Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die transkulturelle Gesellschaft präsentieren

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2019/20 vor. Bild: Schauspielhaus Wien

Intendant Tomas Schweigen und sein leitender Dramaturg Tobias Schuster stellten heute Vormittag den Spielplan des Schauspielhaus‘ Wien für die kommende Saison 2019/20 vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber präsentierte die Zahlen der laufenden – und obwohl Schweigen und Riesenhuber von der bis dato erfolgreichsten Spielzeit des Theaters zu berichten wussten, von Einladungen zu den Mühlheimer Theatertagen übers Münchner Festival radikal jung bis zu den

Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin, alarmierten sie bereits eingangs mit drohenden Finanzierungsproblemen, eine Situation, zu der die beiden konkret allerdings erst nach ersten Einblicken in die Produktionen zu sprechen kamen. Und so freute sich Schweigen über den Coup, zur Saisoneröffnung am 28. September mit dem gefeierten Duo Vinge/Müller zwei der momentan gefragtesten Künstler der Theaterszene, von der Welt als „die irrsten Theatermacher der Welt“ vorgestellt, deren Aufführungen auch schon mal zwölf Stunden dauern, in denen Vinge Eigenurin trinkt oder anales Action Painting vorführt, für eine Inszenierung am Haus und damit ihre erste Produktion in Österreich gewonnen zu haben. „Vegard Vinge und Ida Müller gehörten zu den prägendsten Mitstreitern von Frank Castorf an der Volksbühne, und werden das unter René Pollesch wieder sein“, so Schweigen zur Uraufführung von deren Projekt.

Er selbst bringt dann am 13. November Édouard Louis‘ Roman Im Herzen der Gewalt als österreichische Erstaufführung auf die Bühne. Der 1992 geborene Shootingstar der französischen Literatur gilt auch als wichtige politische Stimme, und ist einer, der an der Schnittstelle von fiktionaler Literatur und Sozialwissenschaft schreibt. Das autobiografische Buch, in dem sich die Hauptfigur mit einer von Xenophobie, Rassismus und Homophobie durchzogenen Gesellschaft konfrontiert sieht, nennt Tobias Schuster ein „sprachgewaltiges, düsteres Weihnachtsstück“, eskaliert doch am Weihnachtsabend ein schwuler One-Night-Stand zur Vergewaltigung, nach der, so Schuster, „Édouard erfahren muss, wie Polizei, Ärzte, Freunde, sogar die Schwester auf die Gewalttat reagieren“. Mit dieser Arbeit knüpft das Schauspielhaus an Schweigens Inszenierung von Das Leben des Vernon Subutex 1+2 an (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33148), die wiederaufgenommen werden wird – und Tomas Schweigen die Gelegenheit bot, auf Ab- und Neuzugänge im Ensemble hinzuweisen, ist doch Vassilissa Reznikoff bereits nach Mannheim gewechselt, während Steffen Link nach der Hauptrolle in „Im Herzen der Gewalt“ nach München übersiedelt.

Dafür kommt fix Clara Liepsch, die bereits im „Vernon Subutex“ spielt, und Til Schindler: www.tilschindler.com. Fortgesetzt wird die Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Erfolgsautor Thomas Köck, heuer zum zweiten Mal in Folge Gewinner des Mühlheimer Dramatikerpreises, der am 11. Jänner nach der Nestroypreis-nominierten Arbeit „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension und Link zum Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erneut in gemeinsamer Regie mit Elsa-Sophie Jach seine Kronlandsaga um den Bauernbefreier Hans Kudlich fortgesetzen wird. Nach „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) heißt der Text zur Uraufführung nun Kudlich in Amerika, geht der in Wien zum Tode Verurteilte doch wie tatsächlich in die Vereinigten Staaten, nur dass er bei Köck zum texanischen Öl-Magnaten wird – womit über den Roh/Stoff ein weites Gedankenfeld zu Kapitalismus, Kriegstreiberei und Klimakollaps eröffnet ist.

Anna Marboe, dies Jahr mit „Oh Schimmi“ im Nachbarhaus heftig akklamiert, übersiedelt auf die große Bühne und inszeniert das jüngste Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, Angstbeißer von Wilke Weermann, ein zwischen Horror und schwarzem Humor changierender Drogentrip, oder wie es Tobias Schuster sagt, „eine Art Hipster-,Trainspotting‘, bei dem sich ein Freundeskreis in eine Albtraumwelt voller Halluzinationen und Gewaltfantasien verirrt.“ Uraufführung ist am 27. Februar. Mit dem Arbeitsatelier geht die Kooperation von uniT Graz und Schauspielhaus weiter. In diesem Jahr erarbeiten die Autorin und Soziologin Ewelina Benbenek und Regisseur Florian Fischer ein gemeinsames Rechercheprojekt, eine Diskussion darüber, wie eine transkulturelle Gesellschaft im Wechselspiel von Bühne und Publikum präsentiert werden kann, ein Ansatz, eine Analyse, die, wie Tomas Schweigen befindet, auf alle kommenden Produktionen zutrifft, nach der Untersuchung des Status Quo Europas in dieser Saison sozusagen das neue Spielzeitmotto. Tragödienbastard wird am 4. April uraufgeführt. Miroslava Svolikova schreibt, zugeschnitten auf das Schauspielhaus-Ensemble, ihr neues Stück RAND, das Schweigen zum Abschluss der Saison Ende April uraufführen wird.

Das neue Ensemblemitglied Clara Liepsch (li.) in „Das Leben des Vernon Subutex 1+2“; mit Steffen Link, Simon Bauer, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Anna Rot. Bild: © Matthias Heschl

Die Kronlandsaga um Bauernbefreier Hans Kudlich wird fortgesetzt: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Am Wochenende nach der Saisoneröffnung veranstaltet die Schule für Dichtung unter der Leitung von Fritz Ostermayer wieder ein zweitägiges Musik- und Literaturfestival, diesmal unter dem Motto Gebenedeit sei die Wut deines Leibes, bei dem neben unter anderem Christoph Grissemann, Antonio Fian und Maja Osojnik auch Oswald Wiener einen seiner raren Auftritte absolvieren wird. Auch eine Kooperation mit dem Theater KOSMOS Bregenz ist wieder vorgesehen, mit der Produktion Das Optimum des jungen Wiener Dramatikers Mario Wurmitzer in der Regie von Maria Sendlhofer. Uraufführung ist am 31. Oktober im Nachbarhaus.

Erfreut zeigten sich Tomas Schweigen und Matthias Riesenhuber zum Schluss über die aktuellen Zahlen, die ein kontinuierlich steigendes Interesse des Publikums bei dessen sinkendem Alter ausweisen. Riesenhuber: „Die Auslastung liegt bei 85 Prozent, das sind knapp 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer seit September 2018, wobei der Anteil des Publikums unter 30 Jahren bei mehr als 50 Prozent liegt.“

Durch verschiedene Umstrukturierungs-, Sparmaßnahmen und einen gesteigerten Aboverkauf sei außerdem eine Budgetentlastung von etwa 45.000 Euro erfolgt, an Kooperationsmitteln habe man an die 100.000 Euro eingenommen. Trotz dieser erfreulich klingenden Situation sprachen die beiden Geschäftsführer eine deutliche Warnung aus.

Die fehlende Valorisierung komme einer jährlichen Kürzung des Budgets, letztmals erhöht 2009 und derzeit bei 1,515 Millionen Euro von der Stadt Wien und 380.000 Euro vom Bund, um durchschnittlich 40.000 Euro gleich. Die Subventionskürzung des Bundes um 20.000 Euro seit 2019 werde man, so Riesenhuber, mit einer Erhöhung der Ticketpreise um zehn Prozent auszugleichen versuchen. Ob unter diesen Umständen ab 2012 das Schauspielhaus seine Aufgabe als progressives Autorinnen- und Autorentheater, das international Beachtung findet, noch in gewohnter Form wahrnehmen wird können, erklärten Schweigen und Riesenhuber für fragwürdig.

www.schauspielhaus.at

24. 6. 2019

Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

www.schauspielhaus.at

  1. 6. 2019

Sunset

Juni 17, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wohl behütet in den Weltuntergang

Juli Jakab als Írisz Leiter. Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Eine Theorie hat man wohl, was den Verbleib von Kálmán Leiter betrifft, den seine Schwester Írisz immerhin 142 Minuten lang sowohl sucht wie scheut, eine Theorie, die mit einem Wechsel von Frauen- zu Männerkleidung und zurück zu tun hat, und mit einem grausigen Beinah-Lächeln zum Ende. Folgt man diesem Gedankenspiel, dann bedeutet László Nemes‘ neuer Film „Sunset“ nicht, dass es

Pseudoschizophrenie als Krankheitsbild, sondern, dass es tatsächlich das Böse in der Welt gibt. Allerdings, seit Freitag in den Kinos, kann sich jeder selbst zur Interpretation des enigmatischen und in seiner Langsamkeit gewollt enervierenden Thrillers aufmachen, in dem Nemes das Budapest der K.u.K.-Monarchie im Sommer 1913 beschwört. Wobei sich der ungarische Regisseur einer ähnlich radikalen Ästhetik, erneut des klaustrophobischen Stils von Kameramann Mátyás Erdély bedient, wie bei seinem Oscar- und mit weiteren 40 Preisen prämierten Erstling, dem aufsehenerregenden „Son Of Saul“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18149) über das Schicksal eines Auschwitz-Häftlings. Wie vor drei Jahren das Gesicht von Géza Röhrig rückt er nun das von Juli Jakab in den Mittelpunkt, ihre keine Regung zeigenden Züge, ihre dafür umso beredteren Augen fotografiert in sepiafahlem Licht auf 35-mm-Material.

Rund um sie eine Ahnung der Prachtfassaden und Prunkplätze der Donaumetropole, zur Protagonistin in Unschärfe gehaltene Darsteller, schwüle Hitze, schweißnasse Haut, von Kutschen aufgewirbelte Staubwolken. Bald wird es an diesen Bildrändern zu Morden, Mädchenhandel und Sadomaso-Hingabe kommen, wobei all das seltsam schlafwandlerisch (siehe Christopher Clarks Sachbuch, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6715) und ergo mit einer eigentümlich hypnotischen Schönheit abläuft, die Endzeit im Habsburgerreich ein Ausharren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Blut wird diese Woche hier fließen“, sagt einer der sinistren Männer, die Írisz ab ihrer Ankunft in der Stadt umkreisen, und deren Dämonie die Décadence der besser situierten Kreise konterkariert, deren Verkommenheit aber auch die Verheißung einer gesellschaftlichen Veränderung in sich trägt. „Du bist es, die uns geweckt hat“, raunt ihr jemand zu.

Die Handlung von „Sunset“ ist ein verwinkeltes Labyrinth, an dessen Ausgang alle Fragen offen sind. Nemes treibt sein Spiel mit dem Ausschnitt weiter, von bildlich zu sinnbildlich, und ebenso bruchstückhaft und doppeldeutig, wie er die Historie preisgibt, so auch die Geschichte seiner Heldin, von der man so gerne glauben möchte, sie sei ein Backfisch, den es in eine gefährliche, brutale Gesellschaft verschlägt. Doch Írisz Leiter ist selbst geheimnisumwittert. Von Triest, wo sie in einem Waisenhaus aufwuchs, nach Budapest gekommen, bewirbt sie sich als Modistin in edelsten Hutsalon für die High Society – Leiter, denn das Luxuskaufhaus gehörte einst ihren Eltern, die bei einem Brand um Leben kamen, als Írisz ein Kleinkind war.

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Nach vergeblichen Versuchen des nunmehrigen Inhabers Oskar Brill, Vlad Ivanov als blasiert-besorgter Großbürger, die junge Frau loszuwerden, arrangiert man sich. Mehr und mehr gerät Írisz aber in den Bannkreis ihres älteren Bruders Kálmán, von dessen Existenz sie bis dato nichts wusste, und der ihr gegenüber als „Wilder“, als eine Art Räuberhauptmann, der eine Schar meuchelnder Krimineller um sich versammelt hat, ausgewiesen wird. Schwer schwebt im Raum, bei der Gruppe könnte es sich um anarchistische Umstürzler, um Revolutionäre gegen Österreich-Ungarn oder um Nationalisten handeln. Dass sich da Dinge vorbereiten, die als Synonym für die kommende europaweite Katastrophe stehen, ist schnell klar.

Umso unangenehmer für Brill, der kaiserliche Hoheiten (Tom Pilath und Susanne Wuest) zum Einkauf erwartet – von Hüten für die Damen bis einer Auserwählten unter seinen Angestellten für die Herren. Deren letzte, den „Unfall Fanni“ sieht Írisz ebenso kurz, wie die verrückt gewordene Gräfin Rédey (Julia Jakubowska), deren Ehemann Kálmán getötet hat. Bei ihren Nachforschungen nach diesem stolpert Írisz durch bizarre Abendgesellschaften, die in Chaos und Gewalt versinken und bei denen Lehárs „Da geh‘ ich ins Maxim“ mal in ungarischer Sprache zu hören ist, wird Modell bei einer skurrilen Hutanprobe vor barfüßigen Würdenträgern und schließlich Zeugin des Überfalls auf das Schloss der Rédey.

Wobei sich der noch immer von niemandem gesehene Kálmán als Retter der zur Schändung freigegebenen Mädchen entpuppt. „Er hat schon als Kind den Schrecken in der Welt gesehen, aber er kam aus ihm selbst“, heißt es über den im Verborgenen Agierenden an einer Stelle. Derart istSunset“ ein Film voller Ambivalenzen und Allegorien, Metaphern und Mehrdeutigkeiten. Nicht nur die ausladenden, überladen verzierten Hüte stehen für einen von wenigen gepflegten Pomp, der ein Weltreich schlussendlich zerschlug. Es ist nicht neu, in einem Europa vor 1914 – nach außen reich und glanzvoll, doch dessen Tanz auf dem Vulkan längst Wirkmacht  destruktiver Kräfte – eine Warnung für die heutige Zeit zu sehen. László Nemes‘ Statements zum Film legen dies einmal mehr nahe.

Die Meisterschaft seines Films liegt aber nicht in historischer Analyse, sondern im Schaffen einer Mystery-Atmosphäre, die den Betrachter an den Rand seiner Nervenleistung bringt. Herausragend ist Juli Jakab, die dem bohrenden Blick von Mátyás Erdélys Kamera mit all der Anstrengung standhält, die einem eine solche kräftezehrende Aufgabe abverlangt. Den in Flammen aufgehenden Familiensitz der Rédey wird ihre Írisz klar und kraftvoll und mit einem merkwürdig triumphalen Lächeln verlassen. In der letzten Einstellung von „Sunset“ hat die Kamera sie verloren, muss sie erstmals suchen, da bewegt sie sich durch einen Schützengraben, Bombeneinschläge sind zu hören, Verwundete zu sehen. Und dann Írisz in einem Unterstand in Schwesterntracht. Und wieder spielt dieser irritierende Ausdruck um ihre Lippen …

www.sonyclassics.com/sunset

  1. 6. 2019

Kaviar

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Zack! ins Dixi-Klo gegriffen

Ein windiger Anwalt, ein schmieriger Stadtrat und ein gar nicht gerissener Glücksritter machen Jagd aufs große Geschäft mit dem Russen: Simon Schwarz, Joseph Lorenz und Georg Friedrich. Bild: 2019 Ioan Gavriel

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch. Also beginnt das Ganze durchgeknallt, der Russenmilliardär Igor auf einem österreichischen Hochstand, und wie er – von Jagdgewehr bis Panzerfaust – mit aller Waffengewalt einen nackten Mann aufs Korn nimmt. Der trägt bei seinem unfreiwilligen Tanz im Kugelhagel einen Lenin-Gipskopf, den sollte man sich merken, denn es wird ein Heidenspaß und eine Riesenüberraschung werden, wer diesen am Ende von Igor übergestülpt bekommt …

Als die Regisseurin und Drehbuchautorin Elena Tikhonova die Arbeit an ihrer Austrorussen-Komödie „Kaviar“ begann, dachte sie an eine Posse basierend auf ihren eigenen Erfahrungen in der Community, nicht aber, dass ihr erster Spielfilm von der knallharten Realität derart bestätigt werden könnte. Nun ist die aberwitzige Geschichte seit Freitag in den Kinos zu sehen, und erinnert frappant an manches, was die Republik seit Mitte Mai unter dem Schlagwort „Ibiza-Video“ beschäftigt. Allerdings bedarf es auf der Leinwand keiner Nichte, sondern der Oligarch selbst schreitet zur Tat. Der obszön reiche Igor hat nämlich einen Herzenswunsch. Er will sich nach Vorbild der Ponte Vecchio in Florenz auf der Wiener Schwedenbrücke eine Protzvilla samt Zwiebeltürmen errichten lassen.

Die Kontakte dafür soll ihm seine persönliche Dolmetscherin, sprich: in seinen Augen Leibeigene, Nadja checken. Die wendet sich an ihre beste Freundin Vera, deren einheimischer Ehemann Klaus schon lange am Schwarzgeldvermögen andocken will. Klaus bindet seinen Haberer, Rechtsanwalt Ferdinand Braunrichter ein, der seinerseits weiß, mit welchem überambitionierten Stadtrat man zum „Waidmanns Heil!“ antreten muss. So ist auch dieser Hans Zech bald im Boot, dank der Verlockung, Igor werde der Stadt Wien die Donaukanalsanierung finanzieren. Geschmierte drei von insgesamt 100 Millionen Bakschisch landen vorab schon in Liechtenstein, klar, Klaus und Ferdinand wollen Hans reinlegen, blöd nur, dass der Politiker Russisch spricht. Doch während die Männer tricksen, schmiedet das Damentrio, erweitert um Veras blauhaarige Babysitterin Teresa und angestachelt durch Klaus‘ halbseidene Seitensprünge, selber Pläne, um ans Bare zu gelangen.

Oligarch Igor schmeißt sich an Klaus‘ Ehefrau ran: Margarita Breitkreiz als Nadja, Georg Friedrich als Klaus, Mikhail Evlanov als Igor und Daria Nosik als Vera. Bild: 2019 Thimfilm

Veras Babysitterin Teresa macht bei Nadjas Love Interest, Oberpunk Don, das Rennen: Sabrina Reiter und Robert Finster. Bild: 2019 Thimfilm

Das Damentrio sucht den Lkw mit den Schmiergeldmillionen: Daria Nosik, Margarita Breitkreiz und Sabrina Reiter. Bild: 2019 Thimfilm

„Kaviar“ ist so knallbunt wie die Cartoons, die zwischen den Aufnahmen zu sehen sind. Insgesamt zu harmlos, ja, zu risikolos für beißende Satire, ist der Film ein schlitzohriger Culture-Clash-Comic, der von Wodka-Konsum bis Kalaschnikow kein Klischee auslässt, und mit Darstellern in komödiantischer Hochform punktet. Allen voran Georg Friedrich als so gierigem wie begriffsstutzigem Möchtegerngauner Klaus und Simon Schwarz, der als Ferdinand nicht viel heller auf der Platte ist. Schnitzler-Schauspieler Joseph Lorenz erfreut als jovial-saturierter Volksvertreter, der sich im Gefühl sonnt, alle Fraktionen in der Hand zu haben. Elena Tikhonova handelt mit diesen dreien ihren haarsträubend glaubwürdigen Korruptionsfall ab.

Von Geschäften, die auf einer Serviette unterzeichnet werden, dem flotten Austausch von Staatsbürgerschaften gegen „Wirtschaftsförderung“, von Geldwäsche bis Bordellbesuchen. Wunderbar Szenen, in denen Friedrichs Klaus eine Bande von Hausbesetzer-Punks beschäftigt, um im ersten Bezirk für Igors Inspektion mit Presslufthämmern eine Baustelle zu faken. Großartig, wie er vor Ort dem von Mikhail Evlanov gefährlich gönnerhaft und stets gutgelaunt gespielten Obskuranten sogar einen Unterwasserlift und einen Tiergarten verspricht, während er hernach versucht, der Polizei, David Oberkogler als Gesetzeshüter, die Aktion als Flash Mob zu verkaufen.

Dazu gehören natürlich Friedrich’sche Sätze wie „Hoit die Pappn, wannst mit mir redst!“ oder, als er nur mit einem Negligé bekleidet in einem Badezimmerfenster feststeckt und um Hilfe ruft, der Gemeindebau antwortet: „Geht’s a bissl leisa!“. In den Mittelpunkt ihres Klamauks stellt Tikhonova aber eine Frauenfreundschaft, die alles aushält: Margarita Breitkreiz als streng gekämmt verklemmte Nadja, Daria Nosik als deren Turbolidschatten und Highest Heels tragende BFF Vera und Sabrina Reiter als wiederum deren Kein-Kind-von-Traurigkeit-Kindermädchen Teresa bekämpfen die männlichen Betrüger mit allen – von modernem Hightech bis traditionellem Sex – Mitteln.

Nur einmal gerät die weibliche Solidarität ins Wanken – ein kurzes Intermezzo, als auf einer wilden Party mit Erdapfelsaft aus Kristallgläsern und traurigen Karaoke-Liedern der von Nadja so dringend ersehnte Oberpunk Don, Robert Finster, sich statt der Gastgeberin der gleicher gesinnten Teresa zuwendet. Doch schnell versöhnen sich die Ladys wieder, rollt doch der Rubel Richtung Wien, in einem Lkw, den die Mädels dank Veras Maneater-Qualitäten zu kapern gedenken, bevor die selbsternannten Herren der Schöpfung seiner habhaft werden können. Und so beginnt auf der Osteuroparoute, heißt: in der burgenländische Pampa, ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem bald alle im Wortsinn nach dem großen Geschäft riechen.

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch: Mikhail Evlanov. Bild: 2019 Thimfilm

Das hat Zack! Zack! Zack! mit den Dixi-Klos zu tun, in die Georg Friedrich seinen Griff ins Braune wird tun müssen, weil Igor denn doch nicht so deppert ist, wie die Wiener gern geglaubt hätten. Und alldieweil es für die Männer „Shit Happens!“ heißt, feiern die Frauen auf Geld-stinkt-nicht-Art die Umverteilung des Kapitals.

„Kaviar“ ist nicht hohe Kunst, aber ein erfreulicher Sommerspaß mit drolligen Animationen und einem temperamentvollen Soundtrack von Karwan Marouf. Ist der Film gewordene Beweis für den humorigen Unterschied dafür, ob Russen-Klischees über Russen oder von einer gebürtigen Russin erzählt werden. Und wenn Vera über Klaus klagt: „Er hat meine Fü(h)llungen verletzt“, kommt auch der Wortwitz nicht zu kurz. Merke: Gerechtigkeit gibt es in Liechtenstein. Aber wer muss mit dem Haupt von Wladimir Iljitsch herumspringen? Die Antwort ist … anschauen.

www.kaviar-film.at

  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Missing People

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Augen auf die Armut richten

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Im barocken Prunksaal ist die Party offensichtlich längst gelaufen. Aus dem Ruder gelaufen. Auf den roten Teppichen sind Flecken, die Gläser auf den Stehtischen schmutzig, an den Tellern kleben Essensreste, in manchem Brotstück hat ein Gast eine Zigarette ausgedämpft. Nun sind die Gäste fort – und niemand hat ihnen hinterhergeräumt. Nur ein Haufen Kleider, Taschen, ein paar Einkaufswagen zeugen von ihrer eben noch Anwesenheit.

Dies die Ausgangssituation von Béla Tarrs „Missing People“. Der ungarische Meisterregisseur, dessen „Sátántangó“ als eines der wichtigsten Werke der Kinogeschichte gilt, und der 2011 mitA Torinói ló“ seinen Rückzug vom Filmemachen erklärte, weil er mit dessen künstlerischen Mitteln alles gesagt hätte, kehrt nach langer Schaffenspause mit einer Uraufführung, einem Auftragswerk der Wiener Festwochen, zurück. Dass der streitbare Moralist sein letztes Wort doch noch nicht gesprochen hat, ist Ungarns Premier Viktor Orbán geschuldet, der ein Gesetz initiierte, dass Obdachlosen das Nächtigen auf der Straße verbietet, ohne freilich diesen Menschen einen alternativen Schlafplatz anzubieten. Sie sollen einfach nur aus der Sichtbarkeit, aus dem öffentlichen Raum der Städte vertrieben werden.

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Bild: © Béla Tarr/Fred Kelemen

Genau diesen Raum stellt Béla Tarr in seinem jüngsten Projekt, mit dem er sich erstmals an der Schnittstelle von Film, Installation und Performance bewegt, aus. Und zwar am Drehort selbst, der einstigen Winterreithalle im MuseumsQuartier, wo er das Publikum mit einer schmerzhaft dringlichen Kompromisslosigkeit veranlasst, die Augen auf die Armut mitten unter uns zu richten. Auf Stufen entlang der Wände sitzend, folgt man der Kamera von – wie stets bei Tarr-Werken – Fred Kelemen, der erst in ungewohnt leuchtenden Farben den Gelagemüll umrundet, bevor zum Tarr-typischen Schwarzweiß die ersten Gesichter erscheinen. Von großer Leinwand, die sich durch zwei weitere zu einer Art Triptychon erweitern kann, blicken im Wortsinn die, denn es sonst so ergeht, auf die Zuschauer herab.

Tarr hat viel Zeit mit seinen Protagonisten verbracht. Hat sie an ihren Aufenthaltsorten besucht, Misstrauen besänftigt, ihren täglichen Daseinskampf begleitet, versucht zu verstehen, wie es mit jedem einzelnen so gekommen ist. Eine Erfahrung, erzählt er in Gesprächen, die sein künstlerisches Selbstverständnis tief berührte. Selbstverständlich sind seine Bilder stilisiert, doch gerade dies stattet seine Akteure mit einer großen Würde aus, die Szenen, in denen sie ihren Alltagsverrichtungen nachgehen, wirken derart beinah gravitätisch, die Gesten hoheitsvoll, die Mimik majestätisch. Angeführt von einem Rollstuhlfahrer schreiten sie schließlich, nebelumwabert, in die Halle. Wie archaiische Krieger, denn tatsächlich lässt einen ihr Erscheinen auch an Tarrs „Macbeth“-Interpretation denken, während die Kamera Antlitz nach Antlitz erkennbar macht.

Nicht einfach ist es, diesen standzuhalten, den umschatteten Augen, die schauen, als hätten sie alles gesehen. Ein paar wenige, sie ohnedies auch auf der Straße Performer, tun sich mit einer kleinen Einlage hervor. Ein alter Mann mit weißem Bart singt einen wehmütigen Schlager, unwiderstehlich, herzzerreißend, ein Profi. Ein anderer sprüht sich mit Goldglanz ein, bis man in ihm die lebende Statue aus der Fußgängerzone erkennt. Eine Frau fertigt eine Petit-Point-Stickerei an, als wär’s eine Erinnerung an ein früheres Leben. Auch ein Lachen lässt Béla Tarr zu. Es hilft aus der Befangenheit – sowohl dem Publikum als auch denen, die hier zu Darstellern ihrer selbst werden. Dieser wundersame Abend bringt beide dazu, sich den anderen zu öffnen.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Bild: © Nurith Wagner-Strauss

Zum Ende der „Missing People“ hebt sich ein Vorhang zu einem weiteren Teil des Saals, an Heurigentischen gibt es nun Getränke, Akkordeonmusik und die Möglichkeit zur Begegnung. Mit Glück entsteht so eine gesellige Runde, in der man sich aus der eigenen Wohlstandsexistenz herauswagen und es unternehmen sollte, die existenzielle Not seines nächsten Menschen zu begreifen. Das hat, wie die ganze Aufführung, etwas Heiliges und Heilendes. Schön, dass es den diesjährigen Festwochen zu ihrem Finale gelingt, Demarkationslinien in Köpfen, Feindbilder des Fremden, Grenzziehungen zwischen „uns“ und „denen“, so grandios zu überwinden.

TIPP: Am 15. Juni können beide Vorstellungen von „Missing People“ von Béla Tarr (18 und 21 Uhr) gegen Vorlage einer aktuellen Ausgabe der Wiener Straßenzeitung Augustin bei freiem Eintritt besucht werden. Karten sind nach Verfügbarkeit an der Abendkasse im Foyer der Halle E+G im MuseumsQuartier erhältlich.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3wicOihI8dM

www.festwochen.at

  1. 6. 2019