Romy Schneiders „3 Tage in Qiberon“

April 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regisseurin Emily Atef im Gespräch über ihren Film

Emily Atef. Bild: Peter Hartwig

1981 verbringt der Weltstar Romy Schneider drei Tage in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon, um sich dort vor ihrem nächsten Filmprojekt ein wenig Ruhe zu gönnen. Trotz ihrer negativen Erfahrungen mit der deutschen Presse willigt die Schauspielerin in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs  ein, zu dem der von Schneider geschätzte Fotograf Robert Lebeck die dazugehörige Fotostrecke liefert. Aus dem geplanten Termin entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel zwischen dem Journalisten und der Ausnahmekünstlerin, das alle an ihre Grenzen bringt …

Inspiriert von den beeindruckenden, sehr persönlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Robert Lebeck von Romy Schneider in Quiberon gelangen, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef  mit einer herausragenden Marie Bäumer in der Hauptrolle von einem entscheidenden Ereignis in der letzten Lebensphase einer der berühmtesten europäischen Schauspielerinnen.   In den Nebenrollen brillieren Birgit Minichmayr als Romys – fiktive – Freundin Hilde, Robert Gwisdek als Michael Jürgs und Charly Hübner als Robert Lebeck. Kinostart ist am 13. April. Emily Atef im Gespräch:

MM: Wie kamen Sie auf das Thema für den Film?

Emily Atef: Das Thema kam zu mir. Es war die Idee des französischen Produzenten Denis Poncet, der mit Marie Bäumer befreundet war, und es nicht verstehen konnte, dass sie nicht Romy spielt. Sie wurde sehr oft gefragt, und sie hat immer verneint, weil sie sich nicht anmaßen wollte, in einem Biopic zu spielen. Und dann haben sie Quiberon-Bilder gesehen, und sagten: Das ist es! Und da Sie merkten, dass der Film ein deutscher Film sein müsste, wegen der Sprache, der deutschen Protagonisten,  kam die Idee schließlich zu mir, auch weil Marie meine zweiten Film „Das fremde in Mir“ sehr mochte. Mich haben die Fotos von Robert Lebeck so bewegt, sie sind so wahrhaftig, reportagehaft, ungeschminkt, am Lachen, am Tanzen, am Hadern, am Weinen … Auch das Interview von Michael Jürgs hat mich umgehauen – und da sah ich einen Film. Auch ich hätte nie ein Biopic gemacht, denn man kann in 90 Minuten kein Leben erzählen, aber „3 Tage in Quiberon“, das geht gut.

MM: Der Film ist nun ein großartiges Kammerspiel geworden. Wie ist darin das Verhältnis von Fakt und Fiktion?

Atef: Ich habe vieles neu- und umgeschrieben. Viele Zitate sind auch authentisch. Ich habe mich mit Robert Lebeck, der ja 2014 verstorben ist, und Michael Jürgs getroffen. Das war sehr spannend. Die Freundin habe ich auch kennengelernt, doch die wollte nichts mit dem Projekt zu tun haben, das war ihr alles zu emotional. Aber sie hat mir erlaubt, eine fiktive Freundin zu kreiieren, so habe ich die österreichische Kindheitsfreundin Hilde Fritsch erfunden, und es war ein großes Glück für mich, dass ich diese vollkommen fiktive Figur zur Verfügung hatte. Michael Jürgs habe ich mehr zum Antagonisten gemacht, als er mutmaßlich war. Nach den Gesprächen und dem Sichten von ungefähr 600 Bildern, von denen gerade mal 20 bekannt sind, musste ich aber meine eigene Version der Geschichte schreiben …

MM: Das heißt?

Atef: Dass mich existenzielle Fragen interessiert haben. Dinge, die stellvertretend Frauen auch heute angehen. Über Mutterschaft, über Arbeit, Ruhm, Freundschaft – und, ob es überhaupt möglich ist, mit jemandem eine Freundschaft aufzubauen, der das von zu Hause aus nicht gelernt hat.

MM: Das macht die Erfindung der Hilde Fritsch umso betrüblicher, als Romy Schneider offensichtlich keine solche Jugendfreundin hatte.

Atef: Das stimmt. Sie hatte nicht viele Menschen, die für sie da waren.

Trotz ihrer Vorbehalte gegenüber der deutschen Presse willigt Romy Schneider (Marie Bäumer) in ein Interview mit dem Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) ein. Bild: © Filmladen Filmverleih

Romy Schneiders (Marie Bäumer) beste Freundin Hilde (Birgit Minichmayr, l.) ist in dieser schwierigen Lebensphase für Romy da. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Und so zeigt Marie Bäumer Ihrer Intention gemäß mehr als Romy Schneider, nämlich einen Menschen, der an der Klippe steht?

Atef: Einen Menschen, der an der Klippe steht, aber auch einen, der bereit ist, nun eine Entscheidung zu treffen. Der Film handelt von einer Person, die zu sich kommt, auch wenn es vielleicht nur für einen Nachmittag ist, der Film handelt von einer Person, die ihren Frieden findet, auch wenn der nur ein paar Wochen dauern wird. Das ist es, das ist mir auch sehr wichtig dieser Tiefgang. Diesen seelischen Moment kann Romy niemand nehmen. Sie hatte ein hartes Jahr hinter sich, und wie wir wissen, das härteste noch vor sich. Doch auch, wenn ich in allen meinen Filmen Frauen in existenziellen Krisen zeige, brauche ich einen Hoffnungsschimmer. Und den gibt es am Schluss mit einer Szene in Paris …

MM: Mussten Sie für Ihren Dreh eine Erlaubnis einholen?

Atef: Ich hatte extrem viel Glück. Michael Jürgs hat mir alles erzählt, was ich wissen wollte, ich habe ihn mehrmals getroffen, und auch sein Darsteller Robert Gwisdek traf sich mit ihm. Ich habe ihm dann das Buch geschickt, und er meinte: Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende. Das war hart für ihn, aber er hat mir nichts dreingeredet. Ich finde, Jürgs macht im Film die größte Entwicklung von allen Figuren durch: Ein junger, ehrgeiziger Journalist, der die große Story will, der seine Karriere pushen will, der Millionen Hefte verkaufen will, aber nach drei Tagen nur seine ganze Art zu Arbeiten hinterfragt. Das ist eine große Verwandlung, die Jürgs dann auch akzeptiert hat, obwohl er ziemlich geschluckt hat. Und ich sagte wieder, Romy hat dir im Endeffekt vertraut und sie hatte recht, er hat ihr ja auch den Final Cut gegeben. Im echten Leben sind die beiden nämlich befreundet geblieben, und sie hat ihm noch ein Interview gegeben. Das einzige, nachdem ihr Sohn tödlich verunglückt war. Das Interview war aber so unendlich traurig, dass Jürgs es nicht freigegeben hat. Da hat er sie geschützt.

MM: Apropos, wenn jemand vor der Kamera so viel gibt, wie Marie Bäumer, gehen Sie da als Regisseurin auch in Beschützerhaltung?

Atef: Ja, das ist wichtig. Ich habe drei Jahre an dem Projekt gearbeitet, da haben wir uns auch befreundet, aber sie konnte nicht über die Rolle reden, sie hatte Angst davor, sie zu spielen. Einen Monat vor Drehbeginn sagte ich, jetzt müssen wir aber, und dann hat sie sich voll drauf eingelassen. Marie war wahnsinnig fragil in dieser Drehzeit, sie musste auch tief in die Krise von Romy schlüpfen und konnte dazu kaum schlafen, um Kräfte zu sammeln. Durch diese Anstrengung hatte sie aber die Ausstrahlung, die man nun in den Bildern sieht. Dazu diese Halbinsel Quiberon, die immer noch die emotionale Energie von damals ausstrahlt, weil sich dort kaum etwas verändert hat. Das war auch für mich superanstrengend. Ich hatte den Vorteil, dass mein Produzent Karsten Stöter mir die Zeit gegeben hat, mit den Schauspielern intensiv zu arbeiten, und auch sagen zu können, heute klappt’s nicht, machen wir das morgen.

MM: Und die Entscheidung in Schwarzweiß zu arbeiten …

Atef: … hat den einen oder anderen Geldgeber anfangs nicht entzückt. Für mich kam aber nichts andere infrage, inspiriert von Lebeck habe ich die Szenen schon beim Schreiben immer in Schwarzweiß gesehen. Ich konnte nicht anders. Und es ist auch eine Brücke zur Fiktion, das Schwarzweiße macht klar, dass das nicht die x-te Reportage über Romy Schneider ist.

Charly Hübner spielt Robert Lebeck. Bild: © Filmladen Filmverleih

Marie Bäumer. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Mit Marie Bäumer spielen handverlesene Schauspieler: Birgit Minichmayr, Charly Hübner und Robert Gwisdek.

Atef: Mir ist dieses Quartett superwichtig. Dass jede Figur ihre Perspektive hat. Natürlich kreisen alle um Romy, aber die anderen Figuren sind mehr als Staffage, sie haben ein Eigenleben, der Fotograf in seinem Zwiespalt zwischen Freund sein wollen – und trotzdem die Doppelseite im Stern haben, egal, ob’s Romy dabei gut geht oder nicht, der Journalist, der sich vorgenommen hat, über Leichen zu gehen und das dann doch nicht kann und überraschenderweise für sich selbst sehr getroffen ist, die Freundin, die zum Bodyguard werden muss. Sie ist mein Blick auf die Sache, ihr:  Was geht denn hier ab? Und Birgit spielt das ganz großartig. Sie kann Missbilligung ausdrücken, ohne das Gesicht verziehen zu müssen. Sie wirkt, auch wenn sie mal im Hintergrund sitzt. Als ich anfing, diese fiktive Hilde zu schreiben, habe ich Birgit sofort in jeder Zeile gesehen. Sie spielt mit jeder Pore.

MM: Hat Michael Jürgs eine Erklärung dafür, warum sich Romy Schneider in diesem Gespräch so geöffnet hat? Im Film hat nicht zuletzt der Alkohol die Schuld daran.

Atef: Ich vermute, sie wollte in Deutschland ihr Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken. Die Deutschen waren ja sehr beleidigt, dass ihre Romy mit diesem Filou Alain Delon nach Frankreich abgehauen ist, und dort jetzt „solche“ Filme dreht, nachdem sie in Deutschland so ein braves Mädchen war. Ihre „Sissi“! Die wollten nicht, dass sie erwachsen wird und sich emanzipiert! Sie wurde deshalb fertiggemacht in der Presse, und hat auch wenig deutsche Interviews gegeben. Hier ging’s nur über ihre Fehlgeburten, Scheidung, Probleme … in Frankreich hat man sie so geliebt, dass man ihr das nicht angetan hat, obwohl es auch da Boulevardpresse gab. Im Jürgs-Interview wollte sie sich den Deutschen zeigen, wie sie wirklich ist. Sie sagt ja: Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren. Das ist Originaltext. Sie wollte sich erklären, und natürlich klappt das nicht.

MM: Wenn man sich mit solch einem Interview beschäftig, wächst die eigene Skepsis gegenüber der Presse?

Atef: Gegenüber einer gewissen Art von Journalist, ja. Es gibt immer welche, die einem Dinge in den Mund legen, die Sachen erfinden, um ihre Interviews zu verkaufen. Der öffentliche Mensch kann dann nur seine Anwälte bemühen, aber das ist denen egal, weil sie mit der Auflage genügend verdienen. Heute ist es noch schlimmer als damals, denn wenn heute ein Promi etwas sagt, verbreitet es sich im Internet einmal um den Globus und verschwindet nie mehr wieder. Damals haben die Leute die Zeitschrift irgendwann weggeworfen und gut war’s.

MM: Wäre Romy Schneider eine schlechtere Schauspielerin gewesen, wäre sie nicht so dünnhäutig gewesen?

Atef: Es gibt auch fantastische Schauspielerinnen mit einem gesunden Privatleben, Meryl Streep zum Beispiel.

MM: Wollen Sie, dass Ihr Film den Blick auf Romy Schneider verändert?

Atef: Nein, das war nie meine Absicht. Weder, dass man etwas Neues über sie erfährt, noch dass sich der Blick ändert. Ich möchte, dass man mit der Film-Romy mitleidet und mitlacht, und dass man von ihr berührt ist, von allen Figuren eigentlich. Ich möchte mit diesem Film dem Publikum die Chance geben, dabei zu sein bei diesen fiktiven Geschehnissen. Im Sinne, wie Picasso sagt: Kunst ist eine Lüge, die wahrhaftiger ist als die Wahrheit.

www.3-tage-in-quiberon.de

10. 4. 2018

The Florida Project

März 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Jenseits von Disney World

Bild: © Thimfilm

Die Touristen, die aus Brasilien angereist sind, um Micky Maus und Co. zu sehen, hat es irrtümlich in die falsche Herberge verschlagen. Kissimmee statt Disney World – eine Zumutung. Man reagiert entsetzt. „Das ist ein Motel für Arme“, stammelt der ob seiner Fehlbuchung gescholtene Ehemann. Richtig. Gleich hinter Walts Märchenschloss beginnt in Florida nämlich der Albtraum der Sozialhilfeempfänger.

Jener von der Gesellschaft Ausgesiebter, die Woche für Woche mühsam die Miete für ihre bonbonfarbene Bleibe zusammenkratzen. Alleinerzieherinnen, Familienväter ohne Arbeit, Großmütter, denen minderjährige Töchter die Kinder zur Erziehung hinterlassen haben, die sich selbst „Normalität“ vortäuschen und in Wahrheit versuchen, nicht in die Obdachlosigkeit abzugleiten. Leicht wäre es, diese Menschen White Trash zu nennen, doch der Blick, den Regisseur Sean Baker in seinem Film „The Florida Project“ – seit Freitag in den heimischen Kinos – auf sie wirft, ist viel zu liebevoll, um diese Formulierung zuzulassen. Baker erzählt seine Story aus der Sicht von Kindern, mit ihnen bleibt er den ganzen Film über auf Augenhöhe, zeigt, wie sie ihre ärmliche Welt zum Abenteuerspielplatz machen. Fröhlich und frech. So sympathisch ist das, dass man diese Arbeit nur wärmstens empfehlen kann. Sie macht einem das Herz weit. Die beiden Oscar-Nominierungen gab es völlig zu Recht.

„The Florida Project“ war der ursprüngliche Name, der Arbeitstitel fürs Walt Disney World Resort. Im Film nun sind Sommerferien, und die achtjährige Moonie macht mit ihren Freunden Scooty und Jancey die Motelanlage unsicher. Souverän bewegt sie sich auf den Gängen und über die Grünflächen des „Magic Castle“, vor dem die Kirche Essensrationen austeilt, und durch die Tristesse zwischen Imbissbuden und Giftshops. Über die Bewohner weiß sie alles: da wohnt der Bier trinkende Kriegsveteran, da der Mann, der oft verhaftet wird, da die Frau, die glaubt, dass sie mit Jesus verheiratet ist … Zu dritt übt sich die unbändige Rasselbande im Weitspucken auf Autos, sammelt „Spenden“ für ein Eis oder legt aus Jux die Stromversorgung lahm.

Bild: © Thimfilm

Bild: © Thimfilm

Eine der eindrücklichsten Szenen diesbezüglich ist ein Ausflug in eine verlassene Wohnhausanlage, die deutlich macht, wie sehr die geplatzte Immobilienblase aus dem Jahr 2007, die Banken wie die Lehman Brothers in den Bankrott riss, die USA noch immer in den Fängen hält. Die soziale Realität spiegelt sich auch im Leben der Erwachsenen wider. Moonies Mutter Haley, selber noch ein halbes Kind, driftet in ihren Bemühungen, Geld zu beschaffen, immer mehr in die Illegalität ab.

Da sind es fast Peanuts, dass sie anfangs vor den besseren Hotels schwarz Parfüm zu verkaufen versucht, und mit ihrer Tochter unerlaubter Weise deren Frühstücksbuffets plündert. Schutz in dieser prekären Situation will der Motelmanager Bobbie bieten. Willem Dafoe glänzt als diese gute Seele des Ganzen, als Mann, der mehr Sozialarbeiter als Hausmeister ist. Zu seiner Mitmenschlichkeit passen die sonnendurchtränkten Bilder von Kameramann Alexis Zabé perfekt. Bria Vinaite ist eine brillante Halley. Eine Entdeckung ist die kleine Brooklynn Kimberly Prince, die die fabelhaften Kinderdarsteller anführt.

Als Referenz für seinen Film gibt Sean Baker im Interview die Serie „Die kleinen Strolche“ an, die in den USA ab 1922 die Depression begleitete. Auch darin machen sich Kinder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren eigenen Reim auf die herrschenden Verhältnisse. Ein feiner Vergleich für seine Arbeit, die ab dem Titelsong „Celebration“ das Kindsein in allen Lebenslagen hoch leben lässt.

floridaproject.movie/

  1. 3. 2018

 

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Werner Bootes „The Green Lie – Die grüne Lüge“

März 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Doku über Nachhaltigkeit und Greenwashing

Kathrin Hartmann und Werner Boote bei der indigenen Bevölkerung in Brasilien. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Jahr 2015 brannten große Teile des indonesischen Regenwalds nieder. Es war das schlimmste Umweltdesaster in der Geschichte des Landes. An den direkten Folgen starben über 100.000 Menschen, mehr als 500.000 leiden an Langzeitfolgen. Dass die Brände bewusst gelegt oder zumindest beschleunigt wurden, ist ein offenes Geheimnis.

Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen. Das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.  Auf den Spuren dieses Skandals beginnt der Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) seine Reise um die Welt, auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Die konzernkritische Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, „Aus kontrolliertem Raubbau“) ist dabei seine ebenso kompetente wie überzeugende Begleitung. Sie kennt sich aus mit dem so genannten „Greenwashing“.

Der Begriff bezeichnet jene Praxis, Produkte mit Hilfe massiver PR als „nachhaltig“, „umweltschonend“ oder „fair“ zu verkaufen, obwohl das in Wahrheit keineswegs so ist.  „Es gibt kein nachhaltig produziertes Palmöl, weil es nur dort wächst, wo vorher Regenwald war“, macht Hartmann deutlich. Doch auch das aufwändigste Greenwashing kommt ungleich billiger als eine Veränderung der Produktionsbedingungen. „Die Industrie nennt uns nicht mehr Bürger, sie nennt uns nur noch Konsumenten. Ich verstehe mich aber nicht als Konsument, ich versteh mich als Mensch, und als Bürger“, so Hartmann. Ihr Film „The Green Lie – Die grüne Lüge“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

Vom österreichischen Supermarkt reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Sie sprechen mit Menschen, die sich gegen die Lügen und ihre Folgen wehren und solche, die behaupten, nie gelogen zu haben. Boote und Hartmann stehen gemeinsam mit Aktivist Feri Irawan inmitten des brandgerodeten Regenwaldes und erleben die ehemalige grüne Lunge der Welt als apokalyptischen Albtraum. „Die Stille ist gespenstisch“, kommentiert Boote. Sie besuchen die indonesische Palmöl-Konferenz IPOC, wo der Innenminister des Landes sich über die Umweltschützer lustig macht; der Ironie nicht genug, gibt es einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, der Firmen zertifiziert.

Mit dem Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Auf den Spuren der Deepwater Horizon Katastrophe in Louisiana. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sie besuchen in Texas den Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel, der sich darüber empört, dass die Wahl zwischen fair und unfair produziert, die „Entscheidung für eine bessere Welt“, wie er sagt, immer noch auf den Konsumenten, die Konsumentin abgewälzt wird: „Warum muss ich mich aktiv dafür entscheiden, dass Menschen nicht ausgebeutet werden, und Delfine nicht abgeschlachtet? Warum wird das nicht vom Gesetz vorgegeben, warum ist das eine individuelle Entscheidung?“ Patel fordert, dass Menschenrechte und die Rechte der Natur gesetzlich verankert werden.

In Louisiana besichtigen Boote und Hartmann die Nachwirkungen des katastrophalen Blowouts der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon von 2010 –  anstatt das ausgelaufene Öl wirklich komplett zu entfernen, wurde das giftige Dispersionsmittel Corexit eingesetzt, in dem fleischfressende und für am Strand spielende Kinder daher höchst gefährliche Bakterien gedeihen, das aber den Ölteppich zersetzte und auf den Meeresboden drückte.

Jeden Tag werden hochgiftige Teerklumpen an Land gespült. „Alles klingt nett, nichts ist einklagbar und wie immer wird jede Menge Chemie verwendet“, sagt Boote zum US-Greenwashing. Erschüttert wie ein ruinierter Shrimpfischer eines der Tierchen zeigt, hinter dessen Kiemen das Öl klebt. Mit einem schicken „umweltfreundlichen“ Elektroauto der Marke Tesla fahren die beiden zum Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, einer der größten Kohlengruben Europas, der mehrere alte Dörfer und riesige Waldgebiete zum Opfer fielen. Am Rand der Grube stehen ein paar Windräder, mit denen der Konzern RWE sein Engagement für Erneuerbare Energie betont. Doch das Kerngeschäft ist die Förderung und Verbrennung von Braunkohle, aus der Strom auch für Elektroautos wie den Tesla gewonnen wird.  Feinstaub verseucht hier die ganze Gegend, es häufen sich Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Krebs. „Nur weil man keinen Auspuff sieht, heißt das nicht, dass kein Dreck entsteht!“, so Hartmann, die erläutert das für Elektroautos gebrauchte Lithium sei „das neue Erdöl“, abgebaut in Salzseen in Argentinien und Brasilien – eine „Zaubertechnologie“, die höchsten Schaden anrichtet.

Mit Noam Chomsky. Bild: © Filmladen Filmverleih

In Brasilien wiederum erzählt Sonia Guajajara, das Oberhaupt der indigenen Bevölkerung, wie ihre Landsleute mit brutaler Gewalt von ihrem ureigenen Grund und Boden vertrieben oder sogar ermordet werden, um Platz für Soja-, Mais-, Zuckerrohrplantagen und Rinderfarmen zu schaffen.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der USA. Er erklärt schließlich, warum es unser derzeitiges System höchstselbst ist, das der Idee von Nachhaltigkeit im Wege steht: 
 „Die Reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital kontrollieren. Diese Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen, aber unser derzeitiges System sorgt dafür, dass die Konzerne immer mächtiger werden“, so Chomsky, der Konzernhierarchien abschaffen und die Arbeiterinnen und Arbeiter ermächtigen will.

Wie schon in seinen bisherigen Erfolgsdokus nähert sich Werner Boote der Kernfrage seines neuen Filmes nicht mit analytischer Trockenheit, sondern mit ganz bewusst inszenierter, emotionaler Subjektivität – hier mit der oft kritischen Neugier eines ganz normalen Konsumenten. Kathrin Hartmann führt ihn dabei mit überzeugendem Charme und schier unendlichem Expertinnenwissen zu den Tricks und Lügen der Industrie. Und man kann sich der Schlüssigkeit der Erkenntnisse, die Boote im Lauf des Films gewinnt, nicht entziehen: Die Supermärkte sind voll mit Produkten, die so, wie sie hergestellt werden, gar nicht existieren dürften. Den Preis dafür zahlen die Käufer – auch wenn er nicht auf deren Rechnung steht. Und wenn auf einmal sämtliche Konzernbosse den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, dann wird davon nicht die Umwelt sauber, sondern höchstens das Wort schmutzig. Eine mögliche Lösung hat Boote dafür parat. Sie lautet an alle gerichtet: „Raus aus der Zuckerwatte des Konsums!“

Werner Boote im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28457

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

6. 3. 2018

The Green Lie: Werner Boote im Gespräch

März 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Im verbrannten Regenwald zu stehen, das war brutal“

Auf der Suche nach Nachhaltigkeit im Supermarkt: Werner Boote und Kathrin Hartmann. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Mir wird gesagt, dass ich die Welt retten kann. Das ist eine Lüge.“ Mit diesem markigen Statement beginnt der neue Film von Werner Boote, „The Green Lie – Die grüne Lüge“, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Nach „Plastic Planet“ und „Alles unter Kontrolle“ macht sich der Filmemacher in seiner jüngsten Dokumentation auf die Sinnsuche hinter Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Greenwashing“.

Dazu begibt er sich unter anderem auf die Spur der Palmölindustrie und untersucht die tödlichen Überbleibsel der Deepwater Horizon Katastrophe des BP-Konzerns. Umweltschonende Elektroautos, nachhaltig produzierte Lebensmittel, faire Produktion? Wer glaubt, mit seinen Kaufentscheidungen etwas bewirken zu können, irrt. Werner Boote im Gespräch:

MM: In ihrem neuen Film „The Green Lie“ geht es um das sogenannte Greenwashing. Was versteht man unter diesem Begriff und seit wann gibt es ihn?

Werner Boote: Der Ursprung kommt aus den 1970er-Jahren, als man begann, sich zu überlegen, dass die Konzerne die Natur und damit unsere Lebensgrundlage ruinieren. Die Menschen sind auf den Umweltschutz aufmerksam geworden, und die Industrie hat darauf mit Greenwashing reagiert. Heißt: Damit ihr Image grün zu färben und sich grüner darzustellen, als sie in Wahrheit sind. Eines der ersten Beispiele war der Erdölkonzern Chevron, der mit einem kitschigen Werbespot mit Bären geworben hat. Danach haben immer mehr zu diesem Schmäh gegriffen, haben die Logos grün gefärbt und die Geschäftsberichte. Nach 2000 kam die Corporate Social Responsibility, kurz CSR, als Begriff dazu. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, in der wir alle wissen, welche Schwindelei uns da aufgetischt wird. Wir sind alle schon einmal im Supermarkt gestanden, und wussten nicht, was kaufen, was ist wirklich umweltschonend und fair hergestellt. Das herauszufinden ist bei den meisten Produkten ein Ding der Unmöglichkeit. Generell geht der Film auch darum, dass man die Menschen aus ihrem Konsumidiotendasein, aus ihrer Bewusstlosigkeit reißt.

MM: War das Ihr persönlicher Zugang zu Thema, dass Sie als Konsument mit Ihrer diesbezüglichen Überforderung einen Film drehen wollten?

Boote: So kann man es nennen. Der wirkliche Anfang war, dass mein Produzent Markus Pauser zu mir sagte, bei „Plastic Planet“ steigt die Industrie so schlecht aus, aber es gibt ja auch nachhaltig produzierende Firmen. Sollten wir nicht einmal einen Film darüber machen?

MM: Boote, mach‘ was Positives!

Boote: Genau. Und was ist rausgekommen? Die Erkenntnis, dass der Begriff Nachhaltigkeit ein Gummiwort ist, das jeder auf seine Art und Weise verwendet. Es kommt ja ursprünglich aus der Forstwirtschaft, und bedeutete, dass nur so und so viel Wald in einem bestimmten Zeitraum abgeholzt werden darf, damit er sich in seiner Gesamtheit wieder erholen kann. Heute ist nachhaltig, wenn ich meine Mitarbeiter so ausbeute, dass ich mir auf längere Zeit eine fette Villa und ein fettes Auto leisten kann. Nachhaltigkeit ist so schwammig geworden, ist nicht einklagbar, hat keine Bedeutung. Darin liegt das Problem, dass die Konzerne sich zwar in eine Art freiwilliges Bekenntnis flüchten, aber das ist kein Gesetz. Wenn dann einmal was passiert, naja. Das zeigt der Film auch auf: Der große Konzern opfert dann irgendein Tochterunternehmen oder einen Subunternehmer als Schuldigen, bleibt aber selber unangetastet. Siehe BP, siehe Palmölindustrie. Da steckt man viel Geld in Marketing und PR, aber die Konzerne bewegen sich keinen Millimeter.

MM: BP und Palmölerzeugung sind zwei Beispiele aus Ihrem Film. Nach welchen Kriterien haben Sie die denn ausgewählt?

Boote: Wir haben nach den großen Baustellen geschaut. Palmöl ist in jedem zweiten Produkt, daher sehr nahe an uns – ich sage jetzt absichtlich nicht Konsumenten, sondern – Bürgern. Ihre Autos tanken auch die meisten von uns auf. BP nach der Deepwater Horizon Katastrophe ist das typische Greenwashing. BP hat sicher die größte Imagekampagne gemacht, nennt sich ja jetzt statt British Petroleum „Beyond Petroleum“ – wir haben nichts mehr zu tun mit Erdöl – und hat sich damit das grüne Image erstrampelt. Das sind die großen Beispiele. Wir haben aber in vielen Bereichen recherchiert, zum Beispiel auch in der Textilindustrie. Dabei sind wir draufgekommen, dass die Mechanismen überall die gleichen sind. Also haben wir beschlossen, das aufzuzeigen, wo man diese weltumspannenden Mechanismen am klarsten darstellen kann und das ganze System am besten hinterfragen kann.

MM: In Ihren bisherigen Filmen hört man Ihre Gedanken aus dem Off. Diesmal sind Sie mit der Expertin Kathrin Hartmann in den Dialog gegangen. Warum?

Boote: Weil ich mir denke, dass das spannender und miterlebbarer ist. Die ersten Reaktionen zeigen auch, dass die Zuschauer das emotionaler und unmittelbarer empfinden, weil wir vor Ort die Standpunkte ausdiskutieren. Das ist zumindest der Versuch.

Mit dem indonesischen Anti-Palmöl-Aktivist Feri Irawan … Bild: © Filmladen Filmverleih

… auf einem Feld niedergebrannten Regenwalds. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Ich habe Ihren Film so verstanden, dass Sie die Verantwortung vom Bürger auf die Politik verlagern wollen. Es ist die Politik, die Sie in die Pflicht nehmen wollen.

Boote: Die wir in die Pflicht nehmen müssen. Wir tragen die Verantwortung, die jeder trägt, sich für die Umwelt und den anderen zu engagieren. Aber dazu gehört auch, dass die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Es kann nicht sein, dass ich mir Mühe gebe und Fair-Trade-Kaffee kaufe, aber im Regal steht trotzdem die „Alternative“: Produkte, die die Menschen und die Natur ausbeuten. Das kann’s ja nicht sein. Wieso darf das überhaupt hergestellt werden?! Und hier ist die Politik gefragt, solche Produkte aus den Regalen zu nehmen. Wir haben ein Recht darauf, dass das, was wir kaufen, okay ist. Jetzt sind wir soweit, die grünen Lügen stehen uns bis oben, jetzt muss die Politik den nächsten Schritt machen und verhindern, dass Regenwald gerodet wird, dass Umweltaktivisten mit dem Leben bedroht werden.

Auf den indonesischen Aktivisten Feri Irawan, der mit uns im niedergebrannten Regenwald steht, ist ein Monat nach unserem Dreh geschossen worden. Zum Glück konnte er schnell durchs Fenster flüchten. Auch in Brasilien sind zwei Aktivisten, mit denen wir gesprochen haben, verschwunden, einen haben sie tot aufgefunden. Es wird also Zeit, dass die Politik sich nicht mehr mit solchen Konzernen ins Bett legt.

MM: Ihre Gesprächspartner sind nicht nur Aktivisten, sondern auch Menschen aus der Industrie. Waren die großteils bereit zu sprechen oder haben Sie viele Abfuhren bekommen?

Boote: Die, die wir wollten, haben wir bekommen. Eine Abfuhr gab es vom Sänger Pharrell Williams, der mit einem gewissen Tim Coombs eine Firma namens Bionic Yarn betreibt. Die stellen Fäden her, angeblich aus Plastikmüll aus dem Ozean, daraus machen Adidas und G-Star Produkte und bewerben die auch sehr. Das Plastik soll von einer Umweltorganisation sein, die ich von „Plastic Planet“ gut kenne. Die haben mir gesagt, wir haben denen schon einmal ein Plastiknetz geliefert, aber mehr nicht. Naja, aus einem Netz kann man nicht hunderttausende Schuhe, T-Shirts, Jeans machen. Das ist uns spanisch vorgekommen. Wir haben dann gefühlte hundert E-Mails geschrieben, sind sogar zu den Bionic Yarn Produktionsadressen hingefahren, aber keiner wollte mit uns sprechen. Wir sind schließlich in New Jersey in einer Familienumgebung gelandet, dort Tim Coombs gefunden, aber der hatte leider keine Zeit für uns. Da habe ich mir schon gedacht, verdammt, wie gerne hätte ich, dass die Welt erfährt, was da hinter den Kulissen passiert.

MM: Um noch einmal auf die Politik zurückzukommen: Deren Vertreter kommen, wenn in Umweltfragen in die Ecke gedrängt, gern mit dem Argument die Wirtschaft würde ja Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen. Ist das alles ein Schwindel?

Boote: Es ist eine gute Ausrede. Die Geschichte kenne ich schon zuhauf aus der Kunststoffindustrie. Man muss halt Arbeitsplätze bei Alternativstoffen schaffen. „Wohlstand schaffen“ ist immer das Bullshit-Bingo.

Einsammeln von Ölbrocken der Deepwater Horizon Katastrophe. Bild: © Filmladen Filmverleih

Damit ist der Strand verschmutzt. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Kann man auf dieser Welt noch irgendetwas konsumieren, ohne jemandem oder etwas zu schaden? Oder anders gefragt: Wie desillusioniert sind Sie nach Ihren Filmen mittlerweile?

Boote: Nicht besonders, weil ich Möglichkeiten sehe, wie man sich dagegen wehren kann und so auch seine Lebensqualität verbessern kann. Das Paradebeispiel dafür ist „Plastic Planet“. Ich habe angefangen sehr viel weniger Plastik zu verwenden, 100 Prozent Vermeidung schaffe ich nicht, und habe noch einmal mein Blutplasma testen lassen und dabei ist rausgekommen, dass sich der Plastikgehalt extremst reduziert hat. Das heißt, ich tue nicht nur der Umwelt etwas Gutes, sondern auch meiner Gesundheit, denn wir reden ja von Substanzen, die krebserregend sind, Herzerkrankungen, Unfruchtbarkeit, Allergien hervorrufen …

MM: Was haben Sie jetzt? Ein Holzzahnbürstl?

Boote: Zum Beispiel. Ich gehe mit einem Stoffsackerl einkaufen. Bei Getränken bin ich sehr strikt, ich habe schon ewig nicht mehr als Plastikflaschen getrunken, ich fülle Leitungswasser in Glaskaraffen ab, ich bestelle Getränke ohne Plastiktrinkhalm. Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch eine höhere Lebensqualität habe. Oder nach „Alles unter Kontrolle“: Ich habe keine Kreditkarte, ich bestelle nichts online, so lange das noch geht. So habe ich die Gewissheit, dass keine Firma oder Organisation weiß, was ich alles habe und dieses Wissen gegen mich ausnützen kann.

MM: Haben Sie schon einmal Ihren ökologischen Fußabdruck messen lassen?

Boote: Nein, weil ich weiß, dass der ein Wahnsinn ist. Ich fliege ja mit meinem Filmteam irrsinnig viel herum. Ich war vor einigen Jahren bei der Berlinale. Da sagt einer zu mir, er ist Prädikatssiegelhersteller, ob ich nicht den nächsten Film mit seinem CO2-neutral-Siegel versehen möchte. Sag‘ ich, wie soll das funktionieren, das kann sich nicht ausgehen. Sagt er, das ist kein Problem, ich soll ihm 3.000 Euro zahlen und schon hab ich das Siegel. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich in „The Green Lie“ so hineingekniet habe: Dass jeder Siegel erfinden kann, dass es keine gesetzlichen Regulierungen gibt, niemand diese Siegel überprüft, und dass die Bürger aber daran glauben, dass sie was Gutes kaufen, wenn auf der Verpackung dieser oder jener Stempel ist. Da ist ein großes Pickerl drauf, und ich denke mir, diese Schokolade muss aber fair sein. Dann komme ich drauf, nein, das ist nur ein Inhaltstoff, und dann stellt sich heraus, davon sind es auch nur 30 Prozent. Wie geht das? Da fühle ich mich verscheißert.

MM: Was war für Sie bei den Dreharbeiten der nachhaltigste Eindruck? Was ist Ihnen am meisten unter die Haut gegangen?

Boote: Schon die Brutalität, die man spürt, wenn man auf einem verbranntem Regenwald steht. Wir haben uns darauf vorbereitet, viele Bilder gesehen, aber dann wirklich bis zum Horizont nichts als Asche zu sehen, und zu wissen, dass da Tiere herumgelaufen sind, dass da Leben und Geräusche waren, und jetzt ist Totenstille, das hat mich schon geflasht. Das hat mich so unmittelbar erwischt, damit hätte ich nicht gerechnet.

MM: Deshalb haben Sie auch höchst emotional eine Orang-Utan-Mutter mit ihrem Jungen in diese Sequenz hineingeschnitten.

Boote: Das war tatsächlich eine der Szenen, über die wir am intensivsten diskutiert haben. Aber Dezenz ist Schwäche. Wenn man zeigt, welches Leben hier einmal möglich war, wird die Zerstörung danach umso deutlicher. Irgendwie muss man das erklären. Ohne das Bild war die Szene zwar weniger kitschig, aber auch nicht so überzeugend.

MM: Zum Ende des Films sind Sie bei einer Konferenz der indigenen Bevölkerung Brasiliens und sagen in einem Halbsatz, dass dort alternative Wirtschaftsmodelle vorgestellt wurden. Sie nennen aber keine Einzelheiten. Warum, wird das der nächste Film? Was Positives?

Boote: „The Green Lie“ ist positiv. Er zeigt, wir haben die Möglichkeit, etwas zu ändern, wir können das Ruder herumreißen. Das ist zwar eine Action, die wir uns antun müssen, aber wir müssen die öffentliche Aufmerksamkeit schüren, dann kriegen wir das auf die Reihe. Man muss das Wirtschaftssystem neu denken, neu strukturieren, es in ein demokratisches Wirtschaftssystem verwandeln. Das ist nicht so unmöglich, wie es jetzt klingt, das ist eine Utopie, die man ausarbeiten kann. Wie auch Noam Chomsky sagt, der ja auch einer der Interviewpartner im Film ist. Wichtig ist, dass wir zu einer Gemeinschaft finden. Im Moment hat jeder vor dem Supermarktregal das Gefühl, er ist jetzt dafür verantwortlich, ob die Welt untergeht oder nicht. Die Menschen fühlen sich diesbezüglich isoliert, also müssen wir uns zusammenfinden und dafür sorgen, dass mehr Gerechtigkeit zum Preis von weniger Profit herrscht. Denn den Widerspruch von Umweltschutz und Profitorientierung haben wir, glaube ich, verstanden.

MM: Noam Chomsky ruft Sie auf, Aktivist zu werden. Er weiß nicht: Sie sind schon einer.

Boote: Das Innenministerium führt mich zumindest seit meinem letzten Kinofilm als solchen. Ich kenne mich mit der Definition von Aktivist nicht aus. Ich versuche Leute zum Nachdenken anzuregen, den Rest müsste ich einmal googeln.

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

5. 3. 2018