Start in den Festivalsommer

Juni 24, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

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mottingers-meinung.at startet in den Festivalsommer.

In den kommenden sechs Wochen rezensieren wir in loser Folge die wichtigsten Premieren der österreichischen See-, Fest- und Sommerspiele. Vom Neusiedler- bis zum Bodensee. Die tägliche Berichterstattung aus unserer Wiener Redaktion nehmen wir am 8. August wieder auf. Bis dahin schöne Tage und viel Spaß beim Lesen, den jeweils aktuellsten Beitrag finden Sie im Anschluss an diesen Post,

Michaela & Rudolf Mottinger

Wien, 24. 6. 2016

Kulturminister Thomas Drozda setzt ein erstes Zeichen

Juni 24, 2016 in Ausstellung, Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volkstheater bekommt vom Bund 12 Millionen Euro, „New Deal“ für die Freie Szene

Kulturminister Thomas Drozda auf der Regierungsbank. Bild: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Thomas Drozda auf der Regierungsbank: Ein erstes Zeichen für Kunst und Kultur ist gesetzt. Bild: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Eine Woche ist es her, dass das Volkstheater den Zuschlag für die Generalplanerleistungen und die Projektsteuerung für die Generalsanierung des Hauses verkündete, und schon ist eine weitere entscheidende Etappe auf diesem Weg geschafft:

Wie Kulturminister Thomas Drozda bekannt gab, sagt der Bund dem Volkstheater ab 2017 zwölf Millionen Euro für die Sanierung zu.

„Gemeinsam mit der Stadt Wien und dem Volkstheater leisten auch wir unseren Beitrag zum Erhalt eines der bedeutendsten Theater unseres Landes“, so Drozda. Dank der Zusage des Bundes wird die dringend nötige Instandsetzung der denkmalgeschützten Bausubstanz und des Bühnenraums und die notwendige Anpassung der Bühnenmaschinerie an heutige Standards zustande kommen, freut man sich am Haus über die „gute Nachricht für die Theaterstadt Wien“. Die Anna Badora, seit dieser Saison Intendantin des Hauses, für „ein großartiges Signal zum Ende meiner ersten Spielzeit“ hält. Der Volkstheater-Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

Pläne für Bundestheater und -museen

Investiert wird darüber hinaus in ein neues Depot für das Technische Museum und den Bau des neuen Weltmuseums. In diese Projekte fließen vier beziehungsweise zwölf Millionen Euro. Beim Haus der Geschichte in der Neuen Burg allerdings, dem Lieblingsprestigeprojekt seines Amtsvorgängers Josef Ostermayer (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17733) könnten erst nach einem Okay des Finanzministeriums bei den kommenden Budgetverhandlungen im Herbst nächste Schritte gesetzt werden, so Drozda. Der damit klarstellte, dass der angedachte Eröffnungstermin im Jahr 2018 nicht zu halten sein wird: „2019 ist relativ wahrscheinlich.“

Auch der Aufteilungsschlüssel für die Basisabgeltung der Bundestheater für die Saison 2016/17 wurde beschlossen und genehmigt. Demnach erhielten die Holding 4,9 Millionen, das Burgtheater 48,7 Millionen, die Staatsoper 63,2 Millionen und die Volksoper 39,8 Millionen Euro. Im Rahmen eines Schwerpunkts „Transparenz und Professionalisierung“ wurde für Bundesmuseen und Österreichische Nationalbibliothek EU-weit ein gemeinsamer Wirtschaftsprüfer ausgeschrieben.

„New Deal“ für die Freie Szene: Drozda will die „Kleinen“ fördern

Doch nicht nur die Kulturschlachtschiffe sollen in die Gunst des Politquereinsteigers, der zuvor Stationen als kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters und als Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien absolvierte, kommen. Drozda verspricht einen „New Deal“ für Einzelkünstler und die Freie Szene. Er wolle, sagt er, „einen klaren Fokus auf zeitgenössisches Kunst- und Kulturschaffen“ setzen – und dabei vor allem die „Kleinen“ fördern. Bis 2018 sollen die 46 Millionen an Subvention, die derzeit über verschiedene Töpfe an diese Gruppe gehen, um fünf Millionen erhöht werden, die die Beiräte dann neu verteilen können. Auch bei der Vergabe von Stipendien, derzeit sind es 600, ortet Drozda „einen riesigen Nachholbedarf“. Ihre Dotierung wird ab 1. Juli von 1110 auf 1300 Euro erhöht. Außerdem stellt der Bund Künstlern ab nächstem Jahr zehn neue Arbeitsateliers in der Wattgasse zur Verfügung. Die Kosten dafür betragen etwa 108.000 Euro.

„Die Künstler sollen mehr gehört werden“, sagt Drozda – und kündigte an, seine Büroräume im Palais Dietrichstein für sie zu öffnen. Was der Kulturminister von den Künstlern hören will, ist zunächst dies: Zum Thema „Kunst und Integration“ erwarte er sich von Theatern, Museen und anderen Institutionen „konkrete Vorschläge“, die Mittel des ausgeschriebenen Calls „zusammen:wachsen“ werden von 200.000 auf 300.000 Euro aufgestockt. In Planung ist auch eine bundesweite Aktionswoche „Kultur und Integration“. „Das Interesse daran ist überwältigend“, so Drozda. Klingt doch zumindest fürs Erste alles ganz gut. Erstaunlich nur, dass das Thema österreichischer Film bis dato gar nicht zur Sprache kam …

www.kunstkultur.bka.gv.at

Wien, 24. 6. 2016

Die neue Buhlschaft: Miriam Fussenegger im Gespräch

Juni 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin kompromissbereit, aber auch sehr stur“

Miriam Fussenegger. Bild: © Salzburger Festspiele / katsey

Miriam Fussenegger ist die neue Salzburger Buhlschaft. Bild: © Salzburger Festspiele / katsey

Am 23. Juli hat bei den Salzburger Festspielen eine neue Buhlschaft Premiere: Miriam Fussenegger übernimmt die größte kleine Rolle der Welt. Die 25-jährige Linzerin tritt damit die Nachfolge von Brigitte Hobmeier an, die seit 2013 drei Festspielsommer lang die Geliebte des reichen Mannes auf dem Domplatz verkörperte. „Jedermann“-Darsteller Cornelius Obonya bleibt der Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes bis auf Weiteres treu.

Fussenegger, Berufswunsch: Rockstar an der E-Gitarre, bevor sie Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars wurde, ist bei den Festspielen bereits bekannt: Vergangenes Jahr spielte sie die Lucy Brown in „Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper“. Vor der Kamera stand sie unter anderem für den Landkrimi „Der Tote am Teich“ und im Historienfilm „Maximilian“.

Sie habe, so Fussenegger, nicht sofort zugesagt, als ihr die Rolle der Buhlschaft angeboten worden sei. „Im ersten Moment war ich geschockt, geschmeichelt, aufgeregt und ziemlich perplex – alles auf einmal. Und mir war klar: das muss ich erst einmal sickern lassen“, sagt sie. „Ich wollte mir erst einmal darüber klar werden, ob ich mich dieser Verantwortung überhaupt gewachsen fühle. Ich bin eine Grüblerin. Ich will nicht vollkommen blauäugig in eine Sache hineingehen. Wenn man allerdings diese Gedanken ein bisschen zur Seite schiebt, bleibt eine große Freude über das Angebot. Ich könnte hüpfen und schreien. Es ist ein Abenteuer und eine Herausforderung, der ich mich gerne stellen will.“

An ihrer Interpretation der Buhlschaft, meint Fussenegger, werde man etwas „Kindliches“ erkennen, „einen Lolita-Beigeschmack, wenn man so will. Ich verkörpere ein anderes Frauenbild und bin auf einem anderen Erfahrungsstand. Man muss das Ganze noch etwas ausloten, aber ich denke vielleicht könnte meine Buhlschaft etwas unbedarfter und purer sein. Ich finde es wirklich toll von Sven-Eric Bechtolf, dass er jemanden auf diese Rolle besetzt, der so jung und unbekannt ist wie ich. Das ist verwegen und ich hoffe, der Mut zum Risiko wird belohnt“.

Cornelius Obonya habe sie auch schon kennengelernt, freut sich Fussenegger, „und er ist unglaublich nett und entspannt. Es beruhigt mich, einen so sympathischen Jedermann an meiner Seite zu wissen. Ich hatte mich bereits mit ihm getroffen, um ein paar Textzeilen auszuprobieren und zu sehen, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Er ist mir sofort auf Augenhöhe begegnet und es hat wunderbar gepasst“. Dass sie in eine bereits seit Jahren existierende Inszenierung einsteigt, bereitet der Schauspielerin kein Kopfzerbrechen: „Natürlich gibt es schon fertige Strukturen, aber ich habe den Ehrgeiz, diese Strukturen mit meinem eigenen Esprit zu füllen. Ich bin durchaus kompromissbereit … aber auch stur!“

Cornelius Obonya (Jedermann), Ensemble. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Cornelius Obonya brilliert auch weiterhin als Jedermann. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Christoph Franken (Teufel), Ensemble. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Aber natürlich hat der Teufel seine Finger im Spiel: Christoph Franken. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Das Regieteam des „Jedermann“ kennt Fussenegger bereits aus der „Dreigroschenoper“-Produktion. Nun freut sie sich auf den Domplatz, dessen Stimmung sie im Vorjahr aus Zuschauerin selbst erfahren hat: „In dem Moment, in dem die Jedermann-Rufe von überallher kommen und die Glocken läuten, hatte ich solche Gänsehaut. Es ist als würde sich die Stadt gegen den Jedermann verschwören. In diesem Moment habe ich verstanden, warum der Jedermann über so viele Jahrzehnte so erfolgreich ist“. Für die kommenden drei Saisonen nun einmal mit ihr …

Das Programm der Salzburger Festspiele 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15877

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburger Festspiele: “Jedermann”

Wien, 24. 6. 2016

Theater an der Wien: José Carreras singt „El Juez“

Juni 24, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Kolonovits komponierte die Oper für den Star

José Carreras und Christian Kolonovits. Bild: mottingers-meinung.at

José Carreras und Christian Kolonovits. Bild: mottingers-meinung.at

Das Theater an der Wien begeht dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen als Opernhaus und setzt den Jubiläumsspielplan mit einem außergewöhnlichen szenischen Sonderprojekt fort: Am 2. und 5. Juli wird die Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits gegeben, Opernsuperstar José Carreras singt die Titelpartie. Kolonovits behandelt in seiner Oper ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte:

Zur Zeit der Franco-Diktatur wurden nicht regimetreuen Eltern ihre Kinder weggenommen, um sie in Klöstern und anderen Einrichtungen umzuerziehen. Die Kirche, die federführend an der Entführung der Kinder beteiligt war, weigert sich bis heute, Aufzeichnungen und Informationen über die wahre Identität der „verlorenen Kinder“ preiszugeben – ein Konflikt, der die spanische Gesellschaft immer noch spaltet. Zwei Jahre war Kolonovits mit der Komposition seiner Oper beschäftigt, in der er mit der Librettistin Angelika Messner der Frage nach Recht und Unrecht und nach persönlicher Entscheidungsfreiheit nachgeht. Die bejubelte Uraufführung von „El Juez“ fand im April 2014 in Bilbao statt, weitere Aufführungen bei den Tiroler Festspielen Erl und im Mariinski-Theater St. Petersburg folgten.

Inhalt: Der Liedermacher Alberto García erfährt am Totenbett seiner Mutter von der Existenz eines verlorenen Bruders und macht sich auf die Suche nach ihm. Er erzählt in seinem neuesten Lied „Der Seidenschal“ wie das Kind seiner Mutter von einer Nonne entrissen wurde und in einem Kloster verschwand. Damit erregt García – unterstützt von der Fernsehjournalistin Paula – mediales Aufsehen und setzt in der Bevölkerung, die ähnliche Schicksale unzählig teilt, eine Bewegung gegen das Schweigen von Politik und Kirche in Gang. Die Menschen versammeln sich zu Protesten und fordern die Öffnung der kirchlichen Archive. Um das zu verhindern, wird der Richter Federico Ribas von Morales, dem Vizepräsidenten des Geheimdienstes, gedrängt, ein Dekret zu unterzeichnen, das diese Einsichtnahme untersagt. Ribas, selbst in einem Kloster aufgewachsen, weil – wie man ihm sagte – seine Eltern von „Aufständischen“ ermordet worden waren, ist hin und her gerissen. Er empfindet eine ihm unerklärliche Anziehung und Sympathie für die Anliegen der Menschen. Dennoch unterschreibt er das Dekret. Während Ribas auf Paulas Vermittlung hin García in dessen verlassenem Elternhaus trifft und im Kloster auf die Suche nach der eigenen Identität geht, überschlagen sich die Ereignisse. Morales intrigiert und spielt alle gegeneinander aus. García, selbst nun der Kindesentführung beschuldigt, wird angeschossen und erfährt – tödlich verwundet – was für Ribas bereits zur Gewissheit wurde: Dass der Richter selbst der gesuchte Bruder Garcías ist.

Die Rolle des Richters Federico Ribas wurde José Carreras, der mit ihr nach achtjähriger Absenz auf die Opernbühne zurückkehrte, auf den Leib geschrieben: „Meine Familie war stets gegen General Franco. Sie waren Republikaner und alles andere als rechts gerichtet. Zu Hause hörte ich meinen Vater und meinen Großvater über den Krieg sprechen und wie es in der Zeit vor Franco war. Deshalb ist dieses Thema so wichtig für mich“, sagt Carreras im Pressegespräch und erklärt über seine Rolle: „,El Juez‘ ist zwar eine zeitgenössische Oper, sie ist aber alles andere als atonal – es gibt wundervolle Melodien zu singen, Soli und Duette, und tolle Szenen zu spielen. Ich bin überglücklich, dass ich in ‚meinem‘ Wien in dieser Oper auf der Bühne stehen kann!“ Die musikalische Leitung hat David Giménez, es inszeniert Emilio Sagi. Mit Carreras singen José Luis Sola den Alberto García, Carlo Colombara den Vizepräsidenten Morales und Ana Ibarra die Äbtissin.

„El Juez“ zum Reinhören: Premiere im Mariinsky: www.youtube.com/watch?v=GWQ8Osqcmbs

www.theater-wien.at

Wien, 24. 6. 2016

Craig Thompson: Habibi

Juni 22, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine grafische Odyssee durch Islam und Christentum

Bild: Reproduktiv Verlag

Bild: Reprodukt Verlag

Vor einer fantastischen Kulisse aus orientalischen Wüstenlandschaften, märchenhaften Harems und der allgegenwärtigen Kluft zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“ erzählt „Habibi“ die Geschichte von Dodola und Zam, zwei Kinder, die der Zufall eint, das Schicksal auseinanderreißt und deren tiefe Liebe zueinander allen Widrigkeiten zum Trotz überdauert. Sieben Jahre arbeitete Craig Thompson an „Habibi“ („Habib“, arabisch: „Geliebte/r“, zusammen mit dem besitzanzeigenden „mein“ ergibt sich „Habibi“).

Seine grafische Reise führt den Leser in die Welt des Islam – sowohl der Vergangenheit wie auch der Gegenwart. Wasser und die Zahl Neun begleiten die Liebesgeschichte von Dodola und dem viel jüngeren Zam auf ihrem Weg durch neun Kapitel und mehr als 670 Seiten. Gleich zu Beginn wird die neunjährige Dodola von ihren Eltern an einen Schreiber verkauft, der Manuskripte, darunter den Koran, kopiert. Von ihrem wesentlich älteren Ehemann wird sie in die Kunst der arabischen Schriftzeichen eingeführt.

Jeder Strich, jedes Zeichen gewinnt an Bedeutung: Beginnend mit der Eröffnungsformel jeder Koran-Sure – mit Ausnahme der Neunten –, der Basmala („Im Namen Gottes des Barmherzigen und Gnädigen“), fängt auch Dodolas Zeichenlehre an. Daraus wird die Geschichte selbst. Thompson verliert sich aber nicht in der Kalligraphie, sondern lässt die Basmala zu einem Teil der Geschichte werden, indem er sie durch Dodola später als Schutzformel an Zam weitergeben lässt. Nachdem ihr Mann ermordet wird, flieht das Mädchen in die Wüste und findet den dreijährigen Jungen auf einem alten Boot auf einem Meer aus Sand, wo sie zusammen leben und heranwachsen. Zam entdeckt die lebensnotwendige Wasserquelle, wie überhaupt Wasser eine wesentliche Rolle in der Geschichte spielt. Es ist Leben (Geburt) und bringt Tod (Ertrinken), ist Anfang und Ende.

Thompson führt Dodolas und Zams Abenteuer zu einem Strom zusammen, der ständig zu versickern droht. Doch immer wenn eine Episode endet, beginnt der Fluss der Erzählung an anderer Stelle von Neuem. Es entsteht eine grafische Odyssee durch den Orient und eine Synthese verschiedener Glaubenssysteme. Für den Zeichner und Autor sind Islam und Christentum gleichberechtigt. Er zeigt, dass beide Religionen gleichermaßen Hoffnung spenden: Wie Dodola und Zam, stellt Thompson Ismael (Islam, Sure 37.102) und Isaak (Christentum, Genesis 22.7) gemeinsam dar. Stellvertretend für die beiden Religionen pilgern sie von unterschiedlichen Ecken der Comicseite einer Opferstätte entgegen, an der Stammvater Abraham darauf wartet, einen der Söhne zu opfern. Immer wieder verzweigen sich Prophezeiungen, biblische Erzählungen und Handlung, ergänzen sich und sorgen dafür, dass die Geschichte niemals endet. Beide Religionen haben gemeinsame Wurzeln, beide sollen verbinden, nicht trennen. Ein Plädoyer für die Menschlichkeit, die mehr und mehr abhanden kommt. Denn die politische Realität im 21. Jahrhundert sieht leider anders aus – in der arabischen und in der christlichen Welt.

Bild: Reproduktiv Verlag

Bild: Reprodukt Verlag

Bild: Reproduktiv Verlag

Bild: Reprodukt Verlag

„Habibi“ hat auch viel mit den Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ gemeinsam. Sowohl die mächtigen Djinnis, als auch bezaubernde Haremsdamen und finstere Wächter finden sich in beiden wieder. Am Ende der arabischen Nächte hat Scheherazade ihrem König drei Kinder geboren und ihr Leben gerettet. Dodola gibt mit ihren Geschichten Zam Hoffnung, nimmt ihm die Angst. Sie erzählt von Adam und Eva und ihrer Vertreibung aus dem Paradies, Noah und der Sintflut, König Salomon, Mohameds Reise in die sieben Himmel. Thompson arbeitet dazu mit Rückblenden, Zeitsprüngen, Traumsequenzen, Parabeln ohne das gemeinsame Erbe von Islam und Christentum aus den Augen zu verlieren.

„Habibi“ endet in der Gegenwart, in einem modernen, verschmutzen Land, Wanatolien, in dem korrupte Machthaber, gierige Geschäftsleute und Umweltverschmutzer das Sagen haben. Ein riesiger Staudamm soll den Fluss zähmen, den Menschen, oder zumindest einigen von ihnen, Wohlstand und Reichtum bringen. Eine Welt in der Dodola und Zam keinen Platz haben (wollen) und das Weite suchen. Mit ihnen ein kleines Mädchen, das sie von einem Menschenhändler freikaufen. Ein ähnliches Schicksal wie Zams, viele Jahre zuvor. So schließt sich der Kreis und beginnt wieder von Neuem. Eine Ode an die Magie des Geschichtenerzählens.

Über den Autor:
Craig Thompson wurde 1975 in Traverse City, Michigan, USA, geboren und wuchs in einer christlichen Familie in einer Kleinstadt in Wisconsin auf. Schon mit seinem ersten längeren Comic „Mach’s gut, Chunky Rice“ gewann er 1999 den Harvey Award als „Bestes neues Talent“. In den folgenden vier Jahren arbeitete er an „Blankets“, einem 600 Seiten starken, autobiografischen Comic-Roman, in dem Thompson offen über das Heranwachsen in seiner fundamental-christlichen Familie berichtet und von seiner ersten großen Liebe erzählt. Für „Blankets” wurde er 2004 mit drei der wichtigsten US-Comicpreisen ausgezeichnet (Harvey-, Eisner-, und Ignatz-Award) und das gleich in mehreren Kategorien. Mit „Blankets“ gelang es Craig Thompson auch international und über die Grenzen der Comicszene hinaus, Bekanntheit zu erlangen. 2011 erschien mit „Habibi“ sein nächstes Erfolgswerk. 2015 folgte Thompsons aktuellste Graphic Novel „Weltraumkrümel“, ein buntes kosmisches Abenteuer, das sich zum ersten Mal an eine Leserschaft jeden Alters wendet. Craig Thompson war lange Zeit in Portland, Oregon tätig. Er lebt und arbeitet nun in Los Angeles.

Reprodukt Verlag, Craig Thompson: „Habibi“, Graphic Novel, 672 Seiten, 4. Auflage. Aus dem Amerikanischen von Stefan Prehn.

www.reprodukt.com

Wien, 22. 6. 2016