Auf Ediths Spuren – Tracking Edith

März 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wiener Superspionin des KGB

Selbstportrait Edith Tudor-Hart. Bild: © Familie Suschitzky

Ihre Fotografien zeigen hungrige Kinder vor Brotläden, ärmliche Menschen in schmutzigen Hinterhöfen, protestierende „Working Women“ im strömenden Regen … Edith Tudor-Hart war eine der wenigen Frauen, die in den 1930-Jahren fotografierten, und sie war eine von denen, die mehr taten, als nur abzulichten – nämlich die Kamera zum gesellschaftspolitischen Gewissen zu machen. Ein Film, „Auf Ediths Spuren – Tracking Edith“, von ihrem Großneffen Peter Stephan Jungk und ab 31. März in den heimischen Kimos zu sehen, beleuchtet nun das Leben dieser kontroversiellen Frau. Denn Tudor-Hart war aufgrund ihrer Überzeugungen eine Sowjetagentin.

Sie rekrutierte den Spion des Jahrhunderts, Kim Philby, und half mit, die Cambridge Five, den erfolgreichsten und berühmtesten Spionagering aufzubauen, den die Sowjetunion je beschäftigt hat. 1973 ist die gebürtige Wienerin im englischen Brighton verstorben. Der Film erzählt die mutmaßlich wahre Geschichte der österreichischen KGB-Starspionin, die maßgeblich daran beteiligt war, dass Russland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Atombombe kam. Jungks Doku folgt ihr wie der „Dritte Mann“ – sein erstes Bild ist tatsächlich wie bei Carol Reed das Riesenrad, Jungk erinnert sich aber auch daran, wie er als Kind mit Tante Edith in einer der Gondeln Richtung Himmel schaukelte.

Wo Originalmaterial aufgrund von Geheimhaltung fehlen muss, hilft sich der Regisseur – und dies ist sehr besonders – mit Animationsfilmsequenzen. Bestimmte Ereignisse aus Ediths Leben werden mithilfe knapper, intensiver, schwarz-weißer Szenen illustriert, die im Stil des Film Noir konzipiert sind – zum Beispiel jener Moment, als Edith im Londoner Regent’s Park den berühmt-berüchtigten Philby dem sowjetischen Geheimagenten Arnold Deutsch vorstellt, oder die Verbrennung ihrer Fotonegative, nachdem der englische Geheimdienst MI5 sie Anfang der 1950er-Jahre zum ersten Mal verdächtigte und ihre Wohnung stürmte …

Der Historiker Barry McLoughlin und Filmmacher Peter Stephan Jungk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter und Wolf Suschitzky und Misha Donat. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass Jungk dabei nie dem Leichtsinn verfällt, seine Verwandte anzuprangern, ist auch seinen Gesprächspartnern geschuldet: Ediths Bruder, der Fotograf und Kameramann Wolf Suschitzky, der 2016 im Alter von 104 Jahren verstorben ist, Paul Broda, Sohn des Physikers und Ediths Geliebtem Engelbert Broda, die Schriftstellerin Anna Kim, der Militär- und Geheimdiensthistoriker Nigel West und die Ex-KGB-Mitarbeiter Alexander Vassiliev und Igor Prelin. „Sowohl mein Vater, als auch mein Stiefvater wurden beschuldigt, den Kalten Krieg mitausgelöst zu haben. Aus meiner Sicht ist das besser, als ein heißer Krieg. Wenn sie zu einem Gleichgewicht des Schreckens beigetragen haben sollten, umso besser!“, sagt Paul Broda. Sein Bruder Christian, der sich früh vom Kommunismus losgesagt hatte, wurde in den siebziger Jahren Bruno Kreiskys Justizminister.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

„Die Leute denken immer, Spione gleichen James Bond. Aber in Wahrheit … kann man über Spionage keinen wirklich guten Film machen. Spionage ist langweilig. Oder man muss ein sehr guter Spielfilm-Regisseur sein. Es müsste nämlich ein Film über Beziehungen sein, nicht über Spionage. Alles dreht sich dabei nämlich um zwischenmenschliche Beziehungen.

Zwei Menschen: Der eine will, dass der andere sein Land verrät“, sagt Alexander Vassiliev. Jungk gelingt ein eindringliches Bild eines Lebens, das ihm nicht gefällt. Gleich zu Beginn fragt er die Tante: „Wozu das alles, in das du da hineingeraten bist? Hat es sich gelohnt?“ Und: „Du hast diesem Höllenregime die Treue gehalten, dein Leben lang. Wie konntest du?“

www.trackingedith.com/

www.auf-ediths-spuren.com

Wien, 27. 3. 2017

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017

Logan: Hugh Jackman zum letzten Mal als X-Man

März 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wolverine braucht eine Lesebrille

Nicht mehr der Frischeste – Logan ist sichtlich gealtert und verwundbar geworden: Hugh Jackman mit Newcomerin Dafne Keen. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Nie hat jemand behauptet, dass Unverwundbarkeit vor dem Altern und dem Sterben schützt, also war logisch, dass es Wolverine irgendwann erwischen musste. Den Sezessions- und den Zweiten Weltkrieg (in dem er das Kind Erik Lehnsherr/Magneto aus dem KZ befreit) hat er hinter sich gebracht, auch Vietnam und diverse X-Men-Abenteuer. Nun hat Darsteller Hugh Jackman beschlossen, die Marvel-Figur, der er seit 18 Jahren Menschlichkeit verleiht, gehen zu lassen.

Mit „Logan“, ab 3. März in den heimischen Kinos zu sehen, bereitet der australische Schauspieler dem bei den Fans der Saga so beliebten Antihelden einen würdigen Abschied. Jackman ist seit den X-Men-Anfangstagen zu einem besseren, einem raffinierteren Schauspieler gereift, und so ist auch sein Zigarre kauender Einzelkämpfer charakterlich vielschichtiger geworden. Das einstige von tierischer Wut befeuerte Kraftwerk gibt unter Qualen den Geist auf. Zwar fährt Wolverine immer noch die Krallen aus – und dies härter, schneller und brutaler als jemals zuvor -, doch Logan ist erschöpft und verletzlich geworden. Das Blutvergießen betrifft auch sein eigenes, Auseinandersetzungen gehen nicht mehr ohne Blessuren aus, und nicht immer zu Logans Gunsten. Dazu plagt ihn die Altersweitsichtigkeit, gegen die er eine Lesebrille braucht.

Jackmans karge, zurückgenommene, fast möchte man sagen zerbrechliche Darstellung seiner „Lebensrolle“ ist überwältigend. Regisseur James Mangold hat mit dem leider letzten auch den besten Teil der Wolverine-Trilogie für die Leinwand gebannt. „Logan“ ist eine apokalyptische Dystopie mit – am Ende – Hoffnungsschimmer. Neben all den Protzern und Posern, die derzeit durch die Kinos poltern, ist dieser melancholisch-düstere, schmerzliche, in sandigem Sepia fotografierte Film eine Wohltat. Und ein Beleg dafür, dass das Superheldengenre auch mit Hirn zu befüllen ist.

Das Jahr ist 2029. Das erste Bild: Ein abgefuckter, dem Alkohol verfallener Logan verdingt sich als Luxuslimousinen-Chauffeur für reiche Las-Vegas-Touristen. Doch raus aus der Stadt, enthüllt sich sein Geheimnis. In einem Wassertank mitten im Nirgendwo der Wüste versteckt er den zweiten überlebenden X-Man, den dement gewordenen Charles Xavier – Patrick Stewart at his best. Der Sir und Shakespeare-Mime liefert ebenfalls seine intensivste schauspielerische Leistung als Professor X ab. Er gibt mit Verve den Kauz im Elendsquartier, der mit Medikamenten stillgelegt wird, weil er seine Kräfte nicht mehr beherrschen kann und deshalb schon Menschen zu Schaden gekommen sind.

Nicht nur Logan kann die Krallen ausfahren: Dafne Keen als Laura. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Ein gereizter Wolverine ist immer noch mordsgefährlich: Hugh Jackmann. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Doch „Amerikas meistgesuchter Mittneunziger“ hat noch lichte Momente, und in einem solchen erspürt er ein Mutantenmädchen, das Hilfe braucht. Newcomerin Dafne Keen spielt diese Laura, ein seltsam glubschäugiges Gör, der ein paar Bösewichte hinterher sind. Zum eigenen Schaden. Denn gereizt kann die Kleine ruckzuck die Metallfänge ausfahren, an Händen und an Füßen, kann ratzfatz eine ganze paramilitärische Einheit enthaupten, und gerade als man sich fragt, ob sich Adamantium vererbt, stellt sich heraus, es gibt mehr solcher Killerkinder. Gezüchtet als zukünftige Supersoldaten haben sie sich aber, weil von Natur aus gutmütig, als solche unbrauchbar erwiesen und werden deshalb der Reihe nach eingeschläfert. Einigen allerdings gelang die Flucht in den Norden – und zu ihnen will Laura.

Der Professor wird in einem Wassertank versteckt: Hugh Jackman mit Patrick Stewart als Charles Xavier. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Es entwickelt sich ein Familienroadmovie mit Opa X, Vater Wolverine und tatkräftigem Töchterlein, gegen den, was Schnetzeln und Metzeln betrifft, die X-Men-Serie reinstes Kuschelkino ist. Die Gegner haben keine Chance, Richard E. Grant als durchgeknallter Doktor und Boyd Holbrook als sein Cyborg auch darstellerisch nicht, sind ihre Figuren doch viel zu flach angelegt, um zu überzeugen – dies tatsächlich die große Schwachstelle des Films.

Doch dessen Herzstück – und Raum für den typischen Stan-Lee-Humor (der diesmal auf seinen Cameo-Auftritt verzichtete) – ist ohnedies die Beziehungskiste der drei Protagonisten. Nicht nur Patrick Stewart und Hugh Jackman liefern sich da gekonnt einen verbalen Schlagabtausch nach dem anderen, auch mit Dafne Keen klappt’s diesbezüglich bestens. Die Zwölfjährige ist in ihrer Rolle so mürrisch, missmutig und unberechenbar, mit einem Wort „verbiestert“, wie ihr Erzeuger. Jackman, Vater zweier Adoptivkinder, lässt seinen Logan an dessen ohnedies begrenzten pädagogischen Fähigkeiten scheitern. Er ist blind für das deutlich Erkennbare, und als er es endlich sieht, wird sein Opfer verlangt. Endlich nämlich wird das personifiziert, was von Anfang an in der Figur angelegt war: Wolverines Kampf mit sich selbst … nun zum Wohle der Kinder, der nächsten Generation X. Die erprobt unter seiner Anleitung schließlich doch ihre Fähigkeiten. Ihr letzter Kampf gegen die Schurken ist eine der beeindruckendsten Szenen des Films. Und daher mutmaßlich nicht das X-Men-Ende.

www.logan-derfilm.at

Wien, 1. 3. 2016

Diagonale-Preis für Johannes Krisch

Februar 24, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Burgschauspieler wird für seine Filmarbeit geehrt

Johannes Krisch als „Jack“ in Elisabeth Schrangs Unterweger-Film. Bild: © Thimfilm

Der Große Schauspielpreis der Diagonale geht dieses Jahr an Johannes Krisch.

„Johannes Krisch lotet die Grenzen als Künstler aus und ist bereit, sie zu übertreten – mit Liebe, mit Leidenschaft und mit einer großen Vielfalt an schauspielerischem Können“, so die Begründung der Jury. „Er macht es sich nicht auf gewohntem Terrain bequem, sondern tastet sich in seiner Rollenauswahl in die dunklen Ecken vor.“

Preisverleihung ist bei der Eröffnung des Grazer Filmfestivals am 28. März.

Krisch, 1966 in Wien geboren und gelernter Tischler, wirkte in zahlreichen Filmen mit, etwa „Revanche“, „Freier Fall“, „Die Vaterlosen“ oder in Elisabeth Scharangs großartigem Unterweger-Film „Jack“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14486). Zurzeit ist er in seiner ersten Hollywood-Rolle in Gore Verbinskis Horrorfilm „A Cure For Wellness“ in den heimischen Kinos zu sehen. Seit 1989 ist Krisch Ensemblemitglied des Burgtheaters, wo er aktuell als Titus Feuerfuchs in Nestroys „Der Talisman“ auf der Bühne steht. Nächste Vorstellung ist morgen im Akademietheater.

www.diagonale.at

www.johannes-krisch.com

Wien, 24. 2. 2017

Wilde Maus: Josef Haders großartiges Regiedebüt

Februar 11, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Intellektuelle haben niedrige Instinkte

Ein Selbstmordversuch mit Whiskey auf Eis geht natürlich schief: Regisseur Josef Hader schonte sich als Schauspieler nicht. Bild: © Wega Film

Heute Abend hat die „Wilde Maus“ Weltpremiere bei der Berlinale, am 17. Februar läuft sie in den heimischen Kinos an. Dass Josef Hader mit seinem Regiedebüt um den diesjährigen Goldenen Bären wetteifert, hat wohl, wie er in der ihm eigenen höflichen Bescheidenheit zu Protokoll gab, nur ihn selbst erstaunt.

Die Tragikomödie, in der Hader erstmals als Dreifaltigkeit Regisseur-Drehbuchautor-Hauptdarsteller wirkt, ist schlichtweg großartig. Wie jede seiner Arbeit hält auch diese die Waage zwischen Klamauk und Konflikt, zwischen Tollheit und Tiefgang, und wie immer wirft Hader einen amüsiert lakonischen und doch liebevollen Blick auf die dargestellte Menschheit. Sich selbst hat Hader eine Figur auf den Leib geschrieben, die ihre mangelnden Sympathiewerte durch Dackelblick ausgleicht, in solchen Rollen ist er auf der Bühne und auf der Leinwand erprobt, die batzweichen Zyniker, die Arschlöcher mit Herz. Der Oberösterreicher hat sein „Breaking Bad“ lang vor den Amerikanern erfunden.

Mit einem verschmitzten Lächeln die größten Gemeinheiten zu servieren, das ist die große, in seinen Kabarettprogrammen lupenrein geschliffene Kunst, in der Hader nun Meister ist. Dazu hat er einen skurril-schwarzhumorigen Plot erdacht, die Dialoge klingen einem wie quasi O-Töne in den Ohren, und einen handverlesenen Cast um sich versammelt. Dass der politisch stets wache Kopf die großen Themen dieser Tage nur als Nebengeräusch anklingen lässt, hat fast etwas von Koketterie. Flüchtlingssituation, Terrorkrise, Globalisierungskritik, all das kommt als beiläufige Fernsehnachricht vor, Zeitgeistiges wie Fitness-Wahn oder Vegan-Welle kriegen im Vorbeigehen ihr Fett weg.

Hader spielt den von Starallüren aufgeblasenen Musikkritiker Georg, doch geht ihm schnell die Luft aus, als er gekündigt wird. Alles bitten und betteln beim „Piefke“-Chef hilft nichts, und Georg schämt sich seiner Arbeitslosigkeit so sehr, dass er sie vor seiner Frau Johanna verheimlicht. Es beginnt eine Talfahrt in den Wahnsinn, der geschasste Journalist schwankt zwischen Selbstmord- und Mordgedanken, doch wird er nicht nur zur „Wilden Maus“, sondern auch Mitbesitzer einer solchen. Im Prater lernt er den ehemaligen Liliputbahnfahrer Erich kennen, ebenfalls ein zu Unrecht Entlassener.

Der wird jenseits aller Bildungsunterschiede bald zu einem Bruder im Geiste, und so machen sich die beiden Männer, die nun ja über ausreichend Tagesfreizeit verfügen, an die Renovierung einer maroden Achterbahn. Nächtens aber begeben sie sich auf einen Rachefeldzug gegen Georgs Chef – was mit kleinen Sachbeschädigungen beginnt, wird bald zu großangelegtem Vandalismus, und Georg samt seiner (klein-)bürgerlichen Existenz aus der Kurve getragen …

Ein Achterbahn-Mitbesitzer im Prater führt ein Leben voller Action: Josef Hader mit Georg Friedrich. Bild: © Ioan Gavriel

Dafür ist daheim in jeder Hinsicht tote Hose: Josef Hader mit Pia Hierzegger. Bild: © Wega Film

„Ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern schon ein bissl eine Satire über die ,neuen Bürger‘“, so Josef Hader im Gespräch mit mottingers-meinung.at. „Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.“

Der Regisseur Hader hat den Schauspieler Hader nicht geschont. Der Multitasker spielt mit vollem Körpereinsatz, sei’s nackt eine Sexszene, sei’s halbnackt eine Verfolgungsjagd durch den Schnee. Er hat seinen Kauzigkeitsregler bis zum Anschlag aufgedreht, heißt: je weniger man Georgs Handlungen gutheißen oder verstehen kann, umso armseliger, umso bemitleidenswerter erscheint er einem, dabei gleichzeitig auch lächerlich – man lacht über die Tragik eines verkorksten Lebens.

Pia Hierzegger, sie auch im wirklichen Leben Haders Partnerin, ist in der Rolle der Johanna zu sehen, eine unterkühlte Psychotherapeutin, der nur warm in der Seele wird, wenn sie Georg zum Eisprung einbestellt. Die Frau wünscht sich nämlich, was der Mann unter keinen Umständen will: ein Baby. Auch von dieser Seite also nichts als Druck, der immerhin zu erregten verbalen Schlagabtäuschen führt. Georg Friedrich ist als Schausteller Ernst in seinem schauspielerischen Element, diesmal kein Strizzi, sondern eine ehrliche Haut – und wie immer natürlich topauthentisch. Hubsi Kramar hat einen Kurzauftritt als Polgar-begeisterter Polizist.

Noch sind die beiden Widersacher bei verbaler Gewalt: Josef Hader und Jörg Hartmann. Bild: © Petro Domenigg

Als Widerpart hat sich Hader den wunderbaren Jörg Hartmann gewählt. Hierzulande in erster Linie bekannt als Chef des Dortmunder „Tatort“-Teams, weniger als Mitglied der Berliner Schaubühne, an der er gerade Schnitzlers „Professor Berhardi“ gibt. Er gestaltet Georgs Chefredakteur erst als Fiesling, bevor er beginnt, einem liebenswürdig zu erscheinen. Wie Haders besteht auch Hartmanns Komik darin, eben nicht komisch zu sein; wie zwei wütende Kinder gehen sie aufeinander los, statt, was logisch wäre, die Polizei einzuschalten, folgt aufs Faustrecht die Lynchjustiz. Dass Ende darf nicht nur nicht verraten werden, es bleibt in gewisser Hinsicht auch offen …

Für einen Film über einen Musikkritiker galt es die passende auszuwählen. Josef Hader entschied sich für einen Mix von Beethoven bis Bilderbuch. Für einen Auftritt im Konzerthaus, das Georg noch als Rezensent besucht, konnte er das Ensemble Quatuor Mosaïques gewinnen. Schön ist das, wie die Musiker Franz Schuberts Streichquartett in d-moll spielen, und die Musik, nunmehr Filmmusik, in Georgs Kopf zu einer zornigen Variation, zum Schlachtruf gegen den Chef wird. Gerade sind ihm bei Schuberts melancholischen Klängen noch die Tränen gekommen, schon drischt er auf ein Cabriodach ein. Der Firnis der Zivilisiertheit ist dünn, Kunst und Kultur nur ein Feigenblatt über dem Urmenschentum, sagt Hader genussvoll: Ja, selbst Intellektuelle haben niedrige Instinkte. Auch diesbezüglich geht also die „Wilde Maus“ ab.

wildemaus.derfilm.at

Wien, 11. 2. 2017