Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Lentos – Tatiana Lecomte: Anschluss

Oktober 18, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichtsbefragung aus Linzer Fotoarchiven

Synagogen-Brand, 10. November 1938. Bild: Franz Mittermayr, Diözesanarchiv Linz

Ab 19. Oktober beschäftigt sich das Lentos in der Schau „Tatiana Lecomte: Anschluss“ mit der medialen Darstellung geschichtlicher Ereignisse. Die Künstlerin kombiniert in der Ausstellung das Medium Film mit eigenem und historischem Fotomaterial. Lecomte forschte für die Ausstellung  in Linzer Fotoarchiven. Ihr Interesse liegt bei Bildern, die üblicherweise verwendet wurden, um die kollektive Erinnerung an die Vergangenheit aufrecht zu erhalten.

Sie nähert sich dem Material mit der Absicht, überlieferte Festschreibungen von Bedeutungen zu hinterfragen. Lecomte arbeitet mit verschiedenen Stilmitteln der Verfremdung, um im kollektiven Gedächtnis umzurühren. Durch ihr Montageprinzip aus Alt und Neu werden die krassen Zusammenhänge verschärft, die die nationalsozialistisch geprägte Bildästhetik der überlieferten Fotos hinterfragen.

Der Fokus von Lecomtes Suche kreiste um das Jahr 1938 – das Jahr, in dem der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte. In  einem der Archive fand sie Fotos vom Aphroditetempel am Linzer Bauernberg.

Lecomte kontrastierte diese mit dem ungeschönten Bild einer alternden Frau. Auf einer anderen Tafel wird der Brand der Linzer Synagoge am 10. November 1938 Herbert Bayers „Aspen Trees – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gegenübergestellt. Eine weitere Tafel zeigt den Prunk und Pomp von Hitlers Zimmer im ehemaligen Hotel Weinzinger. Der „Führer“ bewohnte es, als er in Linz den „Anschluss“ verkündete. Eine reproduzierte Zeichnung eines KZ-Häftlings vermittelt im Gegensatz dazu einen vagen Eindruck, wie diese im Konzentrationslager Mauthausen untergebracht waren. Die Abbildung der „Todesstiege“ hängt unter dem Foto, das nationalsozialistische Propaganda im Stiegenhaus eines Linzer Altstadthauses zeigt. Von den historischen Fotos der Häftlinge aus Mauthausen zeigt Lecomte lediglich die Rückseiten. Sie entzieht sie dem voyeuristischen Blick. Zu sehen ist allerdings ihr eigenes von der zynisch so genannten „Fallschirmspringerwand“, von der Häftlinge in den Tod gestoßen wurden.

Tatiana Lecomte: Ein mörderischer Lärm, 2015. © Bildrecht, Wien 2018

Tatiana Lecomte: Fallschirmspringerwand 1, 2005. © Bildrecht, Wien 2018

In Lecomtes Film „Ein mörderischer Lärm“ aus dem Jahr 2015 berichtet Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin über seine Zwangsarbeit im Konzentrationslager Gusen, wo er beim Bau des unterirdischen Flugzeugwerks „B8 Bergkristall“ als Elektriker eingesetzt war. Dabei steht die Stille der heute zugänglichen Anlage dem unerträglichen Lärm gegenüber, von dem Überlebende berichten. Tatiana Lecomte macht sich auf die Suche nach dem Lärm. Boijentin trifft im Film auf den Geräuschemacher Julien Baissat.

Die Künstlerin nähert sich den politischen Ereignissen des Jahres 1938 aus mehreren Perspektiven. Nicht nur Oberösterreich war Gegenstand der Recherchen. Manche Fotografien schoss sie auch im ehemaligen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass und im ehemaligen Internierungslager in Gurs. In diesem südwestfranzösischen Lager war die jüdische Philosophin Hannah Arendt im Mai 1940 interniert.

www.lentos.at

18. 10. 2018

Belvedere: Egon Schiele. Wege einer Sammlung

Oktober 18, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Einblicke in Werk und Arbeitsweise des Künstlers

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915. Bild: © Albertina, Wien

Einhundert Jahre nach dem Tod Egon Schieles präsentiert das Belvedere ab 19. Oktober einen der innovativsten Beiträge zum diesjährigen Gedenkjahr. Im Mittelpunkt der Schau „Egon Schiele. Wege einer Sammlung“ steht der hauseigene Schiele-Bestand. Zum einen wird der Fokus auf die Sammlungsgenese gelegt, zum anderen wird die Geschichte hinter den Bildern erzählt. Die Ergebnisse modernster kunsttechnologischer Untersuchungen ermöglichen neue Einblicke in die Arbeitsweise des Künstlers und enthüllen bislang unbekannte Facetten der Entstehung seiner Meisterwerke.

Die Schiele-Sammlung des Belvedere umfasst heute zwanzig Werke, darunter 16 Gemälde. Die Ausstellung geht der Geschichte und den Wegen dieser Werke nach, von der Entstehung im Atelier des Künstlers bis zur Aufnahme in die Sammlung des Belvedere. Ankäufe, Schenkungen, Tauschgeschäfte, Museumreformen oder auch Restitutionen prägen die Wege dieser Bilder.

„Für mich ist es faszinierend zu sehen, welche Rolle ehemalige Direktoren bei der Entstehung dieser herausragenden Sammlung gespielt haben. Zum Beispiel der Weitblick von Franz Martin Haberditzl, der sehr früh Werke von Egon Schiele für die Belvedere-Sammlung kaufte, oder Karl Garzarolli-Thurnlackh, dem wir die meisten Schiele Ankäufe verdanken. Und schließlich Gerbert Frodl, der 2003 das bislang letzte Schiele-Werk unter großen Anstrengungen erworben hat.“ , so Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere, bei der heutigen Pressekonferenz.

Eines der Hauptwerke seiner Sammlung verdankt das Belvedere seinem ehemaligen Direktor Franz Martin Haberditzl, der mit „Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele“ im Jahr 1918 das erste Gemälde Egon Schieles für ein österreichisches Museum erwarb. Er selbst wurde von Schiele ebenfalls gemalt und erstand dieses Porträt 1917 privat. In der Ausstellung sind alle Gemälde zu sehen, die sich jemals im Bestand des Belvedere befunden haben, darunter prominente Leihgaben wie „Bildnis Wally Neuzil“ oder „Kardinal und Nonne (Liebkosung)“ aus dem Leopold Museum, Zeichnungen und Aquarelle aus der Albertina und weitere Arbeiten aus privaten Sammlungen im In- und Ausland, etwa auch einige Vorstudien.

Egon Schiele: Die Frau des Künstlers, Edith Schiele, 1918. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Egon Schiele: Kauerndes Menschenpaar (Die Familie), 1918. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Durch Archivalien – Inventarbücher, Korrespondenzen, Tauschprotokolle und Rechnungen – wird darüber hinaus die seltene Möglichkeit geboten, hinter die Kulissen eines Museums zu blicken. Eine Besonderheit stellen dabei Tauschgeschäfte dar, wie sie über viele Jahrzehnte von den Institutionen durchgeführt wurden. Das „Bildnis Wally Neuzil“ wurde etwa im Tausch gegen das Porträt „Reinerbub“ aus der Sammlung von Rudolf Leopold abgegeben; die „Kauernden Frauen“ und „Kardinal und Nonne (Liebkosung)“ gegen mehrere Kunstwerke, darunter ein Ölbild von Klimt.

Auch die Museumsreform von Hans Tietze und die damit verbundene Abgabe von Papierarbeiten an die Albertina in den frühen 1920er-Jahren veränderten den Gesamtbestand des Belvedere maßgeblich. Erst Anfang der 1990er-Jahre stellte das Belvedere die Tauschgeschäfte ein. Nicht zuletzt sind Sammlungen von Kunstwerken Schieles in öffentlichen Museen und Institutionen vor allem dem Engagement von Privatsammlerinnen und -sammlern und ihren Widmungen zu verdanken.

Um die Sammlungsgeschichte des Belvedere nachzuzeichnen, bespricht Kuratorin Kerstin Jesse detailliert jedes Werk. Sie zeigt Aspekte wie Erwerb, Motiv und porträtierte Person auf und konfrontiert Werke mit verwandten Arbeiten. „Zum ersten Mal beschäftigt sich eine Ausstellung mit der eigenen vielschichtigen Erwerbungshistorie anhand der Werke Egon Schieles. Diese wurden dem Museum geschenkt oder vom Museum angekauft, getauscht, abgegeben und restituiert. Darüber hinaus ist es uns gelungen, viele Details in Schieles Werk neu zu erschließen – sodass wir es wieder ein Stück besser verstehen können“, erklärt Jesse.

In Vorbereitung der Ausstellung wurden umfangreiche maltechnische Forschungsarbeiten durchgeführt. Erstmals wurde der gesamte Schiele-Bestand eines Museums mit digitalem Röntgen, UV-Strahlung, Infrarotreflektografie, Mikroskop- und Makroaufnahmen genau untersucht. Die gezeigten Detailaufnahmen der Gemälde bieten eine ungewohnte wie eindrucksvolle Nahsicht auf Schieles Malerei. So wird deutlich, dass Schiele allen Materialien eine nahezu gleichwertige Bedeutung einräumte. Erst im individuellen Zusammenspiel von Bildträger, Grundierung, Kompositionslinien und Farben entwickelte er das Dargestellte und verlieh seiner Arbeit dadurch ihre charakteristischen Züge.

Eindrucksvoll ist auch die maßstabsgetreue digitale Rekonstruktion der ersten, farbintensiveren Version des Gemäldes „Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele“, das Schiele wahrscheinlich auf Wunsch Haberditzls übermalt hat. Nach mehr als einem Jahrhundert ist das Porträt in Form einer Rekonstruktion annähernd so zu sehen, wie Schiele es ursprünglich ausgeführt hat. Im Rahmen der Ausstellung bringt das Belvedere Augmented Reality zum Einsatz, um einige der Forschungsergebnisse für die Besucherinnen und Besucher digital anschaulich zu machen, dies erneut in Zusammenarbeit mit dem Wiener Start-up Artivive.

www.belvedere.at

18. 10. 2018

Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Viennale 2018: Die Highlights aus dem Programm

Oktober 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eva Sangiorgi sorgt für ein Entdeckerfestival

„Suspiria“ von Luca Guadagnino. Bild: Viennale

Am 25. Oktober beginnt die erste Viennale unter der Leitung von Eva Sangiorgi. Dienstagabend präsentierte die neue Chefin gemeinsam mit Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, und Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchivs Austria, ihr Debütprogramm. Mit Blick darauf lässt sich sagen: Die Viennale bleibt ein breit gestreutes Festival für Filmentdecker.

Bei dem die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm als überholte Kategorisierung von Kunstschaffen aufgegeben wurde. Eröffnet wird mit „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher, für den die italienische Filmemacherin dieses Jahr in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Im Hauptprogramm präsentiert die Viennale Filme, die kürzlich uraufgeführt wurden, wie „High Life“ von Claire Denis, „Doubles Vies“ von Olivier Assayas, „Roma“ von Alfonso Cuarón, „Monrovia, Ind iana“ von Frederick Wiseman, „Ni De Lian“ von Tsai Ming-liang, „Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog, „In Fabric“ von Peter Strickland und „Suspiria“ von Luca Guadagnino. Letzterer bietet zudem die Gelegenheit, auch das Original von Dario Argento aus dem Jahr 1977 wieder einmal zu sehen, in restaurierter 4K-Fassung. Eine interessante Wechselwirkung wird sich wohl auch aus dem Vergleich der beiden von inneren Dämonen heimgesuchten Musikstars in den Biopics „Vox Lux“ von Brady Corbet und „Her Smell“ von Alex Ross Perry ergeben – zwei ebenso unterschiedlichen wie kraftvollen Porträts dieser Lebenswelt.

„Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog. Bild: Viennale

„Doubles Vies“ von Olivier Assayas. Bild: Viennale

„Vox Lux“ von Brady Corbet. Bild: Viennale

„Angelo“ von Markus Schleinzer. Bild: Viennale

„Joy“ von Sudabeh Mortezai. Bild: Viennale

Regisseurinnen und Regisseure aus aller Welt werden ihre Werke vorstellen: Darunter Ivan Salatić, der mit „Ti imaš noć“ ein Generationen übergreifendes, mysteriöses Familiendrama gedreht hat, und César Vayssié, dessen „Ne Travaille Pas“ den Geist von 1968 mit künstlerischer Hingabe feiert, indem er filmische Gesten mit tänzerischen Bewegungen in Dialog treten lässt – was auf wunderbare Weise einen Bezug herstellt zu seinem vorangegangenen Film, ebenfalls im Programm: „Ufe“, der das politische Engagement bis auf die Spitze des Aktionismus treibt.

Er stellt dies in einem überraschenden meta-fiktiven Experiment in Verbindung zum militanten Kino der 1970er-Jahre und führt es als Verflechtung künstlerischer Disziplinen fort. Keinesfalls auch sollte man sich „La Flor“ entgehen lassen, einen epischen Film aus Argentinien von 14 Stunden Dauer und das Werk des nicht klassifizierbaren Filmemachers Mariano Llinás, der in dieser großartigen, gleichfalls nicht klassifizierbaren Übung in der Anwendung verschiedener Stile mit Geschick, Rhythmus und Sinn für Humor von einem Filmgenre zum andern übergeht, kurz: eine Hymne auf das Kino und die Frauen.

Unter den österreichischen Filmen bei der Viennale finden sich „Angelo“ von Markus Schleinzer, „Joy“ von Sudabeh Mortezai und „Chaos“ der in Wien ansässigen, syrischen Regisseurin Sara Fattahi. Nils Olger arbeitet in „Eine eiserne Kassette“ anhand seiner Familiengeschichte historische Fragen auf; auch „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ von Stephanus Domanig bezieht sich am Beispiel des hundertjährigen Komponisten, der ins Exil gezwungen wurde und heute in Chicago lebt, auf die Geschichte Österreichs – die im Zwanzigsten Jahrhundert vom Nationalsozialismus überschattet ist und bleiben wird.

Hingegen stellt Christiana Perschon in „Sie ist der andere Blick“ aus nächster Nähe und in Zusammenarbeit mit fünf zeitgenössischen Künstlerinnen deren jeweiligen Werdegang dar. Einer weiteren außergewöhnlichen Frau und Kämpferin ist Houchang Allahyaris Kein-Abschieds-Porträt „Ute Bock Superstar“ gewidmet.

„Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer. Bild: Filmarchiv Austria

„Die gekreuzigt werden“ von Georg Kundert. Bild: Filmarchiv Austria

Anlässlich der vielbeachteten Rekonstruktion und Restaurierung von Hans Karl Breslauers „Die Stadt ohne Juden“ geht das vom Filmarchiv Austria kuratierte Viennale-Spezialprogramm „Surviving Images“ den Spuren jüdischer Kultur und Geschichte im deutschsprachigen Stummfilm nach. Wenige Jahre vor der Shoah wurde jüdisches Leben vitaler und unmittelbarer als je zuvor im Film festgehalten. Vor allem österreichische und deutsche Stummfilme erwiesen sich dabei als eindrucksvolle Medien für die Dokumentation dessen, was bald völlig ausgelöscht werden sollte.

Im Jahr des Republikjubiläums erinnert diese Filmschau an jüdische Lebenswelten, die nur in Filmbildern überlebt haben. Acht der präsentierten zwölf Filme sind neue Restaurierungen, vier von diesen wiederum wurden im Filmarchiv Austria geschaffen. Die Filmschau ergänzt die noch bis Ende des Jahres im Metro Kinokulturhaus laufende Ausstellung „Die Stadt ohne“, die ausgehend von „Die Stadt ohne Juden“ einen Konnex herstellt zwischen dem historischen Hintergrund des Films und dem Antisemitismus und der Xenophobie der Gegenwart.

„Sh! The Octopus“ von William C. McGann. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„The Face Behind the Mask“ von Robert Florey. Bild: Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Unter den Retrospektiven einen besonderen Platz nimmt „The B-Film. Hollywoods Low-Budget-Kino 1935–1959“ ein. Ein einfacher Titel, dessen einfaches Ziel es ist, die Geschichte und das Vermächtnis jener Weise des Low-Budget-Filmemachens zu beleuchten, die innerhalb des Hollywood-Studiosystems erfunden und noch lange danach von so unterschiedlichen Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Seijun Suzuki, Hartmut Bitomsky, Martin Scorsese oder Quentin Tarantino als Ideal angestrebt wurde.

Der B-Film war, wie diese Retrospektive aufzeigt, ein historisch spezifisches Kinogenre, das von den frühen 1930er-Jahren bis zum sogenannten Paramount Decree von 1948 seine Blütezeit erlebte – dank der Einführung von Double Features und der paradoxen Idealvorstellung  des Studiosystems als einer „Art Factory“ mit dem damit einhergehenden hohen Ansehen. Mit dem B-Film wurde eine Art von purem Kino geschaffen, in dem man zum einen zu den Varieté- und „Attraktions“-Anfängen des Kinos zurückkehrte, und zum anderen diverse Avantgarde-Strömungen verfolgte – von Surrealismus und Photogénie bis zu sowjetischer Montage.

Während einem dabei unmittelbar Val Lewton und Edgar G. Ulmer in den Sinn kommen, gibt es zahlreiche genauso wichtige Beispiele von außerordentlich innovativen, aber weniger bekannten B-Filmen, die ebenfalls auf dem Programm stehen: von William McGanns bizarrer Krimikomödie „Sh! The Octopus“ aus dem Jahr 1937 bis zu Joseph H. Lewis’ Film noir „So Dark The Night“ von 1946.

www.viennale.at

17. 10. 2018