Wiener Festwochen: Три сестры / Drei Schwestern

Mai 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes in Nowosibirsk vergessene Kinder

Bild: Frol Podlesny

Andrej, zwei Schwestern und Anfissa: Ilja Musyko, Irina Kriwonos, Elena Drinewskaja und Darja Jemeljanowa. Bild: Frol Podlesny

Timofej Kuljabin und sein Teatr Krasnyi Fackel aus Nowosibirsk zeigen bei den Wiener Festwochen Tschechows „Drei Schwestern“ in russischer Gebärdensprache. Im Vorfeld erklärte der Intendant und Regisseur, es sei ihm daran gelegen, seine Arbeit mit den „uralten Konventionen der Tschechow-Inszenierungen“ kontrastieren zu lassen.

Der von Schauspielerstimmen quasi bis zum Gehtnichtmehr abgenudelte Text solle via Überzeilen in den Köpfen der Zuschauer neu entstehen – denken statt zuhören sei angesagt. Was nun im Museumsquartier zu sehen ist, ist allerdings keine Neuerfindung des Theaters, nicht einmal eine neue Theaterform, sondern eine ziemlich angestaubte plus eingelernter Gestikulation. Die Inszenierung ist langatmig, langweilig und, was beinah das Schlimmste ist, noch nicht einmal verschmockt.

Für ein Publikum, das den russischen Bildungskanon so oft gesungen hat, dass er ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist, mag das Ganze noch irgendwie eine Möglichkeit sein. Allen anderen würde bei einer Aufführung, die allein aufs Schauen ausgelegt ist, durch das von Kuljabin sogar verordnete Mitlesen des Textes genau dieses genommen. Dabei hat Kuljabin jede Tschechow-Silbe ausinszeniert, mit vier Stunden fünfzehn und drei Pausen sieht man die „Drei Schwestern“ sozusagen in Echtzeit, samt Randfiguren an deren Existenz man sich nicht einmal mehr erinnern konnte, doch geht freilich ohne die Sprache die Lakonie, der Sarkasmus, der Witz der Tschechow’schen Worte verschütt. In Wien wurde diese Saison schon eine Arbeit in Gebärdensprache gezeigt, und die Trainerin, die diese mit den Darstellern einübte, meinte im Gespräch, die Gebärde eigne sich nicht für Zwischentöne, für Stichelei oder Spott, sie sei immer wahrhaftig und nie geschätzig. Das ist in diesem Fall ein Problem, ein großes Problem.

Umso mehr, als es der Nowosibisker Truppe nicht gelingt, Sprache durch Körpersprache zu ersetzen, heißt: das zu gestalten, zu verkörpern, sich einzuverleiben, was zu sagen oder eben auch nicht laut auszusprechen ihnen genommen wurde. Sie hinken im Ausdruck den gebotenen darstellerischen Mitteln hinterher, einzig Denis Frank schaffte es aus dem Kulygin einen Charakter zu formen, zwar den bekannten gutmütig-peinlichen, aber immerhin.  Und auch Andrej Tschernych als Tschebutykin bemüht sich um Konturen. Der Rest ist farblos und mit der Schaffung einer rhythmischen Geräuschkulisse beschäftigt, einer Kakophonie aus Highheels-Gestöckel, Thrillerpfeife, Fingergetrommel und Klappern mit ein paar Schachfiguren. Bilder, die daraus Seelenzustände beschreiben, gibt es zu wenige. Das Schönste ist ein Brummkreisel, ein Geschenk zu Irinas Namenstag, dessen Vibrationen auf dem Tisch der Gesellschaft wie zum Klang einer fremden Welt werden.

Bild: Frol Podlesny

Die Tischgesellschaft unterhält sich in russischer Gebärdensprache. Bild: Frol Podlesny

Bild: Frol Podlesny

Doch einzig Denis Frank als Kulygin gestaltet aus seiner Figur einen Charakter. Bild: Frol Podlesny

Nun sind der Interpretation natürlich Tür und Tor geöffnet, wenn Kuljabin eine Intelligenzija zeigt, die in der kulturellen Dumpfheit der Provinz stumm in der Erstarrung verharrt. Schließlich sollte er ob seiner „Tannhäuser“-Inszenierung vor etwa einem Jahr wegen Gotteslästerung angeklagt werden. Der Metropolit von Nowosibirsk berief sich dabei auf das wegen des Pussy-Riot-Punkgebets verabschiedete Blasphemie-Gesetz. Jetzt zeigt der Theatermacher Theater mundtot gemacht. Einzig Sergej Nowikow als Ferapont hat eine Stimme, der im Original gegenüber allen Beschwerden schwerhörige Amtsdiener, der neue Sowjet-Mensch, dessen Zeit längst gekommen ist und schon wieder kommt. Und doch erschließt sich auch an dieser Logik nicht, warum Natascha nichts zu sagen hat; alles in allem stellt sich die Sinnfrage. Kuljabins „Drei Schwestern“ sind ein Planspiel in einem von Schminktisch bis Standuhr genauestens definierten Puppenhaus, aufs Durchdeklinieren seiner Figuren hat der Regisseur nicht so viel Sorgfalt verwandt. Aber „Verfremdung“ als Selbst-Zweck, die Gebärde eingesetzt als l‘art pour l’art, das ist einfach ein bisschen zu wenig.

Video: www.youtube.com/watch?v=eeqCspD4gv4

www.festwochen.at

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Wien, 29. 5. 2016

Theater zum Fürchten: Wrestling Rita!

Mai 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die blauen Flecken sind nicht nur auf der Seele

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Tino Führer. Bild: Bettina Frenzel

Der Kampf der Geschlechter: „Schiri“ Ronny Hein mit „Rita“ Klara Steinhauser und Tino „The Rock“ Führer. Bild: Bettina Frenzel

Das Publikum johlt und pfeift und tobt, Schauspieler werden gnadenlos ausgebuht oder frenetisch akklamiert. Zu geht’s wie in der Oper zu Franco-Bonisolli-Zeiten, und es ist ja auch die Scala, die Wiener Scala, in der das Theater zum Fürchten seine Version von Claire Luckhams Bühnenringkampf „Wrestling Rita!“ zeigt.

Regisseur Marcus Ganser – von ihm ist auch die Textfassung und die Raumgestaltung – hat das Stück der britischen Dramatikerin an den Heumarkt verlegt, zumindest ist das Idiom, das die Darsteller anklingen lassen, Extrem-Wienerisch. Doch nicht nur punkto Wortwahl wird sich nicht geschont, auch körperlich geht’s zur Sache, muss das Ensemble doch zehn Runden in einem Wrestlingring durchstehen. Zehn Episoden aus Ritas Leben, in denen an Ankle Locks und Backbreakers nicht gespart wird, während die Zuschauer Popcorn und Brezel mampfen.

Und so ist man mittendrin statt nur dabei, wenn Rita „vom klanen Schwammerl zum unschlogbaren Champion“ wird. Mit ihrem Supergriff, der „Venusfliegenfalle“. Vorher muss sie aber, wie bei jedem guten Sportlerdrama üblich, durch ein Tal der Tränen. Sich der Mutter stellen, die sich einen Sohn wünschte, die Hoppa-Reiter-Spiele des Vaters ertragen, die beste Schulfeindin überleben, und schließlich den Mann ihrer Träume als den erkennen, der er ist, ein depperter Mucki-Macho. Das Leben ist ein Ringkampf, aber selbst angezählt muss man immer wieder aufstehen, das ist die Botschaft des Stücks, und: wo die Sitten rau sind, muss man die Regeln eben aushebeln. Luckham hat nicht nur einen Fun-, sondern einen Feminismustext geschrieben, der in den 38 Jahren seiner Existenz bedauerlicherweise nichts an Aktualität eingebüßt hat, der es einem aber mit seiner Kasperl-schlägt-Krokodil-Attitüde nicht leicht macht.

Der Abend ist zu lustig, um abgründig zu sein, und zu brutal, um wirklich Spaß zu machen. Klar ist die gezeigte Gewalt stückimmanent, aber deswegen mitunter trotzdem schwer auszuhalten, und damit’s einem so richtig heiß-kalt runterläuft, wird zwischendurch als Kontrastprogramm in heiteres Hitparadensingen ausgebrochen. Nach der Pause werden alle ausgeknockt, die Rita vorher zu Boden gedrückt haben. Subtilität ist nicht die Stärke des Stücks, seine Dramaturgie ergo übersichtlich. Irgendwie hätte man sich doch gewünscht, dass Rita aus ihrem Emanzipationscatchen in ein neues Leben aufbricht, aber der Inhalt bleibt beim Ehe-Ringen um die Frage, wer abends das Essen kocht, stecken. Vielleicht war es das, was die working class heroes anno X in Liverpool und Manchester sehen wollten, vielleicht hätte man daran ein wenig schrauben können. Rita hat ja diese Sehnsucht nach Weiterbildung, die sich aber irgendwie im Sandsack verläuft …

Das Ensemble geht nicht bis an seine Grenzen, sondern weit darüber hinaus. Es ist mit vollem Körpereinsatz bei der Sache, die blauen Flecken, die ihre Figuren auf der Seele haben, sieht man bei den Darstellern im Laufe der zweistündigen Aufführung an der einen oder anderen Hautstelle wachsen. Gerhard „Humungus“ Hradil, der sehr stolz auf seine Schützlinge am Ring sitzt, hat mit ihnen eine Erste-Klasse-Kampfchoreografie erarbeitet, die laut Show, Schweiß und Schmerzen schreit. Allen voran brilliert Klara Steinhauser als Rita, die sich mit Schmäh und Charme von der ewigen Verliererin zur Gewinnerin mausert. Ihre erste Gegnerin ist „Mama“ Claudia Marold, eine Rockröhre mit Lockenwicklern, die Bonnie Tyler ernsthaft Konkurrenz in Sachen Stimme und – naja – Sexyness macht. Wie sie mit ihrem Kind umgeht, ist allerdings nicht ohne, und auch wenn es so ist, dass niemand seine Erziehung unversehrt verlässt, das ist schon arg. Die Buhs sind ihr dafür sicher, das Publikum wird quasi in die Position des Referees versetzt, weil der Schiedsrichter, Ronny Hein als ziemlich zynisches Springteuferl, Regelverstöße nur ahndet, wenn er sie sehen will.

Claudia Marold, Klara Steinhauser und Ronny Hein: Bild: Bettina Frenzel

Das ist es, was „Mama“ Claudia Marold unter Erziehung versteht. Bild: Bettina Frenzel

Ronny Hein, Klara Steinhauser und Rochus Millauer. Bild: Bettina Frenzel

„Bad Dad“ Rochus Millauer kämpft mit noch härteren Bandagen. Bild: Bettina Frenzel

Doch bald wird mit noch härteren Bandagen gekämpft, die illegalen Handlungen nehmen zu, wozu „Bad Dad“ Rochus Millauer und die „Platin Sabin“ Teresa Renner heftig beitragen. Die Platin Sabin ist schließlich Edel … stahl. Der Schulpsychologe – wieder Hein – macht Ritas Griff nach den Sternen zu einem ins Klo, und grad als einem der Kindesmissbrauch über den Kopf zu wachsen droht, kommt zum Glück Tino Führer, der in Runde fünf für ein paar Lockerungsübungen sorgt. Als Tino the Rock  spielt er einen Wrestling-King, persifliert sich selbst als Hamburger Einefetza, muss sich natürlich Piefke schimpfen lassen, und verschafft nicht nur Rita, sondern der gesamten weiblichen Hälfte im Saal endlich einen Grund um Jubeln. Er lässt erkennen, was er alles in der Hose hat, von Taschentuch bis Blumenstrauß – ein klassisches technisches Liebes-K.o. Der Schauspieler, der als Othello (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16804) seinen Einstand in Wien gab, zeigt sich diesmal von seiner komödiantischen Seite, und auch die gelingt ihm tadellos. Freilich entpuppt sich der Rock als harter Brocken, an dem nicht alles Gold ist, was glänzt. Was die Atmosphäre in der Arena weiter aufheizt …

Am Ende, als alle „Steig‘ eam ins Lebn“-Rufe verklungen sind, und die Bösen allesamt Prügel bezogen haben, siegt – eh kloar – das Herz. TzF-Prinzipal Bruno Max hatte diese Spielzeit als „Zeit für einen Mut-Ausbruch“ angekündigt und diesen Auftrag hat er in vielerlei Hinsicht erfüllt. Seine Schauspieler haben die Gebärdensprache gelernt (für „Sippschaft“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17385), haben ein sechsmonatiges Akrobatik- und Wrestlingtraining absolviert, haben gesungen und getanzt, zum Nachdenken und zum Spaßhaben animiert, und so eine Saison lang bestens unterhalten. Am Stadttheater Mödling folgt nun noch das Blasmusik-Projekt „Brassed Off“, im August im Bunker „Nacht.Stücke“ nach E.T.A. Hoffmann, dann darf man schon wieder gespannt sein, wie’s im Herbst weitergeht.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 28. 5. 2016

Soho in Ottakring: In aller Munde

Mai 27, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Schmackhaftes und schwer Verdauliches über das Essen

Die Designer-Gruppe „mostlikely“ baut mit Publikum eine Küchenskulptur. Bild: ©mostlikely-Chloe Potter

Die Gruppe „mostlikely“ baut mit Publikum eine Küchenskulptur. Bild: ©mostlikely-Chloe Potter

Ab 4. Juni geht es rund um den Sandleitenhof wieder einmal ums Essen. 80 Künstler aus verschiedensten Ländern schaffen 25 Kunstprojekte zum Thema „In aller Munde. Schmackhafte und weniger schmackhafte Details zum Netzwerk Ernährung“, darunter Ausstellungen, Skulpturen zum Mitgestalten, Performances, Stadtspaziergänge, Kochshows, Workshops, „Tischgespräche“ und Screenings. Einige Kostproben aus dem Programm:

In „Sarmak, yok dolma – Gewickelt, nicht gefüllt“ erwartet Gourmets am Eröffnungsabend eine kulturhistorische Kochshow zum Thema „Migration eines typisch österreichischen Gerichts, dem Krautwickler“, von Markus Weber, Laura Herman, Florian Steininger und der Köchin bekannt als Frau Ziii. Die Designer-Gruppe „mostlikely“ mit Mark Neuner und Andreas Lint zieht für zwei Wochen vor und in die Festivalzentrale im alten Kino ein. In einer offenen Werkstatt sind alle eingeladen, an einer – auch ins Gebäude – wachsenden „Küchenskulptur“ mitzubauen. Den Ausgangspunkt der Küchenskulptur bildet ein Tisch, der aus Werkstätte hinaus in den öffentlichen Raum wächst. Auf diesem Weg werden Kochgelegenheiten und Sitzplätze geschaffen und Ideen aus der Nachbarschaft eingebaut. Die Küchenskulptur wird ein Ort der Gastlichkeit sein.

Im „Kahvehane Kongresspark“, einem temporären Kaffeehaus in der ehemaligen Milchtrinkhalle, erforschen Deniz Sözen und der Londoner Bharatnatyam-Künstler Shane Shambhu Herkunft und Migrationsgeschichte des Kaffees. Ein starker und geschmacksintensiver Coffein-Kick und die unterhaltsame Performance eröffnen neue Perspektiven auf ein weltweit konsumiertes Getränk, die vielen Legenden rundum und folgen der Reise des Kaffees von den Ursprüngen bis nach Wien. In einem Projekt der Brunnenpassage wird in Zusammenarbeit mit Flüchtlingen erstmals ein „mobiler Halal Würstelstand“ erprobt, der das kulinarische Angebot traditioneller österreichischer Würstelstände für alle jeden Glaubens erweitert. In einem „Pierogi to go“-Stand zeigen Joanna Zabielska und Daniel Mikolajčák wie Knödel friedlich die Welt erobert haben. In Workshops mit einem internationalen Team fusionieren die Piroggen aus aller Heimat Rezepte.

Im temporären Kaffeehaus "Kahvehane" erforscht Shane Shambhu die Migrationsgeschichte des Kaffees. Bild: © Soezen

Shane Shambhu erforscht die Geschichte des Kaffees. Bild: © Soezen

Im Interspar in der Sandleitengasse ordnen „honey & bunny“ Lebensmittel nach ihrer Nachhaltigkeit. Bild: © honey&bunny

Im Interspar in der Sandleitengasse ordnen „honey & bunny“ Lebensmittel nach ihrer Nachhaltigkeit. Bild: © honey&bunny

„In Memoriam“ von El Seroui wird im alten Kino in Form einer Grabstätte aussterbender Lebensmittelarten – in Konservierungsflüssigkeit, mit Infusionsschläuchen, Temperaturregler und medizintechnischer Überwachung – gedacht. Und unter dem Titel „nachhaltig ORDNEN“ wird der Interspar in der Sandleitengasse bei einer vom Künstler-Duo „honey & bunny“ begleiteten, gemeinschaftlichen Aktion nach Kriterien wie Wasserverbrauch, Transportweg, CO²-Bilanz, Fairness, Arbeitsrecht und Ressourcenverbrauch umsortiert.

www.sohoinottakring.at

Wien, 27. 5. 2016

Brot & Spiele: Cartoons und Karikaturen

Mai 27, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Leben immer schön sportlich nehmen!

Teddy Tietz: Winterolympiade Dakar

Teddy Tietz: Winterolympiade Dakar

Jean La Fleur: Fussball

Jean La Fleur: Fussball

Oliber Ottitsch: Fussball-Fernsehen

Oliver Ottitsch: Fussball-Fernsehen

Erdäpfelchips und Bier und Sport im Fernsehen – mehr braucht Mann nicht zur Seligkeit. 32 Zeichner haben die angewärmten Couchplätze verlassen und ihren gedopten Humor in die Arena geschickt. Dabei entzündet sich ein olympisches Gag-Feuerwerk über alles, was die Welt schon immer über „Brot und Spiele“ wissen wollte: Was tun bei Fußballfieber im Endstadion? Welche Sportarten gab es bei Olympischen Spielen im Mittelalter? Und wie sieht eine Ernährungspyramide für Fernseh-Sportler aus? Dazu gibt’s natürlich allerhand politisch Unkorrektes. Mit Cartoons von Dorthe Landschulz, Elisabeth Semrad, Martin Zak, Michael Holtschulte, Nicolas Mahler, Oliver Ottitsch, Schilling & Blum und vielen anderen.

Holzbaum Verlag: Clemens Ettenauer, Matthias Hütter (Hg.): „Brot & Spiele“, Cartoons & Karikaturen, 96 Seiten.

www.holzbaumverlag.at

Wien, 27. 5. 2016

Albertina: Land und Leute

Mai 27, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Vom UdSSR-Wald auf den US-Parkplatz

Peter Paul Atzwanger: An der Ofenbank, ca. 1936, Albertina, Wien. Bild: © Peter Paul Atzwanger

Peter Paul Atzwanger: An der Ofenbank, ca. 1936, Albertina, Wien. Bild: © Peter Paul Atzwanger

Ob als ästhetisierte Kunstfotografie oder im gesellschaftspolitischen Kontext, ob zur wissenschaftlichen Dokumentation oder als idealisierte Heimatfotografie – Landschaften und ihre Bewohner stehen seit jeher im Fokus der Fotografen. Die zweite Sammlungs- präsentation der Fotosammlung der Albertina, die ab 25. Mai im Haus zu sehen ist, widmet sich daher dem Thema „Land und Leute“.

Mehr als 100 Meisterwerke spannen den Bogen von namhaften Künstlern des 19. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Positionen. So entsteht eine abwechslungsreiche Schau, die „Land und Leute“ auf vielfältige Weise beleuchtet. Ein paar Beispiele: Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Fotografie ein völlig neues Medium, das dokumentarisch eingesetzt wird. Es entstehen sowohl detaillierte Aufnahmen der heimischen Alpen wie die großformatigen Aufnahmen des Großglocknermassivs von Gustav Jägermayer als auch malerische Aufnahmen ferner Länder und ihrer Bewohner wie die Fotografien Japans von Raimund Stillfried von Rathenitz.

Mit der Entstehung des internationalen fotografischen Piktorialismus verschiebt sich um die Jahrhundertwende der Schwerpunkt der Fotografie auf die künstlerische Wiedergabe stimmungsvoller Landschaften. Heinrich Kühn oder Hans Watzek verbinden ein starkes Interesse an fotografischen Techniken mit einem an der zeitgenössischen bildenden Kunst geschulten ästhetischen Anspruch. Ihr Hauptanliegen ist es, die Fotografie zu einem künstlerischen Medium aufzuwerten und der Malerei gleichzustellen. Diese Ambition manifestiert sich in großen Formaten sowie einer raffinierten Farbgebung, die durch komplizierte Techniken wie Gummidruck, Gummigravüre oder Ölumdruck ermöglicht werden.

Anfang der 1930er-Jahre rücken die ländlichen, alpinen Gebiete Österreichs in den Fokus: Das thematische Spektrum der österreichischen Heimatfotografie umfasst idyllische Ansichten von schöner Landschaft, traditioneller bäuerlicher Arbeit und Architektur und Menschen in Tracht. Die idealisierten Bilder von Rudolf Koppitz und Peter Paul Atzwanger sollen der jungen Republik Österreich nach dem Zerfall der Monarchie eine Identität geben und werden zur Zeit des Nationalsozialismus, durch die Ideologie des austrofaschistischen Ständestaats unterstützt, als Propagandamittel eingesetzt.

Boris Mikhailov: Ohne Titel (aus der Serie "In der Dämmerung"), 1993 Albertina, Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Bildrecht, Wien, 2016

Boris Mikhailov: Ohne Titel (aus der Serie „In der Dämmerung“), 1993 Albertina, Dauerleihgabe der Österr. Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Bildrecht, Wien, 2016

Politische Umbrüche, Geschichte und Erinnerung sind Themen von Boris Mikhailovs Serie „In der Dämmerung“. Der Künstler zeigt alltägliche Szenen aus seiner Heimatstadt Charkiw, durch die er die gesellschaftlichen Veränderungen der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einfängt.

Die charakteristische blaue Farbe der Fotos, die er durch Tonung des Negativs erreicht, dient ihm zur Visualisierung seiner subjektiven Erinnerungen an die politische Entrechtung der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges. Die Farbigkeit ist Anspielung auf die sogenannte blaue Stunde nach dem Sonnenuntergang, als der Künstler während des Krieges seine dramatische Evakuierung in den Ural erlebte. Aus der Sowjetzeit haben sich Mikhailov zufolge – auch aus Gründen der Zensur – nur wenige Fotografien von der Ukraine erhalten, weshalb der Künstler den scheinbar „alten“ Charakter der Fotos als Ersatz einbringt.

Joel Sternfeld: Rastplatz im Red Rock State Park, Gallup, New Mexico, September 1982, Abzug 2010 Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Joel Sternfeld; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York

Joel Sternfeld: Rastplatz im Red Rock State Park, Gallup, New Mexico, September 1982, Abzug 2010 Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Joel Sternfeld; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York

US-amerikanische Fotografen wie Joel Sternfeld, Stephen Shore und William Eggleston erneuern ab den 1960er-Jahren die traditionelle Landschaftsfotografie, die die Natur bis dahin als erhaben und unberührt dargestellt hatte. In der „American Social Landscape“ werden bisher nicht als darstellungswürdig erachtete Sujets wie alltägliche, urbane und vom Menschen geprägte Landschaften fotografiert und dadurch soziale und gesellschaftspolitische Themen der Zeit thematisiert.

Im Zuge dessen entwickelt sich ebenfalls die „New Color Photography“, die die Farbe, bis dahin wegen ihrem Einsatz in Werbung und Mode verpönt, als anerkanntes Stilmittel der künstlerischen Fotografie etabliert. In der Werkserie „Wald“ wiederum setzt sich die Künstlerin Jitka Hanzlová mit ihrer eigenen Geschichte auseinander. In der Tschechoslowakei aufgewachsen, flüchtet sie 1982 nach Westdeutschland und studiert Fotografie in Essen. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes 1989 kehrt sie in ihre Heimat zurück und schafft Fotografien, die ihre Erfahrung und Zugehörigkeiten zu zwei Kulturen und unterschiedlichen politischen Systemen thematisieren. Aufgenommen über einen Zeitraum von fünf Jahren in den Wäldern ihrer böhmischen Heimat nahe den Karpaten, untersucht „Wald“, wie Heimat und das räumliche Umfeld die eigene Identität und kulturelle Zugehörigkeit prägen.

www.albertina.at

Wien, 27. 5. 2016