Wendy Holden: Teatime mit Lilibet

November 20, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die True Story der Gouvernante von Queen Elizabeth II.

Ein Prolog und ein Epilog bilden die Klammer zu Wendy Holdens dieser Tage erschienenem historischem Roman „Teatime mit Lilibet“. Es ist Juli 1987, eine alte Frau steht in ihrem Wohnzimmer in Aberdeen am Fenster, ihr Haus liegt direkt an der Route, die die königliche Familie Richtung Balmoral Castle nimmt, auf den Tischen hinter der Frau stapeln sich Gurkensandwiches und Marmelade-Pennys – und Fotos zweier Mädchen, mal lächelnd im Kilt, mal äußerst ernst mit Krönchen.

Die Frau am Fenster ist die beinah 80-jährige Marion Crawford, 16 Jahre lang war sie die Gouvernante der Prinzessinnen Elizabeth und Margaret, und nein, niemals werden die Queen und ihr Gefolge auf dem Weg in die Sommerfrische bei ihr einkehren …

Wendy Holden erzählt nun, als wär’s das Prequel zur gerade auf Netflix laufenden Serie „The Crown, Season 4“, die True Story von „The Governess“, wie der englische Originaltitel lautet. In einem Antiquariat sei ihr, so die Autorin im Nachwort, deren Autobiografie „The Little Princesses“ vom Regal buchstäblich in die Hände gefallen. Jenes Werk, das der Anfang vom Ende war.

Crawford veröffentlichte es 1950, bereits in Pension und vom Königshaus mit dem Nottingham Cottage auf dem Gelände des Kensington Palastes und einem Wagen mit Chauffeur ausgestattet, wohl unter dem Einfluss ihres nunmehrigen Ehemanns George Buthlay. Als die Königin/demnächst Queen Mum von diesem Ansinnen hörte, schrieb sie Crawford in einem Brief:

„I do feel, most definitely, that you should not write and sign articles about the children, as people in positions of confidence with us must be utterly oyster. If you, the moment you finished teaching Margaret, started writing about her and Lilibet, well, we should never feel confidence in anyone again.“ Und wo wurde Crawfie, wie die Kinder sie nannten, vom Hof geächtet.

Doch bevor es so weit ist, liegen vorm Leser, der Leserin mehr als 500 Seiten Royal History aus einer bis dato kaum bekannten Perspektive. Marion Crawford wird eingeführt als Pädagogik-Schülerin am Moray House Teacher Training College in Edinburgh, eine feministische, sozialistisch eingestellte, 23-jährige, sturschädelige Schottin, deren Fanal für die Gleichberechtigung ein Eton-Crop-Kurzhaarschnitt ist. An ihren freien Samstagen unterrichtet sie die Kinder in den Brennpunktvierteln der Stadt.

Bis ihr Rektorin Isabel Golspie einen Ferialjob bei Lady Rose Leveson-Gower überantwortet, der Schwester der Herzogin von York, um den Bildungstand von deren Tochter Lady Mary aufzupolieren. Marion nimmt an. Wegen des dringend benötigten Salärs. Und weil ihr Miss Golspie einbläut, wer die Gesellschaft ändern wolle, müsse die Upper Class über die Existenz der Elenden unterrichten: „Genau das ist der Grund, weshalb Sie die Vermögenden etwas lehren sollten. Wer sonst soll ihnen sagen, wie arme Menschen leben?“

In Lady Roses Rosyth sieht sich Crawford alsbald Schwager Bertie und Schwester Elizabeth gegenüber, die die unkonventionelle Erzieherin unbedingt abwerben wollen, und schon sieht sich diese, die in Edinburgh ihren geliebten, kommunistischen Studenten Valentine und den sie liebenden, braven Studenten Peter zurücklässt, „Maid Marion“ ist kein Kind von Traurigkeit und wird doch im Dienste der Krone unverheiratet bleiben müssen, von den Slums um Grassmarket nach 145 Piccadilly versetzt.

Erste Szene: Eine Kissenschlacht im herzoglichen Schlafgemach, Eltern gegen Töchter, „,Fleh um Gnade!‘, forderte Elizabeth ihren Vater auf. ,N-n-niemals!‘, keuchte er, bevor er einen Hustenanfall bekam“, während sich draußen die sogenannten Hungermärsche formieren. Es ist 1932, das Land hat drei Millionen Arbeitslose, und die fordern die Abschaffung jener Bedürftigkeitsprüfung, nach der bei der Errechnung des Arbeitslosengeldes alle Ersparnisse sowie Hab und Gut der gesamten Familie einkalkuliert werden. Hinter den königlichen Mauern ist das Realitätsbewusstsein: Null. Nur die Schrullen-Skala reicht ins schier Unendliche.

Geschickt verwebt Holden ihren anekdotenhaften Schreibstil mit der britischen wie der Weltgeschichte. Das ganze Pomp and Circumstance erscheint Crawford wie eine Theaterinszenierung, und Holden setzt die dröhnende Stimme von George V. in Versalien, Königin Mary mit den von Haarklammern gehaltenen Stirnlöckchen und ihrem Festhalten an der viktorianischen Garderobe, die so lautlos und gleichzeitig lärmend wie ein Trompetenstoß auf der Bildfläche zu erscheinen vermag – „ein Coup de théâtre“, der Sohn des Königs als passionierter Hobbygärtner, der „in Gummistiefeln herumstolziert wie eine moderne männliche Marie-Antoinette“.

Der dauergelangweilte Prinz of Wales mit seinem verächtlichen Schnauben „Manche Männer sind an ihre Schreibtische gekettet! Ich bin an den Banketttisch gekettet!“, die erzkonservative Kinderfrau Mrs Knight, die Feindin, die Schurkin, in der Marion bestürzt ein altjungferliches Alter Ego erkennt, die Herzogin, hinter deren Dauerlächeln und süßlicher Stimme sich ein eiserner Wille verbirgt – Hitler nennt sie später „die gefährlichste Frau Europas“, und die Marion sogar das Tragen ihrer bevorzugten Kleiderfarbe Nebelblau verbietet – welch ein Ausmaß an Anspruchsdenken.

Doch Crawfie ist auf ihre sozialistische Art um nichts weniger snobistisch, und es macht Spaß, sich in Wendy Holdens Unterhaltungsliteratur fallen zu lassen wie auf ein weiches Chesterfield Sofa. Auf dem Marion nicht landet. Auch nicht mit Sir Alan „Tommy“ Lascelles, „The Crown“-Fans bekannt als Privatsekretär und in anderer Art steif als in der Serie dargestellt. Nach einem Sprung in den Schlossteich und dem Ausziehen seines Hemdes, fällt Marion auf, „wie breit seine Schultern und wie muskulös seine Brust war. Er rubbelte sich ab, und sein nasses Fleisch glänzte im Sonnenlicht. Sein dunkler Blick schnellte wie eine Reitgerte über ihre Brüste.“

Queen Elizabeth II. Bild: pixabay.com

König Georg V. Bild: pixabay.com

Edward und Wallis Simpson. Bild: pixabay.com

Die Queen und Prinz Philip. Bild: pixabay.com

Marion is a Woman with a Mission, sie will vor allem Elizabeth, Lilibet, das wirkliche Leben zeigen. „,Hier‘, sagte Marion. ,Auf diesem Plan siehst du alle U-Bahnstationen Londons.‘ Elizabeth griff sofort danach. Dann stieß sie einen aufgeregten Seufzer aus. ,Ich verstehe! Wenn ich am Hyde Park Corner bin und nach Elephant & Castle möchte – was ist das für ein lustiger Name!‘ Sie blickte auf und grinste ihr breites Grinsen. Marion beobachtete, wie die Prinzessin mit ihrem Finger über den Plan strich. Unvorstellbar, dass sie im Imperium ihrer Großeltern lebte und so gut wie gar nichts darüber wusste.“

Es mag etwas überzogen wirken, dass Wendy Holden ihrer Crawfie die Veranlassung all jener Errungenschaften andichtet, die das heutige Bild der Queen ausmachen: Sie ist es, die Lilibet vom Rüschenkleid befreit und in den Schottenrock steckt, sie ist es, die mit dem Lesen von Enid Blyton’s Hundekolumne die Anschaffung des ersten Corgi namens Dookie, übrigens ein durchtriebenes Biest, forciert, sie ist es, an deren Beispiel Lilibet erkennt, der Job ist gleich Selbstaufgabe, der Beruf stets auch Berufung, sie ist es, die Elizabeths Talent, auf Menschen zuzugehen, erst formt. Holden zeichnet die junge Elizabeth als nachdenkliches, dennoch fröhliches Kind, Margaret als temperamentvollen, unkontrollierbaren Wildfang, Elizabeth als rational, argumentativ, pragmatisch, Margaret als egozentrisch, launisch, eine ärgerliche zweite Geige.

Lieblingsszene, ein schriftstellerisches Kabinettstück, ist Marions erstes Mal auf Balmoral, das Abendessen, bei dem „sechs Sackpfeifer tatsächlich unter ohrenbetäubendem Gedudel die Runde um den Tisch machten, einer davon, wie angekündigt, eindeutig betrunken“, angeführt vom obersten Butler in Schäfer-Montur, die Ermahnung, nicht auf Queen Victorias Lieblingsstuhl Platz zu nehmen, „Es ist niemandem erlaubt, sich darauf zu setzen, niemals!“, „während der Papagei des Königs sich pickend über die silbernen Platten hermachte, sich am Ei Seiner Majestät gütlich tat“ – und Ramsey MacDonalds Nationalregierung gewaltsam gegen das Volk vorgeht.

Mit der Naivität einer Inselbewohnerin erlebt Marion Crawford den aufkeimenden Faschismus, Hitler, dessen Hakenkreuzfahne von der Fassade der deutschen Botschaft hängt, Mussolini, Franco, Valentine, der im Spanischen Bürgerkrieg fällt, Oswald Mosley und seinen Cable-Street-Kampf, Dollfuß und seine Ermordung beim Juliputsch. Auftritt Mrs Wallis Simpson, Marion trifft sie beim Wandern auf Balmoral beim Prince Albert’s Cairn, Edward VIII. Thronverzicht, Marions Arbeitgeber, der George VI. wird – und sie als Lilibets Lehrerin gleichsam die der künftigen Königin. Was Margaret mit dem Satz „Sie übt sich schon in Papas Zähneknirschen“ kommentiert.

Mit Blick aufs royale Schlüsselloch erfährt der Leser, die Leserin brisante Geheimnisse, die ansonsten der Nachrichtensperre unterliegen, hört den „Buck House“-Klatsch der Bediensteten, und in all dem die Weltpolitik und ihre Auswirkungen auf zwei Mädchen, Lilibet, die Wortfetzen der Erwachsenen auffängt und vor Angst Zwangsstörungen entwickelt, und Margaret im Größenwahn, die das diensthabende Regiment quält, indem sie immer und immer an den Palastwachen vorbeirennt, so dass diese wieder und wieder salutieren müssen. Und ist es nicht wahr, so ist es gut erfunden. „,Lilibet ist mein ganzer Stolz‘, pflegte der König unbekümmert zu sagen, ,und Margaret meine Freude.‘“

Es folgen Krieg, Churchill, Blitzkrieg, die Prinzessinnen im Flirtalter. In der Militärakademie Dartmouth steht Elizabeth Kadett zur See Philip gegenüber, der sofort seine „Suchscheinwerfer“ bedient und „anerkennend auf ihre Beine in Strumpfhosen starrte“, just heute begehen die beiden ihren 73. Hochzeitstag, vor dem Arbeitszimmer ihres Vaters stößt Margaret auf dessen neuen Stallmeister, das hochdekorierte Fliegerass Peter Townsend, dem sie augenblicklich „in atemloser Bewunderung“ verfällt. Marion wiederum, sich zurückgesetzter, überflüssiger fühlend, eifersüchtiger als es Margaret je war, trifft Major George Buthlay.

Der Abschied naht. „Das Gefühl, dass in gewisser Weise das Schicksal der Nation von ihr abhing, war höchst verführerisch gewesen. Noch verführerischer und mächtiger war darüber hinaus die Vorstellung, dass die Mädchen im Grunde genommen ihre Töchter waren und sie ihre Mutter. Und jetzt hatte sie diese Macht abgegeben.“ Beatrice und Bruce Gould nahen, Amerikaner und Herausgeber von The Ladies‘ Home Journal, und sie machen Marion ein Angebot, dem George Buthlay nicht widerstehen kann …

In der jüngeren Literatur, Hugo Vickers Biografie „Elizabeth, the Queen Mum“ oder Robert Laceys Buch und Grundlage zur Netflix-Serie „The Crown“, erfährt Marion Crawford „endlich die Neubewertung, die sie verdient“, so Wendy Holden. Wie auch immer, ist es schier unglaublich, dass die Geschichte dieser kecken Pionierin, die ihre liberalen Ansichten in einer Institution verteidigte, die traditioneller kaum sein könnte, noch nie erzählt wurde. Wendy Holden tut dies auf bestechende Weise, mit jenem britischen Humor, der einen Hang zum Skurrilen hat, aber auch mit einem großen Herzen fürs Drama in den Situationen. „Teatime mit Lilibet“ berichtet von der Tragikomödie des Lebens. Und wenn sich heut‘ noch niemand die Filmrechte gesichert hat, so gewiss morgen.

Über die Autorin: Wendy Holden hat als Journalistin für The Sunday Times, Tatler und The Mail on Sunday gearbeitet, bevor sie sich dem Schreiben von Büchern zuwandte. Sie hat dreizehn Romane geschrieben, von denen in Großbritannien jeder ein Bestseller war. Sie lebt mit ihrem Mann Jon McLeod und ihren beiden Kindern Andrew und Isabella in Derbyshire und arbeitet derzeit an einem Roman über Wallis Simpson.

List Verlag/Ullstein Buchverlage, Wendy Holden: „Teatime mit Lilibet“, Historischer Roman, 528 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elfriede Peschel.

www.ullstein.de           wendyholden.net

  1. 11. 2020

Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard

November 19, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Film, eine Waffe und ein Mädchen

„Ich bin eine Legende“, beschreibt Jean-Luc Godard schlicht sich selbst. Am 3. Dezember feiert der Nouvelle Vague-Titan seinen 90. Geburtstag, und Bert Rebhandl diese einzigartige Figur des europäischen Films mit einer längst überfälligen Monografie. Seit seinem abendfüllenden Debüt „Außer Atem“ mit Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo, reißt der Regisseur Kritik wie Publikum aus den Kinosesseln. Die Jump Cuts, die Achsensprünge, seine collagenhaften Abbilder der Realität, all diese stilistischen „Verstöße“ gegen das Herkömmliche-Bekömmliche waren von Gegner und Befürwortern stets heiß umfehdet. Kalt lassen Godards Filme niemanden.

„Um einen Film zu machen, genügen eine Waffe und ein Mädchen“, kommentierte Godard seinen Erfolg. 1960 war das, und ein Jahr später heiratet „der permanente Revolutionär“, so Rebhandls Untertitel, Anna Karina. Die Schöne und das Biest, ein Paar, das Hipster aller Art um sich schart, als es den Begriff noch gar nicht gibt. Er soll sie in einem Palmolive-Spot in einer Badewanne gesehen und ihr einen ähnlichen Dreh angeboten haben. Ihre Antwort: „Spinnen Sie? Bei diesen Werbeaufnahmen habe ich einen Badeanzug getragen – und war bis zum Hals von

Seifenschaum bedeckt. Nackt war ich nur in Ihrer Vorstellung.“ Dann kam 1968, der Pariser Mai, und für Godard die Wandlung zum radikalen Gesellschaftskritiker. Mit dem sozialistischen Theoretiker Jean-Pierre Gorin gründet er die nach dem sowjetischen Filmemacher genannte Groupe Dziga Vertov, die sich gegen das imperialistische Kino und in den Dienst der Revolution stellt – wofür es zunächst eine eigene „Grammatik“ zu erfinden gilt. Godard wird und bleibt ein Intellektueller vom Rang eines Jean-Paul Sartre, indem er die Bilder zum Denken bringt. „Photographie, das ist die Wahrheit. Und der Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde“, formuliert er.

Kenntnis- und detailreich beschreibt Rebhandl Godards Vorliebe für das Paradox und die beinah perverse Lust des Widerspruchsgeists sich mit seinem Umfeld anzulegen, Schauspielern, Produzenten, Rezensenten. Rebhandl gelingt es, das Œuvre mit der Privatperson Godard zu verbinden, bewegte Bilder, bewegtes Leben, er hält sich dabei an Filme und Fakten, doch lässt die große Bühne stets Godard selbst und seinen markigen Sprüchen: „Das Kino ist kein Beruf. Es ist eine Kunst. Es ist nicht das Team. Man ist immer allein, beim Drehen ebenso wie vor dem weißen Blatt Papier.“

„Der permanente Revolutionär“ wird in ausgesuchten Werken ausgestellt. „Weekend“ etwa, Godards erstem Abschied vom Kino, einem Film „verirrt im Kosmos, gefunden auf dem Schrotthaufen“. Eine der längsten Kamerafahrten der Filmgeschichte, die viermal durch Schrifttafeln unterbrochen wird, ein Hauptdarsteller, der sich rücksichtslos durch einen Stau auf einer französischen Landstraße kämpft, an dessen Ende Godard ein Blutbad inszeniert. Hippies, die sich als Kannibalen enttarnen, brennende Lewis-Carroll-Figuren, zwei Afroamerikaner, die Malcolm X zitierend den Untergang der Konsumgesellschaft prophezeien. Am Ende erscheint der Schlusstitel „Fin du cinéma“, der den Zuschauer von 1967 mit einer Weltprognose ohne Perspektive zurücklässt.

Godard dreht mit Renault-Arbeitern „un film comme les autres“, den kein Kino haben will. Kurz noch entstehen Filme mit Berühmtheiten wie „Le vent de l’est“ mit Gian Maria Volonté 1969 oder „Tout va bien“ 1972, und Rebhandl beschreibt dessen Protagonisten Jane Fonda und Yves Montand nicht unkomisch als „Versuchskaninchen in einem Film, in dem ständig reflektiert wird, wie man zwei Stars für eine Geschichte nutzbar macht“. Im gleichen Jahr gründet Godard mit der Fotografin Anne-Marie Miéville die Videofirma Sonimage, die ihn unabhängig macht und ihm die Selbstverwaltung der Produktionsmittel ermöglicht. Dieser Neuanfang und ein Vertrag mit dem eben erst unabhängig gewordenen Mosambik haben mit den provozierenden Filmen davor nur noch wenig zu tun.

Bild: pixabay.com

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Godard arbeitet nun vorwiegend mit Videokameras und nähert sich einem dokumentarischen Stil. Rebhandl benennt diese Phase am Beispiel des meisterlichen Essayfilms „Ici et ailleurs“ aus dem Jahr 1976 mit einem „Video, ergo sum“, und was Godards Arbeit bis heute prägt: Die Entdeckung dieser neuen Technologie. Godards Spätwerk ist – wie in „Nouvelle Vague“ von 1990 – eine Art Selbstreflexion über sein eigenes Schaffen, aber auch über die Film-/Geschichte. Sein diesbezüglich bedeutender Film „Histoire(s) du cinéma“, entstanden zwischen 1988 und 1998, besteht fast ausschließlich aus Fragmenten der Filmgeschichte und aus historischen Dokumentaraufnahmen.

Ein viereinhalbstündiges Opus magnum, eine Philosophie des Kinos, eine Reflexion über die Macht der Bilder und Töne. Man sieht Godard schemenhaft vor seiner Schreibmaschine sitzen, er liest, raucht, betrachtet, tippt, flüstert mit melancholischer Stimme. Ein Gesamtkunstwerk, das die Sinne des Betrachters bewusst überfordert, sagt Rebhandl über diese Arbeit. Godard ist nach wie vor noch filmisch tätig. In „Adieu au langage“, Godards erstem abendfüllenden 3D-Film von 2014, sieht man seinen Hund herumtollen, das fröhlichste Wesen zwischen all den Zweiflern, der sein Schnäuzchen mit Vorliebe in jenen 3D-Raum steckt, in dem sein Herrl ein nacktes Liebespaar mit seinen Kameraobjektiven im Wortsinn auseinander nimmt.

Seinen jüngsten, vor zwei Jahren entstandenen und auf der Viennale gezeigten Film „Le livre d’image“ kann man als Palimpsest begreifen: Schichten von Ideen, Bildern, Gefühlen aus dem Gedächtnis. Auch im fortgeschrittenen Alter von 87 Jahren zeigt Godard darin, dass er in seiner speziellen Nische noch einmal eine ganz eigene Klasse bildet. Wie die Werke zuvor ist auch dieses ein experimenteller Gedankenstrom, der in einer akribischen Montageleistung zahllose Clips verbindet, zu denen Stumm-/Filmfetzen genauso gehören wie IS-Hinrichtungs- videos. Während Godard mittels visueller Verfremdungen sein eigenes Remake aus diesen Schnipseln erschafft, murmelt er aus dem Off fast geisterhaft seine Reflexionen.

Über Gewalt, Krieg, die Situation der Menschheit – zugänglicher als früher, nichtsdestotrotz natürlich herausfordernd. Für Godard ist und bleibt Kino eine Denkmaschine, kein Vergnügungsgewerbe. Das Problematische in seinen Filmen, seine öffentlichen Einlassungen, die rund um ihn tobenden cinematografischen Glaubenskriege, ordnet Rebhandl sachlich, aber ohne Partei zu ergreifen. Nicht alles lässt sich auflösen. Nicht alles erklären. Verstehen schon gar nicht. Doch kommt man beim Lesen von „Jean-Luc Godard. Der permanente Revolutionär“ der Kinolegende – Zitat: „Wenn Sie mich verstanden haben, dann habe ich mich falsch ausgedrückt“ – näher als mutmaßlich jemals zuvor.

Über den Autor: Bert Rebhandl, geboren 1964 in Oberösterreich, ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Filmkritiker. Er schreibt vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und den Standard. Bücher über Orson Welles, den Western (als Herausgeber), die Fernsehserie „Seinfeld“ und „Der dritte Mann: Die Neuentdeckung eines Filmklassikers“. Er lebt in Berlin.

Zsolnay Verlag, Bert Rebhandl: „Jean-Luc Godard. Der permanente Revolutionär“, Biografie, 288 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay           bro198.net

  1. 11. 2020

Amélie Nothomb: Die Passion

November 13, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder sein eigener Jesus

„Ich wusste seit jeher, dass man mich zum Tode verurteilen würde.“ Mit diesem Satz beginnt Amélie Nothomb ihren dieser Tage auf Deutsch erschienenen Roman „Die Passion“. Im Original „Soif“/Durst, und damit ist mutmaßlich nicht nur das fünfte der Sieben letzten Worte Jesu Christi gemeint, „Mich dürstet.“ – Joh. 19,28, sondern wohl auch der nach Wissen, nach tieferer Kenntnis der Autorin.

Denn der Mann, der hier auf seine Hinrichtung wartet, ist kein Geringerer als der Heiland. Nothomb entwirft ihren Protagonisten als Blasphemiker, der in einer im Neuen Testament nicht vorgesehenen Nacht vor der Kreuzigung in seiner Gefängniszelle seinen Gedanken über im Wortsinn Gott und die Welt nachhängt. Für den Leser, die Leserin tut er dies gleichsam laut, und wer beim Ich-Erzähler ans schöpferische Über-Ich der Autorin denkt, liegt nicht weit daneben.

Kommt doch die Provokationen wie Bestseller am Fließband produzierende Schriftstellerin, im französischen Sprachraum ein nicht zuletzt für seine Exzentrik geliebter literarischer Superstar,

aus einer schwer katholischen Familie. Geboren in Kobe, und wer die unerbittliche Strenge des japanischen Christentums kennt, weiß, was das heißt. „Ich hatte als Kind Katechismusstunden und lernte dort immer mehr Dinge, die nicht richtig schienen … Das Allerschlimmste war die Kreuzigung. Wir sollten sie für etwas Gutes halten, und dabei war es offensichtlich grauenhaft. Warum hat Jesus das mitgemacht?“, so Nothomb in einem Interview für den Radiosender France Inter.

Und macht genau das zur Frage ihrer Figur. Freilich ist Nothombs „Passion“ neben Kazantzakis, Saramago, Éric-Emmanuel Schmitt ein in mancher Hinsicht schmaler Band, doch ist dies Evangelium nach Amélie mit einer Verve und einem (Über-)mut an theologischer Unbedarftheit hingepfeffert, mit dem ihr eigenen bös-flapsigen Witz übers Menschsein bei gleichzeitiger Feinfühligkeit für diese seltsame Spezies, dass man durch den Roman geradezu fliegt.

Weiland boten sich Depeche Mode ihren Gläubigen als „Personal Jesus“ an, bei Amélie Nothomb wird jeder sein eigener Jesus. Ein Komplize des einen in dessen Hadern mit der sinnlosen Grausamkeit, die ihm bevorsteht. Man kann nicht anders, ist doch die Misericordia eine der monotheistischen Haupttugenden, und so wächst die Empathie Seite um Seite. Für den Menschensohn, für die Verkörperung Gottes – und „Verkörperung“ ist auch Nothombs Stichwort. Jesus liebt das Leben, das ihn der seine gelehrt hat, das Genießen von Speis‘ und Trank und Sex, das Erspüren des Regens auf der Haut, und die Freude an seiner Lieblingsbeschäftigung: sich lang ausstrecken und ausruhen.

Für den körperlosen Vater hat der gotteslästerliche Sohn in seinen schwersten Stunden viel Spott übrig, „tiefe Wahrheiten erfährt man nur, wenn man dürstet, liebt oder stirbt – drei Zustände, die einen Körper voraussetzen. Die Seele ist keineswegs ausreichend“, sagt Jesus, und unterstellt dem Geistwesen aus der Genesis, um es umgangssprachlich zu formulieren, wie ein Blinder von der Farb‘ zu reden. Eine wahrhaft göttliche Idee, ist es doch auch sein Körper, der Jesus zum Wundertäter macht.

Er schaltet den Kopf aus, ein Akt der zeitweiligen Selbstauslöschung, damit sie geschehen können, sein liebstes in der Rückschau die Hochzeit von Kana, wo der Wein ausging, und die Mutter, den Sohn, den sie sonst so gern „normal“ gehabt hätte, zur Wohltat anstachelt: „Wo war das Problem? Dann war das saure Gesöff halt aus! Meine Güte! Frisches Wasser stillt den Durst ohnehin besser“, meint er, bis ihn die Mutter, wie jede eine bevormundende, zwingt. „Fast hätte ich laut aufgelacht. Das also hielt mein Vater für die passende Gelegenheit, mir diese Gabe zu offenbaren: dass der Wein ausgegangen war. Er hatte schon einen speziellen Humor!“

Beim Prozess werden die Hochzeiter über diese „Erniedrigung“ vor ihren Gästen klagen, Jesus hätte viel zu spät seine Pflicht der Wandlung getan, auch alle anderen, die seine Gnade erfahren haben, beschweren sich, der vormals Besessene von Kapernaum, dass sein Leben nun belanglos sei, der Aussätzige darüber, dass jetzt die Almosen ausblieben, sogar der Fischereiverband vom See Genezareth tritt auf. „Herr, schütze mich vor den Rechtschaffenen“, ist an dieser Stelle ein persönliches Stoßgebet – und Jesus denkt: „Was ist schon das Rätsel des Bösen, gemessen am Rätsel der Gemeinheit.“

Bild: pixabay.com

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Um sich von der Angst vorm Kommenden abzulenken, geht Jesus das biblische Personal durch. Den über den in der Gerichtsverhandlung verzapften Unfug empörten Pilatus. Petrus, den er nicht erwählt hat, weil er der Klügste, sondern weil er ein „beeindruckender Koloss“ ist, dem die Leute zuhören. Judas, dieses „Problem auf zwei Beinen“: „Wahrscheinlich haben wir alle so einen Freund, bei dem sich die anderen fragen, wieso“, denkt Jesus – und weiter: „An welchem Baum hat Judas sich erhängt?“ Apfel oder Feige?

Seine geliebte Mutter und Josef, „zwei hoffnungslos gute Seelen“, beides bessere Menschen als er, den Gier, Lust und Zorn beutelten, Josef, der versuchte, ihm die Kunst der Zimmerer beizubringen: „Er wurde nie böse, aber sah manchmal ziemlich fassungslos drein!“ Die Geliebte. Magdalena, an deren Schönheit und Stimme er sich erinnert, und an anderes, Unanständiges. Nur so viel: „Sie sagte immer: ,Lass uns in Liebe schlafen!‘, schmiegte sich wie ein Löffelchen an mich und schlief sofort ein. Sie hat mich gelehrt, dass Schlafen ein Akt der Liebe ist.“

„Der große Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist, dass er die Liebe ist und ich liebe“, ist einer der schönsten Sätze der Nothomb für ihren Jesus, der am Kreuz jubiliert, weil der Vater nichts weiß von der vollkommenen Hingabe, die zwei Seelen und zwei Körper vereint. Die letzte Versuchung nach Nothomb ist nicht Kazantzakis‘ Satan, sondern irdische Innigkeit. Ein Herabsteigen vom Folterwerkzeug, kein Sühnen fremder Sünden, das noch dazu vergeblich gewesen sein wird, Flucht mit der Frau, in die Anonymität und Banalität eines Allerweltslebens. Aber ach. „Aus Liebe zu seiner Schöpfung hat mein Vater mich meinen Henkern ausgeliefert. Gibt es eine perversere Art des Liebesbeweises? Ich opfere mich zum Wohle aller. Das ist doch abartig!“

Das Ecco homo ist unausweichlich. Dornenkrone, Geiselung, Golgatha, Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern und der belustigten Befürchtung, er könnte zusammenbrechen und sterben, bevor er an der Richtstätte angekom-men ist, und so alle himmlischen Pläne zunichtemachen. „Mein Vater, der mich nie erhört, beweist mir auf seltsame Weise, wie soll ich sagen, nicht seine Solidarität, schon gar nicht sein Mitgefühl, nein, ich kann es nicht anders nennen: seine Existenz“, denkt Jesus unter unsäglichen Qualen. Und kommt zum Schluss darüber, was nicht erst seit Monty Python die Menschheit bewegt: „Der Sinn des Lebens besteht darin, nicht zu leiden.“

Zugegeben, ein bisschen mühsam ist dieser Sermon mitunter, der an einigen Stellen klingt, wie der eines im Palastkäfig gefangenen Royal. Was Jesus ja in gewissem Sinne auch ist. Wenn er die dichterischen Freiheiten der Evangelisten tadelt, wenn er aus seiner Sicht zukünftige Dichter und Denker zitiert. Immerhin ist diese nervige Allwissenheit ans Herz gehend, wenn er sagt, dass ihm durch die Jahrhunderte die von den Künstlern geschaffenen Pietàs allemal lieber sind als die blutrünstigen Kreuzigungsszenen.

Nothombs „Passion“ ist der kalkulierte Affront eines Christus‘, der begreift, dass er erst dann vom Kreuz steigen wird, wenn nicht Gott, sondern er selbst sich vergeben hat. Bei zeitgleicher Entschuldigung, dass all die markigen, vor Sarkasmus triefenden Sätze ein letztes zwischen Marter und Ohnmacht liegendes Aufbäumen sind. Doch wie ihm mehr als 2000 Jahre, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, eine Inquisition, später widersprechen, wenn geschrieben steht: „Ich habe den größten und gefährlichsten Unsinn der Geschichte zu verantworten.“ Oder: „Deine Erfindung ist dir über den Kopf gewachsen, Vater.“ Da ist die Autorin deutlich zugegen, ihr Glaubens- bekenntnis dargelegt in diesen knappen Formulierungen, denn nur wer ernsthaft glaubt, wird kritisieren.

Solcherart ist der Durst wieder da. Soif. Und wird im Wüstenland, im wüsten Land zum spirituellen. „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr empfindet, wenn ihr dürstet, das sollt ihr hegen und pflegen. Es ist ein Quell der Mystik … Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott … Die Liebe, die ihr in diesem Moment für das Wasser empfindet, ist Gott. Ich bin der, der gekommen ist, um diese Liebe zu allem Seienden zu haben. Das bedeutet es, Christus zu sein.“

Amélie Nothomb. Bild: © Catherine Cabrol

Über die Autorin: Amélie Nothomb, geboren 1967 in Kobe, Japan, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. Seit ihrer Jugend schreibt sie wie besessen. In Frankreich stürmt sie mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Ihre Romane erscheinen in 39 Sprachen. Für „Mit Staunen und Zittern“ erhielt sie den Grand Prix de l’Académie française, „Die Passion“ war 2019 für den Prix Goncourt nominiert. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.

Diogenes Verlag, Amélie Nothomb: „Die Passion“, Roman, 128 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Brigitte Große.

www.diogenes.ch          www.amelie-nothomb.com

  1. 11. 2020

Steph Cha: Brandsätze

November 12, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwarz · Weiß · Asiatisch, oder: Ein Roman als die Triangulation des Rassismus

„Am 16. März 1991 betrat die fünfzehnjährige Latasha Harlins den Empire Liquor Market, um eine Flasche Orangensaft zu kaufen. Als sie bezahlen wollte, wurde sie von der Ladenbesitzerin, einer Frau namens Soon Ja Du, des Diebstahls beschuldigt. Soon Ja Du griff über den Tresen hinweg nach dem Mädchen und ihrem Rucksack. Latasha wehrte sich, schlug vier Mal zu und wandte sich zum Gehen. Du holte eine Waffe hervor und schoss Latasha von hinten in den Kopf. Das Mädchen starb mit zwei Dollar in der linken Hand.“

In ihrem Nachwort verweist die US-amerikanisch-koreanische Autorin Steph Cha darauf, dass ihr Roman „Brandsätze“ auf dieser wahren Begebenheit beruht. Der Fall Du ist ein politischer, denn die Schützin wurde nur wegen Todschlags und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Man kennt was kam, und alljährlich, zuletzt diesen September, fragen Websites „Where Is Soon Ja Du Now?“, das Rodney King Beating, der 29. April 1992, bürgerkriegsähnliche Unruhen in Los Angeles, sechs Tage Feuer, 63 Tote.

Was man hierzulande weniger kennt, sind die Hintergründe. Denn lange schon galt die Gegend rund um South Central als soziales Pulverfass voller Bandenkriege und offener Rassenkonflikte. Vor allem die koreanischen Einwanderer machten sich mit ihrer Besiedlung der Problemviertel, ihrer Geschäftstüchtigkeit und der sich daraus ergebenden Übernahme von Läden bei den ansässigen Afroamerikanern unbeliebt. Dann kam Soon Ja Du – und Koreatown brannte. Und, so Menschenrechtsstimmen, die vom King-Vorfall angekokelte Polizei schaute sehr lang, allzu lang zu …

Nach George Floyd, Rayshard Brooks, Walter Wallace, den Schüssen für Breonna Taylor in Louisville und der Übermalung von #Blacklivesmatter-Schriftzügen durch Weiße in Kalifornien, ist Steph Chas Buch nun wie ein sich in die Wunde der Nation legender Finger. In ihrer beinah mythologischen Unrechtssaga und ohne im Wesentlichen Partei zu ergreifen, erzählt sie zwei ineinander verwobene Familiengeschichten, der des Opfers und der der Täterin, und wie Gewalt neue Gewalt erzeugt. Scharfsinnig analysiert sie den Zustand einer Gesellschaft, die nach wie vor an der „Rassenfrage“ laboriert.

Selbst Joe Biden sagte unlängst, er werde ein Präsident für „all races“ sein; in Europa wäre ein derartiges Wording undenkbar. „Brandsätze“ also ist ein Roman als Triangulation des Rassismus: Schwarz · Weiß · Asiatisch. Und Cha macht klar, dass sie die bewusst in Kauf genommene Spaltung der Nachkommen der als Sklaven in die USA verschleppten Menschen und der ostasiatischen Kriegsflüchtlinge und Migranten als Stellvertreterkrieg der People of Color für die Interessen der WASP ansieht.

In vier Abschnitten wechselt Cha zwischen 1991 und 2019, jede Rückblende detektivisch das Geschehene immerfort enttarnend, denn eine der beiden Hauptfiguren, Grace Park steht vor einem Rätsel, zu dem niemand, den die koreanisch-stämmige Apothekerin kennt, ihr Auskunft geben will. So lernt man rund um eine Protestkundgebung für den von der Polizei erschossenen Highschool-Schüler Alfonso Curiel die Parks kennen. Die nüchtern-schüchterne, knapp mehr als dreißigjährige Grace, ihre ältere, politisch aktive, mit der Mutter verfeindete Schwester Miriam, die sich in ihrer Aufopferung für die Sippschaft suhlende Mutter Yvonne und den in sich gekehrten, streng seine Befehle erteilenden Vater Paul.

Da erklimmt eine ältere Frau das Podium vorm LAPD und flüstert ins Mikrofon: „Denkt an Ava Matthews.“ Sheila Holloway, „Tante Sheila“, die kennt der Leser, die Leserin bereits aus dem Prolog, als ihr Teenagersohn Ray, und die von ihr aufgezogenen Kinder ihrer verstorbenen Schwester, Ava und Shawn, bei einem Kinobesuch mit x-anderen afroamerikanischen Kids im Weiße-Leute-Westwood in eine Bredouille mit den „Bullen“ geraten: „Die Vorstellung ist abgesagt. Weil die Schiss haben. Die sehen zehn Schwarze und glauben, hier kommt die Hood.“

Es ist eine Woche nach den Polizeiprügeln für Rodney King, Steine fliegen, Glasscheiben bersten, Männer schreien: „Black Power! Fight the Power!“, der kleine Shawn versteckt sich in einem Elektroladen, Ava sucht ihn hysterisch … und schon ist der Roman ein Pageturner und das überhitzte Los Angeles von gestern wie heute brennt einem ein „Was ist passiert?“ ins Hirn.

Shawn entpuppt sich alsbald als zweite Hauptfigur, zwischen der und Grace die Handlung pendelt, Shawn Matthews, der sich nach einer Karriere als Gangsta und ergo Gefängnisaufenthalt nun als Umzugsspediteur verdingt, der gelernt hat, seine Ghetto-Wut auf alles und jeden zu kontrollieren, der glücklich liiert ist mit Krankenschwester Jazz, und hingebungsvoller Vater von Töchterchen Monique – und immer noch Einmieter im Haus von Tante Sheila, zu deren Riesenclan auch Rays Frau Nisha und deren gemeinsame Kinder Darryl und Dasha gehören. Womit alle Protagonisten aufgezählt sind, als Ray nach zehn Jahren Haft wegen bewaffneten Raubüberfalls (mit der Spielzeugpistole seines Sohns) nach Hause entlassen wird.

Längst vermutet der Leser, die Leserin, dass dem hochaufgeladenen Plot demnächst ein weiteres Gewaltverbrechen beigefügt werden wird, doch Steph Cha kann’s raffinierter als ein einfaches Whodunnit. Sie entwirft Psychogramme, sie betreibt Familienaufstellung. Hie die Parks in ihrem Gelobten Land, „Tag um Tag, Dollar um Dollar hatten sie sich in diesem fremden Land ein neues Leben aufgebaut, nur damit Grace und Miriam in Freiheit und Unabhängigkeit als Amerikanerinnen aufwachsen konnten“, Yvonne und Paul, die kaum Englisch sprechen und so gut wie nie den Hanin Market ihrer koreanischen Parallelgesellschaft verlassen.

Bild: pixabay.com

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Da die Holloway/Matthews als Vertreter einer gedissten, diskriminierten, von Sklaverei bis Segregation, von White Supremacy bis wirtschaftlicher Schlechterstellung gedemütigten „Minderheit“ von 40 Millionen US-Bürgern. Cha schlägt einen brisanten Bogen von Fremdsein zu fremdeln zum zu Fremden gemacht werden. Sie stellt Alltags- neben systemischen Rassismus, zeigt, dass freilich zweiterer den ersteren bedingt, lässt in der Figur des Jules Searcey auch jenen Journalismus nicht ungeschoren, der mit mitleidig-weißem Sensationsblick die Ecken „farbigen“ Elends absucht, um jene kerzlschluckerischen Gedenkschriften zu verfassen, mit der sich die heile, helle Haut retten lässt.

In den Kulissen der Milieus warten vor Ressentiments und Selbstgefälligkeit triefende Cops, unfreundlich-überforderte Bewährungshelfer, eine neugierig-aufdringliche Kirchengemeinde, kleinkriminelle Ex-Freunde, denen es nicht gelingt, die Kurve Richtung Normalität zu kratzen; die Schule, die Mall, das Krankenhaus, alles ist heruntergekommener Unort, selbst Avas Grab ist keine Ruhestätte, muss sie doch wegen den finanziellen Schwierigkeiten ihrer Familie umgebettet werden.

Es sind diese mit großer Empathie, aber ohne Sentimentalität geschilderten Details, die „Brandsätze“ über einen Bericht von der Peripherie und ihrer allgegenwärtigen Traumata hinausheben. Auf Yvonne wird vor dem Hanin Market ein Schussattentat verübt, und Grace beginnt die Puzzlesteine ihres Lebens zusammenzusetzen: Es war ihre Mutter, die Ava erschoss, der Leser, die Leserin weiß das oder vermutet es zumindest schon, die brave, zierliche, arbeitsame Asiatin, die sich vor der dunklen „Rauberfrau“ fürchtete.

Da machten die Stereotype im Sinne der Angeklagten einmal Sinn, auch Shawn erinnert sich, als er von dem Anschlag hört, „wie sie unter Tränen und in gebrochenem Englisch die Tat als Notwehr zu verkaufen versuchte“. Was ihr gelang. Die Täterin Jung-Ja Han tauchte mit Erlaubnis des Gerichts unter und als Yvonne Park wieder auf, alle haben es gewusst, Paul sowieso, auch Onkel Joseph – und vor allem Miriam. Was deren Abneigung gegen die Mutter erklärt.

In der nach wie vor glosenden Glut ist der Hass schnell neu geschürt, Steph Cha entlarvt ihre Figuren über deren Denken, einzig Shawn findet in sich kein Gefühl der Genugtuung, einzig Grace in sich keinen Wunsch nach Vergeltung. Doch während sie Antworten sucht, sucht der zuständige Detektive Maxwell – einer der Typen, „die Samuel L. Jackson zitierten und Morgan Freeman gern als Onkel gehabt hätten“ – einen schwarzen Schuldigen. Und da Shawn ein hieb- und stichfestes Alibi hat, verhaftet er kurzerhand Ray – aber ausgerechnet Grace wird beweisen können, dass der es nicht gewesen sein kann, sondern Miriam am Geschehen nicht unschuldig ist …

Es ist beeindruckend, mit welcher Präzision Cha ihre Geschichte erzählt und dabei sämtliche Fallen, in die sie tappen könnte, vermeidet. Vor allem macht sie nicht den Fehler, einfache Kausalitäten und klare Schuldzuweisungen zu konstruieren, sondern lotet die Konflikte und emotionalen Verflechtungen ihrer Figuren sorgsam aus. Dabei beweist sie ein enormes Gespür für Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten, wenn sie zeigt, wie der Schuss im Jahr 2019 als Echo des Schusses von 1991 widerhallt. Klischees und Vorurteile? – Ja, die gibt es, in den Köpfen der Charaktere, nicht in dem ihrer Schöpferin.

Bis kurz vor Schluss zeichnet Steph Cha den Melting Pot Los Angeles als finstere Schreckenskammer, in der sich eine Gewaltspirale dreht, aus der es kein Entkommen gibt. „The sins of a family fall on the daughter“, sang schon Barry McGuire, und dass Schweigen tötet, ist eine Binsenweisheit. In einer der besten Szenen besucht Grace Tante Sheila und Shawn befördert sie, ihr „die Absolution“ verweigernd, empört vor die Tür. Dann wird es Sonntag, 15. September 2019, und wieder steht Tante Sheila vor einem Mikrofon, und wieder schält sich aus einer friedlichen Protestkundgebung der Mob, und wieder brennt die Stadt der Engel. Shawn ist da, Grace ist da. „Kommt her“, sagte Miriam. „Seht ihr das? Die verdammte Flagge brennt.“ Und plötzlich, scheint’s, blitzt da ein Funke Versöhnung auf …

Über die Autorin: Die US-amerikanisch-koreanische Schriftstellerin, Redakteurin und Kritikerin Steph Cha wurde 1986 in Van Nuys im San Fernando Valley geboren und lebt heute mit ihrem Ehemann und zwei Bassetts in Los Angeles. Die journalistischen Arbeiten der Anwaltstochter erschienen bisher in der Los Angeles Times, US Today und der Los Angeles Review of Books. Ihre Vorliebe für die Noir-Romane von Raymond Chandler brachten sie zum literarischen Schreiben, zunächst Novellen und die „Juniper Song crime trilogy“. Für ihren ersten, in den USA 2019 veröffentlichten Roman „Your house will pay“ / “Brandsätze“ gewann sie den Los Angeles Times Book Prize und den California Book Award.

ars vivendi Verlag, Steph Cha: „Brandsätze“, Roman, 336 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Karen Witthuhn.

arsvivendi.com           www.stephcha.com           www.facebook.com/stephcha

12. 11. 2020

Atticus: The Truth About Magic. Gedichte & Notizen

November 11, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebespoesie vom Online Lord Byron

Den Ehrentitel „Byron der Instagram-Generation“ hat ihm immerhin The Times verliehen, Atticus, dem Poeten mit der Silbermaske, der mit seinen gefühligen Gedanken ebendort den Seelennerv von mehr als 1,5 Millionen Followern trifft. Nun findet sich seine Online-Lyrik, nach „Love – Her – Wild“ und „The Dark Between Stars“, einmal mehr in Buchform zusammengefasst. „The Truth About Magic“ heißt der Band voller Gedichte und Notizen übers Suchen und Finden und Verlieren der Liebe.

Singer-Songwriter Kilian Unger aka Liann hat die Zeilen, die sich neben die teilweise Originaltexte reihen, übersetzt – und das Reimen ist ihm mit Bravour geglückt, denn einfach ist solch ein Unterfangen nie, wie das Beispiel „I don’t need to matter to everyone / but I do need to matter to someone“ – „Ich muss nicht für jeden von Bedeutung sein, solange ich jemandem etwas bedeute“ zeigt.

Es sind „die Tagträumer, die Nachtdenker, die Nacktbadenden im Sommer“, die Atticus in seinem Vorwort zum Lesen einlädt, die Betrachter von Sonnenuntergängen und „euch stille Menschen auf Partys“ – und wie diese sind seine wenigen Worte mal ein nachtalbisches Raunen, mal ein geheimnisvolles Verheißungswispern, mal ein lauter Schrei nach Lust/vor Frust.

Seine Magie hat Atticus in die Kapitel Youth, Love, Adventure, Darkness, Words und Stars unterteilt, und selbstverständlich fehlt nicht die „Magic in Her“, sie ist es die beinah alle Seiten dominiert, als steinherzige Königin, als Mädchen von nebenan oder als listige Koboldin. „Liebe existiert / irgendwo zwischen / einem Mädchen, das so tut, / als könnte es ein Glas saurer Gurken nicht öffnen, / und einem Jungen, der so tut, / als wüsste er nicht, / dass sie es kann“, schreibt Atticus über das wilde Gefühl zum ersten Mal zu küssen. Oder: „Um ehrlich zu sein, / du machst mir Angst. / Ich habe Angst, dich hineinzulassen, / mich durch deine Augen zu sehen, / frage mich, ob ich gut genug bin / oder ob ich dich eines Tages verlieren werde. / Aber die Wahrheit ist, / dich gar nicht hineinzulassen, macht mir noch mehr Angst, / und dieser Gedanke / macht mir Mut.“

SIE ist ihm die lächelnde Göttin, für die er für immer ein Spicy Margarita sein möchte, und wie schön ist dies: „Der Sex war nur die Zugabe / zu dem großen und erstaunlichen Privileg / in nächster Nähe / zu ihrem Humor zu sein.“ Atticus erzählt von männlichen Unsicherheiten, einem sich Hin- und Aufgeben in diesem wie jenem Sinn, er fängt Alltäglichkeiten, Banalitäten gar, in einer Art ein, dass sie zauberisch werden: den Duft von Erdnussbutterbroten, den Geruch des eben noch getragenen Pullovers der Liebsten.

Im Schrifttypenwechsel von kursiv zu versal scheint’s, als könne er alte Weisheit an jugendliche Wahrhaftigkeit knüpfen, Melancholie an überbordende Freude an Trauer an Zorn – über die Sorte Liebe, in der sich einer mit den rausgerissenen Stückchen des anderen neu zusammenflickt. „Sometimes / even great love / is not enough“, sagt er – und Verlust und Tod sind wie die ständig mitschwingende Bassline seiner Gedichte.

Bild: pixabay.com

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In seinen Adventures geht’s von Dachstuben in Paris zu osmanischen Märkten über die Strände Spaniens und zum alten Atem Roms, und immer, immer singt Atticus ein Hohelied auf Hochprozentiges: „Whiskey is like poet’s water. / It quenches our thirst for madness.“ Mit Sätzen wie „No good lust goes unpunished“, „Misery at least makes good art“ oder „Obessions are nine tenths of my flaws“ malt er Bilder in die Köpfe, schickt das Sinnieren auf Wanderschaft, auf Erkundungsreise, um zwischen den Zeilen jenen Künstler zu entdecken, der sich gleich Banksy vor der Öffentlichkeit verborgen hält.

Viel Inspiration geht von Atticus‘ Gedichten und Notizen aus, manche, wie „Don’t believe everything you know for sure“ – „Glaub nicht alles von dem, was du ganz sicher weißt“, meint man schon als Graffiti gelesen zu haben. Und wenn nicht, dann bald. Und über allem steht, dass Atticus dem Leser, der Leserin gerade in diesen #Corona-Tagen zeigt, wie sich das Leben trotz gelegentlicher (Lock-)Downs in all seinen Facetten auskosten lässt.

„The Truth About Magic“ eignet sich vom Feinsten zum Immer-wieder-drin-Schmökern, Sacken-Lassen – dies bei einem Glas Champagner oder Rotwein oder (hier die Vorschläge des Autors) „Lagavulin oder eine Badewanne voll Rosé“, und Lebendig-Bleiben. Magie lebt in guten Büchern, sagt Atticus, und wie recht er hat, „sie ist in den traurigen Tagen, die niemals enden, und in den frohen Tagen, die zu schnell vorübergehen.“ Die größte Wahrheit über Magie, schreibt er, ist, dass sie wahr ist.

Zum Schluss dies: „Ich fühle mich wohl damit, allein zu sein, / aber manchmal / ertappe ich mich dabei, dass ich das Gefühl vermisse, / jemanden zu vermissen.“

Atticus. Bild: Bryan Adam Castillo Photography

Über den Autor: Atticus ist Geschichtenerzähler und Beobachter gleichermaßen. Er ist an der Westküste Kanadas geboren, verbrachte allerdings sehr viel Zeit mit Reisen. Heute lebt er in Kalifornien. Er liebt das Meer, die Wüste und Wortspiele. Der Name Atticus ist ein Pseudonym, unter dem er auf seinem Instagram-Kanal zu einem der bekanntesten Insta-Poeten wurde. Dort hat er mehr als 1,5 Millionen Follower, unter anderem Schauspielerin Emma Roberts und das US-amerikanische Topmodel Karlie Kloss.

Über den Übersetzer: Kilian Unger ist Singer-Songwriter. Unter dem Namen Liann schreibt er Lieder über verregnete Tage, durchzechte Nächte, übers Leutevermissen, über Kindheitsträume und Zukunftsängste – und über Charlie Chaplin. Er lebt in München.

bold Verlag/dtv Verlagsgesellschaft, Atticus: „The Truth About Magic“, Gedichte & Notizen, 255 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Kilian Unger aka Liann.

www.dtv.de           www.readbold.de           www.instagram.com/atticusxo           www.liann.de

Videobotschaft von Atticus, Teil 1+2: twitter.com/i/status/1313939744548585474           twitter.com/i/status/1313939916720689152

  1. 11. 2020