In My Room

Dezember 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Postapokalyptischer Reiter

Zu Pferd erkundet Armin die Umgebung: Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Es klappt gar nichts. So führt Filmemacher Ulrich Köhler den Anti-Helden Armin aus „In My Room“ ein. Mehr als dreißig Minuten lässt er sich Zeit, die Figur zu erklären, diesen in seinem Leben desorientierten ZDF-Kameramann, der die Aufnahmen von Pressekonferenzen politischer Parteien versemmelt, weil er das Entscheidende nicht im Blick hat.

Später an einem Abschleppversuch scheitert, indem er mit einem präkoital-blöden Spruch die junge Frau vor Vollzug aus seiner Wohnung scheucht. Um sich schließlich, ein paar Schnitte später, am Bett seiner sterbenden Großmutter über deren Hinscheiden zu grämen. Omas triste Behausung deutet schon irgendwie auf Endzeit hin, und wie’s tatsächlich weitergeht, ist ab Freitag in den Kinos zu sehen.

„In My Room“ ist ein stiller Film, mit einem grandiosen Hauptdarsteller Hans Löw, dessen eindringliches, erzwungenermaßen schweigsames Spiel unter die Haut geht. Als Armin nämlich nach einer betrunken im Auto verschlafenen Nacht aufwacht, sind alle weg. Verschwunden. Kein Mensch mehr da. In Panik fährt Armin mit seiner ausgeleierten Karre über leere Straßen voller liegengelassener Fahrzeuge, im Fluss treibt ein Ausflugsschiff, die Tankstelle ist unbesetzt, da lässt sich immerhin gratis Benzin nachfüllen.

Regisseur und Drehbuchautor Köhler hält sich nicht mit hollywoodesken Spekulationen über The Day after auf, er katapultiert seinen Charakter in eine fantastische Versuchsanordnung, kreiert aus einem gängigen Sci-Fi-Motiv ein großartiges Gedankenspiel über die Conditio humana. Im nächsten Bild schon, und der für diese zuständige Patrick Orth versteht es, Köhlers Vision in ruhigen, dennoch kräftigen Aufnahmen umzusetzen, findet Armin auf der Autobahn einen Polizeiflitzer. Und wie er im Sportwagen hochtourig weiterrast, sich aus querstehendem Blechschrott einen Parcours bastelt, dessen computerspielartige Bewältigung der Zuschauer frontal durch die Windschutzscheibe mitverfolgt – da weiß man, der Mann hat verstanden, die Welt gehört ihm.

Bei der Großmutter: Ruth Bickelhaupt und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Kirsi kommt an: Elena Radonicich und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Und schon ist Armin ein postapokalyptischer Reiter, die Pferde findet er auf einem verwaisten Anhänger, ein moderner Adam, abgemagert, aber mit Taschenlampe. Mit einem gefundenen Gewehr über der Schulter, und für einen Städter erstaunlich praktisch veranlagt, beginnt er auf einem Bauernhof, wo er doch jedes Penthouse besetzen hätte können, seine Robinsonade. Hühner hüten, Ziege melken, Feld bestellen, es sich bequem machen in der Entvölkerung.

Auch wenn er, wie einst Defoes Crusoe, Rückschläge einzustecken hat, etwa wenn er halbverwilderte Schweine sieht und auf keines schießen kann und stattdessen lieber den mittlerweile zugewucherten Supermarkt plündert. Hans Löw vollführt nicht nur körperlich eine beachtliche Verwandlung. Er stattet den einstigen Zauderer und Zögerling nun mit einem Mut und einer Entschlossenheit aus, die den Überlebenstrieb als stärkste Macht des Menschen ausweist.

„In My Room“, betitelt nach einem Beach-Boys-Hit, ist keine Dystopie, sondern nicht zuletzt dank des Blicks von Patrick Orth gefilmte Poesie. „In My Room“ meint Lebensraum. Ein Sommermärchen, in dem es zum Glück noch Segnungen der Zivilisation wie E-Zigaretten und Bouteillenwein gibt. „There’s a world where I can go and tell my secrets to …“ Wie Löw im LKW-Scheinwerferlicht zu „Later Tonight“ von den Pet Shop Boys beinah Ballett tanzt ist wirklich klasse. Der von so vielen Kleingemachte plötzlich ganz groß.

Dann – ein angstvoller Sehnsuchtsblick – die Frau. Elena Radonicich kommt als Kirsi, und die hat kein Problem damit, einem Huhn den Kopf abzuschlagen oder Rehe zu jagen. Während der Mann nie aufhört, zu tüfteln und zu erfinden. Das ist doch mal was, wie Ulrich Köhler insofern das Rollenverständnis seit der Steinzeit verändert. Doch der Mann will Kinder, die Frau nur mit Kondom, Kirsi will weiter nach Süden, Armin bleiben, wo er sich seinen Begriff von Heimat erarbeitet hat … Und wenn „In My Room“ auch ein Film über dieses immer wahlloser abgenutzte Wort sein will, so sagt er etwas darüber aus, wie unbändig frei man in ihr sein – oder welche selbstgezimmerten Grenzen man sich setzen kann.

www.in-my-room.de

  1. 12. 2018

Astrid

Dezember 4, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lindgrens Leidensweg als ledige Mutter

Noch ist die Jugend unbeschwert: Newcomerin Alba August ist eine hinreißend ausgelassene Astrid Lindgren. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss hin wird es wirklich herzzerreißend. Da versucht eine gerade erst 23-Jährige, ihr Kind mit Liebe und Hingabe an sich zu binden, doch der Kleine weint und bockt, ist sichtlich traumatisiert, kennt er die fremde Frau doch nicht. Es ist das Jahr 1930, und Lasse schon vier, als ihn seine Mutter endlich zu sich holen kann. Von Kopenhagen nach Stockholm.

Was sie sich davor, weil ledig schwanger geworden und folglich der „Schande“ wegen verwehrt hatte. Die Mutter wird später die große Kinderbuchautorin Astrid Lindgren werden. Von deren schwierigem Start ins Erwachsenenleben wissen nicht viele ihrer Fans. Regisseurin und Drehbuchautorin Pernille Fischer Christensen erzählt nun darüber in ihrem Biopic „Astrid“, das am Freitag in die Kinos kommt. Welche Weltliteratin, Schöpferin von Pippi Langstrumpf, den Bullerbü-Kindern, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter, sich hinter dem schlichten Filmtitel verbirgt, macht Fischer Christensen in einer ersten Szene klar. Da sitzt eine betagte, hagere Dame am Schreibtisch und öffnet Kinderbriefe, das Pult übersät mit ihren selbstgebastelten Umschlägen und bunt bemalten Postkarten voller Geburtstagsglückwünsche.

„Liebe Astrid, wie kommt es, dass du so gut über Kinder schreiben kannst, wo es doch so lange her ist, dass du eines warst?“, hört man einen Knaben fragen. Und an der unverkennbar kantigen Silhouette, dem weißgewordenen Bubikopf, ist sofort die Lindgren zu erkennen. Dieser Art Rahmen wird sich durch den ganzen Film fortsetzen, immer wieder sind zwischendurch Kinderstimmen zu hören, die ihre Post an die Schriftstellerin vorlesen, immer dann, wenn Astrids Lebenssituationen an ihr Werk anknüpfen. Ihren Geschwistern erzählt sie etwa, da ist sie schon Volontärin bei der Ortszeitung Vimmerby Tidning, vom Artikel über einen Jungen, der an einer Fahnenstange hochgezogen wurde.

Als sich beim Tanzkränzchen kein Partner findet, wirbelt Astrid allein übers Parkett: Alba August. Bild: © Erik Molberg Hansen

Henrik Rafaelsen als unglücklich verheirateter Zeitungsherausgeber Reinhold Blomberg. Bild: © Filmladen Filmverleih

So macht „Astrid“ die Unmittelbarkeit, die Unverfälschtheit, auch die Quellen von Lindgrens Arbeit deutlich, und als Zuschauer darf man durchaus sentimental werden, wenn man sich an das Gefühl von Zuhause, von Wärme und Vertrautheit erinnert, das man beim Lesen ihrer Bücher empfand. Fischer Christensen und Kameramann Erik Molberg Hansen haben aus Lindgrens Heimat, Vimmerby im Småland, ein tristes Lönneberga gemacht, heißt: Molberg Hansens Bilder sind farbgedämpft, wie sepiagrundiert.

In ruhigen Schwenks lässt er die Kamera über die Landschaft gleiten. Der Menschenschlag, der darin lebt, ist arm, arbeitsam, gläubig, kinderreich – und, ja, glücklich, Astrids Eltern Pachtbauern auf einem Grundstück der Pfarre. Nicht von ungefähr ähnelt das Setting dem Katthult-Hof, und Samuel und Hanna Ericsson Michels Vater und Mutter.

Und mitten drin ein unbändiges Mädchen, das am Esstisch beständig plappern muss, sich in der Kirche langweilt, ihre kindliche Begeisterung auch einmal in die Nacht hinaus schreit, und, als es beim Tanzkränzchen zu keinerlei Aufforderung kommt, allein aufs Parkett stürmt und, zur Bestürzung, teils Belustigung der anwesenden Gemeinde, eine ausgelassene Performance hinlegt.

Newcomerin Alba August besticht mit ihrem sympathischen, quecksilbrigen Spiel als eine, die anders ist, als ihr Umfeld bisweilen verstehen kann, als eine, die mehr vom Dasein erwartet, als tagaus, tagein ein Feld zu beackern. Maria Bonnevie und Magnus Krepper sind als Astrids liebevoll-strenge Eltern zu sehen. Ihre überbordende Fantasie bringt Astrid schließlich eine Stelle bei Zeitungsherausgeber Reinhold Blomberg – Henrik Rafaelsen gestaltet ihn mit melancholischer Zurückhaltung – ein. Der um etliches ältere Mann lebt gerade in einer schwierigen Ehe, und verfällt dem Temperament seiner jungen Mitarbeiterin.

Er tröstet sich, sie willigt ein, und Fischer Christensen zeigt die verbotene Liebe in jeder Sequenz als vollkommen einvernehmlich. Es folgt Schwangerschaft, befürchteter Skandal und Astrids Verbringung an eine Sekretärinnenschule nach Stockholm, schließlich nach Kopenhagen, weil dort bei der Geburt eines Kindes, dessen Vater nicht angegeben werden muss. Lasse, wie Astrid ihren Sohn nennt, wird Pflegemutter Marie – Dänemarks Schauspielstar Trine Dyrholm sehr anrührend in ihrer Rolle – übergeben.

Erst als Astrid mit ihrem Sohn Lasse zusammen sein kann, wird das Gras grün: Alba August und Marius Damslev. Bild: © Erik Molberg Hansen

Es ist erschütternd, die Filmoptik nun noch ein wenig düsterer, was das Mädchen Astrid alles alleine zu bewältigen hat. Man kann nicht umhin sich zu erstaunen, wie aus diesem Schicksal die Schreiberin stets hoffnungsvoller Romane werden konnte. Alba August verleiht ihrer Figur jetzt erst recht Kontur, macht sie vom vor naiver Lebenslust sprühenden Charakter zur hart um ihre Existenz kämpfenden Frau.

Die sich mit den sich die Länge ziehenden Versprechungen des Kindsvaters, der Ablehnung vor allem ihrer Mutter, wie generell mit einer Gesellschaft, die für ledige Mütter keinen Platz bietet, auseinandersetzen muss. Den Verlust der Kindlichkeit setzt August mit jeder Faser ihres Körpers um. Die Tochter von Bille und Pernilla August trägt ihren ersten Kinospielfilm bravourös. Und wieder wird Astrid alleine tanzen, betrunken, auf der Weihnachtsfeier des Königlichen Automobil-Clubs, wo sie mittlerweile arbeitet, und es wird als Lichtblick, zuerst hält sie ihn für einen Schnösel, dann doch für charmant, dessen Bürovorsteher Sture Lindgren, gespielt von Björn Gustafsson, erscheinen.

Dass der sich als Alkoholiker entpuppen wird, der letztlich an seiner Sucht stirbt, so weit geht „Astrid“ nicht. Denn, und Fischer Christensen schildert das, wenn auch etwas behäbig, so doch mit perfektem Feingefühl und ohne je ins kitschig Melodramatische zu kippen, wie immer bei der Lindgren ist am Ende alles gut. Für Lasse wird Astrid zur Geschichtenerzählerin. Wird sie den Mut finden, entgegen aller Anfeindungen ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Was schließlich sogar die Gemüter der Großeltern erweicht. Und endlich ist das Gras grün, und sind die Häuserwände rot …

dcmworld.com/portfolio/astrid/

  1. 12. 2018

Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018

Alles ist gut

November 29, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In aller Stille implodieren

Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz bringt als schweigendes Vergewaltigungsopfer Janne eine beachtliche Leistung. Bild: Trimafilm

„Alles gut“ oder „Danke, gut“, das sind die gesellschaftlich bevorzugten Floskeln, wenn es darum geht, Wogen zu glätten, ein Gegenüber zu beruhigen, eine Situation zu deeskalieren. In diesem Sinne ist wohl der Titel von Eva Trobischs Spielfilmdebüt zu verstehen:

„Alles ist gut“, ab Freitag in den Kinos, ist sozusagen das Mantra ihrer Protagonisten, der unendlich daran gelegen ist, „die Sache nicht so hoch zu hängen“. Die Sache ist immerhin eine Vergewaltigung. Doch Janne ist es gewohnt, ihr Dasein mittels der beständigen Beschwichtigung anderer zu bewältigen, und so schweigt sie auch diesmal. Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz spielt diese Janne, und ihr dabei zuzusehen, wie sie in aller Stille implodiert, ist ein bemerkenswertes Erlebnis.

Die Tat passiert nach einem Klassentreffen, von dem Janne den hochintellektuell anmutenden Martin mit nach Hause nimmt, der hat wie Janne einen sitzen, ist aber durchaus charmant, bis er zudringlich wird. „Echt jetzt?“, ist Jannes Verzweiflungsfrage, als er in sie dringt. Janne wird Martin bei ihrem Jugendfreund und späteren Arbeitgeber Robert wiedertreffen, und da ist noch ein Mann, der ihr Leben beherrscht: Piet, von dem man erfährt, dass er mit einem gemeinsam mit Janne gegründeten Buchverlag pleite gegangen ist, sich aber schon vorher rausgekauft und einen Bestseller veröffentlicht hat.

Piet hängt wie ein Schatten über der Beziehung, und da er der impulsive Typ ist, fragt man sich, ob Jannes kontrollierte Art, die Tatsache, dass sie alles auf sich abladen lässt, mit seinem schwierigen Charakter zu tun hat. Als Janne schneller als er einen neuen Job hat, nämlich Cheflektorin bei Robert, reagiert Piet mit aggressiver Gekränktheit und flüchtet sich in Sarkasmen. Und so macht Janne nicht nur ihren eigenen, sondern auch den Wert ihrer neuen Tätigkeit klein. Das alles erzählt Regisseurin und Drehbuchautorin Trobisch mit einer erschreckenden Beiläufigkeit; die Unaufgeregtheit, mit der sie im Film Unheil an Unheil reiht, wirkt auf den Betrachter ziemlich irritierend. Umso mehr, als sich Trobisch trotz des schweren Themas immer wieder eines kurzangebundenen, trockenen Humors bedient.

Wie mit der Situation umgehen? Aenne Schwarz als Janne mit Hans Löw als Martin. Bild: Trimafilm

Impulsiv trifft introvertiert: Aenne Schwarz als Janne und Andreas Döhler als deren Freund Piet. Bild: Trimafilm

Als Cast ist ein Best-of des Burg-, des Thalia Theaters und des Berliner Ensembles versammelt. Hans Löw ist als Martin zu sehen, Andreas Döhler als Piet. Tilo Nest ist als Robert sozusagen Jannes Gegenpol, ist er doch in einer Ehe mit einer viel jüngeren Frau und deren Kinderwunsch gefangen, hier wird die Situation explodieren, und sie ihn grün und blau treten, weil sie nicht schwanger wird. Falk Rockstroh hat einen Kurzauftritt als Insolvenzberater, Juliane Köhler einen als mondäne Autorin.

Sie alle beeindrucken mit ihrem reduzierten, spröden, nüchternen Spiel. Beinah verstörend zu nennen ist eine Szene, in der Löws Martin Schwarz‘ Janne in Roberts Verlag wiedersieht, seine Befangenheit schier greifbar, seine Augen, die um Absolution bitten, Wangenküsschen als Tarnung vor dem Chef.

Und zwischen den Männern eine Frau, die kein Problem haben und keines sein will. Wobei ihre Verdrängungsstrategie die Narben nur noch tiefer treibt. Dass Trobisch Jannes heiklen Balanceakt, ihren Versuch, die Dinge rational durchzustehen, scheitern lässt, ist ein logischer Schlusspunkt. Aenne Schwarz brilliert in diesem Porträt einer Frau, die nicht als Opfer gesehen werden will, und dafür einen hohen Preis bezahlt. Wie sie hinter der kühlen, letztlich selbstzerstörerischen Fassade die Aufgewühltheit ihrer Figur erkennen lässt, das ist im Wortsinn großes Kino. „Alles ist gut“ wurde von Eva Trobisch vor #MeToo erdacht, und bringt die Debatte darum, um ein Schweigen, das Gewalt bestärkt und zulässt, dennoch auf den Punkt.

allesistgut-derfilm.de

  1. 11. 2018

Womit haben wir das verdient? – Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch

November 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Debatte ums Kopftuch nicht den Rechten überlassen

Nina eröffnet ihrer Mutter, dass sie zum Islam konvertiert ist: Chantal Zitzenbacher und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Diesen Freitag kommt die Komödie „Womit haben wir das verdient?“ in die Kinos. Darin muss eine Familie ihre stets behauptete Weltoffenheit angestrengt unter die Lupe nehmen, ist doch die pubertierende Tochter zum Islam konvertiert. Nina nennt sich nun Fatima, und die Mutter fällt aus allen Wolken.

Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer karikiert in ihrem erstem Spielfilm nicht nur leichtfüßig und lustvoll die gängigen Klischees, sie geht auch furchtlos die großen Fragen an: Was heißt radikal? Wie weit kann Toleranz gehen? Wie steht es anno 2018 tatsächlich um die Frauenrechte? Mit Caroline Peters, Simon Schwarz, Alev Irmak oder Mehmet Ali Salman ist „Womit haben wir das verdient?“ hochkarätig besetzt. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina. Eva Spreitzhofer im Gespräch:

MM: Wie frech ist es, die Kopftuch-Debatte in „Womit haben wir das verdient?“ als Komödie anzulegen?

Eva Spreitzhofer: Ich finde, es geht gar nicht anders. Ein so komplexes und umfehdetes Thema ist weder politisch noch im Film ohne Humor anzupacken. Wenn man mit anderen über Dinge lacht, diese Dinge auch zuspitzen kann, dann befreit das den Kopf. Es gibt zu diesem Thema viele Herangehensweisen, es könnte auch eine Doku sein, die vermutlich nicht so viele Leute anschauen würden, wie eine Komödie, aber als Sozialdrama hätte es meines Erachtens gar nicht funktioniert.

MM: Haben Muslimas und Muslime den Film schon gesehen, und haben die gelacht?

Spreitzhofer: Sehr. Und sie waren total begeistert. Die Rückmeldungen sind von allen Seiten so, dass sie sich verstanden gefühlt haben, auch verarscht gefühlt haben, aber in einer Art und Weise, wie sie’s gut nehmen konnten. Das ist ein großes Kompliment für mich. Ich glaube, bis auf echte religiöse Ideologen und Ideologinnen, die naturgemäß völlig humorlos sind, werden sich alle gut amüsieren – und das ist tatsächlich das, was mir am allerwichtigsten war. Ich habe eine ganz klare Haltung zu dem Thema, es ist mir auch wichtig, dass ich von der ausgegangen bin, aber ich wollte einen „Disney-Film“ machen, bei dem die Kinder über etwas anderes lachen als die Erwachsenen. Ich wollte gerne alle abholen, ich habe für jede einzelne Position in diesem Problemfeld eine Figur erfunden. Es gibt keinen Charakter im Film, für den es nicht ein Role Model in der Realität gibt, und es gibt keine Situation, die kein Vorbild hat.

MM: Und Ihre klare Haltung ist?

Spreitzhofer: Im 21. Jahrhundert geht es nicht, dass Frauen unsichtbar gemacht werden. Weder in der Sprache, noch in der Bundeshymne, noch im öffentlichen Raum. Deshalb bin ich fürs Binnen-I, für die Töchter in der Bundeshymne, und bin ich dafür, dass Frauen ihre Reize nicht verdecken müssen, damit Männer nicht geil werden. Wenn Menschen das machen wollen, aus religiösen oder privaten Gründen, dann können sie das gerne tun, aber sie sollen Kinder und junge Mädchen in Ruhe lassen. Und auch zugeben, dass das Kopftuch keine Frage der Selbstbestimmung von Frauen ist, sondern, dass die Art Religion über die gleiche Sexualisierung wie die Werbung funktioniert. Wenn man heute eine Religion oder Ideologie erfinden würde, in der Männer mit Handschellen gefesselt durch die Stadt gehen müssten, damit sie nicht mehr „deppert“ irgendwohin greifen könnten, würde ich mich auch dagegen verwehren. Ich fände das falsch, und ich würde nicht hinnehmen, dass Vertreter dieser Idee sagen: Wir wollen nicht, dass sich jemand einmischt.

MM: Niemand thematisiert allerdings, ob Sikh-Buben einen Patka tragen wollen, oder jüdische eine Kippa.

Spreitzhofer: Weil das einen ganz anderen Ursprung hat. Das kommt nicht daher, dass man’s aufsetzen muss, weil dadurch eine Sittsamkeit, eine Anständigkeit präsentiert wird. Das wird verschleiert von den Menschen, die das Kopftuch als Freiwilligkeit ausgeben, was individuell zweifellos vorkommen kann, aber das ganze Paket, das mit dem Kopftuch mittransportiert wird, bedeutet, eine Frau hat ehrbar, sittsam, anständig zu sein, vor allem unsichtbar zu sein. Und je nach religiöser Radikalität wird das stärker, wird die Schamgrenze unterschiedlich ausgelegt, im schlimmsten Fall mit einer Verhüllung von oben bis unten, also mit Niqab. Das macht ein anderes Straßenbild, als wenn Männer eine Kippa aufsetzen oder einen Turban tragen. Das Problem ist, dass sich weder die Rechten noch die Linken wirklich mit dem Islam beschäftigen, und deswegen lauter Blödsinn verhandelt wird. Das weiß ich natürlich auch erst, seit ich so wahnsinnig viel recherchiert habe.

MM: Wenn man betrachtet, aus welcher Richtung immer wieder der Vorstoß zur Verschärfung des Kopftuchverbots kommt, ist man da als Filmemacherin nicht in Gefahr, sich ins falsche politische Eck zu stellen?

Spreitzhofer: Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns die Debatte wieder retour holen, es kann nicht sein, dass wir uns das Thema von den Rechten wegnehmen lassen, die überhaupt keine Lösungen anbieten, die das Ganze nur instrumentalisieren, um Hass und Hetze zu schüren, die selbst ein Frauenbild haben, das genau das gleiche, wie das der Islamisten ist, wie in Österreich, wo die Bundesregierung unheimlich vielen Frauenorganisationen das Geld streicht … Das kann man doch dann nicht ernst nehmen. Auf der anderen Seite steht, dass die SPÖ dazu keine klare Haltung hat, außer der: Da muss man halt ein Integrationspaket schnüren. Das ist natürlich richtig, aber Fakt ist, es gibt unglaublich viele Musliminnen, die selbst der Meinung sind, dass das Kopftuch ein patriarchales Unterdrückungsinstrument ist. Und diese Stimmen muss man endlich einmal hören.

MM: Das wird nicht getan?

Spreitzhofer: Die SPÖ, aber auch die Grünen, haben viel mehr Kontakt mit Vertretern, und jetzt sage ich nicht VertreterInnen, obwohl ich normalerweise gendere, aus islamischen Verbänden, aber nicht mit liberalen Musliminnen und Muslimen, die eine ganz andere Meinung dazu haben. Jetzt ist die große Aufregung, dass Seyran Ateş eine Einladung der FPÖ angenommen hat. Ich halte es auf der einen Seite für ganz falsch, vor denen zu reden, weil sie sich damit instrumentalisieren lässt, es muss da eine hygienische Grenze geben. Auf der anderen Seite muss man sagen: Die SPÖ hat Seyran Ateş meines Wissens noch nie eingeladen. Das ist das Problem. Man treibt solche Leute den Rechten in die Arme. Siehe auch Susanne Wiesinger, die auch erst gehört wird, seit sie sich mit rechteren Medien ins Bett gelegt hat.

MM: Hat Sie als sozusagen Systemfremde nie das Gefühl beschlichen, sie kümmern sich um Dinge, die Sie gar nichts angehen?

Spreitzhofer: Ich überlasse es auch nicht der katholischen Kirche, den sexuellen Missbrauch nicht aufzuklären, wie sie es seit Jahrzehnten tut, sondern finde, die Gesellschaft muss sich einmischen. Ich akzeptiere prinzipiell nicht, dass wir nicht darüber diskutieren können, wo wir uns als Gesellschaft hin entwickeln und welche Werte wir dabei vertreten. Ich bin natürlich für Religionsfreiheit, aber die darf niemals über Frauen- und Kinderrechten stehen. Ich halte viel von dem Satz: Das Private ist politisch. So bin ich aufgewachsen, und das gilt immer mehr. Vor nicht allzu langer Zeit, bis 1989!, war Vergewaltigung in der Ehe straffrei, da waren die Argumente: Kommt jetzt die Polizei ins Schlafzimmer? Wie soll man noch Sex haben? Das erinnert mich sehr an die #MeToo-Debatte, wo man jetzt angeblich nicht mehr weiß, wie man flirten soll.

MM: Und mit dem Kopftuch …?

Spreitzhofer: … ist es das Gleiche: Wenn jemand ihr Frauenbild öffentlich vor sich her trägt, dann reagiere ich darauf. Wenn Frauen sich ein Kopftuch aufsetzen und weite Gewänder anziehen, damit sie eben ihre Reize verhüllen, und wenn das zunimmt in einer Gesellschaft, wenn damit ein Frauenbild verbunden wird, das ich nicht für zeitgemäß halte, dann werde ich das doch hinterfragen dürfen. Egal, ob ich diese Religion habe oder nicht. Ich finde nicht, dass Atheistinnen und Atheisten weniger Rechte haben sollten, als religiöse Menschen.

MM: Sie haben vorhin von Ihrer Recherche gesprochen? Wie sind Sie vorgegangen? Wie sind Sie auf das Thema für Ihren Film gekommen?

Spreitzhofer: Auf das Thema bin ich sehr privat gekommen, als meine Töchter, die nun 18 und 20 sind, am Anfang der Pubertät waren. Ich saß in einer Gruppe von Eltern, und wir haben überlegt, was in den nächsten Jahren Arges auf uns zukommen wird: Schule schwänzen, Drogen, Rechtsradikal werden …, und ich sagte, das Schlimmste, das ich mir vorstellen könnte, wäre, wenn meine Töchter religiös werden und ein Kopftuch tragen würden. Alle, die mich als Atheistin und Feministin kennen, fanden das sehr lustig. So war die Idee zum Film geboren, denn wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, das sie sich vorstellen kann, dann ist das immer ein guter Ausgangspunkt für eine Komödie.

MM: Damals, 2016, war das Thema noch nicht so aufgeheizt.

Spreitzhofer: Es war am Beginn der großen Eskalation, und es war klar, dass man jetzt beginnen muss, das Thema filmisch anzugehen. Was mir Spaß gemacht hat, war es aus diesem liberalen Milieu heraus zu erzählen. „Monsieur Claude und seine Töchter“ hat es von der großbürgerlich-katholischen Seite abgehandelt, das fand ich sehr lustig, ich wollte aber in eine Lebenssituation, in die Patchwork-Familie gehen, die ich sehr gut kenne und die sich dafür sehr gut eignet. Was die Recherche betrifft: Ich bin immer sehr vergnügt, wenn ich in eine mir neue Welt eintauche, weil ich dann sehr offen bin für Zwischentöne. Ich habe mich mit einer schiitischen Hausmeisterin getroffen, mit einem Aleviten, mit dem Leiter der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien, und habe von jedem Tipps bekommen, mit wem ich noch reden könnte. Neben den Fakten habe ich versucht, Persönliches zu hören.

Wanda sucht Rat bei Hanife: Caroline Peters und Alev Irmak. Bild: © Mona Film

Ninas Vater versucht sich getarnt „bei den Muslimen“ einzuschleichen: Simon Schwarz mit David Oberkogler. Bild: © Mona Film

MM: Nämlich?

Spreitzhofer: Was die Leute am Lustigsten finden, was am Schlimmsten. Ich habe mich bemüht, ein möglichst großes Spektrum an Meinungen einzufangen. Über Anekdoten bekommt man einen guten Einblick in eine Gemeinschaft. Außerdem kann man solche Geschichten nie erfinden, die Realität ist immer absurder als das, was man sich ausdenken würde.

MM: Ganz blauäugig gefragt: Gibt es Konvertitinnen?

Spreitzhofer: Jede Menge. Nicht mehr so aktuell sind im Moment die Mädchen, die zum IS gefahren sind, ich erinnere mich da zum Beispiel noch an zwei dm-Lehrlinge mit 15, 16 Jahren, das hat ziemlich aufgehört, weil der IS jetzt anders rekrutiert. Und die, die konvertieren, sind halt oft fanatischer, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, wo Leute, die neu in eine Gruppe kommen, und sich dort erst beweisen müssen, radikaler werden als die anderen sind.

MM: Die Figur Nina ist ja so. Würde ich das islamische Pendant kennen, müsste ich nicht sagen, sie ist päpstlicher als der Papst.

Spreitzhofer: Genau. Sie will zeigen, dass sie die Super-Muslima ist. Es gibt da aber auch eine Sinnsuche, ein Verzweifeln an komplexen Problemen, für die die Religion einfache Lösungen bietet. Obwohl mir von vielen Musliminnen und Muslimen versichert wurde, dass der Islam die strengste und komplizierteste Religion ist. Aber da, wo’s viele Regeln gibt, gibt es auch viele Wege sie zu umgehen. Für Nina ist das nicht so. Mir war es jedenfalls wichtig, dass die Muslime mit denen wir in der Moschee gedreht haben, auch im echten Leben muslimisch sind …

MM: Sie haben auch in einer Moschee gedreht?

Spreitzhofer: Wir haben eine nachgebaut, weil wir keine gefunden haben, in der wir drehen durften. Also, wie gesagt, wirkliche Muslime, ich wollte da keine Codes verletzen, mir war wichtig, dass die Komparsen Teil der muslimischen Religion sind, und da wurde es natürlich lustig, denn ich hatte 40 Auskenner am Set, die mir in den unterschiedlichsten Sprachen wertvolle Tipps geben wollten. Ich war da sehr offen, aber Tatsache war, dass sie sich in ihren Tipps sehr widersprochen haben, was meine Annahmen zum Thema Religion nur bestätigt hat.

MM: Ninas entsetzte Mutter heißt Wanda. So intellektuell, liberal, atheistisch sie ist, ist sie doch eine Missionarin für Ihre Weltanschauung.

Spreitzhofer: Natürlich. Wanda ist im Prinzip ich. Und ich bin durchaus ungeduldig, intolerant, besserwisserisch, muss allen für ihr Leben Tipps geben, und ich habe wie Wanda nicht nur immer das Gefühl, es gibt für alles eine Lösung, sondern: ich habe für alles eine Lösung. Gleichzeitig bin ich in einem Alter, in dem ich das immer mehr mit einem Augenzwinkern sehen kann, und deswegen kann ich das auch persiflieren. Es gibt da eine Szene, wo sich Wanda darüber aufregt, dass man eine Frau in einen Käfig gesperrt hat, dabei ist das eine Demonstration gegen das Tragen von Pelzen. Solche Momente, in denen man überschwappt, kenne ich gut. Wanda kann einfach nicht aufhören, die kann ihre Tochter nicht in Ruhe lassen.

MM: Welche Mutter kann das schon?

Spreitzhofer: Ich besonders schlecht, sagen meine Töchter. Die im Film übrigens mitspielen, und zwar sind sie in den Youtube-Videos zu sehen, die sich Wanda von Konvertitinnen ansieht. Das war für mich noch berührender, weil meine Töchter improvisiert haben, ich habe ihnen gesagt, was ich haben möchte, aber sie haben’s mit eigenen Worten aus ihrem eigenen Leben umgesetzt.

MM: Ihr Film endet damit, dass Frauensolidarität über allem steht. Das ist Ihre Vision?

Spreitzhofer: Ja. Viele Menschen, die ich kenne, sind fassungslos über die USA unter Trump, über den Rechtsruck in Europa, über das Wiederkehren vieler Dinge, die wir eigentlich überwunden glaubten, und plötzlich wird vieles wieder infrage gestellt. Das macht mich betroffen und auch ohnmächtig, ich will aber nicht, dass wir glauben, bestimmte Errungenschaften könnten so einfach wieder rückgängig gemacht werden. Für mich war die Frage, wie komme ich intelligent und komödiantisch aus dem Film raus. Es wäre ja nicht gegangen, dass die Nina kein Kopftuch mehr trägt und aus. Ich verrate jetzt nicht, wie’s ausgeht, aber ich finde, dass man am Ende von den Frauen und ihrem Zusammenhalt berührt ist. Der die radikalen Muslime und die Rechten, die sich ja in vielem ähnlich sind, auf einmal hinwegfegt.

MM: Da verschieben Sie die Fronten.

Spreitzhofer: Genau. Ich wurde unlängst bei einer Diskussion in Deutschland gefragt, was meine Lösung fürs Zusammenleben ist, und ich sagte: Bildung, Demokratie und Feminismus. Das wären die Dinge, die uns schon ganz gut weiterbringen würden, der Rest wird sich dann fügen.

MM: Sie haben einen wunderbaren Cast: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Duygu Arslan, Alev Irmak, die man vom aktionstheater ensemble, aber auch als Vorarlbergerische Gerichtsmedizinerin in den „CopStories“ kennt.

Spreitzhofer: Ich brauchte die beste Komödiantin, die man kriegen kann, und das ist einfach Caroline Peters. Sie fand das Drehbuch großartig, wir haben uns gut verstanden, damit war das eingetütet. Dann habe ich eine Familie rund um sie gebaut, habe überlegt, wer könnte mit ihr zusammenpassen. Als Simon Schwarz dazukam, haben Caroline und er beim Textlesen nur gelacht, also war das auch klar. Für die Nina wollte ich jemanden, der schon Dreherfahrung hat und mit den Erfahrenen mithalten kann, so kam Chantal dazu. Alev Irmak finde ich einfach seit den Umut-Dag-Filmen grandios. Ich finde es super, wie sie zwischen Österreichisch und Türkisch switcht. Und Duygu Arslan wurde mir von Eva Roth, meiner Casterin, vorgeschlagen, das ist ihr erster Kinofilm, und ich bin sehr glücklich mit ihr.

Wanda in der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien: Caroline Peters. Bild: © Mona Film

MM: Ihnen war auch wichtig, Schauspieler in anderen Rollen als den üblichen Klischees zu besetzen.

Spreitzhofer: Deshalb spielt zum Beispiel Mehmet Ali Salman alias Ali Capone, der Bösewicht aus den „Migrantigen“, bei mir einen Arzt. Der durfte bisher bevorzugt Taxifahrer spielen, dabei schauen so die Oberärzte heute doch aus.

MM: Welches Publikum wünschen Sie sich für Ihre Satire?

Spreitzhofer: So viel wie möglich. Ich habe bis jetzt Fernsehdrehbücher geschrieben, „Schnell ermittelt“ erfunden, und alles, was ich bis jetzt abgeliefert habe, ist im Fernsehen Tagessieger gewesen. Das heißt, ich bin schon publikumsverwöhnt.

Die Kritik zum Film: www.mottingers-meinung.at/?p=30834

www.womithabenwirdasverdient.at

27. 11. 2018