Bücher über Romy Schneider und von Erni Mangold

September 21, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Romy spielt sich frei / Sagen Sie, was Sie denken

Wie aus „Sissi“ der Weltstar Romy Schneider wurde: Als süße junge Kaiserin „Sissi“ erobert Romy Schneider ein Millionenpublikum. Der große Erfolg ist jedoch nicht alles – sie möchte ihren eigenen Weg gehen, sich lösen vom Mief der deutschen Nachkriegszeit und von der Schauspieltradition der Familie, mit der sie in Gestalt von Mutter Magda Schneider und Grossmutter Rosa Albach-Retty alltäglich konfrontiert ist. Sie stellt Fragen, verurteilt manches scharf und arbeitet sich bis zu ihrem frühen Tod an ihrer Herkunft ab.

Ihre berührende Lebensgeschichte spiegelt so auch die Geschichte der Familie und ihrer starken Frauen wider: Sie erzählt vom Ringen um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit im Theaterund Filmgeschäft, von der Vereinnahmung durch Politik und Medien, von zweifelhaften Verstrickungen und Irrwegen in turbulenter Zeit. Großmutter Rosa und Vater Wolf Albach-Retty, die ehrgeizige Mutter Magda und Romy Schneider – ein packendes Familiendrama zwischen Triumphen und Abgründen.

Über den Autor: Günther Krenn studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und ist Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. Er hat sich bereits in mehreren Büchern mit Romy Schneider, Alain Delon und Karlheinz Böhm beschäftigt und ist daher mit dem vielschichtigen Themenkomplex des Romy-Schneider-Universums eng vertraut. Seine filmhistorischen Bücher wurden zweimal mit dem Willy-Haas-Preis ausgezeichnet, zuletzt erschien 2021 „Serge & Jane. Biographie einer Leidenschaft“.

Molden Verlag, Günther Krenn: „Romy spielt sich frei. Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“, Sachbuch, 304 Seiten. Erscheint am 27. September.

95 Jahre in Lebens-Bildern: Sieben Jahrzehnte auf der Bühne und mit über 90 noch im Filmgeschäft: Erni Mangold hat viel erlebt und viel gesehen. In ihrem Haus im Waldviertel gibt es einen alten Holzschrank, darin bewahrt die Ausnahmekünstlerin alle ihre Fotos auf. In wildem Durcheinander repräsentieren sie das abwechslungsreiche Leben der gefeierten Schauspielerin. Die angeborene Gabe die Wahrheit zu sagen, gelegen oder ungelegen, macht sie so prägend, so witzig und so klar. Zu entdecken gibt es nicht nur Erni Mangolds Jahrhundertleben, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts – Kindheit und Krieg auf dem Land, wilde Jahre mit Helmut Qualtinger, Aufstieg und Ausverkauf als Sexsymbol in einer ausgehungerten Nachkriegsgesellschaft, Theater und Ehe in Hamburg, Schauspielunterricht in Wien, Glück und Auszeit im Waldviertel. Eine Zeitreise mit der grandiosen Schauspiel-Ikone. Mit Gastbeiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schottenberg, Susanne Höhne etc.

Über die Autorin: Erni Mangold. Viele Zeitgenossen erkannten die Unverwechselbarkeit und Qualität ihrer künstlerischen Potenz: Gustaf Gründgens, Rainer Werner Fassbinder, Peter Patzak, Werner Schwab und Xaver Schwarzenberger gehörten dazu. Dieses Buch erzählt von Begegnungen mit Hans Moser, Raoul Aslan, Curd Jürgens, Ernst Waldbrunn, Helmut Qualtinger, O.W. Fischer, Peter Alexander, Heinz Reincke, Elisabeth Flickenschildt, Susi Nicoletti, Romy Schneider sowie Herbert von Karajan, Bruno Kreisky und vielen anderen.

Molden Verlag, Erni Mangold & Doris Priesching: „Sagen Sie, was Sie denken. Mein Leben in Bildern“, Sachbuch, 208 Seiten. Erscheint am 4. Oktober.

www.styriabooks.at/molden

21. 9. 2021

Weltmuseum Wien: Alma M. Karlin. Einsame Weltreise

September 20, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schreibmaschine „Erika“ war ihre einzige Wegbegleiterin

Alma mit Fächer. © NUK

Das Weltmuseum Wien widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung der bewegenden und inspirierenden Lebensgeschichte von Alma Ida Willibalde Maximiliana KarlinDie Autorin, Journalistin, AmateurWissenschaftlerin, Theosophin und Weltreisende verfolgte ihren Lebensweg kompromisslos, vielen Hindernissen zum Trotz und auch unter Einsatz ihres Lebens. Auf sich allein gestellt und, im Gegensatz zu anderen

Weltreisenden dieser Zeit, ohne jegliche finanzielle Unterstützung, machte sie sich im Alter von 30 Jahren auf zu einer Reise, die sie durchgehend acht Jahre lang um die Welt führte und sie regelmäßig an Grenzen stoßen ließ, die sie aber immer wieder überwand. Ihre Reiseberichte machten sie in der Zwischenkriegszeit zu einer der erfolgreichsten Autorinnen in Europa und darüber hinaus. Aufgrund ihrer öffentlich geäußerten Ablehnung des Nationalsozialismus und ihrer Verweigerung dem kommunistischen System gegenüber, wurde ihr allerdings die Möglichkeit genommen, diesen Erfolg fortzusetzen und sie geriet fast gänzlich in Vergessenheit.

1889 kam Alma M. Karlin als einziges Kind deutschsprachiger Eltern slowenischer Herkunft in Celje, damals noch Teil der HabsburgerMonarchie, heute in Slowenien gelegen, auf die Welt. Die Mutter war eine 45jährige Lehrerin, der Vater ein bereits pensionierter 60jähriger Major der ÖsterreichischUngarischen Armee. Das Mädchen wurde mit einem hängenden Augenlid geboren und von der Mutter offen abgelehnt. Das TochterMutterverhältnis blieb konfliktreich während sie zum Vater eine innige Beziehung hatte. Er ermutigte sie durch eine Erziehung, die üblicherweise Buben erhielten, zu Stärke und Selbständigkeit. Als Alma M. Karlin acht Jahre alt war, starb der Vater.

Die Mutter versuchte, sie den gesellschaftlichen Konventionen gemäß umzuerziehen. Das Mädchen entwickelte dadurch eine Schüchternheit und Minderwertigkeitskomplexe, die ihr Beziehungen und Begegnungen mit anderen Menschen ein Leben lang erschwerten. Alma M. Karlin wurde dennoch zu einer mutigen und entschlossenen Jugendlichen, die wissensdurstig und zielorientiert war. Mit 16 Jahren erkannte sie, dass Bildung für sie der einzige Weg sein würde, um zu ökonomischer Unabhängigkeit zu gelangen und sich vom mütterlichen Einfluss und der von nationalen Spannungen zwischen der deutschen und slowenischen Bevölkerung geprägten Enge der Kleinstadt Celje zu befreien.

Mit 18 verließ Alma M. Karlin die Heimat und ging ins „freiwillige Exil“ nach London, wo sie Sprachunterricht gab. Der Einblick in die Kulturen ihrer Schülerinnen und Schüler legte den Grundstein für ihre Sehnsucht, diese fremden Kulturen selbst kennenzulernen. Um dieses Ziel zu erreichen, lernte sie selbst acht Sprachen. Mit Bestnoten legte sie 1914 an der Royal Society of Arts Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab.

Alma und Li Tieguai. © NUK

Li Tieguai. China oder Peru, 19. Jh.

Alma in Yukata Kleid. © NUK

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs fand Alma M. Karlin auf ihrer Flucht nach Norwegen und Schweden das Leitmotiv ihres Lebens: das Schreiben. Nach einem kurzen Aufenthalt in Celje brach Karlin 1919 im Alter von 30 Jahren mit ihrem selbstzusammengestellten 10sprachigen Wörterbuch und ihrer Schreibmaschine Erika im Gepäck zu ihrer Weltreise auf. Sie schlug sich als Sprachlehrerin, Übersetzerin, Journalistin und Reise- schriftstellerin durch, wobei es immer wieder vorkam, dass sie keine Arbeit fand und existenziell gefährdet war.

Geldmangel und fehlende Reisegenehmigungen waren Gründe dafür, dass Alma M. Karlin ihr eigentliches Ziel, Japan, erst auf Umwegen erreichte. So eroberte sie die Welt für sich, wobei ihr zahlreiche negative zwischenmenschliche und durch Krankheiten bedingte lebensbedrohliche Erlebnisse nicht erspart blieben. Über den süd und nordamerikanischen Kontinent gelangte sie schließlich nach Japan, wo sie ein glückliches Jahr mit tiefgreifenden Eindrücken verbrachte. Danach führte sie die Reise weiter nach Asien, auf den australischen Kontinent, in den pazifischen Raum und nach Indien, von wo aus sie 1927 nach Celje zurückkehrte.

Alma M. Karlin lebte bis zu ihrem Tod in ihrer Geburtsstadt, wo sie trotz ihrer Erfolge als Journalistin und Autorin von Romanen und den Reiseberichten auf Ablehnung und Skepsis stieß und, wie sie selbst schreibt, „als ein Kuriosum“ angesehen wurde. Mit ihrer Reisetrilogie, die in Deutschland zwischen 1929 und 1933 publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, erlangte Karlininternationale Bekanntheit. Die Nationalsozialisten, die Slowenien besetzt hatten, verboten ihre Werke allerdings und verhafteten sie, in ihr einen „Feind des Hitlersystems“ sehend. Sie entging der Gestapo, da der sie verhörende Offizier von ihren Reisebüchern begeistert war. 1944 schloss sie sich den Partisanen an, die sie aber ebenfalls überwachten.

Ausstellungsansicht. © NUK

Ausstellungsansicht: Alma in Tapa. © NUK

Almas zehnsprachiges Wörterbuch. Handschriftensammlung der National- und Universitätsbibliothek Ljubljana

Ausstellungsansicht: Auf dem Tisch Almas Reisebegleiterin, die Schreibmaschine „Erika“. © NUK

Aufgrund ihrer Gegnerschaft sowohl den Nationalsozialisten als auch später den Kommunisten gegenüber und ihrer probritischen Haltung überlebte Alma M. Karlin dennoch ihre bereits von den Partisanen geplante Liquidierung. Nach England, wo sie zukünftig leben wollte, gelangte sie aber nie. 1945 wurde sie als deutschsprachige Autorin von jugoslawischer Seite angefeindet und in weiterer Folge vergessen. Völlig verarmt erkrankte Alma M. Karlin an Brustkrebs, dem sie 1950 nach fünfjährigem Kampf erlag.

Für Alma M. Karlin war nichts befriedigender, als durch das Sammeln von Daten, Beobachtungen und Interviews Wissen zu erlangen und dieses zu teilen. Auch wenn ihr Interesse an der lokalen Bevölkerung immer aufrichtig war und man sie als ein Kind ihrer Zeit verstehen muss aus heutiger Sicht könnte ihr Blick auf „Fremde“ problematisch gesehen werden. Die Vielfalt ihrer Sammlung, die sich heute im Regionalmuseum Celje befindet, begründet sich vor allem auf ihre sehr beschränkten finanziellen Mittel.

Diese machten es ihr unmöglich, in der Auswahl an Gegenständen geplant oder systematisch vorzugehen. Stand ihr ausreichend Geld zur Verfügung, kaufte sie Objekte. Einen Großteil ihrer Sammlungsgegenstände erhielt sie allerdings geschenkt, oder sie ergaben sich zufällig. Postkarten, Textilien und selbstangefertigte zoologische und botanische AquarellZeichnungen, die den Verlauf ihrer achtjährigen Weltreise nacherleben lassen, machen den Hauptteil ihrer Sammlung aus.

Das Weltmuseum Wien zeigt in Zusammenarbeit mit dem Regionalmuseum Celje sowohl Alma M. Karlins ethnografische Sammlung als auch ihre Fotografien, die in der Slowenischen  National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana aufbewahrt werden.

www.weltmuseumwien.at

20. 9. 2021

Burgtheater: Zdeněk Adamec

September 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frank Castorfs grausiges Grand Guignol

Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne: Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold und Hanna Hilsdorf. Bild: © Matthias Horn

Nach dem „Faust“ an der Staatsoper und Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47456) schloss Frank Castorf gestern Abend am Burgtheater seinen Wien-Hattrick mit der Inszenierung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ ab. Dass der Autor ein Meister der leisen Zwischentöne ist, der seinen Text demgemäß auch „eine Skizze“ nennt, kränkelte Polter-Geist Castorf nicht eine der 255 Minuten Spieldauer an.

Auf des einen feinnervige Reserviertheit antwortet der andere mit nervösem Rambazamba. Ein wilder Widerspruch der beiden das Schützenswerte im Menschen hochhaltenden Wut-Verwandten, der störrisch-spröde Literaturnobelpreisträger und der sture Bühnenexpressionist, was sich mit Blitz und Theaterdonner höchst erfrischend entlädt. Was sich auf der Bühne ereignet, ist extrem, exzentrisch, exaltiert. „Bitte macht mich nicht zum Narren“, schrieb Zdeněk Adamec als letzten Satz in seinem Abschiedsbrief. Dafür hält Castorf jetzt ein grausiges Grand Guignol ab, dies, weiß der frankophile Frank, nicht nur das gallisch-gallige Pendant zum Kasperl, sondern auch Gattungsbezeichnung für grotesk-triviales Gruseltheater.

Handkes titelgebende Figur ist ein real existiert habender Mensch. Am Abend des 5. März 2003 fuhr der 18-jährige Schüler Adamec mit einem Überlandbus von seiner Heimatgemeinde Humpolec nach Prag, um sich dort auf den Stufen des tschechischen Nationalmuseums auf dem Wenzelsplatz mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Zdeněk ist ein Selbstmörder, der um den historischen Bezug seiner Tat weiß: 1968 verbrannte sich ebendort der Student Jan Palach als „Fackel No.1“ aus Protest gegen die Okkupation durch sowjetische Truppen.

Adamec hingegen adressiert als „Fackel 2003“ die „lieben Bewohner der ganzen Welt“, plädiert für die „totale Demokratie“, ruft auf mit Kriegen, Kapitalismus und Korruption, heißt: sozialen Ungerechtigkeiten, der Umweltzerstörung, der Macht des Geldes Schluss zu machen … Bald ist der Fall vergessen. Bis ihn Peter Handke 2017 in seinem Roman „Die Obstdiebin“ erstmals aufgreift. Adamec ist ihm kein „verstörter Jugendlicher“, wie Vaclav Klaus versuchte, die Selbsttötung kleinzureden, kein von existentiellem Ekel befallener Unzurechnungsfähiger – doch wer dann?

Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Liebling, hältst du mal die Axt? Mavie Hörbiger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Marcel Heuperman. Bild: © Matthias Horn

In seiner bei Suhrkamp erschienenen 71-Seiten-Albtraumballade sucht Handke dies nur bedingt zu ergründen, und Castorf gesteht ihm im Interview – befragt nach Handkes proserbischem Engagement, in Stück schreibt er: „Zeige niemandem deine Heimat!“ – zu, dass ein Dichter andere Tatsächlichkeiten, Ansichten und Ansätze haben dürfe als Otto Normalo. Sieben Spielerinnen und Spieler, Mehmet Ateşçi̇, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger und Florian Teichtmeister, schickt er los auf die Pirsch nach einer Geschichte, sie sind Beobachtende, Erzählende, Gestrandete im Mentalitätskaff Humpolec, Sich-ihren-Teil-von-der-Story-Nehmende – und letztlich per Rollennamen auch sie selbst.

„Eine Inszenierung von Frank ist nie kurz“, bescheidet Franz dem Florian. Gelächter. „Wo bleibt denn die Requisite?“, fragt Marcel besorgt, als der volltrunkenen Marie-Luise der Sprit – eine Plastikkalaschnikow voll Schnaps – ausgeht. „Jetzt müssen wir einmal den roten Faden wieder finden“, fordert Mavie die anderen auf. Denn Kernthema ist, besungen von Georg Danzer: „Die Freiheit“, auch die, sich das Leben zu nehmen, der Kernsatz zu Adamec‘ medialem Verschwinden: „Es scheint, als würde es nur um Aktualität gehen und hinter der Aktualität keine Welt.“ Ihrer auf Spekulationen und Mutmaßungen basierenden Aufführung des Ewig-Unbegreifbaren misstrauen sie selbst: „Woher weißt du das?“ fragen sie einander immer wieder skeptisch.

Auf die Drehbühne hat Castorfs Longtime Companion Aleksandar Denić, die mal königlichen, mal klobigen Kostüme sind von Adriana Braga Peretzki, Handkes „Feierabendleuten“ diverse Spielorte gestellt. Unorte an der städtischen Peripherie, eine Autobushaltestelle, eine grün gestrichene Baracke mit Hinterhof-Ausschank und Außendusche, eine Deponie voller Benzinfässer. Darüber große Werbetafeln für bosnische und serbische Zigaretten, wo viel Rauch, da auch viel Feuer, und Handke erinnert in seinem Text an die großen Leuchtreklamen internationaler Konzerne am Wenzelsplatz, die den jungen Mann im letzten Augenblick darin bestärkten, das ihm richtig erscheinende zu tun.

Florian Teichtmeister, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet mit den Scherenhänden: Florian Teichtmeister und Mehmet Ateşçi. Bild: © Matthias Horn

Im Chaos gleich einem klassischen Calderón-Helden: Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Bude zerlegt: Hilsdorf, Hörbiger, Stockinger, Heuperman, Teichtmeister, Ateşçi und Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Castorf setzt darüber als ohnmächtige Verhöhnung des unantastbaren Systems ein riesiges Billboard: „Let’s Start Burning“, womit die in Flammen stehende Sportlerin allerdings die Fettverbrennung beim Workout meint. Trostlosigkeit also in Humpolec, auf der Leinwand das „berühmte“ Autocrossrennen des Ortes samt ohrenbetäubendem Heavy Metal, jede verständliche Bemerkung die eine oder einer macht, kommentieren, relativieren die anderen als „… oder auch nicht!“-Chor. Ein derartiges Textkaleidoskop über die Rampe zu bringen, gelingt nur mit einem großartigen Ensemble wie diesem.

Hanna Hilsdorf etwa, die Castorf von der Volksbühne mitgebracht hat, worüber sie auch ein reminiszentes Tränlein vergießen darf, Castorf, der Feminist anorektischer Frauenfiguren, der den Damen hier inhaltlich mehr zu spielen gibt, als den Herren. Nach der Pause gesellt sich zum lakonisch vorgetragenen Nonsens-Hintersinn eine häppchenweise Adamec-Abhandlung, Mavie gebiert unter Schmerzen das Baby Zdeněk, das als Spielzeugpuppe gespenstisch auf und davon krabbelt, Franz macht sich zum Alter Ego punkto der Angelegenheit „sich selbst abzuschaffen“, schön und gut, dass Castorf Handkes Hang zum Pathos plattgemacht hat, doch er tut’s an dieser Stelle auch mit dem Performer.

Ziehen doch die rätselhaften Bilder einer Postapokalypse aus Jan Schmidts tschechischem 1967er-Schwarzweiß-Spielfilm „Ende August im Hotel Ozon“ die Aufmerksamkeit auf sich. Ansonsten ist Castorf um Ideen nie verlegen. Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne. Im Inneren des grünen Häuschens, Wohnküche und Stockbetten-Schlafzimmer, und für seine Begriffe setzt Castorf Andreas Deinerts Live-Kameras diesmal relativ spät ein, kocht Florian ein Karottensüppchen, das ihm Mehmet mit den Scheren- händen später, da ersterer auf der Toilette sitzt, über den Unterleib kippt. Auch dies wohl eine Art Metapher fürs Brennen, wie Castorf überhaupt einmal mehr klar macht, woraus der Mensch besteht: Blut und Scheiße.

Marie-Luise Stockinger und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Hilsdorf und Hörbiger, auf der Leinwand: Pätzold und Heuperman. Bild: © M. Horn

Ebenfalls ungewöhnlich für den Godfather des deutschsprachigen Diskurstheaters ist der sparsame Einsatz von Fremdtexten. Castorf unterfüttert Handke mit Handke, ein wenig Céline kommt vor, Schillers ästhetische Briefe, das Darker Manifest, Adam Smiths „mitten im Schoße der Gefühligkeit hat der Egoismus sein Sein begründet“. Ivo Robic singt „Morgen“, Hans Albers „La Paloma“ und Karel Gott „… oder auch nicht“ die Modřanská Polka „Škoda lásky“ aka „Rosamunde“. Am Ende erklingt das ursprünglich russische Arbeiterlied, später NSDAP-Propagandalied, früher und später der Hit der sozialistischen Bewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, verfasst 1895 von Leonid Petrowitsch Radin im Moskauer Taganka-Gefängnis. Dies für alle, die sich nach der Beschaffenheit des Castorf’schen Humors fragen.

Und apropos, Ende: Es gibt jede Menge schöner Schlussbilder. Pätzold spielt das nunmehrige Chaos allüberall wie einen Klassiker. „Das Leben ein Traum“, hänselt ihn darob Heuperman (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41295). Auf ein Leintuch schreibt die Hörbiger wie einen Demoslogan auf Tschechisch „Bitte mach‘ mich nicht verrückt“ – und wird anschließend mit dem Rest des Ensembles im Regen stehen gelassen. Ein Video zeigt das reale Humpolec von heute als nettes Provinz-Städtchen, doch Mehmet Ateşçi̇ reagiert hysterisch schreiend: „Neiiiin!! Ich will nicht aufhören! Ich spiele weiter!“ Ein Lacher angesichts von Castorfs Endlos-Arbeiten, aber auch ein Appell ans Niemals-Vergessen. Dazu skandiert das Ensemble gemeinsam den Zungenbrecher „strc prst skrz krk“/Steck deinen Finger in den Hals.

Fazit: Grandseigneur Frank Castorf, früher standfest in Buh-Orkanen, nun im elegant-dunklen Anzug von Bravorufen begleiteten Applaus entgegennehmend, entfesselt ein Ensemble wie kein zweiter. Wie sie alle x-e Male die Masken wechseln, ihre Haltungen und Tics, das ist großes Kino. Am Burgtheater scheint sich dafür bereits eine Stammcrew herauszukristallisieren, samt Florian Teichtmeister, den man selten so brillant expressiv gesehen hat wie hier. Und weil eingangs vom Gruseltheater die Rede war: Für seine Darstellerinnen und Darsteller wandelte sich der Frank im Jubel gar zum Kuss-Monster. Und was das enthusiasmierte Publikum betrifft: Der Gemeinschaft der Unzufriedenen und nach Veränderung Strebenden gab die Aufführung ganz castorfesk in jedem Augenblick die Wahrnehmung dazuzugehören. Merci beaucoup et plus encore.

www.burgtheater.at           Teaser: www.youtube.com/watch?v=zAb-FXICTGw          Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=7w76t1xcjM8

  1. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Die Stadt der Blinden

September 18, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pandemie als Metapher für Entmenschlichung

Bei Soldaten in Schutzanzügen: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Roman Schmelzer, Martina Ebm, Alexandra Krismer, Marlene Hauser und Raphael von Bargen. Bild: © Moritz Schell

Die Ampel steht auf Rot. Nein, nicht die Bundesländerwarnung für Salzburg, sondern jene auf der Bühne der Josefstadt, und dennoch hat das Lichtsignal beide Male mit Pandemie zu tun. Autor Thomas Jonigk hat des Literaturnobelpreisträgers José Saramago „Die Stadt der Blinden“ für die Josefstadt adaptiert, ein Auftragswerk des Hauses, da Regisseurin Stephanie Mohr ein Stück zur Situation wollte – und entstanden ist so eine

ergreifende und fesselnde, auf die drastische Wirkmacht von Saramagos Metapher für Entmenschlichung konzentrierte Uraufführung. Von einer „Blindheit des Herzens“ spricht der portugiesische Romancier mehrmals, einer mysteriösen Epidemie, die gefährlich ansteckend ist, und wie er es vorgibt, zeigt Mohr eine Gesellschaft in der Menschenrecht, Menschenwürde, Mit-/Menschlichkeit verloren gehen, das Tasten der ihrer Sehkraft beraubten Figuren ist eines nach Orientierung und Ordnung, doch endet’s für sie in Chaos und Gewaltherrschaft. Das ist so gegenwartsbezogen und überstilisiert dystopisch zugleich, dass einem mitunter der Atem stockt.

Mohrs Inszenierung hat diese brüchige Sprödheit, statt Blackouts gibt es „Blendouts“, die ihren Arbeiten oft zu eigen ist. Sie hinterfragt das Augenscheinliche wie die Motivationen des Saramago’schen Personals und zeigt, dies des Schriftstellers universelles Thema, ein milchigweißes, ununterscheidbares Gut und Böse, von beinah jeder Figur auch die Kehrseite der Medaille.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Ensemblestück, das die Namenlosen in ihrer Anonymität belässt, sodass Mehrfachbesetzungen de facto keine Rolle spielen. Jonigk hat für die zehn Darstellerinnen und Darsteller auch chorische Szenen entworfen. Gleich dem der griechischen Tragödie sind sie Berichterstatter, prophetische Beobachter, dann wieder einzelne Involvierte, die ihr Schicksal schildern, während sie es durchleben.

Ungewohnt mag das sein für die Josefstadt, das hier zugunsten einer starken Symbolik auf ausgefeilte Charakterstudien verzichtet wurde, die Protagonistinnen und Protagonisten nehmen stattdessen eine parabelhafte Platzhalterrolle für jede und jeden im Publikum ein. Wobei Jonigk wie Mohr auf erkennbare Sympathien oder Antipathien verzichten, niemals moralisieren, werten, richten, sondern es den Betrachtenden überlassen, sich eine Meinung zu den handelnden Personen zu bilden.

Im Setting von Miriam Busch, das mit sparsamen Mitteln größten Effekt erzielt, die flugs zu wechselnden, zeitgemäßen Kostüme von Nini von Selzam, ist Roman Schmelzer der erste Blinde, der – dies gilt es zu erwähnen – wie alle anderen die schauspielerische Schwerstarbeit, Blindheit zu mimen, mit Bravour meistert. Und während „Patient Null“ noch damit ringt, sich blindlings vom Augenarzt, Ulrich Reinthaller als ebendieser, etwas verschreiben zu lassen, und honi soit, wer da an die Impfdebatte denkt, sind auch schon der Mediziner, Martina Ebm als Frau des ersten Blinden und mit Raphael von Bargen jener sinistre Mann infiziert, der dem Patienten Hilfe anbot, nur um dessen Auto zu stehlen.

Alexander Absenger und Roman Schmelzer. Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Die Mafia: Von Bargen, Absenger und Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Einzig die Frau des Augenarztes, Sandra Cervik, bleibt von der Blindheit verschont, bei Saramago ist die personelle Erzählperspektive bevorzugt die ihre, die alleinig Sehende, die einsame Seherin des Kommenden. Sie beschließt ihren Mann verbotenerweise ins Internierungslager zu begleiten, und schon werden die Verseuchten von Soldaten in Schutzanzügen zwecks Quarantäne zusammengetrieben und in eine frühere Irrenanstalt – ein weißer, von oben herabschwebender Koben – gepfercht.

Auftritt, während für Marlene Hauser, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Peter Scholz der Überlebenskampf ums tägliche Brot beginnt, Julian Valerio Rehrl als Slim-fit-Politiker mit zurückgegeltem Haar, der mit kieksender Stimme und Messias-Gesten von jener Verantwortung pflichtbewusster Bürgerinnen und Bürger, die ihnen der Staat nicht mehr abnehmen wolle, salbadert, vom „Akt der Solidarität gegenüber dem Rest der nationalen Gemeinschaft“, während sich er samt dieser augenscheinlich entsolidarisiert.

Es sind Textzeilen wie diese, auch aus diversen Lautsprechern verlautbarte, die Regierung hätte alles unter Kontrolle, es gebe regelmäßige Meetings mit Fachleuten, weswegen man „zwei Mal in sechs Tagen die Strategie ändert“, kommentiert Scholz staubtrocken, die im Saal zu unterdrückt zynischem Gelächter führen. „Im Reich der Blinden ist der Einäugige König“, raunt der Sitznachbar. Und einem selbst fällt im Zusammenhang mit Politik ein hoffnungsvoller Bibelvers ein: Wenn ein Blinder den anderen führt, fallen beide in die Grube ..

Jonigk hat mit Verve Saramagos Vorliebe für schwarzen Humor und skurril-gaunerische „Schlauberger“ ins Tagesaktuelle befördert, Mohr dazu obwohl abstrakte, dennoch beklemmende Bilder erdacht. Auf Befehlstreue gedrillte Soldaten, die den ersten „Blindgänger“ erschießen, weil der sich auf ihr Terrain verirrt hatte. Opfer, die in verblendetem Zweckoptimismus am Glauben an den „Weitblick“ der Obrigkeit festhalten. Cervik, die um Zusammenhalt bemüht, nicht nur wie alle den Modergeruch wahrnimmt, sondern auch die Leichenberge sieht.

Polonaise des Grauens: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Martina Ebm und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Im schmutzig-weißen Quarantäne-Koben: Sandra Cervik und Marlene Hauser. Bild: © Moritz Schell

Kampf ums tägliche Brot: Krismer, Hauser, von Bargen, Schmelzer, Ebm, Reinthaller und Cervik. Bild: © Moritz Schell

Roman Schmelzer, Ulrich Reinthaller, Marlene Hauser, Sandra Cervik und Martina Ebm. Bild: © Moritz Schell

Zum schmalen Grat des Vorwärtstaumelns kommt der Grad der Verwahrlosung, Unrat und Dreck als lehmige Substanz auf Körpern und Gesichtern, eine von den Capos unter den Insassen gegründete Essensmafia zwingt die Frauen, sich für die Verteilung der Lebensmittel zu prostituieren. In einer Kakophonie der weiblichen Stimmen wird der Missbrauch ausdrucksstark vorgetragen, es genügen die verständlichen Wortfetzen, um sich das Schreckliche vorzustellen.

Die Schweigsame Frau der Krismer stirbt an der Massenvergewaltigung, die Frau des Augenarztes ersticht einen der Täter, sie wird zur rasenden Rächerin, wie die Medea, als die Cervik ebenfalls zu erleben ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47538). Alldieweil und mitten im Inferno versucht von Bargens Figur, sich Hausers Frau mit dunkler Brille sexuell aufzudrängen … Die Hölle, das sind die anderen, um Sartre zu bemühen.

Aus dem eindrücklichen Spiel des Ensembles, das etwa 30 Rollen meistert, darunter großartig komisch Rehrl und von Bargen als Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, schälen sich kürzeste Szenen heraus, die haften bleiben. Scholz als Der Alte, der eine zarte Beziehung zu Hausers Frau mit dunkler Brille entspinnt. Cervik mit von Bargen als Schriftsteller und Saramagos Alter Ego, die über die mit dem Augenlicht schwindende Empathie philosophieren. Von Bargen, der auf der Bühne Sarangi und Posaune spielt. Die Sehende Frau, die zum Schutz der Blinden diese zu einer Polonaise des Grauens arrangiert. Krismer als vom Wahnwitz umzingelte Nachbarin, die sich aufs Fangen und Roh-Verspeisen von Kaninchen/oder sind die Fellbündel Katzen spezialisiert.

„Die Stadt der Blinden“ an der Josefstadt entwirft das Panorama einer Krise, freilich mit den Mitteln der Kunst extremer und exaltierter als die Realität seit eineinhalb Jahren, und doch als Warnung, wohin es führen kann, wenn Wegsehen, Nicht-sehen-Wollen um sich greift und Populismus die Politik ersetzt. Saramagos niedergeschriebenes Gleichnis auf eine Gedankenseuche, für die Bühne übersetzt von Thomas Jonigk und auf diese gebracht von Stephanie Mohr, ist zu lesen als gesellschaftspolitischer Weckruf, sich wieder als Solidargemeinschaft zu erkennen. Dass Cervik schreit: „Gott hat es nicht verdient zu sehen!“, ist das eine, das andere die fortdauernde Niedertracht allüberall.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zMn7W3dDLMY           www.josefstadt.org

BUCHTIPP: Da sich im Programmheft zu „Die Stadt der Blinden“ ein Auszug aus dem „Wuhan Diary“ sowie ein Interview mit Autorin Fang Fang finden, hier die Leseempfehlung / Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41195. Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

17. 9. 2021

Volkstheater: Erniedrigte und Beleidigte

September 16, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Exzellentes Ensemble spielt einen Dostojewski-Exzess

Der genialische Uwe Schmieder spielt einen der drei Wanjas, aber auch den betrogenen, verarmten Gutsbesitzer Ichmenew. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im gegenüberliegenden Café hat man Sorge sowohl ums Volkstheater als auch um sich selbst. Das Stammpublikum bleibe dort ergo auch da aus, und die Jungen, die wüssten das Traditionslokal nicht zu schätzen: „Die stehen lieber mit der Bierdose vorm Haus.“ So beginnt der Abend zur zweiten Herbstpremiere der Intendanz Kay Voges. Mit erschreckend spärlich besetzten Reihen, und dies durchaus unverdient, denn ein exzellentes Ensemble spielt sich die Seele aus dem Leib.

In Sascha Hawemanns Bühnenfassung und Inszenierung von „Erniedrigte und Beleidigte“ – Dostojewskis Roman reloaded. Der ostdeutsch-jugoslawische Regisseur ergänzt den alten Russen um aktuelle Themen. Klimakrise, Diversität, Gleichstellung, davon war vor 160 Jahren noch nicht die Rede, doch wenn Fürst Walkowski und der Schriftsteller Wanja derlei zur Sprache bringen, gelingt Hawemann die Übung dies nicht als aufgesetzt-modernen Fremdkörper stehen zu lassen. Und apropos, Körper: Dostojewskis Personal nennt er „Splittermenschen“, wozu überaus stimmig passt, dass der Iwan Petrowitsch aka Wanja von den drei Darstellern Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder gestaltet wird (die beiden letzteren auch großartig in „Die Politiker“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47410).

Als noch überschwänglich junges, revolutionär mittleres und resigniertes altes Ich, die „Erniedrigte und Beleidigte“ eben erst zu Papier bringen, während sich das Bühnengeschehen darob schon entspinnt, Genser darin auch eingesetzt als nicht-die-hellste-Kerze-am-Kronleuchter Fürstensohn Aljoscha, während Schmieder als zweiten Part den, da vom Fürst betrogenen, verarmten, verhärmten Gutsbesitzer Ichmenew gibt. Der Rest ist schnell erzählt: Wanja liebt Ichmenews Tochter Natascha, Friederike Tiefenbacher, Natascha liebt Wanjas besten Freund Aljoscha, kurz lässt Hawemann sie enthusiasmiert von einer Ménage à Trois träumen. Doch der Fürst hat andere Pläne für seinen Adelsspross, nämlich die Heirat mit der vermögenden Gräfin Katja Fjodorowna, Evi Kehrstephan.

Um die Damenriege zu komplettieren, nimmt sich Wanja des Waisenkindes Nelly, Lavinia Nowak, an, eigentlich des Fürsten Tochter und ihre verstorbene Mutter dessen erstes Opfer bei seinem Jagdsport auf reiche Erbinnen. Kapitalistische Gier und Menschenverachtung, Hawemann zeigt sie als zentrale Krankheiten einer Gesellschaft ohne Utopien. Seine Wanjas sind nicht nur auktoriale Erzähler ihrer Geschichte und gleichzeitig Figuren in dieser, Berichterstatter, Bote und Personage, heißt: allwissend und unwissend in einem, sondern auch Alter Egos des Autors Dostojewski. Wie der Schriftsteller Wanja ums psychische wie physische Überleben kämpft, wie der Epilepsie-Kranke an Krampfanfällen leidet, das gemahnt doch sehr an seinen Schöpfer.

Die drei Wanjas Frank Genser, Samouil Stoyanov und Uwe Schmieder mit Friederike Tiefenbacher und Lavinia Nowak Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Der von Liebesqualen angekränkelte Wanja und Fürst Walkowski: Uwe Schmieder und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

● In der ersten Hälfte der 1840er-Jahre stand Dostojewski dem Frühsozialismus nahe, was dem damals 28-Jährigen ein Todesurteil, eine Scheinhinrichtung und schließlich Zuchthaus in Sibirien einbrachte. Vier Jahre verbrachte er in Ketten in Omsk, darauf Jahre im Militärdienst in Semipalatinsk. Erst 1857 erhielt er seine Bürgerrechte wieder. Mit 38 Jahren beginnt Dostojewski seine Arbeit als Seismograph des Zeitgeschehens. Getrieben von Geldnot und um „Erniedrigte und Beleidigte“ veröffentlichen zu können, gründen sein Bruder Michail und er die Monatszeitschrift „Wremja“, in der Dostojewski seinen Roman in Fortsetzungen veröffentlicht. Eine Geschichte voll Daseinsdruck, Lebens- und Liebesdruck in St. Petersburg, der Stadt, die alle auffrisst.

Derart zwischen des Autors Kopfgefängnis und den verheißungsvollen Lichtern der Großstadt wechselt das Bühnenbild von Wolf Gutjahr, mal ein weißer Kubus, in dem lautloser Schnee fällt, mal zwei Riesenleuchtbuchstaben: das kyrillische Я, gesprochen als „ja/ich“ und das ж, erste Letter des Wortes Leben. Das dritte Bühnenobjekt, ein ausgehöhltes Kartonkreuz als mit den Romanseiten tapezierte Wohnstatt, Ikonen-geschmückte Kirche, abgründiger Gulag, zitiert Malewitschs „Schwarzes Kreuz“ aus dem Jahr 1923.

Und so beginnt die Aufführung im Schneeschauer, Schmieder wild um sich schreibend, Genser als Flagellant, Stoyanov, der die Christuspose übt – und abwinkt. Als Schmieder mittendrin zum Gutsbesitzer mutiert, bescheidet er die anderen Wanjas: „Ich bin jetzt der Vater, mach‘ du.“ Andreas Beck zieht vorüber als magerer Smith, dies naturgemäß ein Lacher, Nellys Großvater. Als den ihn Tragikomiker Stoyanov entlarvt, liegend im sich schneller drehenden und Schmieders Schreibtempo beschleunigenden Krankenhausbett. Stoyanov diktiert Schmieder die Zeilen, zu denen er befriedigt feststellt: „Das ist wirklich super.“ Während nebenan Wanja-Genser skurrilsinnig am Feindesnamen in Liebesdingen – Aljoscha – fast erstickt. Ja, das Volkstheater um Kay Voges und seinen Regie-Gästen hat eine expressiv eigene Art zu agieren, doch an dieser Stelle hat man entschieden dies erstmal zu mögen …

Friederike Tiefenbacher als Natascha Nikolajewna und Uwe Schmieder als von der Liebe zu Boden gerungener Wanja. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Im roten Kreuz: Friederike Tiefenbacher, Andreas Beck und Evi Kehrstephan als Gräfin Katja Fjodorowna. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Zum russisch-melancholischen Klavier- und Gitarrensound von Multiinstrumentalist Xell. entwickeln sich die Generationen-/Konflikte parallel, Schmieder gegen Tiefenbacher, Beck gegen Nowak, die Spielerinnen und Spieler oft nur Schatten im gleißenden Gegenlicht, die Konzentration ganz auf die Sprache gerichtet. Intensiv ist die Begegnung zwischen Wanja-Schmieder und Nelly-Nowak, der Engel mit der Erinnerung des Schmerzes und Aljoschas nervös tänzelnder Liebesplatzhalter. Nowak, die mit sexualisierten Gesten für die pädophile Kundschaft Nellys Strumpfhose bis zu den Knöcheln abstreift. Ein Symbol für deren Ausbeutung als Kinderprostituierte, wie Hawemann generell mehr auf symbolhafte Handlungen denn auf fein ziselierte Charakterstudien setzt.

Solcherart sucht er scheint’s das Spezielle ins Universelle fortzuschrauben. Mit subtilem Humor, der tyrannische Patriarch, Achtung: doppelter Wortwert, Beck besucht Opferlamm Natascha im roten Kreuz: „Je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter“; dann wieder plakativem Sarkasmus, Aljoscha zu Wanja: „Pseudoschriftsteller! Du kriegst nicht mal eine Inhaltsangabe hin!“ – und Tschingderassabum. Den Slapstick nicht zu vergessen, wenn die drei Wanjas am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren oder sich ein Klavierkonzert Katjas für Aljoscha zum Orgasmusstück  auswächst, Evi Kehrstephan, eine von vier übernommenen Kräften, die allerdings jetzt erst im Volkstheater so richtig angekommen wirkt.

Friederike Tiefenbacher überzeugt als frühsozialistische Heldin, deren Beispiel Katja dazu bewegt, ihr Erbe fürs Gemeinwohl spenden zu wollen, Andreas Beck als ihr Gegenpol des jovialen Reaktionärs, der seinen Sohn für einen Trottel hält und Wanja vorwirft, sich schriftstellerisch nur für Elend, Revoluzzer und den Rand der Gesellschaft zu interessieren, statt ein Loblied auf Urbanisierung und Industrialisierung zu singen. Alldieweil Schmerzensmann Schmieder als von seinen Figuren heimgesuchter Wanja diese nach und nach entgleiten.

Bei der Bubnowa: Friederike Tiefenbacher mit Lavinia Nowak, Samouil Stoyanov als Wanja und Andreas Beck. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Führt Klage gegen ihre pädophilen Freier: Lavinia Nowak als des Fürsten Fehltritt Nelly und Frank Genser. Bild: © Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Es mag ein Seitenhieb aufs Was-bisher-Geschah sein, wenn er die Meinungsmacher und Verfasser schlechter Kritiken auffordert, den ersten Stein zu werfen, oder die Saalflüchtlinge, die es auch bei dieser Premiere gibt, rügt, erst „für die erste Reihe links“ zu zahlen, nur um sich dann „rechtschaffen“ aufregen zu können. Zitat Dostojewksi: „Diese Erneuerung des Schmerzes und der dadurch erzielte Genuss waren mir verständlich: diesen Genuss bereiten sich viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergetreten sind und sich der Ungerechtigkeit desselben bewusst sind.“

Mit Dostojewskis Reiseskizze „Winterliche Aufzeichnungen von Sommereindrücken“ über seinen Weltausstellungsbesuch des Londoner Kristallpalasts 1862, ihm ein Turm zu Babel und wie eine Prophezeiung aus der Apokalypse, als welche er die nach Westen zu immer stärkere Zusammenballung der Industrie ansieht, die eine Aufhäufung von gewaltigen Reichtümern, aber auch von massenhafter Armut mit Kinderarbeit, Prostitution und Alkoholismus und dazu noch eine hemmungslose Zerstörung der Natur mit sich brachte – heute zu lesen als globale Kapitalismuskritik und jener am Glauben ans unendliche Wirtschaftswachstum, endet das Ganze.

David Bowie singt vom Band „Space Oddity“, man hat bildgewaltige, fieberträumerische Szenen gesehen, ein fabelhaftes Ensemble, das mit Verve durch Hawemanns Matrix aus Begehrlichkeiten, Gewalt und Selbst-/Aufgabe turnt. Einem Storytelling, das etwas Straffung vertragen könnte, in das man sich aber ohne Weiteres auch emotional involvieren darf. Der Applaus des bis zum Schluss verbliebenen Publikums war herzlich. Zugegeben, noch hat Kay Voges‘ Rakete nicht abgehoben, aber die Triebwerke sind schon mal gezündet. „And I’m floating in a most peculiar way / And the stars look very different today …“

www.volkstheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=_zPDiCmq4Pw

  1. 9. 2021