Michael Köhlmeier: Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle

Dezember 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die politischen Reden des großen Erzählers

„Mir wäre lieber gewesen, man hätte mich nicht gefragt, ob ich hier sprechen will“, sagte Michael Köhlmeier am 4. Mai 2018 in der Wiener Hofburg. Nur etwas mehr als sechs Minuten sprach er, doch seine Rede hallte durchs ganze Land. Eindringlich wandte sich der große Erzähler gegen eine nicht nur in Österreich, sondern weltweit immer salonfähiger werdende Staatsführung der Ablehnung und der Ausgrenzung.

Im bei dtv erschienenen Band „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“ sind nun erstmals Köhlmeiers gesammelte Reden nachzulesen. Unerschrockene Kommentare zur Politik dieser Tage, in der Sinnverdrehungen durch „alternative Fakten“ hoffähig geworden sind, wortmächtige Appelle, sich der so entstehenden Wortverzerrungen bewusst zu bleiben und sich zu empören – über den schleichenden Verfall jeglicher Debattenkultur. Neben dem vor gerechtem Zorn glühenden Hofburg-Auftritt sind im Buch unter anderem eine Rede zur Einweihung eines Mahnmals zur Erinnerung an die Bücherverbrennung 1938, die ORF-Rede 2017, an jenem Neujahrstag, als es keinen Bundespräsidenten gab, und eine zur zehnjährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs enthalten.

Als keinen besonders wachen Bürger, „wankelmütig, urteilsunsicher, voller Zweifel, allerorts mit der eigenen Uninformiertheit und Ungebildetheit konfrontiert, schwankend zwischen schmachtender Mediengläubigkeit und anarchistischer Garnichtsgläubigkeit“, bezeichnet sich Köhlmeier. Eine Aussage, die sich spätestens dann ad absurdum fühlt, wenn dem Bürger Köhlmeier, wieder einmal der Geduldsfaden reißt. Wenn Politiker ihre „Sorge“ um den Antisemitismus dazu missbrauchen, Rassismus gegen Muslime zu schüren, wenn der Europagedanke zum Witz degradiert, wenn Demokratie zum Recht der Mehrheit über Minderheiten pervertiert wird.

Fordert jemand Köhlmeier auf, eine politische Rede zu halten, so Hanno Loewy in seinem fabelhaften Nachwort, erzählt er von seinen Begegnungen mit Menschen, oder vom Schmerz darüber, dass ihm solche nicht gelungen sind, erzählt von seiner Großmutter, die ihn in die Welt der Märchen eingeführt hat, von seiner Mutter, dieser unermüdlichen Krankheitsbekämpferin im Rollstuhl. Doch dann kann es ihm passieren, dass seine Trauer über jene, die ihre Geschichte nicht leben konnten, weil sie von der Politik ausgelöscht oder zum Spielball zynischer Ressentiments gemacht wurden, in Wut umschlägt. In eine Wut, der es gilt, die Würde des Menschen zu verteidigen. Das ist mehr politisches Programm, als manche Parteien sich ausdenken können.

Köhlmeier schärft die Sinne seiner Zuhörer, nun Leser, für den Missbrauch von Sprache durch politische Parolen, und für die Aufmüpfigkeit, sich dem Populismus zu widersetzen. Er zitiert Roberto Benigni und Leonard Cohen und Giorgio Agamben und Bertolt Brecht. Er sagt: „Ich nehme unseren Innenminister ernst. Er hat alle Tassen im Schrank; sie sind nur anders angeordnet als meine Tassen, aber geordnet sind sie.“ Er denkt laut darüber nach, was es bedeutet, Flüchtlinge „konzentriert an einem Ort zu halten“, über den Hochmut gegen jene, die sich gefälligst hintanstellen sollen, wenn vor ihnen die Schalter geschlossen, die Mittelmeergrenzen abgeschottet werden, es ihnen „ungemütlich gemacht“ wird.

Er philosophiert beinah prophetisch über die, die „den Namen George Soros als Klick verwenden zu Verschwörungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der Weisen von Zion“. „Sichthaltige Gerüchte“, sagt Köhlmeier, dieser Terminus werde schon bald seinen Weg in die Wörterbücher finden. Und er kommt zu dem Schluss: „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“ Unbedingt nachlesenswert!

Über den Autor: Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren und lebt heute in Hohenems in Vorarlberg. Er studierte Germanistik und Politologie in Marburg sowie Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Michael Köhlmeier schreibt Romane, Erzählungen, Hörspiele und Lieder und trat sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Er erhielt für seine Bücher zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Rauriser Literaturpreis, den Johann-Peter-Hebel-Preis, den Manès-Sperber-Preis, den Anton-Wildgans-Preis und den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur. Im Herbst 2018 erschien sein neuer großer Roman „Bruder und Schwester Lenobel“.

dtv Literatur, Michael Köhlmeier: „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen“, politische Reden, 96 Seiten. Mit einem Nachwort von Hanno Loewy.

www.dtv.de

  1. 12. 2018

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment

November 25, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Angst vor Körperflüssigkeiten

„Das große Experiment“, so heißt der Kleinverlag eines Pornomillionärs, in dem Lektor Kendall sein finanziell unbefriedigendes Dasein fristet, gerade dabei, dies das Titelzitat, Alexis de Tocquevilles bahnbrechende Publikation „Über die Demokratie in Amerika“ zu einer konsumierbaren Kurzfassung zu verdichten. Wegen der Knausrigkeit des Chefs, der sich weigert, ihm die Krankenversicherung zu bezahlen, werden Kendall und sein Kollege Buchhalter zu Betrügern. Doch just in dem Moment, in dem sie beginnen, in großem Stil Geld abzuzwacken, erweist sich eben jener Jimmy unerwartet als so ungeheuer großzügig, und auch als intelligenter und informierter als angenommen, dass Kendall plötzlich tief in der Pasche sitzt …

„Das große Experiment“ ist eine von zehn Erzählungen, die im gleichnamigen Buch zur ersten Kurzgeschichtensammlung von Jeffrey Eugenides zusammengefasst sind. Sie stammen aus 30 Jahren Autorschaft, umspannen also ein ganzes Schriftstellerleben, das mit dem Pulitzer-Preis für „Middlesex“ bis dato seinen Höhepunkt hatte, und was sich sagen lässt, ist: der Epiker ist auch auf der Kurzstrecke ein Gewinner.

Die Themen, Liebe oder was dafür gehalten wird, Ehe und ihre Probleme, Identitätskrise und Geschlechterkrieg, sind Eugenides eigen. Das geheimnisvolle Vom-Mädchen-zur-Frau-Werden, die erotische Färbung gleichgeschlechtlicher Freundschaften, die Verlockung Freitod, das ist beispielsweise aus den „Selbstmord-Schwestern“ bekannt, und kommt hier, in der Erzählung „Launenhafte Gärten“ aus dem Jahr 1988, als sozusagen Subtext vor. Während die Handlung von zwei ältlichen Junggesellen vorangetrieben wird. „Das Orakel der Vulva“ aus dem Jahr 1999, in der ein Sexualforscher im Dschungel Guatemalas über soziales und biologisches Geschlecht bei einem Eingeborenenstamm berichtet, legt die Fährte direkt zur zweigeschlechtlichen Romanfigur Calliope/Cal Stephanides.

Eugenides‘ Short Stories sind virtuos komponiert, zutiefst anrührend und, da ja „nur“ als Schlaglichter auf menschliche Schicksale gerichtet, nahezu verschwenderisch detailverliebt. Da benehmen sich Söhne, die die demente Mutter ins Heim abschieben, so verdächtig unauffällig wie Geheimagenten. Da wird ein mit schmutzigen Socken und Slips zugemülltes Schlafzimmer zur Höhle zweier Bären. Da erfüllt sich in „Die Bratenspritze“ eine bis dato mehr karriere- als männergeile Forty-Something mit ebendieser den Babywunsch. Diese 30-Seiten-Geschichte wäre gut für einen ganzen Roman, mit skurril-satirischer Zuspitzung dank eines Losers namens Wally Mars, dessen besondere Merkmale Knubbelnase und Glubschaugen rätselhafter Weise beim Neugeborenen erkennbar sein werden … Vor Körperflüssigkeiten aller Art darf man bei diesem Autor keine Angst haben.

Bild: pixabay.com

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Eugenides ist ein begnadeter Stilist, er kann’s als Humorist, kann Sarkasmus, aber auch die komplette Skala der großen Gefühle bespielen. Die Motive, die seine Ausführungen als Klammer zusammenhalten, siehe Tocqueville, zeigen eine USA in anhaltender Krise. Samt Bankencrash und dem Ins-Verderben-Reißen der kleinen Sparer, dem sich von Wahl zu Wahl neu vollziehenden politischen Wertewandel, und der Frage, wie die Generationen X, Y, Z auf die zunehmend prekären Verhältnisse überhaupt noch reagieren können. In einer verzweifelt melancholischen Geschichte über einen maroden Motelbesitzer bleibt diese, so wie das Ende, offen. Das macht Eugenides immer wieder, nichts auserzählen, sondern das Ganze im Leser atmosphärisch nachwirken lassen.

„Such den Bösewicht“ heißt die persönlich als beste empfundene Erzählung. Darin sitzt ein Ehemann im Gebüsch vor seinem Haus und beobachtet seine Familie. Nach und nach deckt dieses „Ich“ auf, dass es polizeilich von daheim weggewiesen wurde. Weil der Mann meist alkoholisiert und dann ein Gewalttäter ist, weil ein Streit, nachdem seine Sexaffäre mit der Babysitterin aufgeflogen war, eskalierte. Oder ist das alles doch nicht so passiert? Wie dieses Ich sich selbst darstellt und wie Frau und Kinder ergo ihm unverständlich panisch auf sein Verhalten reagieren, diese Beschreibung ist große Kunst. Auch darüber hätte man gern mehr erfahren. Aber, wer weiß?, vielleicht kommt ja noch ein Bösewicht-Buch.

Über den Autor: Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit in Michigan, bekam 2003 für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis und den Welt-Literaturpreis verliehen. Sein erster Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ wurde 1999 von Sofia Coppola verfilmt, und war vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen in einer Theaterfassung zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29022). Außerdem veröffentlichte er die Anthologie „Der Spatz meiner Herrin ist tot. Große Liebesgeschichten der Weltliteratur“ und den Roman „Die Liebeshandlung“, für den er den Prix Fitzgerald und den Madame Figaro Literary Prize erhielt. Er lehrt als Lewis and Loretta Glucksman Professor Amerikanische Literatur an der New York University.

Rowohlt, Jeffrey Eugenides: „Das große Experiment“, Erzählungen, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen.

www.facebook.com/jeffreyeugenidesnovelist

www.rowohlt.de

  1. 11. 2018

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

November 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Irgendwie im Innersten verstanden

Alles ist möglich von Elizabeth Strout

Eine der Figuren, die Elizabeth Strout in ihrem jüngsten Roman zum Ensemble versammelt, kennt man bereits. Lucy Barton, die Bestsellerautorin, war die Protagonistin in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705). Damals lag sie im Krankenhaus und haderte mit ihrer unerträglichen Mutter, nun erfährt man endlich mehr über Lucys Background und versteht vieles besser, die Schriftstellerin stammt von einem Einschichthof, die Familie extrem arm, die Eltern auf seltsame Weise sadistisch.

Als Lucy deren Haus einen Besuch abstattet, mit Bruder und Schwester auf der ramponierten Couch sitzt, erleidet der Literaturstar eine Panikattacke. Sie will trotz besten Willens nichts hören von den verrohten Verhältnissen der Vergangenheit, und Lucy, die bei einer Lesung den Wahrheitsgehalt des Geschriebenen einfordert, nimmt vor ihrer Herkunft Reißaus …

In der Figur Lucy Barton laufen Strouts Handlungsfäden zusammen, sie dient den anderen Charakteren als Projektionsfläche, auch Reibebaum, alle kennen ihre Bücher, und schwanken zwischen Neid und Beglückung darüber, dass es eine von ihnen geschafft hat – rauszukommen aus Amgash, Illinois.

Mit „Alles ist möglich“ ist die große Erzählerin Strout ihrem Meistermetier treu geblieben: in sich verwobenen Kleinstadtgeschichten. Unsentimental und ohne jemals in Stereotype zu verfallen, breitet sie ihr Antiidyll über Amerikas wirtschaftlich abgehängten, geistig verstockten, seelisch verkümmerten Mittleren Westen aus. Eine Welt zwischen Maisfeldern, Sojabohnenanbau und Windparks, in dem ein genügsamer, schweigsamer, in sich gekehrter Menschenschlag lebt, dessen Wortkargheit sie mit einer einfachen Sprache illustriert. Und es ist wie stets bei der Strout, wiewohl die Grundvoraussetzungen für die Figuren nicht die besten sind, und deren Grundton ein melancholischer, sind ihre Short Cuts ein Herzenswärmer.

Weil man sich wie die, diese zwar sachlich, aber nie distanziert schildernde, Autorin alsbald in die Akteure verliebt. Allen voran in die übergewichtige Lehrerin Patty Nicely, sie die zweite Klammer der lose verknüpften Kapitel, die sich von ihren Schülern demütigen lassen muss, und heimlich den Buchhändler Charlie Macauley anhimmelt. Der sich wohl von seiner hysterischen Frau Shirley scheiden lassen möchte, aber nicht für Patty, sondern für die Prostituierte Tracy, die ihn schlussendlich um viel Geld erleichtert. In den Schulwart Tommy Guptill, der seine Farm durch einen Brand verlor. In Pattys Schwester Linda, die für ein Leben im Wohlstand die Partykeller-Vergewaltigungen ihres Ehemanns erduldet, und in Pattys beste Freundin Angelina, die nicht fassen kann, dass ihre Mutter, noch dazu in Italien, eine späte Liebe findet.

Bild: pixabay.com

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Strouts Geschöpfe sind allesamt nicht mehr jung, sondern zwischen Fünfzig und Achtzig, zackig, mit zwei, drei kühnen Strichen sind sie als Figur entworfen. Sind vom Leben und vom Krieg, und die USA sind ja ständig in einem, Beschädigte. Leiden an Angst und Scham, vor anderen und vor allem sich selbst und die Frauen dazu wegen ihres Körpers – „Das Bild, das Annie vor sich sah, war das einer Wurst: eine Wurst, in deren Pelle sie ein Löchlein gepiekst hatte, und durch dieses Löchlein versuchte sie sich ins Freie zu winden … die Pelle der Wurst war Scham. Ihre Familie war in Scham eingeschweißt.“ Strout, Psychopathologin für dysfunktionale Charaktere, lässt sie ihre Gefühle wie folgt vergleichen – als Echo von Schmerzen, die im Bewusstsein widerhallen: „Damals hatte er gemerkt, dass es, wenn man statt dem Nagel den Daumen erwischte, einen Sekundenbruchteil gab, in dem man dachte: Komisch, dafür wie fest ich zugeschlagen habe, geht es eigentlich … Und erst dann, erst nach diesem Moment trügerischen, ungläubigen, dankbaren Aufatmens, kam der Schmerz herangetobt.“

Amgash, das kleine Provinzkaff mitten im Nirgendwo der Prärie, wird durch Strout zur Schmiede diverser Schicksale, diese wie stets bestimmt durch Einsamkeit und Verwirrtheit und einem den Umständen-Ausgeliefertsein, durch Katastrophen und Unglücksfälle und immer wieder Ehedramen. Doch mehr als man’s gewohnt ist, lässt sie in ihre Storys diesmal Gewalt und Missbrauch einfließen. „Eine Frau, die seufzt und klagt, ist wie eine Portion Dreck, die man dem lieben Gott unter den Fingernagel schiebt“, denkt dazu an einer Stelle Dottie, und es ist eine der originellsten in dieser Perlenreihe kurioser, auch geheimnisvoller Geschichten, wie die Besitzerin einer Frühstückspension von Zimmermietern veralbert wird, und wie sie dafür Rache nimmt. Bei aller Trostlosigkeit lässt Strout ihre Figuren doch immer wieder Trost durch derlei verwegene Taten zukommen.

Das hallt im Leser lange nach, und man fühlt sich selbst als Mensch wie Patty bei der Lektüre von Lucy Bartons neuem Buch: Irgendwie im Innersten verstanden. Und am Ende, ein Hoffnungsschimmer, wird es eine neue Lucy geben, ein Mädchen, rotzfrech und renitent, und ihm wird ebenfalls die Flucht vom flachen Land gelingen …

Über die Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705) kam auf die Longlist des Man Booker Prize 2016. Erschienen sind außerdem „Das Leben natürlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6494) und „Bleib bei mir“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11917). „Alles ist möglich“ erhielt ein überwältigendes Presseecho in den USA und stand in allen großen Medien auf den Empfehlungslisten; die Übersetzungsrechte wurden in 16 Länder verkauft. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Luchterhand Literaturverlag, Elizabeth Strout: „Alles ist möglich“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand/

  1. 11. 2018

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

November 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erinnerung ist nicht zu trauen

Lempi, das heißt Liebe auf Altfinnisch. Und Lempi heißt auch die Frauenfigur in Minna Rytisalos vielschichtigem und dennoch so schlichtem, stillem Debütroman. Rytisalo erlaubt sich den gewagten Kunstgriff, ihren Hauptcharakter gar nicht anwesend sein zu lassen. Drei Ich-Erzähler schildern aus ihren persönlichen Perspektiven wer und wie diese abwesende Lempi war, gestalten sozusagen ein Psychogramm hoch drei. Das Buch beginnt mit Briefen einer Elli an einen Viljami 1944, mitten im Lapplandkrieg. Es ist kein Fehler, das Nachwort der Übersetzerin Elina Kritzokat als erstes zu lesen, denn wenig weiß man hierzulande über den Dreieckskonflikt Finnland-Sowjetunion-Nazideutschland, in Finnland selbst war das Thema lange Zeit tabu.

Denn die Finnen hatten die Wehrmacht, der nationalsozialistische Partner aus politischen Gründen wohlweislich nur „Waffenbruder“, nie offiziell Verbündeter genannt, selbst ins Land geholt. Als Hilfe gegen die schließlich aber doch siegreichen Russen. Mehr als 200.000 Deutsche lebten und kämpften mehr als drei Jahre lang Seite an Seite mit den Finnen. Und da viele Frauen allein waren, die Männer an der Front, sie als Schreibkräfte bei der Wehrmacht eingeteilt, entspannen sich nicht wenige Liebesbeziehungen.

Bis die Russen verlangten, die Deutschen aus dem Land zu treiben, und die Frauen und deren Kinder zu Geächteten wurden. Diskriminiert bis spät in die 1960er-Jahre. In dieser zeitgeschichtlichen Realität voller Gefahren und Entbehrungen und Kriegsverheerungen, russischen Partisanen und Fallschirmspringern, und am Ende mehr als 90.000 finnischen Toten, hat Rytisalo ihre Fiktion verankert. Ihre Figuren stecken als deren Bestandteil in dieser Zeitgeschichte fest.

„Sie trägt Puder, Lippenstift und Lederstiefel, dazu das süße Lächeln der Verwöhnten“, heißt es über Lempi erst. Doch dann kommt der junge Einödbauer Viljami zu Wort, Frontheimkehrer ist er nun, auf dem Rückweg zu seinem Hof, war offenbar im Lazarett, wo man sein Kriegstrauma mit Elektroschocks zu „heilen“ versuchte. Doch bevor er eingezogen wurde, war ihm ein halbes glückliches Ehejahr mit der schönen Ladenbesitzerstochter aus der Kleinstadt gegönnt. Mit ihr war’s Liebe auf den ersten Blick, nun hat ihn Elli schriftlich davon unterrichtet, Lempi „wurde beim Einsteigen ins Auto eines Deutschen gesehen“. „In meinem Universum ist der Mittelpunkt verschwunden“, lässt er seine für immer gegangene Frau wissen, an die er sich mit seiner Erzählung in vertraulichem Du wendet, und er berichtet ihr von seinem „andauernden Schmerz“, dieser wie „eine schwelende, quälende Brandwunde“.

Von schwermütiger Lieblichkeit ist diese Schilderung des einstmals so schüchternen, stadtfremdelnden, über das „allerhand Frauenzeugs“ von Hutschachteln bis zur spitzenverzierten Bettwäsche seiner Angetrauten überraschten Bräutigams, die Sprache einfach und doch poetisch, aber sie wäre dennoch literarisch kaum der Rede wert, würde Rytisalo nicht taktisch kluge Querverweise auf die kommenden Berichte ziehen. Zwischen Viljamis Zeilen sind schon die anderen zu lesen, Elli, die sich als Magd herausstellt, und die Zwillingsschwester Sisko, und dass Lempi schwanger und einsam und verzweifelt war wegen der mangelnden Freundlichkeit der einen und dem Fehlen der anderen.

Elli gehört denn auch Teil zwei des Buchs, sie, die mit dem angenommen Antero und Lempis leiblichem Sohn Aarre bereits unversehrt auf den Hof zurückgekehrt ist, die „Mutter“ genannt werden will, und es auch wird, und die Viljami will, auf den sie nun Tag um Tag wartet. „Dies ist der Ort, für den ich bestimmt bin, und du bist jetzt nicht mehr da, um zu stören“, richtet sie Lempi aus, und: „Jetzt kommt meine Zeit.“ Hasserfüllt und von Hexensprüchen durchdrungen und auf ganz andere Art beschränkt, als Viljamis goldene Erinnerungen, sind die von Elli.

Bild: pixabay.com

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Ihre Schimpftirade ist die eines eifersüchtigen Weibs, berechnend, aber auch ängstlich, wenn sie ihre Herrin als feine Dame in schicken Kleidern schmäht, die es darauf angelegt hätte, hervorzukehren, „dass wir unterschiedlicher Herkunft und Rasse sind“. Ihre wirren Gedanken zeichnen ein gänzlich anderes Bild von Lempi, eines, das von Eitelkeit und Trägheit geprägt ist, und mehr und mehr beginnt man sich zu fragen, wo der Kern der Wahrheit liegt. Der Erinnerung ist nicht zu trauen, ein weiteres Rätsel tut sich auf, ist Elli eine Mörderin?, bevor sie erschrickt, als der Mann „mit toten Augen“ plötzlich dasteht.

„Das ist das Dumme an Erinnerungen, man kann nie ganz sicher sein“, sagt schließlich Sisko, die sich mit dem Betrachten alter Familienfotos auf den Besuch einer „Redakteurin“ vorbereitet. Auch ihr Leben war ein tragisches, ihre Geschichte ist die komplexeste. Sie war es, die tatsächlich mit einem Deutschen, ihrem Geliebten Max, nach Hamburg ging, trotz der von ihm ausgeübten psychischen und physischen Gewalt, „die Verkleidungsspielchen, die sonderbaren Praktiken und überhaupt Max‘ dominante Art gefielen mir gar nicht“, dort von ihm verlassen wurde und sich alleine im fremden Land durchschlagen musste. Weil es ihr lange Zeit verunmöglicht war, wegen ihres „besudelten Rufs“ nach Finnland zurückzukehren.

Siskos Part ist der historisch relevanteste, Generaloberst Dietl oder die Frauenorganisation Lotta Svärd finden Erwähnung, und ihren Andeutungen ist zu entnehmen, dass diese Beichte schon weiter in den Jahren liegt. Sie ist nun betagte Rednerin auf Erinnerungsveranstaltungen.

Die einstige Vaterlandsverräterin nun „Frau Doktor“, die, für sie hat Rytisalo eine gewähltere Sprechweise als für die anderen gefunden, über ihr Flüchtlingsschicksal Auskunft gibt. Von Sisko erfährt man, dass Lempi dominant war, die Schwester von ihr immer niedergehalten, doch ist deren Eifersucht, statt Ellis gehässiger, eine liebevolle. Sisko weiß auch, dass Lempis Anbändeln mit Viljami einem Spiel entsprang, einer Wette zwischen den Mädchen, Lempi solle dem Nächstbesten den Kopf verdrehen, der an den Verkaufstresen tritt. Ob daraus gewollt Ernst wurde, bleibt offen.

Sisko löst schließlich das Geheimnis um Lempi und Elli auf, doch entschlüsselt sie die Leerstellen des Romans nicht ganz. Für den Leser ergibt sich zwar aus den drei Erzählsträngen, die im jeweiligen Wissensstand des Protagonisten verhaftet bleiben müssen, die eine oder andere fürchterliche Erkenntnis, etliches jedoch erschließt sich in raffinierter Weise nicht. Ist Sisko auf Viljamis Hof gekommen, um dem Verschwinden ihrer Schwester nachzuforschen? Ist der „schweigsame, genügsame“ Mann, den sie nun den ihren nennt, er? Hat sie seine Söhne großgezogen? Es ist die große Wirkung von Minna Rytisalos Roman, dass man das am Ende nicht weiß. „Man erfasst einen Menschen nie ganz. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das wirklich begriffen habe“, sagt Sisko.

Über die Autorin: Minna Rytisalo, geboren 1974 in Lappland, arbeitet als Finnischlehrerin und schreibt einen literarischen Blog. „Lempi, das heißt Liebe“ ist ihr erster Roman und wurde von finnischen Bloggern als bester Roman 2016 mit dem Blogistania-Finlandia-Preis ausgezeichnet; außerdem erhielt Rytisalo 2017 den Botnia-Literaturpreis.

Hanser Verlag, Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 11. 2018

Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse

November 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nation, aus dem Terror geboren

Während dieser Tage wegen stockender Friedensverhandlungen die Palästinenser-Führung einmal mehr beschloss, Israel die Anerkennung als Staat zu entziehen, berichtet Stewart O’Nan in seinem aktuellen Buch „Stadt der Geheimnisse“ von der Stunde Null vor dessen Gründung. Auf 224 Seiten macht der US-Schriftsteller vor allem eines deutlich: das Gelobte Land ist aus dem Terror geboren. Hagana, Irgun und die Lochamei Cherut Jisrael alias Stern-Bande, „die Verteidigung“, die „Nationale Militärorganisation“ und die „Kämpfer für die Freiheit Israels“, bekriegen die britische Mandatsherrschaft, wo sie sie zu fassen kriegen. Vom Irgun-Anführer und späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt auch das einleitende Zitat: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen.“

Dieses Himmelsgeschöpf hat Protagonist Brand nie gesehen. Er ist, was Gott betrifft, „einer, der nicht wusste, wie man fragt“. Brand ist lettischer Jude, als solcher interniert erst von den Nazis, dann von den Russen, seine gesamte Familie im Holocaust ermordet. 1947 gelangt er nach Jerusalem, und wird mit gefälschten Papieren als „Jossi“ Taxifahrer – im Auftrag der zionistischen Untergrundkämpfer.

Tagsüber fährt er Touristen zu den Besichtigungsstätten ihrer Pilgerreise, nächtens die Terroristen. So beginnt O’Nans düsterer Roman noir über einen persönlichen, wie einen politischen Kampf um Unabhängigkeit – und die Sehnsucht nach dem Erlöschen von Erinnerungen. Alle aber stehen hier am „offenen Grab der Vergangenheit“, und mit einer Szene über die Willkür und Gewalt britischer Soldaten bei einer Verkehrskontrolle, zieht einen der Autor sofort in Bann und mitten hinein in die Atmosphäre der Stadt.

„Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers“, formuliert O’Nan. Gefahr flirrt in der Luft, während der seelisch Kriegsversehrte von den Schuldgefühlen des Überlebthabenden und von Bildern erlebter Gräueltaten heimgesucht wird, Bildern von „nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren“, und vom „Kameraden Koppelmann“, der von einem KZ-Aufseher totgetreten worden war. Einmal, da ist Brand vom bloßen Chauffeur bei Einsätzen längst zum Mitattentäter avanciert, denkt er betroffen, er belle die Drohungen und Befehle an die Geiseln im verabscheuungswürdig vertrauten Tonfall dieses Peinigers.

Für „Eretz Israel“ wird ein E-Werk in die Luft gejagt, ein Zug mit Lohngeldern überfallen, ein Major entführt – was gründlich schief geht. Brand ist nur ein kleiner Fisch, in den tieferen Sinn der Aktionen ist er nie eingeweiht, die großen Zusammenhänge erfährt er nach den Anschlägen aus dem Radio, von der „Stimme des kämpfenden Zion“. Dann ist er zwar stolz, dabei gewesen zu sein, aber anders als seine Mitstreiter in der Zelle, der sleeke Anführer Asher, der hinter seiner Brille blinzelnde Lipschitz, die undurchsichtigen, unzertrennlichen Fein und Yellin, der charismatische Gideon, „weigerte er sich, wahrscheinlich, weil er Häftling gewesen war, Hinrichtungen als Waffe zu akzeptieren“. Neben den Männern kommen zwei Frauenfiguren vor – wie es sich für einen Spionagekrimi gehört, eine „geheimnisvolle Blonde“, und Eva, eine Prostituierte mit einer geheimnisumwitterten Narbe im Gesicht, zu der Brand eine komplizierte Beziehung unterhält.

Sie wird sich als involviert, wenn nicht sogar ausführendes Organ, beim Bombenanschlag auf das King David Hotel herausstellen, eine von O’Nan vorgenommene Zeitverschiebung, fand dieses von der Irgun verübte Attentat tatsächlich doch schon am 22. Juli 1946 statt, und während sich für Brand und damit den Leser allmählich entschlüsselt, wer aller zur Organisation gehört, Vermieterin, Lebensmittelhändler, sein Taxiunternehmer-Chef, gibt es innerhalb der Zelle Verhaftungen. Und plötzlich wird ein Verräter gesucht, und es gibt ein Mordopfer mit symbolträchtig herausgeschnittener Zunge …

Bild: pixabay.com

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„Die Stadt der Geheimnisse“ ist eine kompakte, schlicht und umstandslos erzählte Geschichte. O’Nans Schilderungen der Vorgänge hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen durchs geistige Auge wie ein Schwarzweißfilm aus, als wäre dies hier ein literarischen Pendant zu Orson Welles‘ berühmten „Dritten Mann“. Als Subtext ist mitzulesen, wie Weltpolitik in einem Land gemacht wird, in dessen Bewohnern wie Besuchern die ganze Welt zusammenkommt. Der Konflikt, der das Buch in Gang setzt und den Rahmen zur Handlung bildet, das Gesetz, das Brand zum Illegalen macht, ist die jüdische Immigration in Palästina. Beziehungsweise deren Verhinderung durch die Briten, die sich weigerten weitere Visa auszustellen, und deren Blockade der Alija-Bet-Schiffe zur humanen Katastrophe führte. Gerade erst den Lagern entkommene Menschen wurden unter anderem auf Zypern zwangsinterniert.

Antiheld Brands Verlorenheit, der moralische Zwiespalt, in dem er wegen der Anschläge steckt, seine Unsicherheit, wo er stehen muss, soll, kann, verstärkt sich, je mehr der Krieg zu einem der Gesten wird: „Die offizielle Reaktion war ein Tanz der Propaganda. Die Jüdische Vertretung verurteilte die Irgun als Terrortruppe. Begin warf den Briten vor, dass sie nicht auf ihre Warnung gehört hätten, das Hotel evakuieren zu lassen. Die Briten behaupteten, sie hätten keine Warnung erhalten. Für Brand spielte es keine Rolle. Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Auf die Frage „Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?“, diese bis heute, und das das Aktuelle an Stewart O’Nans historischem Roman, zwischen den im – auf die britische Mandatszeit zurückreichenden – Streit liegenden Lagern Israels und Palästinas ungeklärt, findet Brand schließlich für sich eine Antwort. Nicht länger Soldat sein, und auch nicht mehr Häftling, sondern frei. Denn die Mächtigen, so O’Nans Schluss, müssen immer bedenken, dass die Menschen eines wollen – Frieden …

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Auch für seine letzten beiden Romane „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235) und „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) wurde er von der Kritik gefeiert und eroberte sich in Österreich eine große Leserschaft.

Rowohlt, Stewart O‘Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

stewart-onan.com

www.rowohlt.de

  1. 10. 2018