Diagonale-Preis für Johannes Krisch

Februar 24, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Burgschauspieler wird für seine Filmarbeit geehrt

Johannes Krisch als „Jack“ in Elisabeth Schrangs Unterweger-Film. Bild: © Thimfilm

Der Große Schauspielpreis der Diagonale geht dieses Jahr an Johannes Krisch.

„Johannes Krisch lotet die Grenzen als Künstler aus und ist bereit, sie zu übertreten – mit Liebe, mit Leidenschaft und mit einer großen Vielfalt an schauspielerischem Können“, so die Begründung der Jury. „Er macht es sich nicht auf gewohntem Terrain bequem, sondern tastet sich in seiner Rollenauswahl in die dunklen Ecken vor.“

Preisverleihung ist bei der Eröffnung des Grazer Filmfestivals am 28. März.

Krisch, 1966 in Wien geboren und gelernter Tischler, wirkte in zahlreichen Filmen mit, etwa „Revanche“, „Freier Fall“, „Die Vaterlosen“ oder in Elisabeth Scharangs großartigem Unterweger-Film „Jack“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14486). Zurzeit ist er in seiner ersten Hollywood-Rolle in Gore Verbinskis Horrorfilm „A Cure For Wellness“ in den heimischen Kinos zu sehen. Seit 1989 ist Krisch Ensemblemitglied des Burgtheaters, wo er aktuell als Titus Feuerfuchs in Nestroys „Der Talisman“ auf der Bühne steht. Nächste Vorstellung ist morgen im Akademietheater.

www.diagonale.at

www.johannes-krisch.com

Wien, 24. 2. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017

Kabarett Simpl: Hypochondria

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MARTIN R. NIEDERAUER

Zauber-Comedy mit Tricky Niki und seinen Puppen

Bild: © by Felicitas Matern

Was haben wir gelacht? Diese Frage wird dem einen oder anderen Premierengast beim Morgenkaffee am Tag nach der Premiere von „Hypochondria“ durch den Kopf gegangen sein. Nur worüber haben wir alle gelacht?

In seinem dritten, abendfüllenden Soloprogramm stellt Tricky Niki seine Bazillen- und Bakterienphobie in den Mittelpunkt und versucht damit einen Bogen zwischen Zauberkunststücken und Bauchredner-Nummern zu spannen – mit einem tiefen Griff in die Mottenkiste. So beschäftigt Tricky Niki das Publikum mit der Frage nach dem Gebrauch von WC-Papier als Knödler, Falter oder gar Wickler, lässt sich mit Stichworten zu gnadenlos stereotyper Improvisationscomedy animieren und wird nicht müde im Minutentakt seine Hände „berührungslos“ mittels gesponsertem Hightech-Gerät in kabarettistischer Unschuld zu waschen.

Um schließlich doch wieder bei der Toilette zu laden: „Was Generationen von Frauen nicht geschafft haben, ist dem Smartphone gelungen. Endlich setzen sich Männer beim Pinkeln hin!“

Zu Höchstform läuft Tricky Niki nur dann auf, wenn er sich seinen wahren Leidenschaften zuwendet: Dem Bauchreden und der Zauberei. Beinahe liebevoll neckt er mit seiner Bauchstimme im Synchroneinsatz vorzugsweise Damen aus dem Publikum, ohne diese Kabarett-Opfer vorzuführen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Seine Kartentricks sind verblüffend, von internationalem Format, laufen jedoch Gefahr über all dem Bazillen-Toiletten-Geschwätz schlichtweg unterzugehen. Am schnellsten lässt sich das Publikum begeistern, wenn der begnadete Bauchredner „seinen“ Emil zum Leben erweckt und selbst zum Opfer seiner markigen Sprüche wird. Dann wird auch Tricky Niki locker, wird zum Comedian in bester deutscher Fernsehtradition und in diesem Moment möchte man ihm sogar erlauben, sich als Entertainer zu bezeichnen.

Weitere Vorstellungen bis 26. Februar im Kabarett Simpl.

www.trickyniki.com

Wien, 23. 2. 2017

Über den Autor:

Martin R. Niederauer, Gastronom, Journalist und Buchautor. Journalistische Stationen im Kurier, Kronenzeitung, Die Presse und Bühne mit den Schwerpunkten Gesellschaftsberichterstattung und Kultur. Gestalter im Format „Seitenblicke“ des ORF. Autor diverser Bücher, zuletzt „Jazz Gitti – Ich hab gelebt“ (Kremayr & Scheriau), Mitglied der Geschäftsführung eines gastronomischen Betriebes in der Wiener Innenstadt.

Albertina: Egon Schiele

Februar 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Werkschau zum 100. Todestag

Egon Schiele: Aktselbstbildnis, 1916. Bild: Albertina, Wien

Als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 zeigt die Albertina bereits ab 22. Februar eine umfassende Ausstellung über Egon Schiele. 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, das sein großes Thema in der existenziellen Einsamkeit des Menschen findet und in drastischem Gegensatz zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft des Fin de Siècle steht.

Während Schiele üblicherweise als Teil der künstlerischen und geistigen Elite der Wiener Jahrhundertwende von Mahler bis Schnitzler, von Freud bis Kraus, von Altenberg bis Hofmannsthal betrachtet wird, folgt die Inszenierung in der Albertina einem anderen Prinzip: Große, im Raum schwebende Fotografien konfrontieren das radikale Œuvre des Künstlers mit der Realität seiner Umwelt. Sie bilden einen Hintergrund, der die Fallhöhe zwischen dieser und dem Schaffen Schieles verdeutlicht.

Egon Schiele ist der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts; im Gegensatz zu Künstlerkollegen wie beispielsweise Klimt, dem Zeichnungen nur als Skizzen für seine Gemälde dienten, betrachtete er seine Arbeit auf Papier immer als eigenständige Kunstwerke. Als kaum Zwanzigjähriger findet er zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil und beschreitet mit diesem neue Wege. Mit sicherer, kräftiger Linienführung erfasst er seinen Bildgegenstand, der meist der menschliche Körper ist. Einerseits charakterisiert er ihn durch treffsichere Konturierung, andererseits verfremdet er ihn durch gewagte Perspektiven und überspitzte Gestik und Mimik. Der Zeichner Schiele ist dem Maler Schiele bald überlegen, er wird in weiterer Folge zum Vorbild einer nachfolgenden Künstlergeneration.

Schieles Darstellungen ausgezehrter Körper zeigen eine damals wie heute radikale Ästhetik des Hässlichen. Er hebt die Gegensätze zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, dem Normalen und dem Pathologischen auf. Seine Protagonistinnen und Protagonisten stehen symbolhaft für die Entfremdung des Menschen von der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche. Sie verkörpern eine Allegorie der Heimatlosigkeit des modernen Individuums – das Ablegen falscher Scham wird dabei als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip.

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911. Bild: Ernst Ploil, Wien

Um einen neuen Zugang zur Entschlüsselung des oft so rätselhaft-allegorischen Werks zu finden, veranschaulicht die Schau in der Albertina die vielfältigen Inspirationsquellen des Künstlers. Erstmals wird eine bisher kaum behandelte Bildgruppe intensiv beleuchtet: Die sogenannten „Allegorischen Werke“. Neue Forschungen haben ergeben, dass Schiele sich in diesen Bildern mit dem Armutsideal von Franz von Assisi und den „Spiritualen“ des 13. Jahrhunderts auseinandersetzt. Die Anhänger dieser Bewegung sollten entbehrungsreiche Armut mit seelsorgerischer Tätigkeit vereinen. Zwischen 1912 und 1918 schuf Egon Schiele eine Reihe von Werken, die Männer in ärmlichem Gewand zeigen, mit pathetischen Titeln wie „Erlösung“, „Andacht“ oder „Die Wahrheit wurde enthüllt“.

Mit der motivischen wie inhaltlichen Anlehnung an das Armutsideal von Franz von Assisi hebt sich der junge Künstler einmal mehr vom Materialismus ab, den die Elite des Wiener Fin de Siècle um Gustav Klimt und die Wiener Werkstätte repräsentiert. Schieles Kunst ist dabei allerdings nicht das Abbild seiner persönlichen Befindlichkeit, sondern erhebt vielmehr einen hohen moralischen Anspruch: Schiele erweist sich nicht nur als Künstler von größtmöglicher Freiheit und ästhetischer Autonomie, sondern zugleich auch als Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität.

Im Kontext von seinen hohen Moralvorstellungen ist auch die berühmte V-Geste, die erstmals in seinem Selbstbildnis mit Pfauenweste zu sehen ist, zu deuten. Das Handzeichen zitiert das berühmte byzantinische Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Konstantinopel. Nicht nur in dieser Geste, auch im Lichtkranz, der den Kopf des Künstlers heiligt, inszeniert sich Egon Schiele performativ als Auserwählter von hohem Rang. Die wirre Frisur und der Blick von oben herab lässt das selbstbewusste Genie erkennen, das der Welt das Heil bringt: ein verweltlichter Christus als Herrscher, ein Künstler als Schöpfer und Messias.

Egon Schiele: Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt, 1917. Bild: Albertina, Wien

Egon Schiele: Weibliches Liebespaar, 1915. Bild: Albertina, Wien

Trotz seines kurzen Lebens von 1890 bis 1918 und einer kaum mehr als zehn Jahre währenden Phase künstlerischen Schaffens hinterlässt der Künstler ein umfangreiches Werk. Es umfasst, seine Skizzenbücher nicht mitgerechnet, über 330 Gemälde und über 2.500 Zeichnungen. Die Albertina besitzt zahlreiche Werke aus jeder Phase des jung verstorbenen Genies.Die hauseigenen Bestände bilden nun den Ausgangspunkt der Ausstellung, die um einzelne, bedeutende Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen und Museen ergänzt wird. So richtet die Schau einen einzigartigen Blick auf die künstlerische Entwicklung Egon Schieles, die sein plötzlicher Tod im Alter von nur 28 Jahren so jäh beenden sollte.

www.albertina.at

Wien, 19. 2. 2017

Theater zum Fürchten: Onkel Wanja

Februar 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wohlstandsbürger zittern um ihre Werte

Onkel Wanja will den Professor am Verkauf des Guts hindern: Dirk Warme und Rainer Friedrichsen. Bild: Bettina Frenzel

Da jammern sie also wieder auf hohem Niveau, pflegen ihren Ennui und warten darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Rüdiger Hentzschel hat inszeniert und dabei alles richtig gemacht. Er versteht den russischen Theatertitanen – wie der sich selbst – als Komödienautor, er versteht es auch aus dessen ewiggültigem Text den Sukkus zu ziehen, der am mehr als hundert Jahre alten Stück gerade heute interessiert.

Hentzschel führt eine Wohlstandsgesellschaft vor, die ob drohender Veränderungen um ihre Werte zittert. Um jeden Preis gilt es, bestehende Standards aufrecht zu erhalten, doch fällt das schwer, hat man sich in der Frage nach Tun oder Nichtstun längst für Zweiteres entschieden. So ist denn auch der Aufbruch ins Neue unmöglich, viel wird geredet, nichts unternommen, und die beste aller Welten ist immer noch die Scheinwelt. In der kann man sich’s ungemütlich einrichten, sich in den Verstrickungen des Lebens verheddern und an der eigenen Existenz laborieren.

Dass diese Seelenqualen für den Betrachter von außen komisches Potenzial haben, hat Hentzschel mit offensichtlichem Genuss auf die Bühne gehoben. Sein Abend ist für die Lach- wie Denkmuskeln gedacht. Dabei hat er auf jeden Schnockes verzichtet und ganz auf die Macht des Wortes vertraut. Im von ihm gestalteten Bühnenraum stapeln sich die Stühle. So unaufgeräumt wirkt das Bild wie die Psyche der Figuren, die Hentzschel mit seinem Ensemble prägnant in Szene setzt. Die Darsteller haben ihre Charaktere fein geschliffen, mit Verve wird aneinander vorbeigeredet, -gelebt und -geliebt. So viel Freude am Spiel überträgt sich freilich aufs Publikum, das am Ende der höchst erfreulichen Aufführung amüsiert applaudierte.

Stieftochter Sonja und ihre neue Mutter Jeléna versöhnen sich: Sonja Kreibich und Selina Ströbele. Bild: Bettina Frenzel

Margot Ganser-Skofic ist eine entzückende alte Kinderfrau Marina. Bild: Bettina Frenzel

„Er plagt sie, ich plag‘ mich selbst“, sagt Wanja an einer Stelle über die Ehe des Professors mit Jeléna – und dieser Satz kann hier für alle gelten. Dirk Warme verleiht der Rolle Profil, sein Onkel Wanja leidet weniger an Lethargie, als am Lebendig-sein-Müssen, leidet weniger daran, dass die Menschheit ihren Ist-Zustand nicht überstehen könnte, als daran, dass vielleicht doch … Und so ist er ein Querulant und Querdenker, der Zustände und Umstände seziert, ein Fleisch gewordener aufbrausender Überdruss. Selten zeigt ein Wanja so viel Temperament wie Warme.

Dieser exzellenten Interpretation steht die von Rainer Doppler als Ástrow in nichts nach. Er legt den Arzt, von dem stets gesagt wird, er wäre Tschechows Identifikationsfigur, als abgeklärten Philosophen an, der überm Menschsein resigniert hat. Ist Wanja der Zynismus, so ist Ástrow der Sarkasmus – und die Ironie an der Sache ist, dass sich beide in die Frau des Professors verlieben. Selina Ströbele stellt diese Jeléna als liebenswerte, aufrechte Person dar, die mit allen gut sein will, und die Aussöhnung mit ihrer Stieftochter Sonja, gespielt von Sonja Kreibich, sucht. Doch eskaliert die Situation vollkommen, als Wanja seine angebetete Jeléna und seinen Freund Ástrow in kompromittierender Pose entdeckt. Dass Sonja ihn liebt, nimmt der hoffnungslos überarbeitete und vom stumpfsinnigen Landleben verbitterte Arzt kaum wahr.

Arzt Ástrow macht bei Jeléna das Rennen, Onkel Wanja muss zuschauen: Selina Ströbele, Rainer Doppler und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Den Professor, der von all dem gar nichts bemerkt, gestaltet Rainer Friedrichsen hart am Thomas-Bernhard’schen. Als solcher bringt er Unruhe ins Landleben, weil er der Verwandtschaft nicht länger beim Zeitvergeuden zusehen, sondern sein teures Stadtleben finanzieren will. Die Familie soll also aus ihrem Heim vertrieben, das Gut verkauft werden. Wie Friedrichsen vom gichtigen Greis zum eiskalten Kalkulator wird, ist großartig, auch, wie er die Lebenslust beschwört und doch Todessehnsucht mitschwingt.

Das fabelhaft agierende Ensemble komplettieren Susanne Altschul als Maria, als vom akademischen Glanz ihres Schwiegersohns geblendete Mutti, und RRemi Brandner als Schnorrer Teljégin. Entzückend ist Margot Ganser-Skofic als alte Kinderfrau Marina. Die große Mimin, die zum Glück wieder Theater spielt, hält zum Schluss, als jeder Lebenssinn und damit endgültig alles verloren scheint, den Schimmer der Hoffnung aufrecht. Gott ist gnädig, weiß die Amme. Zumindest wird er’s im Jenseits sein. Gegen irdischen Kummer hilft derweil ihr altbewährter Lindenblütentee.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 19. 2. 2017