Viennale 2017: Christoph Waltz kommt als Stargast

September 21, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ihm ist ein umfangreiches Tribute gewidmet

Inglourious Basterds: Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa. Bild: Universal Pictures

Einer der Höhepunkte der diesjährigen Viennale (19. Oktober bis 2. November) steht fest: Christoph Waltz kommt nach Wien! Das Filmfestival widmet dem Schauspielstar und zweifachen Oscar-Preisträger ein umfassendes Tribute. „Christoph Waltz zur Viennale zu holen war seit mehreren Jahren ein Herzensprojekt von Hans Hurch. Dass es in diesem Jahr klappt, freut uns ganz besonders“, so der interimistische Leiter der Viennale, Franz Schwartz.

Die gemeinsam mit Christoph Waltz getroffene Auswahl aus seinen Arbeiten umfasst neben Hollywood-Erfolgen wie „Inglourious Basterds“ (2009), „Carnage / Der Gott des Gemetzels“ (2011) oder „Django Unchained“ (2012) auch ältere Filme, die in Deutschland und Österreich produziert wurden, wie „Kopfstand“ (1981) oder „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ aus dem Jahr 1996. Am 24. Oktober findet im Gartenbaukino eine Galaveranstaltung in Anwesenheit von Christoph Waltz statt, gefolgt von einem ausführlichen Bühnengespräch.

www.viennale.at

21. 9. 2017

Baumschlager

September 18, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Stipsits als schürzenjägerischer UNO-Soldat

Drei Engel für Baumschlager: Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Thomas Stipsits und Sólveig Arnarsdóttir. Bild: © Dor Film

Der Name ist Baumschlager, Werner Baumschlager, und der hat in 100 Minuten Film mutmaßlich mehr Sex als James Bond in 55 Jahren Kinogeschichte. Er hat’s beruflich aber auch einfacher, ist er doch kein Superspion, der beständig gegen Welteroberer oder -zerstörer kämpfen muss, sondern führt das beschauliche Leben eines österreichischen UN-Soldaten an der blauen Linie, der Grenze zwischen Israel und dem Libanon.

Dass er dort so viel Chaos anrichtet, dass sich die Blauhelme schließlich aus der Pufferzone auf dem Golan zurückziehen (tatsächlich verließ das Austrian Battalion, seit 1974 ununterbrochen mit dem größten Truppenkontingent vor Ort im Einsatz, im Wahljahr 2013 überstürzt die Waffenstillstandszone), ist aber ein böswilliges Gerücht … Harald Sicheritz‘ hinterlistige Satire „Baumschlager“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. In der Titelrolle, seiner ersten Kinohauptrolle: Kabarettist und Schauspieler Thomas Stipsits.

Der gerät als patscherter Bundesheer-Hauptmann im Nahen Osten in die Bredouille, teils in eine selbstverschuldete, teils wird er zum Spielball der sich gegenüberstehenden Generalstäbe und ihrer friedensfeindlichen Pläne. Denn mit der Waffenruhe hat hier niemand so richtig Freude, weder die UN-Kräfte (Baumschlagers Untergebene müssen mit dem Abzug ihre lukrative Hanfplantage aufgeben), noch das israelische oder das libanesische Militär. Mit „Baumschlager“ ist Sicheritz ein schwarzhumoriges Lustspiel gelungen, das gewieft die tagtäglichen Verhältnisse in einer der langlebigsten Krisenregionen dieser Erde darstellt; die dortigen komischen Verhältnisse hatten eine solch komödiantische Darstellung längst verdient.

Das Drehbuch dieser österreichisch-israelischen Koproduktion stammt von der jungen israelischen Autorin Maayan Oz, die die von ihr beschriebenen absurden Situationen vermutlich aus dem Effeff kennt, und daher den Figuren auch noch im größten Aberwitz zutiefst menschliche Züge verleihen konnte. Gleichzeitig zeigt Oz eine klare, wenn für den Film auch zugespitzte, Haltung zu Militär, der UNO – und Kriegsprofiteuren aller Seiten. Seien sie Gauner oder Geschäftsleute oder die Schnittmenge aus beidem. Der Film ist vielsprachig und als solcher zu empfehlen, mit sehr geglückten Untertiteln – aus „Shut up“ beispielsweise wird ein sehr einheimisches „Gusch, jetzt“ -, es gibt aber auch eine rein deutschsprachige Fassung. „Baumschlager“, das hat auch etwas verweht Nostalgisches, weiß auch nicht wie, aber irgendwie muss man an Heinz Conrads denken, der in seiner 1970er-Jahre-Sonntagmorgensendung im Radio immer auch „unsere Burschen auf den Golan-Höhen“ grüßte …

Ranias zukünftiger Ehemann liebt Kriegsspielchen …: Shadi Mar’i und Thomas Stipsits. Bild: © Dor Film

… genauso wie die israelische Soldatin Sigal: Thomas Stipsits und Meyrav Feldman. Bild © Dor Film

Apropos, Lust-Spiel: Werner Baumschlager ist der Typ Mann, der nach dem Sex höflich fragt, ob’s eh gefallen hat. Als Soldat mit hohem Pflichtbewusstsein und einem gerüttelt Maß an Akkuratesse ausgestattet, will er privat nur eines: alle um sich glücklich machen – und natürlich auch sich selbst. So kam’s wohl, dass er in eine Doppelliebesaffäre gestolpert ist, eine bilaterale noch dazu, ist doch die eine Geliebte die israelische Soldatin Sigal (Meyrav Feldman als „die Harte“) und die andere die libanesische Generalstochter Rania (Moran Rosenblatt als „die Zarte“).

Damit nicht genug, wartet im österreichischen Middle of Nowhere Gerti Drassl als brave Ehefrau Martha. Es kommt der Weihnachtsurlaub und, während sich Martha noch freut, dass Werner plötzlich ein paar neue Handgriffe im Bett beherrscht, ohne zu ahnen, dass er sich für die um Kopf und Kragen schnackselt, ein Erpresserbrief: „Go back to Israel and wait for instructions“, steht da zu einigen scharfen Sexfotos von Baumschlager und Sigal. Also zurück an die Front.

Wo sich die turbulenten Ereignisse überschlagen: Die Erpresser entpuppen sich als georgisch-israelisches Vater-Sohn-Gespann (Eyal Rozales und  Kobi Farag), die Baumschlager zwingen, mit Kokain präparierte Orangen aus dem Libanon nach Israel zu schmuggeln, denn er als UN-Soldat werde gewiss nicht kontrolliert. Martha, misstrauisch geworden, beschwert sich in Wien bei Werners Vorgesetzter – die nur bestätigen kann, dass die Erlaubnis für den Heimaturlaub aufrecht ist. Also fliegt Martha in den Nahen Osten, um selber nach dem Rechten zu sehen. Mittlerweile entpuppt sich der „Orangenhändler“, Baumeister Ali, als Ranias zukünftiger Schwiegervater und sein Sohn, der „arrangierte“ Verlobte, als schießwütiger Vollpfosten.

Die UNO ihrerseits, durch Marthas Auftritt aufgeschreckt, setzt zwei Agenten (Sólveig Arnarsdóttir und Bond-Bösewicht Anatole Taubman) auf Baumschlager an. Dessen drei Frauen treffen auf und geraten handgreiflich aneinander. Und während die Militärs auf beiden Seiten (herrlich: der israelisch-arabische Superstar Norman Issa als libanesischer General, ergo Berufszyniker, und Ranias Vater Mussa) überlegen, wie man den Schürzenjäger Baumschlager zum Spion hochstilisieren könnte, damit endlich wieder geschossen werden kann, fressen Ziegen die rauschgiftigen Orangen – oder doch nicht? …

Das Weihnachtsfest in Österreich ist kurz, Baumschlager muss zurück an die Liebesfront: Thomas Stipsits und Gerti Drassl. © Dor Film / Bild: Hubert Mican

Immer wieder überraschende, skurrile, aber durchaus nicht ganz unrealistische Irrungen und Wirrungen nehmen als „Mission Baumschlager“ ihren Lauf. Neben der österreichischen Besetzung Thomas Stipsits und Gerti Drassl, und Gastauftritten von Martina Spitzer als Marthas Mutter und Proschat Madani als Ranias Mutter, bestechen sowohl Meyrav Feldman als auch Moran Rosenblatt.

Stipsits stattet seinen Baumschlager mit dem ihm eigenen tollpatschig-charmanten Schmäh aus, und macht ihn zu einem so grundguten, liebenswerten Menschen, dass er einem fast leid tut in dem Schlamassel, den er mitangerichtet hat. Warum sich die Frauen reihenweise in seinen Werner verlieben, macht Stipsits mit seiner sympathischen Darstellung klar. Dass sich die Militärs angesichts seiner panischen Handlungen fragen, ob „Boomschlager“ ein Idiot ist, ist begreiflich, aber nicht gerecht. Stipsits spielt das herrlich, mit einer beinah stoischen Ruhe und immer alle beschwichtigend, als hätte sein Baumschlager inmitten dieser Riesenintrige gar nicht mehr die Kraft, sich groß aufzuregen.

Gerti Drassl glänzt mit ihrem reduzierten Spiel als so eifersüchtige wie besorgte Martha, die auf der Reise ihren Mann erst spät, vor allem und zuerst aber sich selbst findet. Und obendrein den Beduinen Saud (Zohar Liba) und seine fremd-gefährliche und exotische Welt. Wunderbar etwa die Szene, in der Martha in Sauds stinkertem Auto einen Wunder-Baum aufhängt. Meyrav Feldman und Moran Rosenblatt als Sigal und Rania wiederum benutzen Baumschlager als Türöffner zu ihren jeweiligen Lebensträumen, will erstere doch über ihn bei der UN-Friedenstruppe eingestellt werden, und zweitere mit ihm ihrem verrückten Verlobten Richtung Österreich entfliehen. Anatole Taubman wiederum gibt alles in einer besonders fordernden Rolle: Sein UNO‐Agent Max Lang muss als Geisel im Irak Schlimmes erlebt haben, denn immer wenn orientalische Musik erklingt, muss er sich nackt ausziehen und eine Ziege … naja … beglücken.

Harald Sicheritz braucht für seinen Film weder Klamauk noch Slapstick, die Plots sind auch so bizarr genug. Wie er und Drehbuchautorin Maayan Oz eine komplexe politische Situation in die Schwierigkeiten eines einzelnen übersetzen, ist meisterlich. Der Vereinte-Nationen-Mann Werner Baumschlager hat seine eigene Idee davon, wie man die Nationen vereinen kann. Make love, not war. Was den Film „Baumschlager“ betrifft, so kann man sich nur der Meinung von Gerti Drassl anschließen: „Ich finde, es ist eine sehr feine, mannigfaltige Komödie geworden, die auch sehr überrascht!“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=YnKEMwxCCv8

www.baumschlager.derfilm.at

BUCHTIPP:

Heute erscheint bei Ueberreuter Thomas Stipsits erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“. Darin beleuchtet er in 26 Geschichten humorvoll und hintersinnig die Suche nach dem Glück im Leben. Die Geschichten über Menschen von A wie Andreas bis Z wie Zita werden raffiniert miteinander verknüpft und beleuchten als Momentaufnahmen großes und kleines Glück. Denn: Ein Sonnenuntergang am Meer, ein gutes Glas Rotwein oder ein Lotto-Dreier – was Glück für den Einzelnen bedeutet, kann unterschiedlicher nicht sein … (Buchrezension folgt).

Am 19. September gibt Thomas Stipsits ab 18 Uhr in der Buchhandlung Thalia W3 eine Signierstunde. Der Eintritt ist frei.

www.ueberreuter-sachbuch.at

www.thalia.at/shop/home/filialen/showDetails/6411/

18. 9. 2017

Die Liebhaberin

September 3, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstfindung im Nudistencamp

Im Nudistencamp geht’s entspannt zu. Bild: Filmgarten

Mit seinem zweiten Spielfilm gewann Lukas Valenta Rinner, Salzburger Filmemacher mit Wahlheimat Argentinien, nicht nur den diesjährigen Diagonale-Spielfilmpreis, sondern nahm auch erfolgreich an Festivals in Rotterdam, Saarbrücken und Toronto teil. Seit Freitag nun ist „Die Liebhaberin“ in den heimischen Kinos zu sehen. Rinner erzählt von der Haushaltshilfe Belén.

Die würfelt ein Job in eine hermetisch abgeschlossene Reiche-Leute-Welt, eine „Gated Community“ am Rande von Buenos Aires mit Wachposten am Tor. Darstellerin Iride Mockert gestaltet diese Belén als abgehärmte, verschlossene Frau, sie so wortkarg wie der ganze Film. Denn Rinner entführt in eine dystopisch surrealistische Ferne (der Eindruck, wird sich am Ende zeigen, trügt nicht): Schöne, heile Welt mit Prachtvillen und leeren Straßen. Menschen – nirgendwo. Belén erledigt ihren Job mit stoischer Ruhe. Die dummen Streiche der Reichen interessieren sie nicht. Weder das Treiben ihrer exaltiert-hysterischen Arbeitgeberin, noch das deren Sohnes, ein Sportass, dessen unterschwellige Aggressivität sich noch gegen die Mutter richten wird.

Rinner hält sich nicht lange mit einem Prolog auf. Nach 15 Minuten schon ist der Film dort, wo er hingehört. Belén sieht den ersten Nackedei, und entdeckt beim Spicken durch den Elektrozaun, der die Anlage abschirmt, ein Nudistencamp. Da drüben, in einem Garten Eden Argentiniens, tut sich für sie Ungeheuerliches auf, das sie erst auf-, dann erregt. In einer wunderbaren Szene tritt Iride Mockert ein ins Paradies, legt die Kleidung- und steht da, eine Mischung aus Botero-Figur und Botticellis Venus, mit letzterer Körperhaltung jedenfalls.

Putzfrau Belén (Iride Mockert) bei der Arbeit … Bild: Filmgarten

… und mit ihrer neu erworbenen Freiheit. Bild: Filmgarten

Sie wird mit offenen Armen empfangen, erfährt Gemeinschaft, Liebe (die sowieso) und allerlei Esoterisches. Die Nackten gebärden sich wie eine Art Sekte. Beléns Weg zur Selbstfindung und in die Emanzipation beginnt. Sie wird selbstbewusster, aufbegehrender, weil sie sich plötzlich begehrenswert fühlt. Rinner erzählt in seiner unaufgeregten Art, die größten Momente zeigt er in größtmöglicher Stille. Dazu gelingen ihm süffisant-amüsante Bilder. Ein Brunnen wird gekrönt von einer Rieseneichel = Nussfrucht. Ein Nackter mit Schubkarre macht sich ans Garteln. Und schließlich folgt ein hinreißend schüchterner Doch-Nicht-Sexversuch mit dem Securitymann, nach dem Besuch eines ebenfalls menschenleeren Rummelplatzes.

Rinner zeigt keine „schönen“, jungen Körper. Er macht sich behutsam an die Arbeit, waren doch viele seiner Darsteller Laien. Und je mehr der Film fortschreitet, stellt sich fest, dass die Freigeister, die Belén von ihren Zwängen und Nöten befreien, sich nicht weniger Regeln und Vorschriften auferlegt haben, als die High Society auf der anderen Seite. Zwei Stämme stehen hier gegeneinander, die Nackten und die Untoten, und als der Freikörperkultur-Gärtner vom Elektrozaun schwer verletzt wird, steuert der Film auf die Eskalation zu. Rinner treibt nun das Absurde auf die Spitze.

Auf dem Erotikplatz werden die Regeln gemacht. Bild: Filmgarten

Nämlich folgt der Sturm auf den Feind. Es kommt zu einem Science-Fiction-fähigen Shoutout, erstaunlich, wer alles zur Waffe greift, unfassbar wer aller erschossen wird. Spätestens jetzt liegen Gated Community und Nudistencamp irgendwo zwischen Aldous Huxley und Ray Bradbury. „Die Liebhaberin“ ist junges, erfrischendes, nicht unanstrengendes Kino aus Österreich. Der sprichwörtliche Blick über den Zaun wird zur humoresken Todesfalle, und dabei mit heiterem Ernst über den Menschen und seine Begierden erzählt.

www.dieLiebhaberin.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OUNDqnAwWq0&feature=youtu.be

  1. 9. 2017

Tulpenfieber

August 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Waltz glänzt als schrulliger Ehezausel

Cornelis Sandvoort lässt sich mit seiner jungen Frau porträtieren: Christoph Waltz und Alicia Vikander. Bild: © Thimfilm

Das Tulpenfieber, das hat es tatsächlich gegeben. Es läutete das Goldene Zeitalter der Niederlande ein, ab 1600 profitierte vor allem die Hafenstadt Amsterdam vom Handel mit den wertvollen Mutterzwiebeln, die die holländische Ostindien-Kompagnie aus weit entfernten Gebieten importierte. Die Wirtschaft boomte, die Kunst blühte auf, die Tulpe wurde zum heiß begehrten Statussymbol.

Die Attraktivität trieb die Preise in schwindelerregende Höhen und die Spekulanten auf den Plan. Börsenfieber grassierte, bis – die vielleicht erste Finanzblase der Geschichte platzte. 1637 fanden bei einer Auktion in Haarlem erstmals Händler keine Abnehmer für ihre Gewächse. Panik, Bankrott, der Staat musste eingreifen – auch der Maler Jacob van Loo, im Film „Tulpenfieber“, der diese Woche in den heimischen Kinos anläuft, heißt er Jan van Loos, verlor sein gesamtes Hab und Gut.

Das ist der Stoff, aus dem Deborah Moggach weiland ihren Roman-Bestseller gewoben hat. Daraus hat der hochkarätige Tom Stoppard ein Drehbuch verfasst, das von Justin Chadwick verfilmt wurde. Et voilà, ist hinreißendes Historienkino entstanden, mit Bildern, wie von den flämischen Meistern entworfen – und tatsächlich spielt die Stadt Amsterdam im Film eine Hauptrolle. Gewurschtel und Gewusel, Geschäftigkeit zwischen den Grachten, Schmutz und verschmierte Kinder und die Jagd nach dem ganz großen Gewinn … Die Fotografie von Eigil Bryld lässt Amsterdam wie einen eigenen Organismus atmen und ist fantastisch anzuschauen. Die Schauspieler arrangiert er zum Tableau vivant.

Ergebnis: Sie verliebt sich in den Maler Jan van Loos – Alicia Vikander und Dane Dehaan. Bild: © Thimfilm

Derweil tobt an der Börse das Tulpenfieber: Supermodell Cara Delevingne in einer wichtigen Nebenrolle. Bild: © Thimfilm

Doch mehr. Moggach/Stoppard bescheiden sich natürlich nicht mit einem Blumenkorso. Die Geschichte also: Der reiche Kaufmann Cornelis Sandvoort hat die junge Waise Sophia geheiratet. Seine erste Frau und seine beiden Kinder wurden Opfer der Pest, nun hofft er erneut auf Nachwuchs, aber sein „kleiner Soldat“ ist über die Jahre ziemlich müde geworden. Da verfällt er auf die Idee, sich und die schöne Gattin porträtieren zu lassen – Jan van Loos wird engagiert, und die Gattin verfällt ihm. Kabale und Triebe. Nun werden Fluchtpläne aus dieser unfruchtbaren Ehe geschmiedet.

Jan wirft sich aufs Tulpengeschäft, damit Geld für eine Überseefahrt zusammenkommt. Sophia will ihren Göttergatten zumindest mit einem Erben trösten, und da kommt ihr die ungewollt schwangere Magd Maria gerade recht. Deren Herzensmann wurde – weil Tulpenschulden – für die wenig christliche Seefahrt shanghait, die Schande, die Schande, und so schmieden die beiden Frauen einen sinistren Plan …

Das Ensemble agiert exzellent. Selbst in kleineren Rollen, wie Supermodell Cara Delevingne als durchtriebene Tulpenspekulantin oder Judi Dench, die als Äbtissin eine Gottesanbeterin gibt, eine hantige Mutter Oberin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Dane Dehaan ist als Jan van Loos melancholisch sexy, die Damen Alicia Vikander und Holliday Grainger als Sophia und Maria entzückend anzuschauen.

Sophia schmiedet mit ihrer schwangeren Magd Maria einen sinistren Plan: Holliday Grainger. Bild: © Thimfilm

Judi Dench, brillant als Äbtissin, die das Tulpengeschäft fest in ihren Händen hält. Bild: © Thimfilm

Und dann ist da er. Christoph Waltz, ein Schauspieltitan, wie immer, wenn er sich darauf besinnt, dass er in Österreich Charakterdarsteller war, bevor er sich ins US-Superschurken-Business begeben hat. Wie er den Cornelis Sandvoort gibt, ist unübertrefflich: ein freundlicher, schrulliger Ehezausel, ein leutselig geschwätziger Mann, der sich um Standhaftigkeit bemüht, nie ein böses Wort findet und für alle nur das Beste will. Man wird im Laufe der Handlung direkt angesäuert, welches Unrecht ihm hier widerfahren soll. Und als es passiert und die Intrige auffliegt, ist er immer noch großherzig und vergibt. Waltz brilliert in dieser Rolle als niederländischer Kaufmann, der verstehen lernt, dass zwar alles seinen Preis hat, aber man nicht mit allem handeln kann.

Das Ende ist dann original calvinistisch: Die Frevler werden abgemahnt, aber nicht zu streng, die guten Menschen werden für ihr Tun belohnt. Alles in allem eine sehr schön schauerliche Gothic Fiction für den nun langsam heraufdämmernden Herbst. Sehenswert.

tulpenfieber-derfilm.de

23. 8. 2017

Monsieur Pierre geht online

August 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Pierre Richard ist ein anrührender Internet-Cyrano

Monsieur Pierre macht Alex zu seinem jüngeren Alter Ego: Pierre Richard und Yannis Lespert. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Alle Jahre wieder entzückt das französische Kino mit einer hinreißenden Sommerkomödie. 2017 heißt sie „Monsieur Pierre geht online“, ist der grandios bewährte Mix aus leichtfüßiger Elegance und schwerer Melancholie, und ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. Monsieur Pierre, das ist kein Geringerer als Pierre Richard.

Regisseur und Drehbuchautor Stéphane Robelin hat dem großen Blonden nach dem Erfolg von „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ diese Rolle auf den Leib geschrieben. Und Pierre Richard, dieser lebenslange Pierrot, füllt sie mit Schwärmerei, mit zärtlicher Zerstreutheit – und mit der Unfähigkeit sich gegen die Unbilden des Lebens zu wehren. Sein Monsieur Pierre ist im besten Sinne ein sanftmütiger Schalk. Außerdem fast ein Poet. Im Internet. Die Story hat viel mit Edmond Rostands Cyrano gemein. Nur, keine Sorge, gibt es hier ein märchenhaftes Happy End für alle.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch ein Interesse. Der Witwer schaut tagein, tagaus alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau an. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und in seiner Trauer. Da schmiedet Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) einen sinistren Plan: Der Lover ihrer Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora (Fanny Valette). Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings/Briefe abschickt. Dass das alles nicht gutgehen kann, ist klar. Am Ende verliebt sich auch Alex, der die Körperlichkeiten dieser ménage à trois zu schultern hat, in Flora. Und zwischen den beiden Männern bricht der Konkurrenzkampf los …

Monsieur Pierre stellt seine junge „Geliebte“ der Familie vor: Pierre Richard, Stéphane Bissot, Stéphanie Crayencour und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Das Schlafzimmer teilen allerdings Flora und Alex: Yannis Lespert und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Stéphane Robelin gelingen ein paar großartige Szenen. Pierre Richard, verlegen wie ein Schulbub beim ersten Rendezvous, das gar nicht er bestreiten wird. Weshalb er das Date erst mit dem Feldstecher beobachtet, später vom Nebentisch im Restaurant aus. Wunderbar, wie der alte Anbeter den jungen in seine Biografie drängt, und der beginnt diese auszuschmücken. Wobei aus dem faden Verwaltungsbeamten ein abenteuerlustiger Vulkanologe wird. Fabelhaft Stéphane Bissot und Stéphanie Crayencour, als Pierre, bislang der Fremdkörper in der Familie, doch nun treibt sie die Neugier herbei, ihnen die junge „Geliebte“ beim Frühstück vorstellt:

Fanny Valette als Flora, die tatsächlich glaubt, Pierre wäre Alex‘ schrulliger Großvater. Das ist Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence – ohne jemals plumb zu sein. Wie diese Situation für etliche Minuten durch Fehldeutungen in der Schwebe bleibt, ist zwar komplett unrealistisch, aber extrem unterhaltsam.

Monsieur Pierre skypt immer noch mit Juliettes Lieblings-Ex-Verlobtem, und der anonym gehaltene Alex muss nun daneben sitzen und sich anhören, wie die Familie dem Verflossenen nachweint. In schwermütigen Tagträumen lässt Robelin seinen Pierre eng umschlungen mit dessen toter Frau tanzen; in weniger bekümmerten imaginiert er die Treffen mit diversen Dating-Damen. Die Fantasie führt bis zu einer Konfrontation von Pierre und Alex, einander gegenüber vor einem Toilettenspiegel. Ist das echt oder von Pierre bloß erdacht? Wer derart lyrische Momente erschafft, der darf auch eine Szene, wie diese schreiben: Telefonkonsultation, weil am Computer gerade gar nichts geht. Alex: Haben Sie das Fenster geöffnet? Pierre steht auf und tut ebendieses …

Pierre Richard ist ein anrührender, aber auch kauziger Internet-Cyrano. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Dass Pierre Richard in jeder Minute des Films als wieder zum Leben erweckter Kauz schimmert wie ein wertvoller Edelstein, ist klar. Um nichts steht ihm aber auch sein Filmpartner Yaniss Lespert nach. Hierzulande bis dato unbekannt, erfreut sich der 28-Jährige in Frankreich als Darsteller in der TV-Serie „Fais pas ci, fais pas ça“ großer Beliebtheit.

Als Alex ist er ein würdiges Pendant in dieser seltsam sich entfaltenden Freundschaft zu Monsieur Pierre, ebenfalls ein Weißclown, allerdings ohne Ambitionen, ein erfolgloser Antriebsloser mit Dackelblick, dessen gar nicht so tief verborgener Widerspruchsgeist ihn gesellschaftliche Normen aber ignorieren und an sein schriftstellerisches Talent glauben lässt. Lange Zeit scheint er keinerlei Ziel zu haben, scheint sich das Szenario um ihn herum fast ohne sein Zutun zu entwickelt – und genau deshalb kann sich der Humor des Films emporschrauben, kann sich sein Charme entwickeln.

Mit Volldampf steuern Robelin und seine Darsteller so dem überdrehten Finale entgegen. Höhepunkt der Absurdität ist die Enttarnung, wenn Flora mit Pierre spricht, während sie aber Alex meint. Eine Sequenz, in der man sich wahrlich unter die Cadets de Gascogne versetzt fühlt. Als Motto des Films kann aber ein Zitat des unsterblichen (und Pierre Richards Freundes) Jacques Brel gelten: Man braucht viel Talent, um nicht erwachsen zu werden. Voi­là, c’est ça!

www.monsieur-pierre-geht-online.de

10. 8. 2017