Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran

Juni 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie aus Isaak der Ismail des Koran wurde

Bis hin zu Leonard Cohen, dem die „Story of Isaac“ einen Welthit wert war, ist die Geschichte bekannt: Ein Vater beugt sich über seinen wehrlosen Sohn, ein Messer blitzt in seiner Hand, da wird ihm im letzten Moment befohlen, statt des Kindes einen Widder zu opfern. Abraham, Stammvater aller drei nach ihm benannten abrahamitischen Religionen, ist eine von neun Figuren, die die sprachmächtige Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff und der irakisch-deutsche Autor Najem Wali ausgewählt haben, um deren Bedeutung in Bibel und Koran zu vergleichen.

Im überaus lesenswerten Sachbuch erfährt man nicht nur, warum im Christentum manche glauben, ein teuflischer Demiurg hätte Abraham zur Bluttat verführen wollen, sondern auch, warum im Islam der Vater der Propheten, der „Gesandte mit festem Willen“, seinen Erstgeborenen Ismail ­– zumindest wird er von den meisten muslimischen Kommentatoren als solcher identifiziert – hingeben sollte. Die beiden Autoren gehen aus ihrer je eigenen Sicht den Quellen nach, temperamentvoll, engagiert, auch augenzwinkernd.

Mit dem geplagten Hiob fragen sie nach der göttlichen Gerechtigkeit, mit Jona, dem ängstlichen Wal-Reisenden, nach Mut und Toleranz, so berühren sie mit ihrem Dialog zwischen zwei Weltreligionen die Krisenthemen zur Zeit. Dass im Koran Hiobs/Ayyūbs Frau Gott um Heilung des Gatten bat, und von diesem deshalb mit 100 Peitschenhieben bestraft werden sollte, ist nur eine der neuen Erkenntnisse, die man gewinnt. Gott wandelt die Strafe in einen Schlag mit einer Handvoll Gräser um: „Damit ist dein Schwur erfüllt, und du hast deiner Frau, die geduldig mit dir ausharrt und nur das Beste verdient hat, kein Leid zugefügt.“ – „Seltsam nur, dass es in einem streng islamischen Land wie Saudi-Arabien bei politischen Oppositionellen wie dem Aktivisten Raif Badawi keine Schonung vor Peitschenhieben gibt“, kommentiert Najem Wali.

Zu lesen ist, dass Maria/Maryam die komplette Sure 19 gewidmet ist, oder, dass im Koran Adam die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies hat; nur die Volksmeinung übernimmt die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel. In der westlichen Welt wiederum wird Eva, die Einschleuserin des Bösen, mit aufkommendem Feminismus zur Heldin der Erhebung aus Gottes Obhut.

Unter all das mischt Lewitscharoff Populärwissenschaftliches. Etwa über Joseph L. Mankiewiczs Film „All About Eve“: „Ein Mann namens Jacob Dean Stockton sah den Film und lebte fortan mit der fixen Idee, Bette Davis sei leibhaftig die wiederauferstandene Eva … Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen … Stockton nahm sich in der Anstalt das Leben. Er erhängte sich mit einem Betttuch, auf das in roter Malkreide geschrieben stand: ,Evil Eve‘.“ Oder über Sören Kierkegaard, dem im Winter 1841, als er „Furcht und Zittern“ schrieb, Gott persönlich erschien: „Er! Allerdings nicht in einem brennenden Kaminfeuer mit Donnerstimme, sondern mit dem zartfeinen Stimmchen einer Maus.“ Mit der der Philosoph dann ausführlich über Abrahams Verhalten diskutierte.

In einem Buch über Glaubensfragen gilt es selbstverständlich auch, die Figur des Teufels/Schaitan zu behandeln. Lewitscharoff und Wali erläutern, wie aus dem „Morgenstern“, dem schönen Erzengel, der Klumpfuß – und heute der schmierige Verführer – werden konnte. Was die beiden allerdings nicht klären können, ist, warum Gott dem Bösen so viel Macht verliehen hat …

Über die Autoren: Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman „Apostoloff“ wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. „Blumenberg“ (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band „Vom Guten, Wahren und Schönen“, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

Najem Wali, geboren 1956 im irakischen Basra, flüchtete 1980, nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges, nach Deutschland. An der Universität Hamburg studierte er Germanistik, in Madrid spanische Literatur. Heute lebt er als Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Korrespondent der arabischen Tageszeitung Al Hayat und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und Die Zeit.

Suhrkamp Verlag, Sibylle Lewitscharoff, Najem Wali: „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran “, Sachbuch, 309 Seiten. Die von Najem Wali verfassten Kapitel wurden von Christine Battermann aus dem Arabischen übersetzt.

www.suhrkamp.de

12. 6. 2018

David Schalko: Schwere Knochen

Juni 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Erdberger Spedition“ räumt Wien aus

„Ferdinand Krutzler war damals der wichtigste Notwehrspezialist Wiens. Elfmal wurde er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen. Nur am Schluss hat er es übertrieben. Da saß er inmitten des gefürchteten Bregovic-Clans. Bloß waren die sonst so lauten Jugoslawen ganz still. Das Einzige, was man hörte, war ihr Blut, das auf den Boden tropfte …“ So beginnt und, wie man sehen wird, endet David Schalkos Roman „Schwere Knochen“. Während der Autor gerade damit beschäftigt ist, Fritz Langs Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Miniserie in die Gegenwart zu hieven, bleibt sein Buch dem Geist der 1930er- bis 1950-Jahre treu.

Schalko erzählt von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten.

Die jungen Unterweltler werden jedoch übermütig und brechen beim „Nazi-Huber“ ein, just an jenem 15. März 1938, als der auf dem Heldenplatz der Hitler-Rede lauscht – und ab geht’s ins KZ, die einen Dachau, der Krutzler Mauthausen, wo die vier in der Sadistenschule die Unmenschlichkeiten lernen, die sie noch nicht beherrschen. Beim Krutzler sind das sein später legendärer „Halsstich“ und die „Bußzeit“; in der Lagerhierarchie standen die wegen Kriminalität einsitzenden Häftlinge ganz oben, machten sie sich doch, manche freiwillig, manche gezwungen, anstelle der SS die Hände schmutzig.

Derart skrupellos gemacht übernimmt die „Erdberger Spedition“ nach der Befreiung durch die Alliierten das Nachkriegs-Wien, je einer sitzt in jedem Sektor der Stadt, verdingt sich vorgeblich als Handlanger der neuen Herren, doch bald wird der Schmuggel von amerikanischen Zigaretten und russischem Wodka auf den Betrieb von Bordellen, das Stoßspielen und Schutzgeldeinnahmen ausgeweitet, und die Erdberger erleben ihr ganz eigenes Wirtschaftswunder …

Für seinen Roman hat Schalko einen charmant-hinterfotzigen Ton entwickelt, sehr Wienerisch, wiewohl mehr Jargon als Dialekt, und ob der durchgehaltenen indirekten Rede so pointiert wie distanziert. „An der Fassade hing eine rot-weiß-rote Fahne. Man hatte einfach das Hakenkreuz herausgetrennt. Und schon war Österreich fertig“, heißt es da beispielsweise. Auf diese Weise Zeitgeschichte zu erzählen, ist ein typisch für „Schwere Knochen“, auch wird deutlich, wie viel Recherchearbeit Schalko in seinen originellen Mix aus Krimi, Beziehungstragödie und Gesellschaftssatire investiert hat.

„Die SPÖ forderte opportun, statt den Kriegsgefangenen die ehemaligen Nazis nach Sibirien zu deportieren. Ein Ansinnen, mit dem auch Stalin leben konnte. Das Hetzplakat der ÖVP, auf dem „Ur-Wiener statt Wiener ohne Uhr“ stand, hing man erst gar nicht auf. Der Russe hatte von jeher ein Faible für teure „Uhras“. Aber was verstand die alteingesessene Bourgeoisie schon vom progressiven Sowjetmenschen. Für das Bürgertum waren die Arbeiter nur Rohmaterial ihrer Gewinne“, schreibt Schalko über die erste Wien-Wahl nach dem Krieg. So blutrünstig-brutal der zwischenmenschliche wie der „berufliche“ Umgang miteinander veranschaulicht wird, so gefühlvoll und bildhaft geraten einzelne Szenen.

Und so pittoresk die Schauplätze von Alliiertenpolitik und Exzessen aller Art – von Punschkrapferlwettessen in der „Aida“ bis zur Rauferei nach dem Damencatchen am Heumarkt – geschildert werden, so liebenswert-grotesk ist Schalkos Figurenpanoptikum aus rivalisierenden Verbrechern, korrupten Polizisten, skrupellosen Volksvertretern und gierigen Besatzungsoffizieren. Sehr plastisch geraten ihm „die Musch“, eine dragonerhafte Zuhälterin und langzeitgeliebtes „Wildvieh“ des Krutzler, der Podgorsky, der als Kommunist und Ex-KZler zum obersten Ordnungshüter der Stadt aufsteigt, der irre Arzt und Himmler-Feind Harlacher, der mit einem weiblichen Gorilla – siehe Buchcover – ein unsauberes Verhältnis pflegt, oder eben die Bregovic die Söhne zwecks Bildung einer Jungarmee zur Welt bringt, die dereinst die Erdberger an der Spitze ablösen soll.

Für viele seiner lokalen Legenden gebe es reale Vorbilder, sagt Schalko im Interview, natürlich auch für den Krutzler. So geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow – „Endlich konnte man ungestört über das Wetter, Peter-Alexander-Filme und die herrlichen Kaiserzeiten parlieren. Endlich durfte man laut sagen, was man sich für die Nachkriegszeit zurechtgelegt hatte, was aber von den übereifrigen Russen zunichte gemacht worden war. Nämlich, dass man Hitler gehorchen musste, sonst wäre man zum Tode verurteilt worden. Die Russen hatten neuerdings Verständnis dafür.“  – bis zum Ungarnaufstand 1956.

Zu diesem sagt Bundeskanzler Raab, nachdem die politischen Flüchtlinge als Wohlstandsparasiten verunglimpft worden waren, man könne nicht Wohltäter für die ganze Welt spielen. Der Notwehr-Krutzler behauptet, „dass der Faschismus der Zukunft ein Notwehr-Faschismus sein werde. Er könne schon die Stimmen hören, die riefen, was hätten wir denn tun sollen, wir hatten Angst. Die Zukunft gehöre nicht den Angstfreien, sondern den Verängstigten. Mit Angst werde sich in Zukunft alles rechtfertigen lassen.“ Auch Absätze wie dieser machen „Schwere Knochen“ absolut lesenswert.

Über den Autor: David Schalko, geboren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er begann mit 22 Jahren als Lyriker zu veröffentlichen. Bekannt wurde er mit revolutionären Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. „Schwere Knochen“ ist David Schalkos vierter Roman.

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten.

www.kiwi-verlag.de

  1. 6. 2018

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Mai 31, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel

Schmerzlich vermissen ein Mann und seine beiden kleinen Söhne die vor wenigen Tagen bei einem Unfall ums Leben gekommene Mutter. Nichts geht mehr in dieser zurückgebliebenen Familie. Bis endlich eine überdimensionale Krähe an der Tür läutet. „Ich gehe erst wieder, wenn ihr mich nicht mehr braucht“, verkündet das Tier und zieht in die Wohnung ein. So beginnt Max Porters unvergleichlicher Roman über einen ungebetenen Gast. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist das bewegendste, verwegendste, was einem dazu in die Hände fallen kann.

In poetischer Sprache und mit herzzerreißender Genauigkeit schreibt Porter über den Verlust eines nahen Menschen. „Allmählich war ich Experte für Verhalten im Trauerfall“, denkt Dad da beispielsweise. „Im Epizentrum zu sitzen erlaubt ein merkwürdig gesteigertes anthropologisches Bewusstsein für andere: die Überwältigten, die Unsensiblen, die Weg- und die Ewigbleiber …“ Dann geht’s ans Aufräumen: „Sie wird nichts mehr brauchen (Make-up, Kurkuma, Haarbürsten, Thesaurus) … Sie wird nichts mehr auskosten (Highsmith-Krimi, Erdnussbutte, Lippenbalsam).“ Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel.

Die Krähe – erzählt wird aus drei Perspektiven: ihrer, Dad, Jungs – bringt die Familie auf Vordermann. Schlichtet Streitereien, vernichtet Alkoholdepots, kümmert sich um den Haushalt, verscheucht ungebetene Gäste. Dass sie dabei lyrisch-grausame Töne anschlägt, auch derb-fluchend den Parasit Trauer verprügeln darf, ist durch einen Kunstgriff Porters zu verstehen. Sein Totemtier ist bei seinem persönlichen literarischen Fixstern Ted Hughes ausgeborgt. Die tricksterartige, mythologische Krähe ersann der britische Poet in den 1960er-Jahren für sein nie vollendetes Hauptwerk „Crow, ihr Gekrächze half dem Witwer der Schriftstellerin Sylvia Plath damals durch die Lebenskrise. Plath hatte Selbstmord begangen.

Wie sich „Crow“ in den Gedichten mit aller Brutalität als Tier und gleichzeitig Dämon darstellt, so heißt es bei Porter: „Bei Krähe gibt es ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Natur- und Kulturwesen, zwischen Aasfresser und Philosoph, Ganzheitsgott und schwarzem Fleck …“ Bald wird klar, dass Dad ein Ted-Hughes-Forscher ist und an einem wissenschaftlichen Buch über diesen arbeitet. In Porters dichter, prägnanter Sprache hat diese Wendung gar keine Chance ein selbstgefälliger literarischer Insider-Witz zu werden. Die Grenzen zwischen Fantasiewelt und realer fließen, auch das Schriftbild passt sich an:

„Kein Schlaf.

Scharfe Kanten.

Schlechter Atem.“

Und es gibt nur einen Wunsch: Wieder haben. Bitte wieder haben. „Nach-vorne-Schauen als Konzept ist für Deppen, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass Trauer ein Langzeitprojekt ist. Ich werde nichts überstürzen. Es bremse, beschleunige oder nehme niemand den Schmerz, den wir leiden.“ – „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist anders als alles, was man bisher gelesen hat.

Porter gelingt es meisterhaft Trauerklischees zu umschiffen, er setzt auf echten Schmerz, wo falsches Sentiment möglich gewesen wäre, und wiewohl er die Innenschau vor allem Dads nur andeutet, gelingen ihm Figuren aus Fleisch und Blut. Selbst die verstorbene Mutter gewinnt in den Erinnerungen Kontur. Am Ende wird der skurrile Schutzgeist Wort gehalten haben und die Familie wieder verlassen. Doch nicht ohne einen letzten Rat mit auf den Weg zu geben: „Seid brav und hört auf die Vögel.“

Über den Autor: Max Porter, 1981 geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang als unabhängiger Buchhändler, was ihm den Young Bookseller of the Year Award einbrachte. Seit 2012 ist er Lektor bei Granta Books. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist sein schriftstellerisches Debüt. Der Roman erhielt den International Dylan Thomas Prize und avancierte in Großbritannien zum Bestseller. Max Porter lebt mit seiner Familie in London.

Kein & Aber Pocket, Max Porter: „Trauer ist das Ding mit Federn“, Roman, 126 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz, Matthias Götz, Uda Strätling.

keinundaber.ch

  1. 5. 2018

Laetitia Colombani: Der Zopf

Mai 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei Geschichten über mutige Frauen

Drei Haarstränge braucht man, um einen Zopf zu flechten, und drei Erzählstränge hat das Erstlingswerk der französischen Schriftstellerin Laetitia Colombani, in dem sich Frauenschicksale aus aller Welt über die Haare verbinden.

Da ist zunächst Smita im indischen Uttar Pradesh, eine „Unberührbare“, die Trockentoiletten reinigen muss, und nicht einsieht, dass „wer als Kloputzer auf die Welt kommt, auch als Kloputzer stirbt“. Für ihre Tochter ersehnt sie ein besseres Leben, dies soll es in der Stadt geben, wo die Kleine Lesen und Schreiben lernen kann – und für die Reise dorthin nimmt Smita alle Gefahren auf sich.

In Palermo lebt Giulia, deren Familie seit einem Jahrhundert von der Cascatura lebt, der alten Tradition einheimische Haare zu sammeln und zu Perücken zu verarbeiten. Als Giulias Vater nach einem Unfall im Koma liegt, entpuppt sich, dass das Unternehmen vor der Pleite steht: Es wird einfach nicht mehr genug sizilianisches Haar gesammelt. Also entschließt sich die junge Frau, Haare aus Indien zu importieren.

Schließlich berichtet Colombani von Sarah aus Montreal, einer durchorganisierten Anwältin, die an Krebs erkrankt. „Sie entspricht dem Bild der perfekten Frau aus den Hochglanzmagazinen. Ihre Verletzung kann man nicht sehen, sie ist für andere nicht erkennbar hinter ihrem makellosen Äußeren“, heißt es über sie. Im Interview sagt die Autorin, eine an Krebs erkrankte Freundin, die sie gebeten hätte, mit ihr eine Perücke auszusuchen, sei die Inspiration für das Buch gewesen. Und tatsächlich gelingt ihr das Porträt der Karrierefrau auch am besten. Sarah wird durch ihre Erkrankung eine „Unberührbare“, wenn auch in anderem Sinn wie Smita; Kollegen wissen nicht mehr, wie mit ihr umgehen, der Chef entzieht ihr die wichtigsten Klienten, weil sie für ihn unberechenbar geworden ist. Schließlich kann sie jetzt jederzeit „ausfallen“.

Derart schildert Colombani die unterschiedlichen Arten der Repression gegen Frauen. Ihr Buch wartet mit einer unübersehbaren Portion Gesellschaftskritik auf. „Befreit euch von ungerechten Machtstrukturen“, sei die Botschaft, die sie ihren Leserinnen mit auf den Weg geben will, sagt sie. So ist „Der Zopf“ eine Hymne auf den Mut von Frauen. Mit federleichten Strichen und viel Empathie zeichnet Colombani ihre Figuren und deren Schicksale, so dass sich inmitten aller Widrigkeiten immer wieder Glücksmomente einstellen. Die helle, klare Sprache bringt einem die unterschiedlichen Charaktere ganz nah – ihre Sorgen und Ängste, ihre Beweggründe zu handeln.

Am Ende verbinden sich die drei Stränge: Smita wird im Tempel Gott Vishnu ihre Haare opfern. „Um sie herum sitzen Tausende in derselben Position wie sie und beten für ein besseres Leben, opfern die einzige Kostbarkeit, die ihnen je zuteil wurde, ihre Haare, ihren Kopfschmuck, dieses Geschenk des Himmels, das sie nun zurückgeben …“ Und Sarah, womit sich der Kreislauf schließt, kauft sich eine Perücke: „Diese Perücke gibt ihr wieder, was sie verloren glaubte. Ihre Kraft, ihre Würde, ihren Willen.“

Über die Autorin: Laetitia Colombani wurde 1975 in Bordeaux geboren, sie ist Filmschauspielerin und Regisseurin und lebt derzeit in Paris. „Der Zopf“ ist ihr erster Roman und sorgte gleich für internationales Aufsehen. Das Buch steht seit Erscheinen in 27 Ländern weit oben auf den Bestsellerlisten. Die Filmrechte sind bereits vergeben.

Fischer Verlage, Laetitia Colombani: „Der Zopf“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Marquardt.

www.fischerverlage.de

  1. 5. 2018

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Mai 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Höllenfahrt durchs Dritte Reich

„Ich bin jetzt Reisender, ein immer weiter Reisender. Ich bin überhaupt schon ausgewandert. Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert“, denkt Otto Silbermann. Da hat sich der jüdische Kaufmann schon Tag für Tag, Zug um Zug durchs Dritte Reich bewegt. Berlin, Hamburg, Aachen, Dresden … stets auf Schiene, ständig in Bewegung, auf der Flucht vor den Nazis. In ihrer „Reichskristallnacht“ haben sie sein Heim verwüstet, sein „arischer“ Geschäftspartner hat ihn kurz darauf um die Firma betrogen, seine ebenfalls „rassenreine“ Ehefrau sich auf Nimmerwiedersehen zu ihren Verwandten gerettet. Nun hat Silbermann, der Verhaftung und Verschleppung gerade noch entkommen, einen Koffer mit dem letzten Geld bei sich und fährt und fährt und fährt … und letztlich doch nur in den Untergang.

Wissend, was wir wissen, braucht man Nerven, um Ulrich Alexander Boschwitz Buch übers Verbrachtwerden in Bahnwaggons zu lesen. Der 23-Jährige konnte 1938 nicht wissen, aber er ahnte nach den Novemberpogromen, las sie Zeichen der Zeit und sah in ihnen die Shoah voraus. „Heutzutage mordet man wirtschaftlich“, denkt Silbermann einmal, und malt sich Bilder aus vom Entkleidet- vor dem Totgeschlagenwerden; „Es wird eine Flucht in den Stacheldraht“, ist er sich an anderer Stelle über sein Ende gewiss. „Wie im Fieberrausch“ habe Boschwitz seinen Roman in nur vier Wochen vollendet, schreibt Peter Graf, der den „Reisenden“ wiederentdeckt und herausgegeben hat, im Nachwort.

Dies geschah im Exil. Boschwitz hatte Deutschland mit seiner Mutter schon 1935 verlassen. Über etliche Stationen ging’s nach Großbritannien, wo der Autor wie beinah alle vor dem Naziregime geflüchteten deutschen Männer interniert, 1940 dann per Schiff nach Australien deportiert wurde. Wer bereit war, an der Seite der Briten gegen das Dritte Reich zu kämpfen, durfte zwei Jahre später retour – doch ausgerechnet das Schiff, auf dem sich Boschwitz befand, wurde von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Boschwitz ertrank mit nur 27 Jahren. In einem Brief teilte er davor seiner Mutter mit, er werde den „Reisenden“ überarbeiten, denn das Buch könne nach dem Krieg „zu einem Erfolg“ werden. Diese korrigierte Fassung hat die Mutter nie erreicht.

Nun endlich, und nachdem Heinrich Böll sich in den 1960er-Jahren vergeblich um eine Veröffentlichung des Romans bemüht hatte, liegt die ursprüngliche deutschsprachige Fassung vor. Und sie entpuppt sich als beeindruckendes, ein zorniges, in jugendlicher Gefühlsaufwallung formuliertes Zeitdokument. Boschwitz, so scheint es, muss gegen die eigene Ohnmacht, gegen das eigene Schicksal anschreiben, er will Zeugnis ablegen über jene Verbrechen, denen die Weltgemeinschaft so erschreckend gleichgültig oder zumindest passiv gegenüberstand. Die Distanzlosigkeit, mit der Boschwitz seine Empörung darlegt, ist Stärke wie Schwäche seines Romans. Sein Protagonist Silbermann verleiht den namenlosen Opfern Gestalt, er steht stellvertretend für jene jüdisch-deutsche Mittelschicht, die – wie’s etwa auch Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern beschreibt – vor dem kommenden Grauen zu lange die Augen verschloss.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dabei ist Silbermann, diese hart geschnittene Figur, kein sympathischer Charakter. Weder, was sein Frauenbild noch sein Klassenbewusstsein betrifft, ist er ein angenehmer Mensch. Auf die politische Linke hat er „sein Lebtag mit allergrößter Missbilligung und echtem Abscheu“ geblickt, er nennt sie „Enteigungspartei“. Hartherzig zeigt er sich gegen ehemalige Freunde wegen ihres „jüdischen“ Aussehens, er fühlt sich von ihnen „kompromittiert“. Rund um seinen Protagonisten malt Boschwitz ein Sittenbild von Tätern, Mitläufern und Gewährenlassern. Sie sind Phänotypen ihrer Epoche: der gefährlich lauernde Gestapomann, der reizbare, weil „jüdisch“ aussehende Parteigenosse, das Mädchen, dessen Verlobter im Konzentrationslager ist, die mondäne Anwaltsgattin und andere mehr. Eindringlich schildert Boschwitz das Gefühl von Einsamkeit inmitten dieser aufgeheizten Masse.

An anderer Stelle besticht, wie sehr Boschwitz sich um Sprache sorgt – eine Sorge, die auch dieser Tage angesichts des öffentlichen Diskurses wieder angebracht scheint. Ein Mann will für seine Rede das Wort „Kultur“ gegen ein braunes Synonym ersetzen. Der Hagere, der Silbermann aus den Zeitungen bekannt vorkommt, diskutiert das laut mit seinem Untergebenen. Angeekelt verlässt Silbermann das Abteil, bevor sein Gegenüber sich endgültig für den Begriff „Volksförderung“ entschieden hat …

Über den Autor: Ulrich Alexander Boschwitz, geboren am 1915 in Berlin, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Während Aufenthalten in Belgien und Luxemburg entstand „Der Reisende“, der 1939 in England und wenig später in den USA und in Frankreich veröffentlicht wurde. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als „enemy alien“ interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.

Klett-Cotta, Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“, Roman, 303 Seiten.

www.klett-cotta.de

  1. 5. 2018