László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr

Februar 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Besuch des alten Herrn

Angesichts der Aufgabe nur keine Angst zeigen. Auch wenn die Kritikerrunde um Raoul Schrott, der den Roman im SRF-Literaturclub euphorisch vorstellte, von nicht zum Derlesen sprach. Der erste Satz geht über sechs Seiten, ohne Absatz, ohne Punkt, zwar mit Komma, ein Vorspiel zum Wahnsinn. Eine „Warnung“, so die Überschrift unter der ein blasierter Impresario seine Herren Musici gleichsam abkanzelt und zu höchster Detailgenauigkeit auffordert. Nichts dürfe ihm verschwiegen, alles müsse ihm erzählt werden. Schon wird klar, hier maßregelt der Autor seine erst zu erschaffenden Geschöpfe, nimmt an die Kandare, was er über die kommenden fast 500 Seiten ohnedies frei galoppieren lassen wird.

Um die Spannung abzukürzen: Raoul Schrott hat recht mit seiner Begeisterung. „Baron Wenckheims Rückkehr“ vom ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai entwickelt einen Sog, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann, die schöne, elaborierte Prosa zieht einen in ihren Bann, die Sprache, seltsam altertümlich, obwohl die Geschichte zweifellos in der Jetztzeit angesiedelt ist, mäandert durch die Geschehnisse. Die Rede ist eine indirekte, Beiseitegesprochenes und Vor-sich-hin-Gedachtes.

Krasznahorkai wechselt ohne alle Rücksicht mitten in den Sätzen und mehrmals Perspektive und Erzählposition. Nur da jeder Charakter seine eigene Ausdrucksweise hat, entschlüsselt sich allmählich wer spricht, und wenn auf Seite 95 erstmalig das Wort „naturgemäß“ fällt, weiß man, in wessen Verwandtschaft man sich befindet. Apropos, Verwandtschaft: Diese, eine Wienerische, hat es mit dem Protagonisten des Buchs nicht leicht. Sie musste Baron Béla Wenckheim, einem steinalten, österreichisch-ungarischen Kleinadeligen, Namensvetter des Ministerpräsidenten von 1875, was die „Rückkehr“ irgendwie doppeldeutig macht, bei der Flucht aus seiner Wahlheimat Argentinien helfen. Casino-Schulden, diesen Skandal, auf den bereits Gefängnis drohte, wollte der Familienkreis nicht hinnehmen – und so wird der Baron eingeflogen, ein spindeldürrer, kauziger, verschüchterter, wohlerzogener Mann, bettelarm, ergo vom markigen Clanchef mit bester Garderobe und etwas Geld ausstaffiert, und in den nächsten Zug nach Ungarn gesetzt. Wo es von Vorvätern noch ein Schloss geben soll.

Bild: pixabay.com

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„… es tue ihm unendlich leid, so viele Ungelegenheiten bereitet zu haben, obwohl er gerade das, Ungelegenheiten bereiten, gerade ihnen, keinesfalls wolle, sagte er mit gesenktem Kopf, er bitte nur um eines, man möge ihn keinesfalls berühren, wenn man ihm Maß nehme, er wisse, dass er ihnen damit die Sache erschwere, aber er ertrage es leider nicht, habe es nie ertragen, weder in der Kindheit noch jetzt, da er, in Ordnung, sagte der Sekretär lächelnd, er würde mit Mr. O’Donoghue reden und mit ihm besprechen, wie er Maß nehmen solle, völlig unmöglich, rief der Schneider erzürnt aus, als sie dann anfingen und er beim ersten Maßnehmen aus Versehen den Nacken des Barons berührte …“, so liest sich beispielsweise die vergleichsweise noch überschaubare Stelle über die Kleideranprobe. Ein Beispiel, das belegt, dass „Kapellmeister“ Krasznahorkai nicht nur über eine hohe Sprachmusikalität verfügt, sondern auch ein Händchen für scharfsinnige Satire hat. Zum ersten Mal, möchte man sagen, ist der Meister witzig.

Dieser Witz findet einen Gipfelpunkt in der grandios grotesken Szene der Ankunft des Barons in seinem Geburtsstädtchen. Den Medien nämlich ist die Reise Wenckheims nicht unentdeckt geblieben, in diversen Schundblättern wird der Mensch zum Mythos und, weil man’s glauben will, glaubt alles die Story vom schwerreichen Südamerikaner, der seiner Heimat eine Schenkung machen will. Der Besuch des alten Herrn, sozusagen, doch ohne die Öl-Milliarden. Am festlich beflaggten Bahnhof steht aufgereiht ein Ort, vom Bürgermeister abwärts, Polizeihauptmann in Habtachtstellung, Gymnasiumsdirektor, ein Frauenchor aus überforderten Bäuerinnen, der gegen den Lärm der Menge vergeblich „Wein nicht um mich, Argentinien“ brüllt.

Die Gemeinde braucht Geld wie ein Erstickender Sauerstoff, deswegen hat deren Oberhaupt schon vorab die Waisenkinder und die Obdachlosen vertrieben und möglichen kritischen Stimmen den Mund verboten, „denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine ,Demokratie‘ mehr, … das hier ist ein Besitztum, dessen Herr nach so vielen Jahrzehnten … endlich wiedergekommen ist.“ Krasznahorkai zeichnet die Kleinstädter als hinterfotzige Hinterwäldler, eine brutale, durch und durch korrupte Bande, in der jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Doch weil die glanzvolle Zukunft lang und länger auf sich warten lässt, wird aus dem warmen Empfang eine eiskalte Atmosphäre der Vermutungen, Verdächtigungen, Vernaderung, des latent und am Ende des akut Bedrohlichen.

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Gleich den Stimmen einer Partitur lässt Krasznahorkai einzelne Figuren erst für sich stehen, bevor er deren Klang zu einem Ganzen fügt. Rund um Wenckheim gibt es eine Vielzahl eigentümlicher Episoden, von denen etliche im Nichts verebben, ebenso wie Krasznahorkai Charaktere, so plötzlich wie er sie eingeführt hat, auch wieder fallen lässt. In seinem Panoptikum an zynischen, weltverlorenen, gescheiterten, in ihrem Schicksal unentrinnbar verstrickten Gestalten sind wenige sympathisch. Ans Herz wächst einem maximal Wenckheims Jugendliebe Marika, die er schlichtweg nicht wiedererkennt, sondern der er, mit der Bitte um Hilfe bei der Suche, ihr eigenes Jugendfoto zeigt. Womit er die einsame, resignierte Frau, der er vorher aus der Ferne glühende Liebesbriefe geschickt hatte, aufs Tiefste demütigt. Was sich so tragi- wie -komisch liest.

Zum Personal des Romans gehören außerdem ein zivilisationsflüchtiger Professor, der in einem Outlaw-Viertel, genannt „der Dornbusch“, vor sich hin vegetiert, eine faschistoide Motorradgang, Schlägertypen in Lederkluft, die sich als „Ortswache“ ausgeben, ein sich selbst zu diesem ernennender Sekretär Wenckheims, das geschwätzige Schlitzohr Dante, getauft nach dem brasilianischen Fußballgott, nicht nach dem Dichter der Divina Commedia, sowie unsichtbare Insassen eines Konvois dunkelscheibiger Limousinen. Mit ihrem Erscheinen wird die Farce über den schweigsamen Baron zunehmend schwärzer. Der Dornbusch muss natürlich ein brennender werden, sich darin eine zerschossene Leiche finden, und auch mit Wenckheim endet’s im Fiasko. Mag sein, dass der Schöpfer des „Satanstango“, so heißt Krasznahorkais bekanntestes und auch verfilmtes Buch, am Ende den Teufel persönlich schickt.

So kann man sie deuten, diese sich jeder Deutung entziehende Zeitgeschichtsparabel, die ohne Frage vom heutigen Ungarn handelt (wieder über sechs Seiten geht ein „anonym verfasster Artikel“, eine Beschimpfung, die ihresgleichen sucht, in der sogar verlangt wird, das DNS-Molekül, welches die Ungarn ausbilde, solle sich zurücknehmen), von einem jener geisterhaft toten Winkel Europas, in dem die Gespenster der Geschichte als Wiedergänger aus den Gräbern steigen. Dazu gilt es, aufmerksam die Kapitelüberschriften zu lesen, sie lauten aneinandergereiht: TRRR / RAM / PAM / PAM / PAM / HMMM / RARIRA / RI / ROM … Das klingt nach Trauermarsch. Nach Tanzmusik auf dem Vulkan. Nach allgegenwärtiger Kakophonie von Chaos und Gewalt. Zuletzt folgen Notensammlung, Tanzkarte und ein sich für Auskenner aufs Gesamtwerk beziehendes Da capo al fine. Fabelhaft, was László Krasznahorkai da wieder komponiert hat.

Über den Autor: László Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula in Ungarn geboren. 1993 erhielt er für „Melancholie des Widerstands“ den Preis der SWR-Bestenliste. 1996 war er Gast des Wissenschaftskollegs Berlin. Béla Tarr verfilmte unter anderem „Satanstango“ und „Melancholie des Widerstands“ unter dem Titel „Werckmeisters Harmonien“. Zuletzt erschienen „Krieg und Krieg“ und „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“. „Seiobo auf Erden“ wurde 2010 mit dem Brücke-Berlin-Preis sowie dem Spycher Literaturpreis Leuk ausgezeichnet. 2014 wurde Krasznahorkai der Vilenica International Literary Prize und der America Award zuerkannt, 2013 und 2014 der Best Translated Book Award. 2015 erhielt er den Man Booker International Prize.

S. Fischer, László Krasznahorkai: „Baron Wenckheims Rückkehr“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem Ungarischen von Christina Viragh.

www.fischerverlage.de           www.krasznahorkai.hu

  1. 2. 2019

Michal Hvorecky: Troll

Februar 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Dystopie mit paranoidem Innenminister

„Ich bin der Troll“, outet sich der Erzähler. Da ist er bereits auf der Flucht vor einem wütenden Mob, der seine Hinrichtung fordert, Neonazis, Radikallinke, die Kirche, keiner, der ihm nicht auf den Fersen wäre, und der slowakische Autor Michal Hvorecky mit solcherart Karacho ins Geschehen seines neuen Romans eingestiegen:  „Troll“. Das meint keine Fantasyfigur, sondern einen in den Social Media, die Art Provokateur, deren Postings die Online-Community gängeln, aufhetzen, anstacheln. Stimmungs- und Meinungsmacher, in der Regel gegen etwas oder jemanden, im Auftrag politischer oder wirtschaftsweltlicher Manipulanten – aber auch Terrorgruppen wie der IS können’s ganz gut.

Heißt: Das Schreckensszenario der totalen Digitalkontrolle, das Hvorecky in seiner Dystopie entwirft, ist längst Realität, am bekanntesten sind wohl die Putinbots oder die Reconquista Germanica, wobei in beiden Fällen der Name schon klar macht, wofür man steht. Dennoch versteht sich „Troll“ als SciFi-Story, und damit Hvorecky zu schildern vermag, wie „der verhassteste Mensch im Internet“ zu eben diesem wurde, entwirft er ein ausgefeiltes Setting, in dem er die Handlung ablaufen lässt. Ort und Zeit sind „Osteuropa in naher Zukunft“, ein kleines Land, eine Oligarchie.

Protektorat einer „das Reich“ genannten Diktatur. Die Europäische Gemeinschaft ist zerfallen, der Leser erfährt von einem Hybridkrieg, gefolgt von einem Informationskrieg. Die ersten 50 Seiten des Buchs sind eine groteske Paraphrase der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und der in ihm zerstörten Hoffnungen. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Verhältnissen, Visegrád, Ficos Smer-Partei oder Verbindungen zu Vladimir Putin, sind natürlich … zur Kenntlichkeit entstellt. Der im Februar 2018 erschossene Investigativ-Journalist Ján Kuciak, vom hernach zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet, was einen Shitstorm und mutmaßlich auch seine Ermordung zur Folge hatte, war ein Freund von Michal Hvorecky.

Im namenlosen Staat des Romans regiert ein Terror-Regime. Es beherrscht die öffentlich-rechtlichen Medien, bestimmt, wer mit einem QR-Code am Hals gebrandmarkt in den Lagern verschwindet, baut einen Grenzzaun, um „uns vor den Massen zu beschützen, die hierher drängen, weil man bei uns am besten lebe. Im Land mit der niedrigsten Arbeitseffektivität, dem bescheidensten Gesundheitsbudget und dem höchsten Maß an Korruption auf dem Kontinent“. Und selbstverständlich verbreitet es Falschmeldungen zu erfundenen Feindbildern und Berichte von gefakten Bedrohungen. Die Regierung, und das ist schönste Realsatire, besteht unter anderem aus einer Chefin, der ihr Geliebter/Mafiaboss die Wahlkampagne gesponsert hat, hat als Umweltminister einen Leugner des Klimawandels oder für das Gesundheitswesen eine Vorkämpferin gegen das Impfen. Innenminister und Verantwortlicher für die öffentliche Sicherheit ist „ein paranoider Verbreiter von Fake-News“.

Der Ich-Erzähler ist eigentlich selbst ein Kind der Nomenklatura, zwanzig Jahre alt, doch übergewichtig, glatzköpfig und, so sagt er, asexuell, und ergo ein Randglied der Gesellschaft. Bis er die ebenfalls von dieser ausgestoßene Johanna kennenlernt, am Anfang noch Junkie, aber bald auf dem Weg der Gesundung, als man gemeinsam beschließt, etwas gegen die Hater zu unternehmen. Die beiden schleusen sich in der „Factory“ eines gewissen Valys ein, beschrieben als Faschist, der sich von seiner aus so skurrilen wie gefährlichen Figuren zusammengesetzten Internetarmee als „Führer“ ansprechen lässt, und stolz darauf, „Arm in Arm mit dem bekanntesten österreichischen Populisten“ gesehen zu werden. Doch um die Regeln zu brechen, müssen sie das böse Spiel erst mitspielen. Denn wehe dem, den der Apparat enttarnt.

Bild: pixabay.com

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Johanna führt vor, wie’s geht. „Dass der Staat den Flüchtlingen alle Medikamente bezahlt“, veröffentlicht sie. „Innerhalb von zwei Stunden teilten neunzigtausend Menschen den Post, einschließlich zweier Ärzte aus dem Altstädter (Krankenhaus) und Johannas Lieblingscousin“. Die Gehirnwäsche-Methoden, die George Orwell für seine Gedankenpolizei in „1984“ entworfen hat, funktionieren auch beim Trolling problemlos. Der Fake gelingt, weil keiner Fakten prüft. Man gibt sich in gefälschten Profilen als Hausfrau, Jus-Studentin, Sportler aus. Behauptet, eine Migrantenwelle hätten Schweden zerrüttet, bezeichnet Nato-Soldaten als Vergewaltiger einer Minderjährigen, richtet sich gegen die Minderheit der Roma, zeigt ein verschwommenes Video von Afghanen, die einen Polen mit Benzin übergießen und anzünden – in Wirklichkeit Bulgaren mit einem Kanister Wasser.

„Wir lernten konspirative Websites kennen und immer durchgeknalltere Blogger. So viel Hass auf einem Haufen hätten wir uns bis vor Kurzem nicht einmal vorstellen können.“ Johanna und der Ich-Erzähler müssen zusehen, wie ihre „Beiträge“ von WikiLeaks zu „Quellen“ ernannt und auf CNN zitiert werden, immer mit dem Totschlagargument der Meinungsfreiheit. In einem System, in dem die Selbstbedienungsmentalität der einen gegen die Arbeitslosigkeit und Armut der anderen steht, führt Hvorecky, selbst immer wieder Opfer von Digitalattacken, die perfidesten Auswüchse der exakt geplant und ausgeführten Propagandafeldzüge vor. Deren Generäle Kollege „Vollpfosten“ oder der Mann mit den 200 Internet-Identitäten oder – Überraschung! – des Ich-Erzählers doch nicht so proletarischer Hausmeister sind. Und er zeigt den durchaus harten Kampf seiner Protagonisten, nicht vom eigentlichen Ziel abzufallen, sich der Sucht nach der so angenehm anonymen Virtual Reality nicht zu ergeben.

Johanna wird schließlich wie vorgesehen die Initiative ergreifen, wird zulassen, dass sie als „Presstitute“ demaskiert, und, da der Mensch nach Puschkin entweder Verräter oder Häftling sein muss, ins Gefängnis gehen. Von wo sie ihre neue Netzkampagne, diesmal gegen die Lügenfabrik, ausweitet. Und wirklich, es formiert sich eine Gegenbewegung, Menschen erkennen sich als selbstständig denkende Individuen, der Samen keimt, doch die Idee braucht einen Sündenbock, und zu dem wird – siehe oben … Das Internet frisst seine Kinder. Michal Hvorecky hat mit „Troll“ in wütend dahinrasender Sprache einen mutigen Text vorgelegt, zielt er mit seiner verstörenden Satire doch auf eine gesellschaftspolitische Gegenwart, die punkto Fakt vs alternative Fakten realitätsblind geworden zu sein scheint. Unter #dontfeedthetroll postet Johanna: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen …“

Über den Autor: Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Tropen, Michal Hvorecky: „Troll“, Roman, 215 Seiten. Übersetzt aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.

www.tropen.de           hvorecky.wordpress.com

4. 2. 2019

Slobodan Šnajder: Die Reparatur der Welt

Januar 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kainsmal in der Achselhöhle

Das Kapitel, das den Buchtitel als Überschrift trägt, beginnt auf Seite 267. Da schließt sich Protagonist Đuka Kempf im Weglaufen von der Waffen-SS dem KZ-Flüchtling Leon Mordechai an. In Polen passiert das, und zwischen dem jüdischen, später von Antisemiten mit Eisenstangen erschlagenen Propheten und dem unfreiwilligen Soldaten entspinnt sich ein theologischer Streit über Gottes Verantwortung und den freien Willen des Menschen, wobei dem Mann der Schrift die „Endlösung“ als eine von Elohim gesandte Erlösung erscheint. Das Tikkun Olam beschwört der Rechtgläubige vorm Ungläubigen, das ewige, in kosmischer Katastrophe in Milliarden Funken zerbrochene Licht, das, wieder zu einem Ganzen gefügt, „Die Reparatur der Welt“ sein wird.

So nennt der kroatische Schriftsteller Slobodan Šnajder sein heute erscheinendes Opus magnum, seinen sprachmächtigen, opulenten, handlungsstarken Roman über die politischen Extreme des 20. Jahrhunderts, gezeichnet nach der eigenen Familiengeschichte, die sich ihm über den schriftlichen Nachlass seiner Eltern enträtselt hat. Derart entstanden ist eine Geschichte über gesellschaftliche Zugehörigkeit und rassische Zuordnung.

Über Elend und Entbehrungen, immer wieder Aufbruch, immer wieder Hoffnung und Menschen, die das Schicksal zwischen die Fronten führt, nur um sie dort im Stich zu lassen. Durch die Zeiten arbeitet Šnajder mit sich repetierenden Passagen, denn Historie wiederholt sich nicht, aber reimt sich bekanntlich, Briefen und den Kommentaren eines Ungeborenen. Dieser ist der Sohn des Đuka Kempf, Alter Ego des Autors, der in seinem Bestreben seine zukünftigen Eltern zum Paar zu vereinen durch weite Strecken des Romans führt. In Slawonien, in der Stadt Nuštar, im östlichen Teil des heutigen Kroatiens, nehmen die Ereignisse ihren Ausgang, wo 1938 der Nationalsozialismus die Švaben, die Donauschwaben, als Volksdeutsche „heim ins Reich“ holte, dem sie freilich nur Bürger zweiter Klasse blieben.

Medizinstudent Đuka Kempf ist einer von ihnen, einer, der einen altvaterischen deutschen Dialekt spricht und dieses kaum schreiben kann, und sich über sein neuverordnetes Herrenmenschentum lustig macht, wenn ihn nicht die Identitätskrise ob der neuen Eigendefinition beutelt. Weder Frankist noch Kommunist noch Maček-Mitläufer wird er als „Zwangswilliger“ zu Himmlers Spezialdivision „Galizien“ eingezogen und zusammen in einer Einheit mit Rumänen, Ungarn und nationalistischen Ukrainern nach Polen verfrachtet. Nicht nur wegen ihm, sondern auch wegen seiner potenziellen Mutter Vera bangt der Ungeborene um sein In-die-Welt-kommen. Ihr Leben wird parallel zu dem Đukas erzählt, ihre Inhaftierung im Konzentrationslager Stara Gradiška, aus dem sie nur im Gefangenenaustausch mit ihrem politisch wesentlich wichtigeren Bruder freikommt, worauf sie sich bewaffnet und den Partisanen anschließt. Und während Šnajder so seine Textspuren zieht, meint man zwischen den Zeilen seinen Ärger, die Aggression ob der Verhältnisse zu verspüren.

„Die Reparatur der Welt“ ist in jeder Hinsicht ein europäischer Epochenroman, beginnend mit Urvater Kempf, der im Hungerjahr 1770 dem Aufruf Maria Theresias zur Umsiedlung nach „Transsilvanien“ folgt, über die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und die Schrecken der Shoah in Mitteleuropa bis zu Ustascha-„Führer“ Ante Pavelic und dem Jugoslawien von Diktator Tito. Dass die Briten die Miliz an die Volksarmee auslieferte, Stichwort: Massaker von Bleiburg/Pliberk, dessen bis heute mit Ehrenkundgebungen rechtsextremer Kreise gedacht wird, sorgt in Kroatien nach wie vor und da auf dem Loibacher Feld in Kärnten veranstaltet auch hierzulande für Konflikte …

Neben seinen Haupt- führt Šnajder eine Vielzahl von Nebenfiguren ein, von Đukas jüdischem Jugendfreund Branko Šalamun, der spurlos verschwinden wird, über den Nachbarn und späteren KZ-Wachmann Hans Schlauss bis zum Wirthaus-Arisierer Pan Stanisław und der polnischen Partisanen-Ärztin Ania Sadowska. Die sich als Spionin ins SS-Lazarett einschmuggelt und nach dem Krieg bei den Säuerungen der Sowjets als dem Feind gedient habende Faschistin nach Sibirien verfrachtet wird.

Bild: pixabay.com

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Šnajder lässt die Realität im Hinterland von Auschwitz und Treblinka mit den surrealen Albträumen seines Antihelden in eins fließen. Kempf gelingt es zu desertieren und im Kampf aller gegen alle sowohl der Armia Krajowa wie den herumstreunenden Banditen wie dem kommunistischen Widerstand zu entkommen. Er zieht erst als Knecht von Bauernhof zu Bauernhof, bis ihn doch noch die Russen gefangen nehmen, ihn aber, weil er in einer slawischen Sprache redet, nicht inhaftieren, sondern einer Untergrundtruppe zuteilen, die Sabotageakte gegen die Deutschen verübt. Šnajder gelingen starke Szenen. Die Beobachtung der Kriegsvorbereitungen eines Ameisenvolkes wird zur Abhandlung über Totalitarismus. Das Gleichnis von Moses und der ehernen Schlange sieht der Zyniker als Gottes Gelingen, dem Menschen einen Götzen unterzujubeln. Schließlich eine, in der Kempf nächtens auf offenem Feld polnische Familien beobachtet, die eiligst von den Nazi-Schergen vergrabene jüdische Leichen aus dem hartgefrorenen Boden sprengen, grauenhafte Goldschürfer auf der Suche nach übersehenen Zahnfüllungen oder einem Stück Schmuck.

Für seinen „kleinen polnischen Krieg“ erhält Kempf endlich eine sowjetische Bescheinigung, mit der es ihm die Rote Armee erlaubt, ohne Strafverfolgung nach Jugoslawien zurückzukehren. Das Kainsmal in seiner Achselhöhle, die Blutgruppentätowierung, hatte er die ganze Zeit vor Land- wie Wehrmännern gut versteckt … Dass Đuka nun Vera kennenlernen und der Ungeborene frohlocken wird, dass er haltlos, Lyriker und Alkoholiker werden, dass sie Agitprop-Kämpferin für den Kommunismus bleiben wird, dass ihre Ehe nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Ideologien scheitern wird, schildert der Sohn vor dem Hintergrund der zeithistorischen Geschehnisse. Immer noch führt die Eisenbahnroute ostwärts, nur nun weit bis hinter den Ural, immer noch wird verhaftet und deportiert, nun die Deutschstämmigen aus Schlesien, Jugoslawien, dem Sudentenland, und Viehwaggon bleibt dabei Viehwaggon bleibt Viehwaggon – in einem von ihnen erkennt Kempf Ania wieder. Und zwischen Angst und Armut, zwischen keine und daher nur eine Wahl haben, gelangt Šnajder über Flüchtlinge und Vertriebene bis zu den ersten Gastarbeitern.

Da hat der mittlerweile 1948 Geborene längst das Ich-Erzählen angenommen, und kommt übers Ende seiner Eltern, das Private um nichts unkomplizierter als das Politische, bis zu den Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre und deren Opfer. Mit „Die Reparatur der Welt“ hat Slobodan Šnajder in doppeltem Wortsinn einen Jahrhundertroman geschrieben. Ihn zu lesen gleicht einer Zeitgeschichtsstunde. Šnajders Roman besticht durch seine schonungslose Ehrlichkeit ebenso, wie durch die schöne Sprache, mit der der Autor zwischen grausamster Härte und lyrischer Empfindsamkeit mäandert. Wobei er sich für zweiteres christlicher Motive, jüdischer Mystik und Traumbilder bedient. Ob man aus den ebenso rekonstruierten wie imaginierten Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten eine moralische Lehre ziehen kann, soll der Leser für sich selber entscheiden. Zur Lektüre empfehlen muss man „Die Reparatur der Welt“ jedoch auf jeden Fall.

Über den Autor: Slobodan Šnajder, geboren 1948 in Zagreb, war langjähriger Chefredakteur der Theaterzeitschrift PROLOG. Er schreibt Prosa, Essays und vor allem Bühnentexte. International bekannt wurde er durch sein Stück „Der kroatische Faust“, das in der Saison 1993/94 von Hans Hollmann am Burgtheater inszeniert wurde. Er ist politischer Kolumnist der Tageszeitung Novi list und seit 2001 Intendant des Theaters der Jugend in Zagreb. Für den Roman „Die Reparatur der Welt“ wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Zsolnay, Slobodan Šnajder: „Die Reparatur der Welt“, Roman, 544 Seiten. Übersetzt aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke

  1. 1. 2019

Burghart Klaußner: Vor dem Anfang

Januar 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwejkiade während der Schlacht um Berlin

„Vor dem Anfang“, damit meint Burghart Klaußner die Zeit vor der bedingungslosen Kapitulation der nazideutschen Streitkräfte. Es ist der 23. April 1945 in Berlin, und der Schauspieler, Sänger, Regisseur, nun auch Buchautor erzählt in seinem Debütroman von der Schicksalsgemeinschaft zweier Soldaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Fritz, der eine, der jüngere, ein Rausreder, Durchlavierer und kein Kind von Traurigkeit, hat die Front nicht einmal noch von Weitem gesehen. Schulz, der andere und im Schützengraben schon einmal schwer verwundet, ist stiller, zäher, grüblerischer, vorausplanender – und daher ratloser.

Der Krieg liegt in den letzten Zügen, die Russen rücken näher, und weil die beiden von der Fliegerreserve auf dem Flugplatz Johannisthal absolut nichts mehr zu tun haben und bei einer Zigarette dem Müßiggang frönen, verpassen sie den Abzug ihrer Truppe. Was dazu führt, dass sie vom letzten sich noch nicht verdünnisiert habenden Vorgesetzten dazu verdonnert werden, die Geldkasse der Einheit dem Reichsluftfahrtministerium zu überbringen. Der Auftrag bedeutet eine Tour quer durch die beschossene Stadt auf den einzig verbliebenen Fortbewegungsmitteln – zwei Fahrrädern.

Was folgt ist eine Schwejkiade während der Schlacht um Berlin. Klaußner schreibt unprätentiös und prägnant, klar und kraftvoll, seine knappe Sprache ein Synonym für die durchs Pedale-Treten und die permanente Angst vor Fliegerbomben und Granaten erzeugte Atemlosigkeit seiner Protagonisten. Deren Dialoge schwanken zwischen Lakonie und trockenem Humor, und dass Klaußner sie so wunderbar berlinern lässt, macht zum Gutteil den Charme des Buches aus. Man spürt die große Wärme, die der Autor seinen Figuren entgegenbringt, etwa, wenn er ihnen hilft, dem Irrsinn der vor ihnen liegenden vierundzwanzig Stunden mit dem einzig möglichen Mittel beizukommen: indem sie den Ereignissen mit Gelassenheit und Ironie begegnen.

Nicht nur stoßen die Kameraden, Fritz und Schulz sind keine Freunde und durchaus aufeinander misstrauisch, auf einen schießwütigen Leutnant, der mit bunt zusammengewürfeltem Volkssturm-Haufen eine ohnedies verlorene Stellung hält, sondern sie geraten immer wieder auch in Straßenkontrollen der Feldgendarmerie, die die Echtheit ihres Marschbefehls anzweifelt. Deserteure gibt es dieser Tage allüberall, an die Wand gestellt ist man schnell, und es ist Fritz‘ Berliner Schnauze zu danken, dass derlei brenzlige Situationen glimpflich ausgehen. Tatsächlich schmiedet das Duo Pläne zur Fahnenflucht, wenn auch unterschiedlicher Art. Schulz will sich in einer verlassenen Gartenkolonie, durch die sie radeln, verstecken, Fritz an den Wannsee, wo der besser situierte Promi-Gastwirt ein Segelboot liegen hat. Mit Zivilkleidung und genug Proviant, um das Ende der Auseinandersetzungen abzuwarten.

Bild: pixabay.com

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Was diese „Traute“ betrifft, unterfüttert der passionierte Segler Klaußner seine Momentaufnahme des Krieges mit als Rückblenden eingeschobenen Erinnerungssplittern, manchmal auch traumartigen Sequenzen. Diese Aufgabe obliegt Fritz, der an Augenblicke des Glücks auf seinem Schiff zurückdenkt, aber auch an seine Kindheit zwischen alkoholsüchtigem Vater und energischer Mutter, an Deformationen, die ihm seine Erziehung beigebracht hat, und an die Zeit seiner Selbstentdeckung, als er in einem aus der Erwachsenen-Bibiliothek entwendeten Buch „Brüste“ statt Bürste las. Auch die Verfolgung der Juden taucht aus Fritz‘ Gedanken auf, als ihm eine frühe Demütigung eines älteren Herrn mit Davidstern durch einen wütenden Mob wieder einfällt.

Klaußner erschafft plastische Nebencharaktere und pointierte Beschreibungen, die sich zu einer authentischen Kulisse für diesen Roadtrip durch Ruinen fügen. Eine der besten dieser Episoden ereignet sich in einem Luftschutzkeller, in dem Fritz und Schulz Unterschlupf finden, erst feindselig beäugt vom Luftschutzwart, „der aussah wie ein kaiserlicher Polizist, mit dickem Schnauzbart und friedensmäßiger Plauze“, bis ihnen eine Frau ein Stück ihres in Sicherheit gebrachten Kuchens anbietet – mit den Worten: „Ranjeklotzt und nich jezittert, ran an Sarg und mitjeweent!“ Schön auch die Szene, in der sich Fritz im ausgebombten Schillertheater auf einen der wenigen noch intakten Sitze setzt, und vor seinem geistigen Auge die Feenwelt der letzten hier gesehenen Vorstellung von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ aufersteht. Dies ein beinah biografischer Exkurs über das Haus, an dem Klaußner zu Beginn seiner Karriere engagiert war.

„Die Welt existierte zuletzt nur noch in einem Umkreis von einigen Kilometern. Ein Kreis, der sich wie durch ein elastisches Band, je nach dem Stand der Informationen, ausdehnte oder zusammenzog“, schildert Klaußner die prekäre Unordnung im Schatten des untergehenden Dritten Reichs, in dem sich Menschen zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht in unsinnig gewordener Pflichterfüllung ergehen oder Fluchtversuche mit ungewissem Ausgang wagen. Aus diesem Hin und Her bezieht „Vor dem Anfang“ seine soghafte Spannung, die Frage stellt sich, ob Fritz und Schulz den Waffenstillstand überhaupt noch erleben werden. Denn als die Soldaten nach ihrer Odyssee endlich im Ministerium ankommen, ist dort alles in hektischer Auflösung, alles rennet, rettet, flüchtet, Verhängnisvolles wird vernichtet oder auf Lastwagen verladen, und dann ist plötzlich Schulz weg. Fritz steht allein im sich leerenden Gebäude, und wird, als er sich die Stempelwut der Wehrmacht für sein Soldbuch zu Nutze machen will, von einem SS-Offizier hopsgenommen und Richtung Gefechtslinie geschleppt. Ausgerechnet. Auf den buchstäblich letzten Metern noch eingefangen.

Mit „Vor dem Anfang“ fordert Burghart Klaußner zur Selbstbefragung darüber auf, wie es sich in einer entmenschlichten Zeit zu verhalten gilt. Dieser ethische Anspruch macht seinen kammerspielartigen Roman ebenso lesenswert, wie Klaußners Talent mit knappen Strichen Stimmungen und Sinneseindrücke zu zeichnen. Was den Schluss betrifft, so dies: Wie bei jeder guten Geschichte gibt’s auch hier einen Regenbogen. Und an dessen Ende findet sich bekanntlich ein Goldtopf …

Über den Autor: Burghart Klaußner, geboren 1949 in Berlin, absolvierte das Max Reinhardt Seminar und spielte nach Anfängen bei Tabori, an der Schaubühne und dem Schillertheater an nahezu allen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. Er ist ständiger Gast im Ensemble des Burgtheaters, wo er derzeit in „Der Besuch der alten Dame“ zu sehen ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28967). Für seine Darstellung des Pfarrers in Michael Hanekes „Das weiße Band“ und eines entführten Managers in Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ wurde er jeweils mit dem Deutschen Filmpreis sowie dem Preis der deutschen Filmkritik als bester Darsteller ausgezeichnet. Grandios auch seine Leistung in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15024), für die er den Bayerischen Filmpreis erhielt. Burghart Klaußner ist Mitglied der freien Akademie der Künste in Hamburg und der deutschen Filmakademie. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg. „Vor dem Anfang“ ist sein erster Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“, Roman, 176 Seiten.

Burghart Klaußner liest aus „Vor dem Anfang“: www.youtube.com/watch?v=juCCvLBMMkU

Burghart Klaußner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=9361

www.burghartklaussner.de          www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs

Januar 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Stör-Schaschlik, serviert auf Dostojewski

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt“, sagt der Ich-Erzähler in Vladimir Sorokins jüngstem Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ und meint das wörtlich. Dies nämlich ist der Beruf des Géza genannten Protagonisten, er ist ein Star der Kulinarik-Szene, ein Grillgenie, das von einem elitären Event zum nächsten jettet, um gutsituierten Gourmets wie Gourmands seine Künste vorzuführen. „Book’n’Grill“ heißt dieses im doppelten Sinn delikate Vergnügen, meint das Wort „Book“ hier nicht das Buchen eines Privat-Chefs, sondern das begehrte Brennmaterial Buch.

Das Jahr ist 2037 und die Gutenberg’sche Erfindung Geschichte, Literatur zu „lesen“ bedeutet nur noch, sie in Flammen aufgehen zu lassen. Ein Showküchen-Spektakel, das sich eine neureiche und dekadente Nachkriegsclique etwas kosten lässt. 10.000 Pfund für zehn Jahre Haft, resümiert Géza nach einem Job, ist das Ganze doch höchst illegal, werden doch ausschließlich exquisiteste Erstausgaben entfacht. Die von sogenannten Antiquaren, heißt: einer Gilde besonderer Diebe, weltweit aus Bibliomuseen entwendet werden.

Géza, Budapester Kind eines belarussischen Juden und einer polnischen Tartarin, beide Flüchtlinge, er vor christlich-orthodoxen Fundamentalisten, sie vor islamischen, schließlich in Ungarn aufeinander getroffen, konzentriert sich auf die russischen Klassiker. Dostojewski, dessen „Idiot“ speziell geeignet für Schaschlik vom Stör, Tschechow für Ribeyesteaks, Tolstoi, Turgenjew, Soschtschenko, Seeteufelfilet auf Platonow …

Mit „Manaraga“ legt Sorokin eine seiner zynischsten Dystopien vor. Der Moskauer Autor, einer der präzisesten Analytiker des Putin-Systems und nicht zuletzt deshalb mittlerweile mit seiner Familie in Berlin lebend, der mit seinen Sci-Fi-Schauergeschichten aus der nahen Zukunft gern auf die gesellschaftspolitische Gegenwart feuert, hat seine grotesk-realsatirischen Geschoße diesmal nicht nur auf das gegenwärtige Russland gerichtet. Mag sein, „Manaraga“ ist inspiriert von der Tatsache, dass Sorokins eigene Romane von einer patriotischen Jugendorganisation schon auf dem Scheiterhaufen zerstört wurden, auch wird der Begriff Bücherverbrennung auf ewig mit dem Totalitarismus des Dritten Reichs verbunden sein – und so entwirft Sorokin das Bild eines refeudalisierten Europas, in dem Oligarchen, Tycoons, der Geldadel das Sagen haben.

Der Kontinent, wie man ihn kennt, ist passé, en passant wird erzählt von einem Krieg, einem „salafistischen Frühling“, endlich dem Großen Transsilvanischen Frieden, dies alles nur Schwingungen, Atmosphäre, nichts Ausgeschriebenes im Text, und vom neuen Leben in einer Art „aufgeklärtem Mittelalter“. Gegen dessen zweifelhafte Zeiterscheinungen die Schweiz zum Schutz geflügelte Legionäre bezahlt. Sie sind nur einer von Sorokins Fantasy-Einfällen, so wie auswechselbare Fingerabdrücke, Tarnhologramme, ein Zoomorph mit Fuchsgesicht oder jene „Flöhe“, überlegene Überwacher unklarer Herkunft, die, eingepflanzt im Hirn und hinterm Ohr, Wissen soufflieren und für Wohlgefühl sorgen. Géza gönnt sich gleich drei davon.

Bild: pixabay.com

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Über dessen Klientel handelt Sorokin nun nicht nur seine Missbilligung politischen Extremismus aller Art ab, von Autokratismus bis Isolationismus, sondern liefert auch ganz großartige Karikaturen auf die Welt der klassischen Musik, ein Koks schnupfendes Opernsängerpaar, das sich auf M. Agejews „Roman mit Kokain“ Süßkram kandieren lässt, Persiflagen auf die Filmindustrie, wenn bei einem „Der Meister und Margarita“-Dreh samt Bulgakow-Brutzeln die Crew als dessen Figuren Schwarzmagier Voland, Literaturfunktionär Berlioz oder Kater Behemoth auftritt.

Oder ergießt seinen Spott über das postsowjetische Schriftgut, mit dem zu Werke zu gehen Géza ja verweigert: „Wankja fegte die vollgepisste Treppe hinab, gab der Haustür einen Tritt, als wärs die löchrige Panzerweste eines Scheißukrainers, und fiel wie ein furzendes Sturmgeschütz in den Hof ein … Der Hof hielt die Beine für den Frühling gespreizt, die Erde geilte, die Jungs nicht minder … Was er jetzt brauchte, war ein Kescher aus starken und zärtlichen Worten … Ingrimmig, dass ihm schwarz vor Augen wurde, sog Wankja die Frühlingsluft in sich ein und brüllte: ,Fotze, ich schlag dich tot!‘“ Grandios als Gegensatz eine Bibliophilen-Parodie, ein Auftraggeber, der sich für Tolstoi hält, seine Verwandten als dessen Frau Sofja Andrejewna, Tochter Tanja, seinen Diener als Dichter Afanassi Fet auftreten lässt, und über dem von ihm selber verfassten Manuskript mit dem Titel „Tolstoi“ Karottenlaibchen auf einem Kosakensäbel aus dem 18. Jahrhundert gebraten haben will.

Spät kommt Sorokin auf den Buchtitel zu sprechen: Manaraga, ein 1662 Meter hoher Berg in der im Ural gelegenen Republik Komi, in einer von dessen Höhlen ein Umsturz vorbereitet wird, eine Revolution, die die Essensbuchkultur von Grund auf verändern will. Die Edelköche sind in der wie eine Loge aufgebauten geheimen Bruderschaft der „Großen Küche“ organisiert, und die wird plötzlich von einem anonymen Feind angegriffen, der in einer mysteriösen Maschine auf dem Manaraga Nabokows „Ada“ am laufenden Band reproduziert. Lauter Erstausgaben-Klone, „festes Papier (wood pulp), 626 Seiten, Ganzleinen, Schutzumschlag aus Kreidepapier, brennt wie eine Kiefer aus Rhodos“, die sich von Meeresfrüchten bis Wildbret für vieles eignen. Eine billige, legale Konkurrenz zu den geraubten Originalen, eine Gefahr für den „Book’n’Grill“-Markt, dessen Garen für einen erlesenen Circle durch die Bücherflut zur Massenausspeisung werden wird. Folter in einer Riesenfritteuse soll den Verräter ermitteln, dann schickt die „Große Küche“ ausgerechnet Géza in den Kampf gegen den Vervielfältiger …

Mit diesem Twist Richtung Thriller gibt Sorokin seiner Satire auf den letzten 35 Seiten noch einmal ordentlich Zunder. Sein Gruß aus der Küche ist nicht nur eine geistreiche Abrechnung mit einer (bildungs-)bürgerlichen Überflussgesellschaft, der der Konsum als neuer Gott gilt und deren Vergnügungen zunehmend verrückter und weltschädigender werden, nicht nur ein Metakommentar zu jenen rechten Regimen, zu denen Europas Demokratien mehr und mehr mutieren, nicht nur eine Selbstironisierung seiner Rolle als Schriftsteller und der Tradition, auf der diese fußt, ein Abgesang aufs Gedruckte zugunsten des Digitalen, spannend und unterhaltsam, bissig und manchmal unerwartet lyrisch, sondern darüber hinaus ein Buch, das Lust auf Mehr- und Nachlesen macht. Der Fülle literarischer Anspielungen, Zitate und Querverweise muss man einfach hinterher spüren, und „Tschewengur“, „Krieg und Frieden“, „Verbrechen und Strafe“, „Gespenster“ wieder oder zum ersten Mal in die Hand nehmen. Um danach den nächsten Sorokin zu lesen.

Über den Autor: Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie „Die Schlange“, „Marinas dreißigste Liebe“, „Der himmelblaue Speck“ und zuletzt „Der Tag des Opritschniks“, „Der Zuckerkreml“ und „Der Schneesturm“. Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman „Telluria“. Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Kiepenheuer & Witsch, Vladimir Sorokin: „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen von Andreas Tretner.

Videolesung von Vladimir Sorokin und Andreas Tretner: www.youtube.com/watch?v=nCIme600nQ8

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  1. 1. 2019