Erwin Steinhauer & Fritz Schindlecker: Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung

November 8, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine fein-gfeanzte Vorbereitung aufs Fest der Feste

Will man Anfang November schon etwas von Weihnachten sehen, hören, lesen? Wenn es von Erwin Steinhauer und Fritz Schindlecker ist: Ja! Die beiden kabarettaffinen Autoren haben ihre Satirefeder zugespitzt, um ein hinreißend zartbitter-süßsaures Büchlein über das Fest der Feste zu verfassen – „Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung“, von ihnen selbst gleich als Geschenktipp angepriesen.

Der Grund für das Verfassen dieses Werks ist ein rein humanitärer, nein, nicht Charity am Punsch- und Glühweinstand, vielmehr eine andere Art von Wohltätigkeit, nämlich sensiblen Seelen die Zeit der Erwartung angstfrei zu verkürzen. All jene, die also bedrohlich funkelnde Kometengeschwader in Vorgärten ebenso fürchten wie Rudel eigenwillig beleuchteter Rehe, finden im vorliegenden Kompendium ein probates Mittel gegen die Weihnachtsdepression, ein Buch nicht nur voll unbeschwerter Heiterkeit, sondern eines, das höchst wissenschaftlich auch weltbewegenden Fragen nachgeht wie:

Ist das Christkind ein Mäderl oder ein Buberl? Oder „Väterchen Frost“ eine Erfindung der Bolschewiki? Sind Perchtenläufer Satanisten? Und was essen Vorarlberger und Veganer am Heiligen Abend? – „Statt Beef tartare krieg ich Falafel?/Sag, hast du einen an der Waffel?“

Man merkt bereits an dieser Beschreibung, der Steinhauer-Schindlecker’sche Adventkalender besteht aus kurzen, einfühlsamen Geschichten, langen, gefühlvollen Gedichten und einem Dramolett über die Herbergssuche. Viel wurde landauf, landab recherchiert, und dann in Wir-Form wiedergegeben. Die Lyrik befasst sich mit „Süßen Genüssen“ – „Wenn Cholesterin im Blut erstarkt,/freut kichernd sich der Herzinfarkt./Willst von der Welt du dich befreien,/iss weiter Weihnachtsbäckereien“ – oder dem hochtechnisierten Geschenkewahn – „Amazon weiß, wo wir wohnen!/Sie schicken uns drei Lieferdrohnen./Die werfen jetzt gleich, weil ich Geld hab,/alles ab, was ich bestellt hab.“

Bild: pixabay.com

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Hochpolitisch geht es um „Stille Nacht“ vs „White Christmas“, Weihnachtsmann vs Christkind, und die Zeit des Fastens (hierzu Rezeptvorschläge der langjährigen Wirtschafterin des Schottenstifts zu Wien mit Echter Schildkrötensuppe, Krebsen in Wein gekocht oder Faschiertem Hecht) vs der folgenden Völlerei. Es geht um Bräuche, die es gottlob nicht mehr gibt, wie das Sauschädelstehlen, und andere vergessene Adventsrituale. So etwa das „Paradeisl“, ein Aggregat aus Äpfeln, Nüssen und Trockenfrüchten samt Kerzen, das als Vorläufer des Adventkranzes betrachtet werden darf. Von dem man wiederum erfährt, dass er erst in der Dollfuß-Zeit nach Österreich importiert wurde.

Ja, investigativ wie sie sind, schrecken Steinhauer und Schindlecker – ersterer ja „Single Bells“ und „O Palmenbaum“ geschult – auch vor tiefsten Erschütterungen des Katholischen nicht zurück: Der Adventkranz also eine Erfindung der Preußen, erst hierzulande mit den adventsliturgischen Kerzenfarben drei Mal violett und ein Mal rosa ausgestattet. Eine Wahl, die heute nur noch eingefleischte Austrianer bevorzugen …

Köstlich komisch ist die Geschichte „Ein Weihnachtsgeschenk für Alice“, in der ein Bobo-Vater vom Verkäufer in den Kauf eines Kriegsspielzeugs gequatscht wird, weil man gendergemäß-korrekt Mädchen heute keine Puppenküche mehr schenken kann. Wirklich böse ist „Wie das Adventsingen den alten Nazi katholisch gemacht hat“. Nach seinem Vortrag von „Es zittern die morschen Knochen“ herrscht helle Aufregung in der Dorfgemeinschaft: „Stell dir vor, den hätt‘ einer gehört – mit diesem NAZI-Lied! Einer von den amerikanischen Besatzungssoldaten, von diesen jüdischen Negerbuam! Hätt’s doch gleich wieder g’heißen: Sind lauter Nazis …“ Die beiden ehemaligen Ministranten schenken ordentlich ein und der Welt dabei nichts – und apropos: Trump bekommt von seiner Melania zu X-Mas endlich einen Benimmlehrer.

Bild: pixabay.com

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Bei so viel Unverfrorenheit zur kalten Jahreszeit wundert es nicht, dass es bereits – statt eines Nachwortes – erste Leserreaktionen gibt: „Ihr überwutzelten Ex-68er-Schwammerl“ (von zwei Parkplatzsuchern aus Wien-Neubau), „ihr vaterlandslosen Sachertortenfresser“ (von Petra Frauki, AfD-Wählerin) und eine Klagsandrohung vom Dachverband österreichischer Punschhüttenaufsteller-Verbände.

„Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung“ ist ein Must have unter dem Christbaum oder besser schon auf dem Nikoloteller. Gfeanzter kann man sich auf die Hohe Zeit nicht vorbereiten. Und dabei lernen: Wir müssen feste feiern, bis wir fallen. Das Motto dabei, auf gut altösterreichisch: „Gebt’s doch bitte endlich alle einen Frieden!“ Eine Lieblingsgeschichte hat die Verfasserin dieser Zeilen auch: „Willibald, der verhinderte Weihnachtskarpfen“, der aus seinem armseligen Teich auf die Festtagstafel gelangen will, aber ob Kindertränen wieder, so glaubt man, wohlbehalten im heimatlichen Nass landet. So eine Story gab’s in der eigenen Familie auch. Samt Urgroßmutter und deren Schlägel. Unser Lebendfang hieß, in der Badewanne schwimmend, bald Archibald – und gegessen hat ihn am Ende nur die Ur-Oma …

Über die Autoren:
Erwin Steinhauer, geboren 1951 in Wien, gehört zu den populärsten österreichischen Schauspielern und Kabarettisten. Zahlreiche Soloprogramme als Kabarettist, Film- und Fernsehproduktionen und verschiedene Serien („Der Sonne entgegen“, „Der Salzbaron“, die Trilogie „Brüder“ und „Single Bells“). Zu seinen bekanntesten Rollen zählt die Darstellung des Landgendarmen „Polt“ nach den Romanen von Alfred Komarek. Fritz Schindlecker, geboren 1953 in Tulln/Niederösterreich, arbeitet als freier Kabarettautor, Dramatiker und Drehbuchautor. Seit 1983 Sketches, Songs, Szenen und Mikrodramen für Lukas Resetarits, Erwin Steinhauer, Dolores Schmidinger, Kurt Weinzierl und anderen. 2016 erschien das gemeinsame Buch „Wir sind SUPER!“

Ueberreuter Sachbuch, Erwin Steinhauer & Fritz Schindlecker: „Fröhliche Weihnachterl. Eine schöne Bescherung“, Kurzgeschichten und Gedichte, 176 Seiten

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.erwinsteinhauer.at

  1. 11. 2017

 

Colson Whitehead: Underground Railroad

November 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Opfer des amerikanischen Imperativ

Die Underground Railroad gab es tatsächlich. Sie war ein Netzwerk aus Gegnern der Sklaverei, Schwarzen wie Weißen, das Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden und ins sichere Kanada half. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimer Kommunikation gelang es, zwischen 1780 und 1862 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Das Netzwerk erhielt seinen Namen, weil man sich seit den 1850er-Jahren Metaphern aus der Welt der Eisenbahn bediente, um verschlüsselte Botschaften zu übermitteln.

So war ein conductor ein Fluchthelfer, station hieß eine Unterkunft für Flüchtlinge auf dem Weg, die Flüchtenden wurden als passengers bezeichnet. Diese historische Tatsache macht sich US-Autor Colson Whitehead für seinen Pulitzerpreis-gekrönten Roman „Underground Railroad“ zunutze. Gekonnt mischt er Fakt und Fiktion, Realismus und Fantastik und erfindet eine veritable unterirdische Eisenbahn, mit der die Sklavin Cora in die Freiheit zu gelangen hofft. Cora ist nicht nur ein geknechtetes, geschlagenes Menschenwesen, sondern auch eine allegorische Figur. Wie sie sich selbst nennt, „eine Passagierin in der Welt der Weißen“.

An ihrem Beispiel schildert Whitehead alle Schreckensszenarien, die einem Sklaven begegnen konnten. Ihm sei, sagte er dazu in einem Interview, die Wahrheit wichtiger als die Tatsachen. Sein Buch ist ein Aufschrei, ein Schlachtruf. Black lives matter! Wenn er seinen Sklavenfänger Arnold Ridgeway über den „amerikanischen Imperativ“, „der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten“, schwadronieren lässt, fällt auf, wie wenig sich unter Amerikas Rechts-Denkern verändert hat. The Home of the Brave ist nur wenigen ein Land of the Free.

Zwischen derlei aktuellen Erkenntnisstand streut Whitehead Sklavenanzeigen: Seinem Besitzer entlaufen … Belohnung auf den Kopf ausgesetzt … Achtung: ist auf durchtriebene Weise aufgeweckt … wird sich als Freigelassene ausgeben … Und natürlich die Geschichte von Coras Rebellion und späterer Odyssee durch die USA. Cora ist Sklavin auf der Plantage des tyrannischen Terrance Randall, und als sie sich gegen ihren Herrn auflehnt – sie schützt ein Kind vor dessen Stockhieben -, wird beiden eine nur noch schlimmere Züchtigung zuteil.

Bild: pixabay.com

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Der Sklave Caesar spricht sie an, ein gebildeter Mann, der nach dem Tod seiner Herrin eigentlich freigelassen werden sollte, aber von den Erben weiterverkauft wurde. Seine Idee: Flucht. Mit der Underground Railroad. Er hat mit einem weißen Abolitionisten im Dorf dazu Kontakte geknüpft. „Mr. Fletcher verabscheute Sklaverei als Affront gegen Gott.“ Cora zögert erst, willigt dann ein. Randall verständigt Ridgeway, und der wird Cora im Weiteren immer dort auflauern, wo sie gerade glaubt, zur Ruhe gekommen zu sein. „An jedem öffentlichen Ort waren Bekanntmachungen angeschlagen. Schurken der übelsten Sorte beteiligten sich an der Jagd. Säufer, Unverbesserliche, arme Weiße, die nicht einmal Schuhe besaßen, ergriffen begeistert diese Gelegenheit, die farbige Bevölkerung zu drangsalieren.“

Was folgt ist eine Flucht durch fünf Bundesstaaten, getrennt durch die Biografien einzelner Protagonisten. Whitehead hat akribisch recherchiert, die von ihm beschriebenen Schicksale sind angelehnt an solche aus dem Federal Writers‘ Project von Franklin D. Roosevelt, das in den 1930er-Jahren die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte, die Steckbriefe Entlaufener stammen aus den Sammlungen der University of North Carolina. Cora hinterlässt eine Blutspur, die meisten ihrer Helfer werden getötet, die Schwarzen zu Tode geprügelt, die Weißen gelyncht. All das ist nur auszuhalten, weil Whitehead die Erzählung abbricht, knapp bevor die Grausamkeiten unerträglich werden. Er bleibt ein diskreter Beobachter seiner Heldin, schildert reportagehaft und aus einer gewissen Distanz, so dass überbordende Emotionen, die Cora sich aus Überlebenstrieb verbietet, auch beim Lesen kaum aufkommen.

Nur im Fall der Bestrafung von Big Anthony tobt er sich einmal aus. Da können weiße Gäste das langsame Sterben des Delinquenten bequem von der Veranda des Herrenhauses aus verfolgen. „Randalls Besucher schlürften gewürzten Rum, während Big Anthony mit Öl übergossen und geröstet wurde.“ Seine Schreie bleiben den Zuschauern erspart, denn die Henker hatten dem Opfer „sein Geschlecht abgeschnitten, es ihm in den Mund gestopft und diesen zugenäht.“ Obszön? Ja, die Wahrheit von derart Geschichten. Whiteheads Buch ist auch eine Analyse, warum der Norden und der Süden der USA bis heute nicht wirklich zueinander finden. Siehe der Streit in Charlottesville um ein Robert-E.-Lee-Denkmal, in den sich sogar Donald Trump (auf Seiten der Befürworter) involvierte.

„Die Strecke der Underground Railroad verläuft in Richtung des Bizarren.“ In South Carolina muss Cora nicht nur im Museum arbeiten, mit anderen Schwarzen als Tableaux vivants Sklavenszenen nachstellen, sondern auch erfahren, dass man hier ein Programm zur Sterilisation von Männern und Frauen betreibt, „Geburtenkontrolle“, um die „Dschungeltriebe“ unter Kontrolle zu bekommen (dass er dabei ans Dritte Reich und dessen „Programme“ dachte, hält Whitehead – siehe Interviews – für einen legitimen Querverweis). In North Carolina, zu diesem Zeitpunkt der Historie eine eigenständige Nation, die „die absurde Vorstellung vom Aufstieg des Niggers“, die sich die „Brüder jenseits der Staatsgrenze“ zu eigen gemacht haben, nicht teilt, finden nach Minstrel Shows systematische Exekutionen statt.

Bild: pixabay.com

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Man will die Schwarzen auf dem Territorium vollständig ausmerzen. Die neuen Arbeitssklaven stehen schon parat: arme irische Einwanderer. (Ein „Experiment“, dass es im Ansatz gab, das aber scheiterte, weswegen man wieder auf Schwarze „zurückgriff“). In Tennessee hält man Schwarze für „Nachkommen des verfluchten schwarzen Ham, der sich an einen Berg in Afrika geklammert und so die Sintflut überlebt hatte“. In Indiana macht der Mob die progressive Valentine-Farm – auch sie eine Utopie des Autors – dem Erdboden gleich.

Und wieder ist Ridgeway wie ein Wiedergänger mit dabei. Es kommt zu einem letzten Kampf zwischen Cora und ihm … Das nimmt kein gutes Ende. Oder doch? Ihre Flucht in die Freiheit steht jedenfalls erst am Anfang. Das große Netz an Kämpfern für die Freiheit ist bereit. Denn die eines anderen zu gewährleisten, schützt immer auch die eigene. „Cora stemmte sich gegen den Hebel der Draisine. Er rührte sich nicht, auch als sie ihr ganzes Gewicht hineinlegte. Zu ihren Füßen auf der hölzernen Plattform war eine kleine Metallschließe. Sie löste sie, der Hebel quietschte. Sie drückte erneut dagegen, und die Draisine kroch vorwärts …“

Über den Autor:
Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper’s und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award und den Young Lion’s Fiction Award und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher „John Henry Days“, „Der Koloß von New York“, „Apex“, „Der letzte Sommer auf Long Island“ und „Zone One“. Der Autor lebt in Brooklyn.

Hanser Literaturverlage, Colson Whitehead: „Underground Railroad“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

www.hanser-literaturverlage.de

www.colsonwhitehead.com

  1. 11. 2017

Jonathan Coe: Nummer 11

Oktober 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Politsatire über Netzwerker und Fädenspinner

Nummer 11, das ist in Großbritannien natürlich zu allererst Downing Street. Aber auch eine Buslinie, die rund um Birmingham fährt, zweieinhalb Stunden eine Tour, und in der sich die aufwärmen, die dank der Sparpolitik der Regierung arbeitslos sind und ihre Wohnungen nicht mehr beheizen können. Elf sind auch die Stockwerke, die Lord und Lady Gunn in ihrer Londoner Residenz in die Tiefe bauen, der neueste Trend in Nobelvierteln wie Chelsea, wo Grundstücke rar sind, und Repräsentanz ergo nur noch unterirdisch Erweiterung finden kann.

Aus diesen Tiefen, der in die Erde geschlagenen Kluft, wird ein Ungeheuer emporsteigen, eine Riesenspinne, aufgeschreckt durch den Baulärm, und sie und ihre Brut werden London in Schutt und Asche legen. Das ist die Art, wie Autor Jonathan Coe zur Lage der Nation im Vereinigten Königreich Stellung nimmt. Er hetzt dem New Liberalism in seiner Heimat, stellvertretend für den Rest der EU-Welt, ein übernatürliches Wesen an den Hals. „Nummer 11“ heißt Coes neuestes Buch, und ja, es ist sein elftes, eine bitterböse Politsatire über Netzwerker und Fädenspinner.

Coe stellt in seinem Roman ein „Erste-Welt“-Land in all seinen sozialen Facetten dar, luzide beschreibt er den Abgrund, die Kluft, die sich zwischen Arm und Reich mehr und mehr auftut. Er entlarvt die Politikerlüge, der zufolge „wir alle gemeinsam da durch müssen“, „gemeinsam an einem Strang ziehen müssen“, gemeinsam … zu „Zeiten, die wieder schlechter werden“, aber für manche nie besser waren. Coe zeigt auf, wie die Leben derer, die durch die Maschen der Sozialleistungen fallen, zunehmend von einer Oberschicht kontrolliert werden. Und er tut das mit mehr Humor, als man im Thema erwarten würde, obwohl sein Buch eine melancholische Baseline hat.

Alles beginnt mit einer verrückten Vogelfrau, einem chinesischen Gastarbeiter-Gespenst und einer Teenage-Horrorstory mit scheußlichen Spielkarten – und schon ist man mitten drin im Geschehen des brillanten Kritikers und seinem Abarbeiten an der herrschenden Klasse. Zu der seine beiden Protagonistinnen definitiv nicht gehören: Die Freundinnen Rachel und Alison werden über ein Jahrzehnt eine Tour de Farce durch das finstere Herz Englands machen, werden sich aus den Augen verlieren und wiederfinden, werden ihre Geschichten erzählen. Hilflos, mitgerissen von Strömen, die sie weder verstehen noch steuern können, finden sich die beiden in einer Nation wieder, die zwar von der Realität enttäuscht, aber von Reality-Shows umso faszinierter ist.

Bild: pixabay.com

Rund um sie hat Coe ein Kaleidoskop von Frauenfiguren erschaffen, er schildert den Status Quo Großbritanniens aus weiblicher Sicht, er entwirft Schlaglichter einer irren Gesellschaft von Landbewohnerinnen bis Großstädterinnen, einer Hierarchie von adeligen Müßiggängerinnen und solchen, die an der kommunalen Essensausgabe Schlange stehen. Und mittendrin eine Familie mit uralten Wurzeln, deren Matriarchin nicht für das Land, sondern das Land für sich arbeiten lässt … Manche Figuren werden es bis zum Ende schaffen, manche einfach zwischen den Buchseiten verschwinden.

Zu Alison gehört ihre Mutter Val. Val ist ein ehemaliges One-Hit-Wonder, das den Traum vom Musikstar nicht begraben kann. Als sie eine Einladung ins TV-Dschungelcamp erhält, ist ihr nicht klar, dass sie dort als D-Promi nur Demütigungen und Erniedrigungen ausgesetzt werden soll. „Die Aufgaben bestanden meistens darin, an einem Ort mit einer größeren Anzahl von Insekten, Schlangen oder anderen Dschungeltieren eingesperrt zu werden, die unter dem Abenteuer wahrscheinlich genauso litten wie die menschlichen Teilnehmer.“ Val wird nach diesem Auftritt nicht mehr dieselbe sein, was ihre Tochter in ein Leben als Sozialhilfeempfängerin treibt.

Alison ist dunkelhäutig, hat wegen einer Kinderkrankheit ein Bein verloren, und versucht sich als Künstlerin: Sie malt Obdachlose in Königsposen. Sie ist lebisch und ihre Geliebte Selena als Kellnerin bei einem High-Society-Event. Wo sie die Verlegertochter Josephine Winshaw-Eaves kennenlernt. Für die erfolglose Journalistin ist die Schlagzeile „Schwarze, behinderte, lesbische Sozialhilfeempfängern ergaunert Sozialhilfe“ ein gefundenes Fressen. Und, apropos: Josephine verschwindet als eine der ersten auf mysteriöse Weise. Ebenso wie ihre Tante, Clanchefin Helke, Witwe eines Waffenhändlers (den Winshaws hat Coe schon einmal einen ganzen Roman gewidmet, den etliche Figuren als Sachbuch in „Nummer 11“ lesen werden), die nun mit der Entsorgung seines Schrotts immenses Geld macht. Werden Entminungsaufträge vergeben, bootet sie die NGOs aus, nur um dann erpresserisch nichts zu tun.

„Ihr zufolge wurde Großbritannien von einer aus Schnorrern bestehenden Unterschicht ruiniert, die einer leistungsfeindlichen Kultur frönten.“ Ihrer Nichte empfiehlt sie punkto Artikel über Alison „Zieh deiner kleinen Nichtstuerin einen Nihab an und schon haben … die Leser … etwas, was ihnen Angst macht.“ Auf der Charityparty kommt es daraufhin zum Mordversuch an den Winshaws durch einen Comedian, der das alles nicht mehr lustig finden mag. Allein die beiden ermittelnden Beamten sind das Lesen dieses Buches wert.

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Rachel geht derweil nach Oxford, wo sie sich an die Professorin Laura anschließt, die ein Buch über „Kommerzialisierungswunder“ schreibt. Laura gehört zu einer Generation, die unter Tony Blair ihre politische Unschuld verloren hat (gerechterweise sei gesagt: in einem früheren Buch rechnet Coe mit dem Thatcherismus ab), sie wird sich der Kommerzialisierung schließlich völlig ergeben und einem Institut beitreten, das beispielsweise den Nennwert des Monsters von Loch Ness errechnet. Der Institutsvorstand wird sich im Laufe der Handlung in Luft auflösen.

Immer wieder zieht Coe das Private ins Politische. Rachel, nach abgeschlossenem Studium so arbeitslos wie Alison, verdingt sich als Kindermädchen bei Lord und Lady Gunn. Zweitere ist, wie hellsichtig, ein ehemaliges Osteuropamodel namens Madiana, beide so gut wie nie anwesend. Zum Haushalt, eben jener, der gerade um elf Stockwerke nach unten erweitert wird, gehören Köchin, Chauffeur und der sogenannte Vermögensmanager Freddie, der, bevor er Rachel zu vergewaltigen versucht, über ihre „Klasse“ befindet: „Gib ihnen ausreichend Fertiggerichte und lass sie am Abend vor dem Fernseher sitzen …, und sie stehen nicht mal von ihrem Sofa auf.“ Revolution, sagt er, finde so nie statt. Auch Freddie findet sein Ende.

Als Rachel Val das nächste Mal sieht, ist es bei der Essenstafel, bei der Rachel ehrenamtlich hilft, Alison besucht sie im Gefängnis. Coe spitzt den Gegensatz zwischen der harten Lebensrealität derer, die Sozialleistungen ergattern müssen, um zu überleben, und dem finanziellen Überfluss von Steuertricksern und Finanzamtbetrügern wie den Gunns zu. In seinem Roman gibt es die, die sich lebensrettende medizinische Maßnahmen leisten können, Menschen, die sich’s richten können, und solche, für die’s nichts mehr gibt. Die Unterhöhlung Großbritanniens hat längst begonnen. Von oben nach unten. Livia, die Hundeausführerin aus Bukarest, die auch den Gunn-Retriever betreut, macht Rachel darauf aufmerksam. Auf die „Häuser mit den Phantomleben“.

Einer dieser Charaktere wird sich zum Schluss als die Spinne entpuppen. Ihr ersten und letzten Worte: „Ich bin nicht wütend. Ich bin die Wut selbst. Ich bin nicht gnädig, ich bin nicht gerecht. Ich bin unbezähmbar. Ich greife an, wen und was ich will.“ Welch ein Buch, eine Art Manifest, jedenfalls aber ein Stimmungsbericht. In einem Interview wetterte Jonathan Coe kürzlich über den Brexit, der ihn überrollt hat und wie sehr es ihn ärgert, dass er im Buch nicht zu finden ist. Man darf sich mit dieser Aussicht schon auf sein nächstes freuen.

Über den Autor:
Jonathan Coe wurde 1961 in Birmingham geboren, studierte in Cambridge und Warwick, lebt in London. Er zählt zu den wichtigsten und witzigsten lebenden zeitgenössischen britischen Autoren. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt: unter anderem „Die Familie Winshaw“, „Das Haus des Schlafes“, „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter Prix Médicis, Ordre des Arts et des Lettres.

Folio Verlag, Jonathan Coe: „Nummer 11“, Roman, 358 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Karin Fleischanderl

www.folioverlag.com

  1. 10. 2017

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Oktober 9, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Unheimliche im eigenen Heim

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

„Das Baby ist tot“. Mit einem stärkeren, erschreckenderen, abscheulicheren Satz kann ein Buch wohl kaum beginnen. Leïla Slimani verwendet ihn für ihren jüngsten Roman „Dann schlaf auch du“. In Frankreich bereits mit dem Prix Goncourt und dem Publikumspreis Grand Prix des Lectrices de Elle ausgezeichnet, ist Slimanis Arbeit für die deutschsprachige Leserschaft die Sensation dieses Herbstes. Durchaus auch ein Aufreger. Die junge Autorin berichtet ohne Sentiment, in einem kühlen, lakonischen, reportagehaften Tonfall über eine grauenhafte Familientragödie. Den Stil muss man aushalten, jeder Satz wie mit der Rasierklinge geschrieben, in die Seiten gekratzt von einer Betrachterin, die sich nie involviert, die ihre Figuren vom Spielfeldrand aus beobachtet.

Der in diesem Fall quasi ein Spielplatz ist. Das Ehepaar Myriam und Paul nämlich sucht für die Kinder Mila und Adam ein Kindermädchen. Wie Mary Poppins landet punktgenau Louise. Eine Perle, diese Nounou. Nicht nur, dass sie Kleinen mit ihrem Mutterwitz gleich im Griff hat, sie macht Myriams und Pauls Zuhause zu einem kuscheligen Heim. Sie kommt gern früher, bleibt gern länger, putzt, kocht vor, macht die Hausfrau.

Sie nistet sich ein, macht sich das fremde Leben zu eigen, und niemand merkt es. Die Eltern – schwerbeschäftigt, zwei Workaholics, er Musikproduzent, sie Staranwältin, die sich den Nachwuchs angeschafft haben, wie ein Accessoire, das zu einem gewissen Lifestyle einfach dazugehört. Lass‘ uns Familie spielen, ist das nicht chic? Nein, sympathisch sind einem die beiden nicht. Nicht einmal die Kinder sind es. Baby Adam vielleicht noch, aber die ältere Mila ist eine anstrengende, raunzige Nervensäge. Am ehesten fühlt man mit Louise. Von der man von Anfang an weiß, dass sie zur Mörderin werden wird. Dieses Mitgefühl, das ist das Irre an diesem Buch. Dann der erste Gruselsatz: „Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“ Sukzessive, so langsam wie eine Depressionen heranschleicht, deckt Slimani auf, wer diese Frau ist. Entfaltet ihre Fallstudie.

Wie zwischen den Zeilen erfährt man vom Unheimlichen, blitzt Louises Biografie in Momentaufnahmen durch – und keiner dieser Momente ist schön. Tod des Mannes, der einen nicht zu bewältigenden Schuldenberg hinterließ, Verlust des Hauses, Verlust der Tochter, die die Mutter nicht länger ertrug. Prügel von der Kindheit bis zur Ehe. An einer Stelle steht das Wort Psychiatrie. Affektive Störung. „Ihr Herz ist hart geworden. Die Jahre haben es mit einer dicken, kalten Kruste überzogen, und sie hört es kaum noch schlagen. Nichts vermag sie mehr zu berühren.“ Louises Wohnsituation wird beschrieben. Erbärmlich im Vergleich zum Appartement im 10. Arrondissement, wo Louise bald auch die Badewanne in Besitz nimmt. Herrlich, und erst die schönen Handtücher.

Myriam und Paul wollen lange nicht sehen, was ihre Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Doch es spitzt sich zu, die Konflikte mehren sich. Die Spannung wird von Tag zu Tag greifbarer, aufgeputscht auch durch die Diskrepanz zwischen einem selbst als wissendem Leser und den arglosen Eltern. An seinen besten Stellen ist das Buch eiskalter Suspense.

Bild: pixabay.com

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Louise übernimmt das Kommando, und duldet bald keinen Widerspruch mehr. Sie sieht nicht ein, warum man ein verlegtes Jäckchen von Mila nicht einmal ansatzweise sucht, sondern Myriam sofort ein neues kauft. Sie hat kein Verständnis für Myriams Lebensmittelverschwendung, bereitet ein bereits weggeworfenes Hühnchen als Abendessen zu und drapiert das Gerippe als Mahnung auf dem Esstisch: „Myriam nähert sich dem Tier, das sie nicht zu berühren wagt. Das kann kein Irrtum, kein Versehen Louises sein. Noch weniger ein Scherz. Nein, das Gerippe riecht nach Spülmittel mit Mandelduft.“

Der Umgang miteinander wird gezwungener. Myriam und Paul, ganz liberale Bobos, wollen nicht in Arbeitgeber-Attitüde verfallen. Ihre Gedanken kreisen zunehmend um Louise. Stößt man sie vor den Kopf, lässt man sie spüren, dass sie nur Personal für Besserverdienende ist? Man betrachtet Louise nun mit einer Mischung aus Abscheu, Mitleid und Ärger über die Abhängigkeit, in die man sich ihr gegenüber gebracht hat. Doch man nimmt die Nounou mit in den Griechenlandurlaub, teil aus schlechtem Gewissen, teils aus dem Eigennutz, abends kinderfrei zu haben. „Dann schlaf auch du“ ist ein Buch über Geben und Nehmen. Die Arbeit und die Existenz. Existenz hier auch als Synonym für Leben.

In Frankreich wurde diese politische Brisanz des Buches diskutiert. Denn Slimani hat provokant klug die Verhältnisse umgekehrt, die Klischees zur Kenntlichkeit entstellt. Bei ihr ist die erfolgreiche Myriam ein Mensch mit „Migrationshintergund“. Sie hat wie die Autorin nordafrikanische Wurzeln. Die Ur-Französin ist aus dem Kleinbürgertum ins Prekariat abgerutscht. Im Park ist sie die einzige Weiße unter „farbigen“ Kindermädchen, die reichen Pariserinnen nutzen den Spielplatz als Arbeitsmarkt: „Jeder weiß, dass bestimmte Mütter, die cleversten und gewissenhaftesten, hierher ,auf den Markt‘ kommen, so wie man früher zu den Docks oder in eine Seitenstraße ging, um ein Dienstmädchen oder einen Lagerhalter zu finden.“ Derlei Textstellen waren dem einen oder anderen Rezensenten durchaus eine Bemerkung über die Wohlstandsverlierer der Grande Nation, über den Umgang mit Migranten und einer gegenüber beiden hilflosen Politik wert …

Bild: pixabay.com

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Louise interpretiert die Feriensituation freilich als Aufnahme als Familienmitglied. Eine fixe Idee nistet sich in ihr ein: Myriam muss ein drittes Kind bekommen, damit Louise endgültig unentbehrlich ist. Atemberaubend, was sie alles unternimmt, um ihren Plan in die Tat umgesetzt zu sehen. Doch Myriam und Paul sind viel zu müde für Sex, und in Louises in „delirierender Melancholie“ versunkenem Kopf legt sich endgültig der Schalter um. Leïla Slimani lässt dem Leser keinen Ausweg, sie unterbindet alle Fluchtversuche vor diesem grausigen Wiegenlied. Sie bietet keine Erklärung, keine Er/Lösung. Unausweichlich geht es dem bekannten Ende zu. Ein Sushimesser ist zur Hand. Mila wird im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen, Louises Selbstmordversuch befördert sie fürs Erste ins Koma. „Das Geschrei der Kleinen geht ihr auf die Nerven, sie würde auch gern schreien. Das aufreibende Piepsen der Kinder, ihre schrillen Stimmen, ihr ewiges ,Warum?‘, ihre egoistischen Bedürfnisse spalten ihr den Schädel … ,Ich werde dafür bestraft werden‘, hört sie sich denken. ,Ich werde dafür bestraft werden, dass ich nicht mehr lieben kann.“

Über die Autorin:
Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gilt als die aufregendste literarische Stimme Frankreichs. Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und wuchs in Marokko auf. Nach dem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po arbeitete sie als Journalistin für die Zeitschrift „Jeune Afrique“. „Dann schlaf auch du“ wurde mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und erscheint in 32 Ländern. Ihr ebenfalls preisgekröntes literarisches Debüt „Dans le jardin de l’ogre“ wird derzeit verfilmt. Leïla Slimani ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie lebt in Paris.

Luchterhand Literaturverlag, Leïla Slimani: „Dann schlaf auch du“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma

www.randomhouse.de

  1. 10. 2017

Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank

Oktober 6, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus „Kitty“ wird ein Graphic Diary

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Marc Chagall schon illustrierte eine limitierte Ausgabe ihres Tagebuchs. Zeitnäher, nämlich 1995, brachte das japanische Madhouse Animation-Studio einen Zeichentrickfilm heraus; von Ernie Colón und Sid Jacobson erschien 2010 eine Comic-Fassung. Es ist nicht so, dass es zu Anne Franks weltberühmten Aufzeichnungen, in 70 Sprachen übersetzt und mehr als 30 Millionen Mal verkauft, keine Bilder gibt.

Nun also versuchen sich Ari Folman und David Polonsky am Stoff. Eindrucksvoll haben die beiden 2008 bewiesen, wie man eine schwierige Materie in Zeichnungen umsetzen, erklären und an ein großes Publikum bringen kann. „Waltz with Bashir“ heißt ihr Oscar-nominierter animierter Dokumentarfilm (www.waltz-with-bashir.de), dem ein Buch folgte, und in dem Folmans traumatischer Einsatz als israelischer Soldat im Ersten Libanonkrieg 1982 thematisiert wird.

Dem „Tagebuch der Anne Frank“ nähern sich der Texter und der Illustrator sozusagen auf Zehenspitzen. Behutsam haben sie sich in die Vorstellungswelt der 13-Jährigen vorgetastet; in einem Nachwort erklärt Folman, wie die Umsetzung der Einträge als Graphic Diary überhaupt möglich war. „Ich hatte große Bedenken“ schreibt er über sein Unterfangen, aus Annes Texten für sein Ansinnen passende auszuwählen und diese auch noch zu verdichten, damit ein lesbarer Buchumfang entstehen konnte. Bei gleichzeitigem selbstauferlegtem Arbeitsauftrag, dem Werk so treu wie möglich zu bleiben. Die Übung ist, lässt sich sagen, gelungen.

Folman und Polonsky lassen keinen Punkt aus, der Anne berührt hat. Und das sind neben der Angst und dem Hunger durchaus die üblichen Teenagersorgen: der Konkurrenzkampf mit Schwester Margot, der Liebeskummer wegen Peter van Daan, ihre Zimmerschlacht mit Zahnarzt Albert Dussel, der Ärger des Trotzkopfs über Zurechtweisung ob ihres als aufsässig empfundenen Benehmens. Menschen in einer extremen Ausnahmesituation werden den Ansprüchen eines Backfischs natürlich nicht gerecht …

Anne erlaubt Anne keine lästerliche Bemerkung über ihre Liebe zu Peter. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

In einem Tagalbtraum sieht sie ihre Schwester Margot im Viehwaggon. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Anne philosophiert über das intime Aussehen von Männern und Frauen, und über Frauenrechte. Annes Phasen der Depression und der Verzweiflung sind in Fantasieszenen festgehalten. Eine der eindrücklichsten zeigt Anne als Munchs „Der Schrei“ und als Klimts „Goldene Adele“ – als Beispiel, wie sie sich fühlt und wie sie viel lieber sein möchte. An anderer Stelle marschieren schwarz-graue Nazi-Kohorten, färben sich schaurige Seiten-Tableaus blutrot – oder sieht Anne ihre Schwester in einem Tagalbtraum unterwegs im Viehwaggon.

Den kühnsten Kniff wagt Folman, wenn er Tagebucheintragungen zu fiktionalen Dialogen dramatisiert. „Lass mich doch einfach in Ruhe – ich bin ja sowieso ein hoffnungsloser Fall“, schreit Anne ihre Mutter an. Die erwidert: „Nicht in diesem Ton, Fräulein!“ Und als die van Daans einen Ehestreit haben, bemerkt Vater Frank trocken: „Hol mal schnell einer den Verbandskasten!“

So mancher dergestalt entstandene verbale Schlagabtausch bringt Heiterkeit ins Buch, während besonders prägnante Einträge ungekürzt übernommen sind. „Ach“, schreibt Anne, „ich werde ja so vernünftig! Alles muss hier mit Vernunft geschehen, lernen, zuhören, Mund halten, helfen, lieb sein, nachgeben, und was weiß ich noch alles! Ich habe Angst, dass ich meinen Vorrat an Vernunft, der ohnedies nicht besonders groß ist, viel zu schnell verbrauche und für die Nachkriegszeit nichts mehr übrig behalte.“ Und später: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Welt für uns je wieder normal wird.“

Nicht nur mit Worten, auch über die Bilder arbeiten Folman und Polonsky Anne Franks scharfsinnige Analyse ihres Ist-Zustands, ihr hohes Maß an Selbstreflexion und Mitgefühl, ihren Galgenhumor und ihren manchmal neunmalklugen Sarkasmus heraus.

„Ich fand es unfassbar“, schreibt Folman im Nachwort, „dass eine Dreizehnjährige imstande gewesen war, einen so reifen, poetischen, lyrischen Blick auf die Welt um sie herum zu werfen …“ David Polonskys Zeichnungen sind klar, manchmal kleinteilig, manchmal erstrecken sie sich über eine ganze Doppelseite. Es ist eine in Sepiatönen gehaltene Umgebung, die er erschaffen hat, Farben,  selbst Schattierungen verwendet er nur sparsam. Graphische Erzählstrategien verfolgt er gar nicht, Polonsky ist im besten Sinne ein Illustrator des Textes.

„Kitty“ nennt Anne Frank ihr Tagebuch. Sie bekommt es am 12. Juni 1942 zum Geburtstag geschenkt. Da ist die Familie schon aus Frankfurt nach Amsterdam geflohen. Das in rotweißen Stoff gebundene Notizheftlein mit dem kleinen Schloss an der Vorderseite wird Ersatz für die Freundin, die sie nicht finden, wird zu „jemand“, dem sie sich rückhaltlos anvertrauen kann. Noch am Geburtstag beginnt sie in niederländischer Sprache ihre Eintragungen. Das Graphic Diary endet mit Annes letztem am 1. August 1944, drei Tage vor ihrer Verhaftung. „Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird“, schreibt sie. „Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird …“

Anne Frank starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus, ihr Todesdatum muss zwischen Ende Februar und Anfang März liegen. Am 12. April wurde das Lager von britischen Truppen befreit. Von den acht Untergetauchten im Hinterhaus an der Prinsengracht überlebte nur Otto Frank den Holocaust.

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Über die Autoren:
Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, 1942 außerdem Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung in Kraft traten, versteckte sich die Familie Frank in einem Hinterhaus an der Prinsengracht. Die Familie und ihre Mitbewohner wurden im August 1944 verraten und nach Auschwitz verschleppt. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben infolge von Entkräftung und Typhus im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr genauer Todestag ist nicht bekannt.

Ari Folman ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er wurde 1962 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Haifa geboren. Als israelischer Soldat erlebte er 1982 den Ersten Libanonkrieg mit. Über die teils autobiographischen Erlebnisse drehte er 2008 den animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, den Europäischen Filmpreis und den César erhielt.

David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist ein preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner. Weltbekannt wurde er durch seine Zeichnungen für den Animationsfilm „Waltz with Bashir“ und die gleichnamige Graphic Novel. Er unterrichtet an Israels angesehener Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.

S. Fischer Verlage, Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“, Graphic Diary, 160 Seiten. Übersetzt aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler und aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

www.fischerverlage.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wpcM0b7WDTk&feature=youtu.be

  1. 10. 2017