Auf Ediths Spuren – Tracking Edith

März 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wiener Superspionin des KGB

Selbstportrait Edith Tudor-Hart. Bild: © Familie Suschitzky

Ihre Fotografien zeigen hungrige Kinder vor Brotläden, ärmliche Menschen in schmutzigen Hinterhöfen, protestierende „Working Women“ im strömenden Regen … Edith Tudor-Hart war eine der wenigen Frauen, die in den 1930-Jahren fotografierten, und sie war eine von denen, die mehr taten, als nur abzulichten – nämlich die Kamera zum gesellschaftspolitischen Gewissen zu machen. Ein Film, „Auf Ediths Spuren – Tracking Edith“, von ihrem Großneffen Peter Stephan Jungk und ab 31. März in den heimischen Kimos zu sehen, beleuchtet nun das Leben dieser kontroversiellen Frau. Denn Tudor-Hart war aufgrund ihrer Überzeugungen eine Sowjetagentin.

Sie rekrutierte den Spion des Jahrhunderts, Kim Philby, und half mit, die Cambridge Five, den erfolgreichsten und berühmtesten Spionagering aufzubauen, den die Sowjetunion je beschäftigt hat. 1973 ist die gebürtige Wienerin im englischen Brighton verstorben. Der Film erzählt die mutmaßlich wahre Geschichte der österreichischen KGB-Starspionin, die maßgeblich daran beteiligt war, dass Russland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Atombombe kam. Jungks Doku folgt ihr wie der „Dritte Mann“ – sein erstes Bild ist tatsächlich wie bei Carol Reed das Riesenrad, Jungk erinnert sich aber auch daran, wie er als Kind mit Tante Edith in einer der Gondeln Richtung Himmel schaukelte.

Wo Originalmaterial aufgrund von Geheimhaltung fehlen muss, hilft sich der Regisseur – und dies ist sehr besonders – mit Animationsfilmsequenzen. Bestimmte Ereignisse aus Ediths Leben werden mithilfe knapper, intensiver, schwarz-weißer Szenen illustriert, die im Stil des Film Noir konzipiert sind – zum Beispiel jener Moment, als Edith im Londoner Regent’s Park den berühmt-berüchtigten Philby dem sowjetischen Geheimagenten Arnold Deutsch vorstellt, oder die Verbrennung ihrer Fotonegative, nachdem der englische Geheimdienst MI5 sie Anfang der 1950er-Jahre zum ersten Mal verdächtigte und ihre Wohnung stürmte …

Der Historiker Barry McLoughlin und Filmmacher Peter Stephan Jungk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter und Wolf Suschitzky und Misha Donat. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass Jungk dabei nie dem Leichtsinn verfällt, seine Verwandte anzuprangern, ist auch seinen Gesprächspartnern geschuldet: Ediths Bruder, der Fotograf und Kameramann Wolf Suschitzky, der 2016 im Alter von 104 Jahren verstorben ist, Paul Broda, Sohn des Physikers und Ediths Geliebtem Engelbert Broda, die Schriftstellerin Anna Kim, der Militär- und Geheimdiensthistoriker Nigel West und die Ex-KGB-Mitarbeiter Alexander Vassiliev und Igor Prelin. „Sowohl mein Vater, als auch mein Stiefvater wurden beschuldigt, den Kalten Krieg mitausgelöst zu haben. Aus meiner Sicht ist das besser, als ein heißer Krieg. Wenn sie zu einem Gleichgewicht des Schreckens beigetragen haben sollten, umso besser!“, sagt Paul Broda. Sein Bruder Christian, der sich früh vom Kommunismus losgesagt hatte, wurde in den siebziger Jahren Bruno Kreiskys Justizminister.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

„Die Leute denken immer, Spione gleichen James Bond. Aber in Wahrheit … kann man über Spionage keinen wirklich guten Film machen. Spionage ist langweilig. Oder man muss ein sehr guter Spielfilm-Regisseur sein. Es müsste nämlich ein Film über Beziehungen sein, nicht über Spionage. Alles dreht sich dabei nämlich um zwischenmenschliche Beziehungen.

Zwei Menschen: Der eine will, dass der andere sein Land verrät“, sagt Alexander Vassiliev. Jungk gelingt ein eindringliches Bild eines Lebens, das ihm nicht gefällt. Gleich zu Beginn fragt er die Tante: „Wozu das alles, in das du da hineingeraten bist? Hat es sich gelohnt?“ Und: „Du hast diesem Höllenregime die Treue gehalten, dein Leben lang. Wie konntest du?“

www.trackingedith.com/

www.auf-ediths-spuren.com

Wien, 27. 3. 2017

Volksoper: La Wally

März 26, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Lawine ist Mensch geworden

Auf Strommingers Fest geraten Freund und Feind erstmals aneinander: Vincent Schirrmacher als Giuseppe Hagenbach, Kari Postma als Wally, Kurt Rydl als Stromminger, Bernd Valentin als Vincenzo Gellner und der Volksopern-Chor Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper wird erstmals Alfredo Catalanis „La Wally“ gezeigt, und zumindest was das Musikalische betrifft, ist die Aufführung eine einzige Beglückung. Sowohl die Solisten als auch der wie immer souveräne Chor der Volksoper wurden nach der Premiere mit großem Applaus und vielen Bravi bejubelt, Hausdebütantin Kari Postma für ihre Sangesleistung als Titelheldin gar mit Bravissima-Rufen gefeiert. Dieser Erfolg ist durchaus als Verdienst von Dirigent Marc Piollet zu erachten.

Der das Orchester mit so sensibler wie sicherer Hand in lichte Höhen führte, und mit seiner einfühlsamen Art die Sänger auf diesem Wege folgen ließ. So wie die norwegische Sopranistin mit ihrer tadellosen, stimmgewaltigen Leistung konnten auch die Darsteller der männlichen Protagonisten überzeugen: Vincent Schirrmacher lässt als Hagenbach seinen hellen Tenor erklingen, ihm gelingen Spitzentöne, so klar wie ein Gebirgsbach. Mit jugendlicher Heldenstimme trägt er die lyrischen Momente in Catalanis Musik ebenso gekonnt vor wie ihre dramatischen Höhepunkte. Er korrespondiert gesanglich perfekt mit Postma; die beiden geben ein unwiderstehlich tragisches Liebespaar ab.

Als Dritter in diesem Amour-fou-Bunde ist Bernd Valentin mit seinem schön geführten Bariton ein überzeugender Gellner, the one and only Kurt Rydl brilliert als herrischer Stromminger. Annely Peebo und Elisabeth Schwarz gefallen als Wirtin Afra und Wallys Freund Walter. Und Paradebösewicht Daniel Ohlenschläger überzeugt als Infanterist. Einer Rolle, eingesetzt als allegorische Figur, als spielmachender, todbringender Schicksalsschmied, dem am Ende eine ganz besondere Bedeutung zukommen wird …

Arturo Toscanini und Gustav Mahler gelten als Verehrer von Catalanis 1892 uraufgeführtem Werk. Der Komponist ließ sich von Wilhelmine von Hillerns Roman „Die Geier-Wally“ inspirieren, schuf sein famoses Frauenporträt allerdings unter Verzicht auf den Geier, der eigentlich ein Adler ist, und unter Verzicht auf das von der Autorin vorgesehene Happy End. Dies schien ihm wohl zu wenig operntauglich und so handelt seine Story ausschließlich von der desaströsen Liebesgeschichte. Der tyrannische Gutsherr Stromminger will seine Tochter Wally mit seinem Gutsverwalter Gellner verheiraten. Doch das sturschädelige Mädchen schmachtet heimlich nach dem draufgängerischen Jäger Hagenbach. Als sie, die reiche Tochter aus besserem Bauernhause, die arme Wirtin Afra verspottet, tritt Hagenbach zu deren Ehrenrettung an.

Der Vater unterdrückt seine Tochter: Kurt Rydl und Kari Postma. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gellner wirbt um Wally: Bernd Valentin und Kari Postma … Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… doch die liebt nur Hagenbach: Kari Postma und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wally demütigt Afra: Kari Postma und Annely Peebo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er stiehlt Wally beim Tanz den Kuss, den sie niemals einem Mann geben wollte. Die Brüskierte erbittet von Gellner Hagenbachs Tod, der greift zur Flinte, und zu spät erkennen die Figuren wer hier wen wirklich liebt. Wally flieht in die Berge, Hagenbach aber hat das Attentat überlebt und eilt ihr nach, doch eine Lawine gibt den beiden den Rest. Ein Ende unter Schneemassen, das bühnentauglich und unpeinlich kaum umzusetzen ist … Catalani zeigt einen hartleibigen Menschenschlag, und seine Hauptfigur darunter als die härteste und kratzbürstigste; die Charaktere sind so karstig gezeichnet, wie die Tiroler Berge, die sie umgeben. Die Musik ist mal hochdramatisch, mal lakonisch knapp, mal setzt Catalani mit ihr sarkastische Akzente, mal lässt er sie ganz zart – in allen Augenblicken aber ist sie aufwühlend und vorwärtstreibend. Der Verismo lässt grüßen!

Während nun Marc Piollet diese Vielschichtigkeit am Pult einwandfrei umzusetzen vermag, gelingt Aron Stiehl mit seiner Inszenierung wenig bis gar keine Nuancierung. Der Regisseur störte die Sänger nicht beim Singen, ist dazu ein passendes Bonmot, es heißt aber auch, dass Stiehl, der mit „La Wally“ erstmals eine Arbeit an der Volksoper vorlegt, sein Ensemble darstellerisch sehr allein gelassen hat. Er hat das Personal nicht ausreichend psychologisiert, um die Rollen als individualisierte Charaktere neu zu formen. Da singen sich herausragende Kräfte im Wortsinn die Seele aus dem Leib, aber ihre Figuren bleiben davon völlig ungerührt; man weiß szenisch einfach nichts mit sich anzufangen.

Je nach Temperament retten die Sänger sich in eine Art Schreckstarre, agieren hingegeben an die Hybris der von ihrem Stolz zerfressenen Protagonisten oder irren auf der Bühne plan- und ziellos umher. Manche Momente wirken so hilflos, man weiß nicht, ob lachen oder weinen. Zwar hat Frank Philipp Schlößmann ein abstraktes, geröllgraues, jeder Kitschfalle entgehendes Bühnenbildmassiv erschaffen, das immer wieder überraschende Ein- und Durchblicke in seine klaustrophobischen Räume freigibt, doch eine auf Dauerrotation geschaltete Drehbühne bringt noch keine Bewegung ins Geschehen. Der Einfälle sind also wenige, dafür manche Ideen ziemlich abstrus. Etwa, wenn sich Gellner, nachdem Wally sich ihm ergeben hat, mitten auf dem Dorffest sein Hosentürl aufreißt, sich über das Weib beugt und – Blackout. Das Schlussbild allerdings gelingt Aron Stiehl beeindruckend gut. Denn, apropos: Kitschfalle, der Regisseur hat sich für den Schneetod etwas Spezielles einfallen lassen:

Hinten die Mensch gewordene Schneelawine, vorne der Infanterist: Daniel Ohlenschläger, Kari Postma und Vincent Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auftritt Schirrmachers Hagenbach im weißen Anzug. Er bittet Wally zu sich. „Komm mit mir in ein neues Leben …“ heißen die Zeilen, die Stiehl elegant neu interpretiert. So nämlich, als wäre Hagenbach durch Gellners Schuss doch gestorben und würde nun als quasi Mensch gewordene Lawine die geliebte Wally nachholen wollen. Die streckt ihre Arme dem Infanteristen entgegen, der aber hat ihr Geschick gesiegelt. Und das ist so stark, dass es einen die Schwächen davor milder sehen lässt …

www.volksoper.at

Wien, 26. 3. 2017

TAG: Eugen und Eugen

März 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwillinge, nach der Geburt getrennt

Nicht alles an diesem Abend entschlüsselt sich: Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer als „Eugen und Eugen“. Bild: © Julia Schäfer

Geschichte wird von Siegern geschrieben, sagt Winston Churchill. Falsch, sagen Matthias Breitenbach und Leopold von Verschuer. Es sind vielmehr die Eugens dieser Erde, die dafür verantwortlich sind, wie sich die Geschichte macht. „Eugen und Eugen“ sind ein Zwillingsbrüderpaar, das die beiden Akteure 1997 erfunden haben. Sie selber nennen sich zwei sanfte Elefanten im Porzellanweltladen; die beiden Figuren Loser zu nennen, trifft nämlich den Kern der Sache nicht.

Der doppelte Eugen ist vielmehr ein lebenslang Unfertiger, ein Sehnsüchtler, weil ein Suchender nach der ergänzenden zweiten Hälfte – und wenn ihm beim Zusammenpappversuch etwas zu Bruch geht, tja … Die Schauspieler Von Verschuer und Breitenbach sind für ein zweitägiges Gastspiel ins TAG gekommen. Die Story, die sie im Gepäck haben, ist folgende: Eugen und Eugen, 1932 geboren, abrupt getrennt im Alter von elf Jahren, begegnen einander 2017 in einem verlassenen Fernsehstudio wieder. Weil keiner kommt und sich nichts tut, stellen sie sich die vorbereiteten Fragen des verschollenen Moderators selber. Und so erzählen sie Geschichte durch ihre überbordenden Biografien.

Kindheit während der NS-Zeit, in einem hessischen Dorf, in dem sie die Grundschule nur abwechselnd besuchten, um sich als einer auszugeben; getrennte Irrfahrten durch die Nachkriegszeiten, der eine Richtung Namibia, der andere nach Tibet; Paris und Prag 1968, Panzer beenden den Frühling; die Opernhauskrawalle Zürich 1982; Berlin 1989, Mauerfall samt Schabowskis berühmtem Stammeln „Nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“; Terror in Flugzeugen und brennende Zwillingstürme 2001; Politik, Wirtschaft, Finanzdesaster … was man eben so weitverzweigte Lebenswege nennt.

In den revolutionären Momenten ihrer Reise, sind sie wie absichtslose Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Mit offenem Mund staunen sie in eine Welt, die sich ihnen nie ganz erschließt, denn in der sogenannten Realität sind diese beiden nur zufällig und nur zu Gast. Das Weiche, das Eugen und Eugen verkörpern, das Unvoreingenommene, mit dem sie durch die Situationen stolpern, aber auch das Marginale ihrer Existenz, wirken erstaunlich destabilisierend, ja dekonstruierend auf alles historisch „Feststehende“. Dieses haben Breitenbach und Von Verschuer natürlich akribisch und detailreich recherchiert – um diese Fakten dann Abend für Abend neu zu improvisieren. Sie arbeiten im zweifachen Wortsinn an der Vorstellung.

Die Brüder warten auf den Beginn der Talkshow, doch das TV-Studio wirkt verlassen. Bild: © Julia Schäfer

Brachial Cooking beendet: Die Rieseneierspeis ist fertig, es entfaltet sich Speckrauch Bild: © Julia Schäfer

Die Mittel, derer sie sich dazu bedienen, sind vielfältig. Ganz großartig der nonverbale Nonsens der beiden, aber auch ihre lautmalerischen Dialoge, in denen sie das Wichtigste perfekt auf den Punkt bringen. Sie wissen: keine Satzbildung ohne das sprichwörtliche Missverständnis. Breitenbach und Von Verschuer sind Meister des Absurden, sie verstehen sich darauf besser, als so manches Theater, das sich den Begriff leitmotivisch an die Fahnen heftet, sie sind Clowns, zwei Könige unter den Spaßmachern. Sie sind Tänzer, Akrobaten und offensichtliche Louis de Funès-Verehrer. „Nein!“ – „Doch!“ – „Ooh!“ Vier Kameras halten ihr Spiel fest und übertragen es aus den skurrilsten Perspektiven auf eineinhalb Vidiwalls.

Am Ende des Abends ist Brachial Cooking angesagt. Auf einer Unzahl Campingkochern wird eine Riesenpfanne platziert, in die hinein schlagen die Küchenmagier mehr als nur ein Ei, und das eine oder andere sich auch gegenseitig auf die Stirn. Schließlich geht der Raum in Rauch auf – und der duftet verführerisch nach Eierspeis mit Speck … Nicht alles an dieser Aufführung erschließt sich einem, zugegeben, das Beste ist, sich in die Performance fallen zu lassen, und zwar so unvoreingenommen staunend wie „Eugen und Eugen“. Die luden das Publikum im Anschluss an ihren Auftritt noch zu einem Gespräch bei einem Glas Wien – und zeigten sich auch dabei als sympathische, humorvolle Künstler.

Zu sehen nur noch heute Abend!

Trailer: vimeo.com/208714837

dastag.at

Wien, 25. 3. 2017

Stermann & Grissemann: Gags, Gags, Gags!

März 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pleiten, Pech und quasi Pensionsreife

Die 1165. Ausgabe von „Willkommen Österreich“ im Globe Wien: Stermann und Grissemann gehen auf der Bühne nie die „Gags, Gags, Gags!“ aus. Bild: © Udo Leitner

Etwas Zeit muss man schon aufwenden. Weil, es dauert bis tausend Tassen an den Mann bzw. die Frau gebracht sind. Christoph Maria Grissemann und Dirk Stermann sind diesbezüglich Profis, ORF-geschulte Aus- und ergo am längeren Ast Sitzer. Es wird verlegen gekichert, ist das jetzt das Ende?, der eine oder andere wirft einen verstohlenen Blick auf die Uhr, Zehn vorbei wär’s schon … Die beiden Stoiker auf der Bühne haben ihren Platz in dieser Ordnung erkannt und füllen ihn aus – den Ort, von dem aus sich das Publikum gut bezwingen lässt …

Stermann & Grissemann haben ein neues Programm, das heißt, nein: Mogelpackung. In Wahrheit hieven sie nur die 1165. Folge von „Willkommen Österreich“ auf die Theaterbretter. Diese sind bei der Premiere in Michael Niavaranis Globe Wien, und der Abend, der „Gags, Gags, Gags!“ heißt, könnte ebenso gut den Titel „Pleiten, Pech und quasi Pensionsreife“ tragen. Denn: Everything that possibly can go wrong does go wrong. Aus der Nummer sicher wird ein Auswärtsspiel mit ungeahnten Konsequenzen, die Selbstdemontage des – ja, was? – Komiker-, Conférencier -, Ungustlduos erreicht ungeahnte Dimensionen.

Das liegt vor allem an den illustren Gästen, die – allesamt absagen. Josef Hader sitzt am neuen Berliner Flughafen fest, das kann Jahre dauern, Tobias Morettis Taxifahrer hat sich verfranzt, André Heller hat – no-na – Wichtiges, mehr auf seinem Niveau Befindliches zu tun. Selbst Ina Müller zieht einen Auftritt in Leipzig vor. Und so wurschteln sich die beiden Wurschtl durch den Abend. Mit dem üblichen Durch-den-Kakao-Geziehe von wichtigen Menschen und anderen Kollegen. Großartig die Zuspielung, in der Karim El-Gawhary von einer Frauendemo in Kairo zu berichten versucht, bei der nur Männer durchs Bild marschieren. Oder die „Konkret“-en Backversuche von Claudia Reiterer. Oder Beinah-UHBP Norbert Hofer als Haken einer Kreuzfahrt. Oder ein Innsbrucker FPÖ-Mandatar im englischsprachigen Interview mit einem russischen TV-Sender. Thema: Österreichs Flüchtlingspolitik, aber nie werden wir erfahren, was der Mann mit seinem Entsetzensruf „Stop the Birds!“ meinte … Das ist Realsatire, das ist politisch unkorrekt par excellence. Schön zu sehen, wie sich Stermann & Grissemann bei ihren Pubertätsobszonitäten selber bestens unterhalten.

Ein Russkaja-Bandvideo und eine Backstagekamera illustrieren das Ganze. Mittels Letzterer ist auch Hausherr Nia zu sehen, an’bissen, weil er nur Showgast B ist, beleidigt, weil er sicher nicht die „Zweitbesetzung“ für den Hader gibt. Auf Verstimmung folgt Streit und des behaartesten Persers Österreichs Aufbruch. Und der Abbruch! Regisseurin Angelika beendet den Desaster-Abend wegen Erfolglosigkeit. Und das trotz der beiden Highlights – Grissemann als mit einem Sprachfehler gestrafter Online-Sounddesigner und Stermann beim exzentrisch-exaltierten Schauspielunterricht. Einem Sketch, nicht nur wegen der silly walks, auf Monty-Pythons-Niveau. In diesen Szenen sind die zwei, wie man sie kennt und liebt: skurril und ein bissl unappetitlich.

Schauspielunterricht auf Monty-Python-Niveau. Bild: © Udo Leitner

Und natürlich: Weißweinverkostung. Bild: © Udo Leitner

Stermann & Grissemann, die Karfiolfrisur und der Mann mit der Altersakne, schenken sich nichts. Und sie schenken sich ein. Diesmal chilenischen Weißwein mit komplett grauslicher Expertise eines Entnazifizierungswinzers. Die beiden sehr allein gelassenen Alleinunterhalter brillieren in jeder Rolle. Aber am Schönsten: Nach lärmendem Klamauk folgt diesmal die Stille. Das ist berührend und beinah genial. Am dystopischen Schluss des Abends haben sich die Satiriker zur Ruhe gesetzt und sinnieren aus dem Jahr 2035 rückwärts über diverse Entertainment-Abenteuer.

Dieses Karriereende motiviert auch den Finanzvorschub leistenden Häferlverkauf auf offener Bühne. 9,99 Euro das Stück – ein Schnäppchen. Bücher – für 19,99 Euro. Schließlich kauft sogar Nia ein Buch und wird natürlich ums Wechselgeld g’stoßen … Stermann & Grissemann agieren demokratie- und medienkritisch wirksamer, als so manche diesbezüglich beflissene Theatertruppe. Sie balancieren mit Verve auf dem schmalen Zeitgeistgrat zwischen Selbstverbesserung und Selbsternüchterung, sie hangeln sich von laut lachen zu leise resignieren.

Souverän bewegen sie sich zwischen Beschimpfung, bizarrer Persiflage und Polemik. Berühmte Doppelconferenciers im Himmel, Farkas/Waldbrunn, Laurel & Hardy, Helmut und Qualtinger, stehen Pate. Die Anstrengung hat sich gelohnt, so sie denn je eine war.

Schlaf gut! – Du auch!

Ich liebe dich! – Du auch!

www.stermann-grissemann.at

Wien, 24. 3. 2017

 

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017