Alexander Pechmann: Im Jahr des schwarzen Regens

Januar 26, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Charles Austen verstrickt sich in die Wunder des Orients

Es ist diesmal keiner seiner Schauerromane, den der Wiener Autor Alexander Pechmann dem Publikum vorlegt. „Im Jahr des schwarzen Regens“ liest sich vielmehr als Hommage an den historisch-fantastischen Abenteuerroman. Es ist der Reisebericht des Kapitän Charles Austen an seine berühmte Schwester Jane Austen: Charles hat mit der Royal-Navi-Fregatte Phönix vor der türkischen Stadt Çeşme/Tschesme Schiffbruch erlitten und wartet nun auf seinen Prozess vor einem britischen Militärgericht. Es ist das Jahr 1816, eben noch hatte Kapitän Austen napoleonische Kriegsschiffe gejagt, nun will er für die bevorstehende Verhandlung seine Gedanken ordnen, indem er sie für Jane festhält.

Sie, die vor wenigen Tagen mehr Ausführlichkeit und mehr Seemannsgarn einforderte: „Habe die Wunder des Orients gesehen‘ reicht mir nicht.“ Er, der nun antwortet, er werde ein Märchen niederschreiben, „denn es handelt von einer verzauberten Stadt, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, und von einem Unhold, der die Schätze derjenigen Menschen vermehrt, die ihm ein gottloses Opfer darbringen.“ Wie stets betört Pechmann mit seiner poetischen, nostalgisch-verwehten Sprache, er ist ein Schönschreiber auch des Hässlichsten.

Und davon gibt es in diesem Buch einiges. Er setzt Menschen und Orte zu orientalischen Mosaiken zusammen, Steinchen um Steinchen, Zusammenhang und Sinn, bis sich am Ende das Ornament als großes Ganzes erklärt. Die verwunschene Stadt, in der sich alles ereignen wird, Liebe, Lüge, Laster, Korruption und Killerkommandos, ist Smyrna, heute Izmir, wohin Austen aufbricht, um für seine 270 Mann Besatzung ein Transportschiff zu organisieren und mit dem britischen Konsul weitere Schritte zu besprechen. Austens, er ist Witwer und Vater zweier Töchter, gutmütiger Charakter wird durch die Rettung des Schiffskaters Nelson ausgestellt: „Der schändlich zerzauste Kater, den ich geborgen hatte, lugte missmutig aus dem Seesack hervor. Er klammerte sich an meine Schulter wie Odysseus an das von Poseidon umhergeschleuderte Floß.“

„Besmele‘, rief Mr. Faruk, der türkische Lotse. ,Ihr habt Nelson gerettet. Allah belohnt die Barmherzigen.“ Gottes Segen wird Austen in Smyrna jedenfalls brauchen. Die Hafenstadt, ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen und Religionen, wird vom zwielichtigen osmanischen Gouverneur Katipzade Mehmet Bey regiert, von den Europäern, besonders den Briten, wohlgelitten, weil er sich für deren Handelsinteressen einsetzt, hingegen im Dauerclinch mit Sultan Mahmud II. und der Hohen Pforte in Konstantinopel/Istanbul. Die einfachen Menschen fürchten und verachten Katipzade, Konsul Werry ist hocherfreut über den „Prachtkerl auf unserer Seite“, vom Sultan ausgesandte Meuchelmörder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Allen scheint Katipzade einen Schritt voraus.

Im Stil der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und mit viel historischem Kolorit, das die intensive Recherchearbeit durchschimmern lässt, erzählt Pechmann eine Geschichte über politische Intrigen, wirkmächtige Volksmythen, rücksichtsloses Machtstreben, und wie man den Machterhalt durch „Gegenleistungen“ sichert. „Was wäre der Gouverneur ohne die Janitscharen, die er bezahlt, ohne die Richter, die er besticht, ohne die Beamten, die er erpresst, ohne die Handelsfirmen, denen er Vorteile verschafft – eine Spinne ohne Netz. Und was wären sie ohne ihn – ein Netz ohne Spinne.“

Diese Worte legt Pechmann dem baltischen Orientalisten und Forschungsreisenden Otto Friedrich von Richter in den Mund, der 1816 tatsächlich in Smyrna weilte. Im Roman erläutert Richter allerlei Wissenswertes zur multikulturellen Handelsmetropole, in der die nationalistischen Konflikte des 20. Jahrhunderts bereits gären. Kapitän Austen bahnt sich derweil als – von Gerüchten und der darauffolgenden Paranoia bisher kaum touchierter – Ehrenmann der britischen Marine unerschrocken und aufrecht seinen Weg durch dieses Schlangennest.

Bild: pixabay.com

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„Viele Zündschnüre und ein Pulverfass“, sagt der Gouverneur, für Austen vom Äußeren eines biederen Bankdirektors, würden ihn seine nervösen Augen, die Freund und Feind im Blick behalten müssen, nicht verraten, über sein Babylon. „Die Philiki Etaireia planen den Aufstand, armenische Geheimbünde sinnen auf Rache, die Sabbatianer sehnen einen neuen Messias herbei, während die Briten eine Annexion vorbereiten, und die Franzosen und Preußen wollen dies natürlich verhindern …“ Eine durchaus skurrile Szene ergibt sich solcherart am Festtag des Heiligen Polykarp, erster Bischof von Smyrna, an dessen Grab auf dem muslimischen Friedhof (!) Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und armenische Christen aufeinander losgehen, bis die Janitscharen alle mitsammen niederknüppeln.

Die Person, die den Kapitän mehr in diese Wirrnisse hineinzieht, als ihm lieb ist, ist die seltsame jüdische Witwe Rachel Löwenthal, Logiergast im selben Hotel wie Austen, die der festen Überzeugung ist, Katipzade hätte ihren Mann, den aus Wien stammenden Jakob Löwenthal, und die gemeinsame Tochter ermordet, indem er ihr Haus als einziges im Nobelviertel als Pesthort deklarierte und samt Bewohnern niederbrennen ließ. Nun appelliert sie an Austens Ritterlichkeit, der ja bei den Würdenträgern der Stadt aus und ein ginge, mehr über deren Schicksal herauszufinden – während die Frau vom Gouverneur bis zum Konsul als wahnsinnige Querulantin abgetan wird. Asten fühlt sich, erinnert an den Verlust seiner Fanny, zu Rachel Löwenthal hingezogen und will helfen.

Rund um dieses Szenario errichtet Pechmann ein wundersames Panoptikum aus Figuren, wie alten Volkssagen und Legenden entsprungen. Da ist zunächst Anthoula aus der Irrenanstalt, wohin Rachel Charles führt, um ihm zu zeigen, was mit Mädchen passiert, die Katipzade „als Spielzeug missbraucht“ und nach Gebrauch wegwirft. Ein taubstummes, blindes, kahles Geschöpf mit verkrüppelten Beinen, über das Austen schreibt: „Diese Mischung aus abstoßender Hässlichkeit und außerweltlicher Erhabenheit in ihren Zügen verwirrte und verstörte mich zutiefst.“ Er denkt an die Schlangengöttin Schahmeran, die sich zerhacken ließ, um das Böse zu bezwingen.

Oder Arevhat, die Sängerin und Volksheldin, die wie aus dem Nichts auftaucht und ebenso wieder verschwindet, und die in ihren Liedern zum Ungehorsam gegen den Unterdrücker aufruft. Rachel ist sich sicher, dass ihr Mann sterben musste, weil er Arevhat Unterschlupf gewährte, auch sie war eines jener „unglücklichen Kinder, die der Gouverneur in seinen Sommerpalast bringen ließ. Die Mädchen wurden wie Huren bekleidet und bemalt. Sie mussten bei den großen Feierlichkeiten die Gäste des Gouverneurs bedienen. Hatten die Mädchen ihren Zweck erfüllt, wurden sie entehrt vor die Tür gesetzt. Einige machten ihrem Leben ein Ende, wieder andere schlossen sich aus Not den Bettlern an.“

Deren „König“ ist ein weiterer schillernder Charakter, der Derwisch Salaheddin, der mit seinen zerlumpten Truppen und seinen Sufis Austen noch sehr hilfreich sein wird (die beiden schleusen den ehrfurchtgebietenden Sufi Ahmet mit einem gefälschten „Ferman des Sultans“ als trojanischen Janitscharen ins Polizeigefängnis ein, was die Wachsoldaten zum Habt-Acht und zur Herausgabe politischer Gefangener veranlasst – Anthoulas Arzt Dr. Mikaelis ist nämlich außerdem griechischer Freiheitskämpfer). Magisch auch die Begegnung mit Rachels Zaddik Rabbi Ashkenasi, der Austens Blick auf ungeahnte Aspekte des Glaubens richtet.

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Richtig Fahrt nimmt der Roman nach einem missglückten Attentatsversuch auf den Katipzaden auf dem Casino-Ball auf. Der Täter, die Hintermänner? Konsul Werrys Sohn Peter sagt Seiten vorher und hämisch grinsend diesen verhängnisvollen Satz zu Austen: „Der nächste Gouverneur muss ja nicht unbedingt ein Türke sein.“ Charles Austen und Otto Friedrich von Richter retten den angeschossenen Gouverneur und verstecken ihn in einer der bewohnbaren Höhlen am Strand …

Pechmann gelingt mit Verve keinen seiner Charaktere eindimensional zu gestalten. Der bösartige Gouverneur, der das Volk schikaniert, spricht in der Höhle mit den Worten eines Dichters über seine verlorene Liebe Leila, ein Korbflechter-Mädchen, dass Vater Katipzade aus dem Weg schaffte, um dem Sohn eine standesgemäße Heirat vorzuschreiben (als wer sich Leila entpuppt, ist sagenhaft). Selbst Kapitän Austen ist in seinem Innersten zerrissen, nach außen Pflicht und Moral, innerlich nicht über Fannys Tod hinwegkommend, an dem er sich die Schuld gibt. Und Madame Löwenthal? Ist sie wirklich verrückt, wie alle behaupten, oder ist an ihren Anklagen etwas dran? Allmählich erst, die Nerven längst bis zum Äußersten gespannt, dröseln sich die verschlungenen Verhältnisse – wer mit wem und wer gegen wen – auf. Was für mehr als eine Überraschung gut ist.

„Im Jahr des schwarzen Regens“, benannt nach dem Ausbruch des indonesischen Tambora-Vulkans 1815, der noch im Jahr darauf, dem „Jahr ohne Sommer“, ascheschwere Niederschläge auf die Welt fallen ließ, ist ein bis ins Detail stilgetreuer historischer Abenteuer-Roman und mehr. Denn Pechmann erzählt seine Geschichte aus der Zeit des europäischen Handelsimperialismus und der Minderheitenverfolgung im Osmanischen Reich als Bericht aus einer exotischen Wunderkammer. Die vorgegebene Zeit ist ihm nur der Anker, um die orientalischen Mythen und levantinischen Märchen über fantastische Wesen und unerklärliche Phänomene daran festzumachen. Alles in allem: Eine atmosphärisch dichte, nostalgische, unterhaltsame Lektüre über historische Tatsachen.

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939) und „Sieben Lichter“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45974).

Steidl Verlag, Alexander Pechmann: „Im Jahr des schwarzen Regens“, Roman, 256 Seiten.

steidl.de

26. 1. 2022

Weltmuseum Wien: „… aus Afghanistan“

Januar 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge erzählen mit Alltagsobjekten über ihre Heimat

Brigitte Neubacher: Afghanistan 1994. Bild: © Brigitte Neubacher

Die Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 und die Bilder, die davon um die Welt gingen, fordern einen genaueren Blick auf Afghanistan und seine Menschen. Die Sammlungen des Weltmuseums Wien geben einen Einblick in das Leben, die Geschichte und die Kulturen Afghanistans. Das Weltmuseum Wien hat Männer und Frauen aus Afghanistan, die in Wien leben, eingeladen, Objekte auszuwählen und ihre Geschichten mit den

Besucherinnen und Besuchern des Museums zu teilen. Gegenstände verschiedener ethnischer Gruppen sollen das Bild von Afghanistan mit vielfältigen, lebensbejahenden Eindrücken bereichern. So ist die sehenswerte Präsentation „… aus Afghanistan“ entstanden. Die Ausstellung wirft Streiflichter auf Szenen des alltäglichen Lebens von Afghaninnen und Afghanen in deren ursprünglichen Heimat bis hin zum Leben von in Wien wohnenden Geflüchteten. Das Weltmuseum Wien will mit dieser Ausstellung ein anderes Bild zeigen, als es viele Medienberichte nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 boten. Die Ausstellung zeichnet aus, dass sie nicht von MuseumskuratorInnen alleine gestaltet wurde. Vielmehr haben in Wien lebende Afghaninnen und Afghanen Objekte aus der Sammlung des Museums ausgewählt oder dem Museum eigene geliehen, die ihnen wichtig erschienen, um über das Leben in ihrer alten Heimat und in Wien zu berichten.

Sie haben auch Texte zu verschiedenen Themen verfasst, die in der Präsentation zu lesen sind. Beispielweise Batul Abedi über das Gebetstuch: Die drei Wörter heißen „Mohammed“, „Hasan“ und „Ali“. Das Tuch wird also von Schiiten verwendet. Die beiden erhobenen Hände stehen für das Beten in Richtung zu Gott. Bei mir zu Hause hängt so ein Tuch an der Wand gegenüber dem Sofa. Oder Rahmatullah Ahmadi über die Teekanne: Tee ist für uns Afghanen ein Getränk das Energie bringt und auch erfrischt. Wenn ein Gast kommt oder wir uns in Gemeinschaft treffen wird immer Tee getrunken, grüner oder schwarzer Tee mit viel Zucker. Er muss stark sein, die Wirkung muss gespürt werden.  In Afghanistan haben wir Tee meist aus Indien importiert. Hier in Österreich schätzen wir auch Säfte oder Coca Cola, zum Christentum konvertierte Afghanen auch Bier.

Teekanne, Afghanistan/Jamshidi. © KHM-Museumsverband

Halskette, Afghanistan/Pashtunen. © KHM-Museumsverband

Gebetstuch, Afghanistan/Hazara. © KHM-Museumsverband

Krug, Afghanistan/Tadschiken. © KHM-Museumsverband

In der Schau geht es nicht um die Taliban, nicht um die Flucht vieler oder um schwer bewaffnete Kämpfer, die durch die Straßen Kabuls patrouillieren. Vielmehr sollen von Frauen angefertigte Keramiken oder geflochtene Körbe, Silberschmuck und farbenprächtige Kleider, Gebetstücher und Papierdrachen Einblicke in die Kultur jenseits des Kriegsgeschehens bieten. Gezeigt werden Szenen aus dem alltäglichen Leben vieler Ethnien. Der Bogen spannt sich von der Gastfreundschaft zum gemeinsamen Essen und Teetrinken, von der Weitergabe des Brautschmucks von der Mutter des Bräutigams zur neuen Schwiegertochter bis hin zum Drachensteigen.

„… aus Afghanistan“ wird ergänzt durch Fotografien von Brigitte Neubacher, Josef Polleross, Max Klimburg, Alfred Janata, Roger Senarclens de Grancy, Walter Kuschel und Georg Sarac. Von der Fotografin Aleksandra Pawlow porträtierte in Wien Lebende berichten über ihr Leben von Afghanistan bis Wien.

Kostenlos zu besuchen bis 31. Mai.

Hochzeitskleid (Detail), Leihgabe von Frau Sohayla Yaqoubi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewänder, Leihgaben von Sohayla Yaqoubi und Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewand (Detail), Leihgabe von Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Historischer Hintergrund

In Afghanistan leben mehr als 50 Stämme. Ihr gemeinsamer Staat grenzt an sechs Länder, wobei die Grenzziehung über weite Strecken auf imperialistische Machtbestrebungen zurückgeht: Die Einmischung ausländischer Akteure in innerafghanische Angelegenheiten prägte über mehr als hundert Jahre das Leben vor Ort. Zwischen 1838 und 1919 führte Großbritannien Kriege im Land. Ab 1979 intervenierte zehn Jahre lang die Sowjetunion, wobei die USA den islamistischen Gegnern der Kommunisten, den Mujahedin, umfangreich Waffen lieferte. In den Jahren 1992 bis 1994 tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Von 1996 bis 2001 beherrschten die Taliban große Teile des Landes. Gegen sie und andere islamistische Gruppen führten die USA und deren Bündnispartner von 2001 bis 2021 einen blutigen Krieg. In all diesen Konflikten litt vor allem die Zivilbevölkerung Afghanistans: viele Menschen wurden getötet, Millionen mussten fliehen, vor allem in die Nachbarländer.

Strickfrauen 1970. Bild: © Roger Senarclens de Grancy

Afghanistan 1959. Bild: © Alfred Janata

Afghanistan/Bamiyan 1993. Bild: © Brigitte Neubacher

Mittagessen in der Mudschaheddin-Basis von Jagdalak, 1988. Bild: © Josef Polleross

Statement des Weltmuseum Wien

Das Weltmuseum Wien widmet sich der Wertschätzung der Vielfalt des menschlichen Lebens. Das Kollegium des Museums ist daher solidarisch mit den Menschen in Afghanistan in ihrer Vielfalt. Die aktuelle Situation ist schwer einschätzbar, aber Krieg und Konflikte führen zur Vertreibung von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Wir appellieren an die Länder der Welt, darunter auch Österreich, alle Maßnahmen zu ergreifen um den Geflüchteten mit Mitgefühl zu begegnen, sie aufzunehmen und zu unterstützen.

www.weltmuseumwien.at

25. 1. 2022

Belvedere Orangerie: Dalí – Freud. Eine Obsession

Januar 24, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Psychoanalyse und die Poetik des Surrealismus

Salvador Dalí, Cisnes reflejando elefantes (Schwäne spiegeln Elefanten wider), 1937. Esther Grether Familiensammlung © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Bild: Robert Bayer, Bildpunkt

Salvador Dalí verehrte Sigmund Freud. Das zeigt sich deutlich im Werk des großen Surrealisten, in dem Kernthemen der Psychoanalyse wie Unterbewusstes und Traumhaftes eine zentrale Rolle spielen . Die umfassende Ausstellung in der Belvedere Orangerie „Dalí – Freud. Eine Obsession“ zeigt ab 28. Jänner, wie sehr sich der Künstler konkret mit Freuds Theorien auseinandersetzte. Am 19. Juli 1938 traf Salvador Dalí in London den aus Wien geflohenen Sigmund Freud.

Das erste und einzige Treffen des Künstlers mit seinem Idol war auf Vermittlung von Stefan Zweig und Edward James zustande gekommen. Das Belvedere zeigt anhand von 150 Werken – darunter Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Filmen, Büchern, Zeitschriften, Briefen und anderen Dokumenten den Einfluss des Psychoanalytikers auf das Werk Dalís. Die Ausstellung verweist damit auf die enge Verbindung zwischen zwei der bedeutendsten Strömungen des 20. Jahrhunderts. Präsentiert werden etwa neue Forschungserkenntnisse, die zeigen, wie surrealistische Kunst den theoretisch oftmals besprochenen Zusammenhang zwischen Psyche und Physiologie von Nervengewebe aufgriff und veranschaulichte.

Salvador Dalí hatte ab den frühen 1920er-Jahren Zugang zu Übersetzungen der Schriften Freuds und studierte sie ausführlich. Davon beeinflusst setzte er sich ab 1926 mit der Poetik des Surrealismus auseinander und entwickelte eine neue Bildsprache, die sein Werk bis heute einzigartig macht. Persönlich traf er den Wiener Psychoanalytiker wie gesagt nur ein einziges Mal. Die Ausstellung, kuratier von Jaime Brihuega, schildert diese und weitere wegweisende Begegnungen des Künstlers, wie jene in der Residencia de Estudiantes in Barcelona mit dem Dichter Federico García Lorca oder dem Filmemacher Luis Buñuel.

Salvador Dalí, The Alert (Der Alarmzustand), um 1934. Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2021 / Bild: Jochen Littkemann, Berlin

Salvador Dalí, Bildnis Sigmund Freud, 1938. Freud Museum London © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022

Salvador Dalí, Le jeu lugubre (Das düstere Spiel), 1929. Privatsammlung, Schweiz © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí / Bildrecht, Wien 2022 / Photo White Images/Scala, Florence

Sie wie auch der Histologe und Nobelpreisträger Santiago Ramón y Cajal und dessen Zeichnungen vom Nervengewebe wurden letztlich bestimmend für Salvador Dalís surrealistisches Schaffen. Auch sein familiärer Hintergrund hatte großen Einfluss auf sein Werk, weshalb diesem nein weiterer Augenmerk der Schau gewidmet ist – der Künstler setzte sich mit seiner komplexen Jugend intensiv psychoanalytisch auseinander und verarbeitete diese wiederholt in seinen Gemälden.

Zu sehen bis 29. Mai

www.belvedere.at

24. 1. 2022

Stadtsaal/Thomas Maurer: Zeitgenosse aus Leidenschaft

Januar 23, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bezos‘ Penis, Hofers Pocken und ein P.C.-Kabarettist

Bild: © Ingo Pertramer

Den Neujahrsvorsatz hat Thomas Maurer offenbar gefasst, 2022 alles richtig zu machen, und so begrüßt er unter den Zuschauerinnen und Zuschauern auch sein LGBTQIA+Publikum, die MigrantInnen aller Communitys mögen sich mitgemeint fühlen. Maurer spricht den Gender*

in jedem Satz, das zieht er durch bis zum Schluss. Nur Oarschloch und Nazi, so Maurer, werden die Ausnahmen sein. Derart „woke“ sei er jetzt, der perfekte politisch korrekte Kabarettist, der sich mit seinem aktuellen Programm „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ im Stadtsaal und in der Regie von Petra Dobetsberger präsentiert. Die Tagespolitik hat Maurer schon länger an die Staatskünstler, dem Satirekollektiv mit Robert Palfrader und Florian Scheuba, ausgelagert. Hier beschäftigt er sich frei nach Otto Grünmandls: „Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus“ mit dem nun vernünftigem, weil gesundem Leben seiner Bühnenfigur Thomas Maurer, die nicht mehr rauchen und kein Fleisch mehr essen will, und sich unversehens bei einem Tankstellenshop mit Tschick und Leberkäsesemmel im Auto wiederfindet.

Ein roter Faden ist in „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ schwer bis gar nicht auszumachen. Maurer mäandert auf Stand-up-Art durch eine breit gefächerte Themenlandschaft. Die Aufgabenbereiche für einen Zeitgenossen sind eben sehr komplex, interkulturelle Fettnapf-Tritte inklusive. Und doch verdichtet sich das Gesagte im Laufe des Abends zu jenem Gegenwartsgefühl trauriger Erkenntnis, wie vieles komplett falsch läuft, wie wenig sich aber trotzdem ändert – global genauso wie bei einem selbst.

Maurer gesteht, dass er sich als Ministrant in den 1970er-Jahren des Blackfacings schuldig macht habe, weil – entschuldigend – ihm der Caspar als der coolste vorgekommen sei. Danach eine schnelle Tschick in der Sakristei: „Ich habe Jesus für Philip Morris verraten.“ Flugs geht’s zu den Azteken und ihrem Menschenopfer-Kult. Rückblickend, so Maurer, könnte man darüber nachdenken, ob deren kannibalistische Rituale um so vieles grausamer waren als die 15.000 Menschenopfer, die der Bau des Fußball-WM-Stadions in Katar gefordert hat. Das sind Zusammenhänge, die erst einmal geknüpft sein wollen – und Maurer gelingt das ganz famos, ohne, dass sein Vortrag jemals in die Häme kippt, sondern so, dass herzlich gelacht werden kann.

Die persönlich liebste Story erzählt Maurer nach der Pause – ein bisschen Fun im Fundamentalismus: Bärtige, bewaffnete Männer ziehen Richtung Stadt. Rebellische Aufwiegler und maßnahmenkritische Umstürzler, die endlich zu ihrem Recht kommen wollen. Die Taliban auf dem Marsch nach Kabul? Nein! Tirol 1809, als Andreas Hofer mit seinen Tiroler Schützen gegen die Bayern in die Schlacht zog. Auslöser des Konflikts ist – die Impfplicht gegen die Pocken. Doch die Tiroler, Maurer schildert in herrlichstem Dialekt, sahen das Vorgehen gegen die Blattern als Lästerung des Menschen gegen Gottes Plan – und er zieht den Schluss: „Man kann für die Freiheit demonstrieren und sich dabei eine infektiöse Lungenerkrankung einfangen.“ (Wenigstens konnten die Clusteranten anno 1809 nicht mit dem Bus nach Wien fahren, Anm.)

Flott und vom Hundersten in Tausendste geht’s durch 21. Jahrhundert, dessen „biologischer Obergrenze“ und jener der eigenen Schuldgefühle. Irgendwann geht nicht mehr. Maurer windet Girlanden vom Klimawandel: „Man kann auf der Autobahn fahren und dabei die Klimaanlage auf Weißweintemperatur stellen. Oder kühl distanziert der Zeitung entnehmen, welcher unseligen Weltgegend gerade ,Hilfe vor Ort‘ in Aussicht gestellt wird und wer gerade wieder ,Klimahysterie‘ gesagt hat.“ Bis zu Jeff Bezos und seinen an einen Penis erinnernden Space Penetrator. Maurer wünscht sich ein „Vaginaldesign“: „Ich stell‘ ma des vor wie ein Langsemmerl“.

Ein nachhaltiges Konsumverhalten wird gefordert – es hagelt Kritik für die immer schlimmer werdende Bodenversieglung rund um die ländlichen Gewerbeparks: „So sieht das Anthropozän aus, wenn der Baumeister der Schwager vom Bürgermeister ist.“ Die Energieforschung wird erwähnt und SUVs, die „wie Werkfahrzeuge am Todesstern anmuten.“ Dass es in der Apotheke Globuli und Schüsslersalz zu kaufen gibt, lässt ihn an der Aufklärung (ver-)zweifeln.

Die Welt wäre besser, befindet Maurer, „wenn die Leute sich vorher vorstellen, was sie sich nachher nicht hätten träumen lassen.“ Sarkasmus, weiß Maurer, ist die Würze der Debatte, und bohrt genüsslich in der Wunde des Österreichertums. Ein augenzwinkernd ironischer Blick des Kabarettisten und die Um- und Zustände, die auch der „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ nicht zu ändern vermag. Maurers Ausführungen sind so geistreich wie amüsant, er versteht es Antworten auf Fragen zu geben, die man sich eigentlich noch nie gestellt hat, und wirft jeder Antwort eine neue Frage hinterher. Und gerade als man gespannt ist, wie Maurer sein Ideengewirr am Ende zusammenfassen will, dreht er eine gedankliche Runde zurück zum Anfang: „Gegenderte Sätze sind wie Windkraftparks: Nicht schön anzusehen, aber ganz ohne wird es auf Dauer auch nicht gehen.“ Jubel, Applaus.

Nächste Vorstellungen im Stadtsaal am 28. und 29. Jänner, es gibt noch Karten. Alle Termine österreichweit:

thomasmaurer.at          www.stadtsaal.com

  1. 1. 2022

Benedict Cumberbatch in „The Power of the Dog“

Januar 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Spätwestern um Männlichkeitswahn und Schwulsein

Benedict Cumberbatch als Rancher Phil Burbank. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Aus dem Off hört man die Stimme von Peter: „Was wäre ich für ein Mann, wenn ich meiner Mutter nicht helfen würde?“ Ein Satz, der vorwegnimmt, was am Ende geschehen wird. Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion hat US-Autors Thomas Savage 1967 erschienenen, von der Kritik gefeierten, beim Lesepublikum erfolglosen Roman „The Power of the Dog“ unter gleichem Titel verfilmt.

Savage, der ein gutes Dutzend Westernromane über schwule Cowboys und repressive Geschlechternormen in ländlichen Gegenden des frühen 20. Jahrhunderts schrieb, eine literarische Ahndung der Machomentalität in Montana, wo er zur Zeit der Great Depression aufwuchs, verarbeitet in seiner queeren Story tatsächlich die eigene Familiengeschichte: Es war seine Mutter, die in die Rancher-Familie Brenner einheiratete und zu trinken begann, er hatte tatsächlich einen Onkel, der in seiner Fiktion ein Fiesling und Frauenhasser war. Campion, bekannt durch ihre feministischen Psychodramen in historischen und unwirtlich ländlichen Settings, ist keine, die in Filmen auf entlastende Befunde setzt. Sie sucht nach Konflikten, die sich ins Pathos steigern und in die kleinsten Verästelungen menschlicher Motivation zergliedern lassen.

Sie hat das erforderliche Faible für die langsamen Fahrten von Kamerafrau Ari Wegner über einsame, unendlich scheinende Landschaften, wobei sie das Montana des Jahres 1925 kurzerhand in ihre Heimat Neuseeland verlegte, und aufrichtiges Interesse an den Genderstereotypen. Das macht ihre Figuren authentisch grobschlächtig, aber nie einfältig oder leicht durchschaubar. „The Power of the Dog“ ist ein Spätwestern der mit den Elementen dieses Genres einerseits entlarvend umgeht, sie andererseits aber auch feiert und hochhält. Zu den 14 bis dato erhalten Auszeichnungen zählen der Silberne Löwe für Campion, Golden Globes als bester Film, für Campion und Kodi Smit-McPhee (er übrigens weiland der dunkelblaue X-Men Nightcrawler), sowie der Premio Sebastiane für den besten Film im Bereich LGBTQ+.

Kodi Smit-McPhee als Peter Gordon und Benedict Cumberbatch als Viehzüchter Phil Burbank werden sich denn auch als die beiden Gegenspieler erweisen. Das erste Bild zeigt einen männlich-mürrischen Phil in einem düsteren Haus, der seinen Bruder George, der in der Badewanne sitzt, in der Phil noch nie war, in geschwisterlicher Hänselei einen „Fettkloß“ nennt. Brüder sind als Erzählung seit Kain und Abel ein Klassiker. Auch hier ist die Rollenverteilung klar: Phil ist der Mann fürs Grobe, zuständig für das Vieh und die Ranch – und das, obwohl in der geschliffenen Verächtlichkeit seiner Bemerkungen eine akademische Intelligenz durchscheint (später wird man erfahren, dass er mal klassische Philologie studiert hat, worauf Keith Carradine als zum Dinner eingeladener Gouverneur fragt: „Schnauzt er die Tiere auf Altgriechisch oder Latein an?“)

George, ein Gentleman mit besten Manieren, ein Mann, der vor Freude weinen kann, hat sich aufs Phlegma verlegt, die psychischen Folgen, die die Abscheulichkeiten seines Bruders für andere haben, taubblind auszublenden. Seit 25 Jahren betreiben die beiden die von den Eltern übernommene Ranch in trauter Bruderschaft, in ihrer Unterschiedlichkeit – der eine schaut nach vorne, fährt Auto, der andere zurück, als Männer noch richtige Männer waren – sind die beiden gut aufeinander eingespielt, und es wird sich herausstellen, dass es der großmäulige Phil ist, der ohne George nicht leben kann – Cumberbatch, dessen Gegeneinander von sensiblem, bis in die Seele durchscheinendem Gesicht und kantigem, ungepflegtem Körper faszinieren; Jesse Plemons, der den George nicht minder bravourös verkörpert.

Der Viehtrieb führt nach Beech zu Rose. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Phil Burbank und seine Männer. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Frostiger Empfang: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst und Jesse Plemons. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Benedict Cumberbatch und Kodi Smit-McPhee als Peter. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Es kommt der Tag des Viehtriebs. Man will die Rinder im Kuhdorf Beech in die Eisenbahn verladen. Dort läuft der fiese Phil zur Höchstform auf. Mit George und den Cowboys hat man sich im Gasthaus der Selbstmörder-Witwe Rose Gordon eingemietet – ausdrucksstark und für einen Oscar als Best Supporting Actor gehandelt: Kirsten Dunst. Phil und seine Männer poltern durch die Wirtschaft und verschrecken die anderen Gäste. Phils Spott trifft vor allem Roses Sohn Peter, den androgynen jungen Mann, der Blumen aus Krepp-Papier bastelt. „Kleine Lady“, ruft ihn Phil. Bei Peter ist es Hass auf den ersten Blick, und Kodi Smit-McPhee kann nicht nur optisch als herangewachsener Damian Thorn durchgehen, sein Gesichtsausdruck allein ist ein böses Omen.

George, der die Rechnung begleichen will, hört Rose in der Küche schluchzend. Da hat Phil einen Fehler gemacht! Denn George geht nicht nur zu ihr, um sich für seinen Bruder zu entschuldigen, er hilft auch beim Abwasch und beim Servieren, und sehr bald sieht Phil „die schäbige Intrigantin“ Rose wieder, als Georges Frau – Kirsten Dunst und Jesse Plemons sind auch privat ein Paar. Vorbei ist es mit der Zweisamkeit. Klar, dass George aus dem Brüderschlafzimmer auszieht, Phil hört sie beim Liebe machen durch die Wand. Diese Veränderungen im Familienleben triggern etwas in Phil, er beginnt Rose mit sadistischen Mindgames das Leben zur Hölle zu machen, startet die systematische Zerstörung von Rose, die sich zwischen ihn und George gedrängt hat. Dass ihr so deutlich anzumerken ist, wie viel Angst Phil ihr einflößt, stiftet diesen erst recht zu Gemeinheiten an.

Von ihrem konfliktscheuen Ehemann alleingelassen, flüchtet Rose ins Hochprozentige. Peter ist zum Medizinstudium in die Stadt gezogen, der Alkoholikerin in Schränken und unter der Bettdecke versteckte Schnapsflaschen werden vom harmoniesüchtigen George (und dem jeder Schwäche auflauerndem Phil) zwar bemerkt, aber verdrängt. All das schildert Campion aus der Sprachlosigkeit und dem Schweigen ihrer Figuren. Die Spannung entsteht aus dem, was diese nicht oder nur andeutungsweise zueinander sagen. Die Atmosphäre ist unergründlich wie in einem Krimi Noir. Am bemerkenswertesten ist freilich, wie Campion die Balance zwischen Antipathie und Empathie für ihre Figuren meistert. Wenige Filme haben bis dato das inflationär gebrauchte Schlagwort „toxische Männlichkeit“ so scharfsinnig und ausgewogen behandelt wie „The Power of the Dog“.

In all dem Unausgesprochenem hütet ausgerechnet der ganze Kerl Phil das „skandalöseste“ Geheimnis, auf dessen Spur die Zuschauerin, der Zuschauer eigentlich von Anfang gebracht werden. Im Beech-Saloon, wo Phil kein Interesse an den Bordell-Ladys hat, während er aber seine Arbeiter beim Nacktbaden im Fluss beobachtet. Sein persönlicher Held ist das archaische Mannsbild Bronco Henry, dessen Weisheiten er bei jeder Gelegenheit verkündet wie die Offenbarung, und der ihn wohl allerlei gelehrt hat. Von der großen Liebe seines Lebens hat Phil eine Kiste mit pornografischen Männerfotos und ein Halstuch aufbewahrt, mit dem er sich am liebsten an einen versteckten Teich zurückzieht.

Cumberbatch gestaltet Phils vielschichtigen und widersprüchlichen Charakter zwischen Idealisierung maskuliner Härte und der Tabuisierung von Homosexualität, wobei Zweitere mutmaßlich Erstere evoziert hat. Hinter der mit aller Kraft aufrechterhaltenen Fassade lässt Cumberbatch einen neurotischen Mann erkennen, der sein Schwulsein unterdrückt und deshalb keine Nähe, Emotionalität oder Zärtlichkeit zulässt. Sein aufgeblasenes Gehabe ist nichts als ein Abwehrverhalten. Diese Erkenntnis macht Phil nicht sympathischer, aber doch zu einer tragischen, weil ausweglos einsamen Gestalt. Dies also die Widersacher: Phil, der sich hinter einer vorgetäuschten Identität verschanzt, und Peter, der nichts anders sein kann und sein will, als er selbst.

Kirsten Dunst als frisch angetraute Rose in einsamer Umgebung. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Rose versucht vergeblich alles richtig zu machen: Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

George pflegt die volltrunkene Rose: Jesse Plemons und Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Peter bastelt aus Passion Papierblumen: Kodi Smit-McPhee. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Als Peter in den Ferien nach Hause kommt, Kodi Smit-McPhee vorher schon seltsam, jetzt noch stranger und mit sinistrem Blick, findet er Rose in schrecklichem Zustand vor. Phil versucht ihn mit homophoben Beleidigungen zu demütigen, doch Peter bleibt erstaunlich unbeeindruckt. Da ändert Phil seine Gangart gegenüber dem queeren jungen Mann und bietet an ihm ein Mentor in Sachen Wilder Westen zu sein. Als dieser erfreut zusagt, vermutet man, anders als die ob dieser Entwicklung aufgebrachte und besorgte Rose, sofort eine Falle. Bald folgt Peter Phil wie ein Welpe überallhin, um die „Männersachen“ zu lernen: ein Lasso flechten, ein Pferd reiten, rauchen …

„Lass‘ dich von deiner Mutter nicht zum Schwächling machen“, sagt Phil zu Peter, der danach zu seiner Mutter: „Ich sorge dafür, dass sich dein Leben ändert.“ Campion lässt Cumberbatch und Smit-McPhee viel Raum, um die Beziehung ihrer Charaktere zu entwickeln. Sie hält die Verbindung auf fesselnde Weise ambivalent. Auf seinen allein unternommenen Streifzügen fängt Peter einen Feldhasen, den der angehende Arzt sehr zum Schrecken von Köchin Mrs. Lewis, Genevieve Lemon, und Dienstmagd Lola, Thomasin McKenzie, die beiden Verbündete der zunehmend vom Wahnsinn umzingelten Rose, in seinem Zimmer seziert.

Er sucht und findet ein an Milzbrand verendetes Rind – Achtung: Spoiler! -, zieht Chirurgenhandschuhe an und schneidet den Kadaver auf. Beim Aufstellen eines neuen Zauns verletzt sich Phil ziemlich heftig an der Hand, was er naturgemäß ignorieren muss. Da er jedoch versprochen hat, Peter ein Lasso zu flechten, schneidet der das Rohleder in Streifen und Phil taucht seine lädierte Hand tief in das Wasser, dass die Tierhaut geschmeidig machen soll. Am nächsten Morgen findet ihn George schwerkrank im Bett, seine Hand ist stark entzündet. George bringt seinen Bruder ins Krankenhaus, wo er wenig später verstirbt. Bei Phils Beerdigung erklärt der Arzt George, dass sein Bruder an Milzbrand gestorben sei, was George verwirrt, da Phil kranke Rinder stets gemieden hatte, er dies entsprechend seines Naturells aber nicht weiter hinterfragt.

Es scheint ein Albdruck von der Familie Burbank genommen. Frances Conroy und Peter Carroll als Phils und Georges Eltern, beim Dinner mit dem Gouverneur noch versnobt und distanziert, umarmen nun endlich die Schwiegertochter. Peter, der nicht beim Begräbnis war, sieht die heimkommenden Rose und George sich vor dem Haus lächelnd herzen. Er schlägt die Bibel auf und liest laut Psalm 22: „Befreie meine Seele von dem Schwert, mein Leben von der Macht des Hundes …“

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20. 1. 2022