Afonso Reis Cabral: Aber wir lieben dich

August 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex & Drugs & Elendsmenschen

„Im Saal wurde ihr Name gebrüllt, sie hörte ,Gisberta, komm raus! Gisberta, wir lieben dich!‘ Als Gi mir das erzählte, zitterte sie. Alle riefen, begehrten sie. ,Das war schön, Junge.‘ Sie beugte ihre Schultern zu einer Pose, eine Erinnerung an Momente, niemals würde sie vergessen, wie das Publikum sie mit den Augen verschlang, wenn sie Marilyn war, mehr als die echte Marilyn. My heart belongs to daddy. … Erschöpft zog sie am Ende ihr Kleid aus, ließ es hinabfallen bis zu den Füßen, wie einen umgekehrten Heiligenschein. Und dann sahen sie ihr Haar über die nackten Schultern fallen, ihre wohlgeformten Brüste, ihre schmale Taille, die breite Hüfte. Und dann die enthaarte Scham und den Penis zwischen ihren Beinen. Yes, my heart belongs to daddy. … Erst als sie mir ein altes Foto zeigte, sah ich, dass meine Gi heute nur ein erbärmlicher Abklatsch war, von der damals auf der Bühne.“

In seinem jüngsten Roman „Aber wir lieben dich“ greift der portugiesische Autor Afonso Reis Cabral einen echten Kriminalfall auf. 2006 wurde in der Küstenstadt Porto die Transfrau Gisberta Salce Júnior von Jugendlichen aus einem Erziehungsheim mit sadistischer Brutalität erschlagen.

Erst gab es landesweit große Aufregung, dann passierte – nichts. Der Minister sprach von einem Einzelfall, die Justiz verhängte Jugendstrafen, immerhin: die „Jugendhilfeanstalt“ Oficina de São José wurde geschlossen, als der Prozess die dortigen Gewaltorgien und den sexuellen Missbrauch offenbarte.

Afonso Reis Cabral beleuchtet die Hintergründe des Verbrechens mit den Mitteln der schriftstellerischen Fantasie. In einer fiktionalen Vorbemerkung trifft er den nunmehr 29-jährigen Rafael Tiago, einen der Täter, der ihn in einem Brief um ein Buch über die Geschehnisse gebeten hat. Der Autor, so weit, so wahr, studiert Prozessakten und Presseberichte, interviewt Gisbertas Trans-Freundinnen, macht schließlich den 12-jährigen Rafa zum Ich-Erzähler – und entdeckt auf seiner Spurensuche „den Zusammenstoß zweier prekärer Welten, den Konflikt aller Beteiligten, die Folgen der Armut, dieses Wort, dass man nicht mehr benutzen will, aber weiterhin verwendet, die Balance zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Nichts Besonderes also …“

Den Postkartenansichten des pittoresken Altstadtviertels Ribeira zum Trotz, beschreibt Afonso Reis Cabral die „Dreckslöcher“ abseits der Touristenidylle, Stadterweiterungsgebiete, für die der Kommune das Geld ausging, Betonskelette aus rohem Zement neben Bauruinen, Schutt, Abfall, „verbotene Orte“, wie Nélson sie nennt. Derart ist die Gang schnell vorgestellt: der sein Kindheitstrauma mittels Rebellion gegen alles und jeden bekämpfende Rafa, der zerstörungswütige, sich abgebrüht gebende Nélson, der Schläger Fábio und Samuel, die sensible Künstlerseele, der die zerrüttete Welt der Jungs auf Papier festhält, Samuel, das Prostituiertenkind, denn Mütter haben die Fürsorgezöglinge allesamt, bettelarme, überforderte, drogensüchtige. „Mutterschaft war für sie ein steter Quell ungenießbaren Dreckwassers“.

Eines ihrer Quartiere, das die zum Sozialfall geborenen Jugendlichen täglich durchforsten, ist der Rohbau eines von den Investoren aufgegebenen Einkaufszentrums, „Pão de Acúcar“, also „Zuckerhut“, das, so Rafa, „zum Wohnheim für Menschen wurde, die in der Baustelle ihr eigenes Schicksal wiedererkannten“. Obdachlose, Junkies, Nutten – und mittendrin haust in einem elenden Verschlag ein bis auf die Knochen abgemagertes, androgynes Wesen, HIV-krank, geschwächt, schmutzig und mittellos, das jedoch mit brasilianischem Akzent, denn Gi kommt aus Übersee, die wunderbar traurigsten Geschichten erzählen kann.

Rafa ist abgestoßen und angezogen zugleich. Bringt Essen, Decken, was immer er selbst entbehren kann, repariert mit Gi ein weggeworfenes, reichlich ramponiertes Fahrrad, schrubbt sich danach im Wohnheim unterm heißen Wasser fast blutig vor Ekel – und ist doch morgen wieder da, um Gis Glamour-Storys von den Cabarets in São Paulo zu hören. Die Rückblicke auf ihre Glanzzeit helfen ihm einen tristen Tag nach dem anderen runterzubiegen, vielleicht, wer weiß?, fühlt er bei ihr so etwas wie erstmals Mutterliebe? „Bevor ich sie kennengelernt hatte, dachte ich, der ganze andere Scheiß sei das, was mich ausmachte und mit dem sich erklären ließe, was ich sei, aber dann trat Gi dort hinein, wo ich vorher gar nicht gedacht hatte, dass dort eine Lücke war, und machte mich zu einem anderen.“

Die Kalvarienberg-Stationen, zu denen die Kapitel aus Gisbertas Leben werden, kreuzen sich mit Rafas Bericht, zwei Beichten sind das, so nah entlang der Realität geschildert, die Frage, was der Mensch ist und was er zum Menschsein braucht, dass es einem so tief unter die Haut geht, wie die Nadeln, die Gi sich bald setzt. Von der Bühne geht’s ins Bordell, wo sie, als selbst da ihre Tage als zweigeschlechtliche Schönheit gezählt sind, mit der Kraft des Mannes den Rausschmeißer für lästige Freier und mit der Zuneigung einer Frau die „Tante“ für die Kinder der Kolleginnen macht.

Bild: pixabay.com

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In einer Art Besitzerstolz beschließt Rafa seine neue Freundin der Gang vorzustellen, und dann ist da Samuel, dessen Mutter Gi aus Zimmer 102 kannte, und ihn bereits als Baby. „Irgendwann strich ihm Gi mit der Hand über den Kopf, und er ließ diese Zärtlichkeit mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu, wie ich es niemals gekonnt hätte. Wie es nur jemand kann, der den Umgang mit Transvestiten von klein auf gewohnt ist. Mich traf es wie eine Pfeilspitze in den Kopf: So gestreichelt zu werden, war mehr, als die meisten vom Leben verlangen konnten.“

Das Glück, jemanden gefunden zu haben, für den man zählt, die Erfahrung, auch selbst etwas geben zu können, wird von Rafas Eifersucht zernagt. Hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Verachtung, gebeutelt von Geltungsdrang und Gruppenzwang, gleitet Rafa ohne es zu merken in eine Abwärtsspirale des Bösen. Zurück zu den Wurzeln von Gewalt erzeugt wieder Gewalt. Denn der irre Fábio und sein Schlägertrupp treten an, um „das Unnatürliche“ auszumerzen. „,Zieht ihr die Hose runter, dann sehen wir, ob sie ein Mann oder eine Frau ist‘, sagte Fábio. Er zielte, versetzte ihr einen Tritt in den Magen und sagte: ,Es ist ein Typ!‘“

Gisberta überlebt das mehrtägige Martyrium nicht. Rafa und Samuel können ihr nicht helfen und treten unter dem Druck der Horde sogar selbst ein paar Mal zu. Afonso Reis Cabral schreibt dies nieder, ohne auf eine Zartbesaitetheit der Leserinnen und Leser Rücksicht zu nehmen. „Aber wir lieben dich“ ist ein grausamer Lesestoff, den man in seiner Intensität aushalten muss – und am Ende wird der, der Gi am meisten liebt, ihr den Gnadentod geben.

Im Anhang zitiert der Autor aus seinem Quellen. Der Público schrieb damals über die Leiche des toten Mannes und triefend vor Ignoranz gegenüber der LGBT-Community: „Was sich tatsächlich in dem verlassenen Haus abspielte, ist nach wie vor alles andere als aufgeklärt. Manche Zeugen berichten, es habe oft Streit mit dem Opfer gegeben. Einer der an der Tat Beteiligten bezeichnete ihn trotzdem als seinen Freund.“ Es sind diese blinden Flecken in der faktischen Wahrnehmung, die Afonso Reis Cabral mit der verstörenden Wucht seiner Fiktion füllt. Wobei er die Täter niemals mit einem Opfermythos verklärt, sondern ihrem Machtwillen als Mittel zum Überleben, zum Sich-seinen-Platz-Sichern in einer barbarischen Umgebung, ihrem Glauben an das Recht des Stärkeren durchaus Raum lässt.

Mit „Aber wir lieben dich“ ist Afonso Reis Cabral ein vielschichtiger Roman gelungen. Was auch eine simple True-Crime-Story hätte sein können, ist aus seiner Feder ein bewegendes Drama geworden, vor allem aber eine beunruhigende Parabel über die Abgründe der menschlichen Natur.

Über den Autor: Afonso Reis Cabral, 1990 in Portugal geboren, studierte Portugiesisch und Fiktionales Schreiben. Er veröffentlichte bereits im Alter von 15 Jahren seinen ersten Gedichtband. Für seinen Debütroman „O Meu Irmão“ (Mein Bruder) wurde er 2014 mit dem Prémio LeYa ausgezeichnet. Bei Hanser erschien 2021 sein zweiter Roman „Aber wir lieben dich“, für den er 2019 den wichtigsten portugiesischen Literaturpreis, den Prémio José Saramago, erhielt.

Hanser Verlag, Afonso Reis Cabral: „Aber wir lieben dich“, Roman, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.

www.hanser-literaturverlage.de

Screening-Tipp: September Mornings/Manhãs de Setembro

Einfühlsam und dabei vollkommen pathos- und kitschbefreit erzählt die fünfteilige brasilianische Mini-Serie von der Transfrau Cassandra, die in São Paulo ihrem großen Traum nachhängt. Tagsüber unterwegs als Botenfahrerin für eine Service-App, verwandelt sie sich nachts in einen Club-Star, eine Sängerin, die vor allem den Songs ihres Idols Vanusa, einer brasilianischen Sängerin der 1970er-Jahre, frönt.

In Ivaldo hat sie einen so leidenschaftlichen wie treu ergebenen Lover gefunden, der um ihre Geschlechtsumwandlung weiß, eben bezieht sie ihre erste eigene Wohnung. Da steht eines Tages, gleich einem Gespenst aus der Vergangenheit, Leide vor der Tür, ein jugendsündlicher One-Night-Stand, nein, nicht von Cassandra, sondern deren früherem männlichen Ich Clóvis – und mit ihr der gemeinsame Sohn Gersinho. Leide ist obdachlos, unstet, ob ihrer Not eine Kleinkriminelle, und Cassandra sieht das alles. Doch wird sie das Herz haben, die Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen?

Manhãs de Setembro: Singer-Songwriterin Liniker als Transfrau Cassandra. Bild: © Amazon Studios

Cassandra wird zum Vater wider Willen: Mit Gustavo Coelho als Sohn Gersinho. Bild: © Amazon Studios

Lover Ivaldo weiß von Cassandras Vergangenheit als Mann: Thomas Aquino. Bild: © Amazon Studios

In Brasilien längst Superstar: Liniker, die Kämpferin gegen Gender-Diskriminierung. Bild: © Amazon Studios

Die Produktion für Amazon Prime Video ist ein wahres Fundstück, getragen nicht zuletzt von Singer-Songwriterin Liniker, die mit ihrem rauen, seelenfängerischen Timbre, dann wieder rekurrentem Falsett das Publikum in ihren Bann zieht. Liniker ist Transfrau, und hat sich neben dem als Musikerin auch einen Namen als unermüdliche Kämpferin gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung gemacht.

Das unprätentiöse Spiel des gesamten Casts gibt nicht nur einen authentischen Einblick in eine Welt, die sonst meist mit Federboas, Pailletten und „Tunten-Alarm“ gepimpt ist, sondern zeigt auch den täglichen Überlebenskampf der nicht mit Reichtum gesegneten „Paulistanos“. Und bemerkenswert ist, wie normal und ohne Ausrufezeichen die Beziehung zwischen Cassandra und Ivaldo beschrieben wird. Zu streamen in deutscher Sprache oder in Portugiesisch mit englischen Untertiteln. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O3iE_imB_7s           www.amazon.de

  1. 8. 2021

Dana Grigorcea: Die nicht sterben / Autorin im Gespräch

April 28, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Blutsauger im postkommunistischen Rumänien

„Ich kann nicht umhin, Ihnen diese Geschichte zu erzählen“, so wendet sich die Ich-Erzählerin an ihre Leserschaft. Es wird eine Schauergeschichte werden, voller Toter und Untoter, die „mich fassungslos und innerlich nackt zurücklassende Geschichte mit … dem Fürsten“, und, sagt die junge Bukarester Malerin, die nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit in den rumänischen Karpaten zurückgekehrt ist:

„Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen, Ankündigungen für das, was später kam. Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode. Manche von Ihnen werden die Geschehnisse im Kontext jener barbarischen kommunistischen Zeit verstehen wollen, als Folge der vierzig Jahre währenden Diktatur in Rumänien, die einen anderen Menschenschlag hervorgebracht haben soll …“

Vom ersten Satz an erklingt „Die nicht sterben“ im Tonfall der Legenden. Besser hätt’s Bram Stocker in den Tagebüchern seiner Protagonisten nicht ausdrücken können, doch der rumänisch-

schweizerischen Schriftstellerin Dana Girgorcea geht’s nicht nur um den Gruselfaktor, das heißt: doch, aber in doppeltem Sinne. Vom Kult um Vlad III. Drăculea und den um ihn entstandenen Blutsauger-Mythos, vom Vampir-Regime des Nicolae Ceaușescu bis zur neokapitalistischen Gegenwart, schöpft Grigorcea für ihren Roman über ihr Geburtsland aus eigenen Erfahrungen und dem Familienfundus. Schaurig, tiefgründig, archaisch, atmosphärisch dicht, ein Schlachtengemälde – Girgorcea gelingt hier ein großer Wurf.

Mit enormer erzählerischer Kraft bricht die Autorin das Schweigen zwischen den Generationen im postkommunistischen Rumänien und zeigt, dass noch lebendig ist, was man überwunden glaubte: Populismus, Chauvinismus, die Geister der Vergangenheit – und die Sehnsucht nach der starken Hand, nach einem gestrengen, grausamen Richter, wie es einst Vlad der Pfähler war, besser bekannt als Graf Dracula. Noch ist da nicht zu ahnen, dass Grigorceas Anti-?/Heldin bald selbst gleich einer Fledermaus durch die Nacht flattern wird, im großen Silberspiegel kein Bild mehr von ihr, dafür ungeahnte neue Fähigkeiten – und ein Appetit. Man sollte dem, was sie so selbstironisch schildert nicht bedingungslos glauben …

Ort der Handlung ist das Dorf B., solcherart abgekürzt, da es „sinnbildlich für unsere walachische Moral“ steht. B., südlich von Transsilvanien, am Fuße des Apuseni-Gebirges gelegen, das war einst der Kurort der reichen Bukarester und Kronstädter; der Protagonistin Großtante Margot, von ihr Mamargot genannt, hat hier eine von den Kommunisten erst enteignete, später restituierte Villa am Waldrand. Und mit deren Bebilderung, die Schatten der Bäume bizarr auf alle Ecken des Hauses geworfen, beginnt die Gruselstory.

Zwischen dem Wandteppich „Entführung aus dem Serail“, türkischen Säbeln, arabischen Tellern und einem ausgestopften Eichhörchen, wo „die Umbra mortis lauerte“, finden sich allsommerlich Mamargots illustre Gäste ein. Deren strahlender Mittelpunkt Geo, ein gefeierter Bariton an der Bukarester Oper, ist, sein irakischer Ziehsohn Yunus, seine Frau Ninel und deren Mutter Madame Didina, diese wiederum Mamargots Cousine, Madame und Herr Tudoran, sowie im Turnus wechselnde andere, denen der Sinn nach Luftveränderung steht.

Bei den Einheimischen ziemlich unheimlichen nächtlichen Spaziergängen hat sich die städtische Landpartie angewöhnt, die Entführungsarie aus dem „Rigoletto“ zu intonieren, jedenfalls das „Zitti, zitti …“, worauf erst recht schallend laut gelacht wird. Der ehemalige Klassenfeind lässt es sich bourgeois gut gehen, Mamargot wird beschrieben als ein ewiges Mädchen aus jenen jenseitigen Tagen der Pferdekutschen und livrierten Diener, und mit versnobt herrschaftlichem Habitus wird herabgesehen auf die Basse-Classerie, deren Arbeitskraft diese Tschechow’sche Gesellschaft mangels Alltagstauglichkeit allerdings dringend braucht.

Kunst, und wie sich damit etwas ins Bild setzen lässt, ist eines der durchgängigen Themen des Romans. Während sich die operettenhaft blasierte Mamargot-Clique im intellektuellen Glanze von Schriftsteller George Enescu, der Opernsängerin Hariclea Darclée, des mönchischen Nicolae Steinhardt und des weltlichen Philosophen Emil Cioran sonnt, einer zitiert George Coșbuc‘ Dracula-Gedicht „Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor“, ein anderer gar Nationaldichter Mihai Eminescu, der angesichts der damaligen Fülle korrupter Politiker 1881 den Vers schrieb: „Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch, /Mit harter Hand zu richten“, während man also die im Lichte sieht, werkt im Dunkeln Zugehfrau Sanda.

Von Mamargot „meine Teure“ genannt, ein hagerer Lopachin in seiner abergläubischsten Ausgabe, „die überall Böses und Betrug witterte, vor dem sie uns bewahren wollte“. Lange sind das die „Wölfe“ genannten Securitate-Agenten, denn die lockeren Leutchen haben bezüglich des sein Volk aussaugenden Diktators und des ihn dennoch verherrlichenden Devolitionalienkitsches ein loses Mundwerk, dann, im Buch ist der Hochsommer 2004 angebrochen, „vor dem Leid, das über uns kam, das qualvolle Sterben, das unvorstellbare Grauen, die Rache“. Wer nun noch nicht mit Rotwein oder wahlweise Popcorn unter der Leselampe sitzt, dem ist nicht zu helfen.

Das B. der Nachwende- hat definitiv schon bessere -zeiten gesehen, die Kinder der Nomenklatura bevorzugen andere Urlaubsdestinationen, die Dorfjugend und somit der Erzählerin Freundeskreis ist zur Arbeitssuche ins EU-Ausland angehauen, überall bröselt’s und bröckelt’s, die Häuser- und die Betonruinen verrottender Rohbauten, und auch in den Köpfen jener Ultranationalisten, die sich „im Besitz der wahren, unverfälschten rumänischen Tradition wähnten und sich stolz in die Brust warfen, ihr legitimer Erbe und auserkorener Hüter zu sein“.

Alles scheint der Erzählerin dunkler und geschrumpfter, das verlassene, aufgegebene B. mit seinem Geruch nach Zerfall und Fäulnis wird ihr zur fremden Welt, der Leserin, dem Leser zu einer nachtmahrischen Zwischenwelt, auch der Protagonistin BFF-Schwestern Tina und Arina – Auge! – sind weg. Allein Geo schwadroniert unverdrossen über die „Gleichgültigkeit derer, die auf der geistigen Höhe wären, um die Situation zu beurteilen“ – erste Textzeile der Nationalhymne: „Wach auf, Rumäne, aus dem Todesschlaf“. Und in der Nacht hört die Protagonistin erstmals den „blutgefrierenden Schrei“. Eine menschenähnliche Kreatur klettert den Kopf nach unten die Hausmauer hinunter. „Es war in Schwarz gekleidet, sodass ich unweigerlich auf die weißen Hände schaute, lange, blasse Finger, klauenhaft verbogen, und als es sich umdrehte, erkannte ich es. ;Du?‘“

Derart unheiligen Boden bereitet Dana Grigorcea ihrer Gegenwartsdiagnose. Aus ihrem kuriosen Figurenkabinett nicht unerwähnt bleiben sollen der leutselig-lästige Bürgermeister Sabin, korrupter Ex-Kommunist und politischer Wiedergänger in allen Systemen, und dessen Sohn Atanasie, der dunkle Prinz Ata mit den appretierten Hemden, dem einsamen Auftreten und der Saga um seine sagenhafte Manneslust, der sich nahtlos in die Reihe der Vampir-Verdächtigen reiht. Es folgt ein Todesfall in Mamargots Entourage, daher, jetzt wird’s für Mitteleuropäer skurril, wie Grigorcea überhaupt ein Händchen fürs Grotesk-Komische hat, beginnt der Friedhofsputz.

Bild: pixabay.com

Das Dracula-Schloss im rumänischen Bran. Bild: pixabay.com

Repro: Porträt Vlads III. Drăculea, spätes 16. Jhdt. © KHM, Schloss Ambras

Zwischen den „alten Krypten und Grabsteinen und marmornen Grabstatuen mit gusseisernen Kreuzen, alles halb verdeckt vom Efeu“, hat auch Mamargot eine Familiengruft. Mit einem „kleinwüchsigen Zigeuner“ [sic!] steigt die Erzählerin hinab, um im Leinensackerl alte Gebeine zu bergen, die Platz für die neue Leiche machen müssen. Sie findet die 1490er-Grabstätte von Ecaterina Fronius Siegel, Drăculeas unsterblicher Geliebter, deren sterbliche Überreste samt kleinen grünen Seidenschuhen sie einsammelt, und daneben mit dem Wappen des Ordo Draconis auf dem Deckel die seine, die Grabstätte des mächtigen Fürsten und Woiwoden Vlad des Pfählers.

Zum Schock mit dieser Weltberühmtheit verwandt zu sein, die Protagonistin plagen ab da erotische Albträume vom geheimnisvoll-galanten Ahnen, dem sie auf vampireske Weise zu verfallen droht [„Berauscht gierte ich nach Ekstase. ,Wir sȋn gelȋchen bluotes‘, flüsterte er.“], gesellt sich am kommenden Morgen ein zweiter: In der Gruft wird ein Ermordeter aufgefunden, blutleer ausgesteckt auf Vlads Grab, und bald weiß die Polizei, was die Erzählerin gleich wusste: Der Tote ist Traian Fifor, vierzig Jahre alt, nebst mittlerweile spurlos verschwundener Ehefrau – Auge! – vor zehn Jahren nach Spanien ausgewandert – und nun geschlagen heimgekehrt. Er hauste im verwahrlosten, zugemüllten Bauernhof seiner verstorbenen Eltern, munkelt man.

Noch ein Tag später, und die Presse ist mit einem Tross an Schaulustigen am Schauplatz angelangt. Der geschäftstüchtige Sabin will die Krypta des Märtyrers Vlad öffentlich zugänglich machen, gegen Eintrittsgeld, versteht sich. Doch die Großtante verbittet sich jegliche Art Touristen-Krimes, deren hohe Bereitschaft hier alles und jeden bizarr zu finden, doch irritiere. Dennoch pflanzt sich im dank des wohltätigen Fürsten endlich wieder prosperierenden B. ein Souvenirstand neben dem nächsten, die Bauern posieren in walachisch-weißer Tracht für Fotos, und Sabin, schneller Gründer der „Transylvanian Vampire Inc.“, ernennt mit dem Segen des Tourismus- ministers ganz B. zum künftigen Dracula-Park, errichtet wie stets mit Staatsgeldern, die in seine Tasche fließen.

Doch schon verändern sich die Sinne der Erzählerin. Mit ihrem Atem kann sie Ereignisse vor- und zurückspulen, deutlich spürt sie im Blut die Niedertracht alles Lebendigen. Ein erster Streifzug durch die Nacht wird zum splatterhaften Höhenflug: Ein Rehbock „röhrte so laut und heiser, als würde er sich über seine Angst lustig machen. Mit einem Mal stürzte ich auf ihn herab und saugte ihm dieses Lachen aus.“ Den blutigen Mund wischt sie sich am Fell des Tieres ab. Doch danach scheint es mit der so luftigen Erzählerin talwärts zu gehen: Sie wirkt immer kulturpessimistischer und beklagt, dass es heutzutage nur noch Spott und Hohn gebe. Die Schuld am Verfall gibt sie dem zeitlos beherzten Bürgermeister.

Es ist gewagt und geglückt, wie Grigorcea dem Bram Stoker/Bela Lugosi-Dracula die innerrumänischen Mythen und Legenden um Vlad III. gegenüberstellt. An manchen Stellen wird der Roman gar zum Geschichtslehrbuch: Vlad im Krieg gegen Sultan Mehmed II. Abu al-Faith, Konstantinopel-bezwingender „Vater der Eroberung“, der durch einen Wald aufgespießter Leiber ritt, die einmal seine Soldaten waren, so dass er dem Schaitan den Rücken kehrte. Vlad, der zugunsten seines Volkes die handelsfreudigen Sachsen hinrichtete, der den osmanischen Botschaftern, da sie ihn abzunehmen sich weigerten, den Turban an die Stirn nageln ließ, der Bettler verbrannte, um ihren Weg aus dem Elend ins Himmelreich zu verkürzen. Vlad, der Verrat durch seinen abtrünnigen Bruder Radu erleiden musste.

Vlad, der nach dem Motto: „Wer kein Rückgrat hat, dem bohre ich eines“ seine Widersacher pfählen ließ. Vlad, der Nationalheld, weil er gegen Türken und Ungarn kämpfte, so dass er noch heute im EU-Balkanstaat für viele die Sehnsucht nach nationaler Selbstbestimmung verkörpert. Grigorcea spart nicht an Details von des Pfählers blutigen Scheußlichkeiten, die die Ich-Erzählerin den wohlig erschauernden Touristen als Anekdoten darbietet, alldieweil sie deren Porträts als Dracula-Karikaturen zeichnet. Doch auf dem Höhepunkt der Blutsauger-Story, als Parteipräsident Druga die Baustelle des Themenparks „mit Schloss, Geisterbahn und alldem“ besichtigen will, lässt die Schriftstellerin ihre Schöpfung in Flammen aufgehen.

„Die Regierung beschuldigte die Opposition der Brandstiftung, buchstäblich. Die Opposition hingegen die Regierung, buchstäblich wie im übertragenen Sinn. Erst hätten sie den tapfersten Fürsten des Landes entehrt und ihn zu einer Pappfigur in der Art amerikanischer Groschenromane gemacht, dann hätten sie eine Dracula-Aktiengesellschaft gegründet, das Geld daraus entwendet, und nun hätten sie Feuer gelegt an den eigenen Holzhütten, um riesige Verluste anzumelden, um noch mehr Geld mit den Versicherungen zu verdienen.“

Grigorceas Schauerroman mischt auf einzigartige Weise Politsatire und Persiflage auf den Dracula-Tourismus. Elegant gelingt es der Autorin historisch Belegtes, populäre Geschichte und das Dracula-Genre von Stoker bis Fantasy-Film mit einer messerscharfen Gesellschaftsanalyse zu verbinden. Ihr Text ist ein Plädoyer dafür, sich den Geschichtsbildern und ihrem Weiterwirken in der Gegenwart zu stellen. Der Spiegel, der leer bleibt beim Anblick eines Vampirs, ist dafür ein starkes Symbol – Pfähler wie Gepfählte, im modernen Rumänisch bedeutet „gepfählt worden“ betrogen worden zu sein, saugen einander so lange aus, bis das Land blutleer ist.

Und apropos, blutleer: Es kommt zum großen Showdown. Enttarnt wird, wer der schwarze Racheengel ist, so wie zuvor Sabins armseliges träges Stimmvieh, das die eigene Bequemlichkeit gesellschaftspolitischer Veränderung vorzieht. Keine Frage, dass Sabin, der – Achtung: Spoiler! – in die Tötung Traians involviert war, nun die Rechnung für seine Sünden bezahlen muss. Dass am Ende das Menschliche siegt, ist das Hoffnungszeichen in diesem sprachgewaltig schillernden Pageturner. Gegen all die Gewalt von gestern, gegen die ewiggestrige Gewalt setzt Dana Grigorcea die Überzeugung, dass sich der „Überlieferung“ mit Sinn und Verstand und klarem Blick beikommen lässt. Dass ihr das hier mit den Mitteln des Phantastischen gelingt, ist … fantastisch!

Abschließend, weil’s zu schön ist, ein letzter Absatz von einem Ausflug der Ich-Erzählerin in die Gefilde der Basse-Classerie, ein Liebespaar im Auto: „,Was zum Teufel!‘ Ungläubig sah er hoch. Und da geriet ich in sein Blickfeld, ein weißes Gespenst mit ausgebreiteten Armen und Beinen. Meine schwarzen Haare hingen mir übers Gesicht, meine nackten Brüste baumelten. Und meine Finger griffen abwärts, wurden zu Krallen. ,Meine Fresse‘, rief der Mann aus, er schüttelte den Kopf und begann zu lachen. ,Was ist, warum lachst du?‘, rief die blonde Frau, die nun ebenfalls ausstieg. Sodann deutete der Mann mit dem Kinn auf mich, und die Frau schaute hinauf. Sie schaute auf meinen nackten Körper, dann auf den Mann und wieder hinauf. ,Mein Gott, du ist wirklich ein Schwein!‘, rief sie schließlich und schmiss die Autotür zu: Ich gehe zu Fuß.‘“

Über die Autorin: Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie studierte Germanistik und Nederlandistik und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin, etwa der Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ und die Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

Penguin Verlag, Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“, Roman, 272 Seiten.

www.penguinrandomhouse.de           www.grigorcea.ch

Screenshot: screenrant.com

„Es geht um den Vampirismus in unserer Gesellschaft“: Dana Grigorcea im Gespräch

Wie lebendig ist die Dracula-Legende in Rumänien heute?

Grigorcea: Vor der Wende hat man in Rumänien vor allem von dem einen Dracula geredet, dem blutrünstigen Diktator Nicolae Ceaușescu. Es gab auch die alten, schwülstigen Volksmärchen von Vampiren, die in der Nacht die jungen Mädchen sexuell „erwecken“, die dann am Folgetag bleich und ausgelaugt aufwachen und sich wieder nach der Nacht sehnen. Nach 1989, als sich das Land dem Tourismus öffnete und viele Touristen die Spuren der historischen Fürsten-Figur zu suchen begannen, die Bram Stoker zu seiner Dracula-Figur inspiriert hat, wollte der Tourismusminister einen Dracula-Park bauen, um diesen Mythos zu bedienen und daraus Kapital zu schlagen.

Wie bei Ihnen …

Grigorcea: In dieses Projekt haben korrupte Politiker und zwielichtige Geschäftsmänner investiert. Doch es gab einen großen Aufschrei im Land, dass man sich die Geschichte von Vlad dem Pfähler von Fremden deuten lässt. Da ist der Kult um diesen mittelalterlichen Fürsten erst richtig aufgekommen – ein unnachgiebiger Fürst, kühn und gerecht, der kurzen Prozess machte mit den Korrupten im Land: Er hat sie nämlich gepfählt.

Wofür steht der Dracula-Mythos im Buch?

Grigorcea: Für die Sehnsucht vieler Menschen nach der starken Hand, für den fast schon morbiden Wunsch, düstere Figuren wie den Autokraten Putin, einen Trump oder in Deutschland die AFD-Leute möglichst an der Macht zu sehen. Der Dracula-Mythos steht für die Ereignisse aus der Vergangenheit, die man längst begraben zu haben glaubte, die jetzt aber wieder aus dem Grabe kommen und uns heimsuchen. Letztendlich geht es um den Vampirismus in unserer Gesellschaft.

Ihre Protagonistin steigt, da beginnt der ganze Horror, in die Familiengruft hinab, um eigenhändig die Gebeine ferner Verwandter umzubetten, hierzulande ist das eher unüblich, wenn nicht sogar verboten …

Grigorcea: In Rumänien ist der Tod sichtbarer als hier: Es gibt noch die Totenwache, man wäscht den Toten, küsst ihn, in manchen Gegenden fotografiert man sich auch mit ihm. Auf den Friedhöfen hat man Familiengräber, und manche haben auch Gruften, die seit Jahrhunderten in Familienbesitz sind. Vor dem Begräbnis meiner Großmutter bin ich in die Familiengruft hinabgestiegen, um eben Platz zu machen für den neuen Sarg – und das, was ich im Roman beschreibe, das Aufbrechen des alten Grabes, das Einsammeln der alten Gebeine und auch die intakten grünen Schuhe von puppenhafter Größe, das habe ich selbst gesehen und erlebt.

Das von Ihnen beschriebene Schweigen zwischen den Generationen, ist das in Rumänien ein spezielles? Sie haben einmal gesagt, dass es Ihnen leichter fällt, an der Generation Ihrer Großeltern anzuknüpfen als an der Ihrer Eltern, woran liegt das?

Grigorcea: Ja, meine Generation wurde von den Großeltern großgezogen, die Geschichten von vor der Diktatur weitergegeben haben. Die Eltern, im Kommunismus geboren, haben gearbeitet. Und sie haben nicht viel mit den Kindern geredet, ihnen auch nichts erklärt oder anvertraut, zum Teil aus Angst, dass sich die Kinder verplappern und damit die ganze Familie in Gefahr bringen könnten. Diese Sprachlosigkeit hat sich erhalten.

Ihre Protagonistin hat an der Pariser Kunstakademie studiert und ist Malerin. Warum haben Sie diese Ebene der Kunstgeschichte eingeführt?

Grigorcea: Der Roman ist auch eine Reflexion über das Wesen der Kunst. Als Kind schaut sich die Protagonistin mit ihrer Großtante Mamargot Gemäldealben an, und diese sagt angesichts der Schönheit der Bilder und des Zustands der Kontemplation, in den sie sich beide versetzen können, den Satz: „Nichts kann uns brechen“. Es ist ein zentraler Satz im Buch, und der besagt, dass die Kunst einen rettet. So wird die Protagonistin auch Malerin, und ihre Wahrnehmungen von ihrer Umgebung sind die einer Malerin: sie ist eine genaue Beobachterin von Menschen, Farben und Formen und Stimmungen.

„Zu Hause ist man da, wo man Gastgeberin ist“, sagt Mamargot an einer Stelle. Wo ist das für Sie?

Grigorcea: Diesen Satz habe ich in meinem Präsentationsvideo für den Klagenfurt-Literaturwettbewerb gesagt und mich hier im Roman selbst zitiert. Was ich damit sagen will, ist, dass man da zu Hause ist, wo man großzügig sein kann, wo man in seinem Kreis und darüber hinaus wirken, anderen etwas geben kann. Ich bin in der Schweiz zu Hause, kann hier schreiben, habe meine Leser, organisiere monatliche Benefiz-Lesungen für Flüchtlinge, erziehe meine Kinder – und ich bin auch in Rumänien zu Hause, habe meine Leserschaft, nehme oft Stellung zu gesellschaftlichen und politischen Themen und habe sogar ein eigenes Kultur-Projekt.

28. 4. 2021

H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Alexander Pechmann: Sieben Lichter

April 11, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gevatter Tod ist mit an Bord

Die sieben Lichter, um kurz den Titel zu erläutern, das sind die sieben Seelen von Toten, und deren Mörder wird am Ende des Buches schreiben: „Die Lichter schreien, sie lassen mich nicht schlafen …“ Der Steidl Verlag hat Alexander Pechmanns 2017 erschienenem Schauerroman „Sieben Lichter“ eine zweite Auflage gegönnt, nun können Fans, die erst mit der „Nebelkrähe“ eingestiegen sind, nachlesen, was weiland auf der „Mary Russell“ geschehen ist – wobei der Autor geschickt wie stets seine Fantasie unter die Fakten mengt.

Pechmanns Story über das Geisterschiff mit dem Sensenmann im Schlepptau beruht nämlich auf einer wahren Begebenheit: Im Juni 1828 erreicht die „Mary Russell“ die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal abgeschlachtete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Schiffsjungen und der schwerkranke, elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän, William Stewart, ist spurlos verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung des Falls verschafft sich der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby Gelegenheit, die überlebenden Zeugen zu befragen …

… und hier hakt Pechmann, der Scoresbys Schriften und Bücher über ihn studierte, ein, mit dem Ich-Erzähler Colonel Fitzgerald, einer Figur ähnlich Watson zu Holmes oder Hastings zu Poirot, dessen Schwester der Mann, der die Teerjacke gegen den Talar tauschte, ehelicht, und den der bekennende Agnostiker und ehrenamtliche Magistrat des Landkreises mit einiger Skepsis als „ein halbes Dutzend Persönlichkeiten“ beschreibt: als gütigen englischen Gentleman, als Seemann mit schwieligen Händen, Naturforscher und Dozent über den Erdmagnetismus, Balladen-Rezitierer, als gottesfürchtigen Kleriker und Schwärmer, wenn’s um Frauen geht – mit einem Wort, ein selbstgefälliger Schwadroneur vor dem Herrn.

„Ein, zwei Gläser Wein hätten mir zynische Kommentare zu seiner Weltweisheit entlockt, denn ein neunmalkluger kleiner Teufel flüsterte mir ständig ins Ohr, ich solle die naive Frömmigkeit Scoresbys auf die Probe stellen.“ Doch schon ist Fitzgerald mit dem Schwager unterwegs zur Brigg, wo er nach einem Blick in die blutgetränkte Kajüte und auf die eingeschlagenen Schädel erst mal sein „reichhaltiges Frühstück hustend und würgend ins Meer“ spuckt. Pechmann hat sich den Seemannsjargon perfekt angeeignet, seine Gothic-Sprache, deren verwehend romantischer Tonfall ihn als Übersetzer von Mary Shelley und Herman Melville ausweist, lässt Charaktere entstehen und entwickelt darüber hinaus den Pechmanns Büchern eigenen Pageturner-Sog.

Unverständlich, warum noch niemand eine Verfilmung der Gruselliteratur des Wiener Autors in Betracht zog. Brillant einmal mehr Pechmanns Personenbeschreibung, seine Momentaufnahmen von Schock und Schrecken. Von den traumatisierten Schiffsjungen, „während der Jüngere mit leerem Blick in der Nase bohrte, zwinkerte und grinste der Ältere, als wolle er uns ein kleines, schmutziges Geheimnis verraten“, bis zum sinistren Vollmatrosen Howes, dessen „zernarbtes und zerfurchtes Gesicht nicht recht zu dem fast jugendlich strammen Körper passte. Ebenso wenig seine Augen. Alte Augen …“

Was nun beginnt, sind Scorebys Verhöre, die Fitzgerald als eine Art Vernehmungsprotokolle festhält. Scoresby führt Gespräche mit dem amerikanischen Kapitän Callendar, dessen Schoner Stewarts Geisterschiff in den Hafen schleppte, mit Howes und dem schwerverletzten Ersten Steuermann Smith – „ein Ohr war zerfleischt, ein Auge ausgestochen“, mit den Schiffsjungen Deaves, Scully und Rickards, schließlich mit dem schwindsüchtig in seiner Koje liegenden Reedersprössling Tom Hammond, mit an Bord, weil ihm die Seeluft Erleichterung von seinem Leiden schaffen sollte.

All diese Aussagen werden für Scoresby, Fitzgerald und die Leserin, den Leser zu Puzzlesteinen, die sich zum mystisch flirrenden Gesamtbild zusammensetzen. Und apropos, Bild: Wie in jedem guten Thriller ist hier kein Hinweis überflüssig, keine Bemerkung, kein Satz zu viel. Obacht also, wenn’s um albtraumhafte Visionen und eine Kupferstich-Sammlung von Royal-Navi-Schiffen geht, auf denen allesamt gemeutert wurde, oder um einen Gedichtband von Lord Byron – „Purpurne See weissagt der Sonne Nahn / Eh sie emporsteigt, ist die Tat getan“.

Das verschwommene Schlachtengemälde, das sein Rätsel nicht preisgeben will, ist in etwa dieses: Auf der „Mary Russell“ gab es einen Aufstand – oder auch nicht. Weil Kapitän Stewart offensichtlich den Verstand verloren hatte – oder auch nicht. Die Matrosen haben, laut dem sich hektisch vor und zurück wiegenden Smith, ihren Verrat gestanden – oder sind von Stewart zum Geständnis gezwungen worden. Der gute Christ Stewart, unbescholtener Familienvater und zu allem Übel ein Bekannter Fitzgeralds, konnte also entweder die Meuterei rechtzeitig erkannt oder in seinem Wahn sieben Menschen mit der Axt ermordet haben …

„Deaves behauptete steif und fest, die gesamte Mannschaft habe sich gegen Stewart verschworen, doch der Kapitän hätte rechtzeitig Lunte gerochen und dem Schurkenstück ein Ende gemacht.“ Callender berichtet, Stewart rief aus einem Kajütfenster „Um Himmels Willen helfen Sie mir!“, doch als sich die Mannschaft des US-Schoners näherte, „begrüßte uns Stewart herzlich, übertrieben herzlich, und meinte, die Meuterer seien besiegt. Er schien angesichts des Blutbads wenig beeindruckt: ,Da liegen sie‘, sagte er abfällig, ,wie die Lämmchen beim Schlachter.‘“ Das war kurz bevor Stewart ins Wasser sprang und … mehr weiß Callender nicht.

Dafür John Howes. Ihm zufolge war der Kapitän irre und beschuldigte die Mannschaft „die schwarze Flagge hissen und auf Kaperfahrt gehen zu wollen“, bevor er sie überwand und an Haken fesselte, mithilfe der Schiffsjungen, die „bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten“. Unter etlichen „Entschuldigen Sie, Reverend, Sir!“ für die Kraftausdrücke schildert Howes seine Überzeugung, „es war, als hätten wir in Bridgetown [denn zur Hauptstadt von Barbados segelte die „Mary Russell“ mit ihrer Ladung lebender Maultiere, für die Rückfahrt lud sie sündteuren brauen Zucker, Anm.] es war, als hätten wir in Bridgetown was Unheimliches an Bord geholt, was Böses, das die Sinne verwirrt und den Geist vernebelt.“

Endlich! Übersinnliches! Etwas, das Fitzgerald freilich so nicht stehenlassen will: „Ich frage mich, warum immer höhere Mächte dafür verantwortlich gemacht werden, sobald etwas Schreckliches oder Unbegreifliches geschieht. Als ob Menschen unfähig wären, Böses zu tun.“ Zu viele Ungereimtheiten hätten die Einvernahmen bisher ergeben, Unstimmigkeiten, die Fitzgerald quälen, „wie entsetzliche Misstöne in einem Musikstück“.

Bild: pixabay.com

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Wie konnte Stewart aus zwei Pistolen auf seine Männer feuern und keinen je treffen – und wem gehört die wundersam im Frachtraum erschienene dritte Pistole? Warum gibt Howes an, vor der „Mary Russell“ auf dem Kriegsschiff „Lopara“ angeheuert zu haben, einem Schiff, das es in der britischen Flotte gar nicht gibt? Warum wird Smith beim Nachhaken verstockt und noch schweigsamer?

„Wenn die Sache vor Gericht kommt, wird man vielleicht uns und nicht ihn für verrückt erklären“, klagt Howes und leert einen Becher Rum. „Und wahrscheinlich sind wir das auch. Niemand, der nicht sternhagelvoll oder wirr im Kopf ist, wird uns diese Geschichte abkaufen. Hätten Sie mich der Meuterei angeklagt, weil ich mich gegen nen Mann wehrte, der ein Menschenleben für weniger wertvoll hielt als seine Befehlsgewalt über das Schiff? Ich glaube, Sie und Ihresgleichen hätten mich an den Galgen gebracht, nur um mich hängen zu sehen. Ich aber hätte sieben Leben gerettet, zum Preis von einem.“

Tut Tom Hammonds Kindermund tatsächlich die Wahrheit kund? The Rich Kid, das die Gräuel von seinem Bett aus nächster Nähe sah, und dessen „unerklärliche Gelassenheit mir Kopfschmerzen machte, sein totenblasses Gesicht, seine sachliche, nüchterne Art zu berichten, als wäre er eine glasäugige Puppe, die Geschichten über Menschen erzählt“. Warum war Reeder-Vater Hammond, der seinen Sohn der Obhut Stewarts ja anvertraut hatte, nun panisch bemüht, diesen so schnell wie möglich dem Zugriff der Behörden zu entziehen? Wie konnte des Kapitäns Ehefrau, die zum fünften Mal hochschwangere Mrs. Stewart so stolz erhobenen Hauptes und stoisch bleiben, als ihr von den Vorfällen berichtet wurde? Geht’s in Wahrheit um die wertvolle Ware im Frachtraum?

„All diese Fragen weckten begründete Zweifel, ob die Crew der ,Mary Russell‘ wirklich so ahnungslos und friedfertig gewesen war, wie es nach den bisherigen Berichten den Anschein gemacht hatte. Ich konnte es nicht genau benennen, hatte aber das Gefühl, dass die Ereignisse auf der ,Mary Russell‘ tiefer in der Vergangenheit wurzelten. Die Antworten schienen etwas auszuklammern, das sich durchaus als wichtig erweisen konnte.“ Der Zollbeamte Barnes faselt, „der Kapitän ist mit dem Teufel im Bunde, er hat ihm sieben Seelen versprochen, um eine alte Schuld zu begleichen“, und dass „Mr. Hammond die Finger im Spiel hat. Dass er alles tun würd, um seinen Sohn gesund zu machen. Hexenkunst und Schwarze Messen …“ Barnes spricht von einer Botschaft – doch welche sollte das sein? War das blindwütige Chaos göttliche Vorsehung?

„Es war ein ärgerlicher Umstand, dass man vor Gericht die Taten von nicht zurechnungsfähigen Personen stets als Gottesurteile bezeichnete, während man kaltblütig geplante, in böser Absicht verübte Verbrechen gern dem Teufel zuschrieb“, notiert Fitzgerald seinen Zorn über die „sonderbare Vermischung von Aberglauben und Rechtsprechung“. Da ist der Prozess um die „Mary Russell“ bereits in vollem Gange – auf den Saalbänken „weinende Witwen in grauen Wollkleidern, Schauermänner mit struppigen Backenbärten, finstere Sargträger, schweigende Zuschauer, die aus ihren ärmlichen Fischerhütten herbeigeeilt waren, und sich wie gute Katholiken bekreuzigten“ -, und der Colonel mit seinem Schwager angefreundet, seit ihm dieser offenbarte, seine wichtigste Eigenschaft als naturwissenschaftlich tätiger Theologe sei: „Der Zweifel!“

Zwischen unleugbaren Indizien und verlogenen Aussagen, zwischen Gespensterspuk und Mystizismus erklärt Richter Lord Chief Justice Standish O’Grady, wen er zum Täter auserkoren hat. Nur so viel, nämlich dass dieser seine Untat beging, weil er ein Zeichen Gottes erkannt zu haben glaubte. „Sein Gott“, sagt Scoresby abschließend, „der nachtschwarze Mann seiner Visionen, war eine Figur des Aberglaubens, entstanden aus urzeitlichen, existenziellen Ängsten“, und dass es eben leichter sei, solche Schreckgestalten anzubeten, als über einen Gott nachzudenken, der einem Eigenverantwortung aufbürdet.

Dies Alexander Pechmanns Absage an jegliche religiöse, politische, was-auch-immer Fanatismen: „Ich glaube, dass jeder von uns im Grunde seines Herzens weiß, was richtig und falsch ist, und dass jeder, der gegen dieses Wissen handelt, sich früher oder später selbst bestraft. Darin liegt die Gerechtigkeit, die uns gegeben wurde …“ Alexander Pechmann hat mit dem schmalen Band „Sieben Lichter“ einen spannenden und sprachgewaltigen Mystery-Thriller vorgelegt, der an die düsteren Schauerromane früherer Tage erinnert. Das Wechselspiel des sanften Scoresby, der an die göttliche Vorsehung glaubt, und des zynischen Realisten Fitzgerald ist famos. Glaube und Zweifel treiben die beiden gleichermaßen um, während bei der Rückbetrachtung der Ereignisse ein Strudel aus Angst und Aggression, Obsession und Okkultismus immer gewaltigere Dimensionen annimmt.

Mit detektivischer Freude schlendert man mit dem ungleichen Ermittlerpaar, Fitzgerald erweist sich als besonders genauer Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter, über die Docks, und lauscht interessiert ihren fast schon philosophischen Dialogen über das Rechtsverständnis des 19. Jahrhunderts, über Standesunterschiede und Standesdünkel, über Menschliches, Unmenschliches und Allzumenschliches, über im Wortsinn Gott und die Welt. Was im Jahr 1828 an Bord der „Mary Russell“ geschah, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Wer eine nebeldichte, enigmatische und sehr schön „schauderhafte“ Atmosphäre in Büchern zu schätzen weiß, für den heißt es hier – zugreifen!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) und „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939).

Steidl Pocket, Alexander Pechmann: „Sieben Lichter“, Roman, 164 Seiten.

steidl.de

11. 4. 2021

Drachengasse Live-Stream: Spielräume. Elfriede Gerstl

April 8, 2021 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Grass, Kapplstudenten & Kumpel mit Lidstrich

Shlomit Butbul und Tania Golden lesen Elfriede Gerstls „Spielräume“. Screenshot: Theater Drachengasse. @ Beseder, Verein für darstellende und bildende Kunst

„Ich bin ein kleines Pinkerl und setzt mich in ein Winkerl, und weil ich nichts kann, fang‘ ich nichts an“, rezitiert Erni Mangold und lächelt verschmitzt. Jahaha, weil man ihr genau das glauben mag! Das 94-jährige ewige Mädchen hat sich aus St. Leonhardsberg zugeschaltet, um eine zu ehren, die sie bei keiner ihrer Lesungen vergisst: die österreichische Literatin Elfriede Gerstl. Dramaturgin Susanne Höhne hat deren

surrealistischen Roman „Spielräume“ für die Bühne adaptiert, Tania Golden hat den Text szenisch eingerichtet und spricht nun gemeinsam mit der „Gerstl-Botschafterin“ Mangold und Shlomit Butbul drei Aspekte der Figur Grit – Butbul, Golden und Mangold als Dreieinigkeit des Alter Egos der Autorin. Die Musikalität, den Rhythmus der Sprache unterstreicht Cellistin Anna Starzinger, die, wenn sie nicht den Bogen führt, als eine Art Gerstl №4 in die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine hämmert. Online-Premiere war gestern, als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse, weitere Termine sind am Freitag und Samstag.

„Spielräume“ ist eine Sammlung von Gedankensplittern, tagebuchartigen Notizen und experimentellen Arrangements, entsprungen jenem Kopf der Grit, in dem sich die Zuhörerin, der Zuhörer ebenso frei bewegt, wie die Protagonistin in der Berliner linksintellektuellen Szene der 1960er-Jahre. Grit ist Teil einer Gruppe öster- reichischer Emigranten, die sich aus der heimatlichen Enge Richtung Jugend-Protestbewegung abgesetzt haben, wo sie nun – bevorzugt im von ehrbaren Bürgern gemiedenen „Ausländercafé“ Kleist – „herumgammeln“: Man zieht von Festl zu Fest „oder was man so nennt“, sät und erntet nicht, sondern säuft und kifft – Mangolds Zweizeiler dazu: „Was der Bauer nicht kennt, raucht er nicht“, diskutiert sich heiß und plant wilde Aktionen.

„Herumgammeln“, welch Wiederhören mit einem im Zeitgeist verlorengegangenen Wort, derart bietet die Gerstl allerhand, im Prater etwa geht ein „Platzregen aus Krachmandeln“ nieder, dabei ist dies jahrzehntelang vergessene Werk, das dringend nach einem Spielraum verlangte [2003 gab’s eine Uraufführung mit Erni Mangold, Vera Borek und Peter Ponger am Klavier], brandaktuell. Aus den „Spielräumen“ stammt das viel zitierte Wittgenstein-Derivat, das als Motto über Gerstls Schaffen stehen könnte: „Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen“, und das können die drei Damen großartig.

Furios und fordernd ist dieser von ihnen gestaltete Abend, der in der Küche von Grits xenophober Vermieterin beginnt, die von der Untermieterin verlangt, sie „Tante“ zu nennen, wie Tania Golden da das Gesicht verzieht – ist es Freundlichkeit, Falschheit, Feigheit, die „gute Erziehung“, dass sie der im Fremdenhass schwelgenden Frau nicht widerspricht?, bevor sie mit Shlomit Butbul Gerstls „Analogieschlüsse“ zum Besten gibt: Kuchenduft – Kohlehydrate – Achselschweiß – schmutziges Geschirr – Scheiße.

Erni Mangold (M.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Elfriede Gerstl (hi.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

An das Sch-Wort muss man sich gewöhnen, ganze Absätze handeln davon. „Es sind die kleinen Brüche und sanften idiomatischen Irritationen, die den Reiz dieser uneitlen, präzisen Wortkunst ausmachen, in der Trauer und Ängste ironische Masken tragen, frei von Phrasenschmuck und ohne sich selbst zu verraten“, schrieb weiland der Wiener Germanist Ulrich Weinzierl über die Gerstl in der FAZ. Und wie sie verweigern sich nun Butbul, Golden und Mangold dem preziös Prätentiösen. Sie machen aus „Spielräume“, dieser verschachtelten Geschichte zwischen Innen und Außen, ein Theaterstück mit frei wählbaren Rollen. Ein Spiel mit Verschiebungen, eine scharfsinnige, philosophische Hinterfragung der Wirklichkeit, die noch dazu äußerst humorvoll geschieht.

Immer wieder fährt Grit mit dem Zug die Strecke Wien-Berlin, der Städtewechsel soll das Leben ändern, doch muss sie erkennen: „Fast überall ist fast überall“. Zum strengen Urteil übers Umfeld gesellt sich Grits missglückende „Selbstreflexion“, Weltpolitik wird bei sich leerenden Bierflaschen erörtert, und ganz Wiener Gruppe stellt sie kritisch fest, um in dieser Gesellschaft voranzukommen, müsse man „ein Arsch werden, der auf jedes Häusl passt“. Das heißt Subkultur! Wenn sich die Niederösterreicherin Mangold die „Landesmuttersprache“ verbietet. Schön die Formulierung von den Medien, die „im Brustton der Borniertheit“ berichten.

Wie die Schriftstellerin kennen auch die Schauspielerinnen keine Scheu vor den Banalitäten des Alltags, jede Alltäglichkeit wird zum avantgardistischen Experiment, und weil „Spielräume“ ein feministischer Text ist, sind die Männer die Witzfiguren. Genüsslich lassen sich Butbul und Golden die Exemplare auf der Zunge zergehen, die Kapplstudenten beim Heurigen und ihre Nazi-Vettern im Parlament, die Alkoholiker von Rang, die Sadomaso-Zwiebelrostbraten-Fresser, die Kumpels mit dem Lidstrich und die Latzhosenträger.

Die Kinder der Kleinbürger, Kleinsparer, Kleingeister, „klein, klein, klein“, die Prügelknaben, die zu Prügelvätern wurden, die Männer, die sagen, man solle sich dran gewöhnen oder einfach nicht mehr hinhören. „Er ist in seinem Kopf“, heißt es an einer Stelle über einen geistig abwesend Wirkenden. „Ist das ein Grund zu verzweifeln?“ – „Wenn man er ist, ja!“ Dazu projiziert Golden Bilder von Protestmärschen, der perfekten Familie, von Gerstl selbst. Konzipiert im Jahr 1968 vergleicht Gerstl in „Spielräume“ die Berliner Revolutionäre mit dem Wiener „Nur Ruhe!“-Denken. Und sie beschreibt ihre Sorge, als weibliche Intellektuelle angemessen zu leben. „Du bist ein Trampel“, sagt ein Textfragment einmal zu ihr.

Tania Golden hat das alles in Kapitel unterteilt, zu denen Anna Starzinger die Stichworte liefert. Ein Kabarettsketch das eine, in dem ein paar österreichische Heimaturlauber im VW-Bus wieder nach Deutschland einzureisen begehren, und die „importierte Dreideutigkeit“ frei nach Karl Kraus am sprachlichen Unverstand des pragmatischen, heißt: urdeutschen Grenzers scheitert. Da nützen weder blondes Haar noch blaue Augen, und auch kein Hinweis aufs „achtbare Nachbarland“ – „der Emigrant lebt von der Hand in die Hand und seinem bisschen Verstand“, schließt Golden.

Mit reichlich Witz und bösem Schalk vermitteln Shlomit Butbul, Tania Golden, Ernie Mangold und Anna Starzinger Elfriede Gerstls von liebevoller Beobachtungslust begleitete scharfsinnige, scharfzüngige Gesellschaftsanalyse. Nach einer Hommage wie dieser im Theater Drachengasse muss die wiederzuentdeckende Literatin Gerstl noch lange nicht den Hut nehmen.

Weitere Streaming-Termine: 9. und 10. April um 20 Uhr.

www.drachengasse.at           Tickets/15 €: www.eventbrite.at

Anna Starzinger (li.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Zum Text:

Elfriede Gerstl wohnte zwischen 1963 und 1971 zeitweise in Berlin, dort war sie eingeladen, am Berliner Colloquium teilzunehmen. Günther Grass, der an der Schreibschule unterrichtete und viele Jahrzehnte lang als „die Stimme der deutschen Literatur“ galt, kritisierte Gerstls Arbeit derartig, dass sie dadurch ihren bereits unterzeichneten Vertrag bei Rowohlt verlor und große finanzielle Einbußen erlitt. „Öffentlich von Grass zsammgstaucht: Aichinger-Einflüsse, Poesel, alles kunstgewerblich, perfektioniert geschriebene Variante von Bekanntem. Zwar verteidigen mich meine Kollegen Born, Fichte, aber auch die anderen so gut sie können, aber Grass ist ein Brocken, den viele kleinere nicht aufheben können“, zitiert Kollege Herbert J. Wimmer sie 1964.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Günter Grass wurden erst in späteren Jahren Thema der Literaturkritik. Der aus den Erfahrungen Gerstls in Berlin entstandene Roman „Spielräume“ wurde schließlich nicht von Rowohlt verlegt, sondern erst 1977 beim Verlag Edition Neue Texte, Linz. Die Haltung von Günter Grass und seinen Jüngern trug stark dazu bei, dass sich der deutsche Literaturmarkt gegenüber experimenteller Literatur auf Jahrzehnte hin verschlossen hatte. Heute wird „Spielräume“ von der Literaturwissenschaft als Meisterwerk angesehen.

Über die Autorin:

Die 1932 in Wien geborene und 2009 in Wien gestorbene österreichische Schriftstellerin Elfriede Gerstl war lange ein literarischer Geheimtipp, heute gilt sie als eine der größten Dichterinnen der deutschsprachigen Moderne. Als jüdisches Kind überlebte sie den Nationalsozialismus in Wien in verschiedenen Verstecken. 1945 besuchte sie eine Maturaschule, die sie 1951 erfolgreich abschloss. Ein Studium der Medizin und Psychologie brach sie 1960 ab, daraufhin Heirat und Geburt einer Tochter. Veröffentlichungen von Elfriede Gerstl sind seit 1955 erschienen.

Sie war die einzige Frau im Umkreis der Autoren der „Wiener Gruppe“ und der frühen Aktionisten. Von 1963 bis 1971 hielt sie sich wiederholt längere Zeit in Berlin auf. „Spielräume“ aus dem Jahr 1968/1977 (erhältlich bei www.droschl.com/buch/spielraeume/) blieb der einzige Roman von Elfriede Gerstl. Ihre jüngere Freundin Elfriede Jelinek erklärte sie zu ihrem Vorbild. In ihren letzten Lebensjahrzehnten erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, etwa den Erich-Fried-, den Georg-Trakl- oder den Heimrad-Bäcker-Preis sowie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold.

  1. 4. 2021