Emma Thompson in „Meine Stunden mit Leo“

August 31, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Hingabe an den Sexheiligen

Emma Thompson und Daryl McCormack. Bild: © Filmladen Filmverleih

Schließlich steht Nancy nackt vorm Spiegel und betrachtet gemeinsam mit dem Kinopublikum ihren 63 Jahre alten Körper. Voller Würde, Erotik und Akzeptanz. Sich selbst so anzuschauen ohne zu urteilen, sei das Härteste gewesen, das sie jemals vor der Kamera habe tun müssen, sagt Emma Thompson dazu im Interview. Doch keine Verjüngungskur der Welt

könnte am beseelten Gesichtsausdruck von Nancy irgendetwas verbessern. „Meine Stunden mit Leo“ heißt die Tragikomödie von Regisseurin Sophie Hyde und Drehbuchautorin und Brit-Comedian Katy Brand, ein Kammerspiel, das man glatt für die Leinwandadaption eines Theaterstücks halten könnte, aber nein, es ist ein Original – und ab 2. September in den heimischen Kinos zu sehen. Emma Thompson brilliert als Nancy, diese eine verwitwete, gewesene Religionslehrerin, die sich einen jungen Sexarbeiter in ein Hotelzimmer bestellt hat. Verloren wirkt sie in diesem anonym-kühlen Ambiente, streicht immer wieder den altvaterischen Rock glatt, durchsucht die Minibar nach einem Zaubertrank gegen ihre biedere Art – da klopft es an der Tür und er ist da …

Die Thompson stattet ihren Charakter Nancy, die so entschlossen ist, ein neues Bewusstsein für ihren unweigerlich älter werdenden Körper zu erlangen, mit dem herrlich trockenen Witz, den man von ihr kennt und liebt, einer entwaffnenden Wahrhaftigkeit und berührender Verletzlichkeit aus. Leo, der live noch besser aussieht als im Internet, wird gleich einmal mit dem früheren Hausbrauch konfrontiert: Rauf auf die Gattin, „zur Sache kommen“, runter von der Gattin und einschlafen. Orgasmus? 31 Jahre lang: ein verwegener, unerfüllter Wunsch.

Also hat Nancy, die verklemmte Pädagogin, ein Verzeichnis erstellt, von Stellungen, die es zu probieren gilt, um „es hinter uns zu bringen“: Nancy: „Gut, ich habe eine Liste mit Dingen, die ich gern abarbeiten möchte.“ Leo: „Das klingt ja sexy.“ Nancy: „Mach dich nur lustig, ich bin Lehrerin. Alte Gewohnheiten wird man schwer los.“ Leo: „Was steht als erstes drauf?“ Nancy: „Punkt 1: Ich mache Oralsex bei dir. Punkt 2: Du machst Oralsex bei mir. Punkt 3: Wir machen Stellung 69, wenn man das noch so nennt, keine Ahnung.“

Daryl McCormack ist als Leo Grande ein charismatischer Spielpartner für die Thompson, sein Callboy ist ganz Gentleman und pflegt einen eleganten Humor. „Very fine vintage“ nennt er nicht den Champagner, sondern Nancy, und erläutert auf ihr Nachfragen: Er fühle sich weder entwürdigt noch benutzt, er biete schlicht einen Service an – eine Haltung zum Thema (wenn auch legale, gesetzlich abgesicherte Luxus-)Prostitution, die einige Filmkritikerinnen und -kritiker durchaus irritiert hat.

„Alles wäre doch wesentlich zivilisierter, wenn jeder dazu Zugang hätte und es nicht so schambehaftet wäre, sondern frei“, sagt der Mann für gewisse Stunden im Film. „Du möchtest Sex und bist frustriert, weil du keinen kriegst. Egal, aus welchem Grund. Du bist schüchtern oder krank oder behindert oder du hattest einen Trauerfall. Also engagierst du jemanden wie mich. Alles ist geregelt und sicher, für dich, für mich. Es ist besser für alle und ich helfe dir und bereite dir Freude.“

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Es ist eine Glanzleistung, mit der sich der defacto Newcomer McCormack neben die zweifache Oscar- und BAFTA-Preisträgerin stellt. Leo, laut Nancy „der Sexheilige“, nimmt ihr mit seinem Charme und seiner empathisch-lockeren Art die Unsicherheit, und bald legt die gutbürgerliche Nancy mit größter Freude den erzkonservativen Keuschheitsgürtel ab, der ihr per Erziehung auferlegt wurde. Sanft und feinfühlig lehrt Leo Nancy sich bei sinnlichen Erfahrungen Zeit für Körper und Geist zu nehmen. Katy Brand hat für ihre ungleichen Protagonisten philosophisch-tiefschürfende, geschliffene Dialog-Duelle mit sensiblen Zwischentönen geschrieben.

„Meine Stunden mit Leo“ ist ein in jeder Hinsicht intimes, famos vergnügliches, ungemein sympathisches Komödiendrama über Zwischenmenschliches, wobei die raffinierte Sophie Hyde den im Arthouse-Film gern verwendeten Kniff einsetzt, ihr Liebespaar nie beim Sex zu zeigen. Nur durch die Gespräche nimmt man wahr, wie und was sie empfunden haben – von Blowjob (Zitat Nancy: „Soll ich ihn einfach rausholen?) bis Doggy Style. Die unverblümten Gespräche sind hier wichtiger als „es“ – wie Nancy „es“ nennen würde. Worte stellen die Beziehung her, die es braucht, um sich körperlich näher zu kommen.

„Mein letzter Versuch zu leben“, nennt die Best Agerin die Treffen. Und ja, Brand und Hyde geht’s sehr intensiv ums Bodyshaming: Hängebusen, schwabbelige Oberarme, der Bauch, die Schenkel, die Cellulite. Und was hat man nicht alles verschwendet: die Jugend, die Möglichkeiten. Leo versteht und versucht die Sorgen seiner schwierigen Klientin wegzuküssen. Er will, dass Nancy ihre Hemmungen mit Grandezza überwindet. Er will ihren Bedürfnissen das Stigma nehmen, nachdem ältere Frauen tunlichst keinen Gedanken mehr an körperliche Liebe verschwenden sollen (Männer aber schon), weil weibliche Lust sowieso etwas Sündhaftes ist.

Es geht der Filmemacherin um Grenzen und Tabus, um die Normalität von Sex und Erotik. Und das ausdrucksstarke Gesicht von Daryl McCormack, wenn er den nüchternen Erklärungen seiner Mandantin lauscht, seine vorsichtigen Annäherungsversuche oder die direkte Offenheit, die erschreckten Reaktionen von Emma Thompson und ihr befreiendes Lachen, all das macht diesen Film sehr besonders.

Am Ende lässt die emotionale Last die Zweisamkeit in sich zusammenbrechen. Beide, Leo und Nancy, haben einander unter Fake-Namen kennengelernt, beide laborieren an tiefen seelischen Wunden. Seine Familie denkt, der jobbe auf einer Bohrinsel, sie geht in ihrem Kontrollwahn den Schritt zu weit, seine wahre Identität auszuforschen, was seine professionellen Schranken sprengt. „Good Luck to You, Leo Grande“ ist der englische Filmtitel, und der ist wesentlich passender. Es kommt zu einer letzten Aussprache und … mehr im Kino.

www.leograndefilm.co.uk/home         www.wildbunch-germany.de/movie/meine-stunden-mit-leo

31. 8. 2022

Österreichisches Filmmuseum: Martin Scorsese

August 26, 2022 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Eine Retrospektive für den Ehrenpräsidenten des Hauses

Martin Scorsese am Set von Shutter Island, 2010. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Martin Scorsese zählt zu den bedeutendsten lebenden Filmkünstlerinnen und -künstlern. Zum einen hat er als Regisseur über sechs Jahrzehnte hinweg einen originären, vielschichtigen und enorm kraftvollen Stil entwickelt, dessen Einfluss auf das Weltkino unschätzbar ist: Seine gefeierten Hauptwerke wie „Taxi Driver“, „Raging Bull“, „Goodfellas“ oder „Casino“ zählen längst zu den großen Klassikern des Hollywoodkinos.

Zum anderen ist Scorsese als begeisterter Cinephiler zu einer internationalen Galionsfigur für die Beschäftigung mit und Erhaltung von Filmgeschichte geworden – nicht zuletzt als Ehrenpräsident des Österreichischen Filmmuseums, das ihm ab 1. September anlässlich seines am 17. November 2022 anstehenden 80. Geburtstags eine umfassende Retrospektive widmet.

Kein lebender US-amerikanischer Filmemacher kann sich in seiner Bedeutung mit Martin Scorsese messen. Scorseses flammende Liebe zum Kino übersetzt sich direkt in die Form seiner Produktionen: Seine kinetischen und sinnlichen filmischen Innovationen entspringen auch dem eifrigen Studium seiner Vorbilder. „My whole life has been movies and religion“, so der 1942 in New York geborene, in katholisch-italoamerikanischem Umfeld aufgewachsene Scorsese. Als junger Mann ging er aufs Priesterseminar, geworden ist er dann doch Filmemacher, aber die Idee der Spiritualität pulsiert durch sein Schaffen, augenscheinlich kulminierend in seinen außergewöhnlichen Filmen über Jesus – „The Last Temptation of Christ“, den Dalai Lama – „Kundun“ oder zuletzt über Jesuiten im Japan des 17. Jahrhunderts – „Silence“.

Mean Streets, 1973, Martin Scorsese, Bild: Park Circus © Warner Bros. Pictures

Raging Bull, 1980, Martin Scorsese, Bild: Park Circus © Metro-Goldwyn-Mayer

Goodfellas, 1990, Martin Scorsese, Bild: Park Circus © Warner Bros. Pictures

The King of Comedy, 1982, Martin Scorsese, Bild: Park Circus © Walt Disney Pictures

Aber auch Scorseses andere Hauptfiguren sind auf der Suche nach Erlösung, fast ausnahmslos Getriebene, Außenseiter und Schmerzensmänner, gleichermaßen ikonisch und gebrochen – vom neurotischen Macho in seinem SpielfilmdebütWho’s That Knocking at My Door“ über die getarnten Spitzel inThe Departed“, der ihm 2007 endlich den Oscar für die beste Regie einbrachte, bis zu den ein ganzes Lebensalter durchlaufenden Kriminellen in seinem jüngsten EposThe Irishman“.

Scorseses Protagonisten erfüllen ihre Mission – um jeden Preis: der amoklaufende Vietnam-Veteran Travis Bickle inTaxi Driver“, der Möchtegern-Komiker Rupert Pupkin inThe King of Comedy“, der Boxweltmeister Jake La Motta inRaging Bull“ oder der zweifelnde Kleingangster Charlie inMean Streets“, wo Scorsese zum ersten Mal filmisch in die Welt jener Mafiosi eintauchte, die ihn als Kind in Little Italy fasziniert hatten.

InMean Streets“ gehen die psychologisch reiche Schilderung des Gewissenskonflikts und die atmosphärisch detaillierte Konstruktion des Milieus bereits Hand in Hand mit energischer Virtuosität: Die Widersprüche der Charaktere reizen Scorsese ebenso wie die sozialen; seine Filme reiben sich und wachsen daran, sind packend, physisch, dabei paradox reflexiv, erzählen zugleich vom Innen und Außen, von der Welt und vom Kino. Schon als kränklicher Bub hat Scorsese im Fernsehen die Genrefilme der Hollywoodstudios zusammen mit dem neorealistisch geprägten Kino Italiens aufgesaugt, unter diesen Einflüssen zeichnet sich bereits in den ersten Kurzfilmen sein spezielles audiovisuelles Genie ab: der intuitive Umgang mit Musik, die aggressive Intensität der Inszenierung und die Gabe für griffige Metaphorik.

Bringing Out the Dead, 1999, Martin Scorsese, Bild: Park Circus © Walt Disney Pictures

Taxi Driver, 1976, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

The Wolf of Wall Street, 2013, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

The Departed, 2006, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Scorseses fünfminütiger „Vietnamkommentar“The Big Shave“ zeigt nur einen jungen Mann, der sich das Gesicht zerschneidet – zu einer fröhlichen Swingnummer: Gewalt und Komik schließen sich bei Scorsese keineswegs aus, das belegen gerade die Komödien. 35 Jahre später umschreibt im gewaltigen GründerzeiteposGangs of New York“ eine atemberaubende Kamerafahrt die große Fehlstelle des Films, den US-Bürgerkrieg, der im Landesinneren tobt: Soldaten werden auf ein Schiff verfrachtet, während Särge zurückkommen.

Scorseses Kino ist auch ein persönlicher Spiegel amerikanischer Film-/Geschichte:Die subtile Schilderung des soziokulturellen Gefängnisses von New Yorks Upperclass des 19. Jahrhunderts – im meisterhaften MelodramThe Age of Innocence“ – steht in seiner Filmografie neben dem angemessen ambivalenten Abgesang auf den American Dream im Las Vegas der 1970er und -80er Jahre  – im Opus magnumCasino“- und dessen perverser Wiederauferstehung als betrügerische Hochfinanz-Farce im atemberaubenden AlterswerkThe Wolf of Wall Street“, dessen explosive Energie die Alterslosigkeit von Scorseses Schaffen belegt.

Der persönliche Zugang prägt auch die Dokumentarfilme, die Scorsese zwischen seinen großen Erzählungen dreht. Neben der Gesamtschau seiner Spielfilme zeigt das Filmmuseum drei ausgewählte Beispiele seines dokumentarischen Schaffens, die auf 35mm- Kopien zugänglich sind und Scorseses Liebe zur populären Musik untermauern: Große Konzertfilme mit The Band – „The Last Waltz“ – und den Rolling Stones – „Shine a Light“ – sowie eine Spurensuche zu den Wurzeln des Blues-Idioms in „Feel Like Going Home“. Die Musik liefert stets den Herzschlag für Scorseses Filme, dem Zusammenspiel von Bild und Ton gewinnt er stets neue Facetten ab.

The Color of Money, 1986, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

The Aviator, 2004, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Cape Fear, 1991, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Casino, 1995, Martin Scorsese. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

So erweist er inNew York, New York“ dem klassischen Musical seine Reverenz, durchmisst inGoodfellas“ emblematisch die Zeit vom perlenden Popsound der Fifties zur psychedelischen Paranoia der Seventies, bevor Sid Vicious mitMy Way“ den Punk-Schlussstrich zieht, oder orchestriertRaging Bull“ auch als große Oper, vom Trommelrhythmus der von Tierfauchen begleiteten Faustschläge bis hin zu Schreiduell-Arien in Duetten und Terzetten.

Langjährige fruchtbare Partnerschaften, am prominentesten wohl mit Schauspielstar Robert De Niro und Cutterin Thelma Schoonmaker, haben Scorseses exzeptionelle Laufbahn begleitet. Doch seine Handschrift ist letztlich so unverwechselbar wie seine Obsessionen – und so steckt auch ein Selbstporträt im zwanghaften Howard Hughes, den Scorsese 2004 inThe Aviatorentwirft. So wie dessen Flugzeuge oder die Autos von Chevrolet, wie die musikalische Poetik Bob Dylans oder die Kunst von Andy Warhol ist die „Scorsese Machine“ zu einem essenziellen Bestandteil der US-Kulturgeschichte geworden.

Tickets können ab sofort online reserviert und gekauft werden.

www.filmmuseum.at

26. 8. 2022

Johannes Krisch in Felix Mitterers „Märzengrund“

August 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In die Berg bin i gern

Johannes Krisch. Bild: © Metafilm

Johannes Krisch. Bild: © Metafilm

Doch, doch, es gibt ihn, den modernen Heimatfilm, den quasi Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend. Evi Romens „Hochwald“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47728) ist eines der bestechendsten Beispiele dafür. Nun zog’s, als Nachfolgeprojekt seines Sensationserfolgs „Die beste aller Welten“ im Jahr 2017, Regisseur und Drehbuchautor Adrian Goiginger Richtung Dreitausender.

„Märzengrund“, ab 19. August im Kino, erzählt die wahre Geschichte des Zillertalers Simon Koch, vom großen Tiroler Volksdichter Felix Mitterer 2016 zum Bühnenstück veredelt, Mitterer, der am „Märzengrund“-Skript mitschrieb und momentan mit Andrä-Hofer-Land im Clinch liegt. In schonungsloser Manier schildert er den schmerzhaften Weg einer Selbstfindung, die ein Leben lang nicht aufhört.

Harte Wirklichkeit statt Gebirgsidyll soll’s also sein, und siehe: Es scheint in der Tat eine ordnende Hand zu brauchen, wie am Theater z.B. die der Stephanie Mohr, um des Autors durchaus zum Pathos neigende Natur- schauspiele umzusetzen. Goiginger hingegen hat alle Hände voll zu tun, den Kitsch-Hang nicht zur Lawine werden zu lassen. Dieses ständige „Aufi muas i!“ ist zu dünn, zu höhenluftig, um zwei Stunden Film zu tragen.

Offen gesagt, zur Halbzeit wird es einem fad, die imposante Landschaftskulisse von Klemens Hufnagl und Paul Sprinz, durch die je ein anderes miniaturkleines Männlein oder Weiblein schweren Schrittes stapft, die Emotions-Stereotypen, psychologische Entwicklung nur als Behauptung, die eh-scho-wissen-Dorfjugend, die sich in der Disco prügeln muss, die allzu holzschnittartigen Elternfiguren und deren hartleibige Familientraditionen. „Märzengrund“ ist ein Paradebeispiel für genretypisch – nix gegen Heimatfilm!

Doch statt sich als Betrachter, Betrachterin in die Szenen zu involvieren, was bei „Die beste aller Welten“ so mühelos-warmherzig gelang, steht man auf seltsame Weise draußen vor der Sennhüttentür. Das ändert sich allerdings, sobald Johannes Krisch die Gebirgler anzieht, das sind endlich die Momente, in denen der Film erdigen Boden unter den Füßen bekommt – Krisch ist wie stets im Spielen eine Naturgewalt.

Jakob Mader. Bild: © Metafilm

Gerti Drassl. Bild: © Metafilm

Harald Windisch. Bild: © Metafilm

Womit es wohl Zeit wird, kurz zum Inhalt zu kommen: Der junge Elias (Jakob Mader), wiewohl mit einem silbernen Löffel auf die Welt gekommenen, hat keine Freude damit, der Hoferbe, der Jungbauer zu sein. Lieber liest er, als seinem Vater, dem reichsten Landwirt in der Gegend (Harald Windisch ganz Patriarch), dabei zuzusehen, wie der einem spielsüchtigen Nachbarn Hab und Gut abknöpft. In der Disco lernt er die Moid kennen – die aktuelle Buhlschaft Verena Altenberger, die schon Goigingers Helga Wachter war, hier aber nichts darzustellen hat.

Ausgerechnet die Gschiedene, noch dazu Ältere. Als die Mutter (Gerti Drassl) die beiden beim nackert Schmusen im Teich ertappt, setzt es was – von dieser Mater dolorosa der Drassl, die einem derart auf die Nerven geht, dass man das nur ganz große Schauspielkunst nennen kann. Nun heißt’s auf die Alm mitm Buam, doch der hatte ohnedies schon beschlossen zum Eremiten zu mutieren: Als wär’s seine Initiation in die Berg steigt er dort in einen eiskalten See – und als um 40 Jahre älterer Mann wieder heraus.

Der Krisch ist geboren – und mit ihm jene mürrisch-wortkarge, sturschädelige Intensität, die man von ihm kennt und liebt, ein weißbärtiger Wurzelsepp wie aus dem Bilderbuch. Wenn er im wild-sprudelnden Bach watet und sich offenbar kindlich wohl dabei fühlt, gibt es ein Stückchen Ahnung von der Befreiung, der bedingungslosen Freiheit, die ein nur von der Natur bestimmtes Leben bietet kann. Es muss da schließlich etwas sein, dass uns Angepasste an Aussteigerstorys so fasziniert. Jung-Elias liest – Symbol as Symbol can – „Robinson Crusoe“.

Die Dorfjugend unterwegs zur Disco. Bild: © Metafilm

Verena Altenberger und Jakob Mader. Bild: © Metafilm

Harald Windisch und Gerti Drassl. Bild: © Metafilm

Iris Unterberger. Bild: © Metafilm

In „Märzengrund“ gibt es eine Klammer: Zu Beginn des Films findet sich orientierungs-, weil eben noch bewusstlos der alte Elias im Krankenhaus wieder. Diagnose: Prostatakrebs, Operation, Reha und die Empfehlung sein Einsiedlerdasein aufzugeben. Am Ende ist dieser Elias immer noch im Tal, in der sich selbst so nennenden Zivilisation (als die Krankenschwester, die nach einem Schlaganfall ebenfalls im Heim lebende Mutter reinschiebt, entfährt einem ein: Was die Alte lebt immer noch?), sieht sich dort mit den desaströsen Ergebnissen seiner Entscheidung konfrontiert – und wieder: Gefühlaufwallungen so glitzernd wie Kunstschnee.

Da ist der andere Schluss besser, der den alten Elias zur Frage des jungen zurückbringt: Wie will ich leben? Und wenn Johannes Krisch zuletzt in lichten Höhen in die gleißende Sonne geht, statt die Therapie im Krankenhaus fortzusetzen, scheint diese Frage auch die Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes zu beinhalten …

metafilm.at/film/maerzengrund

18. 8. 2022

Nicht ganz koscher

August 5, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nahost-Buddy-Komödie mit brüderlicher Botschaft

Durch die Wüste: Ben (Luzer Twersky) und Adel (Haitham Omari). Bild: © enigma Film

Als Adel Ben etwas von seinem Dosenfleisch anbietet, lehnt der höflich ab. „Weil es nicht koscher ist?“, fragt der Beduine. „Nein, sondern weil die Konserve aus dem Jahr 1987 ist“, antwortet der orthodoxe Jude. Darauf Adel: „Warum? Das war ein gutes Jahr, der Beginn der ersten Intifada!“ Dies ist so ziemlich der Humor der Buddy-Komödie „Nicht ganz koscher“, die heute in den heimischen Kinos anläuft, ein seelenvolles Roadmovie rund um den Sinai, ein eigenwilliges, launiges

Plädoyer für die Verständigung zwischen Juden und Arabern, und gleichzeitig ein ironisches Spiel mit allen nur denklichen Klischees und Vorurteilen. Es sind die Filmemacher Stefan Sarazin und Peter Keller, die ihre Protagonisten statt durch ein Nahostkonflikt-Politdrama mit einer brüderlichen Botschaft auf Reisen schicken. Das Ganze beginnt im ägyptischen Alexandria, wo ein ehrenwertes Mitglied der jüdischen Gemeinde gestorben ist. Doch fürs bevorstehende Pessach-Fest braucht es zehn Männer, und außerdem gibt es zwischen Gemeindevorsteher Gaon und dem Präfekten einen Uralt-Vertrag, dass, sollten für den Minjan, mit dem an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert wird, nicht genügend Männer vorhanden sein, aller jüdischen Besitz an den ägyptischen Staat geht. „Das ist kein Exodus, sondern ein Exitus“, jammert Gaon.

Da kommt’s allen Seiten gerade recht, dass der orthodoxe Neffe Ben von der Familie aus Williamsburg, Brooklyn, nach Jerusalem befohlen wurde, um auf Brautschau zu gehen. Nunmehr auf der Flucht vor dem Heiratsvermittler, denn Ben hat heimlich sein Herz an die „moderne“ Toybe aus Mo’s Bagel Shop verloren, bietet er sich an, die große Mizwe zu erfüllen und die einst größte jüdische Gemeinde in der Diaspora zu retten. „Aber du hast noch gar nichts gegessen“, entsetzt sich die Tante – und bis das getan ist, bis Rogelach und Babke und Falshe Fish für die Verwandtschaft verpackt sind, hat Ben seinen Flug verpasst – und weltfremd und naiv, wie ein New Yorker im „Feindesland“ nur sein kann, beschließt er den Landweg einzuschlagen.

Adel (Haitham Omari) ertappt Ben (Luzer Twersky) beim Pick-up-Klau. Bild: © Holger Jungnickel / enigma Film

Doch die Rostlaube gibt ohnedies bald den Geist auf. Bild: © Ludwig Sibbel / enigma Film

Lernen am Lagerfeuer: Koscher ist nicht gleich halal und Beduinen-Brot braucht Jerusalem-Würze. Bild: © enigma Film

Kamel Adelbaran wird zum Lebensretter für die verunfallten Ben und Adel. Bild: © enigma Film

Dies eine dieser Szenenfolgen, die die Culture-Clash-Komödie bemerkenswert machen: Ben landet in einem von einem vor sich hin räsonierenden Palästinenser gelenkten Taxi an einem sichtlich nie frequentierten Grenzübergang. Aus dem Radio hört man Meldungen von Raketeneinschlägen; die ägyptischen Beamten trauen angesichts von Peyes, Fedora und Zizijot ihren Augen nicht; im Linienbus nach Kairo entspinnt sich eine ins Handgreifliche kippende Diskussion: Den Juden mitnehmen oder nicht? Mittels Abakus wird über dessen Schicksal entschieden. „Das ist ein demokratisches Land“, sagt der Busfahrer demonstrativ bedauernd, weil die muslimische Mehrheit der Fahrgäste für Bens Rauswurf gestimmt hat.

So steht der nun schwerbepackt und denkbar ungünstig gekleidet mitten im Nirgendwo von 60.000 km2 Wüste, die Landschaftsbilder von Holger Jungnickel sind atemberaubend, als ein rostiger Pick-up neben ihm hält, am Steuer ein mürrischer Mann, der kurz und knapp erklärt: „Ich fahr dich, aber erst muss ich mein Kamel finden.“ Warum er das tut, wo ihm die Aufgabe doch offenkundig so zuwider ist? „Beduinen-Gesetz: Ich muss dich beschützen“, so Adel noch nicht ahnend, dass er in weiterer Folge etliche der 613 Gebote der Thora kennenlernen wird …

Ihre beiden Hauptdarsteller hätten die Regisseure und Drehbuchautoren Sarazin und Keller nicht besser casten können. „Ben“ Luzer Twersky wurde 1985 in eine ultraorthodoxe Gemeinde in Brooklyn geboren. Um sich seinen Lebenstraum erfüllen zu können und Schauspieler werden, musste der chassidische Jude erst seine religiöse Gemeinschaft verlassen. In der bewegenden Netflix-Dokumentation „One of Us“ ist er einer der drei portraitierten jungen Menschen, die aus der rigiden Gemeinde der chassidischen Juden in New York ausbrechen, wofür sie einen radikalen Bruch mit ihrer Vergangenheit und ihrer Familie in Kauf nehmen müssen. Die Rolle des Ben weist nicht nur stark autobiografische Züge auf, Twersky war am Set auch ein wichtiger Berater der Filmemacher in allen jüdisch-religiösen Detailfragen.

Luzer Twersky als in der Wüste. Bild: © enigma Film

Adel (Haitham Omari) als Ben. Bild: © enigma Film

Gaon begrüßt „Ben“ beim Pessahmahl. Bild: © enigma Film

Der Präfekt: Yussuf Abu-Warda. Bild: © enigma Film

„Adel“ Haitham Omari, ein muslimischer Palästinenser aus Ostjerusalem, wurde einem internationalen Publikum 2014 mit einer der Hauptrollen im Sundance-Gewinner „Sand Storm“ bekannt. Er spielte unter anderem in dem preisgekrönten Drama „Bethlehem“ on Yval Adler, Dror Zahavis „Crescendo – #Make Music, Not War“ mit Peter Simonischek (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41854) und „Gaza mon Amour“. Die beiden Größen des palästinensisch-jüdischen Kinos, Makram Khoury und Yussuf Abu-Warda, ersterer zu sehen in Julian Schnabels „Miral“, Fatih Akins „The Cut“, der TV-Serie „Homeland“, gerade abgedreht ist Terrence Malicks „The Way of the Wind”, zweiterer auch ein viel verehrter Grand-Seigneur des palästinensisch-jüdischen Theaters, liefern sich als Gaon und Präfekt manch wilde Schlacht – wenn der Präfekt da nur nicht zu früh sein Siegestänzchen tanzt.

Derweil müssen zwischen Felsen und Dünen der in seine Gebräuche versponnene Großstädter und sein Survival Guide mit dem Palästinenser-Tuch zwecks Überlebensstrategie zueinander finden. Ben ahnt nicht, dass seine ausgedehnten Waschzeremonien hier den Tod durch Verdursten bedeuten können, und zumindest der Pick-up gibt wegen zu wenig Kühlflüssigkeit alsbald den Geist auf. Schlafen unter freiem Himmel ist auch nicht wirklich Bens Sache, und, naja, koscher ist eben doch nicht halal. „Dein Gott mag mein Brot nicht?“, beginnt Adel sich darüber zu ärgern, mit welcher Chuzpe Ben das Chubz mit Original-Jerusalem-Gewürz dem Ewigen näherbringt.

Bis es aus ihm herausbricht: „Du kommt in Muslimland, du läufst rum wie Moses, jedes Auto ist für dich ein Taxi, jedes Wasser für wash-wash – und du machst mein Brot koscher!“ Schüchterne Antwort Bens: „Ja, aber Moishe hatte 40 Jahre, ich habe nur vier Tage, und er ging in die andere Richtung.“ Beim Anblick einer weißen Taube nennt Ben sie ein Friedenssymbol. Darauf Adel: „Ihr teilt kein Essen, ihr teilt kein Land. Welcher Frieden?“ Nur beim Einhalten beider Gebetszeiten, sind die zwei ein Team. Und beim Backen eines Versöhnungs-Kugel.

 

Möge Gott, Hashem, Allah uns allen Geduld mit uns allen geben. Das Trennende ist stets auch das Verbindende, und jedes Missverständnis kann, wenn man’s zulässt, zu mehr Verständnis führen. „Sehr gutes Restaurant, hier müssen wir öfter essen“, feixt Adel beim Verzehr des überm Lagerfeuer zubereiteten traditionell-jüdischen Nudelauflaufs. Mit diesem Satz wird es eine Schlusspointe haben, heißt der Film doch im Englischen, in das sich die Doppeldeutigkeit von „Nicht ganz koscher“ nicht übersetzen lässt, „No Name Restaurant“.

„Nicht ganz koscher“ ist ein wundersames „Was Menschen einander näherbringt“-Märchen, das keinen Zynismus zum Glauben gestattet. Um das bis ins Letzte zu bezeugen, soll hier gespoilert werden, denn auch die dritte abrahamitische Religion kommt noch ins Spiel – in Gestalt der Mönche aus dem Kloster „Zum Brennenden Dornbusch“. Kurz: Adel und Ben haben einen Unfall, der sich zum Überlebenskampf ausweitet. Die beiden werden zwar vom plötzlich wie aus dem Nichts erscheinenden Kamel Adelbaran gerettet, doch Ben ist fiebrig, hustet, hat wohl eine Lungenentzündung.

Die christlich-orthodoxen Mönche nehmen die beiden auf, pflegen Ben – doch was wird aus Pessach? Während dem delirierenden Ben ein Krankenlager gerichtet wird, verbringt Adel die Nacht grübelnd auf dem heiligen Berg. Bei Sonnenaufgang hat er dann die vielleicht rettende Idee: Mit der Kleidung und den abgeschnittenen Schläfenlocken des bewusstlosen Ben sowie einem Begleitschreiben des Popen im Gepäck, macht er sich im Dienstwagen des Klosters eiligst auf den Weg nach Alexandria. Wo ihn Gaon mit den Worten empfängt: „Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich weiß der Himmel schickt Sie.“

 

Während der Präfekt, dem die Wahrheit natürlich nicht verborgen bleibt, ein Adel denunzierendes Schreiben mit seinem Zigarrenanzünder verbrennt, will er doch seinen lebenslangen Schachgegner Gaon nicht verlieren. Und als nun Adel an der feierlichen Sedertafel der jüdischen Gemeinde bravourös versucht, seine völlige Unkenntnis der rituellen Gepflogenheiten zu verbergen, nimmt Ben im Kloster all seinen Mut zusammen und greift zum Telefon. Zaghaft beginnt er zum ersten Mal ein Gespräch mit seiner angebeten Toybe, seiner Taube.

Alle Menschen sind schon Brüder – und Schwestern. Dass Stefan Sarazin und Peter Keller ihre Ode an die Freu(n)de mit einem charmanten Lächeln erzählen, ist per se das Statement, sich von Politik, Religion und Machtgehabe nicht in eine Ecke drängen zu lassen. Denn unter der zauberhaften Oberfläche verbirgt sich ein reeller Kern. Im Interview erzählen die Regisseure, dass sie bei ihren Recherchen immer wieder festgestellt haben, im Alltag ist das Zusammenleben gar nicht so konfliktbeladen – etwa in Haifa, wo Juden, Muslime und Christen weitgehend entspannte Nachbarn sind.

Es seien die politischen Eliten, deren jeweilige Interessen ein Aufeinander-Zugehen verhindern, sind die Filmemacher überzeugt. Da braucht es eben ein komödiantisches Paar wie Ben und Adel, um die Hintergründe immer gleicher Nachrichten zu beleuchten. Zum Ende der Utopie sitzen Juden, Christen und Muslime im tatsächlichen Symbol des gemeinsamen Bootes. Im „No Name Restaurant“, denn Gott hat nicht einen, sondern viele Namen, gibt es beides: „Adel‘s gegrilte Fish“ und „Ben‘s gefilte Fish“.

 www.nichtganzkoscher-film.de

 

BUCHTIPP

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Rezension www.mottingers-meinung.at/?p=45739: Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, ihr Mann Yidel ist der Sofer des Tempels. Dass ausgerechnet die Rebezn Eckstein im „biblischen“ Alter von 57 Jahren noch einmal schwanger wird, ist ein Skandal. Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet …

FILMTIPP

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 8. 2022

Netflix: Neil Patrick Harris in „Uncoupled“

Juli 29, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwul, Single, beinah schon Best Ager sucht …

Morgens ist die Welt noch in Ordnung: Neil Patrick Harris als Michael. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

In der Mitte der ersten Staffel, als sich ein vielversprechendes erstes Date wieder mal Richtung Katastrophe dreht, rastet Michael aus: „Ich sollte nicht hier sein“, schreit er seinen verdutzten One-Night-Stand an. „Ich will nichts über mit Botox behandelte Arschlöcher und PrEP* wissen, ich will auf meiner Couch sitzen und fernsehen, während mein Mann neben mir viel zu laut kaut. Das ist die Welt, die ich will.“

*Eine Safer-Sex-Methode, bei der HIV-Negative ein HIV-Medikament einnehmen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

Tja, diese Welt ist in der neuen Netflix-Serie „Uncoupled“, deren erste acht Folgen ab heute zu streamen sind, vorläufig mal untergegangen. „How I Met Your Mother“-„Barney“ Neil Patrick Harris, privat seit 2004 mit Ehemann und Starkoch David Burtka liiert und gemeinsam mit ihm Vater von Zwillingen, spielt Immobilienmakler für Betuchte Michael Lawson, der nach 17 Jahren trauter Zweisamkeit von Lebensmensch Colin, Tuc Watkins (auch zu sehen in „The Boys in the Band“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43932), verlassen wird.

Worauf sich der beinah Fünfzigjährige nicht nur mit einer ihm fremden Einsamkeit, sondern auch mit einer sich gewandelt habenden Gay Community konfrontiert sieht, deren Zeichen er nicht mehr zu deuten vermag. Stichwort: Grindr App. „Uncoupled“-Schöpfer Jeffrey Richman und Darren Star, letzterer auch Erfinder von „Beverly Hills, 90210“, „Sex and the City“ und 2020 der Netflix-Serie „Emily in Paris“, haben für Hauptdarsteller Harris die probaten Mittel zur Hand – selbstironischen Humor, gewitzte Dialoge, verschmitzte Jungenhaftigkeit -, um ihren Midlife-Crisis-Michael in allen Regenbogenfarben schillern zu lassen.

Klar, dass Neil Patrick Harris diese Übung supersympathisch gelingt. Michaels neuer Beziehungsstatus „Schwul, Single, beinah schon Best Ager sucht …“ ist also die Bassline der Serie, ausgerechnet bei der für ihn arrangierten Überraschungsparty gibt Geburtstagskind Colin bekannt, dass er aus der gemeinsamen Wohnung im mondänen Manhattan-Viertel Gramercy schon ausgezogen ist. Harris überspielt Michaels Schock mit ergreifender Zurückhaltung. Es ist die Art von glamourösem, fotogenem Hochglanzleid, Tiffany-gerahmte Bilder, ecrufarbenes Wildledersofa mit keinem Kapritzpölsterchen fehl am Platz, romantische Privatterrasse, die schon Carrie Bradshaws Mr.-Big-Tränen umflorte.

Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

Busenfreund Stanley: Brooks Ashmanskas. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

Dickpic! Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

One-Night-Stand: Gilles Marini. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

Bei Michael singt dazu Sam Smith, Harris und Burtka sind über ihre Freundschaft mit Elton John und David Furnish gut mit der Musikszene vernetzt, doch trotz dieses Wissens haut’s einen aus den Schuhen, wenn gleich in Episode eins die Masterminds des Musical „Hairspray“ Marc Shaiman und Scott Wittman, die beiden seit mehr als 40 Jahren berufliche wie private Partner, ihren Hit „Welcome to the ’60s“ für Michael in ein „Welcome to your 50s“ neuinterpretieren. Da fragt man sich, was an Cameo noch kommen mag, und ob auch Neil Patrick Harris sein Gesangs- und Tanztalent wird austoben dürfen.

Abseits des häuslichen Elends hoppt Michael hochprofessionell von Event zu Party zu Soiree. Dabei begleiten ihn drei BFF: Emerson Brooks als arrogant von seinem Umfeld amüsierter TV-Wettermann Billy, Brooks Ashmanskas als Galerist Stanley, dem Billy bescheinigt „ein großartiger Kunstkenner, aber ein lausiger Schwuler“ zu sein, worauf der – Retourkutsche – Billys jüngsten Lover als dessen „Kindsbraut“ begrüßt, und last, but noch least: die großartige Tisha Campbell als Michaels Geschäftspartnerin Suzanne.

Mit Stanley und Emerson Brooks als Billy. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

Tisha Campbell als Geschäftspartnerin Suzanne. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

Die nervige Kundin: Marcia Gay Harden als Claire. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

So retro: Billy, Michael und Stanley in der Roller Skates Disco. Bild: © Barbara Nitke/Netflix – © 2022 Netflix, Inc.

Diese, ebenfalls auf Bräutigamschau, bringt die weibliche Variante ins Mitt-irgendwas-Liebesspiel ein und damit das Thema Bodyshaming: „Letzte Nacht“, lässt sie Michael lapidar wissen, „hatte ich einen, der mir sagte, mit fünf Kilo weniger wäre ich attraktiv. Ich durfte trotzdem auf seinem Gesicht sitzen.“ Bleibt als überkandidelt kandierte Kirsche auf diesem komödiantischen Cupcake Marcia Gay Harden – als nervige Kundin Claire ein Running Gag, die den Immobilienporno im 5000-m2 Penthouse und ergo den Tenor der Serie auf den Punkt bringt: „Ich fühle mich wie in einem dieser 1930er-Filme, in denen draußen die Weltwirtschaftskrise stattfindet, aber hier oben gibt es nur Fred Astaire und Cocktails und Tanzmusik.“

„Uncoupled“ kann man als Eskapismus in ein keimfreies New York voll schöner Menschen ohne Existenzsorgen kritisieren oder liebgewinnen (hier: zweiteres). Die Serie ist in erster Linie Comfort Binge für ein Publikum, das sich in ähnlichen Verhältnissen wie deren Figuren aufhält, zu alt, um hip zu sein, aber zu jung, als dass sie das nicht mit allen Mitteln bekämpfen wollten. Michael sehnt sich nach Dr. Ruths Aufklärungsunterricht wie hierzulande vielleicht nach Erika Berger. Er vermisst Radiowecker. Und – eine der gelungensten Satire-Szenen – der Generation-X-Mann knurrt einen Millennial an, der noch nie etwas vom AIDS Memorial Quilt gehört hat:

„Wir haben für euch Opfer gebracht. Das heißt: Ich nicht. Aber ich habe ,Angels in America‘ gesehen!“ (Rezension einer Produktion der NOW: www.mottingers-meinung.at/?p=34820). Worauf der Jüngere Michael mit der Bemerkung, „eine verbitterte alte Queen“ zu sein einfach stehenlässt. „Uncoupled“ funktioniert in vielerlei Hinsicht hervorragend. Die Frage, welche Zahl an Fröschen man küssen muss, um zu einem Prinzen, einer Prinzessin zu kommen, bewegt wohl jede und jeden, der sich ein bisschen Glück, Liebe und Verständnis wünscht. Hier wird davon gutgelaunt und in einer Tour de Luxe erzählt. Möge einem nichts Schlimmeres passieren, während man auf Staffel zwei wartet …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KMT4pVK-uFo           www.youtube.com/watch?v=NZEwlyPbTt4           www.netflix.com

  1. 7. 2022