Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

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Wien, 6. 5. 2017

Free Lunch Society – Komm Komm Grundeinkommen

Mai 2, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Weil Arbeit ohnedies unbezahlbar ist

Weltweit machen sich Menschen für ein Bedingungsloses Grundeinkommen stark. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Es beginnt mit einem Ausschnitt aus „Star Trek – The Next Generation“. Da gerät ein Banker aus unseren Tagen unter geheimnisvollen Umständen auf die Enterprise des 24. Jahrhunderts – und erfährt, dass nicht nur das Geld, sondern mit ihm auch alle materiellen Nöte abgeschafft wurden. Ratlos wendet er sich an Captain Picard: „Was werde ich tun? Wie werde ich leben? Welches Ziel habe ich noch?“

Und der weise Jean-Luc antwortet: „Das werde ich Ihnen sagen, Mr. Offenhouse. Sie können sich weiterentwickeln, Ihr Wissen vergrößern. Genießen Sie es!“ An dieser Schnittstelle von Science-Fiction-Utopie und Dokumentation, von Wünschen und Werden, bewegt sich der jüngste Film von Christian Tod „Free Lunch Society – Komm Komm Grundeinkommen“, der ab 5. Mai in den heimischen Kinos zu sehen ist. Der Linzer Filmemacher und Volkswirt zeigt sich damit als Fan der unendlichen Weiten, nicht nur was Weltraumabenteuer, sondern auch soweit es Finanzfragen betrifft. Seine These: Das Bedingungslose Grundeinkommen für alle ist nicht nur wirtschaftlich möglich, sondern unabdingbar. Allerdings, räumt er ein, ist die Idee so simpel, dass nur die wenigsten sie verstehen.

Weshalb er anhand von Beispielen und mit erlesenen Gesprächspartnern seine Feststellung zu untermauern und aus der „Hirngespinstecke“ zu holen sucht. Tod entwirft in „Free Lunch Society“ das höchst verlockende Szenario eines durchaus umzusetzenden gesellschaftlichen Paradigmenwechsels, der die Welt grundlegend verändern könnte. Eine „Kulturfrage“ nennt etwa Drogeriemarktkettenmilliardär Götz Werner das Grundeinkommen, denn ohne Existenzsorgen entstünde „ein völlig neuer Freiheitsraum“. Arbeit sei ohnedies unbezahlbar, konstatiert der Geschäftsmann, und ortet die Ablehnung der Idee überall dort, wo Machtverlust befürchtet wird. „Chefs könnten den Menschen nicht mehr mit seinem Arbeitsplatz und dem Verlust desselben bedrohen.“

Michael Bohmeyer erklärt seine Crowdfunding-Plattform. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Mit dieser Plastikkarte ist man dabei. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Ähnlich argumentiert Michael Bohmeyer. Der Jungunternehmer ist Mitgründer eines Start‐ups, das ihm ein monatliches Grundeinkommen von 1000 Euro garantiert, ohne dafür arbeiten zu müssen. Weil er diese Erfahrung mit so vielen Menschen wie möglich teilen möchte, errichtete er eine Crowdfunding-Plattform, auf der man ein Grundeinkommen für ein Jahr gewinnen kann. Bis jetzt haben 50.000 Spender die Grundeinkommen von mehr als 70 glücklichen Gewinnern finanziert.

„Faulheit“, dieses ewige Argument gegen das Nicht-Arbeiten-Müssen, sagt Bohmeyer, „wird in faden Jobs erlernt. Bis jetzt war Erwerbsarbeit der ultimative soziale Halt, wir wissen also gar nicht, womit alles wir uns beschäftigen könnten, wenn dieser Aspekt wegfiele. Abgesehen davon glaube ich, wenn die Leute sich entfalten können, arbeiten sie von sich aus mit Spaß an der Sache.“ Es geht ihm bei seiner Sache also ums Gern-Arbeiten-Können. Ein Beispiel dafür ist der österreichische Lottogewinner Dieter Dohr. Der gelernte Koch besitzt Restaurant und Tankstelle – und, seit er „drei Richtige“ freigerubbelt hat, 3000 Euro monatlich, ein Leben lang, steuerfrei. Seinen Lebensstandard hat er nach dem Geldsegen nicht groß geändert. Was er getan hat? „Zuerst war ich beten und dann den Kredit abbezahlen.“ In seinem Lokal bietet er ein preisgünstiges Mittagsmenü an.

Das Bedingungslose Grundeinkommen, zeigt Tod mit historischem Filmmaterial, kam ab den 1950er-/1960er-Jahren ausgerechnet in den USA auf. So unterschiedliche Denker wie Martin Luther King (er wegen anstehender Rassenunruhen aufgrund ungerechter Ressourcenverteilung) und Nobelpreisträger Milton Friedman (der an ökonomischen Liberalismus als höchstes Freiheitsgut des Kapitalismus glaubte) sprachen sich für die Umsetzung aus. Es gab Pilotprojekte in Seattle, Denver, New Jersey, die nie evaluiert, sondern von US-Präsident Ronald Reagan vorzeitig beendet wurden. Zu groß war offenbar dessen Angst vor einer immateriellen Welt und davor, seine Wähler könnten alle – Zitat – „mit der Hängematte im Wald verschwinden“.  Auch das filmtitelgebende Zitat „There’s no such thing as a free lunch“, wird ihm zugeschrieben, stammt aber von Sci-Fi-Autor Robert A. Heinlein.

Drogeriemarktkettenmilliardär Götz Werner hält Arbeit für unbezahlbar. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Die Schweiz hat sich im Vorjahr gegen das Bedingungslose Grundeinkommen entschieden. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Interessant auch, dass ausgerechnet im erzkonservativen Alaska eine jährliche Dividende aus dem sogenannten Alaska Permanent Fund an die Bevölkerung ausgeschüttet wird – der APF verwaltet die Gewinne aus der lokalen Ölförderung und wurde 1976 durch einen Volksentscheid eingerichtet; jeder Einwohner Alaskas erhält den gleichen Betrag, über den er frei verfügen kann -, während andernorts die Gewerkschaften gegen derlei Maßnahmen protestierten und sie schließlich verhinderten. Weil sie um ihre Existenzberechtigung fürchten, wenn „Arbeitskampf“ ausfällt?

Am Ende führt der Film nach Afrika, nach Namibia, wo der ehemalige Bischof Zephania Kameeta, nun Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt, ein Grundeinkommensexperiment initiierte. „Die Idee, dass Menschen faul werden, wenn man ihnen Geld gibt, ist einfach nicht wahr“, ist auch er überzeugt. Und führt das Kamerateam zu Joseph  Ganeb und Rudolphine Eigowas. Die haben mit der finanziellen Unterstützung dasselbe getan, wie Nathan und Alissa Wardwell in Alaska: Bessere Schulen für die Kinder gesucht, ihnen eine bessere medizinische Versorgung ermöglicht. Dann kaufte sich Rudolphine eine Nähmaschine und Joseph wurde Ziegelmacher. Mittlerweile haben sie beide kleine Betriebe, die ihnen einen bescheidenen Wohlstand garantieren. Was könnte man diesen Familien für die Zukunft wünschen? Außer: Genießen Sie es!

Trailer: vimeo.com/207143853

www.facebook.com/freelunchsociety

www.filmladen.at/free.lunch.society

Wien, 2. 5. 2017

Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft

April 25, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paradox-poetische Bilder einer harten Lebensrealität

Bild: Jerzy Palacz

Dieser Film handelt nicht von Tschernobyl, sondern von der Welt von Tschernobyl. Und über die weiß man sehr wenig; man weiß nicht, wie die Einheimischen „dort“ leben. Es gibt Dokumentationen über Wölfe, die sich in der nuklearen Wildnis wieder angesiedelt haben, über eine wuchernde Pflanzenwelt, über die Natur, die nach der Verwüstung durch den Menschen ihren Reflex zur Unterwerfung abgeworfen hat und nun ihr Recht eines Überlebenden einfordert.

Doch auch Männer, Frauen, Kinder, Wissenschaftler, Reaktormitarbeiter, Soldaten, deren Witwen vor allem haben im Ort ausgehalten. In Pol Cruchtens Dokumentation „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“, die ab 28. April in den heimischen Kinos zu sehen ist, kommen sie zu Wort. Sie erzählen von ihrem früheren Alltagsleben, dann von der Katastrophe, nun von ihrem neuen Alltagsleben. Ihre Stimmen bilden ein langes, furchtbares, aber unabdingbares Flehen nach einer Normalität, die es für sie nie mehr geben wird. Dokumentation ist als Wort sehr weit gegriffen. Die Grundlage für Cruchtens Film ist das gleichnamige Buch von Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch. Deren Stil, aus Interviews Romane entstehen zu lassen, kennt man. Der Film hat die Form ihrer Prosa, die Art ihrer collage-artigen Aufzeichnungen beibehalten.

Schauspieler, Dinara Droukarova, Iryna Volostyna, Vitaly Matvienko, tragen die Texte vor, teils aus dem Off, teils in Spielszenen. Einmal ist Droukarova die immer noch verliebte Frau eines verstorbenen Feuerwehrmanns. „Er veränderte sich. Ich traf jeden Tag auf einen anderen Menschen“, schildert sie seinen Spitalsaufenthalt. Und während sie erzählt, wie sich sein Körper in ein blutendes Nichts auflöste, zeigt die Kamera paradox-poetische Bilder. Paradiesisch-üppiges Grün, das sich der Häuserruinen bemächtigt, die bizarre Architektur kommunistischer Amtsstuben, der Reaktor, die harte Lebensrealität – romantisch im Sonnenuntergang. Das Schlimmste erspart einem diese ästhetische Optik, nicht aber die Frage: Ist das Hinhören allein angenehmer, ist das Wegblenden des Grauens legitim?

Vieles ist zu schrecklich, um es eigentlich auszuhalten. Babys, die mit Deformierungen und Aplasien geboren werden – und doch überleben müssen. „Komplexe Pathologie“ steht dann in den Arztberichten. Kinder, die nicht wissen, dass man „zu Hause“, nicht im Krankenhaus wohnt, und die mit ihren Puppen „Infusion“ spielen. Und überall Ehr/Furcht vor dem Gewesenen. Tschernobyl ist fantastischer als Science-Fiction. Alexijewitsch musste nicht auf-, nur mitschreiben.

Bild: Jerzy Palacz

Bild: Jerzy Palacz

Was Cruchten dazu zeigt, ist seltsam surreal. Eine Frau deckt ihre Kuh zum Schutz mit einer Plastikplane ab. Ein Mann nimmt seine Haustür als Talisman in die Evakuierung mit; sie wird zur Totenbahre für seine Enkelin werden. Das Skelett eines Rummelplatzes. Gasmasken, Spielzeug, Geschirr liegen in Haufen. Wie eine Museumsinstallation. Wie in einer Tschernobyl-Ausstellung. Eine unwirkliche Kulisse, als hätten die Russen, Erfinder des Futurismus, auch diese Kunstrichtung hervorgebracht. Und man beginnt zu begreifen, was es heißen mag, ein „Tschernobyl-Mensch“, heißt: eine Kuriosität zu sein. Immer wieder bleiben die Aufnahmen stumm, immer wieder ist Nacktheit ein Thema, der ausgelieferte Mensch, immer wieder berichten Spiegelbilder von der Vergänglichkeit.

Alexijewitsch freilich, und mit ihr Cruchten, haben auch politische Fußnoten anzubringen. Sie erzählen davon, wie Lähmung durch politischen Druck entsteht, wie Parteidisziplin plus Angst gleich Schweigen ist. Ein Protagonist versucht sich als Physiker und darin, das Zentralkomitee von den Vorfällen zu unterrichten. „Sobald ich den Unfall ansprach, wurden die Leitungen unterbrochen“, sagt er über seine Telefonate. Seine Aufzeichnungen verschwinden. „Die Zuständigen machen sich keine Sorgen um die Menschen, sondern um ihre Macht.“ Ein Soldat, der am Reaktor arbeitete, wartet immer noch auf sein Sterben. Er denkt es nicht mehr als Zufall. Das Denkmal für ihn, für die Helden von Tschernobyl, sieht aus wie ein Kriegerdenkmal. Die Kamera umkreist es. Die damalige sowjetische Nomenklatura benutzte diese Skavenmentalität, indem sie das gefügige Menschenmaterial skrupellos in den so deklarierten „Krieg aller Kriege“ warf, „dahingeschleudert wie Sand auf den Reaktor“, wie der Soldat sagt.

Dinara Droukarova als verwitwete Feuerwehrsfrau. Bild: Jerzy Palacz

Weder Buch noch Film verengen sich auf wohlfeile antisowjetische Polemik. 31 Jahre nach Tschernobyl, sechs Jahre nach Fukushima, stemmt sich „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ gegen das Vergessen des Ausmaßes nuklearer Katastrophen generell. Die Dokumentation rückt zwar die Geisterstadt und ihre Gespenster näher, sie ist ein kunstvoller Tryptichon von Stimmen.

Doch sie ist auch die Rekonstruktion des Gefühls, Verantwortlichen und deren Informationsverweigerung ausgeliefert zu sein. In einem Weißrussland unter dem diktatorischen Regime Lukaschenkos, es ist Alexijewitschs Heimat, darf „Tschernobyl – Chronik einer Zukunft“ bislang weder als Buch erscheinen, noch als Film gezeigt werden.  Und keine 100 Kilometer vom Unglücksort entfernt, ringen heute Russen und Ukrainer um die Krim …

www.tschernobyl-der-film.at

Wien, 25. 4. 2017

Secondo Me

April 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Kosmos dreier Operngarderobiers

Ronald Zwanziger in der Wiener Staatsoper. Bild: Michael Schindegger

„Secondo Me“ das heißt übersetzt „Meiner Meinung nach“, und wessen Meinung könnte am Theater wichtiger sein, als die des Garderobiers?  – mit Ausnahme der Burg, hier ist die Toilettenfrau im Erdgeschoss die bestimmende Kraft. Nirgendwo im jeweiligen Haus wird profunder gefachsimpelt, als zwischen dem Ablegen des Mantels und dem Erstehen des Programmhefts.

Nur hier erfährt man schon vorab erste Details des zu Erwartenden, denn ein schlechter Garderobier, der nicht bei mindestens einer Probe gespickt hat. Und ein bissl Tratsch und Klatsch mit dem Stammpublikum geht sich allerweil aus … „Secondo Me“ heißt eine Filmdokumentation von Pavel Cuzuioc, die seit Freitag in den heimischen Kinos zu sehen ist. Der aus Moldawien stammende und in Wien lebende Regisseur widmet sich darin, wie er sagt, dem Leben und der Freude an den einfachen Dingen. Drei Leben porträtiert er, drei Garderobiers an der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala und dem Opernhaus in Odessa. Und wer denkt, eine Arbeitsstelle zwischen Kleiderständern sei monoton, simpel und langweilig, der irrt gewaltig.

In der Wiener Staatsoper zählt Ronald Zwanziger für Opernbesucher seit Jahren zum „Inventar“, stets korrekt und um besten Service bemüht. Zwanziger ist 72 Jahre alt. Als studierter Indogermanist und Bibliothekar arbeitete er einen Großteil seines Lebens an der Hauptbibliothek der Universität Wien und selbst heute trifft man ihn dort noch als freien Mitarbeiter jeden zweiten Samstag im Monat an. Seit 27 Jahren ist er außerdem als Garderobier an der Staatsoper. Viele Zuschauer kennen ihn, und manche Abonnenten geben ihre Mäntel auch dann bei ihm ab, wenn ihre Sitzplätze eigentlich in einem anderen Zuständigkeitsbereich sind. Stammgäste kommen auch schon einmal zeitlicher vor Beginn der Vorstellung, um mit ihm noch ein bisschen plaudern zu können. Andere wiederum besuchen ihn während der Pausen, um sich mit ihm über die jeweilige Inszenierung oder andere, oft auch sehr persönliche, Themen auszutauschen. Zwanzigers Leben ist die Kunst – alternativlos. „Worauf soll ich warten?“, fragt er. „Warten auf Godot? Kommt er, kommt er nicht? Einer kommt sicher einmal, und das ist der Tod.“
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Nadezhda Sokhatskaya im Opernhaus von Odessa. Bild: Michael Schindegger

Flavio Fornasa in der Mailänder Scala. Bild: Michael Schindegger

Flavio Fornasa, 50-jähriger Garderobier an der Scala, zeigt ein anderes Temperament: In seinem Arbeitsumfeld ebenso dienstbeflissen, aber höflich-distanzierter als sein Wiener Kollege, erweist er sich privat als leidenschaftlich politischer Mensch, als ebenso aufbrausender wie liebevoll-fürsorglicher Vater zweier Söhne, ein permanent reflektierender, auch selbstironischer Charakterkopf. Und dann ist da noch Nadezhda Sokhatskaya, Garderobiere in Odessa, in ihrem Job mindestens so würdevoll wie das Publikum, das sie bedient. Über ihr Alter spricht sie nicht. Nur soviel: Als Pensionistin arbeitet sie seit 13 Jahren am Akademischen Nationalen Theater für Oper und Ballett als Garderobiere, für sie bis heute ein ganz besonderes Geschenk.

„Es ist etwas Besonderes, wenn du dort vor und nach der Aufführung, von so vielen schönen Menschen umgeben bist. Es ist etwas Himmlisches, wenn du wartest, begleitet von einer so schönen Musik“, sagt sie. Sie versteht heute gar nicht mehr, wie sie so viele Berufsjahre mit dem Zeichnen von Metallteilen in einer Fabrik verlieren konnte … Jeden Abend, bevor sie zur Arbeit geht, zieht sie ihre schönsten Kleider an, bereitet lange ihre Frisur, das Make-up und ihren Schmuck vor. Zuhause in ihrer kleinen Garconniere ist sie nur, um zu schlafen. Und um ihren Enkel zu betreuen. Doch sie muss Abschied nehmen – Stasik geht fürs Studium ins Ausland und sie bleibt zurück mit ihren Sorgen, eine Figur aus einer Welt von gestern, mitten in einer postsowjetischen Gegenwart …

Liebevoll, behutsam und stets um die Würde seiner Protagonisten bedacht, erzählt Cuzuioc diese Lebensgeschichten. Er hat Geduld mit seinen „Darstellern“, lässt ihnen Zeit und den Raum ihre Erzählungen zu entfalten. Sogwirkung bekommt der Film durch die Pracht seiner Bilder, drei der schönsten Opernhäuser der Welt in großen Totalen fotografiert, deren Prunk durchbrochen durch Nahaufnahmen der Menschen und der kleinen, ihnen so wichtigen Details, die sie umgeben. Mitten im Alltag spielt sich deren „großes Theater“ ab, ihre Ängste, Hoffnungen und Zweifel. Mehr als drei Porträts vermittelt „Secondo Me“ auch das Lokolkolorit dreier unterschiedlicher europäischer Kulturstädte und -stätten. Und immer wieder wartet der Film mit skurrilen Momenten auf, wie dem Tanzen einiger zarter älterer Damen in einem Park. Zur Musik eines unsichtbaren Orchesters. Seltsam aus der Zeit gefallen scheinen solche Bilder, fast als hätte sich das jemand ausgedacht. „Ogni testa è un piccolo mondo.“ – „In jedem Kopf steckt eine eigene, kleine Welt“, sagt Flavio Fornasa dazu.

secondome-film.com

Wien, 23. 4. 2017

Österreichisches Filmmuseum: Das Heim kehren

April 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Elfriede Jelinek, Paula Wessely & das beschmutzte Nest

Heimkehr, 1941, Gustav Ucicky. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Wien, 1941. Dort beginnt Elfriede Jelineks Bühnenstück „Burgtheater“ aus dem Jahr 1985. Nun bildet es den „abwesenden Horizont“ für die Film- und Vortragsreihe „Das Heim kehren“ von 29. April bis 1. Mai im Österreichischen Filmmuseum – abwesend wie vor mehr als 30 Jahren, als es einen lange nachwirkenden Medienskandal auslöste: das nahezu unaufgeführte Stück als Instant-Klassiker der österreichischen Literatur.

Ironisch, in der Maske des Reaktionärs, referierte der Zeit-Kritiker Benjamin Henrichs damals den Kern der Sache: „Ein eindeutig anti-österreichisches Machwerk, verfasst (wie könnte es anders sein) von einer eindeutig österreichischen Autorin … Es führt vor (nein: es hetzt gegen) eine vom ganzen österreichischen Volk geliebte Burgtheaterfamilie. Mutter Käthe, Vater Istvan, Bruder Schorsch, dazu das entsetzliche Dreimäderlhaus der Töchter Mitzi, Mausi und Putzi – jeder in Wien, und nicht nur in Wien, weiß natürlich, wer da gemeint ist.“

Für die, die es nicht wissen: Mit der Figur der Mutter Käthe wurde vielfach Paula Wessely assoziiert. Ihre Kinoarbeiten zählten in den 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahren kontinuierlich zu den Großfilmen der jeweiligen Filmindustrien. Mit „Maskerade“ (1934), „Heimkehr“ (1941) und „Der Weg in die Vergangenheit“ (1954) ruft das Programm des Filmmuseums ständestaatliche, nationalsozialistische und nachkriegsösterreichische Positionen und „Mutter Käthes“ Platz darin auf. Gleichzeitig gab es in Österreich aber auch Wege aus der Vergangenheit – Filme, Bücher, Kunstwerke, die das heimatliche Nest anders „auskehrten“ oder je nach Lesart „beschmutzten“und in deren Tradition Jelineks Theaterarbeit steht. Filme etwa, die schon in den 1950er-Jahren – um Marc Adrian zu zitieren – „entgegengesetzte Lebensgefühle“ artikulierten: „Wir kannten damals die Paula-Wessely-Filme und diesen ganzen Schmus.“

Weg in die Vergangenheit, 1954, Karl Hartl. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Ein drittes Reich, 1975, Alfred Kaiser. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Und solche aus den 1970er-Jahren, „Ein drittes Reich“ von Alfred Kaiser und „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan (2016 auf die Bühne gebracht von der Neuen Oper Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=22999), die sich früh der De(kon)struktion der Geschichte widmeten. „Die Gefühle aller anständigen Menschen“, so Benjamin Henrichs 1985, sind „zutiefst verletzt“. Auch bei manchen Wessely-Filmen kam und kommt es im Publikum zu solchen Erfahrungen. Das dreitägige Projekt im Filmmuseum findet in Kooperation mit der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien statt. Vorträge von Gertrud Koch, Sabine Perthold und Bernhard Groß bilden jeweils den Auftakt.

www.filmmuseum.at

Wien, 23. 4. 2017