Johannes Gans/Eva Wrazdil: Weingeschichten aus Friaul

Juli 23, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Literarische Reise zu edlen Reben

„Mandi!“ lautet der herzliche Willkommensgruß in Friaul. Er bedeutet: Komm herein, nimm Platz und trink ein Glas Wein mit mir. Was gibt es auch Schöneres, als gemütlich mit Winzern beisammen zu sitzen und zuzuhören, wenn sie über ihre Arbeit, ihre Philosophie und die Geheimnisse ihres Weinguts erzählen?

Johannes Gans und Eva Wrazdil laden mit ihren „Weingeschichten aus Friaul“ zu einer literarischen Reise in die geheimnisvollen Tiefen der Weinkeller zwischen Udine, Cividale und Triest ein. Dorthin, wo die Seele dieser reizvollen Landschaft zu spüren ist, die sich nirgendwo deutlicher als im Wein offenbart. Ob es ein Weingarten zwischen den Wasserkanälen der Lagune ist, ein nobler Graf, der auf ein jahrhundertealtes Familienerbe zurückblickt, oder ein kleiner Weinbauer, der neben seinen autochthonen Weinen auch köstliche Salami und Prosciutto produziert: Jedes der vierzig Weingüter, die vorgestellt werden, hat eine spannende Story zu bieten, die Lust macht, die edlen Tropfen zu verkosten.

Dies am besten mit diesem – dank der üppigen Bebilderung mit Fotos von Eva Wrazdil – wunderbar gestalteten Band als Reiseführer, mit dem sich die kulturellen und kulinarischen Köstlichkeiten dieser Region kennenlernen lassen. Vom schlossähnlichen Weingut „Il Roncal“ der Martina Moreale, einer ehemaligen Bankerin, die es der Liebe wegen zur Landwirtschaft zog, über den futuristischen Präsentationsraum von „La Tunella“, den die Familie Zorzettig mit Glasplatten auslegen ließ, damit darunter der Naturboden, die Ponca, zu sehen ist, geht’s zum historischen Bauernhaus der Foffani, wo Elisabetta und Giovanni im denkmalgeschützten Gebäude aus der Zeit um 1500 wirken.

Das Weingut Il Roncal gleicht mit seiner Grotte und seinem Turm einem Schloss. Bild: Eva Wrazdil

Fabjan di Giusto Fabiani: Zum Bianco Pulje gehört Prosciutto. Bild: Eva Wrazdil

Der Weingarten von I Magredi erinnert an barocke Landschaftsgestaltung. Bild: Eva Wrazdil

Malerisch: Castello di Miramare über der Bucht von Grignano nahe Triest. Bild: Eva Wrazdil

Gans und Wrazdil wissen aber nicht nur vom Rebensaft und dessen Produzenten zu berichten. Sie geleiten ihre Leser, ganz nach dem Motto „vino è cultura“, auch zu den Sehenswürdigkeiten des Friaul. Wie dem Dom Santa Maria Assunta mit dem berühmten Altaraufsatz des Patriarchen Pilgrim II. in Cividale del Friuli, der Abtei von Rosazzo, im neunten Jahrhundert Klause des Einsiedlers Alemanno, bis 1823 erweitert zum Sommersitz der Bischöfe von Udine, oder der Borgo Castello, der Festung der Grafen von Gorizia, die die Habsburger als Demonstration ihres Machtanspruchs mit einem Doppeladler überm Tor versehen ließen.

Weil aber Refosco, Verduzzo oder Scioppettino allein auch nicht glücklich machen, gibt‘s Ausflüge in Cafés und Bars, zum Gubana, dem „dolce tipico“ in Friaul, einem Grappa-getränkten Kuchen, zum Geschmacksexperiment dreißig Jahre alten „Asperum“, einen pikantsüßen Balsamico, auf Orangenschokolde zu probieren, oder, wer’s lieber deftiger mag, zu Salumi, Orzotto, einem Gerstengericht mit Salsiccia, oder einer in Chardonnay geschmorten Gans, der Spezialität von Monica und Giorgio Zaglia. Zum Abschluss, natürlich ein Gläschen Passito, dem aus nahezu rosinierten Trauben gemachten Süßwein, und von Johannes Gans ein Glossar, damit man den Genuss das nächste Mal auch mit Fachvokalen wirken lassen kann. Alla vostra salute!

Über die Autoren: Johannes Gans: Jahrgang 1955, Studium an der Universität für darstellende Kunst, seit 30 Jahren freier Journalist, unter anderem im ORF-NÖ, als Buchautor bei mehreren Verlagen (unter anderem Falter, Stocker) tätig und seit 2010 Herausgeber des online-Magazins „Kultur & Wein“. Eva Wrazdil: 41 Jahre Fotografin bei Foto Simonis, anschließend als freie Fotografin für diverse Bücher (unter anderem Klostergeheimnisse, Wachau Reiseführer, Handwerk und seine Meister) tätig, derzeit zuständig für die grafische Gestaltung im online-Magazin „Kultur & Wein“. www.kulturundwein.com

Verlag Anton Pustet, Johannes Gans, Eva Wrazdil: „Weingeschichten aus dem Friaul“, Sachbuch, 160 Seiten.

www.pustet.at

  1. 7. 2019

Circus Roncalli: Storyteller. Gestern – Heute – Morgen

Oktober 6, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Poesie der Clownerie

Paolo Carillon erzählt eine poetische Eisenbahngeschichte. Bild: Circus Roncalli

Roncalli, das ist Gesamtkunstwerk auf dem Rathausplatz, das sind Fantasiewesen und skurrile Geschöpfe, die das Publikum schon lange vor dem Einlass abholen und in ihre Welt entführen, das ist der Kindheitsgeruch nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Roncalli, das sind die Clowns, die Pierrots, die Colombinen, die dummen Augusts, sie wie immer das Herz der Show.

Die einzige „Tiernummer“: eine Hommage an die Elefanten Footit & Chocolat. Bild: Circus Roncalli

Anatoli Akermann und Eddy Neumann crashen sich durch die Zirkusshow. Bild. Circus Roncalli

„Storyteller. Gestern – Heute – Morgen“ heißt die, die Roncalli-Gründer Bernhard Paul für die diesjährige Tournee seines Circus erdacht hat, und bis man endlich drinnen ist im Zelt, ist man dort längst angekommen, längst verzaubert, längst im Zirkusfieber. Minutenlang werden die Artisten schon anfangs mit Applaus bedacht. Für das hochkarätige Programm, durch das Weißclown-Conférencier Gensi und seine Kollegen Anatoli Akerman und Eddy Neumann, die sich mit ihrer spaßigen Art durch die Nummern crashen, führen, hat Bernhard Paul sich wieder einmal neu erfunden. Die Nostalgie früherer Shows ist natürlich da, das Sentiment und die leise Melancholie gehören zur Roncalli-Melange. Etwa, wenn Paolo Carillon und seine verrückten Maschinen – für seine neue Nummer trägt er einen dampfenden Lokomotivzylinder – jede harte Realität weichzeichnen. Oder Hamza Benini und Moustapha Niasse, die mit ihrer Hommage an Footit & Chocolat die einzige „Tiernummer“ im Programm sind.

Quincy Azzario ist die „Sharon Stone der Handstandkünste“. Bild: Circus Roncalli

Vivian Paul und Natalia Rossis sind die Queens of Baroque. Bild: Circus Roncalli

Doch auch diesmal sorgen viele junge, schon vielfach preisgekrönte Artisten mit ihren temperamentvollen Nummern für Tempo und modernes Flair. Schauen heißt Staunen, und Stimmung ist vom ersten Moment an. Neben der Poesie der Bilder besticht auch die akrobatische Leistung. Sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben! Etliche Darbietungen in dieser Form tatsächlich zum ersten Mal. Wie Quincy Azzario, die „Sharon Stone der Handstandkünste“, die gemeinsam mit ihrer Schwester bereits einen silbernen Clown in Monte Carlo gewann. Bei ihrer Solo-Darbietung begeistert die junge Akrobatin nun mit Trickfolgen, die nur ein sehr kleiner Kreis an Künstlern beherrscht. Von Anstrengung keine Spur, ebenso wie bei den Cedeños Brothers, die bei ihren beiden Auftritten die Schwerkraft aushebeln. Als Highlight fliegen die vier einmalig auf der Welt die „ikarische Passage“.

Die Cedeños Brothers hebeln bei der „ikarischen Passage“ die Schwerkraft aus. Bild: Circus Ronalli

Biegsame Grazien: die Bello Sisters bilden lebende Statuen. Bild: Circus Roncalli

Und mitten drin die Bernhard-Paul’sche Tochter: Vivian Paul, die im Jubiläumsprogramm mit einer Luftdarbietung begeisterte, hat jetzt mit Natalia Rossi die Aerial-Chandelier-Nummer „Queens of Baroque“ entwickelt. In höchster Höhe wirbeln die beiden in barocken Kostümen an einem edlen Kronleuchter. Auf feine, ästhetische, aus den Körpern gemalten Figuren folgen schwungvolle Trickfolgen bis hin zum gegenseitigen Nackenwirbel. Traumhaft schön zum Hinsehen, obwohl man wegen der Waghalsigkeit der Kunststücke mitunter auch mal wegsehen möchte. Ebenso verwegen, wenn auch auf dem Boden, ist der Auftritt der Bello Sisters, die zu dritt lebende Statuen erschaffen. Sie sind ein weiterer atemberaubender Höhepunkt der Show. Zu Recht bejubelt, bevor sich die Zuschauer mit bunten Luftballons beschenkt glücklich nach Hause träumen.

Bis 14. Oktober in Wien, danach in Graz und Linz.

www.roncalli.de

6. 10. 2018

TheaterArche: Crowdfunding für ein Sportstück

Juni 3, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Herbst heißt es dann „Anstoß“

Performerin Cornelia Scheuer. Bild: Jakub Kavin

TheaterArche bittet einmal mehr zum Crowdfunding. Finanziert werden soll diesmal das Sportstück „Anstoß“, das im Herbst in Wien Premiere haben wird. Ab 12 Euro ist man dabei, für die es als Gegenleistung beispielsweise Yoga-Unterricht mit Schauspielerin Elisabeth Kofler, Personal Training mit Olympionikin Caroline Weber oder auch einen persönlichen Olympiasieg gibt.

„Anhand der zwei sportlichen Großereignisse im Jahr 2018 wollen wir die Faszination Sport hinterfragen: den olympischen Spielen und der Fußball-WM in Russland. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Auswirkungen dieser Ereignisse sollen sowohl global als auch lokal unter die Lupe genommen werden“, erklärt Regisseur Jakub Kavin das Projekt. „Teil des Ensembles wird eben Caroline Weber sein. Sie ist Schauspielerin. Ihr erster Beruf war der der Profisportlerin. Als 55-fache österreichische Staatsmeisterin in der rhythmischen Sportgymnastik sowie zweifache Olympiateilnehmerin wird sie im Rahmen der Stückentwicklungsarbeit eine wichtige Impulsgeberin für das gesamte Ensemble sein.“

„Anstoß“, verspricht er weiter, wird ein Stück mit einer gesunden Portion Selbstironie werden. Die Perversion und Faszination des Weltwirtschaftsmotors Profisport wird im kleinen Rahmen der Wiener Theaterszene künstlerisch aufbereitet. Kavin: „Scheitern ist Programm. Mut auch.“ Jeder Abend ein neues Wagnis. 90 Minuten lang.

Zum Crowdfunding: wemakeit.com/projects/anstoss

www.theaterarche.at

3. 6. 2018

Rainer Nikowitz: Altenteil

Januar 23, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Satire kann auch ein Krimi sein

Der Suchanek ist zurück. Nach „Volksfest“ und „Nachtmahl“, die beide Platz 1 in der österreichischen Bestsellerliste erreichten, lässt Autor Rainer Nikowitz seinen hochgradig unwilligen Ermittler in den nächsten Fall stolpern. In „Altenteil“ wird Suchanek sein Drogenproblem zum Verhängnis, der Richter brummt ihm einen Monat Sozialdienst im Altersheim auf. Nachmittagsbingo, Schnabeltasse, Erwachsenenwindel. Und dazu der endlos graue Wiener Winter. Und natürlich sterben die Leute ohnehin schon wie die Fliegen.

Nur geht das offenbar jemandem nicht schnell genug. „Wer bringt denn bitte Leute um, die sowieso bald von selber sterben?“ Irgendein Angehöriger mit Erbwunsch? Der Pfleger mit dem ebenso illegalen wie unappetitlichen Nebenerwerb? Oder einer von den Alten selbst? Da gibt es ja auch solche und solche. Mit einem seiner Schutzbefohlenen verbindet den Suchanek bald so etwas wie eine Freundschaft. Der Mann bekommt nie Besuch, hasst alte Menschen und wird doch zur treibenden Kraft hinter Suchaneks Ermittlertätigkeit …

„Altenteil“ ist ein gelungener Wien-Krimi mit extraschwarzem, extratrockenem Humor. Nikowitz treibt mit dem Grauen und der menschlichen Grausamkeit seine Scherze, und das so, dass man laut lachen muss. Der Meister der Satire beweist einmal mehr, dass er sein Lieblingsgenre auch auf Krimi umfunktionieren kann. Die Charaktere sind schräg, die Handlung skurril, die Sprache pointiert. Ein Lesevergnügen!

Bild: pixabay.com

Über den Autor:
Rainer Nikowitz, geboren 1964, ist bekannt als Politsatiriker des Nachrichtenmagazins profil. Acht Mal „Kolumnist des Jahres“, seit vielen Jahren Bühnenauftritte mit Florian Scheuba mit dem Lesekabarett „Land in Sicht“. Autor von bisher acht Büchern, vor allem der Kriminalromane „Volksfest“ (2012), „Nachtmahl“ (2014) – und nun eben „Altenteil“.

Rowohlt-Polaris, Rainer Nikowitz: „Altenteil“, Kriminalroman / Reihe: Suchanek ermittelt, 320 Seiten

www.nikowitz.at

www.rowohlt.de

  1. 1. 2018

Isa Hochgerner: Paulas Kampf

Januar 22, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück über Hitlers kleine Schwester

Es ist nicht allgemein bekannt, dass Adolf Hitler eine kleine Schwester namens Paula hatte, das einzige außer ihm das Kindesalter überlebt habende Geschwister, und nach seinem Wunsch gezwungen unter seinem Spitznamen „Wolf“ zu leben – ein „Führer“ hat keine Familie. Bereits 1930 allerdings bekam sie die Wirkung des Bruders zu spüren, als sie ihre Arbeitsstelle in der Bundesländer-Versicherung verlor, weil man befürchtete, sie würde geheime Informationen an die Partei weitergeben. So lebte sie finanziell unterstützt von Hitler erst in Wien, schließlich in Berchtesgaden, wo er sie zu ihrem Schutz unterbrachte.

Ebendort soll Paula Wolf 150 Seiten unter dem Titel „Jugenderinnerungen“ verfasst haben. Die gelangten nie an die Öffentlichkeit, das Manuskript gilt als verschollen. Und ebenda setzt Isa Hochgerners Theaterstück „Paulas Kampf“ an, das sie nun gemeinsam mit Angela Schneider im Café Korb präsentierte. Hochgerner verschränkt darin Paulas Geschichte mit der ihrer Großkusine Aloisia Veit, die an Schizophrenie erkrankt am Steinhof lebte. In der Fiktion bitten Verwandte Paula sich um Aloisia zu bemühen, würden doch immer mehr „Irre“ einfach verschwinden – umsonst, auch Aloisia wird als Teil der Aktion „T4“ 1940 im Lager Hartheim vergast.

Hauptverantwortlicher, weil Gutachter, ist der Psychiater Dr. Erwin Jekelius. Paula verliebt sich und verlobt sich mit ihm, doch Hitler höchstpersönlich verbietet die Verbindung, lässt Jekelius erst verhaften, dann an die Ostfront befördern … Das alles nimmt Paula in Berchtesgaden durch den Schleier der Vergangenheit wahr. Mit ihrem Buch will sie lieber daran arbeiten, ihren „Dolferl“ jenseits von Kriegserklärung und Euthanasiebeschluss zu rehabilitieren: „Er kann sich ja nicht wehren, gegen diese verlogenen Anschuldigungen von unseren Feinden! Von dieser Saubande! Jetzt geht es um die Familienehre, ich muss seine Zukunft retten für die Nachwelt“, heißt es dazu im Text.

Hochgerner montiert geschickt Fakten und Fiktion, in Träumen lässt sie die „erlöste“ Aloisia aus dem Jenseits auftreten, und auch den im sowjetischen Arbeitslager an Krebs umgekommenen Jekelius, er die Schnittstelle der beiden Frauenschicksale. Paulas Zwiegespräche mit einem der beiden zählen zu den stärksten Momenten des Stücks. „Paulas Kampf“ ist ein Text in bester Volkstheatertradition, so „scheußlich“ wie sarkastisch, der durch seine scharfe Charakterzeichnung und die prägnanten Dialoge besticht. Angelegt ist das Stück für acht Schauspieler in 17 Rollen. Die Rechte liegen beim Thomas Sessler Verlag.

www.sesslerverlag.at

www.isahochgerner.at

22 1. 2018