Lisa Eckhart: Metrische Taktlosigkeiten

Mai 27, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schweinsfreche Sauklaue

Der vordergründigste Grund – und dieser ist tatsächlich tiefgründig, Lisa Eckhart zu mögen ist, dass sie eine extrem attraktive junge Frau ist. Eine, die sich stylt und die Haare schön hat und die Lippen rot und das Outfit immer vom Feinsten. Weil, Frauen generell, und sich aufmotzende Frauen noch mehr, haben in dieser mannsdominierten Welt nicht geistreich zu sein, und schon gar nichts zwischen satirisch bis sarkastisch. Das Kabarett noch dazu ist ein Machobauchladen, bis auf wenige Widerständlerinnen, eine Art sich klug die intellektuellen Fussel aus dem Nabel kletzelnder King Kong: Blonde Frau, schweig, du Opfer!

Und dann kommt das Mädchen Lisa, die wohl mehr als zufällig nach ihrem Simpson-Pendant heißt, und sagt: Fuck you! Wobei der dazu gekrümmte Mittelfinger kein Penisersatz, sondern ein Zeichen für die Überwindung der weiblichen Scham ist. Die Geste wurde derart bereits 1905 von Friedrich Salomon Krauss gedeutet. Wurscht. Lisa Eckhart also, Österreichischer-Kabarettpreis-Preisträgerin, hat ihre Dichtungen zwischen zwei Buchdeckeln verstaut: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“. Und siehe, das schweinsfreche Schandmaul hat auch eine Sauklaue!

Siebzehn bitterböse Bühnentexte, in denen sie die Lebensrealität genussvoll zwischen den Fingern zerbröselt, und fünf pointierte Stellungnahmen zur Zeit hat sie zu einem Ganzen zusammengestellt, gemeine Reime, von genial bis trivial. Eckhart fleddert die illustren Leichen der Literatur und erschafft aus deren einzelnen Teilen entzückend pathetische Balladen-Bastarde. Beispiel I:

Es ist ein ganz normaler Tag, und mir wie immer schrecklich fad, ich lieg nur reglos und sinniere, esse Kuchen, masturbiere … Ich gönn mir kleinen Kelch Absinth, obgleich der Morgen erst beginnt, doch fremd ist mir jed Anstandsmauer, für einen Alkoholiker ist jede Stunde Happy Hour. Ich fühl mich schick wie Oscar Wilde, und, am Toilettenrand verkeilt, frag ich mich, ob auch dieser sich damals so schick erbrach wie ich …

Es gibt Neudichtungen von „Faust“ bis zur Bundeshymne, Politisches über die FPÖ (Faux-pas-Österreich) und andere Parteiwiedergänger, der Weihnachtsmann wird zum Kinderschänder, und der Osterhase verpaart sich mit der Osterhenne – dies das grauslichste Gedicht von allen. Erstaunlich überhaupt ist, wie intensiv sich Eckhart mit der Religion beschäftigt, am heftigsten im kannibalistischen Poem „Der letzte Abendgemahl“, wo man doch dachte, nur die bayerischen Kabarettisten müssten sich herkunftsbedingt nonstop am Brachial-Barock-Katholischen abarbeiten. Beispiel II:

Gott … wurde sich des Ausmaßes seiner Machteinbuße erst vor einigen Jahren bewusst und verteilte daraufhin in Panik erstmals Feedback-Bögen an die Menschheit. „Bewerten Sie die derzeitige Schöpfung mit Prädikaten wie 1. Hosanna, Juchhe! 2. Leiwand. 3. Befriedigend. 4. War schon mal besser. 5. Bitte, Gott, lass mich sterben!“ Es wurde allerdings strenggenommen kein internationales Ergebnis erzielt, da nicht alle Antworten ordnungsgemäß ausgewertet werden konnten. Die dritte Welt hat die Fragebögen gegessen, Österreich nicht anständig zugeklebt und Israel und Palästina haben das Papier lieber zerrissen, zu kleinen Bällchen gerollt und sich damit gegenseitig bespuckt. Dennoch trat ein eindeutiges Stimmungsbild zutage. Unter dem Punkt Verbesserungsvorschläge schrieb fast ein jeder der Befragten: „Lass es gut sein, Gott.“ Und Gott sah, dass es gut war und trat von seinem Amt zurück.

Sozusagen als Bonustrack im Buch gibt es ein Interview, das Michael Niavarani mit Eckhart führt, ihn hier den „Entdecker des Talents“ zu nennen, wäre siehe oben uähh!, aber die beiden haben einander was zu sagen. Sei’s über die political correctness als Einbahnstraße, den (Irr)sinn des Genderns oder den Willen des Kabarettisten zur Macht. Wem Schopenhauer zu optimistisch, Nietzsche zu wehleidig und Kafka zu fröhlich ist, der könnte an diesem Werk genesen.

Niavarani: Hast du jemals daran gezweifelt, ob du Künstlerin bist, oder nicht?

Eckhart: Also, ich war immer überzeugt davon, dass ich ein Publikum verdiene.

Lisa Eckhart hat nicht nur ein Schandmaul, sondern auch eine Schweinsklaue. Bild: Moritz Schell

Über die Autorin:
Lisa Eckhart, geboren 1992 in Leoben in der Steiermark, ist Poetry-Slammerin und Kabarettistin. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf, studierte später in Wien und Paris, lebte in London und Berlin. Die erste Masterarbeit zum Thema Weiblichkeit und Nationalsozialismus ausgehend von Joseph Goebbels Tagebüchern wurde verworfen, ihre zweite Masterarbeit – schließlich ein „Sehr gut“ – befasst sich mit der Figur des Teufels in der deutschsprachigen Literatur. Nach dem Studium absolvierte Eckhart mehr als zwanzig erfolglose Vorsprechen an Schauspielschulen und entdeckte schließlich den Poetry Slam für sich, weil dort „angeblich selbst der untalentierteste Auswurf eine Bühne findet“ (O-Ton Eckhart). 2015 gab sie mit „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ ihr Kabarett-Solodebüt, für das sie mit dem Förderpreis des Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde. Eckhart ist immer wieder Teil des Rateteams in der ORF-Show „Was gibt es Neues?“

 

Verlag Schultz & Schirm, Lisa Eckhart: „Metrische Taktlosigkeiten. Eine Einführung ins politische Korrektum“, Bühnendichtung, 144 Seiten.

www.lisaeckhart.com

www.schultzundschirm.com

Wien, 27. 5. 2017

Wiener Festwochen: نت أنتظر ُ ينما ك / Während ich wartete

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Albtraum ein Leben

Ein poetischer Seifenblasenversuch, Salma zu trösten: Reham Al Kassar räumt die Wohnung von Taym. Bild: Didier Nadeau

Entlang einer Familiengeschichte erzählen sie vom Schicksal eines ganzen Volkes, schildern sie den Zerfall des Staates Syrien. Berichten davon, wie sich eine Zivilgesellschaft selberermächtigte, und sich gegen Diktator Baschar Al-Assad erhob. Beschreiben sie, wie die Geheimdienstgewalt gegen die Demonstranten zu einem erbittert geführten Krieg wurde, und bald auch zu einem Stellvertreterkrieg auf internationaler Politebene. Von allen Seiten zurrt und zerrt es an Syrien, diesem Schreckensszenario aus Folter, Vertreibung und Tod, in dem die Menschen zwischen Assads Militärfaschismus, dem Staatsterror, und dem religiösen Faschismus der IS und ähnlicher Terrorgruppen hin und her geworfen werden …

Seit der Uraufführung von „Während ich wartete“ im vergangenen Jahr beim Kunstenfestival in Brüssel war viel über Stück und Inszenierung von Dramatiker Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada zu lesen. Nicht aber, dass es sich dabei um eine mitreißende, hinreißende Tragikomödie handelt. Ja, es darf gelacht werden, offensichtlich, das begreift man sogar mittels der übersetzenden Übertitel.

Und in Beobachtung des zahlreich im MQ erschienenen arabisch sprechenden Publikums, das an der einen und anderen Dialogstelle vor „politisch unkorrektem“, ergo versucht leise zu haltendem Kichern fast birst. Der syrische Witz, sein Sarkasmus und seine Hinterfotzigkeit, „Galgenhumor“ ist an dieser Stelle ein zu realistisches Wort, möge er nicht im europäischen Bierernst (denn die Produktion tourt und tourt und tourt) untergehen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Komapatient. Taym. Er wurde mit schwersten Kopfwunden in seinem Wagen gefunden, die Geheimpolizei sagen die Mutigen, ein missglückter Drogendeal sagen die Mutlosen, und nun versammelt man sich um sein Intensivstationsbett, all seine Lieben und weniger Lieben, aber man weiß ja, was sich gehört. Klar, dass in so einer Situation die Emotionen hochgehen, die Mutter ist die typische Glucke, die Schwester sah sich veranlasst aus dem sicheren Beiruter Exil, in das sie schon emigrieren konnte, zurückzukehren, Tayms Freundin wird sowieso, weil familienfremd, angefeindet.

Bei all dem ist Taym live dabei, mittendrin, ein Geist, sein Geist, der sich zwischen den Familienmitgliedern bewegt, sie berührt, sie spüren das und streifen ihn weg wie eine lästige Fliege, während Taym sich durch Handzeichen bemerkbar zu machen sucht. Während der zwischen Leben und Tod Schwebende derart bemüht ist „die Ärztin mit den feuchten Lippen“ anzubaggern, werden in seinem Krankenzimmer Konflikte ausgetragen. Während er sich fragt, warum er plötzlich spricht/denkt wie seine Englischkurs-CD stellt sich heraus: Jeder hatte ein Geheimnis mit Taym. Und er selbst das größte – einen Dokumentarfilm, der, wie das Stück, die Keimzelle Familie mit der Missgeburt Syrien verbinden sollte.

All das ereignet sich auf zwei Ebenen: Auf der Spielfläche die reale Familienfabel, oben auf einer Art Freiluftkinogerüst führt Taym, wenn er nicht gerade unten unter den Seinen weilt, die Schnipsel seiner Handyfilme vor, und ein DJ erzählt von der Suche nach immer neuen Fronten. In immer neue Charaktere schlüpft er, der erschreckendste Charakter von allen, ein „echter“ Kämpfer, ein Überlebender der Folter-Gefängnisse des Regimes, der in den Bürgerkrieg zurückkehrt und sich nacheinander der Freien Syrischen Armee, der Al-Nusra-Front und dem IS anschließt. Dann die Nervenkrise: Der IS massakriert mit denselben Mitteln wie Al-Assads Schergen. Nun wird er DJ, ein Sound-Sammler, der den Klang des Krieges dokumentiert. Auf Folter- folgen Popsessions kaum auszuhalten ist das. Mohamad Al Refai und Mustafa Kur sind die grandiosen Darsteller und Live-Musiker im „ersten Stock“.

Komapatient Taym arbeitet an seiner Filmdoku über den Krieg … Bild: Didier Nadeau

… und der DJ über den Dächern von Damaskus begleitet ihn. Bild: Didier Nadeau

Alle Darsteller sind mit Verve bei der Sache. Nanda Mohammad ist als Schwester Nada eine mittelschwere Business-Tussi. Erst im Film auch über sie erklärt sich, wie sie von der Sprachlosigkeit ihrer Familie (Mädchen sind ängstlich irritiert, wenn ihr Körper mit der Pubertät interagiert und suchen Antworten auf ihre Fragen) zur Sicherheit des Hidschāb-Tragens kam, und dann wieder weg davon – in die Wahlmöglichkeit des Libanon. Reham Al Kassar ist als Tayms Freundin Salma eine an einen halben Leichnam gefesselte junge Frau; poetisch eingehüllt in ein Seifenblasenmeer versucht er sie zu trösten. Die große Hanan Chkir macht die Mutter. Ihre endlose Seelenqual: Der mittlerweile verstorbene Familienvater hatte sich ohne ihr Wissen ein zweites Mal verheiratet – welch eine Schmach, die Kairoer Schlampe. Wie sie in Mitbringerschaft eines Topfes gefüllter Weinblätter so vehement an die Tür bumpert, dass alle überzeugt sind, die Razzia steht draußen, das ist die wohl meist belachte und applaudierte Szene des Abends.

Der nächste nämlich wird schon gesucht, Osama, Tayms Freund und hauptberuflicher Nihilist, dem man wohl irgendwann etwas wie Talent bescheinigt hat, und der nun im Spital verstohlen und schlecht Gitarre spielt. Mohammad Al Rashi ist fabelhaft in dieser Rolle, und in einer Fast-Sex-Szene mit Nada. Und während sich Nada tief und tiefer in die Abgründe der Famile abseilt (war der Vater verstrickt in Geschäfte mit den autoritär regierenden Assads?), ist für ihn die größte Freiheit, sein persönliches Menschenrecht – ein frischgedrehter Joint. Hasch Hasch Eye To Eye. Als der Schauspieler Al Rashi sinngemäß sagt: Wohin soll ich flüchten? Ich flüchte lieber in meinen Traum, statt in die Ungewissheit jenseits der Grenze!, murmelt die Sitznachbarin:ولذلك فمن. So ist es. Überhaupt kommen seine abgeklärten Bonmots im Saal bestens an.

Die Familie sieht erstmals Tayms Film: Mohammad Al Rashi, Hanan Chkir, Nanda Mohammad und Reham Al Kassar. Bild: Didier Nadeau

Es träumt auch Komapatient Taym. Von einer zerschundenen Stadt, Damakus – der Albtraum ein Leben. Er schaut auf seine Welt herab, und weiß, dass er sie nie verlassen wird können. Tot oder halbtot oder lebendig. Jean Ziegler sagt, jeder muss an der Stelle kämpfen, wo die Geburt ihn hingewürfelt hat. Al Attar und Abusaada, beide ehedem künstlerisch beheimatet am universitären Theaterinstitut in Damaskus, machen sich mit dieser Produktion weltweit zu Botschaftern ihres Landes, das nur noch schemenhaft existiert.

Das sozusagen im Koma liegt wie Taym. Beinah die Hälfte aller Syrer sind auf der Flucht. Allen Kurz-Sichtigen sei in den goldenen Löffel graviert, dass die große Mehrzahl von ihnen der Libanon aufnimmt. Als Einführung zum Abend gab es im Foyer eine Stückerläuterung von Kurator Johannes Maile. Er erzählte unter anderem, dass zwei Schauspieler, sie alle Migranten in diversen europäischen Ländern, ausgewechselt werden mussten, weil sie in Frankreich auf ihr Asylverfahren warten und daher nicht ausreisen konnten. Demnächst sollte „Während ich wartete“ in New York gezeigt werden, doch ist noch völlig unklar, ob die Trump-USA ihnen als Muslime eine Einreisegenehmigung erteilen werden. Der Zeit ihre Kunst, den Menschen ihre Freiheit.

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Wien, 25. 5. 2017

Wiener Festwochen: Democracy in America

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kapitalismus als Erbschuld der Gründerväter

Von allen guten Geistern verlassen: Elizabeth zweifelt in der neuen Heimat an ihrem alten Gottglauben. Bild: Guido Mencari

Es beginnt mit einer Glossolalie aus Oklahoma City. Die Gnadengabe des Heiligen Geistes wird ins Dunkel des Volkstheaters gewispert, gestöhnt, gesingsangt. Glossolalie, das ist etwas, auf das die Pfingstkirche sehr steht, es bedeutet „in Zungen reden“, also: es redet mich, und ist ein unverständlich gebrabbeltes Gebet. Interessant eigentlich, dass gerade die Erleuchteten nicht immer die hellsten sind.

Interessant auch, dass stets die, die einander am ähnlichsten sind, übereinander herfallen. Von Far West bis Near East, jedenfalls wird es in weiterer Folge noch viel um Zungenschlag, Zündeln und gespaltene … gehen. Die Socìetas von Romeo Castellucci ist einmal mehr mit einer bemerkenswerten Arbeit in Wien: „Democracy in America“. Der Bühnenmagier hat sich diesmal von Alexis de Tocquevilles 1835 erschienener Abhandlung „De la démocratie en Amérique“ inspirieren lassen – und er sagt’s dem Home of the Brave so richtig rein.

Bereits Tocqueville begutachtete die weiße Realutopie mit gemischten Gefühlen. Zwar war er von der Demokratie in der jungfräulichen Neuen Welt durchaus angefixt, doch sah er auch die Gefahren und die Grenzen des Konstrukts: die Tyrannei einer Mehrheit über viele Minderheiten, die Schwächung der Intellektualität und der auf die Fahnen gehefteten Freiheit durch populistische Rhetorik, letztlich die Kreation des Kapitalismus durch die Versklavung von Menschen, durch die Marginalisierung von Menschen. Die in der Verfassung und ihren Amendments, die in der Bill of Rights beschworene Gleichheit, sie ist bis heute Chimäre. Der Kapitalismus der USA ist eine Erbschuld.

Castellucci hat seine Inszenierung seit der Uraufführung in Antwerpen weiterentwickelt. Und er setzt diesmal beinah schon auf Narration. Natürlich, im Mittelpunkt der enigmatischen Aufführung stehen – im Wortsinn – im Gazenebel gehaltene Szenen, Tänze oft, fantastische Theaterbilder, die wegen ihrer Schönheit und in ihrer eindringlichen Stille betroffen machen. Eine Fahnenschwenktruppe formt Begriffe. Crime ist zu lesen, und Cynic. Eine blutüberströmt nackte Frau schält sich aus der Gruppierung und beginnt mit ihren langen, nassen Haaren auf einen Metallgalgen einzudreschen. Gong. Gong. Gong. Sie peitscht das Joch, das ihr der Schöpfer auferlegt hat, denn mehr als üblich arbeitet sich Castellucci diesmal am Gottesbegriff ab. Es geht um Aberglaube und Abfall vom Glauben, um Puritanismus, er letztlich die Grundlage der USA, um Bigotterie – und um das Gefühl, von Gott verlassen zu sein.

Von bösen Geistern umzingelt: Nathanael versucht die alten Indianerkräfte von seinem neuen Besitz fernzuhalten. Bild: Guido Mencari

Man hört den „Steinmetzsong“ schwarzer Häftlinge aus dem Jahr 1966, sieht einen gespenstischen Aufmarsch des Ku-Klux-Klans, schamanistische Visionen von God’s own Country, liest projizierte Geschichtsdaten. Schlacht folgt auf Schlacht. Geburt, auch die einer Nation, besteht aus Blut und Scheiße. Auf derart philosophische Sketches folgen bewegende Szenen. Der schweißrote Faden ist ein Siedlerschicksal zur Zeit der „Pilgerväter“.

Ein hart gewordener Menschenschlag in einem harten Land, Elizabeth und Nathanael. Sie verkauft ihre Tochter für Werkzeug und Saatgut, macht ihr Kind zum Pflugschar. Eine alte Indianerin beobachtet die Szene – und ergreift als Geist von der jungen Frau Besitz. Die beginnt nun besessen in einer indianischen Sprache wehzuklagen und den abwesend-schweigenden Gott zur Rede zu stellen. Blasphemie! Der Rest ist … Hexenjagd.

Schließlich, Schlussszene. Noch eine Tragödie hat die Theatercollage zu beleuchten: die der amerikanischen Ureinwohner. Zwei von ihnen lernen in einem Dialog die Migrantensprache – Englisch. Mühsam, warum nur klingt Hair fast wie Ear, meint aber nicht dasselbe? Sie wollen nicht Fremde im eigenen Land werden, sie wollen von der Mayflower-Mutter-Borg assimiliert werden. Lieber denn ausgerottet werden, besser denn auszusterben. Ihre Bemühungen haben nichts genützt, man weiß es. Im Land of the Free führte die hellhäutige Fackel die indigenen Völker in die Finsternis, das nationalistische Heilsversprechen der Staatengründer, es galt nicht für sie.

Castellucci Ensemble besteht nur aus Frauen: Evelin Facchini, Olivia Corsini, Gloria Dorliguzzo, Giulia Perelli, Stefanie Tansini, Sophia Danae Vorvila, Daniela Nitsch, Bianca Anne Braunesberger, Wendy Kok, Paolina Neugebauer, Anicka Prokopova, Nadine Schimetta, Nicole Steininger, Sarah Dworak, Magdalena Bönisch, Anja Struc, Irina Mocnik  und Janine Hickl. Ist das sein Woman is the Nigger of the World? Längst hat man verstanden, meint man verstanden zu haben, Castellucci geht’s in seiner suggestivkräftigen Arbeit um mehr Vereinigtes, als nur die Staaten. Sein Theaterrätsel scheint ein prinzipiell gemeinter Einspruch gegen „Herrscher“ und sozialdarwinistische Herrschaftsverhältnisse. Seine Performance ist ein Puzzle, wie stets auch diesmal ein Denk/Spiel, das dem Publikum Raum für individuelle Interpretation lässt.

Und dann ist man doch gedanklich wieder bei den USA und irgendwie der Hoffnung, dass, solange Europa Vordenker und Freigeister wie Castellucci hat, hier das Blasen von biblischen Trumpeten verhindert, heißt auch abgewählt, werden kann. Nämlich, von Democracy zu crazy ist es nur ein Buchstabe …

www.festwochen.at

24. 5. 2017

Belvedere: Stella Rollig und Wolfgang Bergmann präsentieren ihre Pläne

Mai 23, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Museum neu denken. Museum neu erleben“

Stella Rollig, die neue Generaldirektorin des Belvedere, und der Wirtschaftliche Geschäftsführer Wolfgang Bergmann stellten ihre Pläne vor. Bild: Ingo Pertramer, © Belvedere Wien

Unter dem Titel „Museum neu denken. Museum neu erleben“ präsentiert die neue Doppelspitze des Belvedere, Stella Rollig und Wolfgang Bergmann, am Dienstagvormittag ihre Vision für die Zukunft des Museums. Die häufigste Frage an Museumsverantwortliche ist, wie viele Menschen ein Museum besuchen. Diese Frage ist berechtigt. Ich plädiere dennoch für einen Wechsel des Denkmusters. Wir müssen uns fragen: Wie gehen die Menschen aus dem Museum wieder hinaus, was nehmen sie von ihrem Besuch mit?“, so umreißt Rollig, neue künstlerische Direktorin des Belvedere, ihre Aufgabe und ihr Selbstverständnis.

Für sie ist das Museum ein „Kraftort“, der dazu einladen soll, innezuhalten und in Dialog mit der Kunst zu treten. Die Besucher sollen mehr Zeit im Haus verbringen, hier zur Ruhe kommen und Wissen und Erfahrungen mitnehmen, die kein Reiseführer und kein anderes Medium bieten können.

Dazu will man auch eine „Vermittlungsoffensive“ starten, die sowohl „das digitale Belvedere“ als auch die Forschung im hauseigenen Research Center betrifft. Dieses soll „zum Player in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft“ ausgebaut werden, in dem man vernetzte Forschungsprojekte konzipiert und realisiert. Diesbezüglich wird es personelle Neubesetzungen geben, die Ausschreibungen laufen. Rollig kündigt eine Neukonzeption und Neuhängung der Sammlung im Oberen Belvedere an, das künftig als mehr denn als „Tourismusort“ funktionieren soll. Sie will hier neue Schwerpunkte setzen, mit Themensetzungen die chronologische Führung unterbrechen und so neue Abläufe schaffen – „eine Aufforderung an die Wienerinnen und Wiener öfter zu kommen.“

Im Unteren Belvedere und in der Orangerie werden weiterhin Wechselausstellungen präsentiert, wobei Rollig eine Schärfung der Epochenzuteilung ankündigt. Von der zeitlichen Spannweite werden die Ausstellungen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reichen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf dem Werk und der Zeit von Gustav Klimt liegen, eine Verpflichtung für die weltweit größte und berühmteste Gustav-Klimt-Gemäldesammlung. 2018 wird es eine Sonderausstellung anlässlich Klimts 100. Todestag geben, die den Fokus auf dessen Nachwirken und den Aufbruch der Künstler der Donaumonarchie in die Moderne zeigen soll.

Das 21er Haus soll zum „Heimathafen“ der Wiener Kunstszene werden, in dem österreichische Kunst seit den 1960er-Jahren im internationalen Kontext gezeigt und das Schaffen der „Jungen Szene“ vorgestellt wird. Man will sich als Hotspot inmitten des neugeschaffenen Stadtentwicklungsgebiets, als „Kunstnahversorger“ präsentieren. Eine der schönsten Ideen des neuen Führungsduos dazu ist die Öffnung des Skulpturengartens für Gastronomie, wenn möglich bei freiem Eintritt über den Schweizergarten. Bergmann, neuer Wirtschaftlicher Geschäftsführer des Belvederes, erklärt: „Wir denken daran, einen Übergang von Freizeit zu Kultur zu etablieren, mit Live-Art und Sound-Art, sozusagen einen Ort für ein After-Work-Bier.“ Im Pavillon selbst werden flexibel bespielbare, großzügige Räume  geschaffen. Das Obergeschoß wird auf seine ursprüngliche, offene Form zurückgeführt. Als längerfristige Perspektive wird die Schaffung eines neuen Ausstellungsraums im Tiefgeschoss angestrebt.

Auch im Belvedere setzt Bergmann darauf, das Gesamtensemble, also Museum und Parkanlagen, in den Museumsbesuch einzubeziehen. Bereits diesen Sommer soll es erste Programme im Kammergarten geben, wie beispielsweise „Kunst & Freiluftkino“ oder „Kunst & Picknick“. Man will hier auch einen Bar- und Loungebetrieb testen. Eine stärkere Neuausrichtung auf die Interessen der Besucher zeigt sich auch in der Aufhebung des allgemeinen Fotografie-Verbots. „Natürlich ohne Blitz und Stativ“, so Rollig, „aber man kann ja mit dem Handy heute schon sehr einfach sehr schöne Fotos machen.“ Und Bergmann ergänzt: „Wir freuen uns, wenn die Besucher ihre Fotos von hier in den sozialen Medien posten, die zeigen, dass sie Spaß hatten und sich wohlgefühlt haben. Eine bessere Werbung gibt es gar nicht.“

www.belvedere.at

Wien, 23. 5. 2017

Wiener Festwochen – Agora: Robert Misik im Gespräch

Mai 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine theatralische Debatte als Demokratieermächtigung

Robert Misik lädt zur politischen Diskussion. Bild: Helena Wimmer

Journalist Robert Misik und Theatermacher Milo Rau kreieren ab 29. Mai im Schauspielhaus Wien eine „Agora“, in der das Publikum mit Sachverständigen und Ensemble Themen zur Zeit debattiert. In Misiks Performance-Serie wird die Agenda vom Publikum mitbestimmt: Tagesaktuelles steht neben Weltpolitischem, und analog zu einem realen Parlament herrschen klare Regeln – ein Eröffnungsredner umreißt zunächst die Fragestellung der Veranstaltung.

Ein Präsidium wacht über den Stil der Diskussion, und sind schließlich die Argumente in der Agora ausgetauscht, schreitet man zur Abstimmung. In diesem Forum steht die konstruktive Debatte gegen den verrohten Diskurs, das Schauspielhaus wird zum Labor einer gelebten Staatsbürger-Demokratie. Robert Misik im Gespräch:

MM: Typische Einstiegsfrage: Wie kam’s zu der Idee von „Agora“, was wollen Sie uns damit sagen, wie kam es zur Zusammenarbeit mit Milo Rau?

Robert Misik: Das hängt alles zusammen. Milo Rau kenne ich seit vielen Jahren, wir haben erstmals bei „Hate Radio“ in Wien gemeinsam diskutiert, haben uns dabei befreundet und einige Projekte gemeinsam gemacht, etwa auch „Breiviks Erklärung“ und die „Zürcher Prozesse“. Ziemlich zeitgleich ist mir die Idee in den Kopf geschossen, ein Demokratieexperiment „Agora“ zu machen. Das Schauspielhaus Wien hat mich dann gefragt, ob ich eine Diskursgeschichte machen möchte, ich sagte, eine reine Podiumsdiskussion interessiert mich aber nicht, und so wurde aus meiner Überlegung Wirklichkeit. „Agora“ ist mehr als Diskussion, es ist experimenteller und ich hoffe sehr auch spannend. 

MM: Sie bespielen nun sieben Abende.

Misik: Ja, damit Aufwand und Ergebnis in einem Verhältnis stehen. Und Milo ist konzeptioneller Input-Geber.

MM: Was ist nun der Unterschied zu einer klassischen Podiumsdiskussion? Denn es gibt doch ein Podium und ein Publikum, das mit diesem in Diskussion treten soll.

Misik: Tatsächlich ist es von der Konstruktion her so, es hat aber auch theatralische Elemente. Es gibt einen Eingangsblock, in dem Schauspieler mit Texten die Thematiken aufreißen, der wird „gespielt“. Dann gibt es einen Inputredner/Rednerin, die sollen quasi das Gespräch in Gang bringen – und dann ist im Wesentlichen das Publikum dran. Wichtig ist, dass wir eine Regelhaftigkeit des Sprechens einführen. 

MM: Heißt?

Misik: Damit das Dreschen von Phrasen gar nicht erst aufkommt, damit man keine Aggressionsdiskurse hat wie in einer Talkshow oder im Parlament, wird es einen Coach, einen Mediator geben. Das ist August Ruhs, Wiens oberintellektueller Psychoanalytiker … 

MM: Also gleich die seelische Ebene mitbedacht …

Misik: Natürlich, wobei, ich würd’s gar nicht seelisch nennen, aber jemand der weiß, wie Psychodynamiken funktionieren und wie man sie an mancher Stelle brechen oder irritieren kann, ist für so ein Projekt sicher gut. Alleine der Umstand, dass er da ist und diese Rolle einnimmt, wird die Leute überzeugen, dass er steuernd eingreift. Er ist sozusagen unser Parlamentspräsident. Dann geht es um die Bürger dieser „Agora“, die eingeladen sind, sich vorbereitend einzubringen, alles rund um die Fragestellung: In welchem Land wollen wir leben? Nicht nur jammern, was einem nicht gefällt, sondern eine klare Meinung zur Lage der Nation zu treffen. 

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

MM: Ich bin sehr gespannt, wie das funktionieren wird, denn die Menschen wollen doch eher konsumieren denn agieren. Das betrifft das Theater ebenso, wie die Politik.

Misik: Das werden wir einmal sehen! Es ist ja völlig klar, wie das Format funktioniert, das wird auf der Festwochen- und Schauspielhaus-Webseite, auf meinem Blog misik.at klargemacht. Es wird im Foyer eine kurze Einführung in den Abend geben, sie werden beim Eingang einen kurzen Beipackzettel bekommen, also glaube ich nicht, dass die Leute nur um konsumieren kommen. Es wird sicher ein nicht unwesentlicher Teil des Publikums dabei sein, um zu sprechen. Ich gebe aber zu, jeder der sieben Abende ist eine spontane Installation, bei der man nicht weiß, was rauskommt.

MM: Darüber hinaus gibt es die Gäste.

Misik: Die Gäste sind so etwas wie die Helfer dieses Diskurses, sie sollen Wissen vermitteln, wenn die Diskussion in eine Richtung geht, wo man eine prononcierte Meinung braucht, um das Gespräch nicht ins Ungefähre abdriften zu lassen.

 MM: Sie haben jeden Abend andere Gäste. Um wen haben Sie sehr gerungen, dass er kommt und spricht?

Misik: Ich ringe um jeden. Jeder und jede einzelne sind mir wichtig. Philipp Blom, Katia Wagner, Melisa Erkurt, Hans Rauscher, Claudia Gamon, Ulrike Guerot, Johannes Kopf, Ingrid Felipe um nur einige zu nennen. Der Stefan Petzner wird an jedem Abend teilnehmen und das Geschehen aus der Perspektive des professionellen Politikberaters kommentieren. Ich ringe auch sehr darum, dass wir eine gewisse politische Breite haben, diejenigen, die noch nicht zugesagt haben, sind interessante Politiker der FPÖ, und damit meine ich nicht Gudenus oder Strache, von denen man weiß, was sie sagen, sondern Leute, wie den Welser Bürgermeister oder den Simmeringer Bezirksvorsteher, damit hier jemand mit anderem Standpunkt, aber durchaus ernsthafter Rede an unseren Abend teil nimmt, ansonsten kommen SPÖ-Gewerkschafter, der AMS-Chef Kopf, Politiker vom EU-Abgeordneten bis zum JVP-Mann.

 MM: Ein wenig, denke ich, begeben Sie sich in die Gefahr des politischen Kabaretts. Heißt: Wir unten und ihr oben sind eh einer Meinung, und der FPÖ muss klar sein, dass sie „Feindesland“ betritt.

Misik: Das ist eine große Herausforderung, das ist wahr. Wir wollen nicht nur mit der „linksliberalen Kunstblase“ diskutieren, wir wollen Menschen aus verschiedenen Milieus, wir haben auch einige Schulklassen, und junge Leute werden wohl auch anders agieren, als routinierte, innerstädtische Theatergeher mittleren Alters – gegen die ich bitte auch nichts habe, auch die mögen alle kommen! Ich will hier niemanden ausladen! Aber weil Sie das Wort „Feindesland“ benutzen: Ich will eigentlich, dass keiner meiner Gäste das Gefühl hat, Feindesland zu betreten. Das wäre ja einem Gespräch, wie wir es gerne hätten, total abträglich.

 MM: Nun ist „Agora“ das Format zur Stunde. Denn gerade bricht innenpolitisch Diverses um und weg. Wie beurteilen Sie die Ereignisse?

Misik: Alles ist im Fluss. Ehrlich gesagt, der Umstand, dass die Regierung zerbrochen ist und wir mitten in einem Wahlkampf sind, macht mir keine große Freude. Denn es besteht die Gefahr, dass alle Leute aus dieser Perspektive sprechen. Ich will nicht, dass unsere „Agora“ in eine Wahlkampfenergie hineingezogen wird, wo’s eigentlich einmal ums ruhige Sprechen und Austauschen ginge. Aber gut, schauen wir, wie sich das entfaltet. Vielleicht gibt die Situation unseren Veranstaltungen ja eine Dringlichkeit, weil ja doch die Möglichkeit besteht, dass sich dieses Land im Herbst eine konservativ-rechtspopulistische Regierung kriegt, die das Land ein bisschen in das Fahrwasser Orban-light führt. Da habe ich schon ganz klar die Haltung: Das muss man verhindern. Wir müssen die offene Gesellschaft gegen diese Politik verteidigen. Das ist aber meine Meinung, die ich bei „Agora“, wo ich ein relativ neutraler Gesprächsführer sein möchte, hintanhalten werde.

Bild: pixabay.com

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MM: „Agora“ ist eine Art Demokratieermächtigung. Ist es nicht das, was sein sollte, braucht es dafür ein Bühnenformat?

Misik: Umgekehrt muss man die Frage stellen. Gerade daran, dass es keine zufriedenstellende Demokratieermächtigung gibt, dass die Leute das Gefühl haben, sie kämen ohnedies nicht zu Wort, ihre Stimme am Wahltag wäre verschwendet, sie könnten keinen Einfluss nehmen, oder wie auch immer diese Haltungen sind, gerade deswegen ist eine experimentelle Form, es zu erproben, zu zeigen, dass wir es können, vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Es ersetzt natürlich keine Demokratie. Es kann nicht der Theaterraum etwas bewirken, das in der gesamten Gesellschaft funktionieren soll. Aber, wenn wir gut rechnen, haben am Ende der Festwochen 1500 Menschen unsere Erfahrung mitgemacht. 

MM: Dieses Erlebnis: Ich habe eine Stimme?

Misik: Ja.

MM: Sie haben zuletzt mit und über Bundeskanzler Christian Kern ein Buch gemacht. Was erfährt man da?

Misik: Es ist ein politisches Porträt, keine Biografie. Das hätte ich auch übertrieben gefunden, denn er ist 50 und war nicht 30 Jahre im Widerstand oder im Exil. Wir zeichnen auf: Wo kommt er her, wie ist er geprägt? Wie war das als Arbeiterkind in Simmering? Wie hat er seinen Aufstieg geschafft? Wie ist er politisch sozialisiert worden? Und all dieses. Christian Kern hat ja, was die wenigsten wissen, in Simmering die Alternative Liste mitbegründet, das heißt er war Teil der Grünen-Gründung. Erst Günther Nenning hat ihn für die Sozialdemokratie zurückgewonnen. Ich bin sehr nah dran an all diesen Geschichten, durfte dabei sein, wo sich normalerweise für Journalisten die Türen schließen …

MM: Dann erzählen Sie mir doch etwas Atmosphärisches? Ich habe das Gefühl, Christian Kern ist aus Teflon.

Misik: Das kann man nicht sagen. Er ist ein sehr kontrollierter Mensch, aber auch sehr amüsant und selbstkritisch. Man kann mit ihm gut lachen. Ich war mit dabei, bei seiner Plan-A-Rede in Wels, und alle haben seine „Inszenierung“ bewundert, aber er hing nur müde im Sessel, lachte und sagte: Ich bin nur froh, dass ich das überlebt habe. Ich habe diese Bühne gesehen und mir gedacht, wie soll ich das machen? In solchen Momenten sieht man den Menschen hinter dem Staatsmann. Er macht gerne Witzchen und lächelt dabei charmant. Wir kennen einander seit 30 Jahren – und ich kann nur sagen: fast bubenhaft selbstironisch, (er denkt kurz nach) ja, so ist er. 

MM: Eine Frage, die mich selber umtreibt, die im Wahlkampf – wir kennen die Positionen – mutmaßlich eine Rolle spielen wird, vielleicht auch in den „Agora“-Diskussion: Wie tolerant muss gegenüber der Intoleranz sein?

Misik: Das kommt darauf an, welche Form der Intoleranz es ist. Eine, die tatsächlich anderen ein Leben aufzwingen will, das sie nicht leben wollen, da kann man überhaupt nicht tolerant sein. Wenn man sich aber die Frage stellt, wie organisiert man Gesellschaften, wie können wir sie zum Positiven entwickeln, auch wenn es regressive Haltungen gibt, da wird’s komplizierter, da braucht es biegsamere Verhaltensweisen. Es ist auch eine paternalistische Haltung zu sagen, ich bin so g’scheit und du bist so blöd, und diese Einstellung gewöhne ich dir jetzt ab. Es ist nicht so verlockend, Leute von ihren Ideen abzubringen, indem ich sie ihnen verbiete, und ihnen als Muss meine eigenen aufzwinge. Es wäre sehr viel besser, es mit den Verlockungen des besseren Arguments zu schaffen. Und: Man kann Kontrapositionen auch verhindern, indem man signalisiert: Du bist hier total akzeptiert!

Bild: pixabay.com

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MM: Wie groß ist es für jemanden wie Sie, die Versuchung, Überzeugungsarbeit zu leisten?

Misik: Da muss ich trennen. Mit „Agora“ gar nicht, hier will ich zeigen, dass Menschen unterschiedlicher Positionen ins Gespräch kommen können. Das schließt schon einmal aus, dass ich meine Grundhaltung in den Vordergrund dränge. Grundsätzlich, täglichen im Leben, will ich die Menschen natürlich von dem überzeugen, was ich für richtig halte.

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Wien, 22. 5. 2017