steirischer herbst/Neue Galerie Graz: Krieg in der Ferne

Juni 27, 2022 in Ausstellung, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freund. Genehmigung der Künstlerin

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird von einigen immer noch nur als Echo in der Ferne wahrgenommen. Ab 22. September widmet sich der steirische herbst der drohenden Präsenz dieser entlegen scheinenden Schlachten, und schon im Sommer lenkt ein Prolog zur 55. Festivalausgabe den Blick auf diesen militärischen Terrorakt einen Krieg, dessen Relevanz und Nähe nicht mehr zu übersehen sind.

Die Sonderschau „Ein Krieg in der Ferne. Die umkämpfte Ukraine in Videokunst und Film“ in der Neuen Galerie präsentiert von 1. Juli bis 1. August historische und zeitgenössische Videokunst und Filme. Sie bieten einen individuellen, ernüchternden und menschlichen Blick auf aktuelle Ereignisse, die sonst mit militärischen oder geopolitischen Begriffen erklärt werden.Der gegenwärtige Krieg erscheint als Implosion einer bereits vorher tragischen und gewaltsamen ukrainischsowjetischen Geschichte, deren filmische Dokumente zu den Meisterwerken des AvantgardeKinos des 20. Jahrhunderts gehören.

Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine greifen auf diese Geschichte zurück und zeigen deren brutale Umkehrung in der Gegenwart, während sie über den seit 2014 andauernden Krieg mit Russland reflektieren. Sozialistische Utopie und faschistische Mobilisierung erscheinen als umkämpfte Phänomene aus der Vergangenheit, mit denen sich die Kunstschaffenden auf ihre e igene Art und Weise kritisch auseinandersetzen. Gleichzeitig wird der Bürgerinnen-und-Bürger-Journalismus in Zeiten verschärfter Kampfhandlungen zu einer neuen Form des anonymen aktivistischen Filmemachens. Aktuelle Dokumentarfilme zeigen die menschliche Dimension davon, wie sich der Krieg auf die wirtschaftlich schwachen Regionen und die dort lebende Bevölkerung auswirkt. Dabei wird deutlich: Trotz der weitverbreiteten Zerstörung gibt es Raum für Heroismus, Hoffnung und Poesie.

Im Rahmen der Sonderschau finden am 1. Juli Podiumsdiskussionen und Artist Talks statt, bei denen die Folgen der imperialen Geschichte und der neoliberalen Gegenwart in Mittel und Osteuropa erörtert werden und der Ukrainekrieg in einen breiteren Kontext gestellt wird. Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind Pavel Brăila, Dana Kavelina, Zoya Laktionova, Kateryna Lysovenko, Mykola Ridnyi und Philip Sotnychenko.

Zu den KünstlerInnen und ihren Arbeiten

Oleksandr Dovzhenko

(geboren 1894, Sosnyzja, Russisches Kaiserreich, heutige Ukraine, gestorben 1956, Moskau, Sowjetunion) war ein ukrainisch-sowjetischer Drehbuchautor, Filmproduzent und Regisseur, der als einer der Pionier  unverblümten Darstellungen von Krieg und Hunger. Sein Werk wurde von Josef Stalin und seinen Gefolgsleuten heftig kritisiert und des ukrainischen Nationalismus bezichtigt. Nach zwei weiteren Filmen, die er in den 1930er- und 1940er-Jahren drehte, gab er das Filmemachen auf und schrieb Romane. Am Ende seines Lebens wurde er zum Mentor der ukrainischen Filmeschaffenden Larisa Shepitko und Sergei Parajanov. Insgesamt drehte er nur sieben Filme.

Sein in der Ausstellung gezeigter Film Arsenal (1929) ist einer der großen Klassiker des sowjetischen Avantgarde-Kinos und vielleicht die schonungsloseste Darstellung der brutalen Kämpfe in der Ukraine vor 100 Jahren. Er erzählt die Geschichte der Kyjiwer Arsenalwerk-Revolte von 1918, als Arbeiter für die Bolschewiken und gegen die Zentralversammlung der Ukraine rebellierten. Dovzhenko selbst kämpfte als Soldat aufseiten der Regierung, doch sein Film ist alles andere als heroisch. Auf ukrainischer Seite sah man es so, dass Dovzhenko einer prorussischen Version des Bürgerkriegs nachgab, in der die heldenhaften Bolschewiken recht behalten. Die Position des Regisseurs ist jedoch komplexer. Er reflektiert über die Erotisierung der Gewalt und die verführerisch-giftige Süße der Rache. Die erste Episode des Films zeigt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs in Galizien und der Ukraine, wo noch Österreich-Ungarn der imperiale Besatzer ist. Berühmt ist die Szene eines Gasangriffs, in der die Qualen eines Soldaten als seltsam unheimliche Form des Vergnügens erscheinen. Heute liest sich Dovzhenkos Film wie eine Prophezeiung der aktuellen Gewalt in der Ukraine: Hungersnot, sexuelle Übergriffe, bedeutungslose Schlachten und die Angst vor Giftgas.

Dana Kavelina

(geboren 1995, Melitopol, Ukraine) ist eine Künstlerin und Filmemacherin. Sie arbeitet mit Text, Malerei, Grafik, Video und Installation und produziert Animationsfilme, in denen sie sich mit persönlichen und historischen Traumata, Verletzlichkeit und der Wahrnehmung des Krieges außerhalb der gängigen Narrative auseinandersetzt. Ihre Werke wurden im Kmytiv-Museum, im Closer Art Center, Kyjiw, und im Sacharow-Zentrum, Moskau, ausgestellt. Sie erhielt Preise beim Odesa Film Festival und beim Internationalen Trickfilmfestival KROK.

Oleksandr Dovzhenko, Arsenal (1929), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Dovzhenko Centre

Dana Kavelina, Letter to a Turtledove (2020), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Philip Sotnychenko, Happy New Year (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Proof of War. Quelle: Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals Proof of War

Russlands Krieg mit der Ukraine begann nicht erst am 24. Februar 2022, sondern mindestens acht Jahre zuvor. Schon damals wurde der kohlereiche Donbas zum Schlachtfeld für die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten Separatisten. Kavelinas poetischer Kurzfilm Letter to a Turtledove (2020) erzählt von diesem Krieg und den halluzinatorischen Schrecken, die er entfesselt hat. Er mischt Archivmaterial, Collage-Animationen und Realfilmsegmente mit Szenen aus dem anonymen fünfstündigen Dokumentarfilm „To Watch the War“ (2018). Der heutige Krieg erscheint wie eine Umkehr der sowjetischen Geschichte im Donbas, einst ein Schaufenster der sozialistischen Industrialisierung und der Schrecken der Stoßarbeiter. Dabei implodiert die Geschichte in erschütternden Bildern, in denen sich Dokumentation und Traumlandschaft vermischen. Eine Übertragung im Radio, die sich an die Frauen in den besetzten Gebieten richtet, ist eine bedrohliche Botschaft, die in nahezu religiösen Tönen Zerstörung und Erlösung verskündet – das Versprechen eines Vergewaltigers an seine Opfer. Kavelinas Film erforscht, wie Gewalt von den Überlebenden einverleibt und verinnerlicht wird, zum Teil auch als Schuld. Seine Art, mit diesem sensiblen Thema umzugehen, nimmt die heutige Tragödie vorweg – den massiven Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe russischer Soldaten.

Mykola Ridnyi

(geboren 1985, Charkiw, Ukraine) ist ein Künstler, Bildhauer, Filmemacher und Kurator. Seine Performances, Installationen, Skulpturen und Kurzfilme reflektieren die sozialen und politischen Realitäten der heutigen Ukraine. Er hat 2005 die Gruppe SOSka mitgegründet, ein Kunstkollektiv, das zahlreiche Projekte in Charkiw kuratiert und organisiert hat. Seine Arbeiten waren in Ausstellungen und auf Filmfestivals, darunter die transmediale, Berlin (2019), das 35. Kasseler Dokfest (2018), „The Image of War“ in der Bonniers Konsthall, Stockholm (2017), „All the World’s Futures“ auf der 56. Biennale von Venedig (2015), The School of Kyiv – 1. Kyjiwer Biennale (2015).

Russlands Angriff auf seinen Nachbarstaat wird von einer nationalistischen Ideologie angetrieben, die der Adolf Hitlers erstaunlich ähnlich ist. Selbst die brutalen Details des Krieges erinnern an die Verbrechen des Naziregimes. Dennoch rechtfertigt die russische Propaganda die Invasion als eine, die sich gegen „Faschisten“ richtet. Der Film Temerari (2021) von Ridnyi greift dieses äußerst kontroverse Thema auf. In Form eines Reiseberichts aus dem Zeitalter nach dem Internet lässt er die Ästhetik des italienischen Futurismus wieder aufleben. Er untersucht die verwegene Frauenfeindlichkeit dieser Bewegung sowie ihre Vorliebe für reinigende Gewalt und zeigt dabei auch, wie dies in einer Gegenwart wiederkehrt, in der sich ukrainische NationalistInnen von italienischen NeofaschistInnen inspirieren lassen. Im Gegensatz zu den von der Kreml-Propaganda verbreiteten Mythen neigen diese neuen Fans von z. B. Filippo Tommaso Marinetti dazu, auf der Seite Russlands zu kämpfen – zu deren eigenen regulären und irregulären Truppen viele Ultranationalisten und Neonazis gehören. Ridnyis Film bewegt sich geschickt durch die ideologische Komplexität dieses Themas und veranschaulicht, wie Kulturgeschichte die toxischen Ideologien der Vergangenheit normalisiert und reproduziert, und wie Kunstschaffende daran arbeiten könnten, sie vollständig zu dekonstruieren.

Philip Sotnychenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist Filmemacher. Er ist Mitbegründer von CUC – Contemporary Ukrainian Cinema, einem Kollektiv junger unabhängiger Filmschaffender. Seine Kurzfilme „Son“, „Nail“ und „Technical Break“ wurden alle auf großen Filmfestivals ausgezeichnet – insgesamt haben es seine sieben Kurzfilme 350-mal in die Auswahl geschafft und mehr als 50 Preise gewonnen.

Zur Jahrtausendwende hätte niemand die aktuelle Katastrophe vorausgesagt, aber die ersten Anzeichen waren schon damals zu spüren. Philip Sotnychenkos Film Happy New Year (2018) besteht aus Found Footage: Eine Videokassette von einer Silvesterparty in Riga beschwört mit VHS-Farben und Bewegungsunschärfe jene Zeit herauf und zeigt, dass die Saat des imperialen Ressentiments nach den drastischen Veränderungen im Europa der 1990er bereits vorhanden war. Auf dem Filmmaterial sieht man eine unschuldige Feier von postsowjetischen, teils lettischsprachigen und teils russischsprachigen Paaren. Silvester wird zur Gelegenheit, wiederholt die alte sowjetische Nationalhymne zu hören – und Russisch als Sprache in der Gruppe durchzusetzen. Aus heutiger Perspektive wirken die beiläufigen rassistischen Beleidigungen und der alltägliche Sexismus der Partygäste kaum unschuldig. Ihre ausgelassene Feier überschneidet sich mit Putins Aufstieg zur Macht und dem ersten militärischen Konflikt seines Regimes, dem Zweiten Tschetschenienkrieg. Unterdessen bejubelte der Rest der Welt die Globalisierung, während man Putin bequem für einen Reformwilligen hielt. Doch das Feuerwerk in Sotnychenkos gefundenem Filmmaterial nimmt die heutigen Explosionen vorweg.

Proof of War. Videoarchiv eines anonymen Telegram-Kanals

In den ersten Stunden des Krieges überschwemmten von Bürgerinnen und Bürgern aufgenommene Videos und Fotos die Kanäle des Instant-Messaging-Dienstes Telegram – das bevorzugte Medium für unmittelbare Kriegsberichterstattung und dasjenige, das auch die Menschen in Russland und den von ihm besetzten Gebieten erreicht. Der anonyme Kanal Proof of War sammelte Clips aus der ganzen Ukraine. Sie zeigen nicht nur die weitreichenden Schäden und menschlichen Verluste, die der Angriff verursacht hat, sondern auch die schwere Niederlage der russischen Streitkräfte, als diese tiefer ins Land eingedrungen sind. Zudem veranschaulichen sie die Tapferkeit der einfachen Bevölkerung, die täglich auf die Straße geht, um gegen die Präsenz der Besatzer zu protestieren. Ende April versiegte die Flut der Bilder, zum Teil weil es verboten wurde, Attacken zu filmen und in Echtzeit Videos davon zu veröffentlichen, da diese von der russischen Seite dazu genutzt werden könnten, den Angriff zu lenken. Die letzten Bilder auf dem anonymen Kanal zeigen die Evakuierung von Zivilistinnen und Zivilisten aus Mariupol – einer Stadt, die fast vollständig zerstört wurde. Proof of War hat seine Veröffentlichungen am 10. Mai eingestellt. Sein Archiv zeigt ein Bild des Krieges, wie er auf Telegram verfolgt werden konnte, über die ersten Kriegsmonate mehrmals pro Minute aktualisiert.

Mykola Ridnyi, Temerari (2021), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Zoya Laktionova, Diorama (2018), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila, Vera Means Belief (2022), Filmstill, Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Kateryna Lysovenko, What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022), Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Pavel Brăila

(geboren 1971, Chişinău, Republik Moldau) ist Künstler und Filmemacher. Seine Arbeit befasst sich mit den zerbrechlichen Ökonomien der postsowjetischen Realitäten in einer Mischung aus konzeptioneller Performance und Experimentalfilm. Brăila hat an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, unter anderem im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, in der Tate Gallery, London, in der Renaissance Society, Chicago, im Kölnischen Kunstverein, im Moderna Museet, Stockholm, sowie auf der Documenta 11 und der Documenta 14 in Kassel und Athen und der Manifesta 10 in St. Petersburg.

Die Republik Moldau ist eine der nächstgelegenen Transitzonen für Menschen, die aus der Südukraine und der Region um Odesa fliehen. Seit den ersten Kriegstagen arbeitet Brăila als Freiwilliger in einem Flüchtlingslager im Dorf Palanca nahe der ukrainischen Grenze. Hier traf er auf die 72-jährige Rentnerin Vera Derewjanko aus der ostukrainischen Stadt Pryluky. Seit Monaten weigert sie sich, das Lager trotz zahlreicher Angebote einer besseren Unterbringung zu verlassen, und erklärt, dass sie so nah wie möglich an ihrem Zuhause sein möchte. Brăilas Arbeit Vera Means Belief (2022) konzentriert sich auf den unbeugsamen Charakter von Derewjanko, ihre Beziehungen zu den Menschen im Lager und ihre Gedichte, die sie in der ukrainisch-russischen Mischsprache Surschyk schreibt. Diese Gedichte sind voller erschreckender Bilder von Verlust und Zerstörung, aber auch voller Hoffnung und Lebensfreude – alles Dinge, die Derewjanko in Brăilas Film verkörpert. Dieses neue Werk wird durch ein älteres ergänzt, Fragile Podil, das 2018 in Kyjiw entstanden ist. Ein Band fliegt im Wind über dem historischen Viertel Podil, das zu Kriegsbeginn durch nächtlichen russischen Raketenbeschuss schwer beschädigt wurde und hier in seiner ganzen zerbrechlichen Schönheit erscheint.

Zoya Laktionova

(geboren 1984, Mariupol, Ukraine) ist Fotografin und Filmemacherin. Ihr erster Kurzdokumentarfilm „Diorama“ über das verminte Meer bei Mariupol gewann 2018 einen Preis in der Kategorie MyStreetFilms auf dem Festival „86“, Slawutytsch, und nahm an zahlreichen europäischen Filmfestivals teil, wie der DOK Leipzig, Ji.hlava IDDF oder dem FilmFestival Cottbus. 2020 drehte die Regisseurin ihren zweiten Film „Territory of Empty Windows“, in dem sie ihre persönliche Geschichte schildert. „In meinen Kurzfilmen verwende ich Mikrogeschichte, Auto-Ethnographie und kreatives Geschichtenerzählen, um die Komplexität größerer Ereignisse und historischer Zusammenhänge auszubreiten. Damit baue ich eine Sprache von Mensch zu Mensch auf, die keine politischen Begriffe verwendet und für alle verständlich ist“, so Zoya Laktionova.

Vor dem Krieg war Mariupol eine heruntergekommene Industriestadt am Ufer des Asowschen Meeres, die von zwei riesigen Fabriken dominiert wird. Nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 und blühte Mariupoal sogar kurzzeitig auf. Die Kurzfilme von Zoya Laktionova bieten einen sehr persönlichen Einblick in diese postindustrielle postsowjetische Stadt. Ihr Debüt Diorama (2018) zeigt die traurig-schönen Ufer eines stark verminten Meeres, das früher voller Fische war, wie Audioaufnahmen der verstorbenen Mutter der Künstlerin berichten. Dies ist ein Ort, an dem nur Dioramen Bilder einer Artenvielfalt liefern können, die bereits durch Umweltverschmutzung vernichtet wurde. Die Fabriken und ihr Einfluss auf den Alltag und die Biografien der Menschen stehen im Mittelpunkt des zweiten Films der Künstlerin, Territory of Empty Windows (2020). Er wurde ungefähr ein Jahr vor der vollständigen Invasion fertiggestellt und erzählt die bruchstückhafte Geschichte von Laktionovas Familie, die alle im riesigen Hüttenwerk von Asow-Stahl arbeiteten, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und wiederaufgebaut wurde. Jetzt liegt die Fabrik wieder in Schutt und Asche, nachdem sie als letztes Bollwerk der ukrainischen Truppen in der Stadt gedient hat.

Kateryna Lysovenko

(geboren 1989, Kyjiw, Ukraine) ist eine Künstlerin, die hauptsächlich mit Zeichnung und Malerei, aber auch mit Performance arbeitet. In jüngster Zeit hat sie im Gedenkmuseum „Territory of Terror“, Lwiw, ausgestellt sowie in der Galerie Voloshyn, Kyjiw, der Galerie Tiro al Blanco, Guadalajara im Rahmen der Ausstellung „Transcending Boundaries“, 2021, und der Galerie BWA, Zielona Góra, wo sie 2022 auch Artist-in-Residence war. „Ein Großteil meiner Arbeit befasst sich mit der Geschichte der Monumentalmalerei in der ehemaligen Sowjetunion – und ihrer performativen Seite. Meine Aktionen verweisen auf die ideologischen Verschiebungen nach dem Zusammenbruch der UdSSR und darauf, wie Propaganda zu etwas Persönlichem wird. Jetzt, mit dem Krieg, bekommt das alles eine neue Dimension. Zu wenige Menschen verstehen heute die vollen Ausmaße des Krieges, und das ist etwas, was meine Performance zur Eröffnung in der Neuen Galerie thematisieren wird“, so Kateryna Lysovenko.

In ihrer Intervention bei der Ausstellungseröffnung What Does My Dead Nine-Month-Old Uncle Think About His Debt to the Empire (2022) konfrontiert Kateryna Lysovenko das Publikum mit der erschreckenden Kontinuität der Unterdrückung, der ihre Familie wie viele andere aus der Ukraine seit Generationen ausgesetzt ist, nachdem ihre Mitglieder in Pogromen, Kriegen und Hungersnöten ihr Leben verloren. Das Medium für Lysovenkos persönliches Denkmal ist die sozialistische Monumentalmalerei, deren Bildsprache sie seit Kriegsausbruch nutzt, um Traumata ebenso wie Empörung zu reflektieren. In ihrer Intervention knüpft die Künstlerin eine neue Beziehung zu dieser Gattung: Sie nutzt die Leinwände als Stoff, um ihren Körper zu bedecken und zu enthüllen, und entrollt sie zu einem Transparent, wie es bei Demonstrationen genutzt wird. Dieses Werk ist sowohl ein visueller Slogan wie auch ein temporäres Mahnmal. Seine Ursprünge mögen persönlich sein, aber sobald sie entfaltet wird, richtet sich seine Botschaft an alle.

www.steirischerherbst.at            www.museum-joanneum.at/neue-galerie-graz

27. 6. 2022

Filmmuseum: Let’s Spend the Night Together

Juni 26, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Musikfilme aus den Jahren 1908 bis 2021

The Rolling Stones: Let’s Spend the Night Together, 1982, Hal Ashby, Bild: © Filmarchiv Austria

Lange musste das Publikum in den vergangenen zwei Jahren aufs Kino, aber noch länger auf Konzerte, Tanz- und Musikveranstaltungen verzichten, und das, obwohl es Musik auf eine einzigartige Art und Weise schafft zu bewegen, die Körper und Herzen der Menschen im selben Rhythmus schwingen zu lassen und über alle Sprachbarrieren hinweg Kulturen zu verbinden. Das Österreichische Filmmuseum widmet deshalb sein diesjähriges Sommerprogramm von 1. Juli bis 7. August der universellen Magie von Musikfilmen.

Mit Dokumentarfilmen zu Personen, Persönlichkeiten und Ikonen der Musikgeschichte wie „U2: Rattle and Hum“ (US 1988), „Let’s Spend the Night Together“ (US 1982) über die Rolling Stones, „Madonna: Truth or Dare“ (US 1991), „Jimi Hendrix“ (US 1973) oder „Metallica: Some Kind of Monster“ (US 2004) sowie Musical-Klassikern wie“Singin’ in the Rain“ (US 1952) oder „Gentlemen Prefer Blondes “ (US 1973) mit Marilyn Monroe zeigt das Österreichische Filmmuseum  Filme aus eigener Sammlung, die die Festivalsaison hochleben lassen und jedes Film- und Musikfreakherz aus dem Ruhemodus bringen werden.

Metallica: Some Kind of Monster, 2004, Joe Berlinger, Bruce Sinofsky. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Madonna: Truth or Dare, 1991, Alek Keshishian. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

The Beatles: A Hard Day’s Night, 1964, Richard Lester. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Buena Vista Social Club, 1999, Wim Wenders, Bild: Filmarchiv Austria

Singin‘ in the Rain, 1952, Gene Kelly, Stanley Donen, Bild: Deutsche Kinemathek

Fred Astaire und Ginger Rogers: Swing Time, 1936, George Stevens. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Weitere Highlights aus dem Programm

„Buena Vista Social Club“ von Wim Wenders 1999, „Chuck Berry – Hail! Hail! Rock ’n‘ Roll“ von Taylor Hackford 1987, „Die 3-Groschen-Oper“ von G. W. Pabst 1931, „The Beatles: Gimme Shelter“ von Albert und David Maysles 1970, „Meet Me In St. Louis“ von Vincente Minnelli mit Judy Garland 1944, „On connaît la chanson“ von Alain Resnais mit Jane Birkin 1997, und last, bust not least: „Rust Never Sleeps“ von und mit Neil Young 1979.

Films You Cannot See Elsewhere. Amos-Vogel-Atlas 9: Sound & Vision

Parallel zum Musikfilm-Sommerprogramm widmet sich am 21. und 22. Juli auch der Amos-Vogel-Atlas der filmischen Beschäftigung mit Musik, legt den Schwerpunkt aber auf die kurze Form. Denn gerade im Kurzfilmbereich sind in der Filmmuseum-Sammlung selten gezeigte Kleinodien mit unterschiedlichsten Arten von Musikbezug zu finden: Die Bandbreite reicht vom ultrararen ersten Dokument der Band Velvet Underground beim Proben bis zu Meisterwerken des Avantgardekinos, die ihrer Bilderstürmerei durch Verwendung von Pop oder klassischer Musik zusätzliche Dimensionen verleihen (wie Warren Sonberts „Friendly Witness“); von Animationskomödien (ob entfesselte Opernparodie bei Chuck Jones oder minimalistische Merkwürdigkeit bei Nicolas Mahler) bis zum ungewöhnlichen Musikvideo.

Der Ball, 1982, Ulrich Seidl. Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Happy End, 1982, Peter Tscherkassky. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Invocation of My Demon Brohter, 1969, Kenneth Anger. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Suspiria, 1977, Dario Argento. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Dieses weitere Kapitel des Vogel-Atlasses versucht ganz im Sinne seines Namensgebers, völlig verschiedenartigen Zugänge zusammenzubringen: als konzisen Überblick der reichen kinematografischen Möglichkeiten, mit Musik umzugehen, aber auch als herausfordernde Gegenüberstellung von völlig gegensätzlichen Arbeitsmethoden. Vom politischen Einsatz und den Projektionswirkungen der Musik in den Transatlantischen Beziehungen“ des ersten Programms bis zu ihrer Verwendung als gleichwertiges Gestaltungsmittel für einen rauschhaften audiovisuellen Horror-Trip in Dario Argentos „Suspiria“ – der als abendfüllender Spielfilm nochmal eine ganz andere Perspektive bietet.

www.filmmuseum.at

26. 6. 2022

Ali’s 33. Birthday 25. 6. 2022

Juni 26, 2022 in Aufschlageseite

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein perfekter Tag für den perfekten Mann …

 

26. 6. 2022

Kultur bei Winzerinnen und Winzern

Juni 24, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Konzerte, Lesungen und Urlaub auf dem Weingut

Tini Kainrath. Bild: © Clipwerk, Thomas Hötzeneder

Als edelstes aller Getränke steht der Wein seit je in einem Naheverhältnis zur Kunst. Wer könnte sich Komponieren, Dichten oder Musizieren ohne den Rebensaft denken? Kreative Köpfe aus dem Weinbau treffen von 1. Juli bis 2. September auf kreative Köpfe aus der heimischen Kulturszene. In acht niederösterreichischen Weinbaugebieten finden 39 Veranstaltungen bei 39 Winzerinnen und Winzern mit 99 Künstlerinnen und Künstlern statt.

Von Jazz und Weltmusik, Literatur und Poetry Slam bis hin zu Kabarett reicht das Programm, das mit seiner Kombination aus Kultur und Kulinarik punktet. Gespielt und verkostet wird auf Weingütern und in Heurigen, in Kellergassen oder sonstigen stimmungsvollen Locations, die sich, neben ihren anderen Verwendungszwecken, auch allesamt als optimale Spielplätze für Top-Kulturschaffende eignen.

Mit dabei sind Musikgrößen wie Tini Kainrath, „Martin Spengler und die foischn Wiener*innen“ oder die Strottern sowie Autorinnen und Autoren wie Eva Rossmann und Richard Schuberth. Otto Lechner tritt in unterschiedlichen Formationen, unter anderem mit Anne Bennent oder Johannes Strasser, auf. Mit Rudi Roubinek und Mieze Medusa wird die österreichischen Kabarett- und Kleinkunstszene ebenso erwartet, wie die ausgewiesenen Weinkenner Thomas Maurer und Florian Scheuba, die mit ihren kommentierten Weinverkostungen stets für große Begeisterung sorgen.

Thomas Maurer. Bild: © Ingo Pertramer

Die Strottern. Bild: © Peter Mayr

Anne Bennent & Otto Lechner. Bild: © Doris Kittler

Viktor Gernot. Bild: © Felicitas Matern

Neu im Programm sind Tini Trampler@Playbackdolls. Sie eröffnen die Veranstaltungsreihe am 1. Juli im neuen Weinkeller des Vorspannhof Droß im Kremstal. Ebenfalls das erste Mal dabei ist Kabarettist Viktor Gernot mit einem Solo im Weingut Schödl. Zur Weinbegleitung philosophiert Gernot über Gott, die Welt und das, was im Leben alles schiefgehen und schiefliegen kann. Sigi Finkel und Mamadou Diabaté spielen am 22. Juli gemeinsam mit der Akkordeonistin Heidelinde Gratzl im Bio-Weingut Toifl auf, wo die Trauben noch von Hand geerntet werden. Kurdophone bieten eine Mischung aus Jazz, Klassik und traditioneller kurdischer Musik aus dem Iran. Das Ensemble ist am 8. August zu Gast im Bio-Weingut Mantlerhof in Gedersdorf.

Und natürlich darf auch das Wienerlied nicht fehlen: Das Trio „Zur Wachauerin“ mit Michael Bruckner, Wolfgang Kühn und Fabian Pollak findet sich am 17. August im Weingut Herzog ein. Der beliebte Winzerslam findet am 10. Juli im Weingut Norbert Bauer statt und wird von Mieze Medusa moderiert. Sechs Slammerinnen und Slammer treten in drei Runden gegeneinander an. Zum Kulturgenuss werden vor jeder Runde die feinsten Weine des Weinguts Norbert Bauer serviert. Der Gewinner oder die Gewinnerin darf am 31. Juli im Weingut Maringer noch einmal auftreten, wenn Rudi Roubinek mit Winzer Johannes Maringer die Weine des Weinguts verkostet.

Vorspannhof Droß. Bild: © Vorspannhof Droß

Weingut Prechtl. Bild: © Robert A. Herbst

Weingut Herzog. Bild: © Johann Ployer

Weingut Schober. Bild: © Weingut Schober

Infos zu allen Veranstaltungen und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern finden Interessierte im Veranstaltungskalender Niederösterreich: veranstaltungen.niederoesterreich.at/Series/2156/kultur-bei-winzer-innen. Die Tickets sind direkt bei den teilnehmenden Weingütern erhältlich. Das Terminheft kann unter folgendem Link kostenlos bestellt oder online durchgeblättert werden: www.niederoesterreich.at/terminheft-kultur-bei-winzerinnen. Wer dem Wein gebührend zusprechen möchte, kann direkt auf einem Winzerhof nächtigen oder in der Umgebung kurzurlauben: www.niederoesterreich.at/urlaub-winzerhof. Unterkünfte gibt es von urig und originell bis modern und stylisch. Die Favoriten von www.mottingers-meinung.at:

Tipps für Übernachtungen und Kurzurlaube

Seelenruhig und heimelig ist es mit Karl, dem stilvollen Wohnwagon des Winzerhaus Schöller in Wagram ob der Traisen. Direkt im Weingarten wohnen und abends den hauseigenen Wein von womöglich exakt jenen Reben genießen, zwischen denen man nächtigt – traumhaft. Danach zwei Schritte machen und ins kuschelige Wohnwagon-Bett fallen: www.weinschoeller.at/wohnen/wohnwagon-karl. Schlummern wie die Trauben im Fass kann man am Winzerhof Küssler. Das Originalweinfass bietet entweder 9000 Litern Wein oder Gästen Platz. Die gemütliche Sitzecke ist einfach perfekt für ein Gläschen Küssante.

Mitten im Weingarten; Der Wohnwagon „Karl“ des Winzerhaus Schöller. Bild: © schwarz-koenig.at

Schlummern wie der Rebensaft – im 9000-Liter-Weinfass im Winzerhof Küssler. Bild: © Winzerhof Küssler

Das alte Hafnerhaus des Weinguts Malat gibt sich innen modern: Badezimmerblick auf Stift Göttweig. Bild: © Malat

Naturbelassene Bungalows beim Bio-Weingut Weber. Bild: © Niederösterreich-Werbung/Andreas Hofer

Moderne Architektur und heimische Materialien großartig kombiniert: Die Mauern aus den Steinen des alten Hafnerhauses, die Formen kubisch und klar. Innen dominiert stilvolle Zurückhaltung, außen ist die Natur Hauptdarsteller: Das Malat Hotel (9 Suiten und ein Appartement) liegt inmitten von Weingärten, mit imposantem Blick auf Stift Göttweig. Naturbelassene Bungalows inmitten der Roseldorfer Kellergasse, umrahmt von einer Idylle. Minimalistisch und reduziert geben die Zimmer „Birne“ und „Nuss“ des Bioweingut Webers den Fokus auf das Wesentliche frei, die Weingärten und den Wein.

www.niederoesterreich.at/kultur-bei-winzer-innen

24. 6. 2022

Cop Secret / Leynilögga

Juni 24, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine queere Krimikomödie aus Island

Der coolste Cop von Reykjavik: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Toxische Männlichkeit, eine schwule Liebe, Frauenfußball, Bankräuber und Bombenleger in einem Film – und das alles mit einem Humor, der die Gay-Community an keiner Stelle veralbert oder brüskiert? Geht das? In Island durchaus. Von der Insel, deren Cineastinnen und Cineasten sonst auf grandiose Landschaftsbilder, eine gewisse Düsternis und

eine Tendenz zum Ausbuchstabieren von Beziehungen setzen, kommt die Buddy-Komödie des Sommers: „Cop Secret / Leynilögga“, seit heute in den Kinos, ein Polizeikrimi, in dem die flotten Sprüche um nichts langsamer abgefeuert werden als die Projektile aus den diversen Pistolen. Regisseur Hannes Þór Halldórsson, seines Zeichens 77-facher Torhüter der isländischen Fußballnationalmannschaft gegen den nicht einmal Lionel Messi einen (Elf-)Meter hatte, hat sich an einer wilden Genreparodie im 80er-Action-Stil versucht, viel gewagt und bei den Festivals von Locarno, London, Seattle bis Busan ein begeistertes Publikum gewonnen.

Halldórsson ist gemeinsam mit dem isländischen Comedian Sverrir Þór Sverrisson, genannt Sveppi, auch Drehbuchautor, und auch seine beiden Hauptdarsteller, Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson aka DJ MuscleBoy als Hörður, waren von Anfang an ins Projekt involviert und am Skript beteiligt. Was einen zur Handlung bringt, in der’s ab Minute eins rundgeht: Da nämlich verfolgt Bússi mit seinem Polizeikollegen Klemenz – Sveppi als dauerpleiter Tollpatsch, der Bússis rasanten Fahrten im Pontiac Firebird Trans Am nichts abgewinnen kann, vor allem nicht mit seinem Sohn auf dem Rücksitz, weil Herr Papa an diesem Tag mit der Kinderbetreuung dran ist – da nämlich verfolgt Bússi mit heulendem Motor und quietschenden Reifen eine Motorradfahrerin (Vivian Ólafsdóttir als Stefanía), die gerade an einem Bankraub beteiligt war.

Die Serie an Überfällen in Reykjavik bleibt mysteriös, haben die Verbrecher doch nie eine íslensk króna mitgenommen. Bússis Auto-Angriff wird an der Stadtgrenze je gestoppt, von Hörður, der den Distrikt nun als seinen Zuständigkeitsbereich verteidigt. Supermacho trifft auf Supercop, die Rollen des prolligen, abgefuckten, harten Hunds und des sleeken, auftrainierten Schönlings sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson tatsächlich auf den Leib geschrieben. Und während der Inbegriff toxischer Männlichkeit sich mit Alkohol und Drogen durch- und seiner Freundin, die über zu wenig Sex klagt, herumschlägt – Júlíana Sara Gunnarsdóttir als Lilja, die schon längst ahnt, was Sache ist, führt der andere gutgelaunt ein Kamerateam durch seine Ökovilla in Garðabær, wobei er sich der wachsenden Fangemeinde als pansexuell vorstellt.

Bússi und sein Polizeikollege Klemenz: Auðunn Blönda und Sverrir Þór Sverrisson. Bild: © Polyfilm

Da kann Mann schon schwach werden: Egill Einarsson als Hörður. Bild: Screenshot

Partner fürs Leben: Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson als Hörður. Bild: © Polyfilm

Die Medien haben einen neuen Star, Bússi dominiert nicht mehr länger die Nachrichten aus dem Polizeirevier. Als dann noch Klemenz dank Bússis Cop-Künsten angeschossen wird, hat Chefin Þorgerður, Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Typ hantige Mutter, eine Königinnen-Idee: Bússi und Hörður werden als neues Ermittler-Dream-Team zusammengespannt. Was Bússi greifen lässt bei folgenden Dialog zum Flachmann greifen lässt – Hörður: „Ist schon Happy Hour?“- Bússi: „Dein Fitnessclub hat angerufen, du versäumst den Spinning Kurs.“

Hannes Þór Halldórsson ist eine Persiflage aufs US-Blockbuster-Kino gelungen, von den gelungenen Stadtaufnahmen von Kameramann Elli Cassata bis zum Soundtrack von Komponist Kristján Sturla Bjarnaso, die Stereotypen wie Bússis verbissene Ernsthaftigkeit konterkariert und – man erlaube den Fußballbegriff – Standardsituationen mit viel Sinn für Ironie aufbricht. Gespickt ist der Film zudem nicht nur mit Bildzitaten aus bekannten Cop-Filmen, sondern auch mit Cameos und Gastauftritten isländischer Prominenter, wie etwa dem ehemaligen Bürgermeister von Reykjavik, Jón Gnarr, der im Film den isländischen Premierminister spielt.

Oder Halldórssons ehemaligem Teamkollegen Rúrik Gíslason als Ganove Omar (dem Hörður bescheinigt: „Er sieht extrem gut aus!“), nunmehr Mitbegründer des „Glacier Gin“, der in der Volcanic Drinks Destillerie in Reykjavik hergestellt wird, und dem hiesigen Publikum vielleicht bekannt durch seine Teilnahme an den TV-Shows „Let’s Dance“, „5 gegen Jauch“ und „The Masked Singer“ – im Gorillakostüm. Klar sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson ihre Heldenauftritte in Slow Motion à la John Woo gegönnt, doch kommt’s beim brutalen Shoot-out mit dem Superschurken zur ersten zarten Berührung der Hände, bald zu leidenschaftlichen Küssen auf der Herrentoilette und einem gemeinsamen Aufwachen im Bett.

Die Konkurrenz- und Männlichkeitsrituale zwischen Bússi und Hörður werden so lange überspitzt, bis sie in ihr Gegenteil kippen. Bússi erkennt, dass er nicht ehrlich mit sich selbst war, und plötzlich eröffnen sich ihm neue Perspektiven. Die Krimihandlung ist zu diesem Zeitpunkt zwar etwas in den Hintergrund getreten, doch dann wird der psychopathische Superschurke Rikki vorgestellt – Björn Hlynur Haraldsson und wie er sich mit dem Bowie-Messer rasiert, und Hörður erkennt ihn auf einem Video als Ex-Model-Kollegen.

Mörderbraut: Vivian Ólafsdóttir als Stefanía. Bild: Polyfilm

Großes Kaliber: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Die strenge Vorgesetzte: Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Þorgerður. Bild: Screenshot

Der ultimative Bösewicht: Björn Hlynur Haraldsson als Rikki. Bild: Screenshot

Pattsituation zwischen Cops und Ganoven. Bild: Screenshot

Regisseur, Drehbuchautor und aktiver Tormann der isländischen Nationalmannschaft: Hannes Þór Halldórsson. Bild: © Polyfilm

Dessen sinistre Truppe von Hightech-Gangstern soll nun während des (echten) Qualifikationsspiels für die Fußball-WM der (tatsächlichen) isländischen Frauennationalmannschaft gegen England mittels Bombenattentats zum finalen Schlag ausholen, alle Einsatzkräfte am Katastrophenort bündeln, und derweil in Seelenruhe Islands Goldreserven stehlen. Þorgerður und ihr Team arbeiten auf Hochtouren und bald wird klar, dass ein Polizei-Insider als Verräter in Rikkis Lager gewechselt haben muss. Alldieweil suchen Bússi und Hörður dessen jüngeren Bruder Maggi, Down-Syndrom-Schauspieler Birgir Gíslason, den Rikki entführt hat, nicht wissend, dass der ein Ego-Shooter-Champion ist – was sich als sehr hilfreich herausstellen wird, so ein Scharfschütze in der Familie: „Bad Guy“ kommentiert Maggi jeden seiner Bildschirmabschüsse …

Mitten im Schusswechsel überwindet sich der identitätskriselnde Bússi zum Liebesgeständnis. Die schönste Szene im Film, die hier nicht vorenthalten werden soll – Hörður: „Du bist schwul, Bússi, das ist alles. Newsflash, Dude, wir haben 2022, da interessiert das niemanden mehr.“ – Bússi schreit durchs Geballer: „Hörður, ich liebe dich. (Maschinengewehrsalve) Wirst du mich dafür verhaften?“ – Hörður (verhaftet gerade Stefanía): „Vielleicht bringe ich später meine Handschellen.“ – Bússi: „Deal!“

„Cop Secret“ würfelt zahlreiche bekannte Genre-Versatzstücke von Polizei-Buddy-Movies bis Heist-Thriller durcheinander und erzielt damit einen überraschend innovativen Pasch. Gerade die spezielle Mischung aus progressiver Gesellschaftsvision, Nordic Noir und jeder Menge nordisch-schwarzem Humor weiß dabei zu überzeugen, und gleichsam charmant sind die Bemühungen, Reykjavik wie einen Großstadtmoloch wirken zu lassen. Dass dieses zum Schluss nicht in Schutt und Asche liegt, bei der Dichte an Schießereien, Explosionen und niedergemähtem Stadtverkehr, die Regisseur Halldórsson hier auffährt, gehört einfach zum Happy End.

www.mfa-film.de/kino/id/cop-secret           alief.co.uk/copsecret

24. 6. 2022