Kultur bei Winzerinnen und Winzern

Juni 24, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Konzerte, Lesungen und Urlaub auf dem Weingut

Tini Kainrath. Bild: © Clipwerk, Thomas Hötzeneder

Als edelstes aller Getränke steht der Wein seit je in einem Naheverhältnis zur Kunst. Wer könnte sich Komponieren, Dichten oder Musizieren ohne den Rebensaft denken? Kreative Köpfe aus dem Weinbau treffen von 1. Juli bis 2. September auf kreative Köpfe aus der heimischen Kulturszene. In acht niederösterreichischen Weinbaugebieten finden 39 Veranstaltungen bei 39 Winzerinnen und Winzern mit 99 Künstlerinnen und Künstlern statt.

Von Jazz und Weltmusik, Literatur und Poetry Slam bis hin zu Kabarett reicht das Programm, das mit seiner Kombination aus Kultur und Kulinarik punktet. Gespielt und verkostet wird auf Weingütern und in Heurigen, in Kellergassen oder sonstigen stimmungsvollen Locations, die sich, neben ihren anderen Verwendungszwecken, auch allesamt als optimale Spielplätze für Top-Kulturschaffende eignen.

Mit dabei sind Musikgrößen wie Tini Kainrath, „Martin Spengler und die foischn Wiener*innen“ oder die Strottern sowie Autorinnen und Autoren wie Eva Rossmann und Richard Schuberth. Otto Lechner tritt in unterschiedlichen Formationen, unter anderem mit Anne Bennent oder Johannes Strasser, auf. Mit Rudi Roubinek und Mieze Medusa wird die österreichischen Kabarett- und Kleinkunstszene ebenso erwartet, wie die ausgewiesenen Weinkenner Thomas Maurer und Florian Scheuba, die mit ihren kommentierten Weinverkostungen stets für große Begeisterung sorgen.

Thomas Maurer. Bild: © Ingo Pertramer

Die Strottern. Bild: © Peter Mayr

Anne Bennent & Otto Lechner. Bild: © Doris Kittler

Viktor Gernot. Bild: © Felicitas Matern

Neu im Programm sind Tini Trampler@Playbackdolls. Sie eröffnen die Veranstaltungsreihe am 1. Juli im neuen Weinkeller des Vorspannhof Droß im Kremstal. Ebenfalls das erste Mal dabei ist Kabarettist Viktor Gernot mit einem Solo im Weingut Schödl. Zur Weinbegleitung philosophiert Gernot über Gott, die Welt und das, was im Leben alles schiefgehen und schiefliegen kann. Sigi Finkel und Mamadou Diabaté spielen am 22. Juli gemeinsam mit der Akkordeonistin Heidelinde Gratzl im Bio-Weingut Toifl auf, wo die Trauben noch von Hand geerntet werden. Kurdophone bieten eine Mischung aus Jazz, Klassik und traditioneller kurdischer Musik aus dem Iran. Das Ensemble ist am 8. August zu Gast im Bio-Weingut Mantlerhof in Gedersdorf.

Und natürlich darf auch das Wienerlied nicht fehlen: Das Trio „Zur Wachauerin“ mit Michael Bruckner, Wolfgang Kühn und Fabian Pollak findet sich am 17. August im Weingut Herzog ein. Der beliebte Winzerslam findet am 10. Juli im Weingut Norbert Bauer statt und wird von Mieze Medusa moderiert. Sechs Slammerinnen und Slammer treten in drei Runden gegeneinander an. Zum Kulturgenuss werden vor jeder Runde die feinsten Weine des Weinguts Norbert Bauer serviert. Der Gewinner oder die Gewinnerin darf am 31. Juli im Weingut Maringer noch einmal auftreten, wenn Rudi Roubinek mit Winzer Johannes Maringer die Weine des Weinguts verkostet.

Vorspannhof Droß. Bild: © Vorspannhof Droß

Weingut Prechtl. Bild: © Robert A. Herbst

Weingut Herzog. Bild: © Johann Ployer

Weingut Schober. Bild: © Weingut Schober

Infos zu allen Veranstaltungen und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern finden Interessierte im Veranstaltungskalender Niederösterreich: veranstaltungen.niederoesterreich.at/Series/2156/kultur-bei-winzer-innen. Die Tickets sind direkt bei den teilnehmenden Weingütern erhältlich. Das Terminheft kann unter folgendem Link kostenlos bestellt oder online durchgeblättert werden: www.niederoesterreich.at/terminheft-kultur-bei-winzerinnen. Wer dem Wein gebührend zusprechen möchte, kann direkt auf einem Winzerhof nächtigen oder in der Umgebung kurzurlauben: www.niederoesterreich.at/urlaub-winzerhof. Unterkünfte gibt es von urig und originell bis modern und stylisch. Die Favoriten von www.mottingers-meinung.at:

Tipps für Übernachtungen und Kurzurlaube

Seelenruhig und heimelig ist es mit Karl, dem stilvollen Wohnwagon des Winzerhaus Schöller in Wagram ob der Traisen. Direkt im Weingarten wohnen und abends den hauseigenen Wein von womöglich exakt jenen Reben genießen, zwischen denen man nächtigt – traumhaft. Danach zwei Schritte machen und ins kuschelige Wohnwagon-Bett fallen: www.weinschoeller.at/wohnen/wohnwagon-karl. Schlummern wie die Trauben im Fass kann man am Winzerhof Küssler. Das Originalweinfass bietet entweder 9000 Litern Wein oder Gästen Platz. Die gemütliche Sitzecke ist einfach perfekt für ein Gläschen Küssante.

Mitten im Weingarten; Der Wohnwagon „Karl“ des Winzerhaus Schöller. Bild: © schwarz-koenig.at

Schlummern wie der Rebensaft – im 9000-Liter-Weinfass im Winzerhof Küssler. Bild: © Winzerhof Küssler

Das alte Hafnerhaus des Weinguts Malat gibt sich innen modern: Badezimmerblick auf Stift Göttweig. Bild: © Malat

Naturbelassene Bungalows beim Bio-Weingut Weber. Bild: © Niederösterreich-Werbung/Andreas Hofer

Moderne Architektur und heimische Materialien großartig kombiniert: Die Mauern aus den Steinen des alten Hafnerhauses, die Formen kubisch und klar. Innen dominiert stilvolle Zurückhaltung, außen ist die Natur Hauptdarsteller: Das Malat Hotel (9 Suiten und ein Appartement) liegt inmitten von Weingärten, mit imposantem Blick auf Stift Göttweig. Naturbelassene Bungalows inmitten der Roseldorfer Kellergasse, umrahmt von einer Idylle. Minimalistisch und reduziert geben die Zimmer „Birne“ und „Nuss“ des Bioweingut Webers den Fokus auf das Wesentliche frei, die Weingärten und den Wein.

www.niederoesterreich.at/kultur-bei-winzer-innen

24. 6. 2022

Nesterval ums und im Wiener Riesenrad

Juni 23, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Feier zum 125. Geburtstag mit dem Ensemble

Julia Fuchs als Freud, Johannes Scheutz als Falco. Bild: © Wr. Riesenrad, Anna Maria Indra

Das Wiener Riesenrad gestaltet zum 125-Jahre-Jubiläum gemeinsam mit dem Nestroy-Spezialpreis 2020 ausgezeichneten Ensemble Nesterval, ein einzigartiges Theater-Erlebnis, das sich zeitlich vom Kauf des Tickets bis nach der Fahrt erstreckt. Räumlich werden dabei Vorplatz, Panorama Museum und natürlich das Riesenrad selbst miteinbezogen. Dabei erweckt Nesterval zum Riesenradjubiläum ein Stück, das allen Wienerinnen

und Wienern und internationalen Besucherinnen  und Besuchern 125 Jahre Geschichte präsentiert. Historische Fakten und persönliche Erinnerungen werden aufgegriffen und theatralisch übersetzt. Die Fahrt mit dem Riesenrad wird zu einem Eintauchen in die Geschichten und zu einer einzigartigen, individuellen Erinnerung. Da die Darstellerinnen und Darsteller alle auch Englisch sprechen, können Gäste aus dem Ausland jederzeit einbezogen werden. Die Performerinnen und Performer verkörpern einerseits historische Persönlichkeiten, andererseits auch waschechte Wiener Originale.

Der erste Kuss kann ebenso Thema werden, wie der Heiratsantrag und der Kaiser selbst wird natürlich genauso anwesend sein, wie der Zeitungsjunge oder der berühmte Schriftsteller. Fiktion und Realität vermischen sich in den Figuren und das Publikum wird eingeladen, sich spielerisch in die Welt des Riesenrades und damit in die Welt der österreichischen Geschichte zu begeben. Das Ausmaß der Interaktion mit dem Ensemble wird von den Fahrgästen bestimmt. Niemand muss, aber jeder kann an dem Erlebnis teilnehmen.  Doch wer möchte nicht ein Foto mit dem Kaiser oder ein kurzes Gespräch mit der Artistin Marie Kindl, die sich im Juli 1898 während der Fahrt aus dem Fenster eines Waggons hängte …

Julia Fuchs als Sigmund Freud und Johannes Scheutz als Falco. Bild: © Wiener Riesenrad, Anna-Maria-Indra

Die acht historische Waggons im Panoramamuseums zu Fuße des Riesenrads. Bild: © Wiener Riesenrad

Das Innenleben der acht Waggons: 2000 Jahre Wiener Geschichte und Prater-g’schichln. Bild: © Wr. Riesenrad

Möglichkeit dazu hat man am Eröffnungstag, dem 25. Juni, zwischen 11 und 15 Uhr und danach jeden Tag von 17 bis 21 Uhr bis zum 2 Juli.  Das Erlebnis ist im Ticketpreis inkludiert (Erwachsene: 13,50 €, Kinder: 6,50 €). „Die Nesterval-Inszenierung ist ein Geburtstagsgeschenk des Riesenrades an alle, wir wollen das gemeinsam feiern und schenken den Gästen diese historischen Begegnungen. Es ist keine Extra-Buchung oder Bezahlung erforderlich, die Performance ist im Standardticketpreis inkludiert“, sagt Riesenrad-Sprecher Ingo Dopplinger, unter weiter: „Die Dauer für jede und jeden Besucherin und Besucher erstreckt sich von der Ankunft, Eingangsbereich im Innenraum, Panorama, bis zur Fahrt im Riesenrad und zum Ausstieg auf circa 20 bis 30 Minuten.“

Neu: Die Plattform 9

Auf der brandneuen Plattform 9 können Schwindelfreie, die den besonderen Adrenalinkick suchen, bei einer luftigen Fahrt auf einer Stahlkonstruktion mit Glasboden ein losgelöstes und aufregendes Höhengefühl genießen, wie es bis dato nur die Konstrukteure im Jahr 1897 beim Bau des Wiener Riesenrades erlebt haben. Buchbar ab einem Alter von 14. Jahren ab 89 €. Infos und Buchen: wienerriesenrad.com/tickets-2/plattform-9

Die neue Plattform 9 … Bild: © Wiener Riesenrad

… für Schwindelfreie. Bild: © Wiener Riesenrad

Gourmet-Frühstück. Bild: © Theuer & Punzet Gastronomie OG

Et bien sûr j’étais déjà là. Bild: © Yasir Ali Mehmood

Die Gourmetwaggons

Wer es beschaulicher schätzt, dem seien kulinarische Rundfahrten in den privaten Gourmetwaggons empfohlen. Sei es zum Frühstück, Wiener Gabelfrühstück, Tea-Time, Aperitivo Italiano oder zu Kaffee und Kuchen, als Candlelight-Dinner für zwei (Dauer eineinhalb Stunden, vier dreigängige Menüs zur Wahl), alles drei auch mit bis zu elf Freunden, oder für die Familienfeier für bis zu 15 Personen. Infos, Buchen, Geschenkgutscheine: www.zumriesenrad.at/de/gourmet-waggons

wienerriesenrad.com           www.nesterval.at           www.theuer-punzet.at

23. 6. 2022

Werk X-Petersplatz am Judenplatz: Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik. Der Eintritt ist frei.

Juni 18, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein öffentlicher theatraler Gerichtsprozess samt Urteil

Die Protagonistinnen des „Asyl Tribunal“ am Judenplatz (v.l.n.r.): Ingrid Pozner, Denise Teipel, Noomi Anyanwu, Ines Rössl, Amani Abuzahra, May Garzon, Mahsa Ghafari und Alice Schneider. Bild: © Rezzarte

„Ein Rechtsstaat bleibt ein Rechtsstaat“, sagt Karl Nehammer, der österreichische Bundeskanzler. Das Theater- kollektiv Hybrid stellt infrage, ob dies auch für den Asylbereich gilt – in „Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik“, einem öffentlichem Gerichtsprozess in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz. Premiere der von Alireza Daryanavard inszenierten Uraufführung ist am 20. Juni.

Weitere Termine von 22. bis 25. Juni, jeweils 19.30 Uhr am Judenplatz, 1010 Wien, sowie live auf www.okto.tv. Der Eintritt ist frei. Jede Vorstellung wird aus dem Deutschen synchronübersetzt in Arabisch und Dari/Farsi, bitte für die Übersetzung Smartphone und eigene Kopfhörer mitbringen.

Der Gerichtsprozess

In Asyl Tribunal wird, basierend auf realen Sachverhalten, in einem symbolischen Tribunal verhandelt, wie wirksam Asylsuchende in Österreich zu ihrem Recht auf Asyl kommen. Die Klage und die Verteidigung werden in einem mehrtägigen Verfahren im öffentlichen Raum vorgetragen. Gemeinsam mit Richterinnen und Richtern, Expertinnen und Experten sowie der Republik Österreich findet ein Gerichtsprozess statt, der sich mit aktuellen Problemlagen auseinandersetzt. Die österreichische Gesetzgebung erschwert die Zusammenführung von Asylsuchenden mit Angehörigen zunehmend. Aus vielen Krisen und Kriegsgebieten gibt es derzeit keine Möglichkeit, auf legalem Weg nach Österreich zu gelangen. Es finden illegale Pushbacks an Österreichs Außengrenzen statt.

Zwar ist Österreich zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechts- konvention (EMRK) verpflichtet, doch die Republik Österreich steht aktuell unter dringendem Verdacht, wesentliche Grundrechte von Asylberechtigten zu missachten. Maßgebliche sterreichische Asylrechts- bestimmungen scheinen die Europäische Grundrechtecharta und die EMRK umgehen zu wollen, indem sie Vorgänge rechtskonform erscheinen lassen, die eigentlich einen Rechtsbruch darstellen. Asyl Tribunal ist ein ffentliches theatrales Verfahren, an dessen Ende ein Urteil gefällt und gegenüber der Republik verkündet wird.

Mit May Garzon, Ines Rössl , Denise Teipel, Amani Abuzahra, Noomi Anyanwu, Victoria Kremer, Marie Noel, Ingrid Porzner, Alice Schneider und Hicran Taptik. Recherche und Dramaturgie: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Autorin, Schauspielerin und Moderatorin, Mitbegründerin des Vereins Flucht nach Vor, der 2015 mit dem Ute-Bock-Preis für Zivilcourage gewürdigt wurde, seit 2012 Vorstandsmitglied von  SOS Mitmensch. Rechtsberatung und Text: Ronald Frühwirth, früher Rechtsanwalt in Graz für Asylrecht und Menschenrechtsfragen, heute Vollzeitvater, Vortragender und Autor zum Thema Asylrecht. In Zusammenarbeit mit SOS Balkanroute, SOS Mitmensch, Okto, Venga! und #aufstehn.

Die Verhandlungstage

TAG 1 Montag, 20. 6 – Weltflüchtlingstag, Thema: Westbalkonroute
Nach dem Eintreffen des Demozuges anlässlich des Weltflüchtlingstags beginnt die Klage gegen die Republik mit den Plädoyers der klagenden und der beklagten Seite sowie dem Abstecken des rechtlichen und inhaltlichen Rahmens des Verfahrens. Im Mittelpunkt steht die Missachtung der Genfer Flüchtlingskonvention und des Rechts auf Asyl, das die Grundrechtecharta der Europäischen Union gewährleistet. Die Verhandlungsgegenstände und die Beweggründe für die Klage werden dargelegt. Die Kommission berichtet, welche Bedeutung das Schließen der „Westbalkanroute“ für die Einleitung dieses Verfahrens hatte.

TAG 2 Mittwoch, 22. 6., Themen: Familienzusammenführung, Push-Backs
Am zweiten Tag geht es um das Aussetzen von Resettlementprogrammen, die Menschen die einzige sichere Fluchtmöglichkeit nach Österreich ermöglichen würden; außerdem um das Erschweren von Familienzusammen- führung als letzte verbleibende Möglichkeit für Schutzsuchende, auf legalem Weg zur Asylantragstellung nach Österreich zu gelangen. Zudem kommt es nachweislich zu illegalen PushBacks an den Grenzen, die bisher seitens der Republik ignoriert werden zu diesem Punkt werden zwei Zeuginnen aus Bosnien, Zemira Gorinjak und Salena Klepić, ihre Beobachtungen dem Gericht und den Zuhörerinnen und Zuhörern mitteilen.

TAG 3 Donnerstag, 23. 6., Themen: Ungleichbehandlung von Ukraine-Flüchtlingen, rassistische Gewalt
Am dritten Tag folgt die Auseinandersetzung mit der ungleichen Behandlung von Schutzsuchenden aus der Ukraine sowie den zahlreichen Erfahrungen von rassistischer Gewalt, die Black and People of Color im Zuge ihrer Flucht aus der Ukraine widerfuhr. Als Zeugin spricht an diesem Tag Mariama Nzinga Diallo, die zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Polen befragt wird.

TAG 4 Freitag, 24. 6., Themen: Behörden-Verstöße, Abschiebung von Kindern und nach Afghanistan
Am vierten Tag werden Missstände und Verstöße der Behörden gegen gesetzliche Bestimmungen in Asylverfahren aufgezeigt. Dazu zählen etwa sehr umstrittene Methoden zur Altersfeststellung bei Minderjährigen oder die unzulässige, aber dennoch gängige Praxis der ersten Befragung zu Fluchtgründen durch Polizeibeamtinnen und -beamte. Durch solche Vorgangsweisen werden zahlreiche Schutzsuchende daran gehindert, zu ihrem Recht auf Asyl zu kommen denn über einen großen Teil der Fälle wird auf Grundlage dieser Vorgänge negativ entschieden. Schließlich geht es um die Missachtung des Kindeswohls, die schwache Position von unbegleiteten Kindern im Asylverfahren und um kritikwürdige Abschiebungen nach Afghanistan.

Danach: InstaWalk zur Produktion Asyl Tribunal von und mit Patrizia Reidl in Kooperation mit Igersvienna, der sich inhaltlich der „Menschenrechtsstadt Wien“ widmet, 17 Uhr, Treffpunkt: WERK XPetersplatz.

TAG 5 Sammstag, 25. 6., Schlussplädoyers und Urteilsverkündung
Am letzten Tag präsentieren die Parteienvertreterinnen und -vertreter ihre Schlussplädoyers. Danach folgt die Urteilsverkündung durch die Richterinnen.
Im Anschluss an die letzte Vorstellung findet ein Expertinnen-/Experten und Künstlerinnen-/Künstlergespräch im WERK XPetersplatz mit Ronald Frühwirth, Rechtsexperte für Asyl und Migrationsrecht, und Ines Rössl, Schauspielerin und Rechtswissenschafterin, rund um das Thema Asyl und Migrationsrecht in sterreich statt. Auch Beweggründe und Herausforderungen bei der Erarbeitung des Stücks werden durchleuchtet; Moderation: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Theaterschaffende und Dramaturgin von „Asyl Tribunal Klage gegen die Republik“.

Der iranischstämmige Theatermacher und Schauspieler Alireza Daryanavard. Bild: © Isa Heliz

Wiederaufnahme im November: „Blutiger Sommer“ mit Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Alireza Daryanavard in „Ein Staatenloser“, Wiederaufnahme 2020. Bild: © Alexander Gotter

Regie & Konzept: Alireza Daryanavard

Der Performancekünstler und Regisseur wurde im Iran geboren und begann im Alter von 12 Jahren als Schauspieler zu arbeiten. Neben Hauptrollen in Kino und TV war er auch als Fernseh und Radiomoderator tätig. Als es ihm offiziell nicht mehr erlaubt war, künstlerisch tätig zu sein, gründete er ein Untergrundtheater in seiner Herkunftsstadt Buschehr, bis die Situation lebensgefährlich wurde und er schließlich fliehen musste. Seine Flucht führte ihn 2014 nach Österreich, wo er seitdem in Wien als Schauspieler, Musiker und Regisseur lebt. 2017 wurde ihm das Startstipendium des Bundeskanzleramts Österreich für Darstellende Kunst verliehen, 2019 war er Stipendiat beim Heidelberger Stückemarkt sowie bei „In the Field“ der Wiener Festwochen.

Am WERK XPetersplatz begeisterte er Presse wie Publikum sowohl in der Spielzeit 2018/19 mit der Uraufführung von Ein Staatenloser (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) als auch in der Spielzeit 2020/21 mit seinem Stück Blutiger Sommer”, für das er in der Kritikerinnen- und Kritikerumfrage von Theater heute bei den Höhepunkten der Saison in der Sparte Beste/r NachwuchskünstlerIn geführt ist, und das auch für den NestroyPreis 2020 in der Kategorie Bester Nachwuchs männlich nominiert wurde. Das Stück wird im November 2022 im WERK XPetersplatz wiederaufgenommen. www.alireza-daryanavard.com

werk-x.at

18. 6. 2022

TheaterArche: Des Knaben Wunderhorn

Juni 17, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gustav Mahlers Kunstlieder erstmals in Szene gesetzt

Michael C. Havlicek als „Ein Mann“ aka Gustav Mahler und TheaterArche-Intendantin Manami Okazaki als „Eine Frau in seinem Traum“. Bild: © Jakub Kavin Theaterarche

In der TheaterArche erleben Gustav Mahlers Kunstlieder „Des Knaben Wunderhorn“ erstmals ihre szenische Aufführung. Die Uraufführung der Sammlung als Musiktheater findet vorerst am Samstag, 18. Juni um 19.30 Uhr, gefolgt von einer Vorstellung am Sonntag, 19. Juni um 16, Uhr statt.

„Des Knaben Wunderhorn“ ist die Geschichte eines unruhigen Mannes, eines Zeitgenossen, der durch die Auseinandersetzung mit

Mahlers Musik unterschiedliche Menschen kennenlernt und tiefe Einsichten über das Leben gewinnt. Die japanische Regisseurin Miharu Sato stellt sich der Herausforderung, weltweit zum ersten Mal Mahlers Werk zu inszenieren. Ihr Anliegen ist kein Geringeres, als den Geist der Wunderhorn-Lieder durch den Prozess der Transformation in ein Musikdrama neu zu beleben, etwas, das Mahler als 20-Jähriger ausprobiert und als Opernskizze hinterlassen hat: ein Musikstück im Märchenstil zu rekonstruieren. 

Miharu Sato ist spezialisiert auf derlei Arbeiten. Sie forschte über des Opernreformers Wirken als Direktor im Haus am Ring und schrieb ihre Dissertation über „Die Ära Gustav Mahler an der Wiener Staatsoper“. So entsteht ein neues, interkulturelles und interdisziplinäres Musiktheater, inspiriert vom Werk des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Seine Kurzgeschichte „Tony Takitani“  beschreibt die Einsamkeit und Liebe eines Mannes. Bariton Michael C. Havlicek singt und spielt den einsamen Mann, während die Frau, die er als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erträumt, von Koloratursopranistin Manami Okazaki verkörpert wird.

„,Des Knaben Wunderhorn‘ ist unser Versuch, Wien und Japan mit Mahlers Liedern zu verbinden. Das Stück wird auch in Japan in einer Deutsch/Japanischen Textfassung gespielt werden“, sagt TheaterArche-Intendantin Manami Okazaki, die gemeinsam mit Miharu Sato für die Produktion dieser Kooperation verantwortlich ist, und erklärt weiter: „Wir freuen uns zudem sehr, dass nun auch die Wiener Staatsoper in der kommenden Saison einen Mahler-Schwerpunkt setzt. Eine weitläufige Beschäftigung mit dem Werk Mahlers aus diversen Perspektiven – von der Hochkultur bis zur freien Szene – wird dem Wiener Publikum somit ermöglicht.“

Die Produktion ist durch Crowdfunding finanziert: wemakeit.com/projects/des-knaben-wunderhorn. Für Unterstützende gibt es beispielsweise Gesangsunterricht bei Michael C. Havlicek, Akkordeonunterricht bei Piotr Motyka www.youtube.com/watch?v=5SqHI69CsuA, Schauspielunterricht bei TheaterArche-Intendant Javub Kavin, Regisseur und Prüfer bei der paritätischen Kommission für Schauspiel, oder ein Hauskonzert mit Manami Okazaki und Michael C. Havlicek mit Pianist und Dirigent Hibiki Kojima am E-Klavier (so kein eigenes vorhanden ist.) Mehr: www.youtube.com/watch?v=-GC69Eb24pQ

Bild: © Jakub Kavin TheaterArche

Bild: © Jakub Kavin TheaterArche

Eszter Hollósi als „Eine Ärztin“. Bild: © Jakub Kavin TheaterArche

Des Knaben Wunderhorn: Leading Team und Cast

Inszenierung & Konzept: Miharu Sato. Musikalische Leitung & Arrangement: Hibiki Kojima. Dramaturgie: Hazuki Kosaka. Bühne und Kostüm: Theresa Gregor. Ein Man: Michael C.Havlicek. Eine Frau in seinem Traum: Manami Okazaki. Eine Ärztin: Eszter Hollósi. Der Kuckuck: Monika Konvicka. Die Nachtigall: Elise Busoni. Knabe: Theo Koszednar. Tochter der Ärztin: Paula Hofer. Kinderchor: Lola Koszender, Amelie Okazaki, Katharina Thurner. Orchester: Dirigent & Klavier: Hibiki Kojima. Klarinette: Josef Lamell. Akkordeon: Piotr Motyka. Violine: Gregor Fussenegger. Schlagzeug: Linus Rastegar.

www.theaterarche.at           www.manami-okazaki.com          www.michael-c-havlicek-bariton.com

17. 6. 2022

Werk X: Die Arbeitersaga

April 25, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 1. Mai werden alle vier Folgen gespielt

Das Bühnenbild zum 1. Mai steht schon: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Die Arbeitersaga“ kommt – wie sollte es anders sein – am Tag der Arbeit im Werk X wieder zur Aufführung. Und es wird dabei viel gearbeitet: alle vier Folgen werden am 1. Mai auf die Bühne gebracht. Dazu servieren die „Seligen Affen“ ab 15 Uhr eine Heurigenjause im Hof. In der von Peter Turrini und Rudi Palla entworfenen Fernsehserie „Arbeitersaga“ wurde der Versuch unternommen, in vier miteinander verbundenen Spielfilmen eine politische Entmystifizierung der

Sozialdemokratie vorzunehmen. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Österreichs von den 1950ern bis in die 1990er-Jahre beschrieben. Das Werk X hat sich diesem Mammutwerk in einem vierteiligen Theaterabend genähert. Die „Arbeitersaga“ wird dabei über das Erzähljahr 1991 hinaus fortgeschrieben.

Die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at:

Folge 1 & 2: Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll.

Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall …

Als Widerstandskämpferin Trude Fiala: Zeitgeschichtsstunde mit  Susi Stach. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Kurt Palm macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36864

Folge 3 & 4: Die Skination in der politischen Steilabfahrt

Es dauert, bis Bettina Schwarz als mephistophelisch-clownesker Conférencier die sechzig möglichen Geschlechtsidentitäten sind gleich das Publikum begrüßt hat. Ein killing joke der leibhaftigen Gründgens-Fratze als Entrée in einen Abend, der Politik alles andere als p.c. abhandelt, eine Groteske zum Quadrat, weil’s große Kunst ist, eine Wirklichkeit zu verzerrspiegeln, die per se schon eine Farce ist. Gemäß dem auf keinem Wahlplakat zu findenden -spruch:

Humor ist, wenn das Stimmvolk lacht, hat das Werk X einmal mehr die Reflektor-Funktion übernommen, mit dem Mammutprojekt der Peter Turrini-Rudi Palla’schen „Arbeitersaga“ das Krankheitsbild der Sozialdemokratie zu persiflieren. Die TV-Serie, die sich ein Theater draus macht, ist mit „Teil II (Folge 3 & 4)“ in der finalen Runde. Bei „Müllomania“ hat Martina Gredler Regiehand angelegt; mit Bettina Schwarz spielen Ines Schiller, Lisa Weidenmüller und Annette Isabella Holzmann; Akkordeonistin Jana Schulz sorgt für den apokalyptisch kakophonischen Sound.

Die Weltuntergangsstimmung ist nicht von ungefähr, ist die Story doch um nichts weniger obskur als der Schutzkreis ums Krankenhaus Nord. Ich glaub‘, ich steh‘ im Rinterzelt, möchte man ob des ganzen Zirkus denken, Sanitärstadtrat Fred Wiedergewinner hat das Millionenprojekt einer Müllrecyclinganlage zu verantworten, doch das mit dem Aus-Alt-wird-Baustoff haut nicht hin, öffentliche Gelder sollen in der Parteikasse versickert sein – und während sich die Seilschaft zwischen Gutruf und Club 45 verlustiert, steigen dem Medienfut-zi (sic!) des Kommunalkorruptler allmählich die Grausbirn‘ auf.

Gredler karikiert mit ihrer geballten Frauenpower Männer, Macht und Machogehabe, sie zeigt eine queere Kraftlacklpartie mit Schiller als populistische Phrasen dreschendem Poser, eine „Dreck-Queen“ mit dem MA48er Slogan „Ganz Wien bleibt clean!“, Weidenmüller als Pressesprecher Rudi Blaha, ein Kasperl dessen überdimensionierte Schulterpolster nicht verbergen können, dass er sich krumm gekatzbuckelt hat, und Holzmann als Investigativjournalist im Detektiv-Trenchcoat …

Stadtrat Wiedergewinner in den Fängen der grausamen Groteske: Ines Schiller und Bettina Schwarz. Bild: © A. Gotter

Die 48er-Damen: Ines Schiller, Annette Isabella Holzmann und Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Bella Ciao: Oliver Welter, Lara Sienczak und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Mit der Ski-Nation geht’s bergab: Peter Pertusini, Zeynep Buyrac, Lara Sienczak und Sebastian Thiers. Bild: © A. Gotter

In Bernd Liepold-Mossers Hälfte des Abends, „Das Lachen der Maca Darac“ geht es um nichts weniger schräg zu. Ins Bühnenbild sind nun Skibindungen eingebaut, denn das Ensemble Zeynep Buyraç, Peter Pertusini, Lara Sienczak, Sebastian Thiers und der auch für die Musik zuständige Oliver Welter muss sich gut anschnallen – hat sich doch der Proporzslalom längst in eine politische Steilabfahrt verwandelt. Das Bild von der Skination macht Sinn, des Österreichers Stolz und Siegeswille ist ein gewachst gewachsener, und Liepold-Mosser ist diesbezüglich auch um kein Bonmot verlegen.

Nicht nur Peter Pertusini kann’s da auf gekonnt Kärntnerisch lai lafn losn, die Richtung – immer weiter den Hang hinunter? – stimmt angeblich auch nach diversen Spurwechseln, und am immensen Rückstand ist sowieso das Material schuld. Sagt der Kader im Chor „Proletariat“, hebt es ihn, hepp, kurz in der Hocke aus, ansonsten keine Bewegung, nicht einmal bei der von Welter als Holy Marx eingeläuteten Hüttengaudi.

Ein bissi posthysterisch ist dieses Themenkonglomerat schon, die Werk-X-tätigen Massen lassen von Konsumkapitalismus über Veganfetischismus bis zu Migration/Integration und präventiver Sicherungsverwahrung nichts aus. Bis die Darsteller aus den Schuhen in die Rollen kippen und die Turrini-Palla-Story aufgreifen, Pertusini als Kurt Höllermoser, der in einen Rudi Blaha’schen Waffendeal und dessen Fake News verstrickt wird, Zeynep Buyraç als illegale Einwanderin Maca Darac, die zwecks bevorstehender Ausweisung einen Mann zum Heiraten sucht.

Im Plastik-Schleier-Hijab rezitiert die potenzielle Braut „Ein Gespenst geht um in Europa“, das Manifest vom kleinbürgerlichen wie vom Bourgeoissozialismus heute bedrohter als zu Entstehungszeiten, und auch, wenn in Meidling alle Menschen „zur Sonne, zur Freiheit“ gerufen werden, mit der Vereinigung hapert’s. Denn wo zwischen Prolet, Prolo und Prekarier findet sich noch das echte, unverfälschte, von keinem Populismuskeim angesteckte Proletariat? Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38734

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g      www.youtube.com/watch?v=Cp__IR9BRXM

25. 4. 2022