Lars Eidinger als KZ-Koch in „Persischstunden“

September 24, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sprache ist mächtiger als die SS

Gilles‘ Ankunft im Konzentrationslager: Nahuel Pérez Biscayart. Bild: Alamode Film

Anta – Mutter, Radß – Brot, Tsvajn – Schwein. Nein, das ist nicht einmal im Ansatz Farsi, das ist eine von Reza erdachte Fantasie, Reza, der eigentlich Gilles heißt und in Vadim Perelmans Berlinale-2020-Highlight „Persischstunden“, das ab Freitag in den Kinos läuft, um sein Leben lügt. Schon das erste Bild umreißt die ganze Story, Nazi-Akten, die beim Verbrennen bluten, es ist 1942 und der junge belgische Jude Gilles wird mit anderen von der SS in einen Lastwagen gepfercht.

Nächste Station, man ahnt es, Erschießung. Doch knapp vor der Waldlichtung erbettelt ein Mitgefangener Gilles‘ letztes Stück Baguette. Im Tausch gegen ein Buch, „Die Mythen der Perser“, Literatur als Überlebensmittel, denn als die anderen im Kugelhagel sterben, kaum auszuhalten ist dies Geräusch: Baby weint, Baby schweigt, gibt sich Gilles als Halbperser aus. Der Beweis dafür in seinen Händen, der Name wie auf dessen erster Seite vermerkt: Reza Joon.

Nun stutzen die Schergen, sucht doch der Verpflegungsoffizier im Konzentrationslager einen „echten Perser“, bei dem er Sprachunterricht nehmen will. Der Lohn fürs Finden eines solchen sind zehn Dosen Fleisch. Mehr ist ein Menschenleben nicht wert, und allemal mehr wert ist etwas zu Essen. Da braucht Rottenführer Max Beyer nicht lang nachzudenken, und Reza-Gilles ist fürs Erste gerettet.

Wolfgang Kohlhaases Kurzgeschichte „Erfindung einer Sprache“ ist Perelmans Film nachempfunden, das Drehbuch von Ilya Zofin, eine außergewöhnliche Arbeit, die so entstanden ist, eine Erinnerung, eine Würdigung, ein Gebet, Schutz vor dem Vergessen. Das ans Durchgangslager Natzweiler-Struthof gemahnende Set verströmt eine Atmosphäre der Klaustrophobie und Angst, ein Vorhof zur Hölle in Polen – wobei es zeitgeschichtlich Bewanderte doch irritiert, dass überm Tor „Jedem das Seine“ steht.

 

Gilles also trifft den Mann, von dem im Weiteren seine Existenz abhängt, und es ist dieses dichte, intensive Zusammenspiel des Argentiniers Nahuel Pérez Biscayart – er bekannt geworden mit dem Aidsdrama „120BPM“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27800) – als Gilles mit Lars Eidinger als Hauptsturmführer Klaus Koch, das Perelmans Kammerspiel in die Nähe von László Nemes Meisterwerk „Son of Saul“ rückt. Das Publikum lernt Koch, der im Zivilberuf tatsächlich einer ist, als zwänglerisch aufbrausenden Befehlsbeller kennen, der seine Buchführerin Elsa zusammenstaucht, weil’s ihr am Talent zur Schönschrift mangelt.

Doch kaum kommt Koch in Gilles‘ Nähe, offenbart sich auch des gefährlich auf einen Fehler Rezas lauernden Raubtiers menschliche, seine allzu menschliche Seite. Aus Opfer und Täter werden Lehrer und Schüler, Eidinger spielt das mit einer unvermuteten Zärtlichkeit, die Poesie der Grausamkeit, einen schüchternen Wissbegierigen, der sich dem bisherigen Objekt seiner Mordgier mit sinnbildlich geneigtem Kopf nähert – und in jeder Sekunde spielt Eidinger mit, dass dieser Koch im Innersten weiß, dass er betrogen wird. Noch eine Nuance bringt Eidinger ein: Koch, Typ Beamter der Todesmaschinerie, ist kein Kadavergehorsamer. Die Farsi-Stunden sollen ihm, wenn Schluss ist mit lustig, das Auswandern nach Teheran ermöglichen, wo er ein Restaurant eröffnen will. Welch eine Idee: ein deutscher Asylwerber im Iran.

Viel lebt der Film von Kohlhaases speziellem Tonfall, seinem feinen Blick für menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten, seinem Sinn für punktgenau komödiantische Wendungen und überraschende Twists. Ilya Zofin vermag es, der Vorlage auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Schelmenstück zu folgen. Reza-Gilles erdenkt ein ganzes Wörterbuch, je dicker es wird, umso mehr droht ihm der Überblick übers Fake-Vokabular abhanden zu kommen. Bei der Arbeit als Küchengehilfe, beim Abwaschen und Abfälle entsorgen, trichert er sich leise vor sich hinmurmelnd seinen Schwindel ein, denn ein Fehler ist tödlich.

Lars Eidinger als Klaus Koch. Bild: Alamode Film

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger. Bild: Alamode Film

Gilles teilt Essen aus: Nahuel P. Biscayart. Bild: Alamode Film

Lars Eidinger und Nahuel Pérez Biscayart. Bild: Alamode Film

Nahuel Pérez Biscayart mit seinem charmanten Deutsch gibt sich als Reza so dreist, sein Erfindungsreichtum so überbordenden, seine Improvisationen so blitzschnell, seine Finten so gefinkelt und frech, dass man nicht umhinkann, dem kleinen Mann Bewunderung zu zollen. In Gilles übergroßen, stets wie tränennassen Augen und eingegraben in dessen Gesichtszüge spiegelt Biscayart den Zwiespalt, die Zerrissenheit seiner Figur. Den akkuraten Todeskarteischreiber Reza, der jetzt statt Elsa die Neuzu- und Abgänge und die „unterwegs Verstorbenen“ notiert, und die ersten Silben von deren Namen für sein Farsi verwendet. Den Suppe an halbverhungerte Häflinge ausschenkenden Gilles, der aus relativer Sicherheit die Vernichtung seines Volkes sieht.

Es sind diese komplexen Fragen nach Schuld, die „Persischstunden“ verhandelt. Wie weit geht der Mensch im Extrem? Wo beginnt das Überlebens-Ich, wo endet die Solidarität mit anderen? Wie wirksam ist Sprache als Machtinstrument? Hat, wer die Sprache beherrscht, auch die Wahrheit für sich gepachtet? Um all das zu illustrieren, gibt es frei nach Kohlhaase etliche Nebenschauplätze. Leonie Benesch als zur Küchenaufsicht degradierte Elsa tut sich mit Max, Jonas Nay als strammer Bursche, zusammen. Der wegen Reza, an dem er, wie er Koch mitteilte, „den Juden riechen kann“, ebenfalls einen Anschiss bekommen hat. Per Kochs in Worte gefasster Überheblicheit: „Sie wollen wohl klüger sein als ich!“ Die beiden rachsüchtigen Luder legen‘s ergo drauf an, Reza zu endlich zu enttarnen.

Max will Elsa, Jana liebt Max, wird aber wegen des Versprechers, der Lagerkommandant, dem sie zuweilen im Bett aushilft, habe einen kleinen Penis, an die Ostfront befördert. Während unter den Nazis Kabale und Liebe freudlose Urständ‘ feiern, bleibt den Gefangenen oft nicht mehr als rohe Gewalt. Als Max bei den britischen Kriegsgefangenen einen Engländer mit wahren persischen Wurzeln findet, tötet jenen ein italienischer Kommunist, dessen fragilen Bruder Gilles mit Küchenresten versorgt.

 

Es naht der Untergang des Dritten Reichs, die Alliierten, gehen die Gerüchte, rücken vor, die Transporte zu den Gaskammern werden beschleunigt, Koch verkriecht sich in sein Lernheft. Es ist bezeichnend, dass er auf Gilles‘ Frage „Wer bist du?“ in Rezas falschem Farsi nicht „Hauptsturmführer Koch“, sondern „Ich heiße Klaus Koch“, später auf die, was draußen vorgehe: „Ich weiß es nicht, ich bin kein Mörder, ich bin nur ein Koch“ antwortet.

Doch die Krakeeler fordern vom Küchenobersten ein letztes ausgelassenes Picknick, Reza muss bedienen, wird als Kochs „Wunderknabe“ vorgeführt, verlacht in Anzüglichkeiten, wofür der „seinen Perser“ wohl alles ge-/brauche, Reza irrt sich in der Wortwahl – diese Wut in Kochs Gesicht, Lars Eidinger, der tiefrot anläuft – und wird in den Steinbruch zum Tod durch Arbeit abkommandiert. Und Gilles, des Kämpfens müde, begibt sich in den Sterbemodus. Und erst einmal in diesem, kann keine Einschüchterung mehr wirken …

Die Filmgeschichte zeigt, die Innenansicht eines KZ-Alltags birgt vielerlei diskutierte Risiken, mit denen sich auch dieser Film konfrontiert sieht: die nicht zu bebildernden Nazi-Gräuel bei gleichzeitigem Sichtbarmachen des Unbegreiflichen. Was kann, was darf man zeigen, was verletzt die Würde der Opfer, welche Bilder sind obszön? Perelman erweist den Ermordeten die Ehre aus respektvoller Distanz. Selbst in Momenten – siehe Picknick, in denen die Herrenmenschen ihre finstersten Blicke werfen und Eidinger Kochs Gewaltausbrüche genüsslich zelebriert, bleibt das Leitmotiv des Films die Erinnerung.

Bahntrasse Richtung Freiheit: Nahuel Pérez Biscayart. Bild: Alamode Film

Das Ende – Achtung: Spoiler! – ist eine derart perfide Pointe, dass einem das Nichtlachen schwerfällt. Der Weltkrieg ist für die Deutschen verloren, Reza-Gilles‘ und Klaus Kochs Wege trennen sich. Nun sieht man zweiteren bei der Einreise in den Iran, wo er mit Rezas Lehren, und großartig, wie Eidingers Augen immer ungläubiger blinzeln, seine Farsi-Versuche stotternder werden, bei der Polizei naturgemäß nicht punkten kann – und in eine ungewisse Zukunft abgeführt wird.

Die letzte Szene aber gehört Gilles, und sie trägt das stille Pathos mit Stolz: Gilles, endlich in Sicherheit, wird von einem englischen Offizier gefragt, wieviel Gefangene das Lager während seiner Zeit dort passierten. Vielleicht 25.000 oder 30.000, er erinnert sich nicht genau, sagt er, doch die Namen seien ohnedies im Register. Als er von den verbrannten Archiven erfährt, hebt er den Kopf und beginnt sie aufzuzählen: Aaron, Jakob, Ruth, Rebecca. Einem nach dem anderen gibt er den eintätowierten Nummern ihre Namen wieder. Eine Erinnerung, eine Würdigung, ein Gebet. Schutz vor dem Vergessen.

www.alamodefilm.de/kino/detail/persischstunden.html          www.facebook.com/persischstunden.film

24. 9. 2020

Jean-Pierre & Luc Dardenne: Le jeune Ahmed

September 20, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Rezept gegen religiösen Eifer

Macht sich bereit fürs Gebet: Idir Ben Addi als Ahmed. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Der Glaubenskrieg beginnt am Esstisch. Ahmed, 13 Jahre alt, Belgier mit arabischen Wurzeln, also eines jener „Kinder mit Migrationshintergrund“, denen die Integrationsministerin ganze Studien bezüglich deren Unwilligkeit dazu widmet, beschimpft seine Mutter als Säuferin. Er sagt es auf Arabisch. السكارى Und schilt auch gleich die Schwester, die das Gläschen Wein am Abend verteidigt. Mit ihrem tief dekolletierten T-Shirt sei sie sowieso eine …

Mit „Le jeune Ahmed“ haben die Brüder Dardenne ein schwieriges Sujet in ein filmisches Meisterwerk verpackt. Der in Cannes im Vorjahr mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film läuft seit heute auch in den heimischen Kinos. „In Zeiten von steigendem identitärem Populismus und von radikaler werdenden Religionen, wollten wir einen Film machen, der an das Leben appelliert“, so Luc Dardenne an der Croisette. Das ist dem belgischen Filmemacher und Bruder Jean-Pierre mit diesem zutiefst humanistischen Drama voll und ganz gelungen.

Mit ihren von ihnen unter Hochdruck gesetzten sozialen Versuchsanordnungen haben die Dardennes von „Rosetta“ bis „Der Junge mit dem Fahrrad“ beinah ein eigenes Genre begründet. Und auch diesmal verlassen sie sich ganz auf das haptische Spiel ihrer Darsteller, allen voran Idir Ben Addi, der weder Schauspielschüler ist noch jemals zuvor vor einer Kamera stand, und der mit seinem stummen Zeugnis-Ableben von Ahmeds Innenleben eine Intensität entwickelt, die wie ein Messer ins Herz schneidet.

Ein Messerattentat bereitet Ahmed auch vor. Lehrerin Inés, gespielt von Myriem Akheddiou, will ihren Schülern mittels Songs ein modernes Arabisch beibringen. Das ist Blasphemie! Sagt der Imam. Die Sprache des Propheten mit Liedern zu lernen! Lehrreich ist die hitzige Szene von der folgenden Elternversammlung. Meine Kinder sollen auf Arabisch auch alltägliche Dinge ausdrücken können, sagen die einen. Mein Neffe arbeitet an einer Hotelrezeption, in dieser Branche ist gutes Arabisch sehr gefragt. Arabisch darf nur in den Moscheekursen gelehrt werden, sagen die anderen, sonst stirbt der Koran, sterben der Islam und unser kulturelles Erbe.

Lehrerin Inès will den Schülern modernes Arabisch beibringen: Myriem Akheddiou. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ahmeds Ersatzvater ist ein radikal sanfter Indoktrinierer: Othmane Moumen als Imam Youssouf. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Was Ahmed betrifft, haben die Dardennes einen überlegt ruhigen Film zu einem politisch höchst aufgeladenen Thema gemacht. Idir Ben Addis Bild vom Nachwuchs-Dschihadist entspricht keinem Fanatismus-Klischee. Der Lockenkopf ist Brillenträger und ein bisschen pummelig um die Hüften. Rührend, wie sich der Pubertäts-Gebeutelte das Kinn rasiert, und man sich fragt was und wozu. Und dann ist da das Chaos im Kopf. Eigentlich ein Teenager-typisches. Wäre nicht der Imam und der als „Märtyrer“ gestorbene Cousin als Idol.

Othmane Moumen gestaltet diesen Youssouf als radikal sanften Indoktrinierer, ganz klar ist der zivilberufliche Greißler für Ahmed ein Vaterersatz, doch bringt er mit seinem Glaubenssatz die ihm anvertrauten Koranschüler in Gewissenskonflikte und auf Konfrontationskurs. Erst weigert sich Ahmed Inés die Hand zu reichen, dann bereitet er, ist sie doch noch dazu mit einem Juden liiert, und die vom Imam ausgemachten Feindbilder sind die Juden und die „Kreuzzügler“, dann also bereitet er besonnen und unaufgeregt sein Messerattentat vor. Es ist Idir Ben Addis fast 90 Minuten lang unbewegliches, emotionsloses Gesicht, dass seinen Ahmed undurchschaubar und beunruhigend macht.

Die Dardennes sind nicht am Durchdeklinieren der Motive des jungen Gotteskriegers interessiert, den Moment der Tat, die übrigens schiefgeht, strapazieren sie nicht über Gebühr. Die Logik dahinter entsteht aus der Figur Ahmed, deren Entschlossenheit, deren Unbeirrbarkeit sind die Setzung – und der springende Punkt. Denn, vom plötzlich kleinmütigen statt kämpferischem Imam, der aus Furcht vor der Schließung der Moschee und seiner Ausweisung fast vergeht – Dialog: „Sie nannten sie eine Abtrünnige.“ „Aber ich habe nichts von Töten gesagt.“ -, der Polizei überantwortet, landet Ahmed in einer Jugendstrafanstalt. Ein verängstigtes Kind in Einzelhaft.

Dies ist die Frage, die die Dardennes aufwerfen, welche Angebote die so viel gepriesene westliche Wertegemeinschaft einer derartigen ideologischen Erstarrung zu bieten hat. Weder der Sozialarbeiter noch die Psychologin, Olivier Bonnaud und Eva Zingaro, können mit ihrer betont aufgeklärt-wohlwollenden Art zu Ahmed durchdringen. Er findet sie „zu nett“, wenn sie seine Gebetszeiten respektieren, ja ihn sogar daran erinnern, und ihm seine Hadithe lassen. Die institutionelle Ebene, „das System“, scheitert an Ahmeds Schweigen. In stiller Verzweiflung besucht ihn die Mutter, die er immer noch im Hidschab sehen will, Claire Bodson mit einer schauspielerischen Glanzleistung, Woche für Woche: „Vor ein paar Tagen warst du noch von der PlayStation nicht wegzukriegen, und jetzt, sieh‘ dich an …“

Auf dem Bauernhof mit Sozialarbeiter Olivier Bonnaud und Landwirt Laurent Caron. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Louise beflirtet den eingeschüchterten Ahmed: Victoria Bluck und Idir Ben Addi. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass sein Opfer Inés ihn zwecks Aussprache zu einem Treffen zwingen will, befremdet ihn. Erst als er auf dem Bauernhof von Mathieu, wo er als Arbeitskraft eingesetzt wird, dessen Tochter Louise kennenlernt, scheint sich der verschlossene Junge zu öffnen. Kurz huscht ein schamhaftes Lächeln über sein Gesicht als ihn Louise offensiv beflirtet, doch dann will ihn das von Victoria Bluck charmant verkörperte Mädchen küssen. Französisch küssen. „Unrein“ sei er jetzt, ist Ahmed entsetzt, der Weg ins Paradies ihm auf immer verwehrt, so kompromisslos hat er sich in eine von Ge- und Verboten strikt reglementierte religiöse Vorstellungswelt hineingesteigert, außer … Louise bekennt sich zum Islam. Was diese freilich ablehnt.

Worauf Ahmed, dessen Termin mit Inés als nächstes bevorsteht, Louises Zahnbürste stiehlt und in seiner Zelle zuspitzt, und einen Abschiedsbrief an seine Mutter schreibt … Wie sich die Dardennes an dieser Stelle darauf verstehen, ihren per Handkamera verfolgten Protagonisten in ein Thriller-Szenario zu versetzen, ist große Kunst. Wird Ahmed wie ein programmierter Assassine seine Mission bis zum Ende verfolgen? Täuscht er, im Innersten ein Fundamentalist, „das System“, indem er vorgibt sich nun wieder ihm konform zu verhalten? Darf man von unterschiedlichen Mentalitäten sprechen? Vom tiefen Gefühl der Verletzung der männlich-muslimischen Ehre? Davon, wie schwer Verhetzung aus (jugendlichen) Köpfen zu kriegen ist?

Schwer zu verstehen ist das alles. Und doch wieder nicht. Denn wenn Luc Dardenne von „identitärem Populismus“ spricht, meint das, dass das sich so überlegen denkende Abendland genug vor der eigenen Tür zu kehren hat. „Le jeune Ahmed“ lässt das Publikum bis zum allerletzten Bild, eigentlich darüber hinaus, um seinen Antihelden bangen. Szene für Szene sieht man ihn in ein so sinnloses Verderben entgleiten, und kann ihm doch nicht helfen. „Le jeune Ahmed“ ist ein unangenehm unter die Haut gehendes und gleichzeitig seltsam elegantes Kammerspiel. Das schwerste Drehbuch, das sie jemals geschrieben haben, sagen die Dardennes. Damit, mit seinen Gedanken und dem Meinung-Bilden lassen sie den Betrachter nun allein. Und mit einem Schluss, den zumindest ich ihnen niemals verzeihen werde.

stadtkinowien.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=50dvriiC7Bw

  1. 9. 2020

Love Sarah

September 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mehlspeis-Märchen kuriert die Multikulti-Gesellschaft

Dieses Ensemble kriegt’s gebacken: Rupert Penry-Jones, Shelley Conn, Celia Imrie, Shannon Tarbet und Bill Paterson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Sinnlichkeit feinster Süßspeisen ist nicht erst seit „Chocolat“ immer wieder beliebtes Filmthema, und schon Cissy Kraner besang in „Wie man eine Torte macht“ die Plagen einer Pâtissière. Nun zelebrieren Drehbuchautor Jake Brunger und Regisseurin Eliza Schroeder die hohe Kunst der Kuchenbäcker in „Love Sarah“, einem warmherzigen Feel-Good-Movie, das am Freitag in den Kinos anläuft.

Das heißt, gut fühlt sich hier anfangs niemand, stirbt doch Mehlspeis-Magierin Sarah just an dem Tag, an dem sie mit Best Friend Forever Isabella in Notting Hill eine eigene kleine Konditorei gründen wollte. Das stürzt diese nicht nur in

tiefe Trauer, sondern auch in schwere Existenznöte, wo keine Bäckerin, da keine Bäckerei, und beides teilt sie mit Sarahs Tochter Clarissa, die mitten in der Tanzausbildung von ihrem Lover vor die Tür gesetzt wird. Zu Sarahs Mutter Mimi hatten die drei längst den Kontakt abgebrochen, aber nun, da die Enkelin einen Schlafplatz und die Geschäftspartnerin der Tochter Geld braucht, scheint die wohlbetuchte Exzentrikerin die einzig rettende Hand. Als dann noch Michelin-Sterne-Koch Matthew auf der Bildfläche erscheint, mit dem Sarah und Isabella wohl mal eine himbeerheiße Ménage à Trois hatten, sind genug Konflikte beisammen, um diese zuckrigen Zutaten in die Rührschüssel zu tun.

Doch Eliza Schroeder und Kameramann Aaron Reid gelingt weit mehr, als De-Luxe-Törtchen pittoresk in Szene zu setzen. Das Spielfilmdebüt der deutschen Regisseurin, die nunmehr selbst in Notting Hill lebt, ist im London der Brexit-Verhandlungen ein sympathisches Stellungbeziehen für eine offene, multikulturelle Stadtgesellschaft. Matthews überkandidelte Kreationen nämlich finden keine Käufer, die Kunden aus der kunterbunten Nachbarschaft wünschen sich Süßes aus ihrer Heimat, „a home away from home“, wie Marketingstrategin Mimi es bald nennt, und so darf jeder ein Rezept vorbeibringen – und sich auf seine Naankhatai, Faworki, Maandazi, Klingeris oder Maamoul bil Tamr freuen.

Stolz aufs hochwertige Pâtisserie-Sortiment: Celia Imrie, Shaonnon Tarbet und Shelley Conn. Bild: © Femme Films

Doch im multikulturellen London wünschen sich die Kunden Kuchen, der nach Heimat schmeckt. Bild: © Femme Films

Hier hatten die Spitzenköche Candice Brown und Yotam Ottolenghi die Finger im Spiel. Bild: © Femme Films

Die berüchtigte Matcha Mille Crêpe Torte ist gelungen: Shannon Tarbet und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

So verschieden das neue Sortiment der Bäckerei, so auch die Charaktere ihrer Betreiber. Großartig allen voran ist Celia Imrie, die der Mimi einen herrlich herben Charme verleiht, der ehemalige Star auf dem Trapez, der mit Strenge Disziplin einfordert, und dem Jake Brunger Sätze wie „Müssen wir uns weiter durch diesen Smalltalk plagen, oder sagst du mir, worum’s geht?“, als sie die von ihr erhoffte Finanzspritze erahnt, und Dialoge wie: im noch als Bruchbude darniederliegenden Lokal –  Isabella: „Es hat Potenzial“, Mimi: „Als Crackhöhle!“, auf den Leib geschrieben hat. Mit ihrem feinen Lächeln verrät Celia Imrie, dass ihre Mimi auch über Gemüt verfügt.

Szenen, in denen Tanzelevin Clarissa, frisch und frech gespielt von Shannon Tarbet, die Oma in einen Trapezkurs schleppt, wo die frühere Zirkusdirektorin freilich samt der Kursleiterin alle aufmischt, sind vom Feinsten. Und dann ist da noch der Gentleman von gegenüber, Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix, der Mimi nicht ohne deren Wohlwollen Avancen macht. Als Gegensatzpaar sind die ebenfalls starrköpfige Isabella und der nicht minder sture Matthew zur Stelle, Shelley Conn und Rupert Penry-Jones, denn sie misstraut ihm ob seiner zweifellos obskuren Beweggründe von der Haute Cuisine in die Niederungen des „Love Sarah“ genannten Kleinbetriebs zu wechseln.

Egal in welchem Alter, Liebe geht …: Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… durch die Backstube: Shelley Conn und Rupert Penry-Jones als undurchsichtiger Sternekoch Matthew. Bild: © Femme Films

Doch erst als endlich alle Konflikte in der Konditorei beseitigt sind …: Shelley Conn und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… kann die quirrlige Elevin Clarissa wieder nach Herzenslust tanzen: Shaonnon Tarbet. Bild: © Femme Films

Die Dame muss erst einmal nicht angebraten, sondern bebacken werden. Nur das Publikum weiß, dass Matthew mittels eines geklauten Clarissa-Haars einen Vaterschaftstest durchführen lässt … But together we’re sweet, könnte das Motto dieses Films lauten, all die Irrungen und Wirrungen, in denen ein bestellter Matcha Mille Crêpe Kuchen erst zum matschigen Dàtschen werden muss, bevor zusammenfindet, was offensichtlich zusammengehört, und der Ritter mit dem weißen Schneebesen seine holde Makronen-Maid heimführen darf. „Love Sarah“ ist ein zarter Film von tragikomischem Humor, und wer das Kitsch nennt, hat recht, aber kein Herz.

Die Leckereien, die so international sind wie es sich für die Bewohner einer Metropole gehört, wurden vom israelisch-britischen Spitzenkoch Yotam Ottolenghi, Food-Stylistin Rebecca Woods, Candice Brown, der Gewinnerin von „The Great British Bake Off“ 2016, und anderen kulturell vielfältigen Bäckereien in London gezaubert. Fazit: Aus der Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen kann eine wunderbare Kreativität entstehen. „Die Tatsache, dass ich als begeisterte Bäckerin, die in Deutschland aufgewachsen und mit einem Franzosen verheiratet ist, in Brexit-Großbritannien lebt, hat mich dazu inspiriert, das vielfältige London in seiner ganzen Pracht zu porträtieren, das durch die Liebe zum Backen zusammengebracht wird“, sagt Eliza Schroeder. What else to say? If you got sweet tooth, check it out!

www.weltkino.de/Love-Sarah           www.facebook.com/LoveSarah.DerFilm

  1. 9. 2020

Als wir tanzten

September 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein queerer Liebesfilm mit sanfter Hoffnungsbotschaft

Und die Frage, wer hier wen liebt …: Bachi Valishvili als Irakli, Levan Gelbakhiani als Merab und Ana Javakishvili als Mari. Bild: Anka Gujabidze

Stolz und traditionsbewusst. Regisseur und Drehbuchautor Levan Akin braucht nur wenige Minuten, um sein Sittenbild einer fremden, einer befremdlichen Welt zu skizzieren. In der Akademie des georgischen Nationalballetts in Tiflis sind die Studentinnen und Studenten beim Training – und Lehrmeister Aleko kein Mann der vielen Worte. Merab tanzt mit Mari den Acharuli und verfehlt dabei, „gerade wie ein

Nagel“ zu sein. Außerdem sei sein Blick „zu neckisch“. „Der georgische Nationaltanz basiert auf Männlichkeit, im georgischen Tanz ist kein Platz für Schwäche“, befiehlt Aleko, und: „Im georgischen Nationaltanz gibt es keine Sexualität.“ Nun, für die schwedisch-georgische Koproduktion „Als wir tanzten“, die am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, mag das nicht gelten. Der international gefeierte, in Georgien wild bekämpfte Film ist ein queerer Liebesfilm mit einer sanften Hoffnungsbotschaft; sein Schöpfer Levan Akin verbindet ein Tanzdrama mit einem Coming-of-Age mit einem Coming-Out, er erzählt mittels seines Protagonisten Merab die Geschichte einer Emanzipation aus verkrusteten, paternalistischen Strukturen.

Merabs Traum also ist es, einen fixen Platz im Ensemble zu bekommen. Von seiner Tanzpartnerin Mari, die beiden zusammengeschweißt seit sie zehn Jahre alt waren, eben noch ziemlich offensiv bemuttert und beflirtet, erfährt Merab plötzlich ernstzunehmende Konkurrenz von Neuzugang Irakli – bis sich die Rivalität der beiden in sexuelles Begehren und schließlich in eine verbotene Liebe verwandelt, die erste für Merab …

Levan Akin und Kamerafrau Lisabi Fridell verstehen es meisterlich, den eisernen Wind vergangener Sowjetzeiten, der in Georgien politisch betrachtet trotz aller „Fuck Russia“-Demonstrationen nach wie vor weht, den Ballett-Drill samt herausragender Tanzszenen, den stark kulturell aufgeladenen Patriotismus dieser Nation, die homophobe Stimmung im konservativen, von orthodoxen Dogmen durchtränkten Land mit einer universellen Love Story zu durchbrechen. Aus scheuen Blicken werden zarte Berührungen, von Fridell in goldenes Licht getaucht, doch dass dieses georgische „Brokeback Mountain“ gelingt, ist dem Paar Levan Gelbakhiani als Merab und Bachi Valishvili als Irakli zu danken.

Ersterer tatsächlich Mitglied der zeitgenössischen Ballettkompanie von Giorgi Aleksidse, zweiterer Schauspieler mit sieben Jahren Erfahrung im Nationaltanz, beide, wie sie im Interview sagen, zögerlich die Rollen wegen des homoerotischen Themas anzunehmen, die nun im intimen Spiel alles geben. Selten sieht man Liebesszenen von solcher Intensität bei gleichzeitig Unschuld.

Beim Training kommen sich Irakli und Merab näher: Bachi Valishvili und Levan Gelbakhiani. Bild: Lisabi Fridell

Die Clique rund um Mari, Merab und Irakli unterwegs in den Straßen von Tiflis. Bild: Lisabi Fridell

Im Landhaus von Maris Vater wird zu ABBA Disco getanzt. Bild: Lisabi Fridell

Die Hochzeit von David und Sopo: Giorgi Tsereteli und Ana Makharadze. Bild: Lisabi Fridell

Levan Gelbakhiani, nunmehr einer der European Shooting Stars der Berlinale 2020, gestaltet den Merab als sensiblen, feinnervigen Jüngling, der so gar nicht in seine grobe Umgebung passen will. Als etwa Mari ihn mit einem geborgten Kondom zum „ersten Mal“ auffordert, sind das Momente, in denen Gelbakhiani aus seinem Gesicht ein ganzes Alphabet an Emotionen ablesen lässt. Gelbakhiani brilliert, wenn er derart eine neue Form männlicher Verletzlichkeit auf die Leinwand bringt.

Bachi Valishvilis Irakli dagegen ist der vor Freude sprühende Macho, der wohlerzogene Charmebolzen, so scheint zumindest, was sich später als Tarnung gegen Schwulenschläger entpuppen wird, der die jungenhafte Rangelei um eine Zigarette für den Frontalangriff auf Merab nutzt. Valishvilis Ausstrahlung ist groß, der Sexualität, die es im Tanzsaal nicht geben darf, gibt er eine neue, eine paradoxe Dimension. Denn der weiche Merab und der starke Irakli werden auch als Tänzer, beim Khanjluri, ein Traumpaar.

Dass Tiflis realiter mehr als die dreieinhalbtausend Kilometer vom studentischen Sehnsuchtsort London entfernt ist, zeigt Levan Akin nicht nur an den ärmlichen Verhältnissen, in denen Merab mit Mutter und Großmutter lebt. Akin stellt Arbeitslosigkeit neben Ausweglosigkeit, den Leistungsdruck, der auf den Tanzenden lastet, neben wegen all dieser Dinge unausweichliche familiäre Konflikte. Diesen räumt „Als wir tanzten“ viel Platz ein, was immer wieder zu unerwarteten Storylines führt.

Im Ensemble wird überraschend ein Platz frei, weil ein Tänzer aus diesem gefeuert wird, nachdem seine Romanze mit einem Mann – und auch noch Armenier! – offenbar wurde. Später erfährt man, dass „Zaza“ nur blieb, sich als Stricher zu verkaufen. Merabs rebellischer Tunichtgut-Bruder David, den Giorgi Tsereteli mit sozusagen permanent geballten Fäusten spielt, wird erst zum Kleinkriminellen, damit der Familie der Strom wieder eingeschaltet wird, und später zum Hochzeiter, als er Maris Freundin Sopo schwängert – womit deren Tanzkarriereträume beendet sind.

Akin zeigt das im Untergrund gedeihende regenbogenfarbene Tiflis, Schwulenclubs, in denen zu Techno abgetanzt wird, wobei sich erweisen wird, dass das Partyleben nicht zum Training passt, zeigt die Georgier als pathetisch-poetischen Menschenschlag, der sich im Männergesang übt, während die Jugend zu ABBA ausflippt. Zeigt, wie Braut Sopo mit den Frauen in einem Zimmer tanzt, während sich der Bräutigam im anderen Zimmer prügelt – typisch möchte man da sagen, doch David rauft sich wegen Merab, den ein Mitschüler als „Schwuchtel“ beschimpft hat – und Merab muss zugeben, dass er recht hat …

Der Moment der Wahrheit beim Vortanzen für das Georgische Nationalballett: Levan Gelbakhiani als Merab. Bild: Edition Salzgeber

„Als wir tanzten“ wurde vergangenes Jahr in Cannes gefeiert und seither rund um den Globus ausgezeichnet. In Georgien waren die Reaktionen kontroverser. Sowohl die Dreharbeiten als auch die Filmpremiere fanden unter Todesdrohungen und ergo unter Polizeischutz statt. Die Georgische Orthodoxe Kirche sowie einige rechtsextreme Gruppen hatten den Film öffentlich verurteilt und angekündigt,

die Kinobesucherinnen und -besucher vom Eintritt abhalten zu wollen. Die Kirche bezeichnete den Film in einer offiziellen Stellungnahme als „Popularisierung von Sodomitenbeziehungen“ und als „großen Angriff auf die Kirche und die nationalen Werte“. Die rechtsextreme Gruppe „Georgian March“ hatte in einer Pressekonferenz mitgeteilt, einen „Korridor der Schande“ bilden zu wollen. Am Tag der Uraufführung hielten sie homophobe Reden, verbrannten eine Regenbogenflagge und zeigten Plakate wie „Stoppt LGBT-Propaganda in Georgien“ und „Homosexualität ist Sünde und Krankheit“, die Polizei wurde mit Feuerwerkskörpern angegriffen.

Auf derlei Aktionen begründet sich der Film, so Levan Akin im Interview: „2013 wurde ich Zeuge, wie eine Gruppe von mutigen jungen Menschen in Tiflis versuchte, eine Pride Parade zu veranstalten. Sie wurden jedoch von Tausenden Teilnehmern einer Gegendemonstration attackiert, organisiert von der Orthodoxen Christlichen Kirche. Da wusste ich, dass ich mich diesem Thema in irgendeiner Weise widmen muss.“ Offiziell ist Homosexualität in Georgien nicht illegal.

Am Ende von „Als wir tanzten“ spielt Levan Akin mit der georgischen Gesellschaft, deren Nationaltänze zu Sowjetzeiten zweifellos etwas Widerständiges hatten, denen im Film aber zunehmend der traditionalistische Ursprungsglaube entzogen wird, ein doppeltes Spiel. Er lässt Irakli in einer Flut an familiärer Verantwortung, Furcht vor Entdeckung und dem Zwang, Geld zu verdienen, buchstäblich ertrinken. In einem Geschwistergespräch erhält Merab von David das brüderliche Ein/Verständnis für seine Homosexualität samt dem Rat, schleunigst aus Georgien abzuhauen. Und so tritt Merab zum Vortanzen an.

Mit einem neuen Stil, einer Männlichkeit, die das Martialische nicht braucht, mit einer eleganten Energie, die das Rituelle der Bewegungen aufweicht. Mit Aufruhr im Blick und Revolution in jeder Geste. Wie Merab die klassischen Schritte ganz anders interpretiert, wird, so kann gemutmaßt werden, seine Karriere im Nationalballett zerstört, zugleich aber fliegt er damit in seine Freiheit.

Interview mit Levan Akin und Levan Gelbakhiani: www.youtube.com/watch?v=h0HY-NmnoUU           www.youtube.com/watch?v=2dEM1w629Ts           www.facebook.com/andthenwedanced

2. 9. 2020

Hauptsache Koscher!

Juni 14, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine großartige Hommage an den jüdischen Humor

Aus dem Repertoire einer vertriebenen Revue- und Kabarettkultur: Bruno Salomon, Tania Golden, Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

„Hauptsache Koscher, oder auch nicht“, ein Streifzug durch den jüdischen Humor mit Szenen und Chansons aus dem Repertoire einer lange vertriebenen Revue- und Kabarettkultur – so sollte das Programm heißen, und am 14. März in der ArenaBar seine Uraufführung haben.

Dann kam #Corona. Doch das darbietende Quartett, Tania Golden, Shlomit Butbul, Bruno Salomon und Wolfgang Schmidt ließ sich vom Lockdown nur kurzzeitig aus der Kurve tragen und schmiedete geänderte Pläne.

Gemeinsam mit Videofilmer André Wanne, Sohn der 92-jährigen Theaterprinzipalin Helene Wanne, und Susanne Höhne, die ihre Textcollage in ein Drehbuch verwandelte, beschloss man den Abend mit der Kamera festzuhalten. Entstanden ist so eine großartige Hommage, jüdisches Kabarett einmal anders, nämlich modern, schräg, schrill, die Geschlechterklischees negierend oder nonchalant infrage stellend – und zu sehen ab 17. Juni, 19 Uhr, bei 4GAMECHANGERS Roomservice.

Butbul, Golden, Salomon und Schmidt holen die philosophisch-witzige und zum Großteil vergessene Literatur spielend und singend ins 21. Jahrhundert. Sie interpretieren Friedrich Holländer, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Roda Roda, Ralph Benatzky, Louis Taufstein, Robert Neumann und Elfriede Gerstl auf ihre eigene, ganz besondere Art. Einige der Couplets wurden dafür von Wolfgang Schmidt neu vertont, etwa Armin Bergs „Ja, man wird ja so bescheiden“ mit Mundschutz, da die vier in schönster Quarantäne-Klaustrophobie.

Tania Golden singt Karl Farkas‘ „Abschied von New York“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Bruno Salomon als Servierfräulein im Sketch „Zechprellen“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt mit Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Die Damen diesmal besonders herrlich handgreiflich: Shlomit Butbul und Tania Golden. Bild: Susanne Höhne

Golden und Butbul sind auch hinreißende Herren, erstere als Stammgast Schöberl im ein wenig derangierten Etablissement, in gewisser Weise Conférencier und eine qualtingereske Wirtshausfigur, die sich – so viel zum Titel: Hauptsache, das Essen ist koscher und billig  – im „In der Suppe“-Witz von Salcia Lanzmann mit „Servierfräulein“ Bruno Salomon in die nicht vorhandenen Haare kriegt, bevor sie sich in Karl Farkas‘ „Zechprellen“ mit Shlomit Butbul um die Meisterschaft im Schnorren matcht.

Was das goldene Wienerherz ausmacht, ist die jüdische Seele, das zeigen die Verwandlungskünstler hier vom Feinsten, ein zerdeptschter Hut, eine zerschlissene Spitzenbluse reichen, schnell ist man Schmähtandler, Abzocker, Amtsirrläufer, Schmock, der Einedrahrer mit die besten Ezes, der Machatschek mitm größten Mazel, der Einseifer mit da größtn Chuzpe. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt können’s in allen Jargons der Stadt. Gruselig und komisch zugleich, denn ja, es ist schon wieder so weit, wie Butbul Roda Rodas „Darwinismus“ vorträgt, die Geschichte von den einst so stolzen Löwen, die nur überleben können, wenn sie sich an die Mehrheit Menschheit anpassen. Integrieren, assimilieren.

Zum Schmunzeln, wie Salomon in saloppem Gigerl-Slang Taufsteins & Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ männeremanzipiert umdeutet. Wer das Raunzen erfunden hat, „die Antisemiten oder die Israeliten?“, man kann’s nach dieser Aufführung nicht eindeutig sagen, wiewohl eine reiche Auswahl an Sudern und Räsonieren bis Sich-Aufpudeln und Pahöll-Machen geboten wird. Wunderbar, wie André Wanne die ArenaBar als AltWiener Beisl, Jukebox-Café oder Nachtclub zu nutzen weiß.

Ein großartiger Streifzug durch den jüdischen Humor: Bruno Salomon, Shlomit Butbul, Wolfgang Schmidt, Tania Golden. Bild: André Wanne

In letzterer Atmosphäre singt Shlomit Butbul angetan mit Lockenwicklern und Kittelschürze das Highlight des Abends, Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“, Madame Lizzys Kampf mit der Waage in dramatischstem Arienton, während der Golden das Gesicht entgleist. Die später, angelehnt an den Musikautomaten, über den „Abschied von New York“ sinniert.

„Hauptsache Koscher!“ ist eine Reise von den flirrenden, verrückten 1920er-Jahren, als die Welt gerade aufhörte, in Ordnung zu sein, in ihre Nachkriegszeit, der am Nationalsozialismus erkrankte noch immer nicht und bis heute nicht genesene Kontinent Europa.

Der es Heimkehrern mit seiner hiesigen „Mir wern kann Richter brauchen“- Mentalität schwer macht. „Sind Volksgenossen jetzt schon wieder Spezi?“, ist die gestellte Frage, die dem heutigen Publikum Gänsehaut bereitet. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt verstehen sich nicht nur auf Schmonzes, sondern auch auf Tacheles reden. Robert Neumanns „Teuto“ aus seinem Parodien-Band „Mit fremden Federn“ ist das Paradebeispiel dafür. Und wenn Bruno Salomon das wiedergibt, beim Abschminken in der Künstlergarderobe, diese bitterböse Persiflage aufs rechtsgesinnte Heldengedicht, dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Am Ende die vier vor symbolisch leerer Bühne. Ein Glück, dass sie sie wieder mit Leben gefüllt haben. „Hauptsache Koscher!“ ist die Empfehlung für Connaisseurs und zum Kennenlernen des jüdischen Humors. Oder wie einer dessen legendärsten Könner simpl sagte: „Schau’n Sie sich das an!“ Der Film wird ab 17. Juni, 19 Uhr, von 4GAMECHANGERS gestreamt. Tickets: 5 Euro – der gesamte Erlös geht an die Künstler.

Trailer: player.vimeo.com/video/426174565

Ticketcode: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#koscher1

14. 6. 2020