Anna Fucking Molnar

November 21, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Nina Proll, so goschert wie verletzlich

Nur ein Traum: Anna und ihre Männer – Nina Proll, Murathan Muslu, Gregor Bloéb und Robert Palfrader. Bild: © Gavriel/Kolm

„Wie kann man Sie sexuell erniedrigen“? Die Frage wird einer Schauspielerin von einer Journalistin tatsächlich gestellt. Die Angesprochene flüchtet sich in versnobte Ärgerlichkeit, sie verweigert sich, um nicht „von ganz Österreich sexuell belästigt“ zu werden. Das ergibt den genau umgekehrten Aufmacher – sich gegen die Medien zu wehren, ist eben schwer …

Das Beschriebene ist eine Szene aus dem Film „Anna Fucking Molnar“, der am 24. November in den heimischen Kinos anläuft. Hauptdarstellerin Nina Proll hat das Drehbuch geschrieben, und so sehr ihre Wortspenden zur (eigentlich schon nicht mehr laufenden) #metoo-Debatte erstaunten, so erfreulich ist ihr Debüt als Autorin. Erfreulich auch, dass zwei weitere Frauen als Macherinnen hinter der rauhbeinig-romantischen Komödie stehen: Co-Autorin Ursula Wolschlager und Regisseurin Sabine Derflinger, die mit Proll auch bei den „Vorstadtweibern“ zusammenarbeitet. Nun sind die beiden bei ihrem ersten Kinoprojekt angekommen.

Fescher Feuerwehrmann: Murathan Muslu. Bild: © Ioan Gavriel

Dessen Inhalt: Theater-Diva Anna Molnar (Nina Proll) steht kurz vor der Premiere von Schnitzlers „Reigen“, als sie in der Garderobe ihren Ehemann, Theaterdirektor an der Josefstadt und Bühnenpartner, bei einem Quickie mit einer Nebenrolle ertappt. Ein Mix aus Hochprozentigem und Beruhigungstabletten beschert Anna auf der Bühne ein K.O. Statt im Feuilleton steht ihr Name nun in den Skandalblättern, die Karriere ist im A***rgen.

Anna muss wieder ganz von unten anfangen – beim Fernsehen. Glücklicherweise schimmert mit dem feschen Feuerwehrmann Christian, der Anna ins Spital brachte, zumindest schon ein neuer Lover am Horizont. Doch dessen Performance lässt aufgrund ihres Stargehabes sehr zu wünschen übrig …

Von goschert und selbstbewusst bis verletzlich und kleinlaut, so gestaltet Proll die Rolle, die sie sich selbst auf den Leib geschrieben hat. Neben ihrer Frauenpower brillieren Gregor Bloéb als bald Ex-Ehemann, Uwe Ochsenknecht als Vater und Murathan Muslu als Christian. Robert Palfrader gibt einen herrlich durchgeknallten Psychiater. Wunderbar die Parodie des verschwitzten TV-Schinken „Mätresse wider Willen“, den Anna drehen muss. Ein Schelm, wem dazu die „Wanderhure“ einfällt.

annafuckingmolnar.at

21.11.2017

La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

www.la-pasada.at

20. 11. 2017

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sich einfach in den Film fallenlassen“

Der Mann mit dem Messer. Philipp Hochmair spielt den Koch Nick. Bild: © Polyfilm Verleih / Wojciech Sulezycki

Freitag lief in den heimischen Kinos „Tiere“ mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr an. Als Nick und Anna wollen die beiden eine Auszeit in der Schweiz nehmen. Doch nach einem Unfall mit einem Schaf kommt alles anders. Der Tod des Tieres wird zum Ausgangspunkt einer schwarzen Komödie der Irrungen über die Rätsel von Liebe und Täuschung.

Und zu einem raffinierten Mindgame zwischen Wien und den Alpen. Seltsame Dinge geschehen im Ferienhaus, die scheinbar nur Anna wahrnehmen kann. Liegt es an dem Autounfall, den sie mit Nick hatte? Bildet sie sich das alles nur ein? Oder ist das alles nur ein Traum – und falls ja: Wer träumt ihn eigentlich? Dem in der Schweiz lebenden polnischen Regisseur Greg Zglinski ist mit „Tiere“ ein sehr besonderer Film gelungen; in den Nebenrollen brillieren Michael Ostrowski, Mona Petri und Mehdi Nebbou. Philipp Hochmair im Gespräch:

MM: Ehedrama, Psychothriller, Horrormärchen – wie würden Sie „Tiere“ beschreiben?

Philipp Hochmair: Der Film ist das alles, er entzieht sich vor allem jeder Kategorie, er ist also Drama, Komödie, Heimatfilm – alles gleichzeitig. Und das macht ihn für mich so besonders.

MM: Dies ist eigentlich ein unmöglich zu führendes Interview, denn man darf nicht ein Wort zu viel sagen, um die Pointe von „Tiere“ nicht zu verraten.

Hochmair: Genau … Mir haben aber auch schon Leute gesagt, sie hätte in dem Film nichts verstanden. Wir werden in diesem Interview dazu ermuntern, dass es nicht darum geht, den Film zu verstehen, sondern sich einfach in den Film fallenzulassen und ihn auf sich wirken zu lassen.

MM: Ich nehme an, all diese Vielschichtigkeiten haben Sie in dieses Projekt geführt?

Hochmair: Der Regisseur Greg Zglinski hat Birgit Minichmayr und mich als das zentrale Paar ausgewählt. Der Autor und ursprüngliche Regisseur des Films Jörg Kalt hat sich tragischer Weise vor zehn Jahren das Leben genommen. Damals stand das Projekt schon einmal vor Drehbeginn. Das zentrale Paar Anna und Nick gibt es auch in seinen anderen Filmen. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ waren es Simon Schwarz und Kathrin Resetarits. Simon Schwarz war also schon vor mir Nick, und Kathrin Resetarits Anna. Dieser Nick und diese Anna verkörpern bei Jörg Kalt  den Mann und die Frau die aneinander scheitern. Die sich suchen aber nicht finden. Weil sie vielleicht trotz ihrer Liebe nicht in der gleichen Welt leben …

MM: Das ist eine schöne Linie

Hochmair: … und dass immer wieder andere Schauspieler dieses Paar spielen, hat mich interessiert. „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ist mehr eine Komödie, die Manie und Heiterkeit. Hier in „Tiere“ haben wir die Depression als Gegenstück. Die Beschäftigung mit dem Menschen Jörg Kalt ist sicher auch ein wichtiger Zugang zu dem Film „Tiere“.

MM: Wie ist denn dieser Nick, den Sie spielen?

Hochmair: Wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen Tod und Leben. Eine Autofahrt Richtung Zukunft durch die Nacht in eine Auszeit, die eine Ehekrise lösen soll. Zwischen Lüge und Wahrheit. Nick ist mit seiner Beziehung zu Anna in einer Krise, und die beiden steuern auf eine Katastrophe zu. Er müsste sich ehrlich verhalten, aber das schafft er nur bedingt. Vieles, was passiert, kann auch nur in seinem oder ihrem Kopf passiert sein.

MM: Wie waren bei so einem verrätselten Film die Dreharbeiten?

Hochmair: Eigentlich ganz klassische Filmarbeit. Wir haben jede Situation ganz konkret genommen. Aber die Dreharbeiten waren in jeder Hinsicht besonders: ein besonderes Drehbuch, mit einem sehr besonderem Team, in besonderer Landschaft. Und es hat mir Spass gemacht, einen Koch zuspielen.

In der Schweiz soll es beschaulich werden: mit Birgit Minichmayr Bild: © Polyfilm Verleih

Doch es kommt ganz anders: mit Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Weil?

Hochmair: Ich leidenschaftlich koche. Jörg Kalt angeblich auch, das merkt man ganz deutlich an seinem Drebuch … Eine kleine Anekdote: Jörg Kalt, hat der Coop 99 – der Produktionsfirma des Filmes – einmal angeboten bei einem anderen Projekt, dem Film „Die Fetten Jahre sind vorbei“ als Koch das Film-Catering zu machen. Und hat, vor allem ohne sich als Regisseur oder Filmemacher aufzutreten, das Team ganz liebevoll bekocht. Das war für mich sicher auch ein Schlüssel zur Rolle „Nick“. Ich habe mich mit diesem Nick gut gefühlt. In Lausanne auf dem Berg leben, das Kochen, seine undurchsichtigen Wege … das konnte ich gut nachvollziehen. Ich habe selbst kurz davor auch in Lausanne gelebt und gearbeitet, habe dort meinen Werther-Monolog am Théâtre de Vidy auf Französisch produziert. Sicher auch deswegen ist die Rolle Nick trotz aller Verwirrung und trotz aller Fremdheit der zeitlichen Verwirrungen für mich sehr nachvollziehbar, konkret und persönlich.

MM: Apropos, Theater: Sie sind nicht nur mit „Werther“, sondern auch mit Ihrem „Jedermann Reloaded“ und mit Schiller-Monologen unterwegs, haben im Berliner Gropius-Bau Kafkas „Prozess“ gemacht. Am Theater lieber Solist?

Hochmair: Die Organisation von Staatstheatern, die oft Jahre im Voraus ihren Spielplan festlegen müssen, und von TV-Serien, wie zum Beispiel den „Vorstadtweibern“, oder internationalen Filmproduktionen, die sehr spontan planen,  lässt sich schwer vereinen. Das lässt sich im Moment für mich leider nicht so gut verbinden. Meine eigenen Produktionen wie „Jedermann-Reloaded“ oder „Werther“ sind da wie kleinen Ruderboote, die ich alleine ganz gut lenken kann. Ich war zum Beispiel gerade ein Monat in Kapstadt um zu Drehen, das wäre so mit einem fixen Theatervertrag nicht möglich.

MM: Aber Sie könnten Burgtheater und „Vorstadtweiber“ machen.

Hochmair: Das wäre natürlich eine gute Kombination … Aber so spiele ich an den Toren Wiens, nicht weit weg vom Burgtheater, in Bad Vöslau, im „Schwimmenden Salon“ von Angelika Hager jedes Jahr …

MM: Die „Presse“ hat Sie nach einem Auftritt dort einen „Bildungsbürgerpunk“ genannt. Passt das?

Hochmair: Gutes Stichwort. Ich versuche zwar wildes, innovatives, Theater zu machen, aber die Zuschauer sind lustiger weise doch das klassische Theaterpublikum, und nicht die 15- bis 18-Jährigen aus der Rapperszene. Ich habe gerade meinen „Jedermann“  im Linzer Posthof gezeigt, einem Ort für Rockkonzerte und ich dachte, da werden die jungen Massen strömen. Aber nein … trotz Rockband, trotz Techno bleibt es ja klassische Literatur, also auch bildungsbürgerliches Theater … Daher wahrscheinlich der „Bildungsbürger Punk“. Ich irritiere und animiere mit Mitte 40 eben eher meine Generation als ganz junge Leute.

MM: Wenn Sie nun so leicht verzweifelt die „Mitte Vierzig“ murmeln, wohin geht Ihr Wollen und Werden und Wirken?

Hochmair: Den Weg weitergehen, den ich gerade gehe. „Vorstadtweiber“ möchte ich gerne noch ein paar Staffeln machen, will als „Joachim Schnitzler“ noch so richtig auf den Putz hauen! Am 8. Jänner wird’s in der dritten Staffel so richtig krachen. Dann schauen wir weiter …

Die Frage bleibt, ob und was Nick im Schilde führt: Philipp Hochmair. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Einen weiteren Film haben Sie kürzlich abgedreht: „Candelaria“. Der kommt 2018 ins Kino?

Hochmair: Das hoffe ich. Eine kolumbianisch-kubanisch-deutsche Koproduktion. Wir befinden uns in den 90er-Jahren in Kuba. Im Zentrum steht ein sehr altes Ehepaar. Das Land befindet sich in der grossen Kries und die Leute sind sehr, sehr arm.

Ich spiele einen deutschen Krisengewinner, eine Art Unterweltskönig. „Candelaria“, die Frau, findet durch Zufall eine Vidokamera und ihr Mann beginnt sie damit unter anderem beim Duschen zu filmen. Das alte Paar entdeckt darüber auf sehr rührende Weise seine Sexualität wieder. Nur landet aber dummerweise dieses sehr private Filmmaterial bei mir, und ich will dann damit Geld machen. Daraus spinnt sich ein sehr anrührender Film in einer ganz anderen Kultur.

MM: Bis wir den sehen können, was wünschen Sie sich für „Tiere“?

Hochmair: Ich wünsche mir dass sich viele Zuschauer auf dieses filmische Experiment einlassen und auf die Reise, die auf den ersten Blick vielleicht etwas wirr erscheint, einlassen. Ich denke, es ist ein gelungenes Experiment. Wie schon gesagt: Gleichzeitig Komödie, Drama, Thriller und Liebesfilm.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26976

www.tiere.film

20. 11. 2017

The Big Sick

November 15, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Viel mehr als nur eine Multi-Kulti Love Story

Kumail (Kumail Nanjiani) schlägt sich mehr schlecht als recht als Stand-up-Comedian durch. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.

Überzeugen kann man sich davon ab 17. November in den heimischen Kinos. Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders …

Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben. Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten.

Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will …

Im Krankenhaus: Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano) wollen nichts von Kumail wissen. Bild: © 2017 Comatose Inc.

Kumails Mutter (Zenobia Shroff) schleppt Heiratskandidatinnen an. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

Bis es mit der Handlung so weit ist, hat das sympathische Protagonistenpaar die Zuschauer schon fest im Griff. Allein die Tatsache, dass hier die wahre Geschichte eines Ehepaars von ihm selbst erzählt wird, reicht aus, dass den beiden die Herzen zufliegen. Zoe Kazan gestaltet die Emily schön hibbelig, sie ist eine Stadtneurotikerin im besten Wortsinn, flutscht nervös hin und her, als wäre sie von Woody Allen erfunden worden, bis ihre Krankheit sie niederstreckt. Kumail Nanjiani ist ein ungemein charismatischer Schauspieler. Ein einziger grinsender Blick von ihm genügt, um ihn und seinen beharrlichen, freundlichen Charakter zu mögen. Warmherzig sind etwa die Szenen, in denen sie mit ihm an seiner One-Man-Theatershow über seine pakistanische Herkunft bastelt, und seinen halbwissenschaftlichen „Diavortrag“ zu einem unterhaltsamen Abend tunt.

Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch. Als sich Kumail seinem Bruder anvertraut, wäre dem lieber, der Jüngere wäre Scheckfälscher oder hätte Fahrerflucht begangen. Man wird mitten im Lokal laut, der Nebentisch mokiert sich, darauf folgt der US-groteske Dialog: „Entschuldigung!“ – „Wir hassen Terroristen!“ Schön auch, wie Emilys Vater zu Kumail über 9/11 sagt: „Ich wollte schon immer mit einem von euch darüber reden.“

Bald aber führt man ehrlichere Gespräche, von beiden Seiten ehrlicher, als Kumail mit seinen eigenen Eltern. Behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen fängt die Kamera in diesen Momenten Blicke und gestische Andeutungen zwischen dem ungleichen Trio ein. Und langsam schälen sich komplexe Menschen mit ein paar Macken und auch ziemlichen Problemen aus den Figuren. Aus einer anfänglichen Schutzhaltung vor allem der Mutter entwickelt sich eine Freundschaft.

Zwischen Kumail und Emily (Zoe Kazan) funkt es. © 2017 Comatose Inc., Bild: Sarah Shatz

Herausragend gelingt diese Darstellung von Zoes Eltern, gespielt von Holly Hunter, als Tigermutter wie immer acting over the top, und Ray Romano als desillusioniertem Lehrer und Fremdgeher in einer späten Midlife Krisis. Großartig auch die hart, aber herzliche Comedy-Club-Clique Matty Cardarople als Stu, Rebecca Naomi Jones als Jessie und Kurt Braunohler als Loser Chris. Der Groove dieses Überraschungshits aus den Händen von Regisseur Michael Showalter stimmt.

„The Big Sick“ ist einer der ungewöhnlichsten, bewegendsten und bezauberndsten Liebesfilme seit Langem. Erfrischend unkitschig für eine US-Produktion, und trotzdem zum Tränen Lachen und auch ein paar Weinen. Im Nachspann der True Story gibt‘s noch die echten Hochzeitsfotos.

www.TheBigSick-Film.de

  1. 11. 2017

Viennale 2017: Valeska Grisebach über „Western“

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Welch schöner, eleganter Mann“

Meinhard Neumann steht als „Meinhard“ zwischen Dorf und Bautrupp. Bild: © Komplizen Film

Mit „Western“ stellte die deutsche Filmemacherin Valeska Grisebach ihr neuestes Werk bei der Viennale vor. Inhalt: Eine Gruppe deutscher Bauarbeiter macht sich auf den Weg auf eine Auslandsbaustelle in der bulgarischen Provinz. Das fremde Land und die raue, wenig erschlossene Landschaft wecken die Abenteuerlust bei den Männern.

Gleichzeitig sind sie mit ihren eigenen Vorurteilen und ihrem Misstrauen konfrontiert. Das nahe gelegene Dorf wird für zwei der Männer zur Bühne eines Konkurrenzkampfs um die Anerkennung und die Gunst der Dorfbewohner. Kinostart ist am 3. November. Valeska Grisebach im Gespräch:

MM: Sie sind bekannt bevor, dass Sie an Ihren Projekten sehr lange feilen, bis es dann tatsächlich losgeht. Wie lange hat’s diesmal gedauert und wo war der Ausgangspunkt Ihrer Reise?

Valeska Grisebach: Diesmal hat’s lange gedauert, aber ich habe mir tatsächlich Zeit gelassen, weil das Leben zwischen den Filmen auch schon ist. Weil ich meine Tochter bekommen habe, weil ich bei einem anderen Projekt mitgearbeitet und auch unterrichtet habe, aber auch, weil „Western“ eine längere Anlaufphase gebraucht hat. Ich habe lange über das Thema nachgedacht, bis ich das Buch geschrieben habe. Der Ausgangspunkt war meine Faszination für den Western, die herrührt aus der Zeit, als ich noch ein kleines Mädchen war und aus dem Fernsehzimmer meiner Großeltern, wo ich mit meinem Vater Western geguckt habe.

MM: Und?

Grisebach: Dieser Faszination wollte ich als erwachsene Frau auf die Schliche kommen, und diesen männlichen-melancholischen, einsamen Helden auf meine Art verhandeln. Auch die Inszenierung eines Gesichts, das keine Gefühle zeigt, mit jeder Menge Gefühl dahinter. Ich fand das interessant, dass Western viel mit Konstruktion von Gesellschaft zu tun haben, welche Spielregeln gelten – Mitgefühl oder Empathie oder einfach das Gesetz des Stärkeren. Dieser Blick hat mich beschäftigt. Dann habe ich mich über eine assoziative Recherche, die parallel zum Schreiben verlaufen ist, in dieses Projekt begeben. Und war sehr glücklich, als sich für mich diese Situation von diesen Deutschen, die sich mit ihren großen Maschinen und ihrem Wissen nach Bulgarien gehen, die mit Neugier und aber auch Misstrauen dort ankommen, entwickelt hat. Ich bin dann nach Bulgarien gereist – und damit ging auch die Reise dieses Filmes los.

MM: Die Vorurteile funktionieren in Ihrem Film von beiden Seiten. Die bulgarischen Dorfbewohner haben nicht weniger als die deutschen Bauarbeiter.

Grisebach: Das ist klar, weil jede Figur mit einem historischen Subtext auftritt, eine Geschichte und eine unterschiedlich verlaufende Geschichtsschreibung mitbringt. Auf meinen Reisen hat mich das am Anfang fast irritiert, wieviel Respekt mir als Deutsche entgegengebracht wurde. Man wird erstmal fast überhöht, was mit der Geschichte der Bulgaren an der Seite der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Die Leute sagen, die Deutschen haben das alles überwunden, und stehen jetzt 1A in der Welt da. Das müssen wir auch schaffen, wir brauchen den deutschen Stiefel, um unsere Trägheit zu überwinden. Das sind allerdings alles auch Spielregeln eines ersten Kontaktes, ich habe gelernt, solche Sätze als solches zu bewerten.

MM: Sicherlich auch spannend für Drehbuch und Film …

Grisebach: Ja, weil ich mich so fragen konnte, was diese beiden Männer, Meinhard und Vincent, beide Mitte 40/Anfang 50, nicht nur antreibt, sondern, was ihnen auch begegnen wird. Die wollen noch ein Abenteuer, ein Erlebnis, die wollen, weil ihnen eben so viel Respekt entgegengebracht wird, das Dorf als Bühne für ihren Konflikt benutzen. Wer ist der, der hier ankommt? Der Anführer ist? Der vielleicht eine Frau bekommt?

MM: Ein typisches Western-Motiv: Der Anführer der Gruppe gegen den Desperado.

Grisebach: Wobei sich Meinhard und Vincent gar nicht so unähnlich sind in dem, was sie eigentlich wollen. Sie haben eine sehr unterschiedliche Weise, damit umzugehen, der eine aggressiv, der andere, der auf sanfte Art und Weise in Kontakt tritt.

MM: Vincent hat diese Hoppla-jetzt-komm‘-ich-Mentalität, die die Deutschen von der Adria bis zur Costa Brava mäßig beliebt macht …

Grisebach: Ich mag ihn um nichts weniger als Meinhard. Er hat Pflichtbewusstsein, er will für seine Männer nur das Beste. Er muss Stärke zeigen, nachdem er um den Kies betrogen wird. Er macht auch eine Entwicklung durch, wie er dann aus dem Konflikt aussteigt. Aber die ganze Gruppe hat natürlich eine gewisse Grobheit, was für mich auch immer ein Zeichen von Unsicherheit und wenig Selbstbewusstsein ist. Ich habe also nicht wirklich an die Deutschen auf Mallorca gedacht, als ich Vincent geschrieben habe. Dafür habe ich die Jungs dann doch zu gerne. Die Dynamik, die sich in der Gruppe entwickelt, und aus der heraus dann auch Meinhard agiert, ist, dass Angst und Schwäche gar nicht geht.

MM: Ihre Schauspieler sind allesamt Laien. Wie haben Sie die gefunden?

Grisebach: Ich merke immer, dass es so richtig losgeht bei den Proben, wenn ich anfange los zu spazieren und Leute sehe, bei denen ich Herzklopfen kriege, oder denke: Mensch, den will ich kennenlernen. Ich wollte mich am Anfang des Projekts mit Männer und Frauen über ihren Westernmoment im Alltag unterhalten. Über Duelle aus dem Leben. Und hab‘ dann geguckt, mir den Pin-Up-Moment gegönnt, und da landet man für einen Western ganz schnell bei den Jungs auf dem Bau. Wobei ich das altmodische männliche Gefüge von Arbeitern auf dem Bau auch für den Film interessant fand.

MM: Die nun Mitwirkenden …

Grisebach: … hat das Stichwort Western überzeugt. Die waren auch gespannt, wie ich das umsetzen werde, als Frau in einem vermehrt männlichen Ensemble. Das war super, das war für mich eine faszinierende Erfahrung.

Er freundet sich mit Dorfvorsteher Adrian an: Meinhard Neuman und Syuleyman Alilov Letifov. Bild: © Komplizen Film

Und lernt allmählich lächeln: Meinhard Neumann. Bild: © Komplizen Film

MM:  Was haben Sie in den Hauptdarstellern Meinhard Neumann als Meinhard und Reinhardt Wetrek als Vincent gesehen?

Grisebach: Ich habe für die Figur des Meinhard, als die Figur noch gar keinen richtigen Namen hatte, aber Meinhard war dann so bezwingend, ich konnte keinen besseren erfinden, immer einen schillernden Charakter gesucht. Wenn man Meinhard in der Gruppe sieht, denkt man, welch ein schöner, eleganter Mann. Er ist aber auch einer, der gleichzeitig den kleinen Mann in sich trägt, den Untertan, den Opportunisten, der vielleicht eine Lügengeschichte erzählt, wer er ist, der vielleicht auch etwas gut machen muss. Er möchte gleichzeitig aus der Masse herausstechen und in ihr verschwinden. Mich erinnert Meinhard Neumann an Gary Cooper in seinen Filmen. Er ist eine Projektionsfläche, er hat ein unglaubliches Gesicht, wie eine Filmikone, und er ist ein Mann mit Vergangenheit …

MM: Und Reinhardt Wetrek …

Grisebach: … den fand ich einfach so toll, weil er eine andere Körperlichkeit hat, etwas sehr Eindringliches, wie er dasteht und für Meinhard ein Widerstand ist, dann aber wieder etwas ganz Zartes hat. Die Geschichte ist ganz lustig: Er hat beim ersten Mal Casting so ein Blackout hingelegt, was ganz sympathisch war, dass dieser große Schrank dasteht und nicht weiter weiß, dass er fast umgedreht wäre. Er hatte aber seine 12-jährige Tochter dabei, und der wollte er zeigen, dass man im Leben Dinge durchzieht. Er hat sich unheimlich frei gespielt, er ist auch jemand, von dem ich denke, er könnte gut Schauspieler sein, er hat da große Qualitäten. Und er will auch gerne wieder wo spielen.

MM: Sie arbeiten normalerweise nicht mit einem klassischen Drehbuch. Wie war das diesmal? Und haben da die Schauspieler die Möglichkeit, auch „frei Schnauze“ zu sprechen?

Grisebach: Ja und nein. Es gibt einen Text, weil ich finde, was da ist, ist da, er wird aber am Set verhandelt. Ich erzähle Szenen und Dialoge, es ist kein klassisches Improvisieren, sondern ein Moment der Begegnung, und wenn da jemand etwas anders sagen möchte, kann man über alles reden.

MM: Wie war Drehen in Bulgarien?

Grisebach: Für mich toll, weil ich oft so jemand bin, der sich nicht festlegen will. Mich irritiert das eher, wenn alles so fix durchgeplant ist, da habe ich immer das Gefühl, ich muss mal kurz Verwirrung stiften. Für mich ist das das Gegenteil von inspirierend. In Bulgarien habe ich gemerkt, dass die Leute eher irritiert sind, wenn man vier Wochen im Voraus was planen wollte. Da ruft man eine halbe Stunde vorher an und sagt ich brauche bitte das, das und das. Und dann klappt das irgendwie. Und wenn nicht, sind die Bulgaren Meister im Improvisieren. Die Leute waren abenteuerlustig und haben sich auf uns eingelassen. Für mich war das eine schöne Erfahrung, auch ein Kontrollverlust, eine Reise ins Unbekannte, und immer wieder Überraschungen. Ich habe im besten Sinne eine Grenz-Erfahrung gemacht.

MM: Die Bewohner des Dorfes spielen sich auch selber?

Grisebach: Nur wenige. Wir haben auch in Bulgarien ein Casting gemacht, und die Leute kommen alle aus einer Region, aber aus einem größeren Umfeld. Trotzdem war das Dorf präsent mit jeder Art von Hilfestellung. Syuleyman Alilov Letifov, der den Adrian spielt, hat in Wirklichkeit Geschäfte für Autobedarf und auch einen Steinbruch.

MM: Lassen Sie uns über das visuelle Konzept reden.

Grisebach: Wir haben uns auch damit beschäftigt, wie man Western optisch umsetzt, wir wollten nicht die ganze Zeit Cinemascope zitieren, sondern mehr über die Inhalte gehen. Aber es ist schon spannend, Westernräume aufzumachen, den Dorfplatz, die Veranda der Kneipe, oder auch die Landschaft, die vermeintliche Wildnis, die es ja nicht ist. Denn hinter dem nächsten Hügel ist ja was, aber für die Deutschen ist es eben ein Abenteuerland. Es war uns wichtig, nicht zu viel Butter aufs Brot zu schmieren, damit unsere Inszenierungen immer noch Effekt haben.

Als Vincent mit Meinhards Hengst ausreitet, passiert das Unglück, das die Männer entzweit: Reinhardt Wetrek. Bild: © Komplizen Film

MM: Wie geht es aus? Ich vermute, Meinhard bleibt.

Grisebach: Ich weiß es nicht, ich könnte es so nicht sagen. Aber er setzt sich zum ersten Mal etwas aus, seinen Gefühlen, und damit wird etwas in Gang gesetzt werden.

MM: Die Viennale hat Ihnen auch ein Special gewidmet, eine Werkschau verbunden mit einer Carte Blanche.

Grisebach: Mich hat Hans Hurch kontaktiert, was mich wahnsinnig gefreut hat, und was mich jetzt so berührt, dass ich ihn nie so richtig persönlich kennengelernt habe. Mir bedeutet das sehr viel, dass gerade in Wien, wo ich studiert habe, meine Filme „Mein Stern“ und „Sehnsucht“ gezeigt wurden – auch in Verbindung mit der Carte Blanche.

MM: Von den von Ihnen ausgewählten Filmen ist heute noch „Gunfighter“ von Henry King zu sehen – siehe da: ein Western.

Grisebach: (Sie lacht.) Ich freue mich so, den auf der Leinwand zu sehen. Es geht um einen lonely Gunfighter, der älter geworden ist, und zurück will in den Ort, aus dem er kommt, zurück zu der Frau, die er liebt. Aber Gunfighter sein, ist ein Fluch, den er nicht loswird, weil ein jeder, dem er begegnet sich mit ihm messen will. Seine Nachfolger warten nur darauf, sich mit ihm anzulegen … Das ist die Ambivalenz am Western, die mich interessiert: raus und frei sein und dennoch ein Zuhause haben.

MM: Ein Lieblingswestern?

Grisebach: Mmh. Vielleicht „Wincester `73“ von Anthony Mann. Den mag ich sehr gerne, weil James Stewart wie mein Bautrupp so ein normaler Mann ist, der in eine unmögliche Situation gerät. Er hat auch dieses Anständige und muss quasi auf Rache aus sein. Und „One Eyed Jack“ mit Marlon Brando mag ich auch sehr.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26959

www.western-der-film.de

www.viennale.at

  1. 11. 2017