Theater zum Fürchten: The Lyons

November 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine schrecklich nette Familie

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, plant Rita schon ihr Leben nach seinem Tod. Bild: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger

Während Ben noch mit dem Krebs kämpft, schildert ihm Rita schon ihr Leben nach seinem Tod: Clemens Aap Lindenberg und Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Nicky Silvers Komödie „The Lyons“. Das Stück hat sich der erfolgreiche New Yorker Dramatiker buchstäblich aus der Seele gerissen, der Sohn einer jüdischen Mittelklassefamilie kennt das Milieu über das er schreibt, und wie er ist der einzige Sympathieträger weit und breit schwul.

So ist die stärkste, die wahrhaftigste Szene des Abends, die, als Curtis Lyons, der weit vom Stamm gefallene Apfel des Chaos-Clans, bei einer Wohnungsbesichtigung den Immobilienmakler Brian kennenlernt. Aus einem wie zufällig begonnen Flirt wird eine beinharte Szene über Selbstverleugung und Sexlügen – bis rohe Gewalt ausbricht. Randolf Destaller als Curtis und Eric Lingens als Brian spielen das überzeugend, und machen so klar, dass „The Lyons“ wohl eine der brutalsten Komödien ist, die es in den vergangenen Jahren vom Broadway hierzulande angeschwemmt hat.

Der Inhalt an sich ist alles andere, als der Stoff, aus dem das Lachen ist. Familienpatriarch Ben Lyons stirbt an Krebs. An seinem Krankenhausbett versammelt sich die Sippschaft, ungeduldig auf den Tod wartend, weil das eigene Leben schließlich weitergeht. Ehefrau Rita ist auf dem Sprung zum Neuanfang, bevor der „Alte“ ein Ende hat, sie sucht ungeniert nach einer eleganten Wohnzimmereinrichtung, und weil Ben das nicht positiv sehen kann, beginnt sie mit ihm die Niederlagen ihrer Ehe durchzuhecheln. Deren zwei größte sind die Kinder.

Rita denkt schon an die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Rita plant mit Tochter Lisa die Renovierung des Wohnzimmers: Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis muss alle mit seiner Grünpflanze übertrumpfen: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Sohn Curtis kommt mit der denkbar größten Topfpflanze: Randolf Destaller, Martina Dähne, Clemens Aap Lindenberg, Sylvia Eisenberger. Bild: Bettina Frenzel

Curtis, der homosexuelle Sohn, ein erfolgloser Kurzgeschichtenautor und Mamas finanziell unterstützter Liebling, und Lisa, alleinerziehende, alkoholkranke Tochter des Hauses, Daddys schwer verstörter Darling, deren Dasein so durcheinander ist wie der Inhalt ihrer Handtasche. Die Gräben brechen auf, auf rücksichtslos folgt respektlos, immer wieder werden neue Allianzen gebildet. Alte Wunden werden aufgerissen, neue zugefügt, dazwischen ergeht man sich in den typischen Krankenhausthemen: das Essen, die Schwester, der Tropf.

Der Tonfall ist drastisch, das F-Wort im Deutschen halt nicht so universell gebräuchlich wie im Englischen, überhaupt hatscht die Übersetzung dem Original ein wenig hinterher. Dennoch ist jeder Satz ein Zynismus, die Dialoge schnell und die Luft schneidend wie ein Ping-Pong-Match. Inszeniert hat Hermann Molzer, es ist seine erste Arbeit für das Theater zum Fürchten, und er lässt das Ensemble von Anfang an Vollgas fahren. Sylvia Eisenberger ist eine exaltierte, überkandidelte Rita, Martina Dähne eine weinerlich hysterische Lisa. Zu geht es wie in „Eine schrecklich nette Familie“, und ja, sie geht einem allmählich auf die Nerven, diese große Aufgeregtheit auf der Bühne, die es unmöglich macht, den Text mit Lakonie und einem gewissen Understatement, einer gespielten Beiläufigkeit im Sprechen zu brechen.

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Curtis trifft den Immobilienmakler Brian und fühlt sich zu ihm hingezogen: Randolf Destaller und Eric Lingens. Bild: Bettina Frenzel

Clemens Aap Lindenberg versteht es zum Glück, den sterbenden Ben mit mehr Nuancen auszustatten. Hinter seiner Unflätigkeit erkennt man die Angst vor dem Sterben, seine ordinären Schimpftiraden enttarnen sich als sein Bewältigungsmechanismus für das unvermeidlich Kommende. Und auch Eisenberger hat noch ihren Moment als jüdische Mame, wenn eine wutentbrannte Fürsorge-Attacke, die sie gegen ihre Kinder reitet, von diesen abgeschmettert, zu einem Akt der Emanzipation wird.

Am besten gelingt es Randolf Destaller seinen Charakter zu gestalten; sein Curtis ist genau so viel karikierte Komödienfigur, dass dahinter ein Mensch aufblitzt. Das mag auch daran liegen, dass Silver an ihm seine ganze Empathie austobt. Wie Curtis in der Krankenschwester, gespielt von Angelika Auer, schließlich eine Ersatzmutter findet, das geht doch unter die Haut. Aber so wird’s nicht bleiben. Familie, das bedeutet lebenslänglich, mit höchstens ein paar Stunden Freigang.

www.theaterzumfuerchten.at/

Wien, 30. 11. 2016

Otto Schenk in „Liebe möglicherweise“

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die vielfältigen Verirrungen des Herzens

Otto Schenk. Bild: © WEGA-Film

Otto Schenk mit Norman Hacker. Bild: © WEGA-Film

Eine Handvoll Großstadtgesichter beobachtet Regisseur Michael Kreihsl in seinem jüngsten Film, der am 2. Dezember in den heimischen Kinos anläuft. Das Ensemble ist erlesen, reicht von Otto Schenk und Gerti Drassl bis Christine Ostermayer und Devid Striesow, ihre Geschichten greifen ineinander, erzählen vom Wollen und Nichtkönnen oder längst Aufgegeben haben.

„Liebe möglicherweise“, man weiß es nicht, und bevor man sich eine Antwort zurecht zimmern kann, kommt Kreihsl zu einem Ende. Das ist weder happy noch besonders unhappy. Es ist einfach. So wie das Leben. Stolpern, aufstehen, wieder stolpern, behutsamer aufstehen. Behutsam ist auch die Art, in der Kreihsl seine Protagonisten porträtiert, wie auf Zehenspitzen folgt er ihren Geschichten. Ein zarter, stiller, anrührender Film ist so entstanden, in Episoden erzählt er vom Bedürfnis des Menschen nach Nähe, von der Sehnsucht nach einem Sich-Fallenlassen-Können, von Liebe, die immer auch Selbst-/Verletzung ist – und dies alles durch alle Altersstufen.

Es beginnt mit Devid Striesow als Michael, der sich in die Freundin seines Freundes Roland, gespielt von Norman Hacker, verliebt. Sie beginnen eine Affäre, bei der sie es schafft, sich auf das Körperliche zu konzentrieren. Die Distanz, unter der der Mann hier leidet, macht andernorts seiner Ehefrau zu schaffen. Silke Bodenbender spielt diese Monika, eine Ärztin, auf deren Operationstisch ein Bub landet, der vor ein Auto gelaufen ist. Dessen verzweifelte Mutter im Wartesaal, Gerti Drassl wie immer ganz großartig, wird von einem Fremden getröstet – und man wird noch erfahren, warum der sich so um sie annimmt. Indes sieht man Michael, der seine alte Tante in einer geriatrischen Einrichtung besucht, nichts wünscht sich die mehr, als bei ihrer Familie sein zu können, doch der Wunsch wird ihr als „zu umständlich“ verwehrt. Rolands Vater wiederum lebt noch in seiner Wohnung. Das heißt, seit dem Tod seiner Frau versucht er immer wieder erfolglos, sich das Leben zu nehmen, bis …

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Es sind Christine Ostermayer und Otto Schenk, die in diesen Rollen am meisten unter die Haut gehen. Als eine Generation, die der nächsten abverlangt, woran sie selber gescheitert ist. Kreihls berichtet schonungslos authentisch vom Analphabetismus der Gefühle. Wie ein Wissenschaftler die Petrischale umkreist Kreihsl sein Thema. Sein in großer Wahrhaftigkeit verfasstes Drehbuch und die unverstellte Darstellung seines Ensembles lassen dem Zuschauer Raum sich den Figuren zu nähern und sich in dem einen oder anderen vielleicht sogar selbst zu finden. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, der durchaus sehr gewollt erscheint. Aufs Glück warten, ist wie auf den Tod warten, sagt eine der Figuren. Daraus sollte man Schlüsse ziehen. Um sich daran hochzuziehen, wenn’s irgendwann heißt: Liebe möglicherweise?

liebemoeglicherweise.at

Wien, 29. 11. 2016

Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Poet putzt Herrenpilze

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Frage. Widerrede. Neuer Versuch einer Frage. In diesem Beckett’schen Sinne ereignen sich Gespräch mit Peter Handke. Die Wahl der Worte ist ihm wie eine Wahl der Waffen. Und wehe dem, der sich für die plumpe Duellpistole entschied, während der Dichter in Diskussionen doch mit dem elegant schneidenden Florett ficht.

Ständig überprüft Handke die Abnutzungserscheinungen der Sprache, also nur keine Floskeln, Allgemeinplätze, Ungenauigkeiten im Ausdruck! Statt „Schreiben“ sagt er „Tun“. Für den ORF stellt, das heißt: setzt sich immer wieder Katja Gasser heldinnenmutig vor Handke hin. „Ich bin froh, wenn Sie wieder in Ihrem Flieger sitzen“, hat ihr der in der Pariser Vorstadt Lebende schon gesagt. Man kennt einander seit Jahren, und niemals schönt Gasser bei Ihren Beiträgen die Blößen, die ihr Handke ins Journalistinnenoutfit reißt. Hört man genau hin: Er liebt sie. Väterlich.

Nun also Corinna Pelz. Der Filmemacherin, die 2011 mit „Gerhard Richter Painting“ ins Universum des öffentlichkeitsscheuen Malers vordrang, gelang nun Gleiches mit Peter Handke. Ihre Hommage „Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“, die ab 2. Dezember in den heimischen Kinos läuft, ist keine dokumentarische Sicht von außen auf den Autor, sondern sein privater Blick auf die Welt. Deren kaleidoskopartige Wahrnehmung durch einen eigenwilligen, eigensinnigen Kauz. Handke beim Herrenpilze putzen, bei der Gartenarbeit, als Alleinerzieher von Amina, beim Zeitung lesen, beim Stricken (!) und natürlich als Schreibender. Seine Notizbücher füllen die Leinwand, seine Handschrift bestimmt die Stimmung der Szene. Es schreibt ihn, wird klar.

Pelz‘ Bildsprache bleibt dabei lakonisch, so spröde wie der Schriftsteller in der Außenwirkung. Das gemeinsame Werk ist wie ein Hochamt auf die Stille, es beschreibt eine tiefe Verehrung und Kultivierung der Einsamkeit. Als Instrument, um sich selbst zu denken und diese Gedanken später in Sätzen zu strukturieren. Solche wie „Erfinden ist Materieschaffen“ oder „Irgendwann habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und unentdeckt“ entstehen wie aus dem Nichts und nehmen beinah unmerklich Raum. Eine „Chronik der laufenden Ereignisse“ nennt Handke sein „Tun“; in dieser geht es ihm nicht nur um die ewig stehenbleibende Frage „Wie sollen wir leben?“, sondern auch um die hochaktuelle „Wie sollen wir miteinander reden?“.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mittels Archivmaterial zeigt Pelz Handkes Weg vom angry young man zum grumpy old one. Handkes Kosmos heute, gedacht in einer künstlichen Klammer zwischen „Publikumsbeschimpfung“ und seinem Stellung beziehen für Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic, ist ein kleinteiliger. Die Dinge interessieren, faszinieren ihn. Der Titel der Doku stammt tatsächlich von einem Zettel, den Handke am Gittertor zu seinem Haus angebracht hat; Pelz und ihrem Team wird später der Ritterschlag zuteil – die Bewirtung mit der legendären Schwammerlsuppe nach mehr als drei Jahren Drehzeit. Mit Handke lässt sich nicht gut „planen“, Telefonzeit gewährt er Anrufern morgens zwischen 10 und 11 Uhr, Emails sind nicht erwünscht.

Der Film lässt sich entsprechend viel Zeit, um zu erzählen; sein Panorama des Phänomens Handke ist von atmosphärischer Dichte und ergo impressionistischer, inspirierender Intimität. Er ist eine bedachte, behutsame Annäherung an Handke, als gelte es ein scheues Wild am Waldesrand nicht zu verschrecken. Der reagiert entsprechend handzahm, wird nahbar und glänzt in seiner intellektuellen Aura. Dass dennoch eine Distanz zum Menschen Handke bleibt, dass Rätsel bleiben, die sich – und auch das nur vielleicht – in der Beschäftigung mit seiner Literatur überwinden lassen werden, macht den Film umso wertvoller.

www.bin-im-wald.de

Wien, 29. 11. 2016

Volkstheater: Stefan Suske im Gespräch

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt Robert Seethalers „Trafikant“

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nach 37 Jahren spielt er wieder in Wien: Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit seinem Roman „Der Trafikant“ landete der bis dahin unbekannte Wiener Schriftsteller Robert Seethaler 2012 auf den internationalen Bestsellerlisten. Am 2. Dezember hat nun eine vom Autor selbst für das Volkstheater in den Bezirken vorgenommene Dramatisierung seines Buches im Volx/Margareten Premiere. Seethaler erzählt vom jungen Franz Huchel, der 1937 vom Attersee nach Wien zieht, um beim Trafikanten Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen. Dabei lernt er nicht nur dessen prominentesten Kunden Sigmund Freud und seine erste Liebe, die Erotiktänzerin Anezka, kennen, sondern auch die Nazis. Als der unbequeme Trsnjek als „Judenfreund“ von der Gestapo verhaftet wird, muss Franz seine ersten Schritte in die Erwachsenenwelt tun. Es ist eine grausame Welt, in der sich der Bub vom Land zum Widerständler gegen das Mörderregime mausert. Schauspieler Stefan Suske (mehr: www.volkstheater.at/person/stefan-suske/), nach 37 Jahren mit der Intendanz Anna Badora nach Wien zurückgekehrt, spielt den Otto Trsnjek. Ein Gespräch über die stillen Helden des Alltags und die Notwendigkeit, Haltung zu haben:

MM: „Der Trafikant“ ist eine Geschichte über dunkler werdende Zeiten, ein Plädoyer für Zivilcourage im kleinstmöglichen Rahmen.

Stefan Suske: Das würde ich ähnlich formulieren: Eine Geschichte über die stillen Helden des Alltags, die außerhalb des Gesichtskreises einer Zeit Haltung zeigen. Die nirgends vorkommen, außer es gibt ihnen zum Beispiel ein Schriftsteller wie Robert Seethaler Raum und Stimme. Der Protagonist ist Franz Huchel, ein junger Mann, der vom Land kommt, der keine politische Bildung hat, der außer dem Nußdorfer Gemeindeblatt nichts gelesen hat, und dann durch diesen Trafikanten Otto Trsnjek sozusagen im zweiten Bildungsweg herangeführt wird an das, was um ihn herum vorgeht. Franz macht dann tatsächlich seinen Weg bis zum Widerstandskämpfer. Nicht mit einer großen Tat, sondern mit einer kleinen, subtilen Geste gegen den Nationalsozialismus.

MM: Das Buch, damit nun das Stück, beginnt mit dem Wetterleuchten des Dritten Reichs und schildert den Wahnsinn, wie Menschen in diese NS-Todesmaschinerie hineingesogen werden und ihr nicht mehr entkommen können.

Suske: Die ersten Wochen, Monate, nach dem „Anschluss“, die Aggression, die sich da ausgebreitet hat, das beschreibt Seethaler in einer eindrücklichen Passage, in der der „rote Egon“ – vielleicht eine Hommage an Egon Friedell – nur ein Transparent aufhängt, auf dem steht „Die Freiheit eines Volkes braucht die Freiheit seiner Herzen Es lebe die Freiheit, es lebe unser Volk, es lebe Österreich“ und dafür bezahlt. Der Trsnjek wiederum lässt sich nichts anderes zu Schulden kommen, als dass er jüdische Kunden bedient.

MM: Dieser Otto Trsnjek, den Sie spielen werden, wie ist der?

Suske: Ein Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg. Er hat nur ein Bein, das werden wir mit einem Trick darstellen, weil das wichtig ist für den Schluss des Ganzen. Ich habe lange überlegt, ob er politisch aktiv, ein Sozialist oder Kommunist sein könnte, aber ich denke, das ist er nicht. Er ist einfach ein denkender Mensch, der ang’speist ist von dem, was da auf Wien, auf Österreich zurollt. Er ist ein guter Mensch, aber ein gezeichneter.

MM: Robert Seethaler hat auch das Stück verfasst?

Suske: Er hat eine eigene Bühnenfassung für uns geschrieben, das ist lustig, weil er mal am Volkstheater als Schauspieler tätig war, auch die damalige Schauspielschule am Haus besucht hat. Diese Fassung wurde von Regie und Dramaturgie im Einverständnis mit dem Autor noch einmal aufgemacht, weil die Prosa des Romans so wahnsinnig gut ist. So sprechen bei uns die Figuren nicht nur die Dialoge, sondern eben auch Prosastellen, Erzählpassagen aus dem Roman, auch die Briefe, die sich Mutter und Sohn schreiben. Ich hoffe, dass das funktioniert. Ich mag auch die anderen Bücher von Robert Seethaler sehr, wär‘ schön, wenn er zur Premiere käme.

MM: Waren Sie schon in den Bezirken?

Suske: Gespielt habe ich da noch nie, aber geschaut, wie sich die Kollegen schlagen. Das ist aus meiner Wahrnehmung ein sehr ehrliches Publikum, das sehr direkt reagiert, das mitgeht, wenn es interessiert ist. Wenn es fadisiert ist, dann zeigen sie es einem aber auch beinhart. Das Bezirks-Publikum darf man nicht unterschätzen, die lieben ihr Theater.

Das Ensemble von "Der Trafikant": Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Das Ensemble von „Der Trafikant“: Lukas Watzl, Stefan Suske, Nils Rovira-Muñoz, Elzemarieke de Vos und Klaus Huhle. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in "Hose Fahrrad Frau". Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Suske mit Carolin Knab in „Hose Fahrrad Frau“. Nächste Vorstellung: 5. Dezember im Volx/Margareten. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Sie sind auch Schreibender, Sie haben in der vergangenen Saison die „Notizen eines Heimkehrers“ verfasst. Nach 37 Jahren wieder in Wien – wie geht es Ihnen?

Suske: Gut! Ich war viele Jahre in der Schweiz, da wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir etwas aufzuschreiben. Ich habe die Menschen sehr schwer verstanden, wenn sie in ihren jeweiligen Sprachen geredet haben. Denn Berndeutsch, Zürichdeutsch zum Beispiel sind keine Dialekte, sondern eigene Sprachen. Aber hier in Wien, egal ob ich in einem Caféhaus oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze, muss ich mir Notizen machen. Ich höre den Leuten zu und denke mir, das gibt’s ja nicht, das kann man nicht erfinden. Ich begreife sofort, wo einer herkommt, aus welcher Gesellschaftsschicht er ist, was das jeweils für eine mögliche Geschichte ist. Und dann spinne ich das weiter. Dieses Jahr mache ich Pause, weil ich eine Lese-Reihe für die Rote Bar mit Ausschnitten aus Doderers „Dämonen“ vorbereite, deren letzter Teil dann im Justizpalast stattfinden wird. Aber ich habe schon Ideen für ein neues Format.

MM: Ihr Sohn Jacob ist am Schauspielhaus Wien tätig.

Suske: Jacob ist Musiker, das Ein-Mann-Orchester am Schauspielhaus, Tomas Schweigen bezieht ihn aber auch in die Dramaturgie mit ein. Ich finde, er macht das großartig, Jacob hat ursprünglich Jazz studiert, war circa fünf Jahre lang Bassist in der damals bekanntesten Schweizer Popband „Lunik“, hat ganz gut verdient und hat sich dann in Berlin ein zweites Standbein als Theatermusiker aufgebaut. Was ich sehr schätze ist, dass er immer etwas macht, was dem Stück dient. Jetzt bei „Traum Perle Tod“ zum Beispiel hat er den Schauspielern in sechs Wochen beigebracht, Instrumente zu spielen, in „Imperium“ hat er nebst der Live-Musik auch eine kleine Rolle gespielt, einen Dramaturgen, der sich um den roten Faden bemüht. Das war lustig, weil er nicht so wie ich Text lernt, Musiker denken da anders, die kommen über die Improvisation … ich glaube, die Kollegen haben nicht immer das richtige Stichwort gekriegt. (Er lacht.)

MM: Um wieder auf den „Trafikant“ zu kommen: Einer der Kunden von Otto Trsnjek ist Sigmund Freud.

Suske: Deshalb war ich auch mit dem ganzen Team zum ersten Mal im Sigmund-Freud-Museum, wir bekamen eine ausgezeichnete Spezialführung, die auf die Bedürfnisse unserer Inszenierung Bezug nahm. So freundlich, wie er bei Seethaler ist, war Freud bestimmt nicht. Ich wusste gar nicht, dass er so havariert war, er hatte ein Platte im Mund, weil der Gaumen so krebszerfressen war, er hat sich nur von links fotografieren lassen, weil rechts ein Loch in der Wange war …

MM: Zu diesem Krebsleiden hat der Trafikant mit seinen Virginias wohl beigetragen.

Suske: Jaja. Er hat ohne Unterlass, auch während der Therapiesitzungen, seine geliebten Virginias geraucht … Man muss sich den Schock dieses schwerkranken Menschen vorstellen, als plötzlich die Gestapo in seiner Tür stand. Bei Seethaler wird Freud ein Mentor für Franz, er erklärt ihm, wie’s mit den Frauen geht und andere Dinge des Lebens. An ihm sieht Franz als erstes, wie das Regime ihm missliebige Personen vertreibt. Das ist eine schöne fiktive Geschichte, Seethaler wollte scheinbar einen „Prominenten“ in seinen Stoff einschreiben, als Katalysator unter den „Niemanden“, und ich finde, das funktioniert sehr gut. Die Trafik, in die Freud ging und die im Stück dem Trsnjek gehört, gibt’s übrigens wirklich, Ecke Währinger Straße/Berggasse.

MM: Freud rät Franz seine Träume aufzuschreiben. Was erträumen Sie?

Suske: Auf unsere Arbeit bezogen? Dass das Publikum ein wenig verändert aus diesem Abend raus geht. „Ins Licht treten, die Treffbaren, die Erfreubaren, die Veränderbaren!“, um Brecht zu zitieren, das ist das Publikum, das ich mir wünsche. Ich träume davon, dass die Menschen begreifen, dass es hin und wieder notwendig ist, Haltung zu zeigen.

www.volkstheater.at

www.stefansuske.ch

Romanrezension von „Der Trafikant“: www.mottingers-meinung.at/?p=5071

Wien, 27. 11. 2016

Burgtheater: Geächtet

November 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glaubensfragen mit Anchovi-Fenchel-Salat

Eine Einladung zum Abendessen wird Folgen haben: Katharina Lorenz, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Die Einladung zum Abendessen wird Folgen haben: Katharina Lorenz, Fabian Krüger, Nicholas Ofczarek und Isabelle Redfern. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Zum Schluss überschlug sich das Publikum vor Glück. Darsteller, Regisseurin und Autor wurden mit tosendem Applaus bedankt, der Beweis dafür, dass Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann einmal mehr das richtige Gespür dafür hatte, womit man Zuschauerreihen und Kasse füllt. Heimkehrerin ans Haus Tina Lanik inszenierte das 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Debütstück „Geächtet“ des US-Autors Ayad Akhtar als Österreichische Erstaufführung.

Akhtar hat seine familiären Wurzeln in Pakistan, und aus diesem Umstand hat er einen Text gezimmert, nach dem Motto: Treffen sich ein Jude, ein Muslim, eine Weiße und eine Afroamerikanerin zum Abendessen … Oft und gerne wird er mit Yasmina Reza verglichen, was stimmt punkto der Schablonenhaftigkeit seiner Figuren, was nicht stimmt hinsichtlich ihrer scharf geschliffenen, sarkastischen Dialoge. „Geächtet“ ist weder Boulevard, wiewohl sich Lanik für ihre Arbeit vieler seiner Mechanismen bedient, noch Konversationsstück, und auch nicht deren beider „Anti“-Spielart. Es ist ein sich gegenseitig bereits sattsam bekannte Urteile und Vorteile An-den-Kopf-Werfen, eine platte Belanglosigkeit über Glaubensangelegenheiten bei Anchovi-Fenchel-Salat, und auch, wenn Theater auf das Rätsel, warum die drei abrahamitischen Religionen nicht und nicht miteinander können, natürlich keine Antwort geben kann, so wären doch zumindest spannendere Fragen möglich gewesen. Nichts Neues gibt es hier zu erfahren und zu begreifen oder gar anzunehmen. Ob es sein muss oder ob es tatsächlich so sein muss, das weltpolitisch brisanteste Thema dieser Tage in der Art auf einer Bühne zu verhandeln, ist immerhin eine der offenen, mit denen man das Theater nach eindreiviertel Stunden verlässt.

„Ironie wird überbewertet“, heißt es an einer Stelle im Stück, doch Lanik weiß sich Luft zu verschaffen, indem sie Witz und Gewitztheit über ihre Inszenierung einbringt. Als wolle sie das, was sie da so konservativ-konventionell im designerweißen Ambiente von Stefan Hageneier abschnurren lässt, konterkarieren, arbeitet sie mit kleinen Gesten heraus, dass hinter Akhtars teilweise zutiefst amerikanischen Klischees auch eine Wahrheit über gesellschaftliche Gruppenidentitäten und deren Krisen steckt, über ein „Wir“- und „Ihr“-Gefühl, dass in Europa längst, sicher länger als in den USA beheimatet ist. Lanik verlässt sich ganz auf ihre Schauspieler, und sie tut gut daran, weil die vier es meisterlich verstehen, ihren Figuren Fleisch und Blut anzuhaften.

Vor allem Fabian Krüger und Nicholas Ofczarek gelingt das glänzend, Katharina Lorenz und Isabelle Redfern haben es etwas schwerer, weil die Frauenfiguren besonders blass sind, doch beide finden mit Bravour eine Linie in der Konturlosigkeit ihrer Rollen. Krüger spielt als Amir überzeugend einen Mann, der sich gegen die Islamophobie seiner Umgebung einen Schutzpanzer aus lässiger Coolness zugelegt hat. Alles hat er getan, um einer unter gleichen zu werden, selbst den pakistanischstämmigen Familiennamen Abdullah gegen den gefälligeren indischen Kapoor getauscht. Dem Islam und dem Koran hat er, weil „eine lange Hate-Mail an die Menschheit“ abgeschworen, nun wartet der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt darauf, zum Partner seiner Kanzlei befördert zu werden. Er ist so überheblich, borniert und gelackt, wie die WASP, von denen er gern einer wäre, doch hat er sich diesen Status nur erheiratet.

Isaac will mehr als nur Emilys Bilder ausstellen. Katharina Lorenz und Nicholas Ofczarek. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Isaac greift bei Emily gern einmal zu: Katharina Lorenz und Nicholas Ofczarek. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Am Ende eskaliert die Situation in häuslicher Gewalt: Katharina Lorenz und Fabian Krüger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Am Ende eskaliert die Situation in häuslicher Gewalt: Katharina Lorenz und Fabian Krüger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Durch Emily, dargestellt von Katharina Lorenz, eine verträumte, leicht verpeilte Malerin, die sich ein ihren Bedürfnissen angepasstes Bild vom Islam zurechtgerückt hat. Das besteht vor allem in ihrer großen Bewunderung der Ornamentik und des Architekturdekors, was sich als der große Ehekonflikt mit Amir entpuppt – hie Kunst, hie IS-„Kalifat“, da Verklärung, dort Verteufelung. Der zweite teflonbeschichtete Erfolgsmensch ist Isaac, Nicholas Ofczarek gibt den Kurator vom Whitney als von sich selbst besoffenen, süffisanten Intellektuellen. Extradry attackiert er Amir mit seinen alltagsrassistischen Sticheleien.

9/11, dieses große Trauma, muss vorkommen, ebenso der Israel-Palästina-Konflikt. Isaac ist Jude – und verheiratet mit einer Afroamerikanerin, Isabelle Redfern, die es aus dem Ghetto an die Spitze der New Yorker Anwaltschaft gebracht hat. Sie wird Amir die Beförderung vor der Nase wegschnappen. Der hat sich nämlich durch familiäre Verstrickungen verdächtig gemacht und ist nun im Visier von Freunden und Vorgesetzten. Was folgt, ist klar, wie das Amen im Gebet: Alkohol und Eskalation. Amir wird in eine Verteidigungshaltung gedrängt, und es sind die besten Momente des Abends, wenn Krüger und Ofczarek sich mit ihren Provokationen gegenseitig hoch lizitieren.

Dabei wird wie unterm Stammtischwimpel mit den Begrifflichkeiten jongliert, Glaube, Religion, ihn vereinnahmende, sie ausführende Institutionen, Fanatismus bis zum Terrorismus, alles schlagen Amir und Isaac über ein Leisten, ohne, dass der Autor an einer Stelle deutlich definierend eingreift. In den USA, und auch in Deutschland, wo das Stück unter anderem am Münchner Residenztheater zu sehen war, wurde „Geächtet“ von islamophilen wie islamophoben Gruppen mit lautem Hurra! begrüßt. Auch dies ein Zeichen dieser Zeit. Und unterm Strich betrachtet das stärkste, das Ayad Akhtar zu setzen vermag.

Am Ende gibt’s häusliche Gewalt, der in der öffentlichen Meinung Unterdrückte rächt sich, indem er, wie’s ihm Sure 4:34 ja gestattet, seine Frau abwatscht, und mit Christoph Radakovits einen Neffen, der sich in einer Moschee den Islamisten angeschlossen hat. Im Programmheft zieht Dramaturg Florian Hirsch Lessings weisen „Nathan“ an den Haaren herbei. Bei Akhtar kommt das Christentum gut weg, weil’s nicht vorkommt, seine jahrhundertelange, Globus umspannende Missionierung als Mordsinstrument des Herrn, die Verfolgung Andersgläubiger, die Geldbeschaffungsmaschine „Glaube“ … Dem Judentum wird ewige Wehleidigkeit und Verfolgungswahn bescheinigt – dies aber mutmaßlich schon Inhalt des ältesten jüdischen Witzes der Welt.

www.burgtheater.at

Wien, 27. 11. 2016