Glatt&Verkehrt: HerbstZeitlos 2017

September 19, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem Festivalprogramm

Mark Eliahu. Bild: Tomer Ben Avi

Ab 28. September blickt HerbstZeitlos an drei Konzertabenden über das gesamte „Mare Nostrum“, diesen seit der Antike so bedeutenden Kulturraum. Alle Konzerte der 4. Ausgabe dieses Nachspiels von Glatt&Verkehrt beschäftigen sich auf die eine oder andere Weise mit dem Mittelmeerraum, unter kräftiger Beteiligung von in Österreich lebenden Künstlerinnen und Künstlern. Zwei davon sind Premieren.

Der musikalische Bogen spannt sich von der Uraufführung des Improvisationsprojekt „Luciversére“ mit musikalischen Strömungen aus fünf Ländern und drei Kontinenten, über die stilistische Vielfalt des israelischen Weltenbürgers Mark Eliyahu zur bekanntesten Singer-Songwriterin Tunesiens, Emel Mathlouthi, von sephardischen Liedern, einem besonders typisch mediterranen Genre, bis zu den ekstatischen Ritualen der marokkanischen Gnawa. Am Sonntag schließt das Festival mit einem Filmfrühstück im Kino im Kesselhaus und bittet anschließend die jüngsten Festival-Besucher  in den Klangraum Krems Minoritenkirche zu einem Kinderkonzert mit den Strottern.

Programmhighlights:

Jelena Popržan und Damir Imamović. Klangraum Krems Minoritenkirche. Stimmexperimente, komödiantisches und mimisches Talent, zeitgenössische Kunstmusik, Pop und Chansons, politische Songs und Balkanfolk bündelt sie zu einem eigenwilligen Profil und begeisterte damit zunächst die österreichische Szene: Mit Catch-Pop String-Strong, Madame Baheux, Sormeh und diversen anderen Projekten hat Jelena Popržan musikalische Vielseitigkeit bewiesen, wobei die Bands der nach eigener Aussage „Wienerin aus der Vojvodina“ auch international gefragt sind. Damir Imamović aus Sarajevo verbindet Forschung und Kunst, ist Musikethnologe und erfolgreicher Musiker zugleich. Die bosnische Liedform der Sevdalinke hat er modernisiert und mit Wissen und Gefühl den orientalischen Einflüssen wiedererschlossen. Was Piazolla für den Tango war, scheint Imamovic für die Sevdah zu sein. Sein Quartett Sevdah Takht macht derzeit, weit über die postjugoslawischen Communities hinaus, in Europas Weltmusikszene Furore. Mit ihrem Duo-Programm besinnen sich Popržan & Imamović nun der gemeinsamen Wurzeln, lassen ihre Ideen aber in viele neue Richtungen ranken: von Sevdah bis Aznavour.

Luciversére: Franz Hautzinger. Bild: Hautzinger

Die Strottern. Bild: Dieter Säckl

Mark Eliyahu. Klangraum Krems Minoritenkirche. Der Mann ist Weltbürger: Geboren wurde er 1982 in Dagestan, dem damals noch sowjetischen Land am Kaspischen Meer. Mit sieben Jahren übersiedelte er mit seiner Familie nach Israel. Mit 16 begann er die türkische Laute Baglama zu spielen, wenig später ging er für sechs Monate nach Kreta, um beim berühmten Lyraspieler Ross Daly zu studieren. Als er zum ersten Mal die Kamanche hörte, war es um ihn geschehen: Zwei Jahre verbrachte er in Baku, um bei Adalat Vazirov das persische Streichinstrument zu erlernen. Intensive Zusammenarbeit mit Tanz- Kompanien aus Holland und Portugal brachten weitere Impulse für die Arbeit des hochtalentierten Musikers, der mit seinem Vater Piris Eliyahu, selbst ein anerkannter Lautenspieler, das Programm „Between the Mountains of Caucasus and Judea“ oder das Album „Sands“ herausbrachte und regelmäßig im „Mediterranean Orchestra“ spielt. Die aktuelle CD „Roads“ entstand ebenfalls gemeinsam mit Piris Eliyahu, dessen Vater wiederum ein bekannter Kamanchespieler war. Aber das stellte Enkel Mark erst fest, nachdem er das Instrument für sich entdeckte hatte. 

Klangraum Krems Minoritenkirche. Kein Glatt&Verkehrt ohne Uraufführungen:  Und so gibt es auch dieses Jahr am dritten Abend von HerbstZeitlos eine Weltpremiere. „Eine abenteuerliche Reise liegt vor uns“, schreibt Franz Hautzinger, es sei nicht weniger als „ein Weg der Erkenntnis“, dieses Unternehmen mit musikalischen Strömungen aus fünf Ländern und drei Kontinenten. Kein Glatt&Verkehrt ohne treue Begleiter: Der österreichische Improvisations- Meister hat dem Festival schon viele Glanzlichter aufgesetzt, immer kompromisslos, immer berührend. Ihm zur Seite stehen: als ideale Partnerin des Klanges seiner Vierteltontrompete die unvergleichliche Vokal-Performerin Isabelle Duthoit, weiters die Schlagzeugwelt des in Chicago geborenen Michael Zerang und das sensationelle Gitarrenspiel von Camel Zekri, der bereits anno 2006, beim Festival Unlimited, Österreichs freie Szene begeisterte. Zekris Herkunft und Zerangs Interessen für den afro-arabischen Raum stellen die Verbindung zur Gnawa- Kultur her: Gut möglich, dass es an diesem Abend noch zu einem spontanen Zusammentreffen auf der Bühne kommt.

Gnawa Oulad Sidi lead by Hassan Boussou. Bild: Promo

Jelena Poprzan und Damir Imamovic. Bild: igorripak.com

Gnawa Oulad Sidi. Klangraum Krems Minoritenkirche. Aus dem südlichen Raum der Sahara kamen einst viele Zwangsarbeiter und Sklaven in den afro-arabischen Raum. Ihre Musik vermischte sich mit lokalen Formen und fand durch ihre Intensität Eingang in den Sufismus. Innerhalb der Gnawa-Kultur gibt es Bruderschaften, in denen Musiker und Heiler eine bedeutende Rolle spielen. Eine Gnawa Aufführung ist zunächst kein Konzert, sondern Zeremonie und Ritual, wobei die Bewegungen der Tänzer teilweise an gefesselte Menschen erinnern und so die Wurzeln der Gnawa in der Versklavung widerspiegeln. Die musikalischen Bausteine dafür sind denkbar einfach: In beständigem Ruf- und Antwortspiel wird gesungen, durchdringende Metallklappern prägen die Perkussion, die dreisaitige Laute Guembri ist das oft einzige Melodie-Instrument. Die Wirkung ist magisch, auch deswegen wird Gnawa- Musik seit Jahrzehnten im Jazz und anderen Genres als Inspiration verwendet. Die Mitglieder des Ensembles Gnawa Oulad Sidi kommen aus Taroudant und Dcheira, unweit von Agadir. Sie führen die Tradition, auch in Hinblick auf soziale Aspekte, auf mitreißende Art weiter.

Die Strottern & Peter Ahorner – Oh, du lieber Augustin. Klangraum Krems Minoritenkirche. Tanzen, singen, klatschen, Geräusche machen, Pantomime: Den größten Spaß haben die Strottern, wenn sie mit Kindern musizieren. Ganz nebenbei erfahren die jungen Zuhörer etwas über die Wiener Musik. Wer war zum Beispiel dieser liebe Augustin, dem anscheinend nichts auf der Welt etwas anhaben konnte? Was macht Walzer und Märsche aus? Was erzählen die Texte vom Leben in vergangenen Zeiten? Und wie kann man diese komische Fremdsprache „Wienerisch“ übersetzen? Gemeinsam mit den Kindern erleben die Strottern, dass Musik lustig oder traurig oder raunzig oder ganz was anderes sein kann. Mit ihrer neuen, überaus unterhaltsamen Sicht auf das Wienerlied haben die Strottern und Peter Ahorner schon tausende Kinder von Wien bis zum Bodensee verzaubert. Eine Produktion der Jeunesse Wien.

www.glattundverkehrt.at

19. 9. 2017

steirischer herbst 2017: Fünf Tipps aus dem Programm

September 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Hoffnung, Angst und allerlei Untotes

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – das New Yorker Performancekollektiv lädt mit öffentlichen Dreharbeiten zum Mitspielen ein. Bild: Ditz Fejer

Der steirische herbst feiert Jubiläum, er findet bereits zum 50. Mal statt. Diesen Anlass greift das Festival ab 22. September auf, um grundsätzliche Fragen zu Kunst und Gesellschaft zu stellen: Wo steht man eigentlich? Was hat zu dieser Gegenwart geführt? Und mit welchen Mitteln will man den Platz in der Welt und die Wege, die man zukünftig einschlägt, überhaupt bestimmen? Oder, so das Motto nach einem späten Song von David Bowie: „Where Are We Now?“

Die Beteiligten und Projekte des Jubiläumsprogramms 2017 schaffen Zeit und Raum für Erkenntnis und Sinnlichkeit, Spielfreude im Umgang mit Historischem und Neugier auf das Kommende. Zweckrationalität und Fortschrittsglauben treten hinter das Hier und Jetzt. In unterschiedlichsten Formaten wird nach der Rolle von Hoffnung, Angst und Glücksversprechen für die individuelle wie kollektive Verfassung gefragt. Verborgene Zusammenhänge, allerlei Untotes und verdrängte Wahrheiten treten zu Tage. Träume, Schwindelerregendes und atemberaubend Überstürztes finden ihren Platz im Programm.

Für diverse Veranstaltungen gibt es Shuttles von Wien, Linz und Graz. Fünf Highlights aus dem Programm:

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – Der Große Dreh. Ab 15. 9.,Treffpunkt im VAZ Mürzer Oberland. Eintritt frei! Das Nature Theater of Oklahoma wagt das Unmögliche: eine Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“. Der Dreh rund um Neuberg an der Mürz ist gleichzeitig eine Live-Performance. Wer will, kann zusehen, und vor allem: mitmachen. An den Originalschauplätzen in der Obersteiermark wird das New Yorker Performance-Kollektiv  öffentliche Dreharbeiten inszenieren. Dabei ist die Beteiligung der ortsansässigen Bevölkerung wie auch des herbst-Publikums in jeder Hinsicht erwünscht. Größte und kleinste Rollen sind zu vergeben. An allen Ecken und Enden des Films herrscht Bedarf. Egal, ob man nur einen oder zehn Tage Zeit hat, alle, die Lust auf ein Abenteuer haben, können an den Dreharbeiten teilnehmen. Geboten werden wilde Heimatfilm-Phantasmen und eigentümlich anheimelnder Horror. Gedreht wird bis Mitte Oktober an sieben Tagen in der Woche, für die großen Drehs an den Samstagen werden besonders viele Mitwirkende gesucht: Ob man sich am Rande eines monströsen Unfall-Szenarios wiederfindet, einer Untotenparade beiwohnt oder dabei ist, wenn in einem verfallenen Kino die Toten aus der Leinwand steigen – man wird immer zugleich zuschauen und mitspielen. Informationen unter kinderdertoten@steirischerherbst.at; Drehplan unter www.steirischerherbst.at/drehplan.

Bild: Tianzhuo Chen

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Bild: Radovan Dranga

 

 

 

 

 

 

 

 

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Ab 28. 9., Dom im Berg. Die Inszenierungen von Florentina Holzinger sind geprägt durch Kompromisslosigkeit, Kickboxen, Ballett, Gewichtheben, Freakshow und Stunting: In einer nicht enden wollenden Tour de Force eignet sich die österreichische Performerin und Choreografin unterschiedlichste Körpertechniken an, die sie auf der Bühne zugleich meistert und zerstört. Eine Beschwörung der menschlichen Lebenskraft – mit Sexualität, Humor und großer Lust am Risiko. In „Apollon Musagète“ seziert Holzinger das Genre der Freakshow und lässt es mit neoklassischem Ballett kollidieren. Ein nur aus Frauen bestehender Cast nimmt mit großer Leidenschaft Balanchines Choreografien auseinander und konfrontiert deren strenge Form mit der unberechenbaren Kraft und dem tabulosen Witz der Performerinnen. Okkulte Fitnessgeräte, Werkzeuge und schweres Geschütz kommen zum Einsatz und lassen die skurrilen Gemeinsamkeiten zu Tage treten, die die revolutionären Performances der 1960er- und 70er-Jahre mit dem historischen Entertainment der „All American Freakshows“ verbindet: Kategorien von Können und Dilettantismus geraten gehörig ins Wanken, virtuos entlarven die Tänzerinnen den klassischen Mythos von der perfekten Frau, wie er sich in Balanchines Musen manifestiert. Ein Abend voll Wahnsinn, Lust und Ekel, Trash, Entertainment und Hochkultur. Niemand wird geschont, weder das Publikum noch die Künstlerinnen. Erstaufführung im deutschsprachigen Raum.

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary. Ab 29. 9., Orpheum. Die schwedische Regisseurin Gunilla Heilborn und das Grazer Theater im Bahnhof teilen eine Liebe zum Alltäglichen. Und so begeben sich drei Ensemblemitglieder des TiB gemeinsam mit einer Performerin und einem Tänzer aus Schweden auf die Suche nach Techniken des Erinnerns für die kleinen Details des alltäglichen Lebens. Was löst Erinnern aus? Ist es ein Geruch, ein Pop-Song? Ist das Gedächtnis ein Feld, auf dem man herumstreunt, um Dinge aus der Vergangenheit zu finden? Und wie wäre es, einer dieser wenigen Menschen zu sein, die ein extremes Erinnerungsvermögen haben, das ihnen erlaubt, sich an alles zu erinnern, was sie jemals getan haben – Albtraum oder Segen? Mit verschiedensten Mitteln versuchen die Performerinnen und Performer, ihre Erinnerungen abzurufen, wiederholen und hinterfragen sie – mit besonderem Fokus auf dem, was jenseits großer Ereignisse und Lebensmomente zu liegen scheint. Der 7. April 2017 in Stockholm zum Beispiel: „Wir verlassen die Arbeit per Boot. Mit anderen, die das normalerweise nicht tun würden. Es ist ein schöner Abend. Ein schrecklicher Tag. So ruhig.“ Eine Uraufführung.

Berlin: Zvizdal. Bild: Frederik Buyckx

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary: Gunilla Heilborn, Pia Hierzegger, Monika Klengel und Lorenz Kabas. Bild: Heilborn/Theater im Bahnhof

Berlin: Zvizdal. Ab 10. 10., Orpheum. Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc wohnen mehr als 80 Jahre im ukrainischen Zvizdal. Auch die nukleare Katastrophe im nahe gelegenen Kraftwerk von Tschernobyl hat daran nichts ändern können. Ihr Dorf wurde für unbewohnbar erklärt und evakuiert. Während alle Nachbarinnen und Nachbarn es verlassen haben, sind Nadia und Pétro geblieben. „Wenn du an einem Ort geboren wurdest, solltest du in deiner natürlichen Umgebung bleiben“, sagt Pétro. „Wenn ich in eine andere Gegend umziehen müsste, würde ich sterben.“

30 Jahre haben die beiden in selbst gewählter Einsamkeit gelebt. Ohne fließendes Wasser, Strom und Telefon. Inmitten geplünderter Häuser und umgeben von einer Natur, die ungehindert von der unsichtbaren, aber allgegenwärtigen radioaktiven Strahlung das vormals besiedelte Terrain zurückerobert. Eine Situation zwischen Stillstand und Zerfall. Die Künstlergruppe Berlin hat das Paar zusammen mit der Journalistin Cathy Blisson über fünf Jahre hinweg besucht und gefilmt. Das dokumentarische Filmmaterial wird in den Aufführungen mit Live-Bildern aus einem Miniatur-Modell verschnitten, das Pétros und Nadias kleines Biotop im Wechsel der Jahreszeiten zeigt.

Ein Projekt über Einsamkeit, Überleben, Hoffnung, Liebe und den Eigensinn zweier Menschen, die gegen jede verordnete Vernunft handeln – sowie über Kunst, die diese Menschen ebenso unvernünftig und mutig mit langem Atem begleitet. Österreichische Erstaufführung.

Tianzhuo Chen: An Atypical Brain Damage. Ab 12. 10., Dom im Berg. Mit seiner Uraufführung für den steirischen herbst inszeniert Tianzhuo Chen eine düstere und gleichermaßen lustvolle Pop-Oper, in der sich instrumentelle Live-Klänge mit pumpenden Beats vermengen und großstädtische Fashionarroganz auf die Camouflagejacken chinesischer Bauern trifft. Das Publikum bewegt sich durch einen installativen Bühnenraum, in dem kulturelle Codes und ikonografische Figuren von Performerinnen und Performern seziert und akribisch wieder zusammengesetzt werden. Das Material für diese hybride und gleichermaßen ekstatische Leichenfledderei stammt aus globaler Club-Kultur, aus Folklore und Social Media, sowie nicht zuletzt aus Diskursen rund um „das Asiatische“ und „das Europäische“. Tianzhuo Chen ist einer der prominentesten Vertreter einer jungen Generation chinesischer Kunstschaffender, die mit großem Selbstbewusstsein die Extravaganz und selbstgewählte Exotisierung einer kommerzialisierten asiatischen Identität zelebrieren. Für seine Objekte, Performances und Videoarbeiten gestaltet er farbenfrohe, groteske Bildwelten, die voll sind von Referenzen zu Buddhismus, Butoh und Drag, und stellt so eine Verbindung zwischen dem Zusammenbruch überkommener Moralvorstellungen und traditioneller Glaubenswelten her. Tianzhuo Chen war 2017 bereits mit „自在天 / Ishvara“ bei den Wiener Festwochen zu Gast. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25039

www.steirischerherbst.at

15. 9. 2017

Wienwoche 2017: Dolce Far Niente

September 14, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

 Jenseits der kapitalistischen Produktion

Wienwoche-Leitungsteam, Ivana Marjanović und Nataša Mackuljak. Bild: © Daniel Jarosch

Ab 22. September erforscht die Wienwoche 2017 in künstlerischen, aktivistischen, wissenschaftlichen und soziokulturellen Versuchsanordnungen das Themenfeld Arbeit: ihre Zukunft, ihre Um- und Neuverteilung, ihre Vermeidung oder die an sie geknüpften Gebote und Verbote. Zehn Tage lang verkündet Wienwoche das „süße Nichtstun“ in der Stadt, frönt dem Müßiggang, hält die Menschen von ihrer Arbeit ab – und arbeitet intensiv daran, Arbeit von ökonomischen Regimen zu entkoppeln.

Das Thema wurde dieses Jahr von einem immer wieder in der Stadt auftauchenden Graffiti inspiriert, das ein Plädoyer sozialer Bewegungen auf den Punkt bringt: „Morgen mach ich blau“. Das ist keine simple Aufforderung, am nächsten Tag einfach nicht zu arbeiten – es ist eine politische Forderung nach einer anderen Gesellschaft, in der Arbeit nicht Zwang bedeutet. Anstatt Arbeit zu fetischisieren, was letztlich zum Burn-out führt, verlangt dolce far niente danach, Arbeit und Zeit zu revolutionieren

„Die sechste Ausgabe unseres Festivals sucht Arbeit: wann wir wollen, wie wir wollen und wie wir können. Schließt euch der Bewegung für ein dolce far niente an, anstelle jener für Privateigentum, für eine geldgetriebene Wirtschaft und Lohnarbeit! Fühlt euch eingeladen, egal ob ihr legal oder illegalisiert arbeitet, ungeachtet eurer Fähigkeiten oder gesellschaftlichen Behinderungen, unabhängig von euren Sprachkenntnissen, und ganz egal ob ihr langsam oder schnell arbeitet“, so das leidenschaftliche Plädoyer des Leitungsduos Nataša Mackuljak und Ivana Marjanović bei der Programmpräsentation.

Geboten werden heuer 14 Projekte. Zwölf davon wurden im Zuge von zwei Open Calls ausgewählt. Zudem lud man alle Interessierten zur Teilnahme an einem sozialen Experiment: eine offene Arbeitsgruppe, die ein „Manifesto der idealen Arbeit“ ausarbeitet und im Rahmen des Festivals präsentiert. Dazu kommt noch das Eröffnungsprogramm, das am Freitag, 22. September, im Fluc und in der Fluc_Wanne mit zwei Partys über die Bühne geht. Als Headliner live on stage: der rising star der schwedischen Hiphop-Szene, Nadia Tehran. Davor lädt das Kollektiv Bunker vor dem Fluc zur „Talkshow in der Hängematte“ unter dem Motto „Proletarier_innen aller Länder, vergnügt euch!“. Danach erinnert die Gruppe 150 years after mit ihrem marxistischen VolksbildungsRevuetheater und Kabarett „Endlich wird die Arbeit knapp“ an 150 Jahre „Das Kapital“, gefolgt von einer eigenen DJ-Line sowie der „Dolce Far Niente Opening Party“.

Sanatorium Sonnenland. Bild: © Florian Resch

Menschen im Bad. Bild: © Skulptur: Barbara Beranek, Foto: Daniela Beranek, Logo: Queer H2O Team

In den darauffolgenden Tagen hört Wienwoche jenen genauer zu, die Substanzielles oder Exemplarisches über Arbeit, ihre Rahmenbedingungen, ihre Um- und Neuverteilung, ihre Zukunft, ihre Bekämpfung oder Vermeidung zu sagen haben. Der Bogen spannt sich hierbei von jenen Arbeiterinnen und Arbeitern, die nur begrenzten Freizeitzugang haben und unter ausbeuterischen Bedingungen, zum Beispiel in so genannten „Tagesstrukturen“, ihrem Tagewerk nachgehen: Die Bedürfniszentrale / PRO21 ab 22. September), bis zu jenen, denen das Recht auf Arbeit durch das gegenwärtige Grenzregime verwehrt bleibt: New Stories from In- and Outside the Borders / PPC – Protest Production Collective (ab 23. September).

Das Kollektiv Mafi – in Wien lebende Künstlerinnen und Künstler aus Syrien und der Slowakei – bietet einen Perspektivenwechsel auf die Zusammenhänge zwischen Krieg und Flucht, Integration und Arbeit sowie den Wert eines Menschen. Die Film-, Theater- und Performance-Produktion Umgekehrt (ab 29. September) verwischt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, überprüft die Integrationsbereitschaft des Publikums und sucht nach Alternativen zur Eingliederung in eine hierarchische Gesellschaft. Anhand konkreter Fälle thematisiert das Theaterprojekt Feldforschung. Protokoll einer mageren Ausbeute (ab 30. September) mit Franz-Xaver Franz, Lia Sudermann, Olivia Platzer, Lissie Rettenwander und Sónia Melodie in Österreich praktizierte Ausbeutung von Erntehelfern aus Osteuropa sowie deren Widerstand.

In der Fünfhauser Reindorfgasse verarbeitet der Arbeitskreis für Müßiggang, eine Gruppe von Soziologen der Universität Wien und befreundete  Künstlerinnen und Künstler, die eigenen Forschungsergebnisse rund um das Thema Arbeit, Arbeitszeit und Digitalisierung sowie Utopien arbeitsfreier Gesellschaften zu einer multimedialen und interaktiven Ausstellung mit dem Titel Arbeit am Müßiggang (ab 25. September). Alternative Weltentwürfe fußen auf Überlegungen zu Wirtschaft und Wissensaustausch, die sich über monetäre – und patriarchalische – Beziehungen hinwegsetzen. Deshalb beginnt eine neue utopische Initiative in einem Skatepark, in dem sich nicht nur DIY-Subkulturen und Austauschpraktiken bewegen, sondern wo vor allem „Frauen und Queers“ die Freizeit, den Austausch von Fähigkeiten und Objekten übernehmen: Trade Park mit Ana Paula F, Melissa Antunes de Menezes und Antonia Wagner-Strauss (am 24. September).

Nach Geschäftsschluss. Bild: CC BY-SA Natalie Deewan

NoMaden im Speck. Bild: © Ana Paula Franco

Da es bei dolce far niente auch um Vergnügen, um die Freude am Nichtarbeiten oder an einer neuen Art zu arbeiten geht, werden gängige Welten der kapitalistischen Entspannung erforscht und ironisch kommentiert. Mit dem Sanatorium Sonnenland der SelfSightSeeing Company (ab 24. September) verarbeitet Wienwoche die Konsumangebote der Freizeit- und Erholungsindustrie. Das Publikum reist mit der „Kurtram“ vom Urban-Loritz-Platz ins Sanatorium in Simmering, wo diverse Erholungs-Angebote und eine lustvolle Auseinandersetzung mit der nach Wellness dürstenden Leistungsgesellschaft warten.

Ein weiterer Raum der Regeneration, das Floridsdorfer Bad, wird zum Rahmen für wassersport- und modebezogene Showeinlagen sowie für Aqua-Aktivismus: Menschen im Bad von Ursula Napravnik und Freund_innen (am 1. Oktober). Im Zuge der Wienwoche 2017 greifen musikalische Wegelagerer und Zeitdiebe rund um Akkordeonist Otto Lechner und Instrumentenerfinder Hans Tschiritsch die dolce far niente-Bewegung auf. Sie verführen mit ihrer wienerischen Weltmusik Passanten zum Tanzen und auch zum Verlängern ihrer Arbeitspausen:

NoMaden im Speck (ab 23. September). In thematischen Stadtspaziergängen führt die Schrift-hin-und-her-stellerin Natalie Deewan mit Nach Geschäftsschluss (ab 26. September) zu aufgelassenen Wiener Geschäftslokalen. Deren Aufschriften hat sie anagrammatisch bearbeitet und enthüllt so einen möglichen tieferen Sinn der auf dem Weg des Kapitalismus gestrauchelten Umschlagplätze. Aus der Putzerei wird so die Hoffnung auf Pure Zeit.

Zu guter Letzt beteiligt sich das Festival auch an Gesprächen über verschiedene Arten des Zusammenarbeitens, initiiert von anderen Kulturprojekten und Festivals in der Stadt, seien es das Volksstimmefest, Soho in Ottakring oder die Kunsthalle Wien. Letztere öffnet im Rahmen der Ausstellung How To Live Together ein Community College, an dem sich auch Projekte von Wienwoche beteiligen.

www.wienwoche.org

14. 9. 2017

Happy Birthday, du Runde!

August 22, 2017 in Tipps

Ab Heute heißt’s 50!

Bild: pixabay.com

50 Jahre, ach du Schreck! Die Jugend und der Lack sind weg! Muskeln schmerzen, Knochen knacken, manchmal hast du es im Nacken. Du hattest Höhen und auch Tiefen, doch warst stets da, wenn wir dich riefen. Nun das eine sollst du wissen: Bleib uns treu – sonst sind wir aufgeschmissen! Wir wünschen dir von Herzen Glück, du bist und bleibst das beste Stück!

Herzliche Glückwünsche zum 50. Geburtstag!

Friends and Family, 22. 8. 2017

ImPulsTanz: Das Programm 2017

Juni 26, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Jan Fabre ist ein Schwerpunkt gewidmet

Dada Masilo / The Dance Factory: Giselle. Bild: © John Hogg

54 Compagnien bespielen von 13. Juli bis 13. August in 63 Produktionen, davon 12 Uraufführungen, die großen Bühnen der Stadt, neue Orte wie die Außenhaut der Secession, ganze Museen, aber auch so prickelnde Schauplätze wie die Burgtheater Probebühne und weitere 30 Studios über ganz Wien verteilt.

So eröffnet etwa Jan Fabre, dem dieses Jahr ein besonderer Schwerpunkt im Festival gewidmet ist, mit seiner einmaligen Soloperformance „I am A Mistake“ am 13. Juli im Leopold Museum das Festival. Ebendort wo seit 6. Juni die Sonderausstellung „Stigmata – Actions & Performances 1976–2016“ kuratiert von Germano Celant zu Fabres 40 Jahren Performanceschaffen zu sehen sein wird. Ab 18. Juli bringt der belgische Allround-Künstler die Uraufführung von „Belgian Rules / Belgium Rules“ auf die Bühne des Volkstheaters.

Insgesamt 31 österreichische Erstaufführungen, unter anderem von Michael Laub, Cecilia Bengolea & François Chaignaud, Raimund Hoghe, Marlene Monteiro Freitas mit Andreas Merk, Salva Sanchis & Anne Teresa De Keersmaeker, Christian Rizzo, Germaine Acogny und Wim Vandekeybus sind im Rahmen von ImPulsTanz 2017 zu sehen. Ebenfalls erstmals in Österreich zeigt der südafrikanische Ballett-Shootingstar Dada Masilo ihre neueste Produktion „Giselle“ im Volkstheater, wohin sie auch mit ihrem gefeierten „Swan Lake“ als [ImPulsTanz Classic] zurückkehrt. Weitere Classics stehen von Mathilde Monnier & La Ribot, Simon Mayer oder etwa Amanda Piña & Daniel Zimmermann auf dem Programm.

Die Kooperationen mit dem Leopold Museum und dem mumok finden dieses Jahr ihre Fortsetzung. Im Leopold Museum begegnet das Performance-Lebenswerk von Jan Fabre den Wiener Künstlern Akemi Takeya und Oleg Soulimenko, oder Gaëtan Rusquet, Elina Maligina, Marie-Caroline Hominal, Mårten Spångberg und François Chaignaud. Im mumok dialogisieren unter dem Titel „Private? What Private?!“ Christine Gaigg, Lisa Hinterreithner, Philipp Gehmacher, Maria F. Scaroni und Peter Pleyer mit den laufenden Ausstellungen – darunter Jakob Lena Knebls opulente Schau „Oh!“ und die Personale von Martin Beck.

In der Hofstallung wird Ivo Dimchev sechs Tage lang singen, malen und dichten und dabei den Begriff Live Art auf eine neue Stufe heben. Im mumok kino sind Filme von Matthew Barney, Erna Ómarsdóttir und Valdimar Jóhannsson mit der Icelandic Dance Company, oder der Tanzfilmklassiker „Rosas danst Rosas“ von Thierry De Mey zu sehen. Und fast wie nebenbei wird Doris Uhlich die Außenhaut der Wiener Secession zum Schwingen bringen und Liz King bespielt die Akademie der bildenden Künste.

Jan Fabre / Troubleyn: Belgian Rules / Belgium Rules. Bild: © Maarten Vanden Abeele

François Chaignaud: Думи мої / Dumy Moyi. Bild: © Odile Bernard Schröder

Das EU-Projekt „The Humane Body – ways of seeing dance“, das bei ImPulsTanz 2016 lanciert wurde und dieses Jahr seinen Höhepunkt findet, schafft Bewusstsein für Blinde und Sehbehinderte als Publikum für zeitgenössischen Tanz und Performance. So etwa werden Stücke von Anne Juren, Volmir Cordeiro, Vera Tussing und Simon Mayer nicht nur durch Audiodeskreptionen und einführende Touch Tours zugänglich gemacht, sondern Blinde und Sehbehinderte von Beginn an im Kreationsprozess mitgedacht. Die Vorstellungen sind sowohl für blindes und sehbehindertes als auch sehendes Publikum.

Seit 2001 präsentiert die „[8:tension] Young Choreographers’ Series“ innerhalb von ImPulsTanz neue und aufregende Positionen aus Tanz, Choreografie und allem, was daneben, dazwischen oder darum herum liegt. 2017 sind dies acht aktuelle und akute Auseinandersetzungen mit dem digitalen Zeitalter und der Frage, was dieses mit unseren (Selbst-)Bildern und den Projektionen von Liebe und Macht anstellt. Was nicht heißt, dass es in der Ära des globalisierten Selfietums nicht auch noch berückenden Tanz, opulenten Glamour, klare Worte und seltsame Lieder gibt. Oder Punk und Poetry, Eisbären und Pandas, frivole Teezeremonien und Caribbean Queerness aus London.

Der mit der [8:tension]-Reihe verbundene und mit 10.000 Euro dotierte Casinos Austria Prix Jardin d’Europe wird ebenso wie der FM4 Fan Award bei der Award Ceremony gehosted von Florentina Holzinger und Dirk Stermann am 13. August vergeben. Die Jury ist mit Gurur Ertem, Philipp Gehmacher und Inge Koks hochkarätig besetzt. Mit im Rennen um den begehrten Preis sind unter anderem Samira Elagoz, Ola Maciejewska, Claire Vivianne Sobottke, Costas Kekis, Anna Prokopová & Petr Ochvat und Rachael Young.

Das Gesamtprogramm wird abgerundet durch fünf Buchpräsentationen von Mary Overlie, Peter Stamer, Silke Bake & Christel Weiler, einem Research Project Showing von Angela Schubot und einer Music Album Premiere von Ivo Dimchev am letzten Festivaltag im Volkstheater.

Die ImPulsTanz festival lounge gastiert erneut im Vestibül des Burgtheaters und verschreibt sich in diesem Jahr dem Motto „BOING! BOOM! TSCHAK!“ Hier kommen Künstler und Zuschauer, Tanzfans und Musikliebhaber zusammen, tauschen sich aus und tanzen bis zum Morgengrauen. Während der Festivalzeit präsentiert die ImPulsTanz festival lounge allabendlich Live-Konzerte und DJ Sets bei freiem Eintritt. Pause macht sie nur an zwei Abenden. Dann, wenn ImPulsTanz soçial zu den zwei Festivalparties – dieses Jahr mit Sixtus Preiss und Yasmo & die Klangkantine – lädt, die sich als feste Highlights im sommerlichen Nachtleben Wiens etabliert haben.

Germaine Acogny / Mikaël Serre: Somewhere at the Beginning. Bild: © Thomas Dorn

Ismael Ivo / Biblioteca do Corpo: Oxygen. Bild: © Alvise Nicoletti

 

Die Workshops

258 Workshops und Researchprojekte umfasst in diesem Jahr das ImPulsTanz-Programm, das von 17. Juli bis 11. August Anfänger und Profis, Kinder, GoldenAger, AllAbilities und Neugierige aus allen Teilen der Welt einlädt, sich in Parkour, Ballett, Yoga, Bollywood Dance oder Afro Fusion zu probieren. Allein 105 Workshops sind offen für alle Tanzbegeisterten, ob mit oder ohne Vorkenntnisse, und laden ein, in die Welt des zeitgenössischen Tanzes einzutauchen. Highlights dieses Jahr sind die Workshops im Rahmen von Summer of Movement im Haupthof des MuseumsQuartiers – ohne Voranmeldung, ohne Vorkenntnisse und gratis! Darüber hinaus findet erstmals bei ImPulsTanz das Festival Urbaner Künste – urbanative – statt. Von 5. bis 12. August gibt es im Arsenal Kurse, Flohmärkte, Battles und alles, was „urban“ ist. Mit Nina Kripas, Archie Burnett, Yasmo und den Waxolutionists.

www.impulstanz.com

Wien, 26. 6. 2017