stehen einmal mehr dieselben, und jene Stille des Sterbens, die einen verstört zurücklässt. Wer aus dem Leben gehen muss, wer von den Geschossen ebenso getroffen, aber auch Erden bleiben wird, entdeckt einem Tommy Orange nicht. Eines seiner angeschossenen Geschöpfe verabschiedet er so: „[Er] muss jetzt leicht sein. Den Wind durch die Löcher in sich singen lassen, die Vögel singen hören. [Er] geht nirgendwohin. Und irgendwo dort drinnen, in ihm, wo er ist, wo er immer sein wird, ist es auch jetzt Morgen, und die Vögel, die Vögel singen.“

Über den Autor: Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Angels Camp, Kalifornien.

Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hannes Meyer.

Tommy Orange im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=JXCbmuIFD8M           www.hanser-literaturverlage.de

  1. 10. 2019

Kent Haruf: Abendrot

Oktober 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemeinsam ist man weniger einsam

Bis vor zwei Jahren noch galt Kent Haruf absolut als Geheimtipp, sechs Romane hat der 2014 verstorbene US-Autor insgesamt verfasst, und erst als der letzte, „Unsere Seelen bei Nacht“, mit Jane Fonda und Robert Redford prominent verfilmt wurde, erlangten Harufs Bücher posthum Bestseller-Status. Bei Diogenes ist nun erstmals Band vier auf Deutsch erschienen, „Abendrot“, das Original bereits im Jahr 2004, und wie in allen von Harufs Arbeiten ereignet sich die Handlung auch hier in der fiktiven Kleinstadt Holt in den Great Plains, Colorado.

Kent-Haruf-Kenner werden also auf den einen oder anderen vertrauten Charakter treffen: Tom Guthrie taucht wieder auf, der Lehrer, dessen Ehefrau sich aus dem Staub gemacht hat, und der jetzt allein mit seinen zwei kleinen Söhnen den Alltag stemmen muss, auch Toms Kollegin Maggie Jones, die das schwangere, von der Familie vor die Tür gesetzte Mädchen Victoria auf der Ranch der beiden McPheron-Brüdern unterbrachte, den eingefleischten Junggesellen Harold und Raymond. An diesem Vorwissen kann sich, wer’s hat, erfreuen, es ist allerdings nicht notwendig, um die Lektüre von „Abendrot“ zu genießen.

Haruf, überzeugter Hillbilly aus dem Middle of Nowhere des Mittleren Westens, beschreibt, womit er sich auskannte: die einfachen und größtenteils liebenswerten und guten Gottesgeschöpfe in ihren Sorgen und Nöten, beschreibt die sich von Seite zu Seite stetig zu einem großen Ganzen verbindenden Schicksale der Holt-Gemeinschaft, schreibt über scheiternde Beziehungen und von ihren Eltern vernachlässigte Kinder, über das Standardbesäufnis am Wochenende, über ungeahnte Hilfsbereitschaft und leidenschaftlichen Hass, über Ängste, Niederlagen und Triumphe, über das kleine Glück und den Traum, aus dem be*** scheidenen Alltag auszubrechen und anderswo neu anzufangen.

Der besondere Zauber von Harufs Erzählkunst besteht in der kitschfreien, prägnanten Art, mit der er seine Storys festhält, seine schlichte Sprache, sein Kein-Wort-zuviel-Stil sind wie den Menschen vom Mund abgeschaut, und dabei von einer behutsamen, anrührenden Poesie – deren Verse sich auf die Wahrheit reimen, dass der Einzelne nur existieren kann, wenn ein anderer zumindest eine Zeit lang mit ihm den Lebensweg geht. Gemeinsam ist man weniger einsam …

„Abendrot“ ist einmal mehr eine Collage von mindestens einem Dutzend Geschichten, ein komplexes Gespinst aus x-en Figuren, Protagonisten, die sich Haruf nach und nach und voll Empathie für – fast – jeden von ihnen herauspickt, um sie samt ihren Problemen in pointierten Porträts zu präsentieren. Und so spielen im Holt’schen Mikrokosmos diesmal die kauzigen McPheron-Brüder die wichtigsten Rollen. Über sie erfährt man, dass Victoria inzwischen ihre Tochter Katie zur Welt gebracht hat, dann allerdings zum Studium nach Fort Collins umzog. Als Harold eines Tages von einem wütenden Bullen zu Tode getrampelt wird, ist Raymond plötzlich allein auf der Welt – bis Maggie und Tom ihn zu einem Samstagabendtanz mitnehmen, wo man „zufällig“ auf Rose Tyler trifft.

Bild: pixabay.com

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Die sich zu sehr in ihre Fälle involvierende Sozialarbeiterin, wie Raymond auch sie eine mit Ecken und Kanten, ist im Wortsinn neu in Holt, und mit ihr beleuchtet Haruf auch erstmals ihre randständige Klientel, die Parias des Prekariatsamerika, die, die der Turbokapitalismus längst abgehängt hat. Zu ihnen zählen Betty June und Luther Wallace und ihre Kinder Richie und Joe Rae, die in unsäglicher Ärmlichkeit in einem Wohnwagen hausen – was vor allem Richie zum Gespött der Mitschüler macht. Haruf skizziert die Wallaces als die Sorte von Leuten, denen ihr verpatztes Dasein die Energie geraubt hat, um sich noch irgendwie aus dieser Abwärtsspirale zu retten.

Selbst als Betty Junes cholerischer Bruder Hoyt Richie und Joe Rae bis aufs Blut prügelt, wissen sie nicht sich zu wehren, und als das Jugendamt die heißgeliebten Kinder einer Pflegefamilie übergibt, bringen sie nicht die Kraft auf, etwas zu unternehmen. Zu den zärtlichsten Episoden zählen die von DJ und Dena, beide elf Jahre alt, er beherbergt von seinem kranken Großvater, um den er sich mehr kümmern muss, als der’s um ihn kann, sie Tochter einer Mutter, die ihren Kummer in Hochprozentigem ertränkt, ist doch der Vater nach Alaska abgehauen. Wie sich diese beiden verlorenen Seelen finden und sich in einem desolaten Schuppen wie „Erwachsene“ ein Ersatzzuhause einrichten, das ist was fürs Herz.

Am Ende steht nicht immer ein Happy End, etliche Krisen-Situationen haben keinen alles klärenden Schluss, ihr Ausgang bleibt dahingestellt. Wie’s eben so geht mit Wünschen und Wollen und Erwartungen. In „Abendrot“ ist nachzulesen, wie schön und wie schrecklich es auf Erden zugehen kann. Wer unter anderem erfahren möchte, ob bei Rose und Raymond der Liebesblitz einschlägt, dem sei dieser großartige, mal humorvolle, mal traurige Roman aufs Wärmste empfohlen.

Über den Autor: Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, „Unsere Seelen bei Nacht“, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.

Diogenes, Kent Haruf: „Abendrot“, Roman, 416 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von pociao.

www.diogenes.ch

  1. 10. 2019

Andrej Platonow: Die Baugrube

September 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiefschwarzes Antidrama über Stalins Sozialismus

„Die Unterdrückung der ,Baugrube‘ hat die russische Prosa um fünfzig Jahre zurückgeworfen“, befand der  russisch-amerikanische Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky. Wie kein zweiter lässt Autor Andrej Platonow in diesem paradigmatischen Meisterwerk über den Totalitarismus die Atmosphäre der aufkommenden Ära Stalin spüren, die voll war von Prophezeiungen einer besseren Zukunft, Utopien, die sich alsbald in ihr Gegenteil verwandeln sollten und 20 Millionen Sowjetbürgern im Zuge der politischen Säuberungen das Leben kosteten.

Es ist kein Wunder, dass „Die Baugrube“ zu Entstehungszeiten nicht erscheinen durfte, es ist ein Wunder, dass es einer wagte, Derartiges zu Papier zu bringen, blieb Platonow von der harten Hand des „Stählernen“ doch keinesfalls verschont. An den Rand seiner Erzählung „Zum Vorteil“, einer Kritik an der Stalin’schen Zwangskollektivierung und Entkulakisierung, schrieb der Diktator persönlich das Wort „Abschaum“, bevor er mitten im Großen Terror Platonows 15-jährigen Sohn wegen „Spionage und antisowjetischer Tätigkeit“ in einem Arbeitslager internieren ließ. Der schließlich Haftentlassene war schwer an Tuberkulose erkrankt, an der sich der Vater bei der Pflege ansteckte und starb.

In „Die Baugrube“ dekonstruiert Platonow verstörend visionär die Zeit des ersten Fünf-Jahres-Plans. Der Kurzroman ist mindestens so hintersinnig wie seine Dystopie „Tschewengur“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29341), doch nicht wie diese in Albtraumwelten angesiedelt, sondern deutlich erkennbar in der kommunistischen Wirklichkeit der späten 1920-Jahre verankert. Platonow, im Gegensatz zu der Mehrzahl seiner Schriftstellerkollegen tatsächlich ein Kind des Proletariats, Sohn eines Metallarbeiters, der es diesem jedoch ermöglichte zu studieren und Ingenieur zu werden, kannte die Propagandamittel für den revolutionär gestimmten Aufbruch, die Agitation zur Übererfüllung von Produktionsvorgaben, aus eigenem Erleben. Was seine Texte umso fantastischer macht.

Bild: pixabay.com

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In seiner einzigartigen Sprache und so bedächtig, wie’s die Art seiner Protagonisten ist – deren größte Angst: dass in „ungesunder Aufregung die Nerven Schaden nehmen“, weshalb sie der Werktätigkeit mit einer gewissen Geruhsamkeit nachgehen -, erzählt Platonow von einem Artel, einem freiwilligen Zusammenschluss von Arbeitern, die eine gigantische Grube ausschachten, über der ein „gemeinproletarisches“ Hochhaus errichtet werden soll, imstande, die Bevölkerung einer ganzen Stadt in sich aufzunehmen. Dies epochale Symbol wird von Platonow – (R)untergehen statt Aufbauen – zur Kenntlichkeit entstellt, und verständlich ist, dass einem mit beinah 90 Jahren mehr an Geschichtswissen bei „Grube“ assoziativ Massengrab einfällt.

Hauptfigur des Buchs ist Woschtschew, ein tief melancholischer Mensch, ein Sinnsuchender, der statt diesem aber nur den Trübsinn einer fehlgeleiteten Schöpfung findet. Gerade erst wurde er aus der Maschinenfabrik „entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit“. Woschtschew ist sozusagen der Fleisch gewordene Kontrapunkt zu den schnarrenden Appellen des Aufbauoptimismus, die allüberall erschallen. Nunmehr laborierend an der eigenen Nutzlosigkeit, denn genau das darf ein Sowjetmensch auf keinen Fall sein, fällt ihm ein verdorrtes Blatt auf den Kopf. „,Du hattest keinen Lebenssinn‘, vermutete Woschtschew mit Kargheit des Mitgefühls, ,bleib hier liegen, ich werde herausfinden, für was du gelebt hast und umkamst. Wenn dich schon keiner braucht und du herumliegst in der ganzen Welt, werde ich dich hüten und im Gedächtnis behalten.‘“ (In dieser Situation stößt er auf das grabende Kollektiv – und wird von diesem ohne langes Fragen assimiliert …)

Gabriele Leupold, die dafür mit dem Jan-Scatchered-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet wurde, hat diese Zeilen klug und kreativ ins Deutsche übertragen. Sie lässt deren Ästhetik, die dreisten Andeutungen, die beiläufig geschilderten Grausamkeiten, die halsbrecherischen Wortneuschöpfungen in tausend Sprachbildern schillern. „Sozialismusfest“, in Anspielung an die tradierten kirchlichen Feiertage, ist etwa einer dieser von Platonow erdachten Begriffe. „Wir können um des Enthusiasmus‘ willen leben“, zitiert er Stalins Lieblingsschlagwort aus der Rede „Das Jahr des großen Umschwungs“, und wenn er den Funktionär Paschkin „das Tempo ist flau“ sagen lässt, oder „am Proletariat herrscht heute ein Manko“, so korrespondieren diese Mahnungen mit der in Parteidekreten festgeschriebenen Kritik.

Bild: pixabay.com

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Dabei bedient Platonow im Tonfall weder Ironie noch Sarkasmus. Die Antihelden seines tiefschwarzen Antidramas verzehren sich pathetisch an der Aufgabe eine schöne neue Welt zu erschaffen, scheitern, scheitern wieder, scheitern nicht besser – Fehlschläge anhand derer der Autor die Fehler des Systems entlarvt. Sein Personal hat Platonow als Allegorien angelegt. Statt einer Erzählstimme, einer übergeordneten Instanz, setzt er auf die Polyphonie seiner Figuren. Da gibt es den Arbeiter Safronow, parteikonformer Sozialist und „Klassenkämpfer für die Aufklärung“. Den herkunftsbedingt isolierten, selbstmordgefährdeten Ingenieur Pruschewskij, der sich in seiner Einsamkeit in die Schlafbaracke zu den Arbeitern legt, was diese peinlich berührt.

Den Genossen Shatschew, beinloser Bürgerkriegsinvalide, aggressiv, weil er vom Regime schlecht versorgt wird, und der deshalb unter Androhung von Devastierungen von den Nachbarn Lebensmittel und Tabak erpresst. Den schwächlichen Koslow, der, weil er an den Einsatz technischer Hilfsmittel glaubt, schließlich Karriere machen wird. Den bereits erwähnten Funktionär Paschkin, der nur nach dem Rechten sieht, um zum eigenen Ruhm eine Steigerung der Produktivität anzuordnen. Den Arbeiter Tschiklin, der zentrale Charakter im Bautrupp, der gute Mensch, der in einem Keller eine sterbende burshujka, eine Bürgerliche, und daneben ihr Töchterchen Nastja findet. Sie wird fortan zur „Sowjetina“ der Baugrube – zur leibhaftigen, kindlichen Personifizierung der jungen, unreflektiert linientreuen, lebensgierigen Sowjetunion. Aus ihrem Mund allerdings klingt der andauernd daher geplapperte Jargon der „Liquidierung“ nur umso menschenverachtender und mörderischer.

Und während Platonow solcherart am offenen Herzen des heranwachsenden Bolschewiki-Staats operiert, den wahnwitzigen gesellschaftlichen Heilsglauben an die kommunistische Erlösung in grotesken Gebärden festhält, kommen für seine Geschöpfe neben der Pflichterfüllung auch die Herzensangelegenheiten nicht zu kurz. Die Phraseologie der Sowjetbürokratie in eine ungebührliche Poesie übertragend, spürte Paschkin, „als er seine Frau hörte, Liebe und Gelassenheit, – das hauptsächliche Leben kehrte wieder zu ihm zurück. ,Olguscha, mein Goldfisch, du spürst ja gigantisch die Massen! Dafür lass ich mich dir anorganisieren!‘ Er legte den Kopf an den Körper seiner Frau und beruhigte sich im Genuss von Glück und Wärme …“

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke „Tschewengur“ aus dem Jahr 1926 und „Die Baugrube“, geschrieben 1930, konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp Taschenbuch, Andrej Platonow: „Die Baugrube“, Roman, 238 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Leupold. Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff.

Gabriele Leupold über Platonows „Die Baugrube“: www.youtube.com/watch?v=IbQemkkfKwg

www.suhrkamp.de

  1. 9. 2019

Kurt Palm: Monster

September 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit freischwimmenden Fischen ist …

Es ereignet sich ungefähr folgendes: 1. Am bis dahin lieblichen Rottensee dreht Horrorlegende George A. Romero einen seiner berühmt-berüchtigten Zombiefilme. 2. Unter die Statisten mischt sich ein tschetschenisches Lesbenpaar, zwei Vampirinnen, die Männer nach dem Aussaugen auch noch gern auf Herz und Nieren prüfen. 3. Die Innenministerin, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins ortsansässige Asylwerberheim gezwungen, isst von einem original-afrikanischen Eintopf, in dem unbemerkt eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt. 4. Am nächsten Tag werden im Strandbad der Fuß einer Frau und die Hinterhaxe eines Hundes angeschwemmt …

Was vergessen? Sicher. Denn die Fülle an Handlungssträngen und Figuren, mit denen Kurt Palm seinen jüngsten Roman „Monster“ flutet, lässt alle erzählerischen Dämme brechen. Sein aberwitziger, absurder Trash-Text changiert einmal mehr zwischen Krimisatire, Politgroteske und beißender Gesellschaftskritik. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig, ebenso die Ähnlichkeit mit Fischen, möchte man sagen, denn wie Polizist Alfons Stallinger, er der Bruder von Gendarmerieinspektor Arthur Stallinger aus „Bad Fucking“, mutmaßt, treibt im Gewässer ein riesiger sein Unwesen.

Aber wer hört schon auf den diensthabenden Wasserphobiker, der am liebsten im Wachzimmer Socken strickt. Palm hat sich für sein Buch zweifellos von seiner Ursprungsregion inspirieren lassen. Von den typischen Tourismushochburgen mit Hang zur freiwilligen Selbstverkrümmung vor zahlenden Gästen, wo Oligarchen aller Herren Länder mit Schützenverein und Goldhaubengruppe becircen werden und gewiefte Lokalpolitiker das „Landidyll“ als Schlagwort des Schweigens über der sumpfigen Vergangenheit der Provinz ausbreiten. Mitten unters Kuriositätenkabinett seiner Charaktere mischt Palm nämlich die beiden Momente, mit denen er erneut die österreichische Mentalität aufmischt. Das „Monster“ ist kein Seeungeheuer, macht er alsbald klar, sondern der Seinszustand der Republik.

Und so stellt er einerseits die nigerianische Familie Nkwongu in den Mittelpunkt, der Vater und seine beiden Kinder über Libyen geflüchtet, die Mutter von der Boko Haram entführt, andererseits die Geschichte des Altbauern Matthias Ablinger, der als 15-Jähriger beim Volkssturm die an einem abgeschossenen US-Piloten verübte SS-Lynchjustiz miterleben musste. Als er zu seinem Schrecken der Zeitung entnimmt, dass der damalige Täter, Obernazi, Altbürgermeister Flachberger zum 90er geehrt werden soll, beschließt er, für späte Gerechtigkeit zu sorgen – und er macht sich auch auf die Suche nach William Lesters Enkel, um diesem die Erkennungsmarken seines Großvaters auszuhändigen.

Bild: pixabay.com

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Wie in „Monster“ des Weiteren der Filz aus Innenpolitik und Wirtschaftsinteressen, wie der sich hinter Trachten tragender Hoamatlichkeit und Schlagergeschunkel nur noch schlecht verbergende Nationalismus karikiert wird, macht daraus das Buch zur Stunde. „Tradition, Volkskultur, Scholle, Herrgott, Brauchtum, Familie, Kirche, Vaterland, Verbundenheit, Gemeinschaft, Christentum und Gesinnung“, skandiert der Kameradschaftsbund bei der Flachberger-Feier die abendländischen Werte. Palm skizziert seine zur Kenntlichkeit entstellten Geschöpfe messerscharf: die abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter, „die im Profil wie ein Vogel aussah, der lange nichts zu essen bekommen hatte“, und die in einem Alter war, „in dem die Halsketten immer opulenter, die Ohrringe immer größer und die Haut immer schlaffer wurden“.

Den skrupellosen Immobilientycoon Alexander Prix, Koks- und Splatterfan, Bestechungsexperte unter Sektionschefs, finanziell potenter Blutsauger, ein Sexsüchtiger, der schließlich zum Vampirinnenopfer wird; den Volks-Rock-’n’-Roller Nummer eins, Andreas Mastwächter, der auf einem Schiff im See ein Konzert geben soll, bei dem ihn allerdings der Riesenfisch zum Anbeißen findet. Das Wesen, versteht sich im Zusammenhang, ist ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, der weiland wohl so etwas wie „Filets fürs Volk“ vorschwebte …

Derart (ver)führt einen Kurt Palm mit dem ihm eigenen sarkastischen Gruselklamauk von Chaos zu Katastrophe, von Tief- zu Höhepunkt. Die Spur der Flüchtlingsfamilie verliert sich zwischen den Seiten, dazu macht der Autor eine empathisch-autobiografische Notiz. Vernichtende Schicksalsschläge und selbstverschuldetes Unglück, Verrat, Betrug, Suizid, eine Liebe ohne Hoffnung, ereignen sich hingegen in den Nebensätzen dieses Blut-und-Beuschel-Dramas. Das erste Ende ist so apokalyptisch, dass es einen Lachen macht. Das zweite ist der große Todernst. „Und das Land lag öd und leer, und die Zeit war endlos und schwarz.“

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschien zuletzt 2017 sein Roman „Strandrevolution“. „Monster“ wird ab 5. November als bitterböse Bühnenshow im Wiener Rabenhof gezeigt. Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=33848

Deuticke Verlag, Kurt Palm: „Monster“, Roman, 304 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke           www.palmfiction.net/blog

Teaser zu „Monster“: www.youtube.com/watch?time_continue=20&v=sOell6t-H4s

  1. 9. 2019

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck

Juli 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv keine Dystopie

„Das ist keine Dystopie“, richtet die Autorin ihren Lesern via Klappentext aus, und damit hat sie definitiv recht. Frau Berg, im Wortsinn eine Sibylle, mixt auch in ihrem aktuellen Roman „GRM. Brainfuck“ Fakt und Fiktion und jede verfügbare Verschwörungstheorie zu einem Cocktail so explosiv, wie den nach Wjatscheslaw Molotow benannten. Alles an „GRM“ ist too much, too loud, too exaggerated, ein Überforderungsbuch, das seine Motive in Endlosschleife wiederholt, und dabei die diesen innewohnende Realsatire als Sprachschmutz verschleudert.

Daher nämlich der Titel: „GRM“ klingt bei Ausruf nicht nur wie die verbitterte Entäußerung einer Comicfigur, sondern meint Grime, einen in Großbritannien erfundenen Musikstil zwischen HipHop und Dubstep, „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“, und dass der Begriff Crime leise mitgroovt, ist garantiert voll Absicht. Schauplatz der Handlung: erst fucking Rochdale, „ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung in ein Museum stellen müsste“, später London. Die Protagonisten: vier vernachlässigte, verwahrloste Jugendliche. In Kürzestsätzen und Satzfragmenten, die Wortwahl markig, die Absätze und Enden gewählt willkürlich, stellt Sibylle Berg ihre Viererbande vor:

Die dunkelhäutige Don, klein, wütend, lesbisch, ohne Interesse daran, eine Ghetto-Frau zu werden; die asiatisch anmutende Hannah, mit der herausragendsten Eigenschaft Egozentrismus; die hochbegabte Karen, wegen eines Gendefekts Albino, und Autist Peter, dieser, so wird sich später herausstellen, von michelangelesker Schönheit. Berg taggt ihr sarkastisches Gegenwartsgraffiti wie den Teufel an die Wand, Unterschicht und untergehende Mittelschicht im Sozialbau, eine Generation der Abgehängten, die sich die Tristesse mittels ihrer High-Tech-„Endgeräte“ schönflimmert. Alles am Szenario der versierten Untergangsprophetin ist desolat, deformiert, trostlos – und so nah am Heute, dass man bitter auflachen muss.

Nun wird den Zweck- und Zwangsfreunden in weiterer Folge Unrecht getan. Väter in Ausweglosigkeit erhängen sich, Mütter prostituieren sich für ein reicheres Leben an der Seite eines russischen Unternehmers, Erziehungsberechtigte ertrinken in Aggression, Alkohol und Drogen. Was beispielsweise Hannah widerfährt, ist tatsächlich passiert. 2012 haben pakistanisch-stämmige Jungs in Rochdale Mädchen erst vergewaltigt, dann als deren Zuhälter an Freier verkauft. Als der letzte Erwachsene aus dem Blickfeld verschwindet, macht sich das Quartett auf nach London. Im Gepäck eine abzuarbeitende Todesliste ihrer Peiniger.

Dieses Handlungsgerüst umhüllt Berg mit einer neoliberalistischen Brave New World, in der sie von der Erschaffung der AI bis zur Manipulation des ZNS nichts, aber auch wirklich nichts auslässt, was es im 21. Jahrhundert bis dato an politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftspolitischen Auswüchsen aufs Korn zu nehmen gilt. „Zunehmend wurden die Länder des Westens von absurd albernen Diktatoren regiert“, heißt es da, während China längst – Verschwörungstheorie Nummer 569 – die Weltmärkte übernimmt, bis diese ein Eigenleben entwickeln wie Frankensteins Monster. Weder lässt Berg den Klimawandel aus, noch ein von einem sinistren Politiker geplantes Massensterben durch multiresistente Keime, noch die Gedanken eines Hirschs bei dessen Erschießung durch eine Jagdgesellschaft.

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Und weil man sich grad so gut wälzt im apokalyptischen Sozialporno, serviert die Berg grenzgenialisch ein neues Feindbild – da „die große Umvolkung – der weiße Mensch, der durch den Araber ausgetauscht werden soll – nicht stattgefunden“ hat, stattdessen die Armen. Deren Slum-Gräueltaten nun medial ausgeschlachtet werden. „Die Verachtung der Kapitalisten gegenüber den Armen hatte sich institutionalisiert. Obdachlose, Arbeitslose, Arbeitsunfähige, Kranke, Schwache mussten akribische, nicht nachvollziehbare bürokratische Schwachsinnsanforderungen erfüllen, um einen Minimalbetrag zu erhalten, der ihre Lebensfunktionen aufrechterhielt. Der unverwertbare Teil der Gesellschaft konnte durch kleine Formfehler sämtliche Unterstützung verlieren …“

Der brave, kleine Mann hingegen wird mit einem Chip am Handgelenk versehen, wahlweise auch mit Bodycam, ein totaler Überwachungsapparat mit einem belohnenden Punktesystem: „Der Kunde blickte in eine Kamera. Das Gesicht wurde an die Datenbank übermittelt, in Sekundenbruchteilen ein Chip mit den Daten des Betreffenden geladen. Geräte-IDs, biometrische Passangaben, Konten, Adresse, Krankheitsakte, Strafregister, sexuelle Vorlieben, Freundeskreis, Familie, soziale Auffälligkeiten, Vorstrafen.“ Der Untertitel „Brainfuck“ ist der Name einer real existierenden, esoterischen Programmiersprache, die all dies ermöglichen soll.

Mit einer Brutalität hart an der Grenze des Erträglichen, jede Bemerkung eine berserkerte Pointe, alle zusammen ein schwer zu überlebendes Flächenbombardement, erweitert Berg ihre Anfangsvier um Dutzende Figuren, ein vulgärer Menschenzoo, von der Hackergruppe „Die Freunde“ bis zum mysteriösen Ma Wie, von MI5 Piet bis zur künstlichen Intelligenz Ex2279, vom Rich Kid Thome, dieser nicht nur in sexuellen Belangen pervers, siehe: Säurebad für die Stiefmutter, bis zu seinem Vater, der das Amt des Premierministers anstrebt. Später wird klar werden, welche IT-Maschine hier alle steuert.

Alldieweil aber betrachten die Kinder erstaunt die Begeisterung der Menschen für ihre (geistige) Beschränkung: „Menschen mit verschlissener Kleidung, schlechten Zähnen, aufgedunsenen Gesichtern, von Alkohol gezeichnetem Blick tanzten geradezu ausgelassen in die Nacht. Sie hatten wieder einen Glauben an ihre Regierung. Einen Stolz auf ihr Land, Stolz, Brite zu sein. Stolz, Teil eines weltweiten Reiches zu sein.“

Den Hacker-„Freunden“ gelingt es schlussendlich tatsächlich, das staatliche Überwachungssystem zu outen, und das ist der letzte traurige Höhepunkt in „Grime“. Die Leute können sich plötzlich auf den öffentlichen Bildschirmen sehen und dazu die auf ihren Chips gespeicherten Informationen lesen. Die Demokratie enttarnt sich als Fake, der neue Regierungschef agiert via Avatar. Doch, was Wunder?, statt Empörung und Aufstand freut sich jeder Geoutete über seine 15 minutes of fame in den Social Media. Womit der Begriff SM eine völlig neue Bedeutung bekommt. Und Sibylle Berg einen Roman erschaffen hat, der mit großem Zorn auf den Status Quo die Klassenfrage stellt. Ein Roman, der sein „Fuck it!“ mit einem „Kümmert euch umeinander!“ verbindet. Wie sich die Bilder gleichen. Schließlich könnte Europa bald flächendeckend so aussehen, wie die Sibylle es gesehen hat.

Über die Autorin: Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, von denen zwei vergangene Saison in Wien zu sehen waren: „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ am Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385) und „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ bei den Wiener Festwochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33485), 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, unter anderem den Wolfgang-Koeppen-Preis (2008), den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2016), den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019) sowie den Thüringer Literaturpreis (2019).

Kiepenheuer & Witsch, Sibylle Berg: „GRM. Brainfuck“, Roman, 640 Seiten.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=157&v=gaZo0Kd_9kI

www.kiwi-verlag.de           www.sibylleberg.com

  1. 7. 2019