Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

September 23, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein poetischer Politroman über das moderne Indien

Genau 20 Jahre nach ihrem Weltbestseller „Der Gott der kleinen Dinge“, der Geschichte einer Familie, die an einer verbotenen Liebe zerbricht, legt Arundhati Roy ihr neues Buch vor, „Das Ministerium des äußersten Glücks“, auch dieses bereits auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017, und beide Romane Wunderwerke an manchmal brutaler, aber immer bezwingender Poesie, ja, an schriftstellerischer Eleganz.

Es ist der Ton, der einen an dieses Buch bindet, mit Textstellen, wie dieser: „Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben … die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel ,Fuck you‘ zu.“

In den zwei Jahrzehnten zwischen den Büchern ist viel passiert. Roy wurde zu einer der wichtigsten kritischen Stimmen Indiens, die Autorin wurde zur Politaktivistin, angefeindet von den fundamentalen Hindus vor allem wegen ihrer Stellungnahmen zum Kaschmir-Konflikt. Sie fuhr in den Norden, um über das dortige Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerrilleros. Sie zeigte die von staatlichen indischen Stellen tolerierten Pogrome gegen Muslime auf. „Aus der Werkstatt der Demokratie“ heißen Roys Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die auch auf Deutsch erschienen sind.

Und gerade, weil diese Essays immer für ihre poetische Sprache gelobt wurden, ist nun nur logisch zu sagen: „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein politischer Roman. Jedenfalls ein vielstimmiges Werk, ein 560 Seiten langer Abriss der Geschichte des modernen Indiens, ein Gesellschaftspanorama, kein leichter, sondern ein provokanter Lesestoff – eine Schelte auch des Westens, der sich von bunten Bildern blenden lässt, und nicht sehen will, dass die vielbeschworene „größte Demokratie der Welt“ auch ein Folterstaat ist. Ein Land zwischen Kastensystem und Armut, dessen fehlende Frauenrechte immer nur dann ins westliche Auge poppen, wenn wieder einmal Frauen vergewaltigt, verbrannt oder mit Säure übergossen wurden. Auch der große Gandhi kommt bei Roy nicht ungeschoren davon. Schließlich hat er das Kastenwesen als göttergegeben immer befürwortet.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Im „Ministerium des äußersten Glücks“ sind natürlich Kaschmir und der gegen die Muslime geführte Religionskrieg die Hauptthemen. Im SRF-Literaturclub hieß es über den Roman und seine Verfasserin sinngemäß, Roy hätte mit ihrer Globalisierungskritik, ihrer Konsumismuskritik („Jetzt muss man nicht mehr ins Ausland, um einzukaufen. Jetzt gibt es auch hier importierte Dinge. Weißt du, Bombay ist unser New York, Delhi ist unser Washington und Kashmir ist unsere Schweiz.“

Die anderen, die es sich nicht leisten konnten, in der Großstadt zu leben, sollten nicht mehr herkommen, waren aber zu viele, um sie in aller Öffentlichkeit zu töten. Also walzte man ihr notdürftigen Hütten platt mit, „gelben Bulldozern aus Australien“ …), mit ihrem Anprangern des Negativen, das der britische Kolonialismus dem Subkontinent brachte, nach dem europäischen und dem US-Büchermarkt geschielt. Kaum zu glauben. Vielmehr ist es für Leser hierzulande nicht von Nachteil sich in die Geschichte Indiens einzulesen, um Roys Andeutungen, Anekdoten und Aphorismen zu verstehen.

Beispiele: Die RSS ist eine radikal-indische, hierarchisch organisierte Kaderorganisation, laut BBC das größte Freiwilligenkorps der Welt. Die „Safransittiche“ meinen die Banden von Hindu-Nationalisten, die sich gern in die Farbe Safrangelb kleiden. Der militante Führer „Gujarat ka Lalla“ ist Narendra Modi, Indiens amtierender Premierminister, „Aggarwal“ ist Arvind Kejriwal, bereits zum zweiten Mal wiedergewählt als Regierungschef des Unionsterritoriums Delhi. Anna Hazare kommt vor, der indische Bürgerrechtler, der mit seinem Anti-Korruptions-Hungerstreik im Jahr 2011 den „zweiten Freiheitskampf“ ausrief. Das alles findet man im „Ministerium des äußersten Glücks“: die Unruhen im Bundesstaat Gujarat, wo im Jahr 2002 Muslime von Hindu-Mobs ermordet wurden und die Polizei dabei zusah; das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen starben …

Roy fordert von den Lesern Mitarbeit. Sie verwendet unterschiedlichste Stilmittel, Lebensbeichten, polizeiliche Zeugenaussagen, Märchen, Briefe, auch an Tote, und zappzarapp ist man im Kopf eines alkoholsüchigen Inlandsgeheimdienstlers und lauscht dessen Ich-Erzählung. Roy will alles, kann auch alles, überfrachtet, überfordert, auch ihr entgleitet der Roman mitunter, und mit ihrem Humor und ihrer Menschenliebe schreibt sie gegen das Chaos an. Dem der Hirne, dem der Herzen, dem Indiens. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist teils heiter, oft melancholisch, manchmal skurril. Dem Faible ihres Volkes für Hungerstreiks, ebenso wie seinem Hang zum Aberglauben gewinnt Roy durchaus humorige Seiten ab.

Im Mittelpunkt des Handlungswirrwarrs stehen zwei Geschichten, die Figur Anjum ist die Klammer, ihre Exotik das Epizentrum der Ereignisse, ihre der gesellschaftlichen Konvention gegenläufige Perspektive die immer menschliche, die mit allen mitfühlende, die, der Roys Sympathien gehören. Anjum ist eine Hijra, so der Name für Indiens drittes Geschlecht, für Transgender-Personen. Die Muslimin, in Delhi damit gleichsam doppelt vogelfrei, ist als Sohn wohlhabender Eltern aufgewachsen, bevor sie sich entschloss als Frau zu leben. Dies, nachdem sie als Celebrity für ausländische Fernsehsender und einheimische NGOs ausgedient hat, auf einem alten Friedhof, der mit Anjums Ankunft zu einem wundersamen Zufluchtsort für von der Welt Ausgestoßenen wird. Die Gegengesellschaft ist gegründet. Doch Anjum will, was ihr biologisch verwehrt ist, ein Baby. Erst nimmt sie ein Straßenkind bei sich auf, nennt es Zainab, und macht aus der Göre eine gebildete junge Frau bester Ausbildung. Später fällt ihr bei einer Großdemonstration ein ausgesetztes Baby, die Mutter maoistische Waldkämpferin in Kaschmir, in die Arme, doch es wird ihr geraubt.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Die Kindesentführerin ist Politaktivistin, Tilo, in Kaschmir vom Militär misshandelt, weil Lebensgefährtin des Aufständischenführers Musa (der das wiederum nur wird, weil die Polizei bei einem Märtyrer-Begräbnis seine Frau und Tochter erschießt). Musa und Tilo, das ist , obwohl die hinduistische Tilo Musas muslimische „Frauen dürfen nicht“-Seite nicht versteht, die große Liebesgschichte des Romans, die freilich kein gutes Ende nehmen kann. „Das Märtyrertum stahl sich nach Kaschmir über die Demarkationslinie …“, schreibt Roy. „Es stapfte an erschossenen Jungen in Schneewehen vorbei, ihre Leichen in unheimlichen gefrorenen Tableaus arrangiert …“

„Es scheint keine Hoffnung mehr zu geben. Aber so zu tun, als hätten wir Hoffnung, ist das einzig anständige“, wird Musa später sagen, bevor er tot – oder doch ein anderer für ihn tot sein wird? Anjum wird Tilo und das Baby mit nun zwei Müttern auf ihren Friedhof retten. Eine weitere Klammer ist der sadistische Major Amrik Singh, der in Kaschmir blutrünstig wütet, bevor er den einen Schritt tut, der sogar der Regierung zu weit geht, und samt Frau und Kindern als „Asylwerber“ in die USA abgeschoben wird.

Die dortigen Einwanderungsbehörden sind vom schlimmen Schicksal zu Tränen gerührt, natürlich, denn wäre könnte exakter Auskunft über Folter- und Tötungsmethoden geben? Später wird Singh sich und die seinen erschießen, getrieben von den Gesichtern der Kaschmiris, die sich tagtäglich vor seinem kalifornischen Bungalow versammeln. Und wenn’s er nicht war, dann war’s …

Solcherart reiht Roy großartige Bilder, auch der Zerstörung, schöne und schreckliche Momente aneinander. „Ich würde gerne eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur“, lässt Roy Tilo notieren. Und auf Seite 540 folgt ihr Gedicht: „Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? / Indem man sich langsam in alle verwandelt. / Nein. / Indem man sich langsam in alles verwandelt.“ Das ist Arundhati Roy gelungen, und man folgt ihr gerne durch ihr Wort- und Satzdickicht. Sie hat Politik in Poesie eingesponnen, ihre Stimme mit den Stimmen ihrer Figuren verwoben. Fantasievoller und schöner formuliert kann sich eine so beharrliche Auflehnung gegen Grausamkeit und Ungerechtigkeit kaum lesen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein großes Buch, das von der Größe seiner Protagonistinnen Anjum und Tilo und ihrer Wahlverwandtschaft erzählt, und zwischen den Zeilen von der Größe der Autorin.

Der Schrein von Hazrat Sarmad, ein spiritueller Ort, zu dem alle im Buch Bedrängten und Geschundenen immer wieder pilgern, ist mit dem titelgebenden deutschsprachigen Wort „Ministerium“ nur unzureichend erfasst. Sarmad war Mystiker, Poet, ein armenischer Jude aus Persien, übergetreten zum Islam. Ein nackter Fakir, schwul, in Liebe mit einem Hindu-Mann, 1660 geköpft. Doch selbst enthauptet, so heißt es, habe er noch seine Liebesgedichte rezitiert. Wenn so einer nicht als Beschützer von Anjums Glücksfreistaat taugt – wer dann?

Über die Autorin:
Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debüt „Der Gott der kleinen Dinge“, für das sie 1997 den Booker Prize erhielt. Aus der Weltliteratur der Gegenwart ist er nicht mehr wegzudenken. In den letzten zehn Jahren widmete sie sich außer ihrem politischen und humanitären Engagement vor allem ihrem zweiten Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

Fischer Verlage, Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2017

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (großartig, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sonst schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Theater in der Josefstadt: Wie man Hasen jagt

September 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein vergnüglicher Abend über aberwitziges Fremdgehen

Léontine und Moricet beim Versuch eines Schäferstündchens: Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

Ein triebgesteuertes Chaos ist es, das Regisseur Folke Braband Donnerstagabend auf die Bühne der Josefstadt stellte. Der Erfolgsgarant an den Kammerspielen inszenierte erstmals am großen Haus, und das Ergebnis ist ganz großartig. Gegeben wird Georges Feydeaus Farce „Wie man Hasen jagt“, und Braband erfreut mit seiner inspirierten, präzisen Regie, die für Feydeaus so exakt komponierte Vaudeville-Stücke unerlässlich ist. Tempo und Timing stimmen, die Pointen sitzen punktgenau.

Und wie schön ist es erst, dass Braband mit leichter, aber treffsicherer Hand einen Abend zum feingeistigen Schmunzeln und nicht zum Schenkelklopfen gestaltet hat. Unterstützt in seinen Ideen wird der Regisseur von den hellwachen Josefstadt-Schauspielern, die die hohe Kunst der Komödie aus dem Effeff beherrschen. Allen voran Pauline Knof, Martin Niedermair und Roman Schmelzer.

In seinem Lust-Spiel zerpflückt Feydeau die Unsitten und die Scheinmoral einer besseren Gesellschaft. Gutbürgerlich-zufrieden könnte man sein, doch ach!, all diese saturierten Wohlstandsmenschen sind in ihrem Innersten einsame, seelisch erfrierende Wesen, voller Sehnen nach mehr.

Bei Feydeau sind alle immer auf der Suche nach dem kleinen Glück, am besten vermittels des kleinen Tod. Und so kommt es, dass Monsieur Duchotel vorgibt, regelmäßig aufs Land zu fahren, um zu jagen – angeblich mit seinem Freund Cassagne, während er in Wahrheit in Paris Madame Cassagne als einzigen Hasen weit und breit erlegt. Der Schwindel fliegt natürlich auf, und Duchotels Ehefrau Léontine beschließt sich per Seitensprung mit Hausfreund Moricet zu rächen.

Der stellt der Dame schon lange nach, und soll nun endlich zum Schuss kommen. Wie’s sein muss, treffen einander alle im selben Zimmer in der selben Absteige, inklusive eines Polizeikommissars, der im Auftrag von Cassagne dessen Frau als Ehebrecherin entlarven soll. Verwirrend nur, dass es deren mehrere gibt. Zum Durcheinander tragen bei: ein entlarvender Brief in der Tasche einer Hose, die ungünstiger Weise den Träger wechselt, fertige Fleischpasteten, wo es geschossenes Wild geben müsste, und Duchotels Neffe Gontran, der mit seinem Onkel eine Menge gemein hat, Stichwort: Geliebte …

Wenn in der Hosentasche ein entlarvender Brief steckt, …: Roman Schmelzer als Duchotel mit Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… muss man mitunter sogar zur Waffe greifen: Roman Schmelzer und Pauline Knof. Bild: Erich Reismann

Braband und sein Ensemble haben sichtlich Spaß an der Figurenüberzeichnung, jeder Charakter ist hier eine Type, vom Irrwitz der tumultösen Handlung umzingelt und ergo am Rande des Nervenzusammenbruchs. Je mehr der Abend Fahrt aufnimmt, umso mehr bröckelt die mühsam errichtete Lügenfassade. Die Not ihrer Figuren wird von den Darstellern dabei bitterernst genommen, dies das erste Komödien-Gebot, denn nur so kann Komik entstehen. Man ergeht sich in Versprechen und Versprechern, Hinters-Licht-Führungen und scheut auch vor Quer-übers-Bett-Stunts und Slapstick nicht zurück.

Mit Augenzwinkern ins Publikum und ab und an A-part-Sprechen will man dieses für sich als Komplizen gewinnen. Alles ist hier eindeutig zweideutig. Und für zusätzlich anrüchige Anspielungen sorgen Situationen beim Patronenstopfen und Flinteputzen, und fast so, als hätte der große Louis de Funès für diese Produktion Pate gestanden, erprobt man sich in dessen berühmten Dialog „Nein!“-„Doch!“-„Oh!. Gelungen auch das Bühnenbild von Stephan Dietrich, der als Kontrast zum steril-weißen, Vernunft verströmenden Wohnzimmer der Duchotels auf das sinnliche Bordellrot des Pariser Liebesnests setzt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die wunderbare Pauline Knof als Léontine. Die hat in ihrer Anstrengung Gleiches mit Gleichem zu vergelten anfangs noch Skrupel, bis die Hüllen endlich fallen. Léontine gelten zweifellos Feydeaus Sympathien, sie ist intelligenter, schneller, entschiedener im Kopf, als die Männer, daher kann sie sie leicht gängeln. Knof stellt das fabelhaft dar. Den betrogenen Betrüger Duchotel gibt Roman Schmelzer als – zumindest anfangs noch – in sich ruhenden Herrn im Haus, als wendigen Seitenspringer, der überzeugt ist, sein Frauchen mit seinem Jägerlatein dumm zu halten. Als sich das Blatt wendet, bleibt ihm nicht mehr als um Gnade zu winseln.

Martin Niedermair gibt den Moricet, dieser ist Arzt und Poet – und damit eine der wenigen Feydeau-Schöpfungen, die einen veritablen Beruf hat, lebt man doch sonst beim französischen Dramatiker eher vom nicht näher definierten Vermögen. Niedermairs Moricet ist ein sympathischer Sehnsüchtler, ein fast naiver Schwerenöter, mutmaßlich mehr verliebt in die Vorstellung einer romantischen Liebe, als in Léontine. Dass der wunderbare Komödiant in heruntergelassenen Hosen beste Figur macht, versteht sich.

Die Gräfin Latour empfängt ihre Gäste, …: Elfriede Schüsseleder mit Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… Polizeikommissar Bridois verhört sie: Alexander Strobele mit Pauline Knof, Martin Niedermair und Jörg Reifmesser und Manuel Waitz als Polizisten. Bild: Erich Reismann

Neben diesem flotten Dreier begeistern: Tobias Reinthaller als Duchotels Neffe Gontran, ein Frechdachs, ein Schlitzohr und Schnorrer, dem die familiären Herzensirrungen und -wirrungen zu einem kleinen Vermögen verhelfen, bezahlt ihn doch jeder ausgiebig für sein Stillschweigen. Holger Schober, als Cassagne ein breiten Wiener Dialekt sprechender Simpel, der den Duchotel’schen Verwicklungen geistig nicht zu folgen vermag, und immer das Falsche zum falschesten Zeitpunkt sagt. Elfriede Schüsseleder als Gräfin Latour, nunmehr Hausmeisterin im Etablissement in Paris, wo sie beschwipst nach dem Rechten sieht.

Schüsseleder gestaltet die Rolle als kleines Glanzstück, ist sie es doch mit der Feydeau „ermahnt“ und aufzeigt, was aus den Untreuen wird (die Gräfin war weiland mit einem Dompteur vom Zirkus durchgebrannt). Alexander Strobele schließlich geht als strenger Polizeikommissar Bridois auf die Pirsch, ist aber ein Ehrenmann, der auch im Bemühen, den Durchblick zu behalten, durchaus über dieses und jenes hinwegsieht. Am Ende ist nicht alles gut, aber auf dem besten Wege dorthin. Geläutert ist freilich niemand, nur gefinkelter geworden im Erfinden von Alibis. Das Publikum dankte für die köstliche Unterhaltung mit großem Applaus.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6y8RIVwutL4

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Viennale 2017: Christoph Waltz kommt als Stargast

September 21, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ihm ist ein umfangreiches Tribute gewidmet

Inglourious Basterds: Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa. Bild: Universal Pictures

Einer der Höhepunkte der diesjährigen Viennale (19. Oktober bis 2. November) steht fest: Christoph Waltz kommt nach Wien! Das Filmfestival widmet dem Schauspielstar und zweifachen Oscar-Preisträger ein umfassendes Tribute. „Christoph Waltz zur Viennale zu holen war seit mehreren Jahren ein Herzensprojekt von Hans Hurch. Dass es in diesem Jahr klappt, freut uns ganz besonders“, so der interimistische Leiter der Viennale, Franz Schwartz.

Die gemeinsam mit Christoph Waltz getroffene Auswahl aus seinen Arbeiten umfasst neben Hollywood-Erfolgen wie „Inglourious Basterds“ (2009), „Carnage / Der Gott des Gemetzels“ (2011) oder „Django Unchained“ (2012) auch ältere Filme, die in Deutschland und Österreich produziert wurden, wie „Kopfstand“ (1981) oder „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ aus dem Jahr 1996. Am 24. Oktober findet im Gartenbaukino eine Galaveranstaltung in Anwesenheit von Christoph Waltz statt, gefolgt von einem ausführlichen Bühnengespräch.

www.viennale.at

21. 9. 2017

Werk X: Das Programm der Saison 2017/18

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Grand Hotel Abgrund“ heißt das Motto in Meidling

Die Werk-X-Leiter Ali M. Abdullah und Harald Posch. Bild: Renata Bencke

Sie würden es sich bei einem Aperitif auf der Terrasse ihres Grand Hotels am Rande des Abgrunds gutgehen lassen und geistreiche Debatten über das vor ihnen liegende Desaster führen, unterdessen „die Probleme des verfaulenden Kapitalismus immer offensichtlicher unlösbar“ würden, warf Georg Lukács 1962 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor. Die Terrasse des gleichen Grand Hotels ist auch heute gut besucht.

Es haben sich lediglich andere Protagonisten eingefunden – und man diskutiert seltener über dialektische Umkehrung und „Instrumentelle Vernunft“. Stattdessen geht es etwa um die Frage, ob man sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zu viel mit Identitätspolitiken beschäftigt habe, ob politische Korrektheit Sprechverbote produziere und Linke und Liberale am international zu verzeichnenden Aufstieg einer neuen Rechten am Ende selbst schuld seien. Damals wie heute kann „der tägliche Anblick des Abgrunds zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“ Unter dem Motto „Grand Hotel Abgrund“ begibt sich das Team des Werk X in der Spielzeit 2017/2018 auf die Spuren der Frankfurter Schule und blickt in die zivilisatorischen Abgründe des Projekts Aufklärung.

„Ziel des Werk X ist es, ein progressives Sprechtheater mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen und innovativer Ästhetik in Wien zu etablieren. Einen Ort, an dem Künstler arbeiten, die zwar in Berlin, Hamburg oder Zürich, aber eben nicht in Wien zu sehen sind. Dass uns dies in den vergangenen Jahren gelungen ist, verdankt sich vor allem der konsequenten Arbeit eines außergewöhnlichen Teams“, so Harald Posch, künstlerischer Leiter des Werk X bei der Vorstellung des Spielplans 2017/2018 am Mittwochvormittag.

aktionstheater ensemble. Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

Schorsch Kamerun zeigt „Me are the world“. Bild: privat

Die erste Eigenproduktion der neuen Werk-X-Spielzeit hat am 18. Oktober Premiere: ein „Opernspektakel zum Ende der Vielfalt“ von Schorsch Kamerun. Titel: „Me are the world“. Am 18. Jänner gelangt „Homohalal“ von Ibrahim Amir zur Aufführung. Vor etwa zwei Jahren sagte das Volkstheater die geplante Aufführung des Stücks angesichts der hitzigen Diskussion um Geflüchtete ab. „Wir sind überzeugt, einen angemessenen Umgang mit diesem Stoff zu finden, der auch heute noch Potenzial zur Diskussion birgt“, so Werk-X-Co-Leiter und Regisseur Ali M. Abdullah.

Zu sehen sind außerdem Pasolinis „Der Schweinestall“ als Gastspiel des Residentheater München, hier werden die Termine noch bekannt gegeben, „Mission der Schönheit“ von Sibylle Berg, Regie von  Julia Burger (Premiere: 19. Februar), „Onkel Toms Hütte“ ab 15. März in einer Inszenierung von Harald Posch und Elfriede Jelineks „Raststätte oder So machens alle“ in einer Inszenierung von Susanne Lietzow (ab 10. April). Diskussionen und Gespräche zur Lage der Zeit soll es auch in diesem Jahr in diversen Formaten wieder geben.

Die neue Spielzeit bringt auch einige Veränderungen mit sich. So wird das „diverCITYLAB“ von Asli Kislal, das in den vergangenen vier Jahren am Werk X aufgebaut wurde, nun andernorts weitergeführt – dafür erhalten die Wiener Wortstätten ein „Asyl X“, in dem sie nach der umstrittenen Einstellung der öffentlichen Förderung weiter arbeiten können. Hinsichtlich der Juryempfehlung vom März 2017 finden gegenwärtig die abschließenden Gespräche mit dem Kulturamt über den vom Stadtrat gewünschten Spielstättenverbund ab 2018 statt. Das Werk X ist bemüht, so Posch, die Möglichkeiten für die  freie Szene weiter auszubauen und die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Das Werk X kann auf eine Auslastung von 87 Prozent und 24.480 Zuschauerinnen und Zuschauer in 271 Veranstaltungen verweisen. Den Hauptanteil an diesem Erfolg tragen Produktionen wie „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ nach Ödon von Horváths „Italienische Nacht“ (Inszenierung: Harald Posch), die auf Einladung des künftigen Burgtheater-Intendanten Martin Kusej an dessen aktueller Wirkungsstätte, dem Münchner Residenztheater, gastieren wird. Thirza Brunckens Inszenierung von „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (Romanvorlage: Clemens J. Setz) oder Ali M. Abdullahs Bühnenfassung des Romans „Macht und Rebel“ von Matias Faldbaken erwiesen sich als Publikumsmagneten. Die Spielzeit 2017/2018 startet am 11.10.2017 mit „Ich glaube“, einer Produktion des aktionstheater ensemble, und am 18.10.2017 mit „Me are the world“ von und mit Schorsch Kamerun.

werk-x.at

21. 9. 2017