Theater zum Fürchten: Tschechow in Jalta

April 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär’s ein Original vom russischen Dramendichter

Philosophieren und politisieren am Meer: Florian Graf als Gorki, Dirk Warme als Tschechow und Hendrik Winkler als Bunin. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, derzeit als österreichische Erstaufführung „Tschechow in Jalta“. Das ist auch deswegen charmant, weil die älteste und größte freie Theatercompagnie des Landes heuer schon Tschechows „Onkel Wanja“ auf dem Programm hatte, inszeniert vom selben Regisseur, Rüdiger Hentzschel.

Und mit Dirk Warme als Wanja, nun Tschechow, Rainer Doppler als Ástrow, nun Nemirowitsch-Dantschenko, oder Sonja Kreibich als Sonja, nun als Stanislawski-Gattin Lilina, auch vom identen Personal gespielt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24032). „Tschechow in Jalta“ stammt aus den Federn der britischen Dramatiker John Driver und Jeffrey Haddow. Sie haben verschiedenste Quellen genau studiert, Olga Knippers Memoiren und ihren Briefwechsel mit Tschechow, die Lebenserinnerungen seiner Schwester Mascha, Aufzeichnungen von Stanislawski und des Tschechow-Freundes und späteren Nobelpreisträgers Bunin – die beiden haben in ihr Stück so zahlreich biografische Details eingearbeitet, dass man versucht ist zu sagen: So wird es ja wohl gewesen sein.

Der Plot ist schnell erzählt und beruht auf einer wahren Episode aus Tschechows Leben im April 1900: Der unheilbar an Schwindsucht erkrankte Arzt und Autor lebt zur Kur auf Jalta. Er verbringt seine Tage mit den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und Ivan Alexejewitsch Bunin. Da kommt unerwarteter und äußerst aufdringlicher Besuch: Das gesamte Moskauer Künstlertheater reist an, um dem „verehrten Meister“ seine Aufwartung zu machen und in der Stadt „Onkel Wanja“ aufzuführen. Allen voran der egozentrische Direktor Stanislawski, der sich als sensibler Künstler gibt, doch seine eigene Frau seelisch verkümmern lässt, mit von der Partie ist aber auch die Diva Olga Knipper, die so gern Frau Tschechow werden möchte. Weitere Rotten lästiger Schauspieler verleiden Tschechow die Rekonvaleszenz, und schließlich treibt sich auch noch die Geheimpolizei in der Nachbarschaft herum, weil so viel Theatertieren auf einem Fleck sowieso nicht zu trauen ist.

Drei Frauen um Tschechow: Sonja Kreibich als Lilina Stanislawski, Birgit Linauer als Mascha und Monica Anna Cammerlander als Olga Knipper. Bild: Bettina Frenzel

Der ewige Konflikt Autor gegen Theaterdirektoren: Rainer Doppler als Nemirowitsch, Randolf Destaller als Stanislwaski und „Gorki“ Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Driver und Haddow haben ein Stück geschaffen, das alle Elemente enthält, wie sie Tschechow selbst mit Vorliebe schrieb. Motive aus „Die Möwe“, „Die drei Schwestern“ oder „Der Kirschgarten“ schimmern durch die Handlung, Tschechows ewige Selbstbehauptung „Ich schreibe Komödien“ und ergo seine Unzufriedenheit mit den Regiearbeiten Stanislawskis und dessen Hang zu „langweiligen Pausen“ und Tränenauflösung des Publikums, die seltsame Ménage à trois mit seiner altjungferlichen Schwester Mascha und seiner heiß angebeteten Olga.

Nichts tut sich, keiner bewegt sich, alles ist Ennui, die Sorgen sind die einer vorrevolutionären Bourgeoise, nicht eines geknechteten Volkes, und Sätze fallen, wie vom russischen Dichterfürsten original verfasst: „Wie können wir nur leben in dieser Hoffnungslosigkeit …?“ – „Tschechow in Jalta“ ist wie jeder Tschechow ein schönes Konversationsstück, nur ohne eigentlich ernsthaft Inhalt. Alles atmet Birkenallee und Balaleikaklänge, doch werden diese Klischees sofort mit kleinen boshaften Seitenhieben konterkariert.

Es geht um Eitelkeiten, Rivalität und Eifersüchteleien am Theater, die Jagd nach Erfolgsstücken und das Ringen um Auslastungszahlen. Es geht um den immerwährenden Konflikt Autor-Regisseur und Regisseur-Finanzdirektor – und die Schauspieler gegen alle, die sie an ihrer Mimenwürde zu kratzen wähnen. Es geht um Mascha will Bunin, der sie nicht, Lilina betrügt Stanislawski mit Nemirowitsch, dem ist aber der künstlerische Männerbund wichtiger, als der zu einer Frau, und am Ende findet sich doch zumindest ein großes Liebespaar.

Rüdiger Hentzschel inszeniert die Tragikomödie denn auch wie ein Tschechow-Drama. Sein Bühnenbild ist entzückend naturalistisch, ein an eine Nobelvilla angeschlossener Garten mit Meerblick, eine der schönsten Szenen die, wie Tschechow, Bunin und Gorki dieses Meer aus jeweils ihrer gesellschaftspolitischen Sicht beschreiben. Das sagt beinah schon so viel über die russische Seele und deren Verwandtschaften, wie das Studium des gesamten Tolstoi. Der Titan samt seiner an einer Magenverstimmung laborierenden Ehefrau schwebt übrigens über dem Stück – durch ewige Abwesenheit glänzend, aber scheußliche Porträts verschenkend.

Hentzschel hat wie stets mit seinem Ensemble exakt gearbeitet; er versteht es, mit zwei, drei Handgriffen eine Figur entstehen zu lassen, einen Charakter plastisch zu erzählen, und so genügt ihm auch hier wenig, um vieles auszudrücken. Dirk Warme ist ein von seinem Ruhm unangenehm berührter Star, ein ständiger Flüchtling vor der ihm drohenden Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen. So spröde und unfreundlich er sich aber auch gibt, so lakonisch-trocken seine Antworten aufs Leben auch sind, kann der Humanist dennoch nicht verschleiern, dass für ihn der gute Mensch nicht vom großen Künstler zu trennen ist. Monica Anna Cammerlander gibt eine Olga, die, weniger karrieregeil als man’s dem Original mitunter unterstellt, diese besten Seiten im Manne wecken will.

Fjokla belauscht Lilina und Mascha in der Hoffnung auf gute Theatertipps: Samantha Steppan, Sonja Kreibich und Birgit Linauer. Bild: Bettina Frenzel

Florian Graf ist als Gorki ein Salonrevoluzzer, ein Beaujolais-Trinker in seidener Bauernbluse, sein Gegenstück, Hendrik Winkler als Bunin, ein zynischer Bonvivant, der sein Dasein als „bürgerlicher Dinosaurier“ wenigstens offen zur Schau trägt. Es macht Spaß, zu sehen, wie sehr manche Darsteller ihren Vorbildern auch optisch ähneln.

Allen voran Graf-Gorki, aber auch Rainer Doppler als MChAT-Verwaltungsdirektor und Lilina-Verführer Nemirowitsch oder Birgit Linauer als missgelaunte, weil immer von Neuem sitzengelassene Mascha. Randolf Destaller ist ein hinreißend selbstverliebter Stanislawski, der nicht ans Vaudeville glauben will. „Sie begreifen die Tiefe Ihrer eigenen Begabung nicht“, ruft er Tschechow auf dem Höhepunkt der Dramatik hochtrabend zu. („Die Wahrheit kann komisch sein, ja sie ist sogar lächerlich“, gibt Tschechow darauf, wie man weiß, zurück.) Später aber, als er von „Lilina“ Sonja Kreibich als Hahnrei enttarnt wird, wird er berührend kleinlaut sein.

Neben Florian Lebek und Max. G. Fischnaller als Schauspieler Luschki und Moskvin gelingt Samantha Steppan als Tschechows Dienstmädchen Fjokla ein Kabinettstückchen. Das so kokette wie naive Kammerkätzchen hat es sich nämlich in den Kopf gesetzt, ebenfalls zur Bühne zu gehen, und so fällt sie – als Zeichen ihres „Talents“ – zu jeder unpassenden Gelegenheit und zum Erstaunen ihrer Umwelt in höchst hysterische Ohnmachten. Ein Spaß ist das. Einer, den man gesehen haben sollte.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 26. 4. 2017

Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft

April 25, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paradox-poetische Bilder einer harten Lebensrealität

Bild: Jerzy Palacz

Dieser Film handelt nicht von Tschernobyl, sondern von der Welt von Tschernobyl. Und über die weiß man sehr wenig; man weiß nicht, wie die Einheimischen „dort“ leben. Es gibt Dokumentationen über Wölfe, die sich in der nuklearen Wildnis wieder angesiedelt haben, über eine wuchernde Pflanzenwelt, über die Natur, die nach der Verwüstung durch den Menschen ihren Reflex zur Unterwerfung abgeworfen hat und nun ihr Recht eines Überlebenden einfordert.

Doch auch Männer, Frauen, Kinder, Wissenschaftler, Reaktormitarbeiter, Soldaten, deren Witwen vor allem haben im Ort ausgehalten. In Pol Cruchtens Dokumentation „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“, die ab 28. April in den heimischen Kinos zu sehen ist, kommen sie zu Wort. Sie erzählen von ihrem früheren Alltagsleben, dann von der Katastrophe, nun von ihrem neuen Alltagsleben. Ihre Stimmen bilden ein langes, furchtbares, aber unabdingbares Flehen nach einer Normalität, die es für sie nie mehr geben wird. Dokumentation ist als Wort sehr weit gegriffen. Die Grundlage für Cruchtens Film ist das gleichnamige Buch von Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch. Deren Stil, aus Interviews Romane entstehen zu lassen, kennt man. Der Film hat die Form ihrer Prosa, die Art ihrer collage-artigen Aufzeichnungen beibehalten.

Schauspieler, Dinara Droukarova, Iryna Volostyna, Vitaly Matvienko, tragen die Texte vor, teils aus dem Off, teils in Spielszenen. Einmal ist Droukarova die immer noch verliebte Frau eines verstorbenen Feuerwehrmanns. „Er veränderte sich. Ich traf jeden Tag auf einen anderen Menschen“, schildert sie seinen Spitalsaufenthalt. Und während sie erzählt, wie sich sein Körper in ein blutendes Nichts auflöste, zeigt die Kamera paradox-poetische Bilder. Paradiesisch-üppiges Grün, das sich der Häuserruinen bemächtigt, die bizarre Architektur kommunistischer Amtsstuben, der Reaktor, die harte Lebensrealität – romantisch im Sonnenuntergang. Das Schlimmste erspart einem diese ästhetische Optik, nicht aber die Frage: Ist das Hinhören allein angenehmer, ist das Wegblenden des Grauens legitim?

Vieles ist zu schrecklich, um es eigentlich auszuhalten. Babys, die mit Deformierungen und Aplasien geboren werden – und doch überleben müssen. „Komplexe Pathologie“ steht dann in den Arztberichten. Kinder, die nicht wissen, dass man „zu Hause“, nicht im Krankenhaus wohnt, und die mit ihren Puppen „Infusion“ spielen. Und überall Ehr/Furcht vor dem Gewesenen. Tschernobyl ist fantastischer als Science-Fiction. Alexijewitsch musste nicht auf-, nur mitschreiben.

Bild: Jerzy Palacz

Bild: Jerzy Palacz

Was Cruchten dazu zeigt, ist seltsam surreal. Eine Frau deckt ihre Kuh zum Schutz mit einer Plastikplane ab. Ein Mann nimmt seine Haustür als Talisman in die Evakuierung mit; sie wird zur Totenbahre für seine Enkelin werden. Das Skelett eines Rummelplatzes. Gasmasken, Spielzeug, Geschirr liegen in Haufen. Wie eine Museumsinstallation. Wie in einer Tschernobyl-Ausstellung. Eine unwirkliche Kulisse, als hätten die Russen, Erfinder des Futurismus, auch diese Kunstrichtung hervorgebracht. Und man beginnt zu begreifen, was es heißen mag, ein „Tschernobyl-Mensch“, heißt: eine Kuriosität zu sein. Immer wieder bleiben die Aufnahmen stumm, immer wieder ist Nacktheit ein Thema, der ausgelieferte Mensch, immer wieder berichten Spiegelbilder von der Vergänglichkeit.

Alexijewitsch freilich, und mit ihr Cruchten, haben auch politische Fußnoten anzubringen. Sie erzählen davon, wie Lähmung durch politischen Druck entsteht, wie Parteidisziplin plus Angst gleich Schweigen ist. Ein Protagonist versucht sich als Physiker und darin, das Zentralkomitee von den Vorfällen zu unterrichten. „Sobald ich den Unfall ansprach, wurden die Leitungen unterbrochen“, sagt er über seine Telefonate. Seine Aufzeichnungen verschwinden. „Die Zuständigen machen sich keine Sorgen um die Menschen, sondern um ihre Macht.“ Ein Soldat, der am Reaktor arbeitete, wartet immer noch auf sein Sterben. Er denkt es nicht mehr als Zufall. Das Denkmal für ihn, für die Helden von Tschernobyl, sieht aus wie ein Kriegerdenkmal. Die Kamera umkreist es. Die damalige sowjetische Nomenklatura benutzte diese Skavenmentalität, indem sie das gefügige Menschenmaterial skrupellos in den so deklarierten „Krieg aller Kriege“ warf, „dahingeschleudert wie Sand auf den Reaktor“, wie der Soldat sagt.

Dinara Droukarova als verwitwete Feuerwehrsfrau. Bild: Jerzy Palacz

Weder Buch noch Film verengen sich auf wohlfeile antisowjetische Polemik. 31 Jahre nach Tschernobyl, sechs Jahre nach Fukushima, stemmt sich „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ gegen das Vergessen des Ausmaßes nuklearer Katastrophen generell. Die Dokumentation rückt zwar die Geisterstadt und ihre Gespenster näher, sie ist ein kunstvoller Tryptichon von Stimmen.

Doch sie ist auch die Rekonstruktion des Gefühls, Verantwortlichen und deren Informationsverweigerung ausgeliefert zu sein. In einem Weißrussland unter dem diktatorischen Regime Lukaschenkos, es ist Alexijewitschs Heimat, darf „Tschernobyl – Chronik einer Zukunft“ bislang weder als Buch erscheinen, noch als Film gezeigt werden.  Und keine 100 Kilometer vom Unglücksort entfernt, ringen heute Russen und Ukrainer um die Krim …

www.tschernobyl-der-film.at

Wien, 25. 4. 2017

Seefestspiele Mörbisch 2017: Der Vogelhändler

April 24, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 60-Jahr-Jubiläum ein Operettenklassiker

Staatsoperntenor Thomas Ebenstein singt – hier umringt von seinen gefiederten Freundinnen – den Vogelhändler Adam. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Es ist ein Klassiker der Operette, den Intendantin Dagmar Schellenberger ihrem Publikum mit dem „Vogelhändler“ 2017 präsentiert. Nach beinah zwei Jahrzehnten Abwesenheit, finden und lieben Christel und Adam einander ab 7. Juli wieder auf der Seebühne in Mörbisch. Die Hits „Grüß enk Gott, alle miteinander“, „Ich bin die Christel von der Post“ und „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ sind Operettenliebhabern bestens bekannt.

Genau das richtige Werk also für die Jubiläumssaison – 60 Jahre, die die Seefestspiele heuer begehen. „Ich freue mich sehr, dass wir unser Jubeljahr mit diesem wunderbaren Werk von Carl Zeller feiern“, so Schellenberger bei der Programmpräsentation am Montagvormittag im Wiener Theatermuseum – wo „Adam“ Thomas Ebenstein, der Kärntner ist Staatsopernbesuchern seit 2012 als Ensemblemitglied bekannt und derzeit in der Alvis-Hermanis-Inszenierung des „Parzifal“ zu sehen, auch gleich eine Kostprobe seines Könnens gab.

Frank Philipp Schlößmann, Mirko Mahr, Gerrit Prießnitz, Dagmar Schellenberger und Axel Köhler bei der Pressekonferenz. Bild: © Seefestspiele Mörbisch

Flix, flux, flax, Florian! Thomas Ebenstein gibt bei der Präsentation im Wiener Theatermuseum eine erste musikalische Kostprobe. Bild: © Seefestspiele Mörbisch

„Im ,Vogelhändler‘ werden Themen verhandelt, die zutiefst menschlicher Natur sind und die in der Vergangenheit genauso relevant waren, wie sie es in der Zukunft sein werden, denn es geht um die Sehnsucht nach der großen ehrlichen und ausschließlichen Liebe, die dunklen Seiten der Macht und die lächerlichen Auswirkungen übergroßer Eitelkeit“, sagt Axel Köhler, der für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. „Die amüsante Erzählweise und die hochemotionale Musik haben diese Operette zu den beliebtesten Werken ihres Genres werden lassen. Und eben diese Leichtigkeit, das permanente Augenzwinkern der Verfasser gilt es, auf der Bühne sichtbar und zum Erlebnis werden zu lassen. Mein Ziel ist es, unseren Zuschauern ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, das sie nach dem Genuss des Abends in Mörbisch mit in den Schlaf nehmen werden.“

Das Bühnenbild wird wieder opulent – mit riesiger Kukucksuhr, Singvögeln, einem Jagdfalken und einer waschechten Wildsau (re.). Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Frank Philipp Schlößmann

„Das Bühnenbild stellt sich wie ein großes Pop-up-Buch dar, das durch bewegliche Elemente das Publikum überrascht. Ein Beispiel dafür ist die überdimensionale Kuckucksuhr, die im Fokus der Seebühne steht“, erklärt Frank Philipp Schlößmann, der das Bühnenbild entworfen hat.  Der spielerische Umgang mit dem Stück setzt sich auch bei den Kostümen fort. „Dieses Jahr werden es 100 Kostüme für Statisterie, 200 Kostüme für Ballett und 32 Kostüme für Solisten sein. Alleine für die Damen-Kostüme der Hofgesellschaft werden gerade 160 Laufmeter Tüll für 25 pastellfarbene „Tüllbomben“ verarbeitet, die so groß sind, das alle Türen ausgehängt werden müssen und ein Handkuss nur aus gebührenden Abstand möglich wird“, gibt Armella Müller von Blon Einsicht in ihre Kostümentwürfe.

Die Choreographie sieht sich beim „Vogelhändler“ mit einer besonderen Herausforderung konfrontiert, da in der Operette keine Balletteinlage im herkömmlichen Sinn vorgesehen ist. „Da eine Operette ohne Ballett auf der Seebühne Mörbisch undenkbar ist, war es also unsere Aufgabe, nach Möglichkeiten zu suchen, um das wunderbare Ballett der Seefestspiele Mörbisch wirkungsvoll und erfrischend in die Inszenierung zu integrieren. So werden zum Beispiel Adam, dem Vogelhändler, eine Schar erotisch anmutender Vögel zur Seite gestellt und die Christel von der Post ist von tollpatschigen Brieftauben umgeben. Außerdem wird unser Publikum zünftige Tiroler Trachtenpaare zu Gesicht bekommen und nicht zuletzt ein prunkvolles „Rosenballett“ erleben dürfen. Aber ich will nicht zu viel verraten“, so Choreograph Mirko Mahr.

Zu sehen sind in dieser Inszenierung Sieglinde Feldhofer alternierend mit Martina Fender als Christel, Thomas Ebenstein und Paul Schweinester als Adam, Cornelia Zink beziehungsweise Elena Puszta als Kurfürstin Marie, Dagmar Schellenberger als Adelaide, Wolfgang Dosch und Gerhard Ernst als Professoren Süffle und Würmchen, Horst Lamnek oder Rupert Bergmann als Baron Weps und Maximilian Mayer im Wechsel mit Philipp Kapeller als Graf Stanislaus.

Intendantin Dagmar Schellenberger singt die Adelaide. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Tschank

Sieglinde Feldhofer als Postbotin Christel, Thomas Ebenstein als Vogelhändler Adam und Cornelia Zink als Kurfürstin Marie. Bild: © Seefestspiele Mörbisch/Jerzy Bin

Anlässlich 60 Jahre Mörbisch haben sich auch Stars vergangener Jahre angesagt. Allabendlich wird Dagmar Schellenberger mit einigen von ihnen plaudern, danach stehen die Publikumslieblinge ihren Fans für Autogramme und Gespräche zur Verfügung. Angekündigt sind unter anderem: Guggi Löwinger und Gerhard Ernst am 14. Juli, Adolf Dallapozza und Susanne Kirnbauer-Bundy am 15. Juli, Sona Ghazarian und Heinz Zednik am 20. Juli, Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer am 22. Juli, Gabi Bischof und Sandor Nemeth am 27. Juli. Am 17. August tritt der  Gründungschor der Seefestspiele Mörbisch auf, am 18. August Dagmar Koller.

www.seefestspiele-moerbisch.at

Wien, 24. 4. 2017

Secondo Me

April 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Kosmos dreier Operngarderobiers

Ronald Zwanziger in der Wiener Staatsoper. Bild: Michael Schindegger

„Secondo Me“ das heißt übersetzt „Meiner Meinung nach“, und wessen Meinung könnte am Theater wichtiger sein, als die des Garderobiers?  – mit Ausnahme der Burg, hier ist die Toilettenfrau im Erdgeschoss die bestimmende Kraft. Nirgendwo im jeweiligen Haus wird profunder gefachsimpelt, als zwischen dem Ablegen des Mantels und dem Erstehen des Programmhefts.

Nur hier erfährt man schon vorab erste Details des zu Erwartenden, denn ein schlechter Garderobier, der nicht bei mindestens einer Probe gespickt hat. Und ein bissl Tratsch und Klatsch mit dem Stammpublikum geht sich allerweil aus … „Secondo Me“ heißt eine Filmdokumentation von Pavel Cuzuioc, die seit Freitag in den heimischen Kinos zu sehen ist. Der aus Moldawien stammende und in Wien lebende Regisseur widmet sich darin, wie er sagt, dem Leben und der Freude an den einfachen Dingen. Drei Leben porträtiert er, drei Garderobiers an der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala und dem Opernhaus in Odessa. Und wer denkt, eine Arbeitsstelle zwischen Kleiderständern sei monoton, simpel und langweilig, der irrt gewaltig.

In der Wiener Staatsoper zählt Ronald Zwanziger für Opernbesucher seit Jahren zum „Inventar“, stets korrekt und um besten Service bemüht. Zwanziger ist 72 Jahre alt. Als studierter Indogermanist und Bibliothekar arbeitete er einen Großteil seines Lebens an der Hauptbibliothek der Universität Wien und selbst heute trifft man ihn dort noch als freien Mitarbeiter jeden zweiten Samstag im Monat an. Seit 27 Jahren ist er außerdem als Garderobier an der Staatsoper. Viele Zuschauer kennen ihn, und manche Abonnenten geben ihre Mäntel auch dann bei ihm ab, wenn ihre Sitzplätze eigentlich in einem anderen Zuständigkeitsbereich sind. Stammgäste kommen auch schon einmal zeitlicher vor Beginn der Vorstellung, um mit ihm noch ein bisschen plaudern zu können. Andere wiederum besuchen ihn während der Pausen, um sich mit ihm über die jeweilige Inszenierung oder andere, oft auch sehr persönliche, Themen auszutauschen. Zwanzigers Leben ist die Kunst – alternativlos. „Worauf soll ich warten?“, fragt er. „Warten auf Godot? Kommt er, kommt er nicht? Einer kommt sicher einmal, und das ist der Tod.“
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Nadezhda Sokhatskaya im Opernhaus von Odessa. Bild: Michael Schindegger

Flavio Fornasa in der Mailänder Scala. Bild: Michael Schindegger

Flavio Fornasa, 50-jähriger Garderobier an der Scala, zeigt ein anderes Temperament: In seinem Arbeitsumfeld ebenso dienstbeflissen, aber höflich-distanzierter als sein Wiener Kollege, erweist er sich privat als leidenschaftlich politischer Mensch, als ebenso aufbrausender wie liebevoll-fürsorglicher Vater zweier Söhne, ein permanent reflektierender, auch selbstironischer Charakterkopf. Und dann ist da noch Nadezhda Sokhatskaya, Garderobiere in Odessa, in ihrem Job mindestens so würdevoll wie das Publikum, das sie bedient. Über ihr Alter spricht sie nicht. Nur soviel: Als Pensionistin arbeitet sie seit 13 Jahren am Akademischen Nationalen Theater für Oper und Ballett als Garderobiere, für sie bis heute ein ganz besonderes Geschenk.

„Es ist etwas Besonderes, wenn du dort vor und nach der Aufführung, von so vielen schönen Menschen umgeben bist. Es ist etwas Himmlisches, wenn du wartest, begleitet von einer so schönen Musik“, sagt sie. Sie versteht heute gar nicht mehr, wie sie so viele Berufsjahre mit dem Zeichnen von Metallteilen in einer Fabrik verlieren konnte … Jeden Abend, bevor sie zur Arbeit geht, zieht sie ihre schönsten Kleider an, bereitet lange ihre Frisur, das Make-up und ihren Schmuck vor. Zuhause in ihrer kleinen Garconniere ist sie nur, um zu schlafen. Und um ihren Enkel zu betreuen. Doch sie muss Abschied nehmen – Stasik geht fürs Studium ins Ausland und sie bleibt zurück mit ihren Sorgen, eine Figur aus einer Welt von gestern, mitten in einer postsowjetischen Gegenwart …

Liebevoll, behutsam und stets um die Würde seiner Protagonisten bedacht, erzählt Cuzuioc diese Lebensgeschichten. Er hat Geduld mit seinen „Darstellern“, lässt ihnen Zeit und den Raum ihre Erzählungen zu entfalten. Sogwirkung bekommt der Film durch die Pracht seiner Bilder, drei der schönsten Opernhäuser der Welt in großen Totalen fotografiert, deren Prunk durchbrochen durch Nahaufnahmen der Menschen und der kleinen, ihnen so wichtigen Details, die sie umgeben. Mitten im Alltag spielt sich deren „großes Theater“ ab, ihre Ängste, Hoffnungen und Zweifel. Mehr als drei Porträts vermittelt „Secondo Me“ auch das Lokolkolorit dreier unterschiedlicher europäischer Kulturstädte und -stätten. Und immer wieder wartet der Film mit skurrilen Momenten auf, wie dem Tanzen einiger zarter älterer Damen in einem Park. Zur Musik eines unsichtbaren Orchesters. Seltsam aus der Zeit gefallen scheinen solche Bilder, fast als hätte sich das jemand ausgedacht. „Ogni testa è un piccolo mondo.“ – „In jedem Kopf steckt eine eigene, kleine Welt“, sagt Flavio Fornasa dazu.

secondome-film.com

Wien, 23. 4. 2017

Österreichisches Filmmuseum: Das Heim kehren

April 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Elfriede Jelinek, Paula Wessely & das beschmutzte Nest

Heimkehr, 1941, Gustav Ucicky. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Wien, 1941. Dort beginnt Elfriede Jelineks Bühnenstück „Burgtheater“ aus dem Jahr 1985. Nun bildet es den „abwesenden Horizont“ für die Film- und Vortragsreihe „Das Heim kehren“ von 29. April bis 1. Mai im Österreichischen Filmmuseum – abwesend wie vor mehr als 30 Jahren, als es einen lange nachwirkenden Medienskandal auslöste: das nahezu unaufgeführte Stück als Instant-Klassiker der österreichischen Literatur.

Ironisch, in der Maske des Reaktionärs, referierte der Zeit-Kritiker Benjamin Henrichs damals den Kern der Sache: „Ein eindeutig anti-österreichisches Machwerk, verfasst (wie könnte es anders sein) von einer eindeutig österreichischen Autorin … Es führt vor (nein: es hetzt gegen) eine vom ganzen österreichischen Volk geliebte Burgtheaterfamilie. Mutter Käthe, Vater Istvan, Bruder Schorsch, dazu das entsetzliche Dreimäderlhaus der Töchter Mitzi, Mausi und Putzi – jeder in Wien, und nicht nur in Wien, weiß natürlich, wer da gemeint ist.“

Für die, die es nicht wissen: Mit der Figur der Mutter Käthe wurde vielfach Paula Wessely assoziiert. Ihre Kinoarbeiten zählten in den 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahren kontinuierlich zu den Großfilmen der jeweiligen Filmindustrien. Mit „Maskerade“ (1934), „Heimkehr“ (1941) und „Der Weg in die Vergangenheit“ (1954) ruft das Programm des Filmmuseums ständestaatliche, nationalsozialistische und nachkriegsösterreichische Positionen und „Mutter Käthes“ Platz darin auf. Gleichzeitig gab es in Österreich aber auch Wege aus der Vergangenheit – Filme, Bücher, Kunstwerke, die das heimatliche Nest anders „auskehrten“ oder je nach Lesart „beschmutzten“und in deren Tradition Jelineks Theaterarbeit steht. Filme etwa, die schon in den 1950er-Jahren – um Marc Adrian zu zitieren – „entgegengesetzte Lebensgefühle“ artikulierten: „Wir kannten damals die Paula-Wessely-Filme und diesen ganzen Schmus.“

Weg in die Vergangenheit, 1954, Karl Hartl. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Ein drittes Reich, 1975, Alfred Kaiser. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Und solche aus den 1970er-Jahren, „Ein drittes Reich“ von Alfred Kaiser und „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan (2016 auf die Bühne gebracht von der Neuen Oper Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=22999), die sich früh der De(kon)struktion der Geschichte widmeten. „Die Gefühle aller anständigen Menschen“, so Benjamin Henrichs 1985, sind „zutiefst verletzt“. Auch bei manchen Wessely-Filmen kam und kommt es im Publikum zu solchen Erfahrungen. Das dreitägige Projekt im Filmmuseum findet in Kooperation mit der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien statt. Vorträge von Gertrud Koch, Sabine Perthold und Bernhard Groß bilden jeweils den Auftakt.

www.filmmuseum.at

Wien, 23. 4. 2017