Schikaneder: Milica Jovanovic im Gespräch

September 30, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt die Ehefrau Eleonore

Milica Jovanovic und Mark Seibert als Eleonore und Emanuel Schikander. Bild: Rafaela Proell

Milica Jovanovic und Mark Seibert als Eleonore und Emanuel Schikaneder. Bild: Rafaela Proell

Wenn sich heute Abend im Raimund Theater der Vorhang hebt, wird sie als Eleonore Schikaneder auf der Bühne stehen. Milica Jovanovic verleiht in der Weltpremiere des neuen VBW-Musicals der Ehefrau des genialen Theatermanns Gestalt und Stimme – und erlebt dabei eine turbulente Liebesgeschichte rund um die Entstehung der „Zauberflöte“. Den Schikaneder spielt Mark Seibert. Das Buch stammt von VBW-Musicalintendant Christian Struppeck, die Musik von Stephen Schwartz. Regie führt Sir Trevor Nunn.

Milica Jovanovic im Gespräch:

MM: Hand aufs Herz, seit wann wissen Sie, dass es einen Wiener Theatermacher namens Emanuel Schikaneder und seine Frau Eleonore gegeben hat?

Milica Jovanovic: Ich habe 2008 zum ersten Mal die Papagena in der „Zauberflöte“ am Staatstheater am Gärtnerplatz in München gesungen und habe da auf dem Deckblatt der Noten seinen Namen gelesen. Von seiner Frau weiß ich erst durch unser Musical.

MM: Ihnen kommt nun die Aufgabe zu, Eleonore Schikaneder zu würdigen. Ich denke, bis dato wusste kaum jemand, wie wichtig Ihre Funktion bei der Entstehung dieses Meisterwerks war. Über sie weiß man wenig, was haben Sie sich also über Ihre Figur erarbeitet und zurechtgelegt? Und mit Augenzwinkern gefragt: Wird’s einen emanzipatorischen Ansatz dabei geben?

Jovanovic: Eleonore ist eine starke, hochintelligente Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Dennoch stieß sie in der damaligen Gesellschaft an ihre Grenzen, weil sie eine Frau war und somit nicht dieselben Rechte besaß. Unser Musical begleitet sie auf dem Weg ihrer Emanzipierung. Ich habe Fakten über Eleonore gesammelt, mit dem Kreativteam und unserer Dramaturgin diskutiert und habe mir anhand der Texte und Lieder meine Eleonore gebaut. Interessant finde ich, dass ich ihr unterbewusst eine tiefere Sprechstimme gegeben habe, als ich normalerweise habe, um aus ihr eine toughe Frau zu machen. Spannend für mich als Schauspielerin ist die Alterspanne, ich zeige Eleonore von Anfang zwanzig bis Mitte dreißig.

MM: Ist es eine besondere Herausforderung Rollen für eine Uraufführung erstmals, heißt: ohne „Vorbilder“, zu gestalten?

Jovanovic: Für mich ist es eine wunderbare Chance und ein Geschenk. Ich darf kreativ sein und mich einbringen. Ich darf singen, wie es aus mir herauskommt und spielen, wie ich es empfinde und somit viel ausprobieren. Unser Regisseur unterstützt uns in diesem Prozess sehr und hilft uns, wenn wir irgendwo steckenbleiben. Ich fühle mich in diesem Team sehr aufgehoben. Und unser Komponist ist fast immer da und passt uns die Songs an. Es ist ein wahr gewordener Traum.

MM: Sie probten sechs Tage die Woche. Wie ist diese intensive Arbeit mit Regisseur Sir Trevor Nunn und Musikchef Koen Schoots?

Jovanovic: Er ist ein wunderbarer Mensch und grandioser Regisseur, immer freundlich und sehr witzig. Mit Koen arbeite ich bereits zum dritten Mal. Jedes Mal staune ich über sein Dirigat, wie er mit mir als Sängerin atmet und mich mit dem Orchester unterstützt, ist einmalig. Jetzt gerade arbeiten wir an den technischen Abläufen, morgen haben wir die erste Bühnenorchesterprobe und darauf freue ich mich schon sehr.

Die Hauptdarsteller auf einer Probe ... Bild: VBW/ Herwig Prammer

Die Hauptdarsteller bei derProbe … Bild: VBW/ Herwig Prammer

... und knapp vor der Premiere. Bild: VBW/Rolf Bock

… und knapp vor der Weltpremiere. Bild: VBW/Rolf Bock

MM: Bei einer ersten Präsentation hat uns Stephen Schwartz in seine Musik hineinhören lassen, sie ist sehr eingängig, lässt für mich klassische Musicalmelodien, aber auch die goldene Operette anklingen als wäre es seine Hommage an die Uraufführungsstadt.

Jovanovic: Stephen Schwartz ist etwas Magisches gelungen. Er schafft es, seine Musik mit Mozart zu verweben und daraus etwas Neues zu schaffen.

MM: Wie hoch ist der Erwartungsdruck, den Sie sich vielleicht auch selber machen, wie hoch die Fallhöhe bei so einem Projekt?

Jovanovic: Ich freue mich jetzt sehr auf das Publikum, um zu sehen, wie die Menschen auf das Stück reagieren, und ob es sie genauso berührt wie mich. Ich hoffe, dass es ein Erfolg wird. Ich spüre insoweit Druck, dass wir alle auf und hinter der Bühne auf Hochtouren arbeiten und alles geben.

MM: Sie haben schon in Wien gearbeitet. Ist es in Wien wirklich so besonders, wie viele Künstler gerne sagen?

Jovanovic: Ja, das ist es. Ich habe selten so ein leidenschaftliches Publikum erlebt. Ich werde nie den Moment und die Reaktionen vergessen, als ich zum ersten Mal die Arie „Liebe stirbt nie“ gesungen habe.

MM: Der vorprogrammierte Hit des Werks heißt ja „Träum‘ groß!“. Wovon werden Sie vor der Welturaufführung träumen?

Jovanovic: Von veganen Cupcakes, Kokoswasser und ausverkauften Vorstellungen.

Was VBW-Musicalintendant Christian Struppeck über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=23050

Was Komponist Stephen Schwartz über „Schikaneder“ sagt: www.mottingers-meinung.at/?p=19731

www.musicalvienna.at

Wien, 30. 9. 2016

In tiefer Trauer geben wir bekannt,

September 29, 2016 in Aufschlageseite

dass mein geliebter Ehemann Mag. Rudolf Mottinger
am Dienstag, dem 27. September 2016, im 52. Lebensjahr plötzlich und völlig unerwartet von uns gegangen ist.
Die Urne von unserem lieben Rudi wird am Freitag, dem 14. Oktober 2016, um 9:15 Uhr im Bestattungsinstitut Altbart (1140 Wien, Waidhausenstraße 37) feierlich verabschiedet.
Anschließend wird er im Familiengrab  auf dem Friedhof Baumgarten beigesetzt.

In Liebe
Michaela

Im Namen aller, die ihn lieben und schätzen.

Wien, im September 2016

Volkstheater: Claudia Sabitzer im Gespräch

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem „Mittelschichtblues“ geht sie in die Bezirke

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am 30. September eröffnet das Volkstheater in den Bezirken die Spielzeit mit der Premiere von „Mittelschichtblues“. Claudia Sabitzer (mehr: www.volkstheater.at/person/claudia-sabitzer/) spielt die Hauptrolle in dieser Komödie des US-Dramatikers David Lindsay-Abaire. Sie ist Margaret, fünfzig, alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Behinderung, mit miesen Job in einem Ein-Dollar-Shop. Den sie dann auch noch verliert. Was also tun?, wird in der Freundinnenrunde beratschlagt. Jean gibt einen Hinweis: Mike hat’s geschafft, er ist Arzt geworden, führt eine Praxis in der Innenstadt, verfügt über ein mutmaßlich finanzkräftiges soziales Netzwerk – und war in Jugendjahren einen Sommer lang Margarets Liebe.

Legitimation genug, sich zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Doch Mike, der hehre Self-Made-Man mitten im American Dream, sieht in Margarets misslicher Lage allein ihr persönliches Versagen … In der Regie von Ingo Berk spielen mit Sabitzer Günter Franzmeier den Mike, Nancy Mensah-Offei, Martina Spitzer, Lukas Watzl und Doris Weiner.

Claudia Sabitzer im Gespräch:

MM: Der „Mittelschichtblues“ ist eine Kleine-Leute-Komödie. Worum geht’s konkret?

Claudia Sabitzer: Um eine Frau mittleren Alters, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, etwas aus ihrem Leben zu machen, was aufgrund der äußeren Umstände für sie nicht so leicht ist. Aber sie ist unerbittlich, eine sympathische Figur, die versucht aus allem das Beste zu machen und auch in allem das Beste zu sehen. Das finde ich sehr schön, denn die Figur ist mir diesbezüglich ähnlich, wir treffen einander da ein bissl.

MM: Eine sympathische Figur wird diese Margaret in Ihrer Darstellung. Beim Lesen des Stücks schwankte ich zwischen vorurteilsbehafteter Nervensäge und unsympathisch – wiewohl das natürlich komisch geschrieben ist…

Sabitzer: Ich finde es interessant, dass Sie das sagen. Margaret hat ein schwer behindertes Kind, für das zwei Männer als Vater infrage kommen: Mike, der Arzt, der es geschafft hat, und ein Teenagerflirt, ein Loser, der mittlerweile die Flucht ergriffen hat. Das Stück klärt die Frage und klärt sie auch nicht. Wir haben das bei den Proben diskutiert, und je nachdem wen die Leute für den Kindsvater halten, halten sie Margaret für sympathisch oder nur eigenartig. Zum Schluss wird eindeutig angesprochen, welcher Mann der Erzeuger ist, sage ich. (Sie lacht.)

MM: Das Stück sorgt jetzt schon für Diskussionen, wie schön! Der „Mittelschichtblues“ behandelt Themen unserer Zeit, den Zwei-Klassen-Kampf. Es geht um Herkunft und ob man sich von ihr befreien kann.

Sabitzer: Das ist eine Sache, die mir immer präsenter wird, seit ich selber Kinder habe. In der Schule ist Herkunft leider oft ein Thema, in kleinen Dingen wird den Kindern da gesagt, du bist, wo du herkommst. Deine Mutter ist Alleinerzieherin mit mehreren Kindern? Na, dann kann aus dir ja nichts G’scheites werden, du kommst sicher nicht ins Gymnasium. Ich bin da immer wieder irritiert, wieso so etwas Thema ist. Wir sind eine Gesellschaft mit Standesdünkel! Furchtbar!

MM: Im Stück gibt es eine Szene zwischen Margaret und Mike, in der Sie ihm die besseren Karten unterstellt, weil sich seine Eltern für seine schulischen Leistungen interessiert haben, während es den ihren ganz egal war. Wie wichtig sind Eltern bei der Schulbildung, was muss Schule alleine leisten?

Sabitzer: Eltern haben einen nicht unerheblichen Anteil. Sollten ihn haben. Eltern sollten Kindern alles ermöglichen können, womit wir leider wieder beim Geld sind. Kann man sich Nachhilfestunden leisten? Oder ist meine eigene Ausbildung so gut, dass mein Kind mich fragen kann? Kann ich mit meinem Sohn Englisch machen? Das sind lauter so Dinge, die aufs Kind zurückfallen. Der Zwei-Klassen-Kampf, wie Sie gesagt haben, beginnt im Elternhaus. Wenn daheim gewisse Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird es für das Kind ungleich schwieriger.

MM: Kinder brauchen beim Lernen ein Vorbild?

Sabitzer: Sie brauchen eine Bezugsperson für die Bildung. Ich hatte eine Bibliothekarin, die mich sehr gepusht hat. Die hat gemerkt, ich lese gern, und hat mir immer schon Bücher ausgesucht und hingeschoben, die ich so nie aus dem Regal gezogen hätte. An dieser Frau habe ich mich sehr orientiert, auch im späteren Leben, ich denke oft an sie zurück, ach, das würde Elsa jetzt so oder so machen. Auch da kann eine Möglichkeit sein. So ein Mensch öffnet im Kopf Türen, wenn man so einen Menschen nicht hat, braucht man viel Kraft, um das selber zu tun.

MM: Margaret hat durch ihre mangelnde Ausbildung schlechte Jobs, die sie auch immer wieder verliert. Aus immer denselben Gründen. Ein AMS-Mitarbeiter würde sagen: Die üblichen Ausreden, warum das und das nicht geht, und er kennt sie alle schon.

Sabitzer: Ich glaube, als Alleinerzieherin mit einem schwerstbehinderten Kind hat sie Mitgefühl verdient. Auf Joyce aufpassen oder Geld verdienen – beides unter einen Hut zu bringen, ist schon sehr schwer. Ich finde man kann Margaret keinen Vorwurf machen, sie versucht zu managen, woran andere verzweifeln würden. Der „Mittelschichtblues“ spielt in den USA, in der übelsten Gegend von Boston, ich bin aber nicht sicher, ob es hier einfacher ist.

MM: Holt Ingo Berk die Handlung näher an Europa?

Sabitzer: Jein. Die Themen sind allgegenwärtig, diese sozialen Brennpunkte gibt es überall, auch in Wien. South-Boston ist vielleicht extrem, aber solche Grätzel sind hier auch nicht anders. Wir spielen das Stück nicht speziell amerikanisch, aber auch nicht speziell Wienerisch.

MM: Margaret, die selbst um Verständnis heischt, hat für Leute anderer Hautfarbe und Herkunft sehr wenig Empathie. Der Gegenpol ist Mikes Frau Kate, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten Geboren“ glaubt. Kate ist aus bestem Hause. Ist Intoleranz etwas Schichtspezifisches?

Sabitzer: Nein! Ich weiß es nicht. Kate hat auch ihre Schwierigkeiten, sie ist dunkelhäutig und wird auf dem Spielplatz für die Nanny ihrer Kinder gehalten. Nur in ihrem privaten Umfeld spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Margaret wiederum kommt aus einer Gegend, in der es immer wieder Rassenunruhen gab, also beurteilt sie die Dinge anders. Sie ist mit Diskriminierung aufgewachsen, sich im Kopf davon zu befreien, ist sicher nicht ganz einfach. Ich versuche ihre Art nachzuvollziehen, was nicht einfach ist, weil ich aus einem ganz anderen Umfeld komme.

MM: Ken Loach gewinnt mit solchen Stoffen, siehe „Ich, Daniel Blake“, Preise …

Sabitzer: Das ist auch Thema bei den Proben. Den Zeitbezug zu sehen, den Bezug zu sich selber und eigenen Erlebnissen zu sehen. Ja, darüber sprechen wir viel.

MM: … dem Bezirke-Publikum wird damit aber ein Stück präsentiert, das Probleme spiegelt, möglicherweise ein Stück eigenen Alltags, denen es im Theater vielleicht gern für zwei Stunden entfliehen möchte. Wie soll da die Reaktion sein?

Sabitzer: Das wird sich zeigen. Wir spielen eine Komödie, aber Humor ist ja eine persönliche Sache. Wir haben sehr gelacht bei den Proben, was aber nichts heißen will. Ich bin selber schon sehr gespannt, wie das Publikum reagieren wird …

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: Mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie waren vergangene Saison mit dem „Wechselbälgchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16498) auf Bezirke-Tour. Wie war’s? Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?

Sabitzer: Es war lustig. Und wahnsinnig anstrengend. Wir hatten ein Superteam, eine eingeschworene Truppe, mit der wir durch die Lande gezogen sind. Mit dem Publikum war es manchmal ein bisschen schwierig, da kam beispielsweise überhaupt kein Applaus, und man fragt sich, ob die das überhaupt wollen, und dann hört man von Doris Weiner, es hat ihnen so gut gefallen. Ich bin da ein bisschen altmodisch, für mich ist Applaus ein Zeichen von Respekt und Lohn der Arbeit. Das ist für uns Schauspieler das Zuckerl nach zwei Stunden Arbeit.

MM: Sie sind seit mehr als zehn Jahren am Haus. Wie sind Sie ursprünglich hierhergekommen?

Sabitzer: Über den Schotti. Ich habe am Schubert Konservatorium studiert, und gehört, das Michael Schottenberg ein Vorsprechen macht, an dem ich in meinem Jahrgang noch gar nicht hätte teilnehmen dürfen. Aber ich bin mit den höheren Semestern mitgeschlichen, hab‘ mich eingetragen in die Liste, und so hat’s geklappt. Das war der „Cyrano“, seither hat er meinen Weg begleitet, und als er das Volkstheater übernommen hat, habe ich ihm ein Kärtchen geschrieben: Wenn du mich brauchst, ich komme.

MM: Und unter der neuen Direktion hier zu bleiben, war keine Frage?

Sabitzer: Ich finde Anna Badora in der derzeitigen österreichischen Theaterlandschaft die spannendste Intendantin und Theatermacherin. Als klar war, dass sie kommt, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich hier weitermachen kann. Wobei es gar kein Weitermachen, sondern ein Neumachen ist. Es hat sich sehr viel verändert, nicht nur das Ensemble, auch die Strukturen, selbst der Zuschauerraum ist neu, die Akustik, die Ästhetik, alles … das Volkstheater ist wirklich ein neues Haus.

MM: Was ist Ihre Bilanz der ersten Saison? Es gab Ups, es gab Downs …

Sabitzer: (Sie lacht.) Ich finde, das ist absolut normal. Ich habe das am Nationaltheater Mannheim mit Jens-Daniel Herzog erlebt, da haben wir drei Jahre lang vor 80 Leuten gespielt – bei 700 Sitzplätzen. Da waren die Leute wahnsinnig: Uäh, was ist das? Und plötzlich wurden wir angenommen. Die Suppe muss schmecken, aber man muss sie immer wieder anders würzen. Ein Haus neu aufzustellen, einmal durchzublasen, das braucht seine Zeit.

MM: Was kommt diese Saison noch von Ihnen?

Sabitzer: „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek, darauf freue ich mich schon sehr. Regie führen wird Miloš Lolić, mit dem ich am Haus schon sehr feine „Präsidentinnen“ gemacht habe. Miloš ist ein sehr genauer Regisseur, ich bin gespannt, was er aus dem Stück, das ja eine Textfläche mit vielen Interpretationsmöglichkeiten ist, machen wird. Intensiv beschäftige ich mich aber erst nach der „Mittelschichtblues“-Premiere damit.

MM: Für die Sie uns in Aussicht stellen?

Sabitzer: Ein tolles Ensemble! Und dass man mit dem Feeling nach Hause gehen kann, das Leben kann auch gut sein. Egal, wie’s läuft, es geht immer irgendwie weiter. Heute ist heute, morgen ist morgen. Das ist doch eine wunderbare Message.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 9. 2016

Die Offene Burg präsentiert ihr Programm

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Los geht’s am Wochenende 1. und 2. Oktober

Burg-Herrin Karin Bergmann, Offene-Burg-Leiterin Renate Aichinger und das Team Anna Manzano, Airan Berg, Katrin Artl und Barbara Rosteck bei der Programmpräsentation. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Burg-Herrin Karin Bergmann, Offene-Burg-Leiterin Renate Aichinger und das Team Anna Manzano, Airan Berg, Katrin Artl und Barbara Rosteck bei der Programmpräsentation. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weil ihr die „Junge Burg“ zu kurz gegriffen hat, weil immer wieder die Frage kam, warum TheaterClubs und Workshops nur für ganz junge Leute angeboten werden, startet Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann mit dieser Saison die „Offene Burg“. Hier gibt’s nun de facto keine Altersgrenzen mehr, und das Haus öffnet sich, wie Bergmann sagt, „in jeder Beziehung“ hinaus in die Stadt.

Im Zentrum steht der Gedanke „Schranken einreißen, Berührungsängste überwinden. Uns schwebt eine Art Bürgertheater vor, in das sich alle aktiv einbringen und mitmachen können. Wir wollen alle Generationen ansprechen“, so Bergmann. „Wir wollen“, sagt sie scherzhaft, „nicht nur auf Menschen zugehen, die schon regelmäßig ins Burgtheater kommen, sondern allen für ihr Steuergeld etwas geben. Wir wollen entlang des Spielplans Themen für diese Stadt und ihre Gesellschaft setzen.“ Freitag Vormittag stellte sie gemeinsam mit Offene-Burg-Leiterin Renate Aichinger und deren Team das erste Programm vor.

Die StadtRecherchen gehen 2016/17 über die Donau

Dessen Herzstück sind die StadtRecherchen, konzipiert von Airan Berg und in den Bezirken Floridsdorf und Donaustadt mit 210 Schülerinnen und Schülern und Schauspieler Fabian Krüger, der die „Orestie“ vorstellte, bereits gestartet. Berg, bekannt als ehemaliger Intendant des Schauspielhaus Wien, begeht mit dem Projekt sein Homecoming nach Wien und an die Burg. In Workshops will er Themen, die in Aischylos‘ Drama verhandelt werden, Recht vs Rache, „Sex’n’Crime“, mit interessierten Menschen diskutieren und zu eigenen Formaten weiterentwickeln. Die sollen schließlich nicht nur in Transdanubien, sondern im Frühjahr 2017 auch auf der großen Burg-Bühne zu sehen sein. Berg: „Eingeladen sind alle, auch Privatpersonen, wir suchen aber auch die Zusammenarbeit mit Schulen, Kulturvereinen, Jugendclubs, Seniorentreffs, Migranten-Organisationen, Sozialeinrichtungen … Ziel ist kein Laienspiel, sondern eine Vielfalt von multi-disziplinären Interventionen, Szenen, Installationen, Videos, Liedern, Musik oder Blogs.“ Anmeldungen: offeneburg@burgtheater.at

Bühne des Burgtheaters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bühne des Burgtheaters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Burgtheater - Versenkung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Burgtheater – Versenkung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

ACTion, ImproFix und KulissenSpechteln

Weiterhin gibt es natürlich ein großes Paket für Kinder und Jugendliche. Weiterhin gibt es fünf TheaterClubs, mit den Themen Muse bis Mischkulanz, heuer aber erstmals auch den Generationen-Club „Wiener Brut Unlimited“, bis 99 Jahre, den Renate Aichinger selbst leitet. Aichinger: „Mir geht es um gemeinsames Tun und Ausprobieren mit allen, denen kein Theaterabo in die Wiege gelegt wurde. Wir begeben uns gemeinsam auf eine seismographische Spurensuche nach dem Goldenen Wienerherz, quer durch Nationen und Generationen. Ich bin gespannt, was wir entdecken werden.“ Die VorstellBar geht diese Saison erstmals auch an Schulen.

Neu sind TheaterWerkstatt zu den Bereichen szenisches Schreiben, Stimme oder Bewegung, mit „Babel? No Problem!“ bietet Anna Manzano eine Werkstatt für Menschen an, die im Deutschen nicht so firm sind. Außerdem gibt’s mit „ACTion“ ein offenen Theatertraining, mit ImproFix eine Improgruppe, die auch in die Stadt gehen wird, vom Gemeindebau bis an den Gürtel, Wochenendworkshops angedockt an Inszenierungen (im November: „Endspiel“, im Dezember: „Pension Schöller“) und für die Kleinsten KulissenSpechteln, unter dem Titel „BurgNachtTraum“ eine Abenteuerübernachtung im Haus und Vorlesestunden mit Burgstars. Mit „Hamlet, Ophelia und die anderen“ wird ab April im Kasino eine Shakespeare-Adaption zu sehen sein, bei der Jugendliche ab 14 Jahren bereits ab der Textgestaltung eingebunden sind. Regie führt Cornelia Rainer.

Dank der Zusammenarbeit mit der Swarovski Foundation kann das Burgtheater in der Spielzeit 2016/17 jungen Menschen zwischen 10 und 18 Jahren, denen der Zugang aus finanziellen Gründen sonst verwehrt bliebe, 600 Eintrittskarten zum Besuch von Theatervorstellungen kostenlos zur Verfügung stellen und fünfzehn Stipendien für Veranstaltungen der Offenen Burg vergeben.

Nicholas Ofczarek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Das Offene-Burg-Wochenende am  1. und 2. Oktober

Auftakt der Offenen Burg ist das Wochenende 1. und 2. Oktober, das bei freiem Eintritt ins Burgtheater einlädt. Unter dem Titel „Menschen – Tiere – Sensationen“ findet im ganzen Haus, auch an bisher unbekannten Orten wie dem mysteriösen Luftmischraum, Programm statt. Von den Katakomben bis ins Erzherzogzimmer, vom Requisitenkeller bis zur Bühnentechnik, von den Werkstätten der Maske bis zur Dramaturgie präsentieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Burg Ausschnitte und Einblick in ihre Arbeit. Ein Höhepunkt des Wochenendes ist die spektakuläre Bühnenshow, in der die Technik zeigt, was die Bühne kann. Dazu gibt es Szenisches, ein literarisches und musikalisches Programm mit Mitgliedern des Burgtheater-Ensembles wie Regina Fritsch, Ignaz Kirchner, Dörte Lyssewski, Michael Maertens, Peter Matić, Joachim Meyerhoff, der neue Texte vortragen wird, Nicholas Ofczarek, Elisabeth Orth, Caroline Peters, Barbara Petritsch oder Branko Samarovski. Mit dabei sind auch der Dramatiker Ferdinand Schmalz und die jungen österreichischen Autorinnen Miroslava Svolikova und Sandra Gugic. Der in Graz lebende kongolesische französischsprachige Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila, Autor des preisgekrönten Romans „Tram 83“, wird bislang Unveröffentlichtes lesen.

Abends ist dann die Premiere von Goethes „Hermann und Dorothea“ mit Maria Happel und Martin Schwab. Bergmann: „Für mich ist das Stück programmatisch, denn es geht um eine Frau, eine Flüchtende, die aus Religionsgründen ihre Heimat verlassen muss, und in einer Stadt mit Besitzstandsängsten landet …“ Die für das Projekt „Offene Burg“ eingesetzten Mittel liegen bei 250.000 Euro.

www.offeneburg.at

www.facebook.com/offeneburg/

Wien, 22. 9. 2016

Theater zum Fürchten: Das Maß der Dinge

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einer Pointe, die einem den Boden wegzieht

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Henry Higgins hat’s ja dereinst schon besungen. Kaum hat Frau den erlegten Mann in Händen, beginnt sie ihn neu zu stylen. Was, packt man ihn an der richtigen Stelle an, ja, genau da, auch keine große Hexerei ist. Frisur, Brille, Outfit sind einfach, die Schwimmreifenfigur schwierig, aber machbar – und Künstlerinnen schaffen schlussendlich sogar die Nasenkorrektur.

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Neil LaButes „Das Maß der Dinge“. In der Studentenmilieukomödie geht’s genau darum: Wie manipuliert man einen hässlichen Enterich zum stolzen Hahn? Evelyn lernt Adam, und nein, die biblischen Namen sind nicht zufällig gewählt, im Museum kennen. Da will die Kunststudentin einer durch ein Gipsfeigenblatt verunstalteten Marmorstatue mittels Graffiti-Penis ihre Würde zurückgeben und der Literaturstudent und Aushilfswärter genau dies verhindern.

Sie findet ihn ganz süß, aber die Optik!, also beginnt sie sich ein neues Aussehen für ihn aus der Rippe zu stanzen. Evelyn macht aus Adam ihren Elizo Doolittle, ihr Pygmalion-Projekt. Schwört sie doch – Stichwort: – auf die Wahrheit der Kunst. Seine Freunde Jenny und Phillip reagieren ob der Brachialumwandlung entsetzt und beargwöhnen Evelyns Eingriffe in Adams Leben, bis Jenny entdeckt, dass nur das unschmucke Äußere bis dato Adams innere Werte verdeckt hat. Es kommt zum Kuss und zum Eklat. Neil LaBute wäre nicht der Autor, der er ist, wenn am Ende nicht der große Crash, der Twist in der Handlung, die Schlusspointe warten würde, die dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht …

Der hässliche Enterich: Johanna Withalm und Hendrik Winkler ... Bild: Bettina Frenzel

Der hässliche Enterich Adam: Johanna Withalm und Hendrik Winkler … Bild: Bettina Frenzel

... wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

… wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Rüdiger Hentzschel hat die witzig zugespitzten, so scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dialoge wunderbar auf der Bühne umgesetzt. Die, der Regisseur ist auch für den Raum zuständig, besteht aus einer weißen Teppichbodentreppe und Videos. Bildern, die ein Mehr an Kulisse gleichsam ersetzen. Auf ihnen sieht man Adams morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, viel nackte Haut bei seiner Gefügigmachung durch abendlichen Sex, und sogar grauslich seine besagte Nasen-OP. In ihrer Machart gibt die Inszenierung fortwährend Hinweise auf den sarkastischen Clou, das dicke Ende, das noch kommen wird. Dazu die Musik schön spooky, der Song „Little Boxes“ von Malvina Reynolds karikiert die Konformität der US-Mittelschicht, et voilà. „Das Maß der Dinge“ ist ein Abend, der einem erst ein Lächeln ins Gesicht zaubert, nur um es dann wieder wegzuwischen.

Ganz vorzüglich spielt das sympathische Darsteller-Quartett Hendrik Winkler und Johanna Withalm, Selina Ströbele und Florian Graf. Withalm gibt die Evelyn als unkonventionell verrücktes Huhn, als Gegenstück zu Winklers Adam, der zwischen Nerd und nettem Jungen von nebenan changiert. So bestimmt und selbstbestimmt wie sie ist, ist ganz klar, dass sie in der Beziehung die Führung übernimmt, doch wie sie seine Freunde einerseits leichter Hand mit Intimitäten über Adam füttert, andererseits eben diese durch ihre eloquent vorgetragenen extremen Ansichten zu Spießern degradiert, da kommt man über die Figur doch ins Grübeln. Withalms Evelyn nervt einen bald – und das ist gut so.

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalm. Bild: Bettina Frenzel

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalms Evelyn nervt zusehends. Bild: Bettina Frenzel

Neben ihr ist Selina Ströbele als Jenny ein Weibchen. Naiv und ins Rollenbild eingepasst, versucht sie Florian Graf als Feschak Phillip zu Diensten und zu Willen zu sein, doch sowohl Jenny als auch Adam werden sich emanzipieren wollen. Worauf Phillip, Graf macht aus ihm einen liebenswerten Schnösel und hat auch deshalb einiges an Lachern auf seiner Seite, der alleinigen Vormachtstellung als Ladykiller beraubt, die Welt nicht mehr versteht. Happy End? Naja … das liegt im Auge des Betrachters.

Mit „Das Maß der Dinge“ haben TzF-Intendant Bruno Max und Regisseur Rüdiger Hentzschel für den Wiener Saisonstart auf unterhaltsame Art einen Zeitgeistnerv getroffen, sind die Themen des Stücks doch das beständige Polieren der ohnedies schon glatten Oberfläche, der Zwang zur Selbst/Optimierung – und eine darob aufkommende Skrupellosigkeit in der „Sache“ Liebe. Und schließlich stellt LaBute noch die allentscheidende Frage, die ebenso fürs Theater interessant ist, die Frage danach, was Kunst ist und wie weit sie gehen darf. Spannend!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 22. 9. 2016